Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       ZUKUNFTSLITERATUR IM UMFELD DER SOZIALDEMOKRATISCHEN
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       UND GRÜN-ALTERNATIVEN DISKUSSION
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       Kritische Bemerkungen zu Lutz, Kern/Schumann, Negt, Gorz, Offe,
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       Ebermann/Trampert, Lafontaine und Huber
       ---------------------------------------
       
       1984 und 1985 erschien in der Bundesrepublik eine ganze Reihe von
       Büchern, die zukünftige Entwicklungen und Probleme behandeln. Das
       Spektrum ist weitgespannt - von der empirischen Analyse einzelner
       Produktionssektoren über die Skizze großer historischer Bögen bis
       zur politisch-publizistischen  Programmschrift.  Wir  stellen  im
       folgenden einige  der in  Gesellschaftswissenschaften und Politik
       stärker diskutierten  und ideologiebildenden  Schriften knapp und
       kritisch vor  - unter dem Gesichtspunkt ihres Bezuges zum Schwer-
       punktthema dieses  Jahrbuches. Angesichts  der Breite  von Themen
       und Positionen  und der geringen Bezugnahme der Autoren aufeinan-
       der schien  uns eine getrennte Behandlung der einzelnen Titel an-
       gebracht. *)
       
       Burkart Lutz:  Der kurze  Traum immerwährender  Prosperität. Eine
       Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im
       Europa des  20. Jahrhunderts,  Frankfurt/New York  (Campus) 1984,
       272 S.
       Der Verfasser der vorliegenden Schrift, Direktor des Münchner In-
       stituts für Sozialwissenschaftliche Forschung und derzeit Vorsit-
       zender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, begibt sich ei-
       genem Bekunden zufolge auf ein für ihn neues Feld: die Suche nach
       einer "realistischen Einschätzung der gegenwärtigen Situation und
       der zukünftigen  Entwicklungsperspektive Europas"  (196) und  die
       Beantwortung der Frage, ob der gegenwärtigen ökonomischen Depres-
       sion eine  neue "Wachstumskonstellation" und durch sie ausgelöste
       Wachstumsperiode folgen könne und werde. Die Umbruchphase, in der
       sich die  entwickelten kapitalistischen  Länder Westeuropas heute
       befänden, mache  eine Neuinterpretation ihrer bisherigen Entwick-
       lung notwendig,  denn das  bisher dominierende  Kontinuitätspara-
       digma  habe   versagt,  und  die  für  den  Normalfall  gehaltene
       "europäische  Nachkriegsprosperität"   stelle  sich  nunmehr  als
       "Ergebnis einer  historisch ganz  einmaligen und unwiederholbaren
       Konstellation" (9)  dar. Bis auf ein kurzes Schlußkapitel zur Zu-
       kunft  der   BRD  ist  der  gesamte  Band  diesem  Versuch  einer
       "Neuinterpretation" gewidmet.  Dabei dominiert eine soziologische
       Sichtweise; ganz  unterschiedliche Elemente der aktuellen Diskus-
       sion werden  aufgenommen. Der  Band signalisiert, daß auch in der
       "offiziellen" Soziologie  der BRD die heutige Krisenphase stärker
       auf Brüche  und Diskontinuitäten orientierende Fragestellung pro-
       voziert. Dies  schließt den möglichen und modischen Rückgriff auf
       bisher verdrängte Diskussionsstränge ein; marxistische Positionen
       gelten dem  Verfasser -  mit Ausnahme  der mehr assoziativen Auf-
       nahme der  (verfehlten) Luxemburgschen  Akkumulationstheorie  als
       einer "Denkfigur"  (61) -  jedoch nicht substantiell als Teil der
       "verfügbaren Literatur" (17). Überhaupt fällt, wenn vom Marxismus
       gesprochen wird,  eine doch einigermaßen überraschende Unkenntnis
       auf.
       Die Grundthesen,  die Lutz  zur Beantwortung  der Fragen nach der
       Zukunft der  Bundesrepublik heranzieht  und die  er mit Blick auf
       die Vergangenheit  darlegt, lassen  sich folgendermaßen zusammen-
       fassen: In der Entwicklung "industriell-marktwirtschaftlicher Ge-
       sellschaften" wechseln  sich längerfristige  Wachstumsschübe  und
       Stagnationsperioden ab.  Der Verfasser nimmt also die gegenwärtig
       im Trend  liegende Konzeption  der "langen Wellen" auf. Der Über-
       gang in die Stagnation wird dabei nicht als Ausdruck "exogen ver-
       ursachter Störungen" verstanden; hier wirkt ein innerer Mechanis-
       mus. Da andererseits kein entsprechender Mechanismus ausfindig zu
       machen ist, aus dem sich der auf die Stagnation folgende Trendum-
       schwung zu neuer Prosperität erklären ließe, geht Lutz davon aus,
       daß "jeder  Wachstumsschub die  Herstellung einer  jeweils  neuen
       Prosperitätskonstellation voraus(setzt),  die ihrerseits als eine
       unverwechselbare (und unwiederholbare) historische Leistung gese-
       hen werden  muß" (20). Die Prosperitätsphase vor dem ersten Welt-
       krieg wird  in dieser  Sicht ausgelöst  durch Weltmarktexpansion;
       der Übergang  in die  folgende Stagnationsphase (von 1914 bis zum
       Ende des  zweiten Weltkriegs)  hängt mit der jetzt nur noch lang-
       samen Expansion des Weltmarktes zusammen. Wenn dieser Trend nicht
       aufzuhalten und umzukehren ist, so Hegt dies in der "dualen Wirt-
       schaftsstruktur" der entwickelten kapitalistischen Länder Westeu-
       ropas begründet.  Darunter werden die Koexistenz und Austauschbe-
       ziehungen von einem "modernen, industriell-marktwirtschaftlichen"
       und einem  "traditionellen" Sektor  verstanden. Letzterer  umfaßt
       das Konglomerat  von Kleinbetrieben  in Landwirtschaft, Handwerk,
       Handel, Dienstleistungen  und Verkehr  und die  Hauswirtschaft  -
       also  generell   die  subsistenzwirtschaftlich  orientierte,  der
       Hauptsache  nach  auf  familieneigenen  Arbeitskräften  beruhende
       Wirtschafts- und Arbeitssphäre.
       Dieser Sektor  wirkt nun  als eine Art Resonanzboden zur Verstär-
       kung der  Haupttendenz im "industriell-marktwirtschaftlichen" Be-
       reich.  Daraus   ergeben  sich   eine  "Prosperitäts-"  und  eine
       "depressive Spirale":  Bei der  Expansion saugt  der industrielle
       Sektor Arbeitskräfte  aus dem Bevölkerungsüberschuß des traditio-
       nellen Sektors  ab; zwar steigt dann bei Wirkung des Lohngesetzes
       die Lohnhöhe  nicht sonderlich,  aber es werden dennoch auch bin-
       nenwirtschaftlich   neue   Absatzmärkte   geschaffen.   Umgekehrt
       schrumpft bei  Stagnation im modernen Sektor auch der Binnenmarkt
       (als Folge  zurückgehender Lohnsumme  und sinkender Nachfrage des
       traditionellen Sektors)  - insgesamt  ein unausweichlicher Trend.
       Den Bruch  mit diesem  Trend bewirken  nach 1945  im wesentlichen
       zwei neue  Faktoren: die  "Neutralisierung" des  Lohngesetzes und
       der  Reservearmeefunktion  durch  "wohlfahrtsstaatliche  Politik"
       (hier nimmt der Verfasser eine zweite gängige These auf); und die
       Eröffnung neuer Wachstumschancen für den modernen Sektor, der auf
       der Basis massiver Lohnsteigerungen den traditionellen Sektor na-
       hezu vollständig  absorbieren kann, indem er ihn durch Mobilisie-
       rung von Arbeitskräften auszehrt und ihn aus seiner bis dahin do-
       minierenden Stellung in der Versorgung der Bevölkerung mit Gütern
       des täglichen  Bedarfs verdrängt.  Der "äußeren"  folgt damit die
       "innere Landnahme",  Grundlage der zweiten Prosperitätsphase. Mit
       der Beseitigung  des Strukturdualismus  demontiert der  expandie-
       rende industrielle Sektor jedoch sukzessive seine eigene Expansi-
       onsgrundlage. Damit  wird der  neuerliche Übergang in die Depres-
       sion der Gegenwart zwangsläufig.
       Die   sozialstrukturellen    Darlegungen   zur    Bedeutung   des
       "traditionellen Sektors" sind anregend. Mitte der zwanziger Jahre
       ist ihm nach Lutz' Schätzung rund die Hälfte des volkswirtschaft-
       lichen Arbeitskräftepotentials (unter Einschluß der haushaltsfüh-
       renden Familienmitglieder)  zuzuschlagen. Ein  beachtlicher, auch
       politisch gewichtiger  Block, wenn  man die hier herrschenden pa-
       triarchalischen Bindungen  und geringen  Entfaltungsmöglichkeiten
       bedenkt. Trotz  seiner beginnenden Erosion schon in den dreißiger
       und vierziger  Jahren stimmt  es, daß  er erst  nach 1945 relativ
       rasch dezimiert  wird -  mit allen Konsequenzen, die dies für die
       innere Umschichtung  von  Arbeiterklasse  und  Lohnabhängigen  im
       "modernen" Sektor beinhaltet.
       Unter dem  Gesichtspunkt der  Arbeitskräftemobilisierung und  des
       Binnenmarktes dürfte die Wechselbeziehung von modernem und tradi-
       tionellem  Sektor  sicher  auch  für  die  längerfristige  (über-
       zyklische) Wirtschaftsentwicklung  von Bedeutung  sein.  Insofern
       hat die  hier aufgenommene  Modernisierungsthese eine rationellen
       Kern. Jedoch  ist das  Konzept der dualen Wirtschaftsstruktur und
       der  Austauschbeziehungen  zwischen  beiden  Sektoren  nicht  zur
       Erklärung der  Grunddynamik der Wirtschaftsentwicklung brauchbar.
       Es erklärt die Veränderungen der Kapitalverwertungsbedingungen im
       dominierenden industriellen  Sektor nicht,  es  erfaßt  überhaupt
       nicht die  Probleme  der  Überakkumulation  und  inneren  Krisen-
       haftigkeit einer  kapitalistischen Produktion  um der  Produktion
       willen. Es  bedarf äußerer Expansionsfelder und -anstöße. Die An-
       leihe bei  der  Luxemburgschen  Akkumulationstheorie  kommt  also
       nicht von  ungefähr - ohne ständige "Landnahme" und Durchdringung
       nichtkapitalistischer Sphären sind Prosperitätsphasen nicht denk-
       bar. (Diese  Konzeption manövriert Lutz mit Blick auf die Zukunft
       natürlich in  eine schwierige Position.) Die fehlende konkret-hi-
       storische Untersuchung  der Akkumulationsbedingungen des Kapitals
       und der  Krisenzyklen verleitet  zu einer  ziemlich willkürlichen
       Phasenzusammenziehung -  eine Kritik, die generell gegen das Kon-
       zept der "Langen Wellen" vorzubringen ist, das zudem mit dem Feh-
       len des Nachweises eines inneren Mechanismus im Prinzip hinfällig
       wird.
       An die  Stelle der  Analyse ökonomischer  Triebkräfte tritt daher
       zwangsläufig die  Auffassung, von ihnen abgehobene "gesellschaft-
       liche Institutionen und Regelungsformen", staatliche Politik (der
       "Wohlfahrtsstaat"  und   seine  angebliche   Neutralisierung  des
       Lohngesetzes und  der Reservearmeefunktion),  "rechtlich-institu-
       tionelle Strukturen"  etc. seien  entscheidende Elemente  für die
       Auslösung der  Prosperitätsphasen. Dies  gilt auch  für  die  auf
       wenigen Seiten  dargelegten Vorstellungen zu "Voraussetzungen für
       eine neue Prosperität" (236).
       Neue Felder  der "Landnahme"  sind nicht in Sicht - der Weltmarkt
       gibt nichts  her, der  traditionelle Sektor  ist passe. Umgekehrt
       droht das  Risiko "systemischer  Gleichgewichtsstörungen",  womit
       das Zusammenfallen  sich wechselseitig aufschaukelnder Krisenpro-
       zesse  (243  ff.)  und  daraus  resultierender  "explosiver  Kon-
       fliktherde" (255)  im Arbeits-  und Reproduktionsbereich  gemeint
       ist. Soziale  Desintegration und  der Übergang  zu offener Gewalt
       sind daher  nicht ausgeschlossen  (ebd.). Trotz vieler kritischer
       Einzelbemerkungen bekommt die Darstellung hier einen staatsmänni-
       schen Zug: Soll diesen drohenden Konflikten und Gefahren gegenge-
       steuert werden,  so hat  das "politisch-administrative System der
       westlichen Industriegesellschaften" bestimmten "Anforderungen" zu
       genügen.  Dem   politisch-administrativen  Apparat  -  und  damit
       zwangsläufig den  ihn beherrschenden gesellschaftlichen Kräften -
       gilt der  Anruf für  die Herstellung einer neuen Prosperitätskon-
       stellation, und  nicht den sozialen Masseninteressen an veränder-
       ter Wirtschafts-  und Sozialpolitik.  Das ist zu berücksichtigen,
       wenn der  Verfasser in relativ allgemein-abstrakten Wendungen von
       der Notwendigkeit eines neuen "Zielsystems" mit "sehr hoher Mobi-
       lisierungskraft" spricht, der Notwendigkeit, ein "Ordnungsmuster"
       zu entwickeln,  "das die Ausrichtung der Partikularinteressen und
       der Formen  ihrer Durchsetzung an diesem Zielsystem sicherstellt"
       (265 f.). Ein neues "politisch-institutionelles Arrangement" wird
       verlangt, in  das alle wichtigen Bevölkerungsgruppen und Interes-
       sen einzuordnen  sind. Die Stichworte für dieses neue Ordnungsmu-
       ster lauten  wachsende Durchdringung  von Politik  und  Ökonomie,
       tiefgreifende Umstrukturierung  des politisch-administrativen Sy-
       stems, Ausweitung von Marktmechanismen mit ihrer "allokativen Ef-
       fizienz und  Selbststabilisierungsfähigkeit" (276). Die Zukunfts-
       vorstellungen, die  Lutz entwickelt,  bleiben also  nicht nur äu-
       ßerst vage,  sondern  enthalten  schließlich  auch  ausgesprochen
       beunruhigende Ordnungs-  und Formierungsvorstellungen.  Dies gilt
       auch dann,  wenn Lutz  den notwendigen gesellschaftlichen Konsens
       andernorts (Gewerkschaftliche  Monatshefte 6/85) eher in Richtung
       auf Reformpolitik und Bewahrung sozialstaatlicher Elemente inter-
       pretiert. (A.L.)
       
       Horst Kern/Michael  Schumann: Das Ende der Arbeitsteilung? Ratio-
       nalisierung in  der industriellen  Produktion:  Bestandsaufnahme,
       Trendbestimmung, München (C.H. Beck) 1984, 361 S.
       Kern/Schumanns Folgestudie  zu "Industriearbeit  und  Arbeiterbe-
       wußtsein" von 1970 ist schnell ins Zentrum der Diskussion um neue
       Technologien und  Zukunft der Arbeit geraten; dies gilt insbeson-
       dere für die gewerkschaftlich orientierte sozialwissenschaftliche
       Diskussion und die linke Zukunftsdiskussion, wo sie sich explizit
       auf Veränderungen  der Produktionssphäre  bezieht. Zugleich haben
       die Hauptthesen  der Studie  - wenn  auch in stark überzeichneter
       Form -  rasch das Interesse der rechtssozialdemokratischen Moder-
       nisierungsstrategen gefunden, weil sie ihnen - wie es Peter Glotz
       in der  "Neuen Gesellschaft"  (3/85) ausführlich  dargelegt hat -
       gut ins  Konzept der  Verbindung von  Rationalisierung unter  dem
       Stichwort "Weltmarktkonkurrenz" mit sozialpartnerschaftlichen Ab-
       federungsstrategien im Sinne "sozial gesteuerter Innovation" pas-
       sen. Der Zustimmung im einen Lager entspricht die weitgehend kri-
       tische Beurteilung der Studie im anderen.
       Gegenstand der  Untersuchung sind die Veränderungen, die sich mit
       der Einführung  neuer Technologien  in den  Fertigungsabteilungen
       industrieller  Kernsektoren   (Automobilindustrie,  Maschinenbau,
       Chemieindustrie) vollziehen  bzw. andeuten.  Die Verfasser  haben
       hierzu umfangreiche  Feldstudien in 23 Werken der genannten Bran-
       chen durchgeführt. Ihre Untersuchungen verdienen nicht nur Inter-
       esse, weil sie die bereits vor über 15 Jahren studierten Bereiche
       erneut erforschen,  sondern insbesondere  deswegen, weil sie sich
       den technologischen und möglichen arbeitsorganisatorischen Umbrü-
       chen, also  dem Neuen, zuwenden. Sie versprechen unter dem Blick-
       winkel veränderter Arbeitsverhältnisse und Entfaltungsmöglichkei-
       ten in  der Arbeit  nicht nur  Aufschluß über  zukünftige Trends,
       sondern auch  über Ansatzpunkte und Erfordernisse gewerkschaftli-
       cher Strategien. Es handelt sich also um eine durchaus politische
       - und auch von den Autoren so verstandene - Publikation.
       Kern/Schumann unterstreichen,  daß  mit  der  breiten  Einführung
       neuer Technologien  (in der Hauptsache elektronische Steuerungs-,
       Organisations- und Kommunikationstechnologien) sich unter den ge-
       gebenen ökonomisch-gesellschaftlichen  Bedingungen in Zukunft die
       Beschäftigungsprobleme noch  verschärfen werden.  Die  Segmentie-
       rungsprozesse werden sich, so ihre Prognose, vertiefen und verfe-
       stigen. Im  Bereich der Lohnarbeit sehen sie demgegenüber im Ver-
       gleich zu früheren Phasen kapitalistischer Rationalisierung einen
       qualitativen Trendumbruch,  ein "Novum  im Gesamtprozeß kapitali-
       stischer Rationalisierung"  (318): In  einem  "arbeitspolitischen
       Paradigmenwechsel" (24) zeichne sich der Übergang zur ganzheitli-
       cheren, breiteren Nutzung der Arbeitskraft, zu einer Reprofessio-
       nalisierung industrieller  Arbeit. Damit  werde erstmals die Mög-
       lichkeit geschaffen,  "statt die Heteronomie der Industriearbeit"
       zu erhöhen, sie breitflächig zurückzudrängen ..." (327). Rationa-
       lisierung nach  tayloristischem Zuschnitt beginne obsolet zu wer-
       den, ein  "mögliches Ende  der Arbeitsteilung",  die  "Wiederein-
       führung und  Verankerung von  Produktionsintelligenz" (322 f.) in
       den Produktionsabteilungen  zeichne sich  ab. Die  diese  Tendenz
       verkörpernden "neuen  Produktionskonzepte"  seien  innerhalb  des
       Managements jedoch  nicht unumstritten. Gewerkschaftliche Politik
       muß sich daher nach Kern/Schumann darauf konzentrieren, innerhalb
       des  Managements  "weiche  Stellen  und  Verbündete"  auszumachen
       (325),  um  den  neuen  Produktionskonzepten  zum  Durchbruch  zu
       verhelfen und  sie aus ihrer "privatistischen Verengung" (321) zu
       befreien. Die  Verfasser lehnen es ab, diese Auseinandersetzungen
       im Rahmen  der "alten  Pfade des  Antagonismus von Lohnarbeit und
       Kapital" (325)  zu sehen.  Sie verstehen  ihren Beitrag nicht als
       Überlegung zu  "gesellschaftlicher Transformation" (331). Zurück-
       drängung von  Heteronomie in  der Arbeit soll sich also unter den
       heute gegebenen Bedingungen des Kapitalismus vollziehen.
       Die Studie  gibt einen  guten Einblick in die technologischen Um-
       brüche, die  sich heute in den Fabrikhallen der Groß- und Mittel-
       betriebe der  untersuchten Branchen  abspielen. Ihr Material mar-
       kiert eine Dimension von Veränderungen, die mit wirtschaftsstati-
       stischen Kategorien  und auf  der Ebene  von Kennziffern  zur Ar-
       beitsproduktivität oder  zu Strukturverschiebungen  zwischen  den
       Branchen noch kaum zu erfassen sind. Zugleich ist die Studie auf-
       schlußreich hinsichtlich  unterschiedlicher  Managementstrategien
       zur Gestaltung  der Arbeit, und sie gibt damit viele Hinweise auf
       die Spanne  möglicher Entwicklungen  von Qualifikationen,  Tätig-
       keitsinhalten und  -anforderungen, wachsenden  beruflichen Kompe-
       tenzen und damit u.U. gegebenen Ansatzpunkten für Gegenmachtposi-
       tionen in  der Arbeit.  Da eine Hauptrichtung der Anwendung neuer
       Technologien in  der Reduzierung weniger qualifizierter Tätigkei-
       ten zu sehen ist (z.B. Rationalisierung im Montagebereich), erge-
       ben sich Unterschiede hinsichtlich der mit dem Rationalisierungs-
       schub verbundenen  Betroffenheit und  Entwicklungsperspektive für
       verschiedene Gruppen des Gesamtarbeiters. Kern/Schumann versuchen
       dies mit den Kategorien Rationalisierungsgewinner, -verlierer und
       -dulder zu erfassen.
       So wichtig die Herausstellung solcher qualitiativen Entwicklungs-
       trends ist,  so skeptisch  macht die Verallgemeinerung und Inter-
       pretation des  sozialen Inhalts und Charakters der prognostizier-
       ten Veränderungen  der Arbeit.  Ihre  Fragwürdigkeit  zeigt  sich
       schon im  Verhältnis von  "Autonomie" bzw.  "Heteronomie" der Ar-
       beit. Kapitalistische  Lohnarbeit bleibt  immer, wie  ihr jeweils
       konkreter Inhalt  auch aussehen mag, fremdbestimmte Arbeit, abge-
       schnitten von der Bestimmung über Ziel und Inhalt der Produktion.
       Kern/Schumanns Begriff  von Autonomie orientiert sich stattdessen
       an einem  ganzheitlichen, gegen Arbeitsteilung gewendeten (stoff-
       lichen)  Verständnis   von  Arbeit,   er  klammert  ihre  soziale
       Formbestimmtheit aus  - auch dann, wenn oft und ausgiebig von Ka-
       pitalismus und  Verwertungsinteresse gesprochen  wird. Daher  die
       unproblematische Übereinstimmung  mit Dahrendorf (325 f.). Es ist
       sicher sympathisch  und spricht  für die  Intention der  Autoren,
       wenn sie  selbst eine  solche Begrenzung  als Schwäche  ihres An-
       satzes benennen  (331) -  aber das  ändert eben nichts daran, daß
       ihre Perspektive auf die Arbeit notwendigerweise verzerrt bleibt.
       Nebenbei: Es  gibt damit auch keine Brücke zwischen ihrem Begriff
       von "Aufhebung  der Arbeitsteilung"  und dem Begriff und Programm
       vom Ende  der Arbeitsteilung,  wie es  bei Marx/Engels seit ihren
       frühen Schriften  als konstitutives Element ihrer Vorstellung von
       Zukunft der Arbeit entfaltet wird.
       Eine solche  theoretische Position liegt auch der bemerkenswerten
       Tatsache zugrunde,  daß in der Studie bei der Darstellung und In-
       terpretation der neuen Produktionskonzepte so wesentliche Aspekte
       kaum oder  nur am Rande thematisiert werden wie das Kapitalinter-
       esse an  Arbeitsintensivierung, umfassenderem Zugriff auf das in-
       dividuelle und  Gesamtarbeiter-Leistungspotential, wie  Kontrolle
       und technisch  vermittelte Herrschaft im Produktionsprozeß - also
       Fragen, die  heute gerade  im Mittelpunkt gewerkschaftlicher Aus-
       einandersetzung in  den Betrieben stehen. Daher erweist sich auch
       die Differenzierung  nach Rationalisierungsverlierern und -gewin-
       nern mit  Blick auf  letztere als nicht unproblematisch (wenn sie
       auch in  vieler Hinsicht  Zugang zu  Problemen der Formierung und
       Bewegung im  betrieblichen Bereich  schafft). Denn die Arbeitsbe-
       dingungen der  im  Produktionsprozeß  verbleibenden  Lohnarbeiter
       werden ja  nicht nur von technischen Determinanten bestimmt, son-
       dern gerade  ganz wesentlich  sozial, z.B.  vom höchst  wirksamen
       Druck der industriellen Reservearmee. Obwohl die Studie mit Blick
       auf Management  und Kapitalinteressen durchaus Aspekte des ökono-
       mischen Gesamtprozesse  aufnimmt -  etwa die kapitalistische Kon-
       kurrenz ",  bleibt sie hier im Grunde betriebsbezogen. Die Haupt-
       schwäche der  Studie wird  man darin  sehen müssen - und insofern
       steht sie  in einer  Linie mit  der früheren  Untersuchung ", daß
       trotz stärkerer  Akzentuierung  ökonomischer  Aspekte  doch  eine
       technologische Sichtweise  auf die  Arbeit dominiert  und das aus
       den Produktionsverhältnissen entspringende Ziel der Kapitalisten,
       die Lohnarbeit  als möglichst beherrschbare, austauschbare, ihrem
       Verwertungsinteresse verfügbare  Produktivkraft zu entwickeln, in
       der Analyse keinen wirklichen Niederschlag findet.
       Sicher steht dies in engem Zusammenhang mit der Verpflichtung ge-
       genüber der  "phänomenologischen Methode" der von Husserl herkom-
       menden und durch Bahrdt vermittelten Verstehensanalyse (vgl. Kap.
       II), die  sich gegen  eine stringent  vorn Interessenantagonismus
       von Lohnarbeit und Kapital argumentierende Sichtweise aussprechen
       muß. Dieses Defizit prägt natürlich auch die strategischen Aussa-
       gen, wo die Autoren vom "Heraustreiben" der neuen Produktionskon-
       zepte aus ihrer "privatistischen Verengung" sprechen. Daß die ge-
       samtgesellschaftlichen  Ausbeutungs-  und  Konkurrenzverhältnisse
       jedem einzelnen Kapital die Betrachtung und Entwicklung der Lohn-
       arbeit als Gegenstand möglichst intensiver Abpressung von Mehrar-
       beit aufzwingen und daß damit eine Gegenstrategie sich auch nicht
       auf die  betriebliche Ebene oder politische Initiativen im Rahmen
       kapitalistischer Produktionsverhältnisse  beschränken kann,  son-
       dern gesamtgesellschaftlichen  und antikapitalistischen Charakter
       haben muß,  wenn sie  den Inhalt  der Arbeit  wirklich  verändern
       will, kann damit nicht erfaßt werden.
       Daß sich eine so verengte Perspektive auch in der Empirie der Un-
       tersuchung niederschlagen  muß, war  bereits im  Zusammenhang mit
       Arbeitsintensivierung und  Kontrolle angedeutet worden. Insgesamt
       dürfte sich  auf dieser  Ebene eine  Überschätzung der  Trag- und
       Reichweite der  neuen  Produktionskonzepte  zeigen.  Im  Untersu-
       chungsbereich (der  unmittelbaren Produktion)  ist der Anteil von
       Beschäftigten mit  ganzheitlichen Arbeitsvollzügen  im Sinne  der
       Autoren heute  noch sehr  begrenzt. Beispiel  Automobilindustrie:
       Tausend  Straßenführern   stehen  hunderttausend   Massenarbeiter
       "traditionellen Zuschnitts"  gegenüber. Das  zeigt, wie  die  Ge-
       wichte verteilt  sind und  sich selbst bei Ausweitung der Tendenz
       in Zukunft noch lange darstellen werden. Es ist durchaus legitim,
       wenn die  Studie keinen  Gesamtarbeiteransatz verfolgt.  Bei  der
       Verallgemeinerung der Ergebnisse wäre jedoch in Rechnung zu stel-
       len, daß sich in anderen Betriebsabteilungen (besonders der Ange-
       stelltenbeschäftigung) auch starke gegenläufige Prozesse vollzie-
       hen, wie viele Studien zeigen.
       Insgesamt gesehen: Gegen den Strich ihrer theoretischen Interpre-
       tation und  Verallgemeinerung  gelesen,  bietet  die  Studie  von
       Kern/Schumann viele  Anregungen und Informationen zur Veränderung
       der Arbeit  und der Formierungsbedingungen der Arbeiterklasse der
       Bundesrepublik. (A.L.)
       
       Oskar Negt:  Lebendige Arbeit,  enteignete Zeit.  Politische  und
       kulturelle Dimensionen  des Kampfes  um die  Arbeitszeit,  Frank-
       furt/New York (Campus) 1984, 272 S.
       Negts Buch  geht zurück  auf einen  Vortrag, der  auf der wissen-
       schaftlichen Konferenz  der IG  Metall zur  Arbeitszeitverkürzung
       1983 gehalten  wurde, große  Resonanz fand  und seither erweitert
       wurde. Der  Autor selbst  spricht von  einer "politischen Streit-
       schrift", um  den unakademischen  Charakter zu  kennzeichnen. Die
       Arbeit enthält  eine Fülle von Anregungen für die wissenschaftli-
       che und politische Befassung mit zukünftigen Entwicklungen; dabei
       liegt ihre  Stärke -  die gleichzeitig ihre Schwäche ist - in der
       Konzentration auf den Reproduktions- und Sozialisationsbereich.
       Negt betrachtet  den Kampf um Arbeitszeitverkürzung als Schlüssel
       zu einer  alternativen Entwicklung  der  Bundesrepublik,  in  der
       Herrschaft des  Kapitals abgebaut und Freiheit und Selbstverwirk-
       lichung der Lohnabhängigen entfaltet werden können. Die Schaffung
       von arbeitsfreier  Zeit, die  als "Emanzipations-  und  Orientie-
       rungszeit" genutzt  werden kann,  wird als wesentlicher Hebel ge-
       sellschaftlicher Veränderung dargestellt. Negt baut dabei wesent-
       lich auf  Veränderungen in  Arbeitsmoral und Sozialcharakter, die
       (hier schließt  er ausdrücklich an Herbert Marcuse an) gefesselte
       Triebenergien gegen Herrschaftsverhältnisse freisetzen. Kapitali-
       stische Herrschaft  sei verinnerlicht  in einem autoritären Sozi-
       alcharakter, der  wesentlich in  einer entfremdeten  Bindung  der
       Identität an  Arbeit als  Beruf und  in einem ökonomisch struktu-
       rierten Zeitbewußtsein bestehe.
       Zugleich gehöre  zum Kapitalismus  die ständige  Bereicherung des
       Bedürfnishorizonts ;  Utopien eines  besseren Lebens  rückten  in
       sinnlich greifbare  Nähe. Diese  Kräfte, Ansprüche und Sehnsüchte
       könne man  gegen die  konservativen Strategien  mobilisieren, die
       auf die  Spaltung der  Gesellschaft  und  Marginalisierung  jener
       zielen, die  keine Lohnarbeit  mehr finden können. Vor allem hier
       sieht Negt  einen wachsenden Handlungs- und Gestaltungsbedarf für
       gewerkschaftliche Politik.
       Negt votiert  für eine  Erneuerung betriebsnaher Tarifpolitik, um
       dem  Zugriff  unternehmerischer  Flexibilisierungsstrategien  auf
       einzelne Bedürfnisse der Beschäftigten nach freier Zeitgestaltung
       durch konkrete Alternativen offensiv entgegenzuwirken. Dies müsse
       jedoch eingebunden sein in eine Erweiterung des Horizonts gewerk-
       schaftlicher Politik.  Negt spricht von einem "politischen Mandat
       der Gewerkschaften" und meint damit, daß der langwierige Kampf um
       Arbeitszeitverkürzung notwendig  an einer  Vorstellung von  einer
       anderen  Gesamtorganisation  gesellschaftlicher  Verhältnisse  zu
       orientieren sei.
       Die Zielvorstellungen  für die  Zukunft der Arbeit bleiben jedoch
       unklar und  widersprüchlich. Es  wird nicht  ersichtlich, was mit
       "Kampf um  die Vervielfältigung  und Erweiterung gesellschaftlich
       anerkannter Formen  der Arbeit,  die der  Eigenproduktion und der
       Selbstverwirklichung dienen"  (175), gemeint  ist. Angesichts der
       übermächtigen  Tendenzen  zu  einer  Marginalisierung  wachsender
       Gruppen befürwortet  Negt Offes Vorschlag einer gezielt geförder-
       ten Dualwirtschaft,  die der  Schattenwirtschaft den Status einer
       ökonomischen Alternative  zum Erwerbssystem  verschafft. Zugleich
       erklärt er  eine solche Veränderung, die Ergebnis gesellschaftli-
       cher Planung  gegen Profit-  und Machtinteressen  sein müßte, für
       illusionär. Dabei  grenzt sich  Negt auch ab gegen Gorz' Hoffnung
       auf die  umwälzende Kraft  eines "autonomen  Sektors" (74).  Doch
       bleibt er  dabei: "Die  einzige Alternative  zur bestehenden  Ar-
       beitsgesellschaft sind  ... alternative Formen der Arbeit" (184).
       Und ganz  dem Gorzschen  Geist entspricht  die Perspektive  einer
       Minimierung eines  "Restanteils entfremdeter  Arbeit"  für  jedes
       Gesellschaftsmitglied (176).  Auch Negt scheint in "Apparaten und
       Maschinensystemen, die unserer Kontrolle entglitten sind und sich
       zu einer  gesellschaftlichen Gewalt  eigener Art  zusammengebraut
       haben" (223), einen letztlich nicht zu beherrschenden heteronomen
       Sektor zu  sehen, den  man allein zugunsten der lebendigen Arbeit
       quantitativ zurückdrängen,  nicht aber qualitativ demokratisieren
       könne.
       Einen gewissen  Bruch hierzu  stellen Negts Ausführungen dar, Ar-
       beitszeitverkürzung sei zu ergänzen durch "das Programm einer ak-
       tiven, auf  menschlichere Zwecke  gerichteten  Vollzeiterwerbsar-
       beit, wie  sie für  lange Zeit  noch fortbestehen wird" (186 f.).
       Auch die Aufrufe zu einer Technologiepolitik im Interesse der le-
       bendigen Arbeit  werden nicht  aus der objektiven Möglichkeit be-
       freiter Arbeit  an moderner Technik, sondern eher voluntaristisch
       begründet i  vgl. 224  f.). Wenn  es nicht gelinge, das durch die
       neuen Technologien  produzierte Angstpotential  abzubauen,  werde
       jede sinnvolle Zukunft blockiert.
       Breiten Raum nehmen Überlegungen für eine qualitative Erweiterung
       gewerkschaftlicher Politik  im ideologisch-kulturellen  Feld ein.
       Negt betont,  daß erst  ein Herausarbeiten der kulturellen Dimen-
       sion der  Arbeitszeitpolitik die Vermittlung von Zukunftsperspek-
       tiven erlaube, die Einzelforderungen ihre Bedeutung geben und Mo-
       tivation, "langen  Atem" für  bevorstehende  Auseinandersetzungen
       schaffen. Auch  die Überwindung  von Sonderinteressen  sei nur zu
       erreichen mit  einer überzeugenden  Alternativkonzeption, in  der
       die 35-Stunden-Woche nur ein Teilziel darstellen könne.
       Übergreifend gehe  es um Engagement bei der Gestaltung erkämpfter
       Freizeit. Der  Zugriff der privatkapitalistischen Kultur- und Be-
       wußtseinsindustrie auf Phantasien, Interessen und Bedürfnisse der
       abhängig Beschäftigten werde in einer neuen technischen Dimension
       vorbereitet. Gewerkschaftlicher Kampf in den und um die Kontrolle
       der Medienapparate sei notwendig, aber nicht hinreichend für eine
       Gegenstrategie. Diese müsse auf die Schaffung einer neuen politi-
       schen Kultur  im alltäglichen  Lebenszusammenhang gerichtet sein.
       Die institutionalisierte  Absonderung von  "Politik" sei zu über-
       winden durch neue Formen, in denen die Menschen sich über lebens-
       wichtige Probleme  verständigen und Entscheidungen treffen. Poli-
       tik müsse  in den  Alltag eingefügt werden und helfen, Sinnfragen
       öffentlich zu  stellen und  Alternativen zu  diskutieren. Leitbe-
       griffe   für    solche   emanzipatorische   Orientierung   seien:
       "Aufklärung, Selbstbefreiung, Konfliktbewußtsein, Öffentlichkeit"
       (S. 148).
       Als gewerkschaftliches  Instrument zum  Eingreifen in alltägliche
       Lebenszusammenhänge schlägt  Negt eine Dezentralisierung von Ent-
       scheidungsbefugnissen auf  ein zweites gewerkschaftliches Organi-
       sationszentrum vor,  das in Stadtteil- und Wohngebieten verankert
       sei. Angesichts der Herausforderung neuer Sozialbewegungen müßten
       die Gewerkschaften  auch die Interessenvertretung in den Konflik-
       ten des  Reproduktionsbereichs übernehmen;  Negt stellt dabei die
       Schaffung "politischer Öffentlichkeit" in den Mittelpunkt (162).
       Der Autor  nimmt den  Einwand vorweg, seine Vorschläge bedeuteten
       eine absolute  Überforderung der Gewerkschaften. Er gesteht diese
       Bewertung durchaus  zu, betont aber den realistischen Gehalt sei-
       ner Überlegungen.  Heute sei  allein noch  realistisch,  was  auf
       grundlegende Alternativen zu den bestehenden Verhältnissen ziele.
       Mit Berufung  auf Gorz  verlangt Negt  daher als neues Moment ge-
       werkschaftlichen Selbstverständnisses,  die "Spannungen  zwischen
       pragmatischen Einzelschritten,  zu deren  Durchsetzung ihre Macht
       unter jeweils aktuellen Bedingungen ausreicht, und der durch Wis-
       sen gesättigten  Utopie auszutragen"  (S.  164).  Dementsprechend
       enthält der Band einen großen Abschnitt über Arbeitsutopien; Negt
       geht es hier vor allem um die sozialpsychischen Dimensionen einer
       Befreiung von  Existenzängsten  und  kapitalistisch-industrieller
       Zeitdisziplin sowie  um neue  moralische Motive  für den Kampf um
       die Befreiung der Arbeit; die "Organisationsformen" seiner Utopie
       blieben, wie oben angemerkt, recht vage.
       Dies hängt  offenbar mit  dem bewußten,  etwas gequält anmutenden
       Ausblenden von  Fragen und  Vorschlägen zusammen,  die Negt  wohl
       eher der  marxistischen "Orthodoxie"  (vgl. S. 157) zurechnet. Zu
       nennen ist  der linksintellektuelle Topos, mit einer platten Ver-
       staatlichung von Schlüsselindustrien würden die menschlichen Pro-
       bleme der  Arbeit nicht gelöst - damit ist die Eigentumsfrage ab-
       getan. Zu  nennen ist  die Feststellung, herkömmliche Klassenkon-
       flikte seien zwar präsent, würden aber durchkreuzt und überlagert
       von einer  neuen Linie  des Kampfes  lebendiger Arbeit  gegen die
       Übermacht der  toten - ansonsten tauchen Fragen der  g e s e l l-
       s c h a f t l i c h e n   S t r a t e g i e   d e r    A r b e i-
       t e r b e w e g u n g   angesichts von  Veränderungen in  Sozial-
       und Widerspruchsstrukturen nicht auf.
       Negts Herangehen  ist syndikalistisch.  Arbeiterbewegung bedeutet
       für ihn  Gewerkschaftsbewegung -  daher auch die Tendenz zu deren
       Überforderung. Zu betonen ist jedoch, daß Negt reale Probleme ge-
       werkschaftlicher Politik  anspricht, und zu hoffen ist, daß viele
       seiner Anregungen  zur ideologisch-kulturellen  Dimension von In-
       teressenvertretung und Arbeitszeitverkürzung in die gewerkschaft-
       liche Zukunftsdebatte  eingehen. Eine  Lösung ist allerdings kaum
       vorstellbar, wenn  die politische  Arbeiterbewegung in  Form  der
       Parteien schon aus dem Denkansatz ausgeblendet wird.
       Die wesentliche  Schwäche liegt  jedoch in dem theoretischen Aus-
       einanderfallen von  Konflikten und  Bewegungen zwischen  Arbeits-
       und Reproduktionsbereich.  Ökonomische und  soziale Klassenkämpfe
       von der  betrieblichen bis  zur  gesamtstaatlichen  Ebene  werden
       überhaupt nicht als Moment der Politisierung und kulturellen Ver-
       änderung thematisiert  und von  den angestrebten Öffentlichkeiten
       im Reproduktionsbereich  getrennt. Damit reduziert sich der Kampf
       um eine  neue politische  Kultur weithin auf eine klassische Auf-
       klärungsstrategie.
       Unter diesem  Aspekt kann  es dann nicht verwundern, wenn Negt in
       einer letzten Fußnote die gewerkschaftliche Dimension durchbricht
       und der  Linken und  den Alternativbewegungen  Glotz' "Arbeit der
       Zuspitzung" als  "wichtiges Gesprächsangebot" von "großer theore-
       tischer Sensibilität" ans Herz legt (S. 272). (K.M.)
       
       André Gorz:  Wege ins  Paradies. Thesen zur Krise, Automation und
       Zukunft der  Arbeit, Berlin  (West), Rotbuch-Verlag  1983  (Paris
       1983), 160 S.
       Die Schrift  enthält in  25 Thesen  eine essayistische Abhandlung
       zur Krise des Kapitalismus, zur Rolle von neuer Technik und Auto-
       mation als  Faktoren der "Auflösung" des Kapitalismus und der Ar-
       beitsgesellschaft und  zur Strategie  für eine  Gesellschaft jen-
       seits von Kapitalismus und Sozialismus. Sie wird komplettiert mit
       einigen Skizzen  zum Verhältnis  von Individuum, Gesellschaft und
       Staat, zum  Hunger in  der Dritten  Welt, zur  gewerkschaftlichen
       Haltung gegenüber der Automation u.a. Sie geht damit auf zentrale
       Fragen der  linken Bewegung  entwickelter kapitalistischer Länder
       ein und  versteht sich  als Beitrag  zur Entwicklung einer visio-
       nären Zukunftsstrategie  der Linken,  worauf schon  der Buchtitel
       verweist.
       Gorz war in der BRD Ende der 60er Jahre bekannt geworden mit sei-
       nen  Arbeiten  zur  "Strukturreform"  des  Kapitalismus,  zu  den
       "qualitativen" Forderungen  der Arbeiterklasse und zur betriebli-
       chen Selbstverwaltung  als Schlüssel  des Übergangs zum Sozialis-
       mus. Diese  Vorstellungen haben  sich inzwischen  theoretisch und
       praktisch als  Fehlorientierung  erwiesen.  In  den  70er  Jahren
       rückte der  Verfasser von  seinen damaligen  Vorstellungen ab und
       veröffentlichte die  programmatische Schrift "Abschied vom Prole-
       tariat" (Paris  1980), die auch in der BRD eine breite Diskussion
       auslöste. Hier  legte er die marxistische Konzeption des Klassen-
       kampfes und  der Arbeiterklasse endgültig beiseite und begab sich
       auf die  Suche nach  den neuen Subjekten gesellschaftlicher Ände-
       rung. Diese  sieht er, dem modischen Zug der Zeit folgend, in den
       neuen sozialen  Bewegungen. Mit der vorliegenden Schrift versucht
       er zwar  vor allem  für diese  Bewegungen ideologische  Orientie-
       rungspunkte zu  setzen, korrigiert jedoch seine Position von 1980
       taktisch insofern,  als er  gleichzeitig auch in den vorher schon
       weitgehend abgeschriebenen  Gewerkschaften Verbündete  für  seine
       Vorstellungen sucht,  und zwar  beim sozialreformistischen Flügel
       der Gewerkschaften.  Infolge  seiner  scharfen  antimarxistischen
       Tendenzen, die  politisch gegen  den Sozialismus und die Kommuni-
       sten zielen,  räumten ihm  bestimmte Kräfte in der DGB-Diskussion
       Wirkungsmöglichkeiten ein,  mit der offensichtlichen Absicht, den
       Brückenschlag zu den Themen der neuen sozialen Bewegungen mit dem
       Abblocken der  marxistischen Strömung  in den  Gewerkschaften  zu
       verbinden (vgl.  etwa: Abschied  vom Proletariat? Eine Diskussion
       mit und über Andre Gorz. Protokoll einer Arbeitstagung vom 30. 5.
       bis 3. 6. 1983. Haus der DGB-Jugend. DGB-Bundesvorstand, Abt. Ju-
       gend, Düsseldorf Dezember 1983).
       Der Autor  entwickelt Sensibilität gegenüber den neuen Widersprü-
       chen, Konflikten  und Tendenzen,  die  mit  der  kapitalistischen
       Krise seit Mitte der 70er Jahre und dem Einfluß der neuen Technik
       auf Arbeits-  und Lebensweise  wirksam geworden sind. Er versucht
       ihre "Einbindung"  in ein  im Prinzip reformistisches Konzept der
       Gesellschaftsänderung, wobei  er verbale,  jedoch keine wesentli-
       chen inhaltlichen  Bezüge zum  Marxismus aufrechterhält.  Es geht
       ihm darum,  die "grundlegenden Wandlungen zu ersinnen, zu antizi-
       pieren und  einzuleiten, deren  Möglichkeit in den bereits statt-
       findenden Veränderungen  angelegt ist"  (9).  Kommunistische  Ar-
       beits- und Verteilungsprinzipien erscheinen ihm als aktuelle Auf-
       gaben.
       Seine Krisendiagnose  enthält zwar  richtige Momente,  ist jedoch
       vom Grundansatz  falsch. In seiner Sicht sind die Erfolge der Ar-
       beiterklasse der  wesentliche Grund  für die Verschlechterung der
       kapitalistischen Verwertungsbedingungen,  weil sie  die Durchset-
       zung kapitalistischer  Rationalität  zu  durchkreuzen  vermochten
       (25). Insbesondere  die hohen  Sozialkosten drückten die Profite.
       Ein neuer  Aufschwung habe  die Senkung der Sozialkosten zur Vor-
       aussetzung. Auch  für eine antikapitalistische Alternative stelle
       sich dieses  Problem, die als Ausweg die Rücknahme in die Gesell-
       schaft, die  Selbsthilfe usw.  anzubieten habe.  Dies deckt sich,
       unter anderen  Vorzeichen, mit konservativen Diagnosen und Thera-
       pien.
       Die neue  Technik und  die Automation  spielen für  Gorz insofern
       eine zentrale  Rolle, als er daraus die Auflösung der Tauschwert-
       produktion, der Lohnarbeit, der Arbeitsgesellschaft und des Kapi-
       talismus  schlechthin  ableitet.  Die  sozialökonomische  Formbe-
       stimmtheit dieser  Prozesse tritt  für ihn dabei, ähnlich wie bei
       der Krisenanalyse,  völlig in den Hintergrund. Er versteht nicht,
       daß die  Wirkung des  Wertgesetzes und  die Realität kapitalisti-
       scher Warenproduktion nicht von der Größe des Quantums lebendiger
       und/oder vergegenständlichter  Arbeit abhängen,  die sich im Pro-
       dukt niederschlägt,  sondern von  den Eigentumsverhältnissen, der
       Konkurrenz usw.  Deshalb ist  auch seine  Annahme weder  zwingend
       noch zutreffend:  "Aus der  Automatisierung der  Produktion folgt
       notwendig das  Erlöschen der Lohnarbeit, der Marktmechanismen und
       des Arbeitswertes ..." (72/73).
       Durchgängig sitzt  er auch  dem vormarxistischen  Irrtum auf, der
       den Wert  der Arbeit  mit dem  Wert der Arbeitskraft verwechselt.
       Die Entlohnung nach Leistung ist nur Erscheinungsform des Lohnes,
       nicht Realität.  Deshalb entfällt  mit der  Automation  zwar  die
       Grundlage für Stücklohn, Akkord usw., aber beileibe nicht für die
       Lohnarbeit. Wer  theoretischer Kritik nicht vertraut, braucht nur
       auf automatisierte japanische Fabriken zu schauen.
       Schon heute  ist für Gorz der Kapitalismus tot oder halbtot - ein
       System herrschender  Werte ohne  Geltung; und  der  "andere  tote
       Stern", das "Sowjetsystem", besteht nur noch, "funktionsunfähig",
       wie es  nach Gorz  ist, per seiner Herrschaftsapparate. Um so er-
       freulicher ist  für ihn und seine Anhänger die Botschaft, daß die
       "Automation auf  ein Jenseits  des Kapitalismus und des Sozialis-
       mus" verweist (53).
       Gorz' Sicht  auf das  Verhältnis von Individuum und Gesellschaft,
       auf die  sozialen Verhältnisse und auf antikapitalistische Alter-
       nativen wird  kaum verständlich,  berücksichtigt man  nicht seine
       weltanschaulichen Positionen  eines doktrinären Existenzialismus.
       Danach ist  die "Autonomie"  dem Wesen  des Individuums vorausge-
       setzt und gesetzt. Im Kern wird der Mensch nicht als soziales We-
       sen und seine Entwicklung nicht als Entwicklung der sozialen Ver-
       hältnisse gesehen. Im Gegenteil, jegliche Arbeitsteilung und Ver-
       gesellschaftung führt in dieser Sicht zur Entfremdung des Indivi-
       duums von sich selbst und blockiert die Verwirklichung seiner Au-
       tonomie. Dies  gilt für  Gorz völlig  unabhängig von  den gesell-
       schaftlichen Formen und ihren sozialökonomischen Grundlagen. "Der
       einzig mögliche  Ausweg besteht  im Abbau,  wo immer möglich, der
       Großtechnologien, die  die gesellschaftliche Arbeitsteilung und -
       Zersplitterung bedingen, zugunsten freiwilliger genossenschaftli-
       cher Tätigkeit  ..." in  überschaubaren Einheiten,  wo Arbeit und
       Konsum/Leben wieder  zusammenfallen usw.  (Abschied vom  Proleta-
       riat? Eine Diskussion, a.a.O., S. 183).
       Da die Emanzipation der Produzenten in einer sozial umgestalteten
       modernen Großproduktion also ausscheidet, was aus Gorz' Sicht re-
       formistische Abschwächungen der Entfremdung und Fremdbestimmtheit
       (Heteronomie) nicht  ausschließen soll, zum anderen moderne Groß-
       produktion zur Ausweitung der Freizeit bei entwickeltem materiel-
       len Standard  unabdingbar ist  - in dieser Frage ist Gorz Realist
       -, bleibt als Emanzipationsalternative nur die Ausweitung des Au-
       tonomiesektors gesellschaftlicher  Arbeit und  der Freizeit.  Die
       Fabrikarbeit bleibt  Fron; ihre  Rolle relativiert  sich für  den
       Lohnarbeiter jedoch  mit der  Verkürzung der  Arbeitszeit;  seine
       Verwirklichung findet der Arbeiter im Freizeitsektor, worauf sich
       letztlich auch  die Tätigkeit  im Autonomiesektor reduziert. Dies
       ist im  Kern die  Vorstellung von André Gorz. Und in dieser Rich-
       tung versucht er Erscheinungen und Tendenzen der Gegenwart zu in-
       terpretieren.
       Während zur  Gegenwart und  zur  "Zukunftsvision"  noch  halbwegs
       nachvollziehbare Aussagen  gemacht werden,  bleiben die  Subjekte
       der Veränderung  weitgehend vage.  Nachdem aus den Gegensätzen im
       Sektor der  modernen Großproduktion  ohnehin keine Funken der Re-
       bellion schlagen, bleiben nur all jene Interessen und Kräfte, die
       auf den  Autonomiesektor ausgerichtet  sind, die "Nichtklasse der
       Nichtarbeiter", wie  er sie anderenorts bezeichnet hat. Obwohl er
       da und  dort noch  von Klassen  spricht,  sind  Klassen  für  ihn
       falsche Subjekte.  Dies folgt  aus der  existenzialistischen Dok-
       trin. Die soziale Hefe der Veränderung sind nicht mehr politische
       und gewerkschaftliche  Aktivisten der  Arbeiterbewegung  und  der
       Linken, sondern die neuen Kleinunternehmer privaten und genossen-
       schaftlichen Zuschnitts, Kleingärtner, Hobbyisten usw.
       Von Interesse  ist schließlich, daß sich Gorz eine kommunistische
       Gesellschaft seiner  Provenienz nicht ohne Staat und juristisches
       Recht vorstellen  kann. Hier trifft er sich aktuell mit dem sozi-
       aldemokratischen Reformismus  der Gegenwart.  Gorz'  Schrift  er-
       schien zu  einer Zeit,  als die  Fragen der Arbeitszeitverkürzung
       und der  sozialen Kontrolle der modernen Technik immer stärker in
       das Zentrum der Klassenauseinandersetzungen rückten. Ihre Wirkung
       beruht in  erheblichem Maße darauf, daß er Probleme wie Lebensar-
       beitszeit, Soziallohn,  Robotersteuern usw. thematisierte und auf
       ihre Zukunftstendenzen  hin interpretierte. Darin kann ihre posi-
       tive Funktion  gesehen werden, selbst wenn sich ihre weltanschau-
       lichen Ausgangspunkte, Analysen und Alternativen für eine Strate-
       gie der  Arbeiterbewegung und  der Linken nicht als tragfähig er-
       weisen. (H.J.)
       
       Claus  Offe:   "Arbeitsgesellschaft":  Strukturprobleme  und  Zu-
       kunftsperspektiven, Frankfurt/New York (Campus) 1984. 378 S.
       Der Autor  hat in  diesem Band  Aufsätze vereint, die in den 80er
       Jahren schon  verstreut publiziert  wurden. Unter dem Blickwinkel
       des Jahrbuch-Themas soll hier nur der abschließende Aufsatz unter
       dem Titel  "Perspektiven auf  die Zukunft des Arbeitsmarktes" be-
       sprochen werden.  Offe versucht  dort, die Diskussion um Machbar-
       keit und Wünschbarkeit in drei Hauptlinien zu gliedern. Die erste
       bezeichnet er  als "Orthodoxie". Sie zielt auf die Wiederherstel-
       lung von Vollbeschäftigung durch ökonomisches Wachstum, das durch
       wesentliche Verbesserung privatkapitalistischer Verwertungsbedin-
       gungen angestoßen werden soll. Der Autor bringt gegen die Konzep-
       tion eine  Menge Einwände vor; sie stellen sowohl die Annahme un-
       begrenzt expansionsfähiger  Märkte (bei den gegenwärtigen Vertei-
       lungsbedingungen) in  Frage wie überhaupt ein Interesse der Kapi-
       talseite an der Beseitigung von Arbeitslosigkeit.
       Die zweite  Variante bezeichnet  Offe als "Realismus" - ausdrück-
       lich ohne  positive Wertung.  Er sieht  in CDU wie SPD Positionen
       Boden gewinnen,  die unter  dem Druck neuer Verhältnisse nüchtern
       zu veränderten  Orientierungen bereit sind. Vor allem werde Voll-
       beschäftigung als  unerreichbar eingeschätzt.  Dies  ergebe  eine
       ebenso scharfe  Frontstellung gegen gewerkschaftliche Forderungen
       wie seitens der "Orthodoxie" - mit dem Argument, es müsse endlich
       Schluß sein mit der Vergötzung der Arbeit durch die Arbeiterbewe-
       gung. Für  die zumindest  in der längeren Phase des Übergangs zur
       "Informationsgesellschaft" aus  dem Arbeitsmarkt  Ausgegliederten
       werden die  Schattenwirtschaft, die Familie und staatlich organi-
       sierte soziale Dienstleistungen bis zur Dienstpflicht angeboten.
       Offe spricht  hier von  "naturwüchsiger Dualisierung"  und bringt
       gegen deren  Greifen vor  allem ökonomische  Einwände vor. Gerade
       bei sinkender  und gefährdeter Beschäftigung wachse die Abhängig-
       keit vom  formellen Sektor, da der Einnahmeausfall im Dualbereich
       untragbar sei. Weiter seien die materiellen, institutionellen und
       qualifikationsmäßigen Voraussetzungen  für  "Eigenarbeit"  derart
       schlecht, daß  hier akzeptable  Verhältnisse nur  für sehr kleine
       Gruppen zu erwarten seien.
       Aus diesem  Dilemma entwickelt Offe seinen Vorschlag der "Dritten
       Wege". Deren  Grundlage soll  eine "egalitäre materielle Grundsi-
       cherung" sein,  die nicht  an Beiträge gebunden ist. Sie soll den
       Arbeitsmarkt real  entlasten, da auch Nichterwerbstätigkeit mate-
       riell zumutbar  sei. Durch eine ertragsabhängige Finanzierung der
       entsprechenden Fonds  könne man  auf  die  Unternehmer  weiterhin
       Druck in  Richtung Beschäftigung  ausüben, durch  Feinregulierung
       des Mindesteinkommens  gegen eine  zu weitgehende  Flucht aus der
       Erwerbsarbeit vorbeugen.
       Ein Mindesteinkommen  sei aber nur die halbe Lösung: Es sei frag-
       lich, ob  damit ein Lebensniveau oberhalb des Existenzminimums zu
       sichern sei;  und sinnvolle Tätigkeit werde damit auch noch nicht
       ermöglicht. Man müsse also weitergehen und einen Teil der Versor-
       gung über  die Ergebnisse von Eigenarbeit, unter Ausschaltung des
       Marktes, sichern. Dazu müsse die Sphäre der Eigenarbeit gefördert
       und "zumindest  den gleichen Kriterien sozialer Gerechtigkeit un-
       terstellt werden" wie der formelle Sektor (358).
       Offe konkretisiert  dieses Konzept nicht weiter, legt keine Über-
       legungen zu  seiner Durchsetzung gegen konträre Kapitalinteressen
       vor und  weist auch nicht auf bestimmte soziale Träger derartiger
       Umgestaltung hin.  Ohnehin sei  hier als ein zentraler Denkfehler
       die kurzschlüssige  Weise benannt, in der den Gewerkschaften (und
       im weitesten Sinn der Arbeiterbewegung) jede Fähigkeit zur Durch-
       setzung einer  eigenen Alternativstrategie abgesprochen wird. Ar-
       beitszeitverkürzungen seien  nur gegen  Lohnverzicht zu bekommen;
       den dazu  notwendigen Altruismus  der Beschäftigten  könne  keine
       Großorganisation mobilisieren. Die Beschäftigten seien so gut mit
       Freizeit versorgt,  daß mehr  davon nicht für alle attraktiv sei;
       und die  Nichtbeschäftigten stünden außerhalb der Gewerkschaften.
       Diese Hinweise  auf -  reale! - Probleme der Strategiebildung und
       -durchsetzung der  Arbeiterbewegung reichen  Offe aus, um sie als
       Kraft sozialer Alternativen zu vernachlässigen. (K.M.)
       
       Thomas Ebermann/Rainer  Trampert: Die Zukunft der Grünen. Ein re-
       alistisches  Konzept  für  eine  radikale  Partei,  Hamburg  1984
       (Konkret Literatur Verlag), 288 S.
       Gegenstand des  Buches sind  Schilderungen der ökologischen Krise
       und ihrer Auswirkungen auf Arbeits- und Lebensweise, der ökonomi-
       schen Krise des kapitalistischen Systems und ihrer Folgen für die
       Bevölkerung der  entwickelten kapitalistischen Länder und für die
       Völker der  Dritten Welt,  schließlich der  Zuspitzung der Wider-
       sprüche und  Deformationsprozesse mit der kapitalistischen Anwen-
       dung der  neuen Technik  heute und  in der Zukunft. Ein Abschnitt
       ist den Beziehungen von neuen sozialen Bewegungen und Arbeiterbe-
       wegung gewidmet  (116-152). Dies  macht quantitativ  den  größten
       Teil des  Buches aus. In einem Kapitel (194-241) wird der Versuch
       einer theoretischen  Positionsbestimmung unternommen. Ein Schluß-
       kapitel (242-280)  stellt die Entwicklungsprobleme der Grünen und
       die politische Position der Autoren dar.
       Insgesamt geht  es um  den Versuch einer zusammenhängenden Darle-
       gung der  theoretischen und politischen Positionen jener Strömung
       innerhalb  der  Partei  der  Grünen,  deren  Vertreter  sich  als
       "Ökosozialisten" bezeichnen.  Dabei wird  vor allem  die Konkurs-
       masse der  inzwischen eingestellten  Zeitschrift "Moderne Zeiten"
       (MOZ) mobilisiert,  in der  versucht worden war, diese Positionen
       zu entwickeln.  Die Verfasser  sind bekannte  politische Sprecher
       dieser Gruppierung.  Für die  "tieferen"  theoretischen  Passagen
       dürfte der  ausgeschilderte geistige Pate, der frühere MOZ-Redak-
       teur F.O. Wolf, die Urheberschaft beanspruchen dürfen.
       Die gut  lesbare Kolportage  der gängigen Ökologie-, Dritte-Welt-
       und Sozialproblematik hat dem Buch eine relativ große Resonanz in
       der Linken beschert, was u.a. auch auf den Nachholbedarf an poli-
       tischem Feuilletonismus  verweist, aber  auch aufschlußreich  für
       das gegenwärtige  Problembewußtsein ist.  Originalität können die
       Autoren hier  für die  flotte Art  der Präsentation beanspruchen.
       Wer fundierter Information bedarf, sollte von vornherein nach an-
       deren Titeln  und Autoren  greifen, an denen es auch im marxisti-
       schen Lager keinen Mangel gibt.
       Das Buch  verdient vor allem Interesse als ideologischer Ausdruck
       einer Strömung,  die sich,  z. T. vom Neomarxismus kommend, heute
       um eine Art Brückenschlag zwischen ökologischen und sozialen Pro-
       blemen, zwischen  "neuen sozialen  Bewegungen" und  Arbeiterbewe-
       gung, zwischen Grünen und Gewerkschaften bemüht, freilich mit dem
       Anspruch, der  Arbeiterbewegung politisch auf die Sprünge zu hel-
       fen. So,  wenn die Autoren die Gefahr der Entmachtung der Gewerk-
       schaften im  Zuge der  Durchsetzung eines "postfordistischen Pro-
       duktionsmodells" an  die Wand  malen und zur Feststellung kommen:
       "Dann wären  die neuen  sozialen Bewegungen zum historisch einzig
       relevanten Träger auch noch des proletarischen Klassenkampfes ge-
       worden" (152).  Das muß natürlich auf die Dauer selbst für Neoti-
       tanen zu viel werden.
       Trotzdem: Bei allen Schwächen und überzogenen Ansprüchen ist dies
       für das  Lager der  Grün-Alternativen gegenwärtig eine zweifellos
       vorwärtsweisende Tendenz,  da sie  die ökologische Kritik und den
       Protest gegen  die Deformationen  und die Lebensweise des Systems
       mit der marxistischen Kapitalismuskritik in Verbindung bringt.
       Gleichwohl steht  neben dem  Anknüpfen an  Aussagen der marxisti-
       schen Theorie  die dezidierte  Revision von  wesentlichen und ihr
       unverzichtbaren Positionen,  womit sich die Autoren in Widersprü-
       che verstricken und ihre Argumentation vom Standpunkt einer theo-
       retischen Kritik  zum Ärgernis  wird. Das Anknüpfen an die marxi-
       stische Theorie besteht im Beibehalten des materialistischen Pri-
       mats der  Produktion und ihrer Strukturen für die gesellschaftli-
       che Totalität  und den  Charakter der  Gesamtgesellschaft. Daraus
       folgt die  zutreffende Orientierung,  daß eine grundlegende Ände-
       rung der Gesellschaft mit der Umgestaltung der Produktion verbun-
       den und von den Massen der Produzenten getragen sein muß. Der Ka-
       pitalismus tendiere  zur Vernichtung  der Existenzgrundlagen  der
       Gesellschaft, der  lebendigen Arbeit und der Natur. Diese Tendenz
       habe mit dem heutigen Entwicklungsstand der Produktivkräfte einen
       solchen Realisierungsgrad  erhalten, daß die Existenz der Mensch-
       heit bedroht sei.
       Die Revision  der marxistischen  Theorie erfolgt  jedoch mit  der
       Aufhebung der  Dialektik von Produktivkräften und Produktionsver-
       hältnissen als  Grundlage der  Bestimmung des  Charakters und der
       Widersprüche der  kapitalistischen Warenproduktion  und Produkti-
       onsweise und  der Vereinseitigung der Kapitalismuskritik als Kri-
       tik der  "stofflichen Seite" der Produktion. Die Arbeitsprozesse,
       die Technik  rücken damit ins Zentrum. Die sozialökonomischen Zu-
       sammenhänge, die ihre Antriebe, Widersprüche, Funktionen und Wir-
       kungen bestimmen,  werden verdünnt  und in der Tendenz ausgeblen-
       det. Der  Kern der Produktionsverhältnisse, die Eigentumsverhält-
       nisse, rücken  an den Rand, und Kapitalismus und Sozialismus wer-
       den gleichermaßen - da sich aus der Sicht der Autoren Arbeitspro-
       zesse, Technik, Produkte etc. empirisch nur wenig unterscheiden -
       und mit gleicher Elle Gegenstand der Kritik.
       Es versteht  sich, daß  die Autoren mit der Marxschen Analyse von
       Technik, Maschine,  Produktivkräften nicht  viel anfangen können,
       sie deshalb  für korrekturbedürftig  halten (230) und offensicht-
       lich generell keinen Begriff davon haben, was denn nun unter Pro-
       duktivkräften zu  verstehen ist.  Letztere lassen sich eben nicht
       unter ihrer gegenständlichen Seite abhaken, sondern ihr wesentli-
       ches Moment ist der Werktätige als Träger der lebendigen Arbeit.
       Nicht verwundern kann es auch, daß unter diesen Blickwinkeln Dar-
       stellungen zur  Geschichte des Klassenkampfes im Kapitalismus und
       zur Arbeiterbewegung  recht verzerrt und einseitig ausfallen (116
       ff.). Unter  dem Gesichtspunkt  der "stofflichen  Gestalt der ge-
       sellschaftlichen Arbeit"  muß den  Autoren die noch handwerkliche
       Arbeiterklasse in  romantischer Verklärung erscheinen und die Er-
       kenntnis der  dynamischen und progressiven Rolle des modernen In-
       dustrieproletariats verstellt  bleiben. Ihnen  ist offensichtlich
       auch nicht aufgegangen, daß sich seit Anbeginn der Kampf zwischen
       Lohnarbeit und  Kapital nicht  nur um die Lohnhöhe dreht, sondern
       gleichermaßen auch  um den  Umfang und  die Art und Weise der Ab-
       pressung der  Mehrarbeit, die  Arbeitsintensität usw. Gerade des-
       halb hatte der revolutionäre Flügel der Arbeiterbewegung z.B. ge-
       gen die  Rationalisierung der  20er Jahre,  gegen den Taylorismus
       usw. eine  grundsätzlich kritische  Haltung - was den Autoren al-
       lerdings nicht in ihr Schema paßt und deshalb ignoriert wird.
       Diese Argumentation  hat deshalb  mehr als  periphere  Bedeutung,
       weil der kommunistischen Arbeiterbewegung, Marx und dem Sozialis-
       mus eine  Art Produktivitätsfetischismus angedichtet wird, der im
       Zusammenhang mit  einer unkritischen  Technikbejahung stehe.  Ein
       bißchen Studium  des realen  Sozialismus, seiner  Geschichte  und
       seiner Probleme,  hätte hier  durchaus erkenntnisfördernd  wirken
       können. Denn zum einen war und ist die Steigerung der Arbeitspro-
       duktivität die Frage des Überlebens im Kampf der Gesellschaftssy-
       steme und  der Schlüssel  zur Entfaltung des materiellen und gei-
       stigen Reichtums der Gesellschaft, und zum anderen muß dies unter
       völlig neuen sozialen Verhältnissen realisiert werden.
       Wie schon  betont, halten  die Autoren  an der primären Rolle der
       Produktion fest  und stehen  deshalb auch den Konzepten der Dual-
       wirtschaft als  Wegen der  Emanzipation kritisch gegenüber. Frei-
       lich wenden  sie sich auch gegen eine Entfaltung des Produktions-
       sektors unter  dem Primat  der Ökonomie der Zeit. Sie treten hier
       eher für  eine Art  Blockade als  für eine  Alternative ein.  Das
       macht Konsumverzicht notwendig. Dieser solle nun nicht despotisch
       mit Hilfe  des Staates durchgesetzt werden - denn immerhin ist es
       ihre "fundamentalste",  wenn  auch  kaum  theoretisch  begründete
       "Überzeugung", daß  mit dem  Staat Emanzipation  nicht zu  machen
       sei. Und wo nun weder die materiellen Interessen noch die politi-
       sche Macht  zu Triebkräften eines Fortschritts werden können, muß
       man sich  auf die  Suche nach wirklich radikalen und systemspren-
       genden Bedürfnissen  machen: "Der Wunsch nach Universalität, nach
       einem sinnlichen  und ästhetischen Verhältnis zur Natur, nach ei-
       nem gemeinsamen, konkurrenzfreien Erleben und Genießen, alles das
       sind solche  radikalen Bedürfnisse." "Dieses Bedürfnisse sprengen
       den Rahmen  des Kapitalismus..."  (225). Das Subjekt der Verände-
       rung wird  hier individualisiert,  von der Klassenproblematik ge-
       löst, und  Kapitalismuskritik wird zur gang und gäben Kultur- und
       Zivilisationskritik.
       An anderer Stelle heißt es: "Nur wenn es gelingt, eine politische
       Option auf  ein gemütliches,  sinnerfülltes,  kreatives  Arbeiten
       ohne Hierarchie  zu entwickeln, ... könnte ein Veränderungs-, ein
       Umwälzungsmotiv, auch aus ökologischen Gründen formuliert werden,
       das nicht  ständig an  die Schranken der unmittelbaren Versorgung
       stößt" (227).  Wo also A. Gorz von der Antinomie seiner Dualwirt-
       schaft ausgeht,  ebnen die Autoren die Unterschiede mit deutscher
       Gemütlichkeit ein. Die Marxsche Fassung, daß auf einer bestimmten
       Stufe der Entwicklung die freie Entfaltung der Individualität Be-
       dingung und  Maßstab der  Produktion wird,  was den  Menschen die
       Produktion, ihren  Stoffwechsel mit  der Natur,  unter den  ihnen
       würdigsten Bedingungen zu vollziehen gestattet unter Durchsetzung
       der Ökonomie  der Zeit,  wird von  den Autoren ohnehin ignoriert.
       Dies nicht  aus Vergeßlichkeit, sondern weil sie nicht verstehen,
       daß eben  die Blockierung dieser Tendenz im Kapitalismus die Fes-
       selung der Produktivkräfte durch die Produktionsverhältnisse ist.
       Ist es schon verwunderlich, daß man in dem ganzen Buch vergeblich
       nach einer wissenschaftlichen Bestimmung des Begriffes der ökolo-
       gischen Krise  suchen muß  - ganz  im Gegensatz  zur gehaltvollen
       Studie des  Marxisten Edgar  Gärtner von 1979 (Arbeiterklasse und
       Ökologie), dessen Positionen sie unsauber und entstellend wieder-
       geben -  übrigens war  E. Gärtner in der BRD der erste Autor, der
       den Zusammenhang  von Umwelt-  und Arbeitsproblemen wissenschaft-
       lich aufgearbeitet und, wenn man so will, ökosozialistische Posi-
       tionen formuliert  hatte -, so gleitet ihnen das Problem des wis-
       senschaftlichtechnischen Fortschritts  und seiner  widersprüchli-
       chen Durchsetzung  im Kapitalismus  völlig aus  den Händen. Ihnen
       kommt es  nicht in den Sinn, daß die hilflosen Reaktionen auf die
       Umweltprobleme auch mit der widersprüchlichen und durch Profitin-
       teressen gehemmten  und ungleichmäßigen Entwicklung von Forschung
       und Wissenschaft  zusammenhängen könnten.  Statt dessen geben sie
       als überhistorische Maxime "einen eskalierenden Vorsprung von an-
       gewandten Möglichkeiten menschlicher Produktion gegenüber den Er-
       kenntnissen ihrer Folgewirkung" (197) aus.
       Das Kapitel  über die "Zukunft der Grünen", 1984 geschrieben, mu-
       tet ein  Jahr später  schon wie  der Schnee von gestern an. Nicht
       zuletzt liegt  die Ursache  dafür im  Fehlen einer Bestimmung des
       sozialen Standorts  und der  möglichen Verankerung  der Grünen in
       der westdeutschen Gesellschaft. Das Herumstochern in der Demosko-
       pie von  Noelle-Neumann oder der Konrad-Adenauer-Stiftung ist da-
       für nur  ein mäßiger  Ersatz. Man  mag in  Schönwetter- und  Auf-
       schwungsperioden darüber  hinwegsehen können,  beim  Stimmungsum-
       schwung wird dieser Mangel jedoch gravierend.
       Die Autoren realisieren zwar schon damals, daß für die Grünen mit
       einer SPD  in der  Opposition eine  neue Lage entstanden ist. Sie
       unterschätzen aber  nicht nur  deren Potenzen  und  Attraktivität
       auch für  die Anhänger der Grünen, sondern engen die Probleme der
       Auseinandersetzung auch  zu stark  auf die parlamentarische Ebene
       ein. Im Unterschied zu anderen Gruppierungen der Grünen vergessen
       sie allerdings nicht, daß der Kraftquell der Grünen die außerpar-
       lamentarischen Bewegungen waren. Es muß jedoch bezweifelt werden,
       ob der  "Angriff auf  die stoffliche  Seite der  Produktion,  der
       Nachweis  der  verheerenden  Wirkungen  der  heutigen  Produktiv-
       kraftentwicklung" (280)  ein auf  Dauer ausreichender Schwerpunkt
       einer radikaldemokratischen linken Gruppierung sein kann.
       Zu den  Merkwürdigkeiten dieser Positionsbestimmung des Ökosozia-
       lismus gehört  es, daß  Friedensproblematik und  Friedensbewegung
       fast völlig ausgeblendet bleiben. Ein nur taktisches Kalkül? Oder
       fordert die  Einseitigkeit des  "stofflichen Ansatzes" mit Reali-
       tätsverlust ihren  Tribut? Denn am Platzmangel kann es wohl nicht
       gelegen haben. (H.J.)
       
       Oskar Lafontaine,  Der andere  Fortschritt.  Verantwortung  statt
       Verweigerung, Hamburg (Hoffmann u. Campe) 1985, 222 S.
       Es ist  nicht das  erste Mal,  daß Oskar  Lafontaine sich als Zu-
       kunftsdenker der  Sozialdemokratie vorstellt, aber diesmal sollte
       es etwas  Besonderes werden,  mit umfassendem  Anspruch: Was hier
       auf 222  Seiten niedergeschrieben  ist, ist  eine programmatische
       Schrift. Es ist ein Manifest des Ökoreformismus.
       "Die Industriegesellschaft  ist an  ihre Grenzen  gestoßen" (11),
       konstatiert Lafontaine  und stellt dieser Diagnose einen anderen,
       neuen Fortschrittsbegriff gegenüber. "Es gibt also jenseits allen
       Streits und  jenseits aller  oberflächlichen Taktiererei  für die
       Politik der Sozialisten und Ökologen einen fundamentalen Schnitt-
       punkt: das  Eintreten für  die Selbstbestimmung  des  arbeitenden
       Menschen. Der andere Fortschritt hat einen Namen: Ökosozialismus.
       Er verbindet  den Kampf gegen die Ausbeutung des Menschen mit dem
       Kampf gegen  die Ausbeutung der Natur." (188) Dies zu realisieren
       - das  ist für ihn die große Herausforderung an die SPD. "Wer dem
       anderen Fortschritt  zum Durchbruch  verhelfen will,  muß der SPD
       zum Umbruch  verhelfen. Der andere Fortschritt braucht die andere
       Partei..." (217).
       Lafontaine, dem  gelegentlich Erhard  Eppler  über  die  Schulter
       schaut, macht  sich zum  Wortführer der  derzeit stärksten linken
       reformistischen Strömung  in der  SPD. (Es ist, auch wenn er sich
       anders nennt,  ein Öko-Reformismus.)  Mehr als andere reformisti-
       sche Strömungen  begegnet sie  Marx mit Skepsis, nutzt ihn allen-
       falls selektiv, als "allgemeinmenschlichen" Theoretiker (49) oder
       gar als Kronzeugen gegen Verstaatlichung (165 f.), tadelt ihn als
       kritiklosen Wissenschafts- und Technik-Verherrlicher (213), defi-
       niert sich  sehr viel weniger mit positivem Bezug zur Arbeiterbe-
       wegung und  ihren Traditionen, stellt den Auswüchsen des Imperia-
       lismus ein  ethisch-moralisch begründetes  Idealbild des Menschen
       gegenüber  und   brandmarkt  seine   Exzesse  als  Auswüchse  von
       "Industrialismus" und "Blocklogik", stützt sich auf die christli-
       che Ethik  Albert Schweizers  (17) und auf eine eklektische Samm-
       lung von  Theoretikern: Strasser,  Traube, Rousseau,  Fromm, Mea-
       dows, Marcuse,  Nell-Breuning, Senghaas,  Bahro, Lafargue,  Gorz,
       Offe, K.-H. Flach, um nur einige aus der bunten Reihe zu nennen.
       Lafontaines Buch  will keine wissenschaftliche Studie sein - hier
       geht es  über Strasser oder Offe kaum hinaus -, es ist eine poli-
       tische Kampfschrift für die Erneuerung der SPD. Die "Realpolitik"
       der "Macher" ist gescheitert: Bei diesen wird das "vorhandene Sy-
       stem. .  . nicht  grundsätzlich in Frage gestellt, sondern ausge-
       bessert, also grundsätzlich bejaht. Zugegeben, auch diese Politik
       birgt in  sich ein gewisses Maß an Dynamik ... Bloß hat eine sol-
       che Politik  nicht mehr die Richtung im Auge, in der sich die Ge-
       sellschaft verändern sollte, eine solche Politik ist in ihrem We-
       sen konservativ"  (210). Helmut Schmidt und sein Ideologe Popper,
       sie stehen  für den "Verlust der Utopie" (214) durch die SPD. Sie
       muß die  kritischen Impulse  der neuen  sozialen Bewegungen,  der
       Friedensbewegung, der Grünen aufnehmen, auf deren Bedingungen und
       Wünsche eingehen,  die von  ihnen benannten Konfliktfelder ernst-
       nehmen -  insofern reflektiert  der Ökoreformismus  den Druck der
       außerparlamentarischen Bewegungen auf die SPD und wird wirksam in
       fortschrittlichem, veränderndem  Sinne. Man  darf bezweifeln,  ob
       die SPD ohne diese Bewegungen zur Aufnahme lange vernachlässigter
       Probleme und  Fragestellungen in  der Lage gewesen wäre. Man kann
       sich an den zehn Fingern ausrechnen, was passiert, wenn der Druck
       nachläßt.
       Aber da ist natürlich auch die integrative Seite des Ökoreformis-
       mus. Eine  dauerhafte Spaltung der Gesellschaft in Arbeitende und
       Arbeitslose hält Lafontaine für nicht verkraftbar. Die Marktwirt-
       schaft muß  bleiben, aber  sie muß sozial kontrolliert und ökolo-
       gisch reformiert werden. Eine große Koalition kann das nicht, sie
       schafft nur  neue Polarisierung (47). Was gebraucht wird, ist ein
       von der  SPD geführtes  Bündnis zwischen  ihr, die  "Volkspartei"
       bleiben und  rechte Wähler  auffangen muß, mit den neuen sozialen
       Bewegungen (202),  parlamentarisch: eine  Koalition zwischen  SPD
       und Grünen  (215 ff.).  Lafontaine führt vor, wie Grundmuster der
       Alternativbewegung in ein sozialdemokratisches Reformkonzept ein-
       gebaut werden.
       Zentrales Thema des Buches ist die Wirtschafts- und Sozialpolitik
       - auch  eine Kernfrage  der  SPD-Programmdiskussion.  Die  Arbeit
       bleibt der  Schlüsselbegriff (155); um ihre Zukunft geht es. Vor-
       rangige Bedeutung  wird auch  weiterhin die  Erwerbsarbeit haben,
       daran läßt  Lafontaine keinen  Zweifel, aber sie soll durch einen
       institutionell anerkannten  und sozial  abgesicherten informellen
       Sektor ergänzt  werden. Hier  beruft er  sich auf das Konzept der
       Dualwirtschaft, wie  es Offe in seinem Buch "Arbeitsgesellschaft:
       Strukturprobleme und  Zukunftsperspektiven"  entwirft  (183).  Es
       geht um das Recht auf "selbstbestimmte Produktion" (182, 184).
       Lafontaine versäumt  nicht den  ausdrücklichen Hinweis,  wie  man
       dieses Ziel   n i c h t  erreicht: Verstaatlichung und Vergesell-
       schaftung sind  Irrwege, sie  wechseln nur  die  Machteliten  aus
       (166). Als  Beweis führt  er die  sozialistischen Länder an; hier
       wird die  - z.T.  an Bahro anknüpfende Darstellung - extrem ober-
       flächlich, gibt sich mit den dümmsten antikommunistischen Stereo-
       typen zufrieden.  Zwischen der verbürokratisierten Partei und ei-
       ner kapitalistischen  Aktionärsversammlung vermag Lafontaine kei-
       nen Unterschied  zu entdecken  (162). Es mischen sich sozialdemo-
       kratische Konvergenztheorie  und  grün-alternative  Industrialis-
       muskritik. Lafontaine  geht es nicht um eine ernsthafte Bewertung
       der sozialistischen  Länder; die  Funktion seiner Polemik ist die
       Denunzierung gesellschaftlicher  sozialistischer Alternativen für
       die BRD. Daher auch seine rigide Abgrenzung von der DKP (216).
       Welche Wege  schlägt Lafontaine  nun vor? Er nennt: Humanisierung
       der Arbeit,  Demokratisierung der  Wirtschaft, jedoch nicht durch
       Aufhebung des  Privateigentums an  Produktionsmitteln; Mitbestim-
       mung (120  ff.). "Den wirtschaftlichen Fortschritt verbürgt heute
       noch am ehesten eine staatlich überwachte Marktwirtschaft." (176)
       Die großen  Netze sollen  bleiben, aber durch kleine ergänzt wer-
       den.
       Damit ist  die Frage nach dem Sozialstaat aufgeworfen. Lafontaine
       konstatiert  eine   durch  die  "Wachstumskrise"  hervorgebrachte
       "Krise des  Sozialstaates", der  durch "strukturelle Reformen" zu
       begegnen ist  (111). Das  heißt: Der  Sozialstaat soll verteidigt
       werden (113). Doch gleichzeitig gilt: Der andere Fortschritt for-
       dert auch  Verzicht, wie Jo Leinen über Lafontaines Buch schreibt
       ("Die  Neue   Gesellschaft/Frankfurter  Hefte",  4/85,  S.  381).
       "Weniger konsumieren,  mehr  bewahren",  schlägt  Lafontaine  vor
       (90). Gegen  eine andere, sinnvollere Bedürfnisstruktur wird kein
       Linker etwas  einwenden wollen - aber mit den Mitteln staatlicher
       Administration? Verteuerung der Energieträger für den Verbraucher
       (101), Arbeitszeitverkürzung  ohne Lohnausgleich  (89) - auch das
       gehört zu  Lafontaines reichhaltigem  Programm. Zusätzlich bietet
       er Bürokratiekritik  und mehr "Menschlichkeit", die nichts kostet
       (106 ff.).
       Lafontaine hat völlig recht, daß es auf die alte Weise nicht wei-
       tergehen kann,  daß die  alte Gleichung:  Mehr Wachstum, mehr Rü-
       stung und  mehr Weltmarktexpansion gleich mehr Wohlstand und mehr
       Sicherheit nicht  mehr aufgeht, wenn sie im Gewand des Glotzschen
       Modernisierungskonzepts auftritt.  Aber seine  Alternativen  sind
       zwiespältig: Teils verweisen sie den Bundesbürger der Zukunft auf
       seine individuelle  Eigenverantwortlichkeit, und  dann können sie
       auch von  Modernisierungskonzepten integriert  werden -  oder sie
       enthalten positive Reformforderungen, aber keine antimonopolisti-
       sche Durchsetzungsstrategie.  An keiner  Stelle wird klar gesagt,
       gegen wen  und wie  sie erkämpft  werden sollen.  Hier fangen die
       Aufgaben für die Linke erst an. (J.R.)
       
       Joseph Huber, Die Regenbogen-Gesellschaft. Ökologie und Sozialpo-
       litik, Frankfurt/M. (Fischer-Verlag) 1985, 280 S.
       Der Autor,  bekannt geworden  durch Veröffentlichungen  und  Auf-
       tritte im  Zusammenhang der Alternativbewegung, verficht seit ei-
       nigen Jahren  das Ziel einer "ökologischen Modernisierung der In-
       dustriegesellschaft"; in  seiner jüngsten Schrift legt er vor al-
       lem dar,  wie in diesem Projekt das  S o z i a l s y s t e m  um-
       gebaut werden soll.
       Hubers Modernisierungskonzept  geht davon aus, wir seien nach dem
       ö k o n o m i s c h e n   A u f b a u   der Industriegesellschaft
       in den  vergangenen 150-200  Jahren nun  am Beginn  ihres  ö k o-
       l o g i s c h e n   U m b a u s  angelangt. Dabei gebe es zur ka-
       pitalistischen Marktwirtschaft  weltweit keine Alternative, eben-
       sowenig zu ihrem "siamesischen Zwilling", dem Sozialstaat. Um die
       Lösung der  ökologischen Probleme  stünden wir  in einem Wettlauf
       mit der Zeit. Da die "eigentlichen Zugpferde in diesem Wettlauf -
       die Unternehmen,  die Konzerne  der Großindustrie, die Banken und
       die Regierungen"  - noch  nicht so recht spuren, sollen sie durch
       ein Bündnis  von  Ökologiebewegung  und  "neuen,  intelligenteren
       Industrieabteilungen"  auf   Trab  gebracht  werden  (181,  184).
       Unverzichtbar für diesen Wandel sei ein "starker Staat", der For-
       schung und  Entwicklung fördere, Umstrukturierung vorantreibe und
       durch hohe Preise auf Umweltbelastung den Wandel beschleunige.
       Ziel sei  "qualitatives Wachstum";  Huber definiert es in Abgren-
       zung gegen  sozialdemokratisch-gewerkschaftliche  Konzepte  einer
       Ausweitung sozialer  Infrastruktur  als  Verlängerung  bisheriger
       Konsummodelle: "Mit weniger Rohstoffen, weniger Energie und weni-
       ger Umweltbelastung  soll ...  genauso viel  und sogar noch mehr,
       und dieses obendrein noch besser produziert werden." (15) Die ma-
       terielle Möglichkeit  dafür biete der naturwissenschaftlich-tech-
       nische Fortschritt v.a. mit Informations- und Biotechnologien; er
       garantiere "sauberes Wachstum". Soziale Voraussetzung sei die de-
       moskopisch festgestellte  Bereitschaft der  Bevölkerungsmehrheit,
       für einen ökologischen Umbau Opfer zu bringen.
       Konsequenterweise  sind   alle  sozialpolitischen  Alternativvor-
       schläge dann  auf das  Ziel bezogen, Gewinnsituation, Kapitalaus-
       stattung und  Investitionsimpulse der  Unternehmen zu stärken und
       die abhängig Beschäftigten zu unternehmerischem Bewußtsein zu mo-
       tivieren. Eingebunden  wird dies  in eine "ökologisch" begründete
       Gemeinwohlverpflichtung der  Bevölkerung zu  einer  "aufgeklärten
       Ethik des  Dienens" an  Mitmensch und  Natur (33). Formierung auf
       ein fragloses Gesamtinteresse hin und Privatisierung sozialer Ri-
       siken und  Leistungen sind  die Grundlinien des projektierten Um-
       baus. Als seine zentralen Elemente seien die folgenden angeführt.
       - "Gemeinnütziger Pflichtdienst"  für beide Geschlechter, ein bis
       drei Jahre lang, wahlweise militärisch oder zivil in gemeinnützi-
       gen privaten  oder öffentlichen Einrichtungen, nicht regulär ent-
       lohnt, nur angemessen entschädigt (170 ff.).
       - Umstrukturierung des  Steuersystems: Löhne und v.a. Gewinne we-
       niger belasten,  Investitionen und  Sparen fördern,  Erhöhung von
       Grund- und  Grunderwerbsteuern sowie Mehrwertsteuer (mit Zuschlag
       für ökologisch  problematische Güter);  Schaffung von  Rohstoff-,
       Energie-, Abfall-, Abwasser- und Emissionssteuern, die selbstver-
       ständlich auch  die privaten  Haushalte treffen;  Wertschöpfungs-
       steuer auf die Unternehmenserträge (195 ff.).
       - Flexibilisierung der  Beschäftigungsverhältnisse. Stärkung  des
       unternehmerischen Charakters  teilautonomer  Arbeitsgruppen,  die
       festgelegte Aufgaben übernehmen. Ausweitung der Lebensarbeitszeit
       für Jugendliche  und Alte,  Gleichstellung der  Frauen in der Ar-
       beitswelt -  entsprechende Arbeitszeitverkürzungen mit eher über-
       proportionaler Einkommenskürzung. Schwankung der Löhne und Gehäl-
       ter mit  der Ertragslage  des Unternehmens.  Zahlung nur noch für
       die Zeit, in der real gearbeitet wird (189 ff, 219 ff.).
       - Umbau  der sozialen  Sicherungssysteme, der die Unternehmen von
       Personalkosten  entlastet,   Arbeit  "billiger"   macht  und  die
       "personale Verantwortung" der einzelnen in den Mittelpunkt rückt.
       Eine staatliche  Grundrente von heute 600 bis 800 DM wird ergänzt
       durch eine  Rente aus  individuellen Beiträgen.  Dazu werden auch
       nicht erwerbstätige  Erwachsene herangezogen;  die Höhe der Rente
       wird von  der bisherigen  Bindung an die Einzahlungen gelöst, be-
       rücksichtigt mehr  die Dauer  des  Arbeitslebens  (einschließlich
       Kinder- und  Altenbetreuung). Darüber  hinaus ist Alterssicherung
       über private Versicherungen Sache des einzelnen (223 ff.).
       - Damit wird der Weg zu einem allgemeinen Grund- oder Mindestein-
       kommen eingeschlagen,  das Arbeitslosen-  und Sozialhilfe ablöst.
       Es soll  ein Überlebensminimum  bieten (gegenwärtig  etwa 6000 DM
       pro Jahr)  und von  der Prüfung  der  Arbeitswilligkeit  abhängig
       sein. Bis  zur Höhe  von ca.  15 000 DM Jahreseinkommen wird eine
       Negativsteuer eingeführt,  die staatliche  Hilfszahlungen  garan-
       tiert; darüber  setzt allgemeine  Einkommensteuer  an.  Derartige
       "duale Einkommensstruktur"  soll Leistungs-  und Erwerbsorientie-
       rung mit Schutz vor absoluter Armut kombinieren (226 ff.).
       - Umwandlung der Gewerkschaften in selbständige öffentlich-recht-
       liche Körperschaften  mit Zwangsmitgliedschaft; verbindlicher In-
       vestivlohn für  alle; Schaffung  einer erweiterten  Konzertierten
       Aktion für  alle Verteilungsfragen, die die soziale Selbstverwal-
       tung, Verbraucher- und Umweltschutzverbände einschließt (218, 232
       ff.).
       - Sanierung des  Krankenversicherungssystems durch  Einschränkung
       der medizinischen  Leistungen, Selbstbeteiligung  der  Patienten,
       Beitragspflichtigkeit aller Erwachsenen, Wettbewerb verschiedener
       Anbieter, die geringe Inanspruchnahme und "gesunde Lebensführung"
       honorieren, anderenfalls Zusatzkosten aufbürden (237 ff.).
       - "Entschulung" des  Bildungssystems  durch  Kürzung  der  Schul-
       pflicht auf  das 12.  bis 14.  Lebensjahr  und  Beschränkung  des
       Staats auf  Rahmenkontrolle beliebiger Anbieter von Schulleistun-
       gen. Jenseits  der  Schulpflicht  finanzielle  Selbstbeteiligung,
       Stipendien nur  noch als  Darlehen. Verschiebung der Angebote auf
       betriebliche Qualifizierungssysteme,  auf deren Eingangsprüfungen
       man sich  durch Privatlehrer, Fernkurse und Medienunterricht vor-
       bereitet (244 ff.).
       - Weitgehende Privatisierung  im Bereich  öffentlicher Leistungen
       (Bildung, Post, Eisenbahn, Elektrizität. Gas, Wasser, Müllabfuhr,
       Arbeitsvermittlung sowie viele kommunale Betriebe) (250 ff.).
       Huber rechnet  die ökonomischen  Folgen  dieser  Umstrukturierung
       nicht aus.  Während die entlastende Wirkung bei Privatkapital und
       Staat offenbar  ist, bleibt die Zusatzbelastung der Lohn- und Ge-
       haltsempfänger sowie der Steuerzahler und Rentner im dunkeln. Die
       relative Verschlechterung ihrer Lage sieht der Autor jedoch mehr-
       fach gerechtfertigt.  Sozialpolitik sei stets die Folge von Wohl-
       stand, sie müsse daher in einer Stagnationsphase auch einmal ein-
       geschränkt werden.  Ihre Aufgabe  sei heute weder Beseitigung von
       Armut noch vorrangig Dämpfung von Klassenkonflikten oder Beseiti-
       gung von  Arbeitslosigkeit. Wir  stünden vor  einer neuen "langen
       Welle" des  Aufschwungs, die  viele aktuelle  Probleme dieser Art
       lösen werde.  Die "neue soziale Frage" habe vor allem zwei Dimen-
       sionen. Es  gehe um die Umverteilung von Arbeit und Lebenschancen
       zugunsten von  Frauen, Jugendlichen  und Alten,  zu Lasten bisher
       privilegierter "Hauptverdiener" (220). Im weiteren gehe es um die
       Stärkung der  Lebenswelt der  Individuen gegenüber dem System von
       Wirtschaft und Staat (64).
       Die Berufung  auf die  Stärkung personaler Verantwortlichkeit und
       Dispositionsmöglichkeit gegenüber den Sozialbürokratien ist nicht
       nur ideologische  Begleitmusik. Sie macht umgekehrt die ideologi-
       sche Funktion  des sozialpolitischen Umbaus jenseits seiner Spar-
       funktion deutlich: Individualisierung soll vorangetrieben werden,
       um bei  allen das "mitunternehmerische Bewußtsein" zu stärken und
       die "voll  verantwortliche Einbeziehung  aller Erwerbstätigen und
       Konsumenten in den Systemzusammenhang" (S. 78) durchzusetzen.
       Hubers Buch ist eine politisch-ideologische Programmschrift, auch
       in den  begründenden und  problementfaltenden Passagen  nicht auf
       differenzierte, kritische  Analyse angelegt.  Er faßt vorliegende
       sozialpolitische Überlegungen  zusammen und  gibt ihnen  mit  dem
       Leitbild der  "Regenbogen-Gesellschaft" einen ideologischen Über-
       bau, der  eine sinnstiftende Perspektive vermitteln soll (19 f.).
       Mit dem  Anspruch, die vernüftigsten Elemente aus Konservatismus,
       Liberalismus und  Sozialismus zusammenzufassen,  präsentiert  der
       Autor sich  als Vordenker  über den Parteigrenzen - doch ist sein
       Gesamtkonzept für  Gewerkschaften und Sozialdemokratie unakzepta-
       bel (ganz zu schweigen von Marxisten!). Man dürfte den Adressaten
       allerdings auch nicht unter Experten der Sozialpolitik suchen. Er
       scheint mir eher unter jenen Multiplikator-Gruppen im intellektu-
       ell-publizistischen Bereich  zu finden, die in vergangenen Jahren
       (wie Huber  selbst) "grünen" Gedanken sich angenähert hatten. Die
       Zukunftseuphorie von Hubers "Regenbogen"-Projekt bietet ihnen den
       Anschluß an  sich wandelnde  Stimmungen und  Argumente  für  eine
       "öko-libertäre Wende". Dem gegenwärtigen Problembewußtsein in der
       Ökologiebewegung und  in weiten  Teilen der  grünen Partei stellt
       der   Autor    sich   gar    nicht   erst;   hier   dürfte   sein
       "Modernisierungs"-Vorschlag wenig Anklang finden. (K. M.)
       
       _____
       *) An der  Auswahl und  Besprechung der  Veröffentlichungen waren
       beteiligt: Heinz  Jung (H.J.),  André Leisewitz  (A. L.),  Kaspar
       Maase (K. M.), Jürgen Reusch (J.R. ).
       

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