Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       KEINE ZUKUNFT OHNE FRIEDEN
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       Jürgen Reusch
       
       1. Krieg  und Rüstung als größtes globales Problem - 2. Krieg und
       Frieden im  imperialistischen Zukunftsdenken - 3. Reaktionäre Zu-
       kunftstrends: Aufrüstung  und Destabilisierung  - 4.  Alternative
       Friedens- und Sicherheitspolitik
       
       Daß alle  Kräfte mobilisiert werden müssen zur Verhinderung eines
       Krieges und  zur Schaffung  einer Friedensordnung,  die nicht den
       Keim neuen  Krieges in  sich trägt,  bedarf keiner besonderen Be-
       gründung. Jedes  Nachdenken über die Zukunft, das Frieden und Ab-
       rüstung nicht einschließt, wäre Spiegelfechterei. Der Imperialis-
       mus hat erstmals in der Geschichte eine weltumspannende Totalität
       des Krieges  hervorgebracht und  dem Marxschen Hinweis vom mögli-
       chen "Untergang  der kämpfenden  Klassen" 1)  ganz neue Bedeutung
       gegeben: Entweder  ein Atomkrieg kann verhindert und der verhäng-
       nisvolle Trend  der Aufrüstung  umgekehrt werden,  oder die ganze
       Menschheit wird  zugrunde gehen. Genauer gesagt: Die Zivilisation
       wird aufhören  zu bestehen oder auf ein primitives Niveau zurück-
       geworfen.
       
       1. Krieg und Rüstung als größtes globales Problem
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       Die Dimension  von Krieg  und Rüstung hat sich in den vergangenen
       40 Jahren  zutiefst verändert.  2) Die  reale Nähe des Atomkriegs
       und die  Aufrüstung bilden  ein Problem, das die Lebensinteressen
       aller Völker  berührt, das  ihre gemeinsamen Anstrengungen erfor-
       dert und  das trotz aller Schwierigkeiten keinen Aufschub duldet.
       3) "Die  Menschheit befindet  sich nicht  zum erstenmal  in einer
       ernsten Problemsituation, Doch bisher waren das Probleme regiona-
       ler Natur, die nicht die ganze Menschheit betrafen... Die heutige
       Problemsituation ist  von globaler, totaler Natur. Hier kann kein
       Volk abseits bleiben, und eine Flucht ist ausgeschlossen." 4) Der
       massenhafte Mißbrauch von Wissenschaft und Technik für Zwecke der
       Destruktion -  nach UNO-Schätzungen  sind weltweit  von 2,5  Mio.
       etwa 850 000  Naturwissenschaftler und  Techniker mit Entwicklung
       und Produktion  von Rüstung  beschäftigt -  ist nicht neu. 5) Neu
       ist aber dessen menschheitsbedrohendes Ausmaß.
       Dieser Vorgang  wird von  nicht wenigen  Kritikern - durchaus zu-
       treffend -  als "pathologisch"  und "irrational"  bezeichnet. Wer
       allerdings auf die "Irrationalität" fixiert ist, übersieht leicht
       die Widersprüchlichkeit  eines Prozesses, in welchem sich der hi-
       storische Niedergang  der kapitalistischen Gesellschaftsformation
       ausdrückt. Marx  führte schon  1867 aus,  der Kapitalismus unter-
       grabe mit  fortschreitender Entwicklung  unvermeidlich  auch  die
       Springquellen allen  Reichtums, "die  Erde und  den Arbeiter". 6)
       Dieser Mechanismus,  die Lebensbedingungen  der  Gesellschaft  zu
       entwickeln und  sie dabei  zugleich zu untergraben, ist heute auf
       makabre Weise  perfektioniert. Der  kapitalistischen  Bedingungen
       unterworfene Fortschritt  gleicht damit  jenem "heidnischen  Göt-
       zen", "der  den Nektar  nur aus den Schädeln Erschlagener trinken
       wollte". 7)
       Es kann heilsam sein, die gläubigen Jünger der atomaren Abschrec-
       kung mit dieser Irrationalität zu konfrontieren, aber es wäre ein
       Irrtum, die  Ergebnisse von  Atomrüstung und  Krieg nur  aus  ir-
       rationalen Ursachen  herleiten zu wollen. Die scheinbare Irratio-
       nalität US-amerikanischer  Atomkriegsplanungen enthält  auch Ele-
       mente rationalen  Kalküls, die ihre Realisierung unter bestimmten
       Umständen verlockend erscheinen lassen können. Die Sternenkriegs-
       Vision, die lange gesuchte Klammer, die die Gesamtheit aller ein-
       zelnen Aufrüstungsmaßnahmen  zu einer  geschlossenen, aggressiven
       Strategie des militärischen Sieges über den Sozialismus verbinden
       soll, ist  auch der Mythos eines reaktionären zukünftigen Zivili-
       sationsmodells weltweiter  imperialistischer Herrschaft  und  hat
       eine sehr reale Grundlage.
       Anders ausgedrückt:  Die Sicherung  von Frieden und Abrüstung ist
       eine Gattungsfrage,  die jedoch auf exakt zu benennenden Klassen-
       interessen beruht.  8) Der  Initiator der  Rüstungseskalation ist
       der Imperialismus  mit seiner  Hauptkraft, den  USA; seine  Ziele
       sind: 1.  Der Versuch,  die antiimperialistische  Bewegung in der
       Dritten Welt zu stoppen, 2. Rohstoffe und Absatzmärkte zu sichern
       und 3. die Vernichtung des realen Sozialismus.
       Wenn  in  diesem  Zusammenhang  "die    S e l b s t vernichtungs-
       möglichkeit   des Menschen  als Gesellschaftswesen"  9)  apostro-
       phiert wird,  so wird  eben der  falsche Schein  mit der Realität
       verwechselt. Nicht   d e r    Mensch  kann  oder  will    s i c h
       s e l b s t   auslöschen, sondern eine kleine Minderheit terrori-
       siert mit dieser Drohung die große Mehrheit.
       Diese Drohung  erscheint jedoch, vor allem wegen ihres selbstmör-
       derischen Charakters  auch für  ihre Urheber,  so wahnwitzig, daß
       nicht wenige  Rüstungskritiker und  Politiker die  Warnungen  der
       Friedensbewegung vor  einem atomaren  Erstschlag der USA wie Kas-
       sandra-Rufe abtun:  Wer wird  sich schon selber umbringen, um ein
       Ziel zu erreichen?
       Diese Argumentation  unterstellt allerdings ein rational handeln-
       des kapitalistisches  System und verkennt imperialistische Logik,
       vor allem die Logik der atomaren Abschreckung. Es macht ja gerade
       deren Unberechenbarkeit  aus, daß  Abschreckung nur funktioniert,
       wenn das Angedrohte auch realisiert werden kann, und es wäre ver-
       hängnisvoll, diese  letzte aller Möglichkeiten in ihrer Ernsthaf-
       tigkeit geringzuschätzen.  Es besteht  eine wachsende Neigung von
       Teilen der  herrschenden Klasse,  vor allem  der USA, zu irrealen
       Kräfteeinschätzungen und  Entscheidungen. C.F. von Weizsäcker hat
       bereits früh  darauf hingewiesen,  daß die  zum Funktionieren von
       Kriegsvermeidung durch Abschreckung erforderte Rationalität nicht
       in jeder Situation gewährleistet ist, sondern daß in Extremsitua-
       tionen Wertorientierungen  die Oberhand  behalten können, die vom
       Standpunkt der Vermeidung des größten Übels "irrational" erschei-
       nen. 10)  So gesehen,  argumentierte Alexander  Haig  mit  seiner
       These, es  gebe "Wichtigeres als den Frieden", völlig konsequent.
       Die marxistische  Auffassung, daß  ein neuer Weltkrieg heute kei-
       nerlei Sinn mehr hat, führt nicht automatisch dazu, daß dem Krieg
       alle Chancen genommen sind. 11)
       Ebensowenig allerdings  gibt es  eine Automatik,  eine schicksal-
       hafte Unvermeidlichkeit des Krieges; dieser ist immer ein Produkt
       konkreter, beeinflußbarer  menschlicher Entscheidungen. Nicht nur
       eine Verniedlichung  der Kriegsgefahr  ist fehl  am Platze;  auch
       neuerdings häufige  Warnungen vor der "Selbstvernichtung des Men-
       schen" oder Alarmrufe über die vermeintliche Unentrinnbarkeit von
       "Blocklogik" und "Rüstungsdynamik" verhindern eine nüchterne Ein-
       schätzung der  Bedingungen, unter  denen Kriegsgefahr  und Aufrü-
       stung gestoppt  werden können. Solche Bedingungen herbeizuführen,
       ist aber gerade die Aufgabe, die gelöst werden muß.
       
       2. Krieg und Frieden im imperialistischen Zukunftsdenken
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       Was die  imperialistische Bourgeoisie der Gegenwart an verbreche-
       rischer Entschlossenheit zur Weltherrschaft zuviel hat, das fehlt
       ihr an  intellektueller Kühnheit.  Zukunftsentwürfe im Stil ihrer
       aufklärungsbegeisterten Vorfahren  sind von ihr nicht mehr zu er-
       warten. Das  heißt nicht,  daß es keine reaktionären Zukunftskon-
       zepte gäbe.  Aber bei aller Phantasie im militär-technischen oder
       strategischen Detail  handelt es  sich um  nichts anderes als die
       Verlängerung des  Status quo  ins Jahr  2000 und  danach: Es sind
       durchweg Konzeptionen  zur Konservierung und Ausdehnung der über-
       lebten imperialistischen  Herrschaftsverhältnisse mit Hilfe mili-
       tärischer Gewalt. Über die in der Weltraumrüstung sinnfällig wer-
       dende Perfektionierung  der atomaren  Abschreckung wird  geredet,
       als solle  der zukünftige Entscheidungskrieg mit Degen und Pisto-
       len und nicht mit Overkill-Potentialen ausgetragen werden.
       Das Zukunftskonzept der derzeitigen US-Regierung läßt sich umrei-
       ßen mit  den Stichworten:  Überlegenheit, Unverwundbarkeit, Erst-
       schlagsfähigkeit, atomare  und konventionelle  Kriegführungs- und
       Siegfähigkeit.  12)   Sein   Ziel   ist   die   Beseitigung   des
       "Kommunismus". Die  Zukunftsstudie "AirLand  Battle 2000" der US-
       Army konkretisiert  diese Zielstellung durch ein Modell umfassen-
       der  Kriegführungskapazität   auf  allen   Ebenen.  Im  Abschnitt
       "Perspektive 2000"  des Dokuments 13) werden der angenommene Ver-
       lauf der  globalen Systemauseinandersetzung  und die Weltlage der
       Zukunft dargestellt.  Hier wird  das düstere  Bild einer im Sinne
       des US-Imperialismus  zunehmend unregierbaren Welt gezeichnet, in
       der der  Einfluß des  Sozialismus und der Nationalstaaten und na-
       tionalen Befreiungsbewegungen ständig zunimmt, die durch weiteren
       Machtverfall der USA, schärfere Rivalitäten zwischen den imperia-
       listischen Zentren,  Kämpfe um  knappe Rohstoff-  und Energieres-
       sourcen, Wirtschaftskrisen und abnehmende Massenloyalität charak-
       terisiert ist,  in welcher die USA gezwungen sind, auch gegen das
       Zögern oder  sogar den Widerstand anderer kapitalistischer Regie-
       rungen ihre  "nationalen" Interessen zu definieren und ggf. mili-
       tärisch durchzusetzen. Europa erfüllt in diesem Konzept die Funk-
       tion eines Vorfelds.
       Schachnasarow hat  zu dieser  Position richtig  bemerkt:  "...sie
       entspricht der   L o g i k   d e s   p o l i t i s c h e n  u n d
       m i l i t ä r i s c h e n   D e n k e n s   v o r   d e m  N u k-
       l e a r z e i t a l t e r.   In einer Situation, da die Antithese
       zu einem  Zustand des  Friedens nicht mehr nur der Krieg, sondern
       die totale  Katastrophe ist...,  kann der  Frieden nicht mehr als
       ein Gut angesehen werden, das neben anderen zur Wahl steht." 14)
       Das Zukunftskonzept der Bonner Rechtskoalition atmet den gleichen
       Geist. Es  ist zwar  auch geprägt  von tiefer Verunsicherung über
       die Risiken  der atomaren Abschreckungspolitik, die Europa in be-
       sonderem Maß  treffen, aber es hält zäh fest an den Prämissen und
       Zielstellungen antikommunistischer Drohpolitik. Das Weißbuch 1985
       hat diese  Auffassung bestätigt.  15) D.h., es gilt weiterhin das
       Prinzip der "Verteidigung" durch Vernichtung.
       
       3. Reaktionäre Zukunftstrends: Aufrüstung und Destabilisierung
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       Nehmen wir  einmal an,  die  imperialistischen  Zukunftsgestalter
       könnten ihre  Planungen im wesentlichen ungehindert durchsetzen -
       welche Trends  ließen sich  dann extrapolieren?  Zunächst springt
       ins Auge: Die Aufrüstung nimmt astronomische Dimensionen an. 1960
       betrugen die  Weltmilitärausgaben nach SIPRI-Schätzungen 131 Mrd.
       Dollar, 1982  schon 700  -750 Mrd.  Sie wachsen nicht nur weiter,
       ihr Wachstum  beschleunigt sich auch noch: Die Jahre von 1978 bis
       1982 weisen Wachstumsraten von fast vier Prozent auf, während sie
       im vorausgegangenen  Vierjahreszeitraum noch bei zwei Prozent la-
       gen. 16)  Zwischen 1981 und 1985 haben sich die nominalen Weltmi-
       litärausgaben etwa  verdoppelt! In der zweiten Hälfte der achtzi-
       ger Jahre nähern sie sich der Summe von einer Billion Dollar! 17)
       Bestushew-Lada verdeutlicht  durch eine Hochrechnung die Absurdi-
       tät: Selbst wenn man annimmt, daß in absehbarer Zukunft die Welt-
       ausgaben für  Rüstungszwecke nur alle fünf Jahre auf das Doppelte
       steigen, so  werden sie  sich innerhalb  von 20  Jahren, d.h. von
       1981 bis  2001, auf  das 16fache  erhöhen also eine Größenordnung
       von 8  Billionen Dollar  erreichen. Das laßt sich mit dem jährli-
       chen Bruttosozialprodukt  der ganzen  heutigen  Welt  vergleichen
       Eine solche  Größenordnung ist  an und  für sich schon absurd, da
       sie voraussetzt,  daß alle erwerbsfähigen Menschen unseres Plane-
       ten dann  von früh  bis spät  in Kriegsbetrieben arbeiten oder in
       den Streitkräften dienen werden " 18) Weiter hochgerechnet, zeigt
       sich auch,  daß die  Militärausgaben schneller  wachsen  als  das
       Bruttosozialprodukt und  irgendwann im 21. Jahrhundert höher sein
       müßten als die Summe all dessen, was Industrie und Landwirtschaft
       der Welt hervorbringen können.
       Im Prozeß der Aufrüstung spielen die USA die Schlüsselrolle. Seit
       1979 steigen  die US-Militärausgaben jährlich um etwa sieben Pro-
       zent. 19)  1984 erreichten sie 272 Mrd. Dollar und betrugen nomi-
       nell das  Dreifache der  Militärausgaben auf  dem  Höhepunkt  des
       Vietnamkriegs 1968/69. 1989 soll der US-Militärhaushalt die Summe
       von 450  Mrd. Dollar  erreichen. 20) Dabei ist zu beachten daß es
       sich nur  um die offiziell ausgewiesenen Militärausgaben handelt.
       Das "SDI"-Projekt  soll nach  offiziellen Angaben 500 Mrd. Dollar
       kosten; die tatsächlichen Kosten werden nach verschiedenen Schät-
       zungen aber  zwischen 1250 und 1500 Mrd. liegen. 21) Diese Ausga-
       ben sind in wachsendem Maß über Haushaltsdefizite finanziert, die
       höhere Steigerungsraten  aufweisen als  die Militärausgaben. Wäh-
       rend bei  Nixon noch 83 Prozent der Militärausgaben durch Staats-
       einnahmen gedeckt  waren, sank  dieser Anteil  bei Reagan  auf 40
       Prozent. 22)
       Die parasitären  Züge sind  offensichtlich. Die  Rüstung entzieht
       dem zivilen  ökonomischen und  sozialen Bedarf in wachsendem Maße
       dringend erforderliche  Mittel. Während  in den  siebziger Jahren
       der Anteil  der Militärausgaben  am BSP  noch 5-6 Prozent betrug,
       stieg er inzwischen auf ca. 10 Prozent. "... es wird ein qualita-
       tiv neues  Niveau der  Militarisierung erreicht;  die  Wirtschaft
       geht allmählich  in einen permanenten Als-ob-Kriegszustand über."
       23)
       Der Rüstungstrend  in der  Bundesrepublik weist gegenüber den USA
       einige Unterschiede  auf. Zwischen  1979 und  1983 lag der Anteil
       der ausgewiesenen  Militärausgaben an den Gesamtausgaben des Bun-
       des stets  knapp über  18 Prozent,  der Anteil  der tatsächlichen
       Ausgaben zwischen  23 und  24 Prozent.  Seit 1984 ist ein Anstieg
       auf über 24 Prozent festzustellen. 24) Die geschätzten realen Mi-
       litärausgaben beliefen sich 1984 auf knapp 63 Mrd. DM, mit Schul-
       dendienst sogar knapp 70 Mrd. 25)
       Die an  der FOFA-Richtlinie  (Rogers-Plan)  orientierte  Beschaf-
       fungsplanung der  Bundeswehr sieht  bis 1997 den Ankauf neuer Rü-
       stungsgüter für  240 bis 300 Mrd. DM (nach Preisen von 1984) vor.
       Unter  Berücksichtigung  der  wahrscheinlichen  Preissteigerungen
       dürfte die  Summe eher bei 500 Mrd. DM liegen. 26) Insgesamt wer-
       den die  Militärausgaben im  Planungszeitraum eine Billion DM er-
       reichen! Das alles ist, wenn überhaupt, nur über rigide Massenbe-
       lastungen zu finanzieren.
       Auch hier  fördert eine  Hochrechnung bemerkenswerte Erkenntnisse
       zutage: 27)  Die Militärausgaben der BRD nach Einzelplan 14 haben
       sich in  den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Bei einem angenom-
       menen  durchschnittlichen  Wirtschaftswachstum  von  0,5  Prozent
       jährlich und  weiteren Verdoppelungen in 20, 40 usw. Jahren müßte
       schon im  Jahre 2032  das ganze Bruttosozialprodukt für Militäri-
       sches ausgegeben werden. Bereits im Jahr 2000 werden bei linearem
       Fortgang der  Dinge die Militärausgaben den gesamten Bundesanteil
       an der Staatsquote (des BSP) beanspruchen. Auch wenn das tatsäch-
       liche Wirtschaftswachstum höher liegt, als in diesem Modell ange-
       nommen, so  läßt sich  doch feststellen:  Das Ende der bisherigen
       Rüstungspolitik ist abzusehen.
       Überdies werden im Jahr 2000 nicht mehr, wie gegenwärtig, 225 000
       Rekruten jährlich zur Verfügung stehen, sondern nur noch 130 000.
       Das Weißbuch 1985 zeigt sich von derlei Prognosen völlig unbeein-
       druckt. Es  verspricht die Ausschöpfung aller Mittel, d.h. umfas-
       sende gesellschaftliche Militarisierung, um so nah wie möglich an
       der Bundeswehr-Friedenspräsenz  von 495000  Mann (bzw. auch Frau)
       dranzubleiben. 28)  Das läßt die unheilvolle Zukunftsvision einer
       durchmilitarisierten Bundesrepublik erkennen.
       Ohne eine radikale Umkehr der hier grob skizzierten Entwicklungen
       kann kein  einziges der großen Menschheitsprobleme gelöst werden.
       Das sei hier an einigen wichtigen Beispielen erläutert.
       - Es besteht  ein enger  Zusammenhang zwischen Rüstung und Unter-
       entwicklung. 29)  Bei kontinuierlicher  weiterer Aufrüstung kommt
       es im  Jahr 2000  zu einer  "weltweiten  Verringerung  des  Kapi-
       talstocks um  12 Prozent, zu einem Rückgang des Handels um 4 Pro-
       zent und  einer Abnahme  industrieller Arbeitsplätze  um rund  11
       Millionen allein  in den ärmsten Regionen Asiens, Afrikas und La-
       teinamerikas". Nach  den UNO-Eckdaten  für die Industrialisierung
       der Entwicklungsländer  sind bis  zum Jahr 2000 Investitionen von
       400 bis 500 Mrd. Dollar erforderlich, also weniger als die gegen-
       wärtigen Weltrüstungsausgaben.
       - Rüstung blockiert  nicht nur  intellektuelle und materielle Po-
       tenzen zur  Lösung ökologischer  Probleme,  sie  produziert  auch
       durch Ressourcenverschleiß, Landschaftsverbrauch usw. selbst öko-
       logische Probleme  30) -  von den teilweise irreparablen ökologi-
       schen Schädigungen  selbst bei  einem  begrenzten  Nukleareinsatz
       ("nuklearer Winter") ganz zu schweigen.
       - In den  kapitalistischen Ländern sind Rüstung und Militärausga-
       ben längst nicht mehr "nur" ein Faktor gesellschaftlicher Vergeu-
       dung, sie  sind zu  einer eigenständigen Ursache der Verschärfung
       ökonomischer Krisen geworden. 31)
       - Technologische und  qualitative Aspekte der Aufrüstung, die die
       Illusion  atomarer  Kriegführungsfähigkeit  vermitteln,  bewirken
       eine gefährliche  Destabilisierung der  internationalen Lage. 32)
       Die USA arbeiten zielstrebig an der Realisierung einer Strategie,
       die das  "Gleichgewicht des Schreckens" aushebelt. "Schwellenlän-
       der" wie  Israel, Südafrika, Indien, Pakistan u.a. werden im Jahr
       2000 (kleine) Atommächte sein. An Häufigkeit zunehmende regionale
       Konflikte  in   der  Dritten   Welt  werden  mit  immer  größerer
       Wahrscheinlichkeit auf  die globale  Ebene eskalieren.  Insgesamt
       wächst nicht  nur die  Gefahr eines  geplanten, sondern  auch die
       eines ungewollten "Atomkriegs aus Versehen". 33)
       Ohne Frieden und Abrüstung, ohne radikale Alternativen zur atoma-
       ren Abschreckung  gibt es  also keine  Zukunft -  und die beginnt
       jetzt.
       
       4. Alternative Friedens- und Sicherheitspolitik
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       Was mit  dem Kampf  gegen 572  neue atomare Mittelstreckenraketen
       begann, hat  sich inzwischen  zu einem Grundsatzkonflikt über die
       zukünftige Gestaltung  des Friedens ausgeweitet; ihm liegen exakt
       die hier  benannten Prozesse  und ihre Widersprüche zugrunde. Der
       herrschende  Sicherheitsbegriff   reicht  gedanklich   über   den
       "Atomfrieden" 34)  nicht hinaus; "Frieden" ist hier lediglich der
       permanente Aufschub der Feindseligkeiten und schließt Ausbeutung,
       Unterdrückung und Naturzerstörung gesetzmäßig ein. Die demokrati-
       schen Bewegungen haben der zum reaktionären Dogma erhobenen Phan-
       tasielosigkeit eine höchst erfinderische Diskussion über Möglich-
       keiten und  Notwendigkeiten zukünftiger Friedensgestaltung entge-
       gengesetzt. Eine  solche Friedens- und Sicherheitspolitik muß de-
       mokratisch sein,  indem sie von den Lebensinteressen der Bevölke-
       rung ausgeht,  und sie  muß alternativ  sein, d.h.  sich von  der
       herrschenden Unsicherheitspolitik abheben.
       - Das erste  Prinzip müßte  sein: Es  gibt nichts Wichtigeres als
       den Frieden.  Was den Atomkrieg betrifft: Sieg ist nicht möglich,
       auch nicht  in der  Zukunft. Sicherheit  vor Krieg ist nicht mehr
       einseitig zu  haben. Sicherheit  für eine Seite besteht nur dann,
       wenn auch die Sicherheit der anderen Seite(n) gewährleistet ist.
       - Frieden ist mehr als nichtmilitärische Konfliktregulierung zwi-
       schen Staaten, Militärbündnissen und gesellschaftlichen Systemen.
       Hier bietet  sich an,  die Zusammenhänge  von Rüstung, Industrie,
       Militär und Staat aufzudecken und Konzepte eines "positiven Frie-
       dens" zu  entwickeln. 35)  So wichtig die Verteidigung des beste-
       henden Nicht-Kriegs  ist, so  klar ist auch, daß sie zur Apologie
       von Verhältnissen  führen kann,  die Grundlage  von  Rüstung  und
       Krieg sind.  36) Bestushew-Ladas  Prognose-Varianten zeigen eines
       mit Sicherheit:  Die langfristige Verteidigung der Lebensgrundla-
       gen ist  nur in  Verknüpfung mit  gesellschaftlicher  Veränderung
       vorstellbar. 37)  Die Machtgrundlagen  des Militär-Industrie-Kom-
       plexes müssen angetastet werden.
       - Frieden und  Sicherheit gibt  es nur noch durch Abrüstung. Eine
       alternative Sicherheitspolitik,  in welcher nicht Abrüstung Prio-
       rität genießt  - und  auch solche  Vorschläge gibt es ", taugt so
       viel wie  ein Fahrrad  ohne Räder. Weitere Aufrüstung erhöht nie-
       mandes Sicherheit,  sondern verringert  sie; weitere  Aufrüstung,
       auch "kontrollierte", untergräbt auch die politischen Bedingungen
       des Friedens,  wie die Erfahrungen der siebziger Jahre ja zeigen.
       Darüber hinaus  bringt sie  die Menschheit  ökonomisch und ökolo-
       gisch noch näher an den Rand des Kollapses. Umgekehrt würde Abrü-
       stung eine  enorme Entlastung  ermöglichen. Für die ca. 1 Billion
       Dollar, die  vermutlich gegen  Ende der  achtziger Jahre weltweit
       für Rüstung  ausgegeben werden, könnte man jeder notleidenden Fa-
       milie auf der ganzen Welt ein komfortables Haus und alles Lebens-
       notwendige verschaffen. 38) Würden in einem ersten Schritt, einem
       Vorschlag der  UdSSR entsprechend,  die Militärausgaben  von NATO
       und WV  um 10  Prozent gekürzt,  so hätten die Entwicklungsländer
       z.B. 1984   56 Mrd. Dollar als zusätzliche Hilfe erhalten können.
       39)
       Auch in  den entwickelten kapitalistischen Ländern liegen die po-
       sitiven Folgen von Abrüstung auf der Hand. Sie könnte für soziale
       Aufgaben -  z. B.  Beschäftigungsprogramme -  dringend  benötigte
       Mittel freimachen. Eine Konversion von Rüstungs- auf Friedenspro-
       duktion ist grundsätzlich durchführbar, könnte die Produktion von
       sozial nützlichen  Gütern und Dienstleistungen ausdehnen und wäre
       überdies wichtiges  Element einer  antimilitaristischen Strategie
       gesellschaftlicher Umgestaltung. 40)
       - Eine alternative  Friedens- und  Sicherheitspolitik kann  nicht
       eurozentrisch sein.  Alle Versuche  zur Schaffung  einer europäi-
       schen Friedensordnung können jederzeit durch die "horizontale Es-
       kalation" von  Konflikten zunichte  gemacht werden, die der Impe-
       rialismus in  der Dritten  Welt anzettelt.  Die Entschärfung  der
       Zeitbomben, die  vom Imperialismus und Kolonialismus in der Drit-
       ten Welt  gelegt wurden, erfordert Solidarität mit den nationalen
       Befreiungsbewegungen und  Unterstützung für eine von den Entwick-
       lungsländern geforderte Neue Weltwirtschaftsordnung.
       - Wichtige Forderung  an eine  alternative Friedens-  und Sicher-
       heitspolitik ist  der Bruch mit den gängigen antisowjetischen und
       antikommunistischen Bedrohungsfiktionen,  aus denen  atomare  Ab-
       schreckung und  Aufrüstung ihre  Scheinlegitimation beziehen.  Es
       geht nicht darum, die Gegensätze zwischen Kapitalismus und Sozia-
       lismus zu  verwischen, aber es geht darum, jene unsinnigen Feind-
       bilder zu überwinden, die jede Suche nach demokratischen Alterna-
       tiven als Kapitulation vor dem Weltkommunismus denunzieren.
       - Für eine alternative Friedens- und Sicherheitspolitik gilt: Die
       Verhinderung von  Krieg und  die Schaffung  einer Friedensordnung
       ist in  erster Linie eine politische Aufgabe. Sowohl der Illusio-
       nismus der Abschreckungs-Anhänger wie auch die Phantasielosigkeit
       der Rüstungskontroll-Schule  übersehen, daß  weder der Status quo
       zukünftig mit  militärischen Mitteln  garantiert werden kann noch
       die Probleme  künftiger Friedenssicherung  militärisch-technokra-
       tisch lösbar  sind. Militärische  Reduzierungen und die Schaffung
       politischer Bedingungen  des Friedens  müssen Hand in Hand gehen.
       Defensiv verstandene  militärische  Umstrukturierungen  bedürfen,
       wenn sie positiv wirksam werden sollen, eines Rahmens von Maßnah-
       men politischer Friedenssicherung.
       Die Gefahren  erfordern außergewöhnliche  Gegenmaßnahmen: Voraus-
       setzung für  eine zukünftige  Friedensordnung ist  eine Koalition
       der Vernunft  zur Verhinderung des Allerschlimmsten, ein weltwei-
       tes Bündnis der verschiedensten sozialen Kräfte, die die Erkennt-
       nis zusammenführt,  daß ein  Atomkrieg nicht  mit dem  Sieg einer
       Seite, sondern  mit dem Untergang der Menschheit enden wird. Die-
       ses Bündnis muß die sozialistischen Länder, die Staaten der Drit-
       ten Welt und die nationalen Befreiungsbewegungen, die Friedensbe-
       wegung der  kapitalistischen Länder  und auch die Teile der Bour-
       geoisien Westeuropas einschließen, die ihre spezifischen Interes-
       sen durch die US-Globalstrategie ernsthaft gefährdet sehen.
       Die Erkenntnis,  daß es  zu  einer  Art  "Welt-Sicherheitsgemein-
       schaft" 41)  keine Alternative  gibt, setzt sich nicht im Selbst-
       lauf und  kraft der  ihr innewohnenden  Plausibilität durch.  Sie
       siegt nur dann, wenn sie die Massen ergreift. Gegner dieses Prin-
       zips sind  aber nicht "die Nationalstaaten" 42) oder gar "die Su-
       permächte", 43)  sondern jene  imperialistischen Kräfte,  die nur
       dann von  Sicherheit sprechen,  wenn sie  den Rest der Welt unter
       ihrer Kuratel haben. Das Konzept hat eine weitere Komplikation zu
       lösen: Die  Idee der Beteiligung Westeuropas an einer internatio-
       nalen Koalition der Vernunft durch bewußte Abkopplung von der US-
       Kriegführungsstrategie enthält einen realistischen Kern. Da diese
       Abkopplung aber  nicht anders erfolgen wird als im institutionel-
       len Rahmen westeuropäischer imperialistischer Bündnissysteme, be-
       steht die Gefahr, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wol-
       len, also  den  USA  einen  westeuropäischen  Abschreckungs-Block
       "entgegenzustellen" und damit neue Konfliktfronten zu schaffen.
       Es genügt  also nicht,  Konzepte einer zukünftigen Sicherheitsge-
       meinschaft zu  entwerfen und  teilweise sehr  brauchbare  Modelle
       z.B. einer  gesamteuropäischen Friedensordnung  vorzustellen; 44)
       es bedarf  auch einer politischen Strategie, die die Frage beant-
       wortet, mit  wem und  in welchen  Etappen und vor allem gegen wen
       diese Vorschläge zu realisieren sind.
       In die  Kämpfe um die Erhaltung des Friedens greifen verschiedene
       politische Kräfte  der BRD  mobilisierend ein.  Bemerkenswert ist
       die Neuorientierung  der Sozialdemokratie,  die sich in einem in-
       tensiven Diskussionsprozeß über politisch-strategische Grundsatz-
       fragen befindet.  45) Als  Kernelemente eines  bisher erkennbaren
       sicherheitspolitischen Konzepts  der SPD  kann man stichwortartig
       festhalten: Vorrang  für Kriegsverhütung,  Entspannung, Absage an
       die Überlegenheits- und Kriegführungsstrategie der Reagan-Admini-
       stration, Absage  an die Stationierung von Pershing II und Cruise
       Missiles, an  Weltraumrüstung, "SDI" usw. Statt dessen: Vorschlag
       eines Systems gemeinsamer Sicherheit ("Sicherheitspartnerschaft")
       in Europa,  Reduzierung und schließlich Überwindung der Abschrec-
       kung in  Europa durch  Denuklearisierung der NATO, Konventionali-
       sierung,  strukturelle   Defensivfähigkeit,  Ersteinsatzverzicht,
       Bildung einer atom- und chemiewaffenfreien Zone.
       Mit diesem Konzept ist die Sozialdemokratie in der Lage, zur Bil-
       dung einer  breiten "Koalition  der Vernunft" einen konstruktiven
       Beitrag zu leisten. Natürlich müssen realistischerweise auch des-
       sen Grenzen  gesehen werden: Das SPD-Konzept beinhaltet ein Fest-
       halten an  der "Wertegemeinschaft"  mit den  USA und die Idee der
       Wiederherstellung des  NATO-internen Konsenses  auf  reformierter
       Grundlage. Darüber  hinaus ist  es weder eindeutig auf konventio-
       nelle Abrüstung  orientiert, noch  ist es  klar von konservativen
       Konzepten einer  Großmacht Westeuropa unterschieden, noch verfügt
       es gegenüber  den USA über eine realistische politische Durchset-
       zungsstrategie. Hier hängt alles vom Druck der außerparlamentari-
       schen Bewegungen ab.
       Die Grünen  vertreten ein - ebenfalls noch nicht in allen Punkten
       festgelegtes -  Konzept konsequenter atomarer und konventioneller
       Abrüstung, das  radikale einseitige  Schritte sowie  die Einübung
       der "sozialen Verteidigung" einschließt und die Ziele der US-Glo-
       balstrategie relativ  klar benennt. 46) Auch auf dieser Grundlage
       ist ein positiver Beitrag zu einem Bündnis zur Verhinderung eines
       Atomkriegs möglich.
       Die Beschränktheit  des Konzepts der Grünen besteht in seiner Fi-
       xierung auf  die unsinnige  Theorie  der  "Supermächte"  und  der
       "Blocklogik" und  in der  darauf beruhenden Vorstellung, es müßte
       ein gegen  beide "Supermächte"  gerichtetes, West-  und Osteuropa
       umfassendes "blockübergreifendes"  Gebilde geschaffen werden. 47)
       Dieses Konzept  ist in  eine antisozialistische Diversionsstrate-
       gie, auch  in ihrer  sozialdemokratischen Variante  des  "Wandels
       durch Annäherung", integrierbar.
       In den  programmatischen Vorstellungen  der DKP kommt dem Konzept
       einer "Koalition  des Friedens und der Vernunft" zur Verhinderung
       eines Atomkrieges  allererste Priorität zu. 48) Es ist auf größt-
       mögliche Breite  angelegt und  stellt in den Vordergrund, was in-
       zwischen Allgemeingut  der Friedensbewegung ist: Verhinderung der
       Weltraum-Militarisierung und  ein entsprechendes Moratorium; ato-
       mares Freeze;  Einstellung der  Stationierung der US-Mittelstrec-
       kenraketen sowie  der entsprechenden sowjetischen Gegenmaßnahmen;
       atomarer Ersteinsatzverzicht;  Abschluß eines  Gewaltverzichtver-
       trages zwischen  NATO und  Warschauer Vertrag. Dieses Bündniskon-
       zept ist eingebettet in eine weiterführende Strategie friedlicher
       Koexistenz und  Abrüstung und der Schaffung einer Friedensordnung
       auf demokratischen  und sozialistischen Grundlagen, die keine Rü-
       stungs- und Kriegsinteressen mehr zuläßt. 49)
       Eine alternative  Friedens- und Sicherheitspolitik muß durchsetz-
       bar sein.  Sie kann  sich weder dem Diktat technokratischer Mach-
       barkeits-Vorstellungen unterwerfen,  noch kann  sie sich  mit dem
       Ausmalen von  Zukunftsträumen zufriedengeben.  Sie muß  sich  die
       Frage stellen,  wie das  Zukünftige aus dem Gegenwärtigen hervor-
       geht und  wo die politischen Träger und sozialen Kräfte sind, die
       die entsprechenden Normen, Wertorientierungen und Zielvorstellun-
       gen in politischen Veränderungswillen übersetzen können.
       Georg Picht,  einer der Begründer der BRD-Friedensforschung, ent-
       warf die  politische Utopie  einer Weltfriedensgemeinschaft,  die
       Krieg, Rüstung, Unterentwicklung und Naturzerstörung schrittweise
       abschaffen sollte. 50) In ähnliche Richtung ging Weizsäckers Vor-
       schlag eines  Systems der  "Weltinnenpolitik". 51)  Eppler  skiz-
       zierte die  politische Utopie  einer "Ent-Feindung"  der Staaten,
       Systeme und Ideologien, die "zu Hause" beginnt. 52) Nirgends wird
       hier aber ein Weg gewiesen aus der Gegenwart in die Zukunft.
       Die Friedensbewegung  ist mehr  als ein  Bündnis zur Verhinderung
       eines Atomkrieges.  Sie bezieht  ihre Kraft aus dem Spannungsver-
       hältnis zwischen dem politisch Nächstliegenden und der Utopie ei-
       ner Friedensordnung  jenseits von  Abschreckung.  Die  begründete
       Hoffnung auf eine friedliche Zukunft beflügelt die Kämpfe der Ge-
       genwart gegen  Rüstung und Krieg, wie überhaupt die Frage gesell-
       schaftlicher Zukunftskonzepte  zunehmend Bestandteil der heutigen
       Kämpfe wird.
       Der marxistische Beitrag zur Diskussion über das "Wie" dieser an-
       deren Friedensordnung  ist der  Nachweis, daß  Rüstung und  Atom-
       kriegsvorbereitung aus  dem Grundwiderspruch zwischen Kapital und
       Arbeit, zwischen  Imperialismus und  Sozialismus  herrühren.  Der
       marxistische Beitrag  dazu ist das Projekt des Sozialismus: einer
       Gesellschaft ohne  soziale Grundlagen für Rüstung, Aggression und
       Krieg, die  die schöpferischen Potenzen eines jeden gleichberech-
       tigt und  friedlich zur Entfaltung bringt. Die Brücke von der Ge-
       genwart in  die Zukunft verläuft über die antimonopolistische und
       antiimperialistische Orientierung. Daraus folgt auch: Die Bildung
       einer Koalition  der Vernunft  setzt  Klassenkämpfe  nicht  außer
       Kraft. Die  Dialektik zwischen  Breite und  Tiefe ist derart, daß
       der Kampf  eines breiten  Bündnisses um  das Nächstliegende um so
       größere Erfolgsaussichten hat, je mehr sich in ihm die allgemeine
       Einsicht in den zukünftigen Gang der Dinge zusammenfaßt.
       Vieles hängt  jetzt davon  ab, in  welchem Maß die Arbeiterklasse
       ihre Gegenwarts-  und Zukunftsinteressen  in diesen  Formierungs-
       prozeß der um den Frieden kämpfenden Kräfte einbringt, in welchem
       Maß sie  eine zukunftsweisende, hegemoniefähige Bündniskonzeption
       entwickelt.
       Im Ringen  um die  Zukunft ist  nichts wichtiger  als der nächste
       Schritt: die  Verhinderung eines Krieges und eine Wende zur Abrü-
       stung.
       
       _____
       1) Karl Marx/Friedrich  Engels, Manifest der Kommunistischen Par-
       tei, in: MEW, Bd. 4, S. 462.
       2) S. dazu  ausführlich: Wadim Sagladin/Iwan Frolow, Globale Pro-
       bleme der Gegenwart, Berlin 1982, bes. S. 50 ff.
       3) S. Hellmuth  Lange, Globale Probleme und Arbeiterbewegung, in:
       Marxistische Studien.  Jahrbuch des IMSF 6, Frankfurt/M. 1983, S.
       432.
       4) Igor Bestushew-Lada,  Die Welt  im Jahr 2000. Eine sowjetische
       Prognose für unsere Zukunft, Freiburg 1984, S. 18.
       5) Christiane Rajewsky, Friedensforschung - Die unbequeme Wissen-
       schaft, in:  Fragen zu  Frieden und  Krieg. Ringvorlesung  Kölner
       Wissenschaftler, Köln  1984, S.  56; Rainer Rilling, Militärische
       Forschung in der BRD, in: Blätter für deutsche und internationale
       Politik, 8/82, S. 942.
       6) Karl Marx, Das Kapital, Bd. l, in: MEW, Bd. 23, S. 529 f.
       7) Karl Marx,  Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft
       in Indien, in: MEW, Bd. 9, S. 226.
       8) S. zum  folgenden ausführlicher:  Hermann Bömer,  Die drohende
       Katastrophe. Globale  Probleme der Menschheit, Frankfurt/M. 1984,
       S. 34 ff. und 52 ff.
       9) Heinrich  Schirmbeck,  Umrisse  einer  Welt-Sicherheitsgemein-
       schaft, in:  Gerd E.  Hoffmann (Hrsg.),  Schaffen  wir  das  Jahr
       2000?, Düsseldorf/Wien 1984, S. 116; Hervorhebung - J.R.
       10) Carl-Friedrich  von   Weizsäcker  (Hrsg.),  Kriegsfolgen  und
       Kriegsverhütung, München 1971, Einleitung, S. 19.
       11) Bestushew-Lada, Die Welt im Jahr 2000, a.a.O., S. 30.
       12) Die Grundzüge  dieses Konzepts lassen sich entnehmen aus: Das
       geheime Pentagon-Programm ("Leitlinien-Dokument") zur umfassenden
       Kriegsvorbereitung 1984-1988, in: Blätter für deutsche und inter-
       nationale Politik,  8/82, S. 1011 ff.; Colin S. Gray/Keith Payne,
       Sieg ist möglich, in: ebd., 12/80, S. 1502ff.; Colin S. Gray, Das
       Konzept der strategischen Überlegenheit, in: ebd., 10/82. S. 1249
       ff. S.  zum folgenden  ausführlicher meine  Arbeit:  Friedensfor-
       schung in der Bundesrepublik. Entwicklung, Positionen, Perspekti-
       ven, IMSF-Informationsbericht  40, Frankfurt/M. 1985 (im Erschei-
       nen), bes. Kapitel II.
       13) AirLand Battle 2000, 10. 8. 1982, dokumentiert in: Die Grünen
       im Bundestag,  Angriff als  Verteidigung, Bonn/Hamburg 1984, S.D.
       27 ff., hier bes. S. D 27 f.
       14) G. Ch. Schachnasarow, Die politische Logik des Nuklearzeital-
       ters, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 11/84,
       S. 1381.
       15) Weißbuch 1985:  Zur Lage und Entwicklung der Bundeswehr, Bonn
       1985, S. 28 ff. u. 385.
       16) SIPRI Rüstung  und Abrüstung  im Atomzeitalter. Ein Handbuch,
       Reinbek 1977,  S. 40.;  SIPRI, Waffenexport  und Krieg. SIPRI-Rü-
       stungsjahrbuch 4, Reinbek 1984, S. 21 ff. (Dieser Band entspricht
       dem SIPRI-Yearbook 1983).
       17) Bestushew-Lada, Die Welt im Jahr 2000, a.a.O., S. 24.
       18) Ebd., S. 25.
       19) SIPRI, Waffenexport und Krieg, a.a.O., S. 21.
       20) Eveline Kolloch.  Kapitalistische Währungs-  und Finanzbezie-
       hungen unter  dem Druck  der USA-Hegemonialpolitik,  in:  IPW-Be-
       richte, 5/84, S. 8
       21) Vgl. dazu F. Faramasjan/W. Borissow, Das Militärprogramm Rea-
       gans unter  ökonomischem Aspekt  in: Sowjetwissenschaft.  Gesell-
       schaftswissenschaftliche Beiträge, 1/83, S. 72; Der Sieg im Welt-
       raum ist  möglich, in: Der Spiegel, 12. 11. 84, S. 136 ff.; Ekke-
       hard Sieker/Wolfgang  Zellner,  "Strategie  Defence  Initiative",
       Aufbruch in  die falsche  Richtung, in:  Blätter für deutsche und
       internationale Politik, 4/85, S. 503.
       22) Kurt Steinhaus, Wie stark sind die USA wirklich?, in: Blätter
       für deutsche und internationale Politik, 9/84, S. 1097.
       23) Bömer, Die drohende Katastrophe, a.a.O., S. 42.
       24) Eberhard Dähne  (unter Mitarbeit  von Barbara Bunge), Rüstung
       tötet schon  im Frieden, IMSF-Arbeitsmaterialien 15, Frankfurt/M.
       1983, S. 19.
       25) Ebd., S. 29 f.
       26) Annemarie Borgmann  u.a. (Hrsg.),  Die konventionelle  Aufrü-
       stung der  neunziger Jahre, Kassel 1984; Jörg Huffschmid, Vor dem
       Aufbau einer  Nationalen Rüstungs  GmbH, in: Blätter für deutsche
       und internationale Politik, 11/84, S. 1290.
       27) S. zum  folgenden: Peter H. Mettler, Unsere äußere Sicherheit
       in den  Händen des  Militärs, in: R. Mackensen/E. Umbach/R. Jung,
       Leben im Jahr 2000 und danach, (West-)Berlin 1984, S. 187.
       28) Weißbuch 1985, a.a.O., S. 375 ff.
       29) S. dazu  und zum  folgenden: Herbert Wulf (Hrsg.), Aufrüstung
       und Unterentwicklung.  Aus den  Berichten der Vereinten Nationen,
       hier S. 11 ff., Zitat auf S. 13.
       30) S. dazu Bömer, Die drohende Katastrophe, a.a.O., bes. Kapitel
       1, S. 9 ff., sowie Knut Krusewitz, Umweltkrieg. Militär, Ökologie
       und Gesellschaft, Königstein/Ts. 1985.
       31) S. dazu  Jörg Huffschmid (Hrsg.), Rüstungs- oder Sozialstaat,
       Köln 1981,  bes. S. 95 ff.; ders., Kapitalismus und Rüstung - die
       ökonomischen Aspekte bei Marx und die heutigen Probleme, in: "...
       einen großen  Hebel der  Geschichte", Marxistische Studien. Jahr-
       buch des IMSF, Sonderband I, Frankfurt/M. o.J. (1982), S. 130 ff.
       32) S. dazu  Frank Barnaby,  Krieg im  Jahr 2000,  in:  Hoffmann,
       Schaffen wir das Jahr 2000?, a.a.O., S. 299 ff.
       33) Bestushew-Lada, Die Welt im Jahr 2000, a.a.O., S. 27.
       34) S. z.B.  Hubertus Hoffmann,  Atomkrieg - Atomfrieden, München
       1980.
       35) S. z.B.  Ekkehart  Krippendorff  (Hrsg.),  Friedensforschung,
       Köln/(West-)Berlin 1968, S. 13 ff.
       36) Hans Heinz Holz/Hans Jörg Sandkühler, Zur Einführung: Frieden
       ist möglich,  in: dies.  (Red.), Für  den Frieden  - Aufgaben der
       Philosophie und  der Wissenschaften,  Dialektik Bd. 4, Köln 1982,
       S. 7 ff.
       37) Bestushew-Lada, Die Welt im Jahr 2000, a.a.O., S. 120 ff.
       38) Ebd., S. 24.
       39) Bömer, Die drohende Katastrophe, a.a.O., S. 172.
       40) S. dazu  Huffschmid, Rüstungs-  oder Sozialstaat,  a.a.O., S.
       208 ff.; ders. (Hrsg.), Für den Frieden produzieren, Köln 1981.
       41) Schachnasarow, Die  politische Logik  des  Nuklearzeitalters,
       a.a.O., S. 1384.
       42) Schirmbeck,   Umrisse   einer   Welt-Sicherheitsgemeinschaft,
       a.a.O., S. 113.
       43) Carl Friedrich  von Weizsäcker, Gedanken für morgen, in: Heik
       Afheldt (Hrsg.), Bilder einer Welt von morgen - Modelle bis 2009,
       Stuttgart 1985, S. 44.
       44) S. z.B.  Dieter S.  Lutz, Auf dem Weg zu einer Neuen Europäi-
       schen Friedensordnung,  in: Deutsche  Gesellschaft für  Friedens-
       und Konfliktforschung (Hrsg.), DGFK-Jahrbuch 1982/83, Baden-Baden
       1983, S. 505 ff.
       45) Auf Belege  wird hier  aus Platzgründen  verzichtet; s.  dazu
       ausführlicher: Reusch,  Friedensforschung in  der Bundesrepublik,
       a.a.O., sowie die Materialien zur SPD-Programmdiskussion in: Mar-
       xistische Blätter,  5/85, und  den Artikel  von Rainer  Eckert in
       diesem Band.
       46) S. dazu: Die Grünen, Friedensmanifest, Bonn o. J. (1981), so-
       wie den Artikel von Hermann Sittner in diesem Band.
       47) Vgl. dazu  z. B.  Die Grünen,  Militärgroßmacht  Westeuropa?,
       Bonn o.J. (1985); Otto Schily, Friedensunion in Mitteleuropa, in:
       DVZ/tat, 29. 3. 85.
       48) Neue Fragen des Kampfes für Frieden und Arbeit - für eine de-
       mokratische Wende, Thesen zum 8. Parteitag der DKP, Entwurf, Düs-
       seldorf o.J (1985), S. 12 ff.
       49) Programm der  Deutschen  Kommunistischen  Partei,  Düsseldorf
       1978, S. 54 ff.
       50) Georg Picht,  Zum Begriff  des Friedens,  in:  Manfred  Funke
       (Hrsg.), Friedensforschung  -  Entscheidungshilfe  gegen  Gewalt,
       München 1975, S. 24 ff.
       51) Carl Friedrich  von Weizsäcker, Wege in der Gefahr, 3. Aufl.,
       München 1983, bes. S. 236 ff.
       52) Erhard Eppler,  Die tödliche  Utopie der  Sicherheit, Reinbek
       1983, S. 207 ff.
       

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