Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       DIE NOTWENDIGKEIT DES MÖGLICHEN
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       Über Zukunftsdenken und Utopie
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       Hans Jörg Sandkühler
       
       1. Zukunft  - 1.1  Pluralisierung der  Zukunft - 1.2 Zeit und Zu-
       kunft - 1.3 Krise und Zukunft - 2. Utopie - 3. Die sozialistische
       Kritik der Zukunft - 4. Die Intellektuellen: kleine und große Zu-
       kunft
       
       1. Zukunft
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       Zum Menschen gehört, Zukunft zu haben. Kein Zweifel scheint diese
       Wahrheit anfechten  zu können.  Die im Krieg sterben, haben keine
       Zukunft. Die  in Ausbeutung  verhungern, haben keine Zukunft. Die
       den Weltraum bewaffnen, meinen ihre Zukunft und das Ende der Mög-
       lichkeiten für die anderen. Wer also hat Zukunft?
       
       1.1 Pluralisierung der Zukunft
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       Wie erfinderisch  Menschen sind,  denken sie  über Zukunft  nach,
       zeigen die  Bibliotheken.   Z u k u n f t   d e r  - europäischen
       Integration, Gemeinschaft, Gottesdienstreform, Hochschulabsolven-
       ten, Informationsgesellschaft,  Kirche, Landschaft, Malerei, Men-
       schen.   Z u k u n f t   d e r  - Monogamie, Neurologie, Philoso-
       phie, Schöpfung,  Sozialpolitik, Stadt, Theologie, Vergangenheit.
       Z u k u n f t   d e s   Berufsgrundbildungsjahres, deutschen Vol-
       kes, Güterverkehrs,  Jugendschutzes, Lebens,  Lesers, Mittelstan-
       des, Unternehmers,  Welthandels.   Z u k u n f t  i m  - Angriff,
       Blickfeld, Kreuzverhör, System, Zeitraffer. Keine Bibliothek ohne
       Abteilung "Zukunft".  Buchtitel neben  Buchtitel, Phantasie neben
       Phantasie, Verdrängung  neben Verdrängung:   Z u k u n f t    i n
       B e s c h e i d e n h e i t;   Z u k u n f t   i n   d e r   G e-
       g e n w a r t;   Z u k u n f t   m e i s t e r n ;  Z u k u n f t
       o h n e   R i s i k o.    D i e    I n d u s t r i e g e s e l l-
       s c h a f t   z w i s c h e n    F o r t s c h r i t t s g l ä u-
       b i g k e i t   u n d   d e n   G r e n z e n   d e s  W a c h s-
       t u m s;  Z u k u n f t s a n g s t.  Katalogisiert zwischen "Zu-
       hälter" und  "Zulu": "Zukunft".  Verzettelt  zwischen  "Uto-Azte-
       kisch" und  "Utrecht" -  "Utopie":   U t o p i e    d e r    B e-
       f r e i u n g;   U t o p i e   d e r   K o n s e r v a t i v e n;
       U t o p i e     u n d    M y t h o s    d e r    W e l t r e v o-
       l u t i o n.   1) Die  Speicher  des  Wissens  sind  gefüllt  mit
       vergangenen Träumen  und geronnenen Hoffnungen. Was Zukunft haben
       sollte,  wurde   Geschichte.  Das   Utopische  bekam   Ortsnamen.
       "Vorwärts und  nicht vergessen"  ist menschliches Reisegepäck mit
       doppeltem Boden.  Das Nicht-Vergessen-Wollen  schafft geschichts-
       bewußte Orientierung;  das Nicht-Vergessen-Können  mauert ein  in
       Vergangenheit, die  keinen Bestand  haben darf und das Ausgreifen
       ins Mögliche lahmt. Deshalb haben Neuerer wie Charles Fourier den
       B r a n d   d e r   B i b l i o t h e k e n  auf die Tagesordnung
       der Revolution gesetzt.
       Was die  Vielstimmigkeit über "Zukunft" und "Utopie" anzeigt, ist
       eindeutig: die  Pluralisierung des  Zukünftigen  nach    I n t e-
       r e s s e n.   Selten nur erweist sich der Singular "die Zukunft"
       nicht  als  Anmaßung  und  Fiktion  des  Ganzen.  Die  Interessen
       konkurrieren und  mit ihnen Zukünfte, die - partikulär ausgeheckt
       - zu  Wirklichkeiten werden  und die  Geschichte als Sammlung von
       Geschichten erscheinen  lassen.  D i e  Zukunft  d e s  Menschen,
       der Menschheit,  der menschlichen  Geschichte in  der Natur,  des
       Kosmos,  ist   selten  gemeint.   So  zeichnet  der    W i d e r-
       s p r u c h   das aus,  was wir  für möglich  und  für  notwendig
       halten und "Zukunft" nennen. Und deshalb ist das Fortschreiten in
       die Zukunft  keineswegs  immer  auch  Fortschritt.  Deshalb  auch
       individuelle   Verdrängung    und   Vergessen    und   kollektive
       Verhinderung  des  Möglichen.  Die  Geschichte  menschlicher  Zu-
       kunftsentwürfe kann  nicht als  die der Verwirklichung des Mögli-
       chen allein  geschrieben werden; was zugleich bedeutet: nicht al-
       les, was  Wirklichkeit wurde,  wurde notwendig wirklich. Es hätte
       auch anders  kommen können. Dieses "es hätte" ist der Ausgang al-
       len Denkens  über das andere, die neue Welt, die endlich befreite
       Menschheit. Stellen  wir uns nicht auf den Standpunkt dessen, der
       dem Bestehenden  die Würde des Notwendigen verleiht, erkennen wir
       in der  Geschichte das abgetriebene Mögliche, die Alternative, in
       der Gegenwart  die Notwendigkeit  des Möglichen, der Alternative,
       und in  der Zukunft die Möglichkeit des Notwendigen. Alternativi-
       tät, welche  die Chance  hat, nicht im Schatz unabgegoltener Mög-
       lichkeiten zu  versinken, gibt  es nur  in der  Einheit  der  Ge-
       schichte, die   w i r   in  der Dreidimensionalität  des gewußten
       Vergangenen, der  begriffenen Gegenwart und der erkannten Zukunft
       des Möglichen  selbst gestalten.  Wir? Setzt sich im Kampf und in
       den Widersprüchen  des Besonderen  ein "Wir"  durch, auf  das Zu-
       kunftshoffnung gesetzt  werden kann?  Zu den bitteren Erfahrungen
       der Menschheitsgeschichte  zählt, daß  "die Menschheit"  als ein-
       heitliches  historisches  Subjekt  noch  nicht  aufgetreten  ist.
       B i s   j e t z t.   In dieser Verzeitlichung von Vernunft, Hoff-
       nung und  Humanität liegt  das Prinzip  Zukunft. Die  Normen,  in
       denen wir  Wege zur  Zukunft angeben,  bestimmen auch die Normen,
       nach denen  wir Geschichte  schreiben. Gemessen  an diesen Normen
       ist der Marxismus Humanismus. Am humanistischen Maß ist zu ermes-
       sen, daß  Zukunft nicht pluralisierbar ist.  Z u k u n f t  d e s
       U n t e r n e h m e r s   und  Z u k u n f t  d e r  B e f r e i-
       u n g  können als Widersprüche ermessen werden.
       
       1.2 Zeit und Zukunft
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       Das Maß,  es sei  an menschenwürdiger Zukunft zu messen, macht es
       den Individuen schwer. Was ein Individuum für eine glückliche Zu-
       kunft hält,  kann der  Stein auf  der Barrikade gegen die Zukunft
       aller sein. Idee und Norm allgemeiner Humanität setzen sich nicht
       spontan durch.  In der  Maßlosigkeit individuell  entworfener Zu-
       künfte gewinnt  das Bestehende  seine Beständigkeit;  in ihr  hat
       zugleich die revolutionäre Gewalt der objektiven Zwecke ihre Wur-
       zeln. Doch  der Mangel  an allgemeinem  Maß hat  selber objektive
       Gründe in  den Grenzen  individueller Existenz. Man lebt nur ein-
       mal, und  das Leben ist kurz. Die allgemeine Idee der Zukunft ist
       für das  Individuum Utopie.  Leben ist  Existenz in der Zeit, und
       das Individuum  berechnet seine  Zeit im Unterschied zwischen den
       Toten, den  Zeitgenossen und  den Enkeln.  Die Pluralisierung der
       Zukunft entsteht  also auch aus dem Unerträglichen, daß das Indi-
       viduum keine  Zukunft nach  dem Maß  der Humanität hat. Diese Be-
       dingtheit der menschlichen Existenz kann als Sinnlosigkeit erfah-
       ren werden,  sie kann  die Sehnsucht nach den Goldenen Zeitaltern
       der Toten  entfachen, sie  kann zum Großen Sprung ins Neue anset-
       zen. Die  Autobiographie, Verdichtung der Zeit und Verkürzung des
       langen Weges  zu einer  Zukunft, Suche  nach der  verlorenen Zeit
       oder Entdeckung  der Dialektik von Zeit und Zukunft, ist eine der
       Antworten auf  die Frage  des Selbstbewußtseins  nach den Grenzen
       der Individualität.
       Aus Ilja Ehrenburgs Menschen, Jahre, Leben: "Viele meiner Alters-
       genossen kamen  unter die  Räder der  Zeit. Ich  blieb am  Leben,
       nicht weil ich robuster oder klüger gewesen wäre, sondern weil es
       Zeiten gibt,  wo das  Schicksal eines Menschen eher an ein Lotte-
       riespiel erinnert  als an eine Schachpartie. Ich hatte recht, als
       ich vor langen Jahren sagte, unsere Zeit hinterlasse wenig leben-
       dige Zeugnisse:  Selten führt  jemand Tagebuch  ... Das hat viele
       Ursachen. Eine  möchte ich  anführen, die  vielleicht nicht allen
       deutlich ist:  Allzuoft haderten  wir mit  unserer Vergangenheit,
       als daß  wir uns  gründlich mit  ihr befaßt  hätten ...  Der  Weg
       führte über  Neuland; Menschen stürzten in Abgründe, glitten aus,
       klammerten sich  an totes  Dornengestrüpp. Vergeßlichkeit war zu-
       weilen ein  Gebot der Selbsterhaltung: Mit Erinnerungen ließ sich
       nicht weitergehen  ... Die  einen erinnern sich nicht mehr an das
       Vergangene, die  anderen wollen nichts davon wissen. Alle blicken
       nach vorn,  und das ist gut so; aber nicht zufällig zählte zu den
       Göttern der  alten Römer auch ein Janus. Janus hatte zwei Gesich-
       ter, nicht  weil er zwiegesichtig war, wie man häufig hört, nein,
       er war  weise: Das  eine Gesicht war der Vergangenheit zugekehrt,
       das andere  der Zukunft."  2) Dasselbe Thema bei Walter Benjamin:
       "Das Subjekt  historischer Erkenntnis  ist die  kämpfende, unter-
       drückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte geknech-
       tete, als  die rächende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im
       Namen von Generationen Geschlagener zu Ende führt. Dieses Bewußt-
       sein ...  war der Sozialdemokratie von jeher anstößig ... Sie ge-
       fiel sich  darin, der  Arbeiterklasse die  Rolle einer  Erlöserin
       künftiger Generationen  zuzuspielen. Sie  durchschnitt ihr  damit
       die Sehne der besten Kraft. Die Klasse verlernte in dieser Schule
       gleich sehr  den Haß  wie den Opferwillen. Denn beide nähren sich
       an dem  Bild der  geknechteten Vorfahren,  nicht am Ideal der be-
       freiten Enkel." 3)
       Z u k u n f t   a l s   h i s t o r i s c h e  K a t e g o r i e,
       - so  erst stellt  sich das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für
       das antizipierte Neue ein: was wir als Mögliches planen, wird die
       Wirklichkeit von  Menschen sein,  deren Ja  oder Nein  zu unseren
       Plänen wir  nicht einholen  können.    Z u k u n f t    n i c h t
       a l s   F l u c h t,  - die Revolutionierung des Bestehenden kann
       nur in der Zeit stattfinden und muß beginnen; Zukunft ohne Begin-
       nen ist schlechte Utopie. Das  P e a c e  n o w!  der Friedensbe-
       wegung setzt den Anfang der Zukunft, wo er gesetzt werden muß: in
       der gegenwärtigen  Wirklichkeit. Im  Verhältnis von  Zeit und Zu-
       kunft ist  zu entdecken,  was in  der Utopie-Kritik meist zu kurz
       kommt: die Utopie gibt es nicht, jede Zukunft hat ihren Ort, weil
       sie aus  der Zeit gedacht wird und die Bestimmungen der Zeit ent-
       hält, ob  als Ungewisse  Mutmaßung über  das Ganz-andere oder als
       bestimmte Negation des Bestehenden. Die abstrakte Utopie kann von
       der konkreten  unterschieden werden.  Die abstrakte Utopie steigt
       aus dem  Zerfall des  Zusammenhangs von  individueller Lebenszeit
       und allgemeiner  Zeit, Weltzeit,  Geschichte, in der das Mögliche
       der Zukunft  denkbar ist.  Die konkrete  Utopie holt diese allge-
       meine Zeit als Perspektive der Entwicklung und Veränderung in den
       Lebensplan der Individuen zurück; sie ermöglicht Handeln und Wer-
       tung. Janus  hat kein  gespaltenes Bewußtsein,  sondern wertet im
       Vergleich: Die  Notwendigkeit des besseren Lebens durchtränkt den
       Zukunftsbegriff mit  Gegenwart und mit der Idee des guten Lebens,
       und das Mögliche wird zum Maß der Kritik der Wirklichkeit und der
       Vergangenheit.
       
       1.3 Krise und Zukunft
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       Die Entwicklung  des Zukunftsdenkens  zeigt auffällige Schwankun-
       gen. Zeiten  der Stabilisierung und der Stabilität des in gesell-
       schaftlicher Bewegung Erreichten neigen nicht zur Utopie, sondern
       erfordern deren  Kritik. Über  das Ziel  hinausschießen heißt die
       Leiden des  revolutionären Prozesses  vergessen und das Erreichte
       gefährden. Nach  Revolutionen orientiert  sich das Zukunftsdenken
       am endlich  Naheliegenden. Umgekehrt  gilt, daß der Grad der Ent-
       fernung von  der Wirklichkeit in Zeiten der Krise wächst. Der Zu-
       kunftsentwurf ist  eine Widerspiegelung  der Krise. Der scheinbar
       freie utopische Sprung ins Reich des Undeterminierten hebt ab aus
       dem Notwendigen.  In der  Krise entsteht die Fiktion gleicher Be-
       troffenheit und  gleichen Bedürfnisses an Zukunft. Aber die Krise
       ist nicht  gleichmacherisch; sie  läßt den  Widerspruch  aus  dem
       Schatten der  Gewöhnung an  ein erträgliches  Leben  treten;  die
       Stellung der  Menschen im  Widerspruch  bestimmt  die  produktive
       Kraft oder  die aggressive Energie dessen, was als "Zukunft" vor-
       geführt wird:  die Vision  des Möglichen  ist einschränkend  oder
       weitgreifend, "Zukunft"  ist regressiv bzw. stabilisiert den Sta-
       tus quo  o d e r  enthält progressiv den Weg zum Veränderten, zum
       Neuen.
       Angefochtene und  bedrohte Herrschaft  schielt  immer  rückwärts.
       Schlegels böses  Wort vom  Historiker als rückwärtsgewandtem Pro-
       pheten paßt  auf alle,  die von  Zukunft reden, um Veränderung zu
       verweigern. Der  Regreß kann  sich als die Robinsonade tarnen, zu
       deren Kritik  Marx in den Grundrissen ansetzt. Er kann den Mythos
       in der  Form der  vorgetäuschten Mythenkritik rehabilitieren, ihn
       der Klasse  mit Zukunft anlasten und Geschichte denunzieren. Gün-
       ter Kunert macht es vor: "Wenn wir unter Mythos, verkürzt gesagt,
       eine frühgeschichtliche Anschauungsweise verstehen, die der Sinn-
       losigkeit und  Rätselhaftigkeit des unbegreiflichen irdischen und
       kosmischen Geschehens zu Sinn verhilft, dann müssen wir einsehen,
       daß Mythos nach wie vor existiert, obgleich in anderer, unauffäl-
       liger Form.  Eine der Metamorphosen von Mythos ist die Geschichte
       ... Sogar  der historische  Materialismus, der  sich als  Wissen-
       schaft geriert,  weil er  meint, objektive  Maßstäbe zu besitzen,
       schafft am  Mythos Geschichte  weiter ... Was bedeutet jener end-
       zeitliche Kampf  zwischen Proletariat  und Bourgeoisie, das soge-
       nannte 'Letzte  Gefecht', nach  welchem die  'Vorgeschichte'  der
       Menschheit beendet  sei und  ihre wahre Geschichte überhaupt erst
       beginne, wenn  nicht die  überwältigende Vorherrschaft des Mythos
       im neuen  Gewand?" Es  macht einen Unterschied, wer wo Utopie zum
       Gespött macht.  "Die Utopie  bildet einen ganz besonders subtilen
       Mythos, denn  sie ist  ein besonderes  Filtrat der Geschichte und
       zugleich ihr  anstrebenswertes, ewig unerreichbares Ziel; mit ei-
       nem Wort:  der Mythos  für die  gehobenen Stände oder meinetwegen
       für die nachdenklicheren Köpfe." 4) Auf die Nähe von bürgerlicher
       Utopie- und  Intellektuellenkritik muß man nicht erst kommen, man
       wird darauf  gestoßen; auch  darauf: die  Rolle der Renegaten bei
       der Zerstörung  von Hoffnung. Jörge Sempruns Algarabia: Der phan-
       tastische Roman über die "Zone Utopique Populaire", am linken Pa-
       riser Seine-Ufer  durch eine Mauer von der Welt getrennt, Ort ei-
       nes mörderischen  Chaos der  Linken. 5)  Aus welchen Gründen auch
       immer, respektablen  oder  nur  vermeintlichen,  Zukunftshoffnung
       sich getäuscht  fühlt, - das nicht Erreichte wird schnell zum Un-
       erreichbaren, das  Unerreichbare zum Verhaßten. Revolutionäre Un-
       geduld ist Anlaß zum Zukunftsverzicht.
       Im Widerspruch  der Krise  besteht (oder  besteht nicht) das pro-
       gressive Zukunftsdenken seine Bewährungsprobe. Daß den Schluß Ti-
       raden wie   D a s   E n d e   e i n e r   U t o p i e .    H i n-
       g a b e   u n d   S e l b s t b e f r e i u n g   f r ü h e r e r
       K o m m u n i s t e n   6) bilden,  ist die  Ausnahme, doch Grund
       genug zum Nachdenken. Die Debatte, die Marxisten in der Krise des
       Kapitalismus  über   Zukunft  und  Utopie  führen,  verweist  auf
       Schwierigkeiten mit der Realität, nicht allein mit dem Umgang mit
       widerstandsfähigen politischen  und  ökonomischen  Verhältnissen,
       sondern mit  der Wirklichkeit,  als Individuum Kommunist zu sein.
       Die  in   der  Bundesrepublik   gerade   auch   unter   Marxisten
       aufbegehrende Frage  nicht etwa nach Utopie, sondern nach Utopien
       ist  zunächst   nur  das  Zeichen  für  Unbehagen  und  kritische
       Überprüfung individueller  Lebenspläne. Das alltäglich Notwendige
       ohne Farbverlust  im Bild  des Möglichen tun, den kleinen Schritt
       mit dem  großen denken  können, was dem Menschen an Glück zusteht
       für sich  selbst reklamieren,  die Biographie  in der Perspektive
       der  ganzen   Befreiungsbewegung  verorten,  das  Bewußtsein  der
       möglichen freien  Assoziation freier  Individuen als  notwendiges
       zukünftiges Sein  sinnlich wahrnehmen  und die  Theorie als  kon-
       kretes Weltbild  in Besitz nehmen. Die Beziehung zwischen politi-
       schem Realismus  und Bewußtseinsperspektive  Kommunismus ist auch
       individuell ein  Problem sozialistischer Verantwortung und Moral.
       Der Reformismus  als das  Vergessen des  Ziels, der Utopismus als
       das Überspringen  des Wegs:  die Zukunftsdebatte  beantwortet die
       Frage nach dem Verhältnis von Reform und Revolution, oder sie ist
       vergebens. 7)  "Die Suche nach dem Neuen und mehr noch die Orien-
       tierung auf das Neue sind Prozesse, die nicht nur wissenschaftli-
       che Offenheit  und Vorurteilslosigkeit voraussetzen, sondern auch
       die Reflektion  des Neuen  im Denken  und Fühlen der Menschen er-
       kunden müssen  ... Die  Formung der  Zukunftsbilder erfolgt... in
       der dialektischen  Spannung, in  die die  Individuen und sozialen
       Gruppen gestellt  sind, und  die aus  den Antagonismen dieser Ge-
       sellschaft entspringt."  8) In  der Krise  zeigen  Zukunftsbilder
       doppeltes Profil.  Sie sind  Kritik an  gegenwärtigen Krisenursa-
       chen;  u n d  Selbstkritik sozialistischer Strategie  u n d  per-
       sönlichen Engagements.  Mit Heinz Jung ist zu sagen, "daß die He-
       gemoniefähigkeit einer  theoretischen Konzeption  nicht aus ihrer
       abstrakten Richtigkeit  und Wahrheit  resultiert, sondern aus der
       Fähigkeit, neue  Bedürfnisse und Themen aufzugreifen und diese zu
       einem theoretischen  und politisch-ideologischen Gesamtkonzept zu
       vermitteln." 9)  Die mit dem Zwang des staatlichen Gewaltapparats
       gepanzerte bürgerliche Hegemonie hat Bedarf weder an Zukunft noch
       an Utopie.  Zur Aufrechterhaltung des Konsenses mit der "Ordnung"
       genügen Ratenzahlungen  auf die  kleine Zukunft, die alles verän-
       dert, damit es bleibt, wie es ist. Und der Revolutionär? Wie uto-
       pisch darf  seine Zukunft sein? Die Frage ist falsch, weil außer-
       halb der  Zeit gestellt. Verboten das Paradox der geschichtlichen
       Utopie, der  Wegweiser zum  Marsch der Klasse und der Gattung ins
       Leere. Aber das objektiv Mögliche der geschichtlichen Entwicklung
       bleibt für das Individuum in der Regel konkrete Utopie.
       
       2. Utopie
       ---------
       
       Der   G e i s t   d e r   U t o p i e   spricht sich so häufig in
       ohnmächtigem Willen  aus, daß  das Prinzip  blamiert scheint. Mit
       der Sprühdose  auf den  Beton einer  Universität: "Auch die Kälte
       geht vorüber,  wenn wir  es wollen."  Oder in Ernst Blochs frühem
       vergeblichem  Gegenbild/Abbild   von  Krieg   und  Sinnlosigkeit:
       "Zuletzt aber  ... breite  sich aus  die Weite, die  W e l t  der
       Seele, die   e x t e r n e,  k o s m i s c h e  Funktion der Uto-
       pie, gehalten  gegen Elend,  Tod und  das Schalenreich der physi-
       schen Natur.  In uns  allein brennt  noch dieses  Licht, und  der
       phantastische Zug  zu ihm beginnt, der Zug zur Deutung des Wacht-
       raums, zur  Handhabung des  utopisch prinzipiellen  Begriffs ..."
       10) Nichts ist impressionistischer als die expressionistische 11)
       Utopie um  des Utopischen  willen. Und  nichts zukunftsärmer  als
       Hoffnung um der Hoffnung willen, deren Absage an die Realität re-
       alistisch sein  will. Roger  Garaudys Das  Projekt  Hoffnung  ist
       Zeit-, nicht  Zukunftszeuge, trotz  des richtigen Einsatzes: "Die
       schlechteste und unrealistischste Utopie ist heute der Status quo
       oder seine schüchternen Varianten." Denn die Weltflucht, Garaudys
       "Transzendenz" ("nicht  nur als  Attribut Gottes, sondern als we-
       sentliche Dimension des Menschen"), kreist ausweglos in der Welt,
       die nur  im Gedanken übersprungen ist: "Die Transzendenz ist also
       ein Bruch hinsichtlich des Determinismus und jener Vernunftgemäß-
       heit, wie  sie in diesem oder jenem historischen Augenblick defi-
       niert ist, denn die Vernunft ist immer nur eine provisorische Bi-
       lanz der  Eroberung der Vernunftgemäßheit... Wir werden Transzen-
       denz die  Dimension des  Menschen nennen,  die sich dessen bewußt
       wird, daß es nichts Wesentlicheres gibt als seine Zukunft und daß
       er lebt,  um sie  zu vollenden. Er empfängt diese Zukunft als un-
       vorhergesehene Gabe - manche mögen es 'Gnade' nennen - und er er-
       forscht sie  einerseits und bereitet sie andererseits vor wie ein
       zu vollendendes  Werk, wie  etwas Poetisches, etwas Kreatives ...
       Der Mensch ist in erster Linie ein  P r o j e k t."  12) Die Uto-
       pie der  Hoffnung will  als Fundament  den "Bruch"  mit  der  Ge-
       schichte der  Hoffnung und  damit  keins.  Die  abstrakte  Utopie
       bricht mit  der Realität,  in dem  sie das Falsche preisgibt. Mit
       Garaudy paart  sich zu  Kunerts Mythos- und Intellektuellenkritik
       der Verzicht  auf Rationalität  und Wissenschaft:  "daß die  lei-
       stungsfähige   Wissenschaft    und   Technik   äußerst   wirksame
       M i t t e l   bieten können, jedoch keine  Z i e l e  und für un-
       ser Leben  und für  unsere Geschichte  keinen Sinn."  13) Die ab-
       strakte Utopie  bricht mit der Realität, indem sie mit dem Beginn
       der Zukunft  in der Realität bricht; sie ist heute - Garaudy beim
       Wort genommen - vorrangig antisozialistisch. Die abstrakte Utopie
       ist   n e g a t i v e   U t o p i e  und erstickt an der Negation
       des Wirklichen.
       Die meisten  Träume, in denen Menschen das Mögliche vorwegnehmen,
       werden nicht aufgeschrieben. Nur wenige Utopien sind uns bekannt.
       Womit wir  uns auseinandersetzen,  sind meist Redeweisen  ü b e r
       Utopisches. Die  Utopien, mit denen wir uns befassen, sind sozial
       ausgezeichnet, weil  verfaßt von Autoren, deren Wort nicht unter-
       drückt werden konnte oder sollte. Von den Intellektuellen und der
       Arbeitsteilung in Utopie wird noch zu sprechen sein. Die Hoffnun-
       gen und Zukunftspläne der Massen werden erst seit dem Sozialismus
       der Arbeiterbewegung überliefert. Die Utopie-Geschichtsschreibung
       14) kennt  also kaum  die halbe  Wahrheit über die Geschichte von
       "Zukunft". Die  k o n s t r u k t i v e  U t o p i e,  in der das
       Menschenmögliche zum  Korrektiv der Praxis wird, ist aus der Wis-
       senschaft in  andere Gattungen  von Sprache und Schrift ausgewan-
       dert. Seitdem das Utopische in der Wissenschaft nicht mehr unmit-
       telbare geistige Tätigkeit, sondern Objekt, Fremdbezug ist - Phi-
       losophie, Soziologie etc. des utopischen Denkens -, sind Äußerun-
       gen wie  die des  sozialistisch engagierten  logischen Empiristen
       Otto Neurath selten: "Die meisten Menschen glaubten mit einer ge-
       wissen herablassenden  Milde und  Nachsicht, wenn  nicht gar  mit
       mitleidigem Spott,  von Utopien  und Utopisten sprechen zu dürfen
       ... Weit sinnvoller ist es wohl, alle Lebensordnungen, die nur in
       Gedanken und  Bildern, nicht  aber in  der Wirklichkeit vorhanden
       sind, als  Utopien zu  bezeichnen, das  Wort Utopien jedoch nicht
       dazu zu verwenden, etwas über ihre Möglichkeit oder Unmöglichkeit
       auszusagen. Utopien wären so den Konstruktionen der Ingenieure an
       die Seite  zu stellen,  man  könnte  sie  mit  vollem  Recht  als
       g e s e l l s c h a f t s t e c h n i s c h e
       K o n s t r u k t i o n e n  bezeichnen ... Wir können jedenfalls
       das große  Werk beginnen, von jetzt an bewußt die Zukunft und das
       Mögliche zu  pflegen." 15) In solcher Sicht liegt der Satz aus B.
       Brechts Radiotheorie nahe: "Sollten Sie dies für utopisch halten,
       so bitte  ich Sie,  darüber nachzudenken, warum es utopisch ist."
       16)
       Im Spiegel der Enzyklopädien und Konversationslexika erweist sich
       das Nachdenken,  warum etwas  als utopisch   g i l t,  als Reflex
       herrschender  Ideen.  Das    C o n v e r s a t i o n s - L e x i-
       c o n   o d e r   H a n d w ö r t e r b u c h  f ü r  d i e  g e-
       b i l d e t e n   S t ä n d e   aus dem  Leipzig des  Jahres 1819
       beeilt sich,  dem Hinweis  auf Thomas Morus' De optimo republicae
       statu, deque  nova insula  Utopia (London  1518) und  das  "Ideal
       eines vollkommenen Freistaates" mit dem Nachsatz abzuhelfen, "wie
       er aber  freilich nirgends  anzutreffen  ist".  Die    A l l g e-
       m e i n e    d e u t s c h e    R e a l - E n c y k l o p ä d i e
       f ü r  d i e  G e b i l d e t e n  S t ä n d e  von 1836 geht den
       Schritt der  Abwiegelung weiter,  Morus  selber  habe  den  Titel
       Utopia gewählt,  "um anzudeuten", daß das "Musterbild eines Frei-
       staates"  eben   "nirgends  zu   finden  sei".  1846  spitzt  das
       U n i v e r s a l - L e x i k o n     d e r     G e g e n w a r t
       u n d   V e r g a n g e n h e i t  die Tendenz zu, indem es "Uto-
       pien"  sozial  zurechnet  und  "Utopist"  einführt:  "jemand  der
       erwartet, daß ihm Alles ohne Arbeit zufließe".  L a r o u s s e s
       G r a n d     D i c t i o n n a i r e    u n i v e r s e l    d u
       X I X e  S i e c l e  kann 1876 bereits verzeichnen, es habe sich
       die öffentliche Meinung durchgesetzt, der Geisteszustand des Uto-
       pisten nähere  sich dem Wahnsinn an. Meyers Konversations-Lexikon
       von 1890  übersetzt "Utopia"  mit "das  Schlaraffenland der Deut-
       schen. Daher Utopist, einer, der sich mit unausführbaren Weltver-
       besserungsplänen beschäftigt." Kein Zufall, daß in dieser Zeit in
       den Utopie-Artikeln  auf "Socialismus"  verwiesen wird.  Die zehn
       Zeilen des  Brockhaus von  1934 erwähnen  Utopie als "Schilderung
       eines gesellschaftl.  Idealzustandes, dem  alle  menschl.  Mängel
       fehlen." Aktuelle Neuauflagen vermelden als vorläufiges Ende die-
       ses Prozesses  bürgerlichen Bewußtseins  gegen  das    M ö g l i-
       c h e:   "Die klass. bis etwa 1900 vorherrschende, idealisierende
       U. ist  seit  den  beiden  Weltkriegen  einer  U.  gewichen,  die
       Ausdruck der  Skepsis und  des Pessimismus  ist." Der  neue Meyer
       (West) pflichtet  bei: "Ungehemmter  Fortschrittsglaube und Opti-
       mismus rufen  Gegenreaktionen hervor,  die sich liter. als 'Anti-
       Utopien' niederschlagen"  und nennt  die Namen von Huxley und Or-
       well, A.  Schmidt, Amery,  Hesse, Werfel,  Jünger ...  So ist das
       Mögliche zweimal bürgerlich zum Schrecken geworden: bürgerlichka-
       pitalistisch hervorgerufen  die Perspektive  Sozialismus, bürger-
       lich-kapitalistisch  erzeugt   der  Untergang   an  Technik.  Die
       F u t u r o l o g i e   ist das  Kind dieser  Paarung. Der Reflex
       des utopischen  Denkens im  gesellschaftlichen Bewußtsein  und in
       der öffentlichen  Meinung läßt  den Unterschied der Denkformen zu
       Tage  treten:   der  utopische  Gehalt  des  intellektuellen  Zu-
       kunftsentwurfs kommt  ohne selbstreflexiven Begriff aus; erst die
       politische oder theoretische Kritik fügt der Utopie die Dimension
       der Distanz  zu. "Begrifflos  und jedenfalls nicht analytisch ge-
       wonnen ...  Warum sie  sich gerade in solcher Weise gestaltet und
       ausdrückt,  ist   eine  gesellschaftstheoretische  und  sozialge-
       schichtliche Frage.  Die Utopisten konnten sich diese Frage weder
       selbst stellen  - sie hatten keinen Begriff von ihrer Eigenart -,
       noch gar  sie beantworten." 17) Über die gesellschaftliche Bedeu-
       tung der  Utopie ist mit dem Hinweis auf Differenzen in den logi-
       schen Formen  von Zukunftsdenken noch nichts gesagt. Eine Utopie-
       Kritik, die  sich allein an der analytischen Höherwertigkeit wis-
       senschaftlicher  Erkenntnis  orientierte,  hätte  zugleich  allen
       nichtwissenschaftlichen Kulturformen  das Todesurteil auszuferti-
       gen. Die theoretische Kritik des Utopischen, die Analyse also der
       Bedingungen seiner Möglichkeit, kommt später als die Antizipation
       der Zukunft, und ihre Trennung von den Hoffnungsbildern spontanen
       Bewußtseins ist  ein Ergebnis  gesellschaftlicher Arbeitsteilung,
       die bei  der von Hand und Kopf keineswegs aufgehört hat. Das Ende
       der utopischen Theorieform ist mit der Verwissenschaftlichung von
       Theorie seit  dem 19.  Jahrhundert eingeläutet. Wieder besagt die
       Inanspruchnahme des  Wissenschaftlichkeits-Kriteriums  gegen  das
       Utopische solange nichts, wie nicht die Inhalte des wissenschaft-
       lichen Geistes  auf dem  Prüfstand waren.  Das  Wissenschaftsver-
       ständnis, das sich bürgerlich gegen jedes Denken in den weitgrei-
       fenden Kategorien  des Möglichen  einspannen läßt,  ist positivi-
       stisch und  stückwerktechnologisch. Die Utopie-Kritik der am Sta-
       tus quo  Interessierten ist  immer Kritik  an einer Rationalität,
       die sich  nicht als Analytik des Bestehenden bescheiden will, ist
       Vernunftkritik. Karl  Poppers zwanghafte  Annäherung des Begriffs
       der Utopie  an den der Gewalt, versteht sich: der revolutionären,
       muß davon  ausgehen: "wir können den Utopismus als Resultat einer
       Erscheinungsform des  Rationalismus beschreiben." 18) Der Aufklä-
       rungsverzicht im  Namen der Aufklärung, die Denunziation der Auf-
       klärung über das Mögliche im Namen der Aufklärung über das Fakti-
       sche, bereitet  der Denkform  "Utopie" das  gleiche Schicksal wie
       die Napoleonische  Kritik an  den "Ideologen" der "Ideologie" des
       18. Jahrhunderts, die Selbstaufklärung über Bewußtsein war. 19)
       Die Verwissenschaftlichung  des Umgangs  mit dem Utopischen setzt
       nicht allein die Beschränkung auf die schriftlich zugängliche In-
       tellektuellen-Utopie als  Material der Kritik voraus, sondern sie
       reproduziert ideologisch  die gesellschaftliche Funktion des kri-
       tisierenden Intellektuellen. Fred L. Polak gehört zu den wenigen,
       die der  Spezifik der Bewußtseinsform des Utopischen auf der Spur
       sind: "Die  Utopie als  das 'Andere'  und Verschiedenartige  kann
       nicht losgelöst  gedacht werden  von  der  gespaltenen  geistigen
       Struktur des Menschen, deren Produkt sie ist. Die Darstellung des
       anderen setzt  die Spaltung von Zeit und Raum voraus." 20) Kriti-
       ken wie  die Max Horkheimers am Utopischen übersehen diese Bedin-
       gung der  Möglichkeit des  antizipierenden Tagtraums: "Die Utopie
       verkennt, daß  der geschichtliche  Entwicklungsstand, von dem aus
       sie zum Entwurf ihres Nirgendlandes gedrängt wird, materielle Be-
       dingungen seines  Werdens, Bestehens  und Vergehens  hat, die man
       genau kennen muß und an denen man selbst anzusetzen hat, wenn man
       etwas zustande  bringen will ... Für sie ist die Änderung des Be-
       stehenden nicht  an die  mühsame und  opferreiche Umwandlung  der
       Grundlagen der  Gesellschaft geknüpft,  sondern in  den Kopf  der
       Subjekte verlegt."  20a) Es  ist nicht zu verkennen: Diese Kritik
       der Utopie,  zugleich Kopfarbeiter-Kritik an Kopfarbeit, zugleich
       Wissenschaftler-Kritik am  Nichtwissenschaftlichen, zugleich Ver-
       harmlosung der  Sprengkraft antizipatorischen Denkens und Mißver-
       stehens revolutionärer  Praxis, - diese Kritik gehört zum Sieges-
       zug der  Soziologie in der bürgerlichen Gesellschaft, und sie ist
       Ausdruck  eines   soziologistischen  Reduktionismus.  Der    B e-
       s t a n d  an Utopischem wird dem Bestehenden zugeschlagen, seine
       D y n a m i k   wird verdrängt.  Brechts Warum-Frage  wird in der
       soziologischen  "Erklärung"   des   Utopischen   verkürzt.   Karl
       Mannheims scheinbar  universalistische Utopie-Definition klebt an
       einem positivistischen Mißverständnis von gesellschaftlicher Ver-
       änderung: "Utopie  ist ein  Bewußtsein, das sich mit dem es umge-
       benden 'Sein'   n i c h t  in Deckung befindet." 21) Die wissens-
       soziologische Trennung  von "Ideologie"  (=  "wirklichkeitstrans-
       zendent" und  nicht realisierbar) und "Utopie" (= "wirklichkeits-
       transzendent"  und  auf  Verwirklichung  angelegt)  verkennt  die
       komplementäre Beziehung  zwischen den gesellschaftlichen Denkfor-
       men, die  - mit  unterschiedlichen Mitteln  - der  Erkenntnis des
       Möglichen verpflichtet  sind. Noch  Reinhard Kosellecks  interes-
       santer Hinweis  auf Die  Verzeitlichung der  Utopie  begräbt  die
       denkmögliche Weite des Möglichen unter dem Schutt der Faktizität:
       "Die gesamte  Utopie der Zukunft zehrt von den Anschlußstellen in
       der nicht  nur fiktiv,  sondern empirisch  einlösbaren Gegenwart.
       Was die  Zukunft bietet,  ist in  einem Satz die Kompensation des
       gegenwärtigen  Elends   ...  Anders   gewendet:   die   fingierte
       Perfektion der  ehedem räumlichen  Gegenwelt wird  verzeitlicht."
       22)  Was  als  historische  Analyse  der  Entwicklung  utopischer
       S y s t e m e   stimmt, trifft  für das  Prinzip,  Mögliches  sei
       utopisch antizipierbar,  nur in  den Grenzen  der trivialen  Ein-
       schränkung zu,  daß Denken  Denken in  der Zeit ist. Es wird sich
       zeigen,  daß   ein  positivistisch  halbierter    E m p i r i e -
       Begriff   den Maßstab  bürgerlicher Utopie-Kritik  bildet und der
       historische Materialismus, Zukunft in den Begriff des Empirischen
       einholend, sein Verhältnis zum Utopischen anders bestimmen kann.
       
       3. Die sozialistische Kritik der Zukunft
       ----------------------------------------
       
       Hält man am klassischen Begriff von "Kritik" als Untersuchung der
       Bedingungen der  Möglichkeit von  etwas fest, ist der Sozialismus
       als Theorie  und gegenbeweisende  Praxis Kritik der Zukunft. Seit
       Fr. Engels'  Die Entwicklung  des Sozialismus  von der Utopie zur
       Wissenschaft scheint jedoch der rote Faden zwischen wissenschaft-
       licher Kritik  und  allen  Zukunftsentwürfen,  die  das  Mögliche
       nicht-empirisch erfassen,  zerrissen. Doch dieser Eindruck trügt,
       und der  heutige Marxismus  tut gut  daran, sich der Stoßrichtung
       der  Schrift   zu  erinnern:   Engels  schreibt   an  der    G e-
       s c h i c h t e   der sozialistischen  Arbeiterbewegung, um deren
       Quellen gegenwärtig zu halten und den Fortschritt in Weltbild und
       Klassenbewußtsein erkennbar zu machen. Gehen wir den Anfängen des
       Marxismus auch nur einige Schritte nach, vergewissern wir uns der
       Anlässe und  Ziele der  Utopie-Kritik, dann  zeichnen sich  klare
       Konturen eines Wissenschaftsbegriffs ab, der nicht positivistisch
       in Konkurrenz zum Zukunftsplan tritt.
       Bereits die  Deutsch-Französischen Jahrbücher, Organ noch der ra-
       dikalen Demokratie,  nicht schon des Sozialismus, lassen das Pro-
       jekt der  Marxschen Kritik  in Ansätzen  erkennen. Gegenüber Rüge
       fordert Marx - in Absetzung von der dogmatischen Abstraktheit des
       Arbeiterkommunismus 23) - nichts dürfe verhindern, "unsere Kritik
       an die  Kritik der  Politik, an  die Parteinahme  in der Politik,
       also an   w i r k l i c h e   Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu
       identifizieren. Wir  treten dann nicht der Welt doktrinär mit ei-
       nem neuen  Prinzip entgegen:  Hier ist  die Wahrheit,  hier kniee
       nieder!" 24)  Die arbeiterkommunistische  Systemkrämerei ist  die
       eine Provokation,  die andere der abstrakte Konstruktivismus spe-
       kulativer philosophischer  Systeme: die  Philosophie müsse aufhö-
       ren, "ein  bestimmtes System  gegen andere  bestimmte Systeme  zu
       sein, sie wird die Philosophie überhaupt gegen die Welt, sie wird
       die Philosophie  der gegenwärtigen Welt." 25) Marx' Anti-Proudhon
       Das Elend  der Philosophie schreibt die utopistischen Systeme den
       unreifen gesellschaftlichen Verhältnissen zu: "solange sind diese
       Theoretiker nur  Utopisten, die,  um den  Bedürfnissen der unter-
       drückten Klassen abzuhelfen, Systeme ausdenken und nach einer re-
       generierenden Wissenschaft  suchen. Aber in dem Maße, wie die Ge-
       schichte vorschreitet und mit ihr der Kampf des Proletariats sich
       deutlicher abzeichnet,  haben sie  nicht mehr  nötig, die Wissen-
       schaft in  ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur sich Rechenschaft
       abzulegen von  dem, was  sich vor  ihren Augen abspielt". 26) Die
       materialistische Geschichtstheorie zielt, dies ist eindeutig, hin
       auf Empirie  und Wirklichkeit.  Nicht oft  genug aber kann betont
       werden: der  neue  Theorietypus  27)  ist    n i c h t - p o s i-
       t i v i s t i s c h.   Erkenntnis des  Wirklichen unter Einschluß
       des im  Gegenwärtigen auf  mögliche Zukunft  Verweisenden, - dies
       kennzeichnet den  wissenschaftlichen Sozialismus,  der noch unter
       anfänglichsten proletarischen und sozialistischen Bedingungen die
       theoretische  Analyse   der  bürgerlichen  Gesellschaft  mit  der
       Zukunftsnorm  der   Vereinigung  der   Proletarier  aller  Länder
       verknüpft. Die vorwärtsweisende Tendenz im mangelhaften Bestehen-
       den entdecken:  "Die Kommunisten  haben zu  zeigen, daß nur unter
       kommunistischen  Verhältnissen   die  schon   erreichten  techno-
       logischen Wahrheiten praktisch werden können." 28) Dies 1851.
       Zu den  erreichten Wahrheiten  der Dialektik  gehört Brechts Ein-
       sicht, es  könne "die Kultur vom Proletariat in demselben Zustand
       übernommen werden wie die Produktion: in zerstörtem Zustand." 29)
       Auch das  zerstörte Erreichte  wird zur  Erbschaft der  Zeit, und
       Zerstörung zeigt  sich auch  in Sprachbeständen.  Es ist kein Ge-
       heimnis, daß Marx und Engels ihre Sprache nicht erfunden, sondern
       entwickelt haben.  Zunächst haben  sie Teil  an  einem  Sprachge-
       brauch, in dem die Alltagssprache das Niveau der aufklärerischen,
       kritischen Herkunft  bereits wieder  verlassen hat.  Was zunächst
       für den  durchaus Napoleonischen Wortgebrauch von "Ideologie" zu-
       trifft, gilt  auch für  "Utopie": das  Wort ist pejorativ besetzt
       und gewinnt  erst später begriffliche Schärfe, und hier kann sich
       "Zukunft" zu  Empirie gesellen.  Fr. Engels in Zur Wohnungsfrage:
       "Nicht das  ist eine  Utopie, zu behaupten, daß die Befreiung der
       Menschen aus  den durch  ihre  geschichtliche  Vergangenheit  ge-
       schmiedeten Ketten  erst dann vollständig sein wird, wenn der Ge-
       gensatz zwischen  Stadt und Land abgeschafft ist; die Utopie ent-
       steht erst  dann, wenn  man sich unterfängt, 'aus den bestehenden
       Verhältnissen heraus'  die  F o r m  vorzuschreiben, worin dieser
       oder irgend  ein anderer  Gegensatz der  bestehenden Gesellschaft
       gelöst werden  soll ... Wie eine zukünftige Gesellschaft die Ver-
       teilung des Essens und der Wohnungen regeln wird, darüber zu spe-
       kulieren führt direkt in die  U t o p i e."  30) Der Verzicht der
       materialistischen Wissenschaft  und der  sozialistischen Bewegung
       auf die  vor den  Interessen längst blamierten "utopistischen Sy-
       steme für  die Einrichtung  der neuen  Gesellschaft" 31) ist erst
       von E.  Bernsteins reformistischer  "Bekämpfung der  Reste utopi-
       scher Denkweise  in der  sozialistischen Theorie"  zugunsten  der
       Stärkung des  "realistischen" wie  des "idealistischen Element(s)
       in der  sozialistischen Bewegung" 32) in den Verzicht auf die re-
       volutionäre Antizipation  umgemünzt worden,  in theoretischen und
       praktischen Positivismus.
       Ganz anders  Marx. 1871 hat er - angesichts der Pariser Commune -
       in der Unterscheidung von  M i t t e l  und  Z i e l  der Revolu-
       tion festgehalten,  daß "an die Stelle phantastischer Utopien die
       wirkliche Einsicht  in die  historischen Bedingungen der Bewegung
       trat und die Kräfte für eine Kampforganisation der Arbeiterklasse
       sich immer mehr zu sammeln begannen. Aber die beiden Endziele der
       von den  Utopisten verkündeten Bewegung sind auch die von der Pa-
       riser Revolution und von der Internationale verkündeten Endziele.
       Nur die  Mittel sind  verschieden ...".  33) Die  Quintessenz des
       Marxismus ist,  daß die  unabdingbare  Analyse  der    T a t s a-
       c h e n,     der  es   nicht  mehr  darum  geht,  "ein  möglichst
       vollkommenes System  der Gesellschaft zu verfertigen, sondern den
       geschichtlichen  ökonomischen  Verlauf  zu  untersuchen",    s o-
       w o h l   die materialistische  Grundlage  für  die  antizipierte
       Zukunft bietet   a l s   a u c h   ihre kritische Stoßkraft über-
       haupt erst  aus dem  Bild der  befreiten Zukunft gewinnt. Engels'
       Schrift zur  Entwicklung des  Sozialismus von der Utopie zur Wis-
       senschaft endet  nicht empirisch-analytisch, sondern mit kommuni-
       stischem Ziel:  "Das Proletariat  ergreift  die  öffentliche  Ge-
       walt... Die Menschen, endlich Herren ihrer eigenen Art der Verge-
       sellschaftung, werden damit zugleich Herren der Natur, Herren ih-
       rer selbst - frei." 34)
       Die Differenzierungen  im marxistischen Konzept von Utopie erlau-
       ben es,  die Kritik am falschen Empirismus des utopischen Systems
       ohne Verlust  des utopisch  zu antizipierenden  Ziels Kommunismus
       mit historischer  Gerechtigkeit gegenüber  überlebten Utopien  zu
       verbinden. Wer  sich auf Lenin beruft, muß ihn vollständig zitie-
       ren: "... im Hinblick auf den utopischen Sozialismus : Dieser So-
       zialismus war  'falsch' in formell ökonomischem Sinn ... Aber der
       utopische Sozialismus  hatte   r e c h t   im weltgeschichtlichen
       Sinn, denn  er war  Symptom, Dolmetsch,  Herold der  Klasse, die,
       hervorgebracht vom  Kapitalismus, heute,  zu Beginn des 20. Jahr-
       hunderts, zu  einer Massenkraft  herangewachsen ist, die befähigt
       ist, mit  dem Kapitalismus Schluß zu machen, und die unaufhaltsam
       diesem Ziel  entgegenschreitet." 35) Frank Deppes Satz, mehr Auf-
       forderung als  Zustandsbeschreibung, "Die utopische Dimension ist
       also im  Marxismus nicht  liquidiert" 36)  ist die Kurzformel für
       den nicht  zu leugnenden  Sachverhalt: daß weder der Revolutionär
       als Individuum  noch die  Organisation als  Kollektiv ohne  jenes
       Endziel leben  kann,  das  empirisch-wissenschaftlich  weder  be-
       schrieben werden  kann noch  darf. Auch  der marxistische Wissen-
       schaftler arbeitet  ohne das  utopisch antizipierte  Ziel nur mit
       halber Kraft.  Um des  Sozialismus als  Kritik der Zukunft willen
       kann er sich auf ein über die Grenzen der Aufgabenstellung stren-
       ger Wissenschaft hinausschießendes Perspektiven-Verbot nicht ein-
       lassen. Der  utopische Gehalt des Bewußtseins, der die Notwendig-
       keit der  Befreiung als  Möglichkeit birgt,  gehört  zur  gesell-
       schaftlichen Psyche  des Revolutionärs, und diese ist ein Element
       der Vermittlung  im Prozeß  der Veränderung  von Basis- und Über-
       baustrukturen, im Kampf um Hegemonie.
       D i e   Alternative, die  d e n k b a r  ist, weil das Bewußtsein
       der Menschen sich nicht in mechanischen Abbildern des Bestehenden
       erschöpft, weil es vielmehr perspektivisch auf Zukunft greift und
       Geschichte und  Wirklichkeit perspektivisch aneignet, ist ontolo-
       gisch und  kognitiv verbürgt.   D i e s e   Alternative geht weit
       darüber hinaus,  das Bestehende nur anders zu interpretieren. Die
       objektiven Gründe  für die Möglichkeit des Alternativen aufzudec-
       ken und  zum Bewußtseinsbestand der Weltanschauung zu vermitteln,
       ist  in   erster  Linie   die  materialistische   Dialektik,  die
       P h i l o s o p h i e   verpflichtet und fähig. Ihre Begriffe von
       Zeit, Wirklichkeit, Möglichkeit, Geschichte und Zukunft sind all-
       gemein, nicht  aber leer-abstrakt, denn sie umspannen den Gesamt-
       zusammenhang und lenken auf das übergreifende Allgemeine der Exi-
       stenz.
       
       4. Die Intellektuellen: kleine und große Zukunft
       ------------------------------------------------
       
       Die Utopien,  die uns als Systeme vorliegen, sind Produkte intel-
       lektueller Tätigkeit,  näher: der  Tätigkeit von Intellektuellen.
       Erst die bürgerliche Gesellschaft hat den Utopisten als Intellek-
       tuellen hervorgebracht,  den Systemeschmied von Beruf. Zu ihr ge-
       hört aber  auch der Widerspruch in der Freiheit der Intellektuel-
       len: wessen  Partei ergreifen sie? Die feudale, gegen den bürger-
       lich-revolutionären Intellektuellen  gerichtete,  wie  die  bour-
       geoise, gegen den Demokratismus und die sozialistischen Intellek-
       tuellen zielende  Utopie-Kritik hat  ihren Anti-Intellektualismus
       nie verhehlen  können. Auch  der sozialistischen Utopiekritik ist
       diese Erscheinung  nicht völlig  fremd. Wieder  wird man K. Mann-
       heims Vorschlag nicht folgen können, die Fähigkeit zur Utopie ei-
       ner nicht  näher bestimmten "freischwebenden Intelligenz" 37) zu-
       zurechnen. Die  Freiheit der Intelligenz als sozialer Schicht und
       die Freiheit  des Intellektuellen als eines Trägers gesellschaft-
       licher Funktionen ist relativ, bezogen aufs Koordinatensystem der
       Klassen. Die Funktionen der Intellektuellen haben sich verändert,
       mit ihnen  ihre Kompetenzen  für Zukunft. "Sind die Intellektuel-
       len", fragt  Antonio Gramsci, mit dem eine Annäherung ans Problem
       gelingt, "eine autonome und unabhängige gesellschaftliche Gruppe,
       oder hat jede gesellschaftliche Gruppe ihre eigene spezialisierte
       Gruppe von  Intellektuellen?" Gramscis Antwort führt zur Aufmerk-
       samkeit auf die gesellschaftlichen Funktionen  u n d  die Verant-
       wortung der  Intellektuellen: "Jede gesellschaftliche Gruppe, die
       auf dem  besonderen Terrain  einer wesentlichen  Funktion in  der
       Welt der materiellen Produktion geboren wird, bringt mit sich auf
       organische Weise  eine oder mehrere Schichten von Intellektuellen
       hervor, die  ihr Homogenität  und das  Bewußtsein  ihrer  eigenen
       Funktionen verleihen,  nicht nur  auf ökonomischem,  sondern auch
       auf sozialem  und politischem  Gebiet". 38) Als Konstrukteure und
       Organisatoren von  Weltbildern bieten  sich  die  Intellektuellen
       zugleich als Garanten geschichtlicher Kontinuität an, den Biblio-
       theken vergleichbar,  deren Wissen und Sprache sie vergegenwärti-
       gen. Was  von ihnen  erwartet wird: die Herstellung des Konsenses
       der Beherrschten mit der Herrschaft. Was von ihnen nicht erwartet
       wird: die Gefährdung von Kontinuität und Konsens durch Kritik und
       Zukunftsentwürfe. Zu  beidem aber sind Intellektuelle fähig. Des-
       halb suchen  nicht nur  herrschende Klassen,  sich die Träger der
       kognitiven Möglichkeiten zum Neuen zu assimilieren. Der Intellek-
       tuelle wird als Anpasser wie als Revolutionär zum Thema. Den Ver-
       günstigungen für  umsichtigen Gebrauch  mit utopischer  Fähigkeit
       entsprechen die  Sanktionen der Gewalt gegen die Ideen großer Zu-
       kunft. Und für revolutionäre Klassen stellt sich die Aufgabe, die
       Intellektuellen denken,  nicht aber  führen zu  lassen, denn ihre
       Verwechslung des  Denkmöglichen mit  dem Notwendigen wird zur Ge-
       fahr  des  zweiten  Schrittes  nach  dem  ersten.  Das  Stichwort
       "Zukunft und  Intellektuelle" verlangt  gleichwohl nicht  danach,
       alle über einen Kamm zu scheren. Mit der Stilisierung  d e s  In-
       tellektuellen zum Anderen der Arbeiterklasse wäre es nicht getan;
       die Arbeiterklasse wurde und wird immer wieder zur Arbeiter-Bewe-
       gung, indem sie sich  i h r e  Intellektuellen assoziiert.
       Ein Grund  der Nähe nicht der, sondern bestimmter Intellektueller
       zur Antizipation der großen Zukunft liegt in Besonderheiten ihrer
       Kognition. Die  intellektuelle Tätigkeit   k a n n   das Mögliche
       empirisch noch nicht bestimmbarer Zukunft erreichen, weil ihr auf
       Grund umfassenderer  Aneignung der  Geschichte und  allseitigerer
       theoretischer Wirklichkeitsanalyse  die Wahrnehmung  des Prinzips
       historischer Veränderung  und der  Offenheit des Noch-nicht-Seins
       erleichtert wird.
       Der Zugang des Intellektuellen zur Realität ist weniger unmittel-
       bar empirisch  als der  des spontanen  Alltagsverstands;  er  ist
       durch Theorie,  ästhetische Anschauung und andere Denkformen ver-
       mittelt, ist reflexiv und selbstbezüglich. Die Freiheit gegenüber
       dem Bestehenden   k a n n  zur Erweiterung des Denkmöglichen füh-
       ren. Hieraus  ergibt sich  Verantwortung für das Mögliche wie für
       das Notwendige.  Fluchten aus  der Verantwortung  sind sowohl das
       abstrakte utopische System wie der Verzicht auf die große Zukunft
       zu reformistischen Gunsten.
       Fluchten vor  dem Möglichen  sind auch  der konservative und neu-
       rechte utopische Regreß in unangefochtenen kapitalistischen Opti-
       mismus und  erschlichene Identität  ("der Deutschen"), die apoka-
       lyptische Utopie  pessimistischer Weltmodelle, die futurologische
       Vision des "dritten Wegs" jenseits von Kapitalismus und Sozialis-
       mus, die "Synthese ... zwischen dem demokratisch-kapitalistischen
       System des Westens und dem diktatorisch-kollektivistischen System
       des Ostens".  39) Erst  im Standhalten, im mit Zukunftsbewußtsein
       aktiv ausgetragenen Widerspruch, in der Entdeckung des Vorantrei-
       benden und im Entwurf der einen Zukunft für die eine Welt beweist
       der Mensch, daß er Zukunft hat.
       
       _____
       1) Umfangreiche  bibliographische Nachweise  in: Utopie.  Begriff
       und Phänomen  des Utopischen. Hg. und eingel. v. A. Neusüss, Neu-
       wied und  West-Berlin  1968;  Utopieforschung.  Interdisziplinäre
       Studien zur  neuzeitlichen Utopie.  Hg. v.  W.  Voßkamp,  2  Bd.,
       Stuttgart 1982.
       2) I. Ehrenburg,  Menschen, Jahre, Leben. Memoiren, Bd. 1, Berlin
       1978, S. 7 f.
       3) W. Benjamin,  Geschichtsphilosophische Thesen,  in: Zur Kritik
       der Gewalt und andere Aufsätze. Mit einem Nachw. vers. v. H. Mar-
       cuse, Frankfurt am Main 1965, S. 88.
       4) G. Kunert, Der Schlüssel zum Lebenszusammenhang. Literatur als
       Mythos, in Frankfurter Allgem. Zeitung, Nr. 105, 5. Mai 1984.
       5) Die deutsche  Übersetzung erscheint  im Herbst 1985: Algabaria
       oder Die neuen Geheimnisse von Paris, Frankfurt am Main.
       6) Vgl. Das Ende einer Utopie. Hingabe und Selbstbefreiung frühe-
       rer Kommunisten  im zweigeteilten Deutschland. Hg. und eingel. v.
       H. Krüger, Olten 1963.
       7) Vgl. v.  Verf., Utopie  und sozialistische Bewegung heute, in:
       Theoretische Konferenz  "Marxismus und  Studentenbewegung". Mate-
       rialien. Hg.  v. MSB Spartakus, Bonn 1985, S. 74 ff.; ders., Uto-
       pie oder  Wissenschaft? Thesen gegen eine falsch gestellte Frage,
       in: Marxistische Blätter, H. l, 1985, S. 89 ff.
       8) H.  Jung, Utopie  als Zukunftsdenken  heute?, in: Marxistische
       Blätter, H. 1, 1985, S. 87.
       9) Ebenda, S. 85.
       10) E. Bloch, Geist der Utopie. Bearb. Neuaufl. d. 2. Fassung von
       1923. Gesamtausg. Bd. 3, Frankfurt am Main 1964, S. 12.
       11) Vgl. H.H. Holz, Philosophie im deutschen Expressionismus. Ms.
       Groningen 1985.
       12) R. Garaudy, Das Projekt Hoffnung, Wien 1977, S. 110, 117.
       13) Ebenda, S. 117.
       14) Vgl. etwa  A.L. Morton, Die englische Utopia, Berlin 1958; N.
       Elias, Thomas  Morus' Staatskritik.  Mit Überlegungen zur Bestim-
       mung des  Begriffs Utopie, in: Utopieforschung (s. Fn. 1), Bd. 2,
       S. 101  ff.; Werner Krauss, Überblick über die französischen Uto-
       pien von Cyrano de Bergerac bis Etienne Cabet, in: Literaturtheo-
       rie, Philosophie  und Politik. Hg. v. M. Naumann, Berlin und Wei-
       mar 1984, S. 78 ff.; P.-F. Moreau, Le récit utopique. Droit natu-
       rel et roman de l'Etat, Paris 1982.
       15) O. Neurath,  Die Utopie als gesellschaftstechnische Konstruk-
       tion, in: Wissenschaftliche Weltauffassung, Sozialismus und Logi-
       scher Empirismus.  Hg. v.  R. Hegselmann, Frankfurt am Main 1979,
       S. 235, 241.
       16) B. Brecht, Radiotheorie, in: Gesammelte Werke, Bd. 18, Frank-
       furt am Main 1967, S. 130.
       17) A. Neusüss,  Schwierigkeiten einer  Soziologie des utopischen
       Denkens, in:  Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen (s. Fn.
       1), S. 19.
       18) K.R. Popper, Utopie und Gewalt, in: ebenda, S. 317.
       19) Vgl. v.  Verf., Aufklärung  über Ideologie.  Destutt de Tracy
       und Marx  - Entwicklung  eines wissenschaftlichen  Konzepts,  in:
       DIALEKTIK, H. 10, Köln 1985.
       20) F.L. Polak, Wandel und bleibende Aufgabe der Utopie, in: Uto-
       pie (s. Fn. 1), S. 362.
       20a) M. Horkheimer, Die Utopie, in: ebenda, S. 184.
       21) K. Mannheim,  Ideologie und  Utopie. 4.  Aufl., Frankfurt  am
       Main 1965, S. 169.
       22) R. Koselleck,  Die Verzeitlichung  der Utopie, in: Utopiefor-
       schung (s. Fn. 1), S. 4; vgl. J. Rasen, Utopie und Geschichte; L.
       Kölscher,  Der  Begriff  der  Utopie  als  historische  Kategorie
       (ebenda).
       23) Vgl. L.  Knatz, Utopie  und Wissenschaft  im frühen deutschen
       Sozialismus. Theoriebildung  und Wissenschaftsbegriff bei Wilhelm
       Weitling, Frankfurt am Main - Bern - New York - Nancy 1984.
       24) K. Marx, in: MEW Bd. l, S. 345.
       25) K. Marx, in: MEGA 1,1, S. 183.
       26) K. Marx, in: MEW Bd. 4, S. 143.
       27) Vgl. zum  Theorietypus der  Marxschen Theorie  v. Verf.,  Ge-
       schichte, gesellschaftliche  Bewegung und  Erkenntnisprozeß. Stu-
       dien zur Dialektik der Theorieentwicklung in der bürgerlichen Ge-
       sellschaft, Berlin und Frankfurt am Main 1984.
       28) K. Marx, in: MEW Bd. 27, S. 553.
       29) B. Brecht,  in: Gesammelte  Werke, Bd.  20, Frankfurt am Main
       1967, S. 92.
       30) F. Engels, in: MEGA I, 24, S. 75, 79.
       31) Ebenda. S. 21.
       32) E. Bernstein,  Die Voraussetzungen  des Sozialismus  und  die
       Aufgaben der  Sozialdemokratie. Hg.  v. G.  Hillmann, Reinbek bei
       Hamburg 1969, S. 14. Vgl. K. Bayertz, From Utopia to Science? The
       Development of  Socialist Theory  between Utopia and Science, in:
       Sociology of the Sciences. A Yearbook. Vol. VIII, 1984.
       33) K. Marx, in: MEW Bd. 17, S. 557.
       34) F. Engels, in: MEW Bd. 19, S. 228.
       35) W.I. Lenin, in: LW Bd. 18, S. 350. Vgl. Willi Gerns, DKP-Pro-
       grammatik und Utopie, in: Marxistische Blätter H. 1, 1985, S. 110
       ff., der auf diese Würdigung der Utopisten durch Lenin nicht ver-
       weist, zu Recht aber die Kritik utopischer Systeme betont.
       36) F. Deppe,  Ende oder  Zukunft der  Arbeiterbewegung?  Gewerk-
       schaftspolitik nach  der Wende.  Eine kritische Bestandsaufnahme,
       Köln 1984, S. 255; vgl. insgesamt S. 251 ff.
       37) Vgl. A. Neusüss, Utopisches Bewußtsein und freischwebende In-
       telligenz. Zur  Wissenssoziologie Karl  Mannheims, Meisenheim  am
       Glan 1968.
       38) A. Gramsci,  Die Herausbildung  der Intellektuellen, in: Mar-
       xismus und  Literatur. Ideologie,  Alltag, Literatur. Hg. und aus
       d. Ital. übertragen v. S. Kebir, Hamburg 1983, S. 56.
       39) O.K. Flechtheim, Futurologie als "Dritte Kraft", Zürich 1973,
       S. 8;  vgl. auch:  ders., Warum  Futurologie, in: Futurum, Nr. 6,
       München 1980;  R. Jungk,  Zukunftsforschung und  Imagination, in:
       ebenda. Zur  Kritik vgl.: D. Klein, Die Konflikte des Spätkapita-
       lismus und  ihre Entwicklungstendenzen - Aufgaben wissenschaftli-
       cher Gesellschaftsprognose, in: ebenda; I.B. Bestushew-Lada, Bür-
       gerliche Futurologie  jetzt "transformiert"?,  in:  Sowjetwissen-
       schaft. Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, H. 2, 1984. Vgl.
       auch K.  Naumann, "Konservative  Utopie?!" Überlegungen  zu einem
       Aspekt des  Konservativen Hegemoniepotentials (Thesen), in: Forum
       Wissenschaft, H. 2, 1984,
       

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