Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       ZUKUNFTSFELDER - ORIENTIERUNGEN - IDEOLOGISCHE PROBLEME *)
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       Robert Steigerwald
       
       I.
       
       Aus ökonomischen,  politischen und geographischen Bedingungen ist
       die Entwicklung der Bundesrepublik in all ihren wesentlichen Ele-
       menten untrennbar  eingefügt in die grundlegenden internationalen
       Trends der  Gegenwart und  näheren Zukunft. Es ist nicht möglich,
       perspektivische, alternative, kräftebezogene Überlegungen zum Weg
       unseres Landes  anzustellen, ohne etwa solche Prozesse zu berück-
       sichtigen wie  die -  teilweise sicherlich  dramatische - Entfal-
       tung, Zuspitzung, Vertiefung des Ringens
       - um Frieden  und Abrüstung,  für die  Isolierung, Zurückdrängung
       und, wo  möglich, Überwindung  der Kräfte  der  Rüstung  und  des
       Krieges;
       - um die  Befreiung der  Millionen-Massen in den Ländern der sog.
       Dritten Welt;
       - um grundlegende  Veränderungen im Gewicht der beiden Grundklas-
       sen in den imperialistischen Hauptländern;
       - um Positionsveränderungen  im "Kräftedreieck" USA-Japan-Westeu-
       ropa;
       - um die Meisterung der Probleme der wissenschaftlich-technischen
       Revolution;
       - um die Nutzung von Rohstoff- und Energievorkommen;
       - um die Riesenaufgaben des Umweltschutzes und der Umweltrekulti-
       vierung;
       - um die  Arbeitsplatz-, Ernährungs-  und Bevölkerungsproblematik
       in den vom Imperialismus ausgeplünderten Weltgebieten.
       Jedes dieser  Kampffelder ist für sich genommen komplex. Sie hän-
       gen alle mehr oder weniger miteinander zusammen und sind außerdem
       eingebunden in  die weltweite  Systemauseinandersetzung  zwischen
       Kapitalismus und  Sozialismus. Daß sich nationale Perspektiv- und
       Alternativfragen nicht  losgelöst von solchen Prozessen behandeln
       lassen, deren Evolution oder Lösung jedoch schwer präzise zu pro-
       gnostizieren ist,  leuchtet sicher  ohne weiteren Beweis ein. Ich
       will dennoch  einmal auf  zwei   T e i l bereiche    von  jeweils
       e i n e m  dieser grundlegenden Prozesse kurz eingehen, um wenig-
       stens die dialektische Vielfalt der Sachlage zu skizzieren.
       Daß die  EG-Länder und  die USA von schwerer Arbeitslosigkeit be-
       troffen sind  und -  solange der  Kapitalismus fortbesteht - sich
       hier keine  Möglichkeit einer grundlegenden Problemlösung ergibt,
       mag wiederum  ohne weitere Begründung gesagt werden. Was bedeutet
       es aber  - auch  für die  sog. Erste Welt - materiell, ökonomisch
       und sozial,  wenn in  den Ländern  der sog. Dritten Welt mehr als
       drei Viertel  der Jugendlichen  zwischen 15  und 25  Jahren  (oft
       freilich müssen  schon Elfjährige  ihr Leben  selbst "meistern"!)
       leben, wenn  es zu Beginn der 90er Jahre etwa eine Milliarde sol-
       cher Jugendlicher  in diesen Ländern geben wird, wenn schon heute
       mindestens 120 Millionen von ihnen arbeitslos sind, was in diesen
       Ländern ja weit mehr bedeutet als bei uns, gibt es dort doch kein
       System von  Arbeitslosenversicherung und  dergleichen? Und  diese
       Arbeitslosigkeit wächst.  Das verschlimmert zugleich die Arbeits-
       möglichkeiten und  -bedingungen für  jene, die  Arbeit haben.  1)
       Welcher ökonomische  und soziale  Zündstoff sammelt sich hier an?
       Wie kann  er wirksam  werden im Kampf um Bildung, Ausbildung, Ar-
       beit? Welche  Triebkräfte können von ihm ausgehen für den antiim-
       perialistischen Kampf?
       Übrigens stellt sich das Problem der Arbeitslosigkeit auf prinzi-
       piell gleiche Weise für die Masse der Frauen und Mädchen der Län-
       der der  Dritten Welt, nur kommen noch all die Probleme der Frau-
       enunterdrückung und  Frauenbenachteiligung hinzu.  Auch da wächst
       also objektiv  ein neues Protestpotential von nicht abschätzbarer
       Stärke heran.
       Oder welche  Triebkräfte können hiervon ausgehen für den Kampf um
       Abrüstung? Dies  ist das zweite  T e i l problem,  eingebunden in
       das der  allgemeineren Frage  der Abrüstung. In den Entwicklungs-
       ländern leben  nicht nur  einige hundert  Millionen  Arbeitslose,
       sondern Hunderte  Millionen Hungernder,  über  tausend  Millionen
       tief  Verelendeter,   Hunderte  Millionen  von  Analphabeten  und
       Menschen bar  jeder medizinischen  Betreuung. Mit  jährlich  rund
       acht Milliarden Dollar könnte der Hunger, mit weiteren jährlichen
       rund 20 Milliarden Dollar das Analphabetentum und die schlimmsten
       Seuchen besiegt  werden. Das  Geld wäre da, wenn Erfolge im Kampf
       um Abrüstung  erzielt würden:  8  bis  10  Prozent  der  Weltauf-
       wendungen für  Rüstung reichten  hin. Diese  Rüstung  wirkt  aber
       vielfältig verschärfend  auf die  Lage in den Ländern der Dritten
       Welt ein. Die immensen Rüstungsausgaben führen z.B. in den USA zu
       einer ständig  größeren Kreditaufnahme seitens des Staates, damit
       zum  Wachsen   des  Zinssatzes,  und  im  Ergebnis  auch  solcher
       Praktiken fließen  derzeit aus  diesen  Dritte-Welt-Ländern  (sie
       hatten  1984   über  800   Milliarden  Dollar  Auslandsschulden!)
       jährlich über 160 Milliarden Dollar für Zinsen und Tilgung in die
       Tresore imperialistischer Banken. 2)
       Wie wird  sich die Welt ändern, wie wird sich die Wucht des Abrü-
       stungskampfes steigern,  wenn in  Dritte-Welt-Ländern der  Prozeß
       des Kampfes gegen diese Rüstungs-Geißel des Imperialismus massen-
       haft einsetzt? Welche neuen Kräftegruppierungen werden sich erge-
       ben? Mit  welchen neuen ideologischen Fragen werden wir es zu tun
       bekommen? Solche  Fragen kann  heute niemand präzise beantworten.
       Aber solche  Prozesse stecken  perspektivisch in allen oben ange-
       deuteten grundlegenden  sozialen Problemen  der Gegenwart, und es
       ist damit  zu rechnen,  daß mindestens  einige von  ihnen  unsere
       Kampfbedingungen auf  dem Weg  zum Jahre 2000 ernsthaft mitprägen
       werden.
       
       II.
       
       Wenn ich  es richtig  sehe, wird es in der Bundesrepublik bis zum
       Jahre 2000  vor allem  folgende Problemfelder  geben: Frieden und
       Abrüstung, darin einbezogen die Gestaltung der Beziehungen zu den
       real sozialistischen  Ländern; Arbeit,  Recht auf Arbeit; Meiste-
       rung der Probleme der wissenschaftlich-technischen Revolution. Im
       Zusammenhang mit  den genannten Prozessen wird es ernsthafte wei-
       tere soziale  Umschichtungsprozesse geben; wir werden uns mit den
       Problemen der gründlichen Reform des Bildungs- und Ausbildungswe-
       sens beschäftigen  müssen; hinzu kommt nach wie vor das gewaltige
       Problem des Umweltschutzes.
       Ich will aus der Fülle von Fragen, die sich unmittelbar für unser
       Land stellen,  nur eine  schmale Gruppe  von Problemen aussondern
       und dazu argumentieren, weil ich meine, daß es zu ihnen im Kreise
       der Linken  neben richtigen  Einsichten  auch  Holzweg-Positionen
       gibt, mit denen man sich auseinandersetzen muß.
       A. Krise, Massenarbeitslosigkeit,  Spaltung der Arbeiterklasse in
       eine aktive  und eine  industrielle Reservearmee; im Zusammenhang
       mit den  wissenschaftlich-technischen Prozessen  wichtige soziale
       Umschichtungen,  vor  allem  Herausbildung  einer  neuen  Mittel-
       schicht; Entwicklung  von immer  furchtbareren industriellen  De-
       struktivkräften; gewaltiger  Ressourcenmißbrauch und  dramatische
       Umweltschädigungen erzeugen verschiedene Ansichten zum Verhältnis
       Mensch-Natur, zur  Technik, zur Arbeit, ihrem Stellenwert und ih-
       rer Zukunft.  Sie bilden  ein dem Marxismus entgegengesetztes Sy-
       stem von  Weltanschauung mit  deutlich politischen  Konsequenzen.
       Unter den  heutigen und  künftigen Bedingungen  der Begegnung der
       Arbeiterklasse mit  den neuen Mittelschichten im Kampf - eine Be-
       gegnung, die durch das gemeinsame Wirken  u n d  die ideologisch-
       politische Auseinandersetzung geprägt ist und bleiben wird - müs-
       sen wir diesen Fragen große Aufmerksamkeit widmen.
       Die wissenschaftlich-technische  Revolution hat  zu quantitativen
       und qualitativen  Änderungen menschlicher  Eingriffe in die Natur
       geführt. Ganz  neue Bereiche der Erde, nicht nur der Erde, werden
       erstmals in  die Beziehung,  in den  Stoffwechselprozeß  zwischen
       Mensch und  Natur hereingenommen:  der Mikrokosmos, der Weltraum,
       die Erbinformationen.  Und es  zeichnen sich  hier gewaltige Pro-
       bleme, vom Naturverhältnis bis hin zur Ethik, ab.
       Wenn die  mit der wissenschaftlich-technischen Revolution verbun-
       denen Eingriffe  quantitativer und  qualitativer Art des Menschen
       in die  Natur noch  länger unter  dem Kommando des Profitprinzips
       und damit des Raubbaus an der Natur stattfinden, so können in ei-
       ner ökologischen  Krise die  Lebensbedingungen  der  menschlichen
       Gattung zugrunde  gehen. Nur  dies sehend, die dahinter wirkenden
       tieferen gesellschaftlichen Ursachen noch nicht wahrnehmend, bil-
       deten vor allem Ideologen der neuen Mittelschichten eine ökologi-
       sche Weltanschauung  aus. Anknüpfend an eine in unserem Lande be-
       reits länger  bestehende Tradition  - die  die Unmenschlichkeiten
       und Gebrechen  des Kapitalismus  vor allem  auf eine falsche Gei-
       stigkeit, auf  den Rationalismus  zurückzuführen versucht und ihm
       irrationale Positionen entgegenstellt -, wird behauptet: Die gei-
       stige Einstellung,  die Natur  beherrschen zu  wollen, zu  diesem
       Zweck ein Rationalismus der Berechenbarkeit der Naturfaktoren und
       eine Technik,  die diesen Zielen der Naturbeherrschung dient, das
       Streben nach  ständigem Wachstum  von Produktion  und  Konsumtion
       seien die  Verursacher der ökologischen, der krisenhaften Proble-
       matik der Beziehung des Menschen zur Natur. Die Ausklammerung der
       kapitalistischen Triebkräfte  hinter dieser  Problematik wird da-
       durch erleichtert,  daß es  auch im  Sozialismus ökologische Pro-
       bleme, Streben  nach Naturbeherrschung,  Entwicklung von Technik,
       von Produktion  und Konsumtion,  von Wachstum gibt. Oberflächlich
       gibt es  also manches  Gemeinsame. So konnte der falsche Eindruck
       entstehen, die  ökologische Problematik  sei  systemübergreifend,
       die marxistische  Herangehensweise an  die Beziehung Mensch-Natur
       unbefriedigend. Es  müsse also ein gegenüber Kapitalismus und So-
       zialismus, ein gegenüber dem Profitmaterialismus des Kapitalismus
       und dem  ökonomischen Humanismus  des Sozialismus  primärer  öko-
       logischer Humanismus herausgearbeitet werden.
       Es ist  ganz gewiß  notwendig, sich der Dramatik der ökologischen
       Probleme voll  bewußt zu werden. Und es ist nötig, zur Lösung der
       ökologischen Probleme  das Verhältnis  des Menschen  zur Natur zu
       verändern. Dazu gehört auch, daß wir unsere geistigen Einstellun-
       gen verändern,  korrigieren, reformieren  müssen. Dennoch  genügt
       eine Änderung unserer geistigen Einstellungen allein nicht. Schon
       diese geistigen Einstellungen selbst sind Reflex bestimmter mate-
       rieller, gesellschaftlicher Prozesse. Unter den Bedingungen eines
       Systems des  allein vom  Profitstreben geleiteten Eingreifens des
       freien Unternehmers  in die Natur kommt es zu einem prinzipiellen
       Widerspruch von  Ökonomie und Ökologie. Sollen sich die geistigen
       Einstellungen ändern,  so muß dieses materielle Raubbauverhältnis
       zur Natur  verändert werden.  An die Stelle des "freien Unterneh-
       mertums" und  seines Raubbauverhältnisses  zur Natur  muß das von
       Planmäßigkeit gekennzeichnete  Verhältnis  der  gesamten  Gesell-
       schaft treten,  das sich  orientiert an der Befriedigung der sich
       entwickelnden materiellen  und kulturellen  Bedürfnisse der  Men-
       schen. Planmäßig muß auf Einsparung lebendiger Arbeit und von Na-
       turstoff, auf  Recycling und  Rekultivierung von Natur orientiert
       werden.
       Dies alles  setzt das  gesellschaftliche Eigentum  an den gesell-
       schaftlich wichtigen  Produktivkräften und  eine wirkliche Volks-
       macht, den  Sozialismus, voraus.  Die im Umkreis der ökologischen
       Weltanschauung propagierte  Konzeption der  Ersetzung großer Pro-
       duktionseinheiten durch  eine große  Zahl mittlerer  und  kleiner
       löst die  Probleme schon  darum nicht, weil das Problem der soge-
       nannten freien  Verfügbarkeit sowie  das Problem  des Konkurrenz-
       kampfes weder ökonomische noch ökologische Rationalität im Umgang
       des Menschen  mit der  Natur zuläßt. Ob abfall- und schadstoffrei
       produziert wird,  ob  die  Vergiftung  der  Böden  durch  falsche
       (künstliche oder  natürliche, denn  auch Jauche ist Gift) Düngung
       vermieden wird,  hängt nicht  von der Größenordnung der Produkti-
       onseinheiten ab, sondern von den Grundprinzipien, die eine solche
       Produktion dirigieren.  Solange das  Profitprinzip, das  ihm  zu-
       grunde liegende Prinzip des Privateigentums an Produktionsmitteln
       nicht ausgeschaltet  wird, ist  weder ein  ökonomischer noch  ein
       ökologischer Rationalismus oder Humanismus möglich.
       Unter den  Bedingungen der  Überwindung des  Privateigentums, des
       Profitprinzips, des  Konkurrenzkampfes ist es möglich, die Bezie-
       hungen zwischen  Ökonomie und  Ökologie so  zu gestalten, daß ein
       unversöhnlich feindlicher Widerspruch vermieden wird. Woraus aber
       ergeben sich  die ökologischen  Probleme im Sozialismus? Zunächst
       sind einige  direktes Erbe  des Kapitalismus. Der Sozialismus hat
       in zunächst  zurückgebliebenen Ländern gesiegt, hat eine zunächst
       auch noch  ungenügend entwickelte Technik geerbt, die unter kapi-
       talistischen Bedingungen  geprägt wurde.  Angesichts der vorherr-
       schenden ungeheuren  Not, des  furchtbaren Mangels, auch des Feh-
       lens an  technischen und wissenschaftlichen Kadern konnte er sein
       Hauptaugenmerk längere  Zeit nicht  auf die Entwicklung einer den
       sozialistischen Produktionsverhältnissen  gemäßen  neuen  Technik
       konzentrieren. Hinzu  kommen die gewaltigen Belastungen durch die
       Rüstung. Aber  auch die Schwierigkeit, die Zusammenhänge zwischen
       erwünschten Nah-  und  unerwünschten  Fernwirkungen  unserer  Na-
       tureingriffe zu erkennen, sollte hier gesehen werden. Und daß die
       wissenschaftlich-technische  Revolution   mit  ihren  prinzipiell
       neuen Möglichkeiten  des quantitativen  und qualitativen Eingrei-
       fens in  die Natur auch neue Probleme aufwirft, ist auch von Mar-
       xisten nicht  unmittelbar in seinem ganzen Ausmaß erkannt worden.
       Aber all diese Probleme sind prinzipiell auf der Grundlage und im
       Rahmen sozialistischer  Produktionsverhältnisse, der  sozialisti-
       schen Staatsmacht und der marxistisch-leninistischen Theorie lös-
       bar.
       Die Probleme  entspringen nicht  der  modernen  Wissenschaft  und
       Technik, sondern  ihrem kapitalistischen Einsatz. Sie entspringen
       nicht einem  Wachstumsfetischismus, sondern  dem Profitfetischis-
       mus, denn  es gibt ja keinen Lohn-Wachstumsfetischismus. Sie kom-
       men nicht  aus der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, sondern
       ergeben sich  aus den im Profitinteresse manipulierten Bedürfnis-
       sen und  ihrer Pseudobefriedigung.  In Wirklichkeit erfordert die
       Lösung der  ökologischen wie aller anderen grundlegenden sozialen
       Probleme nicht  weniger, sondern mehr und tiefergründiges Wissen,
       nicht weniger,  sondern mehr und den Problemen besser angemessene
       Technik, nicht  weniger, sondern  mehr ökonomische  Mittel: Jedes
       ökologische Problem  bedarf zu seiner Lösung ökonomischer Mittel.
       Zur Lösung  ökologischer Probleme ist sogar ökonomisches Wachstum
       bei demokratischer Kontrolle notwendig, um den für den Kapitalis-
       mus typischen  Widerspruch zwischen ökonomischem Wachstum und so-
       zialer Entwicklung  wenigstens abschwächen zu können. Dies jedoch
       gestattet es,  mehr Mittel für den Umweltschutz, für eine völlige
       Umorientierung der  Verkehrs-, der Städte- und Wohnungsbaupolitik
       usw. bereitzustellen.
       B. Die Benutzung der Technik als Kriegsmittel gegen die Arbeiter-
       klasse (Engels) und gegen die Natur hat auch Einfluß auf den Cha-
       rakter der  Technik selbst.  Technikkritik hat insofern einen ra-
       tionellen Kern,  denn Technik  ist ein Transportmittel von Profi-
       tinteressen. Dies  drückt sich u.a. aus in der Verwandlung riesi-
       ger Produktivkräfte  in Destruktivkräfte  gewaltigen Ausmaßes; in
       unvorstellbarer  Ressourcenvergeudung  und  Umweltschädigung;  in
       menschenverachtender Arbeitsorganisation; in der Orientierung der
       Produktion und  Produktionstechnik allein am Wachstum des Profits
       und der  sich daraus  ergebenden Verdichtung der Arbeitsprozesse.
       Die heutige  Qualität der  Technik in  der Rüstung zeigt, daß ge-
       sellschaftliche Verhältnisse  überlebt sind,  welche die  Ursache
       für den Krieg in sich tragen. Die moderne Technik darf nicht mehr
       als Mittel  zur Erreichung  politischer Ziele  eingesetzt werden.
       Dies zeigt,  daß es  durchaus einen inneren Zusammenhang zwischen
       Technik (also  einer der Produktivkräfte) und den Produktionsver-
       hältnissen gibt.  Die moderne  Technik, die  moderne Qualität der
       Produktivkräfte ist  so gewaltig, daß sie nicht mehr sinnvoll und
       menschendienlich im  Rahmen kapitalistischer  Produktionsverhält-
       nisse eingesetzt werden kann. 3)
       Die skizzierten  destruktiven Tendenzen ergeben sich jedoch nicht
       aus der  Technik. Diese  könnte sich auch ganz anders entwickeln.
       Es liegt  doch nicht  an der  Technik, wenn es statt zur Arbeits-
       zeitverkürzung zur  Arbeitsplatzvernichtung kommt.  Es ist  nicht
       richtig, die Technik vom Menschen abzulösen und als selbständiges
       Subjekt zu sehen, entsteht sie doch aus der Übertragung menschli-
       cher Fähigkeiten  auf Arbeitsinstrumente,  auf Arbeitsmittel,  um
       unsere biologisch bedingten Grenzen im Stoffwechselprozeß mit der
       Natur ausgleichen  und überwinden  zu können.  Insofern  ist  die
       Technik doch  vom Menschen  auf seine  Arbeitsmittel  übertragene
       Gattungskraft des Menschen selbst, die dazu dient, unser Leben zu
       verbessern. Nötig  ist also  nicht der  Abschied von der Technik,
       sondern von  einem unmenschlichen  und naturwidrigen  System, das
       Technik zur Ruinierung von Mensch und Natur benutzt.
       C. Es gibt  die Ansicht,  wegen heutiger Technik gehe der Gesell-
       schaft die  Arbeit aus,  könne der Stellenwert der Arbeit relati-
       viert werden, wachse die Bedeutung der Freizeit, sei die Abkoppe-
       lung des  Einkommens von der Arbeit, ein garantiertes Mindestein-
       kommen nötig,  verliere die Arbeit ihren Warencharakter und könn-
       ten die  Marktmechanismen beseitigt werden. Für diese neue Reali-
       tät seien  neue Arbeits-  und Freizeitutopien  nötig.  Statt  der
       großen brauchten  wir eine  mittlere und sanfte Technik, eine ge-
       brauchswertorientierte Produktion.  Statt der  manipulierten  Be-
       dürfnisse und  der Ethik oder "Religion" der Arbeit brauchten wir
       den  Ausstieg   aus  dem   "Industrialismus",  "Konsumismus"  und
       "Wachstumsfetischismus", kurz: eine Revolutionierung der Werte.
       Nach dieser Auffassung ist die heutige Technik sowohl die Ursache
       der Krisen  als auch  die Garantie  der Freiheit.  Damit wird die
       Technik zum letztlich bestimmenden Faktor gesellschaftlicher Ent-
       wicklung (Industrie-Gesellschaftstheorie).  Diese Konzeption hält
       keiner kritischen Prüfung stand.
       Die Kritik  an der Arbeit verwechselt Wesen - Arbeit und Erschei-
       nung -  Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen. Der Mensch ist
       durch Arbeit entstanden, hat sich vermittels Arbeit geschichtlich
       entwickelt. Er  ist das einzige Wesen, das die Bedingungen seiner
       Existenz durch  Arbeit -  durch zweckmäßige Tätigkeit zur Hervor-
       bringung von  Gebrauchswerten für die Befriedigung seiner Bedürf-
       nisse - der Natur abgewinnt. In diesem Prozeß der materiellen und
       geistigen Aneignung  der Natur verändert der Mensch nicht nur die
       Natur, sondern  auch sich selbst, erzeugt er die Kultur, formt er
       sich als  Persönlichkeit. Folglich geht es nicht um die Befreiung
       von der  Arbeit, sondern  um deren  Befreiung. Die  zutiefst men-
       schliche Lebensäußerung  der Arbeit  wurde unfrei  durch Trennung
       der lebendigen  Arbeitskraft von  den Arbeitsmitteln.  Arbeit und
       Aneignung des  Erarbeiteten fallen auseinander. Die Aneigner kom-
       mandieren und  beuten die  Arbeitenden aus. Den Arbeitenden tritt
       das eigene Arbeitsprodukt als fremde, sie beherrschende Macht ge-
       genüber. Die eigene Arbeit wird ihnen zum Zwang, dem sie entflie-
       hen wollen.
       In der  ersten industriellen Revolution nahmen Maschinen dem Men-
       schen das  materielle Werkzeug aus der Hand, in der heutigen wis-
       senschaftlich-technischen  Revolution  nehmen  datenverarbeitende
       Arbeitsmittel ihm auch immer mehr geistige Aktivitäten, die stets
       als spezifisch menschliche Tätigkeit galten, ab, wird der Produk-
       tionsprozeß immer  wissenschaftlicher. 4) Die Arbeiter werden vom
       Kapital immer  mehr auf  das Niveau  der Maschinen hinabgedrückt,
       diese jedoch  werden immer  "vergeistigter". Im  Ergebnis  dessen
       verkehrt sich  scheinbar das Verhältnis Mensch (Arbeiter) und Ma-
       schine: Diese, seine eigenen Produkte, erscheinen ihm als ihn be-
       herrschende,  unberechenbare,   gefahrdrohende.  In  Wirklichkeit
       steckt in  den (auch  in den  modernsten) Maschinen nichts, außer
       Naturstoff und  Naturgesetzlichkeit, kombiniert  mit jenen Fähig-
       keiten, über  die der  Mensch selbst  verfügt. Nicht die (noch so
       modernen) Maschinen  sind das  Problem, sondern  die Trennung des
       Produzenten (Arbeiters)  von seinem Produkt (den Maschinen) durch
       das Kapital.  Auch in Zukunft wird die Menschheit die Bedingungen
       ihres Lebens  aus der Natur gewinnen, wird der spezifische Stoff-
       wechselprozeß des Menschen mit der Natur: die Arbeit, trotz stän-
       digen Formwandels nicht verschwinden.
       Die tatsächliche  Entwicklung der Beschäftigten widerlegt die Be-
       hauptung, durch  neue Technik  gehe der  Gesellschaft die  Arbeit
       aus. 5)  Trotz wachsender Bedeutung der Freizeit bleibt das Erar-
       beitete Grundlage  für das,  was uns  in der und für die Freizeit
       zur Verfügung  steht. Trotz  Formen relativer Selbständigkeit des
       nicht-produzierenden Bereichs, auch des Freizeitbereichs, bleiben
       diese letztlich vom Produktionsbereich abhängig.
       Ein von Arbeit abgekoppeltes, garantiertes Einkommen für alle ist
       eine Forderung  der Arbeiterbewegung,  doch dürfen  dabei  einige
       reale Probleme  nicht ignoriert  werden.  Insbesondere  darf  man
       nicht der  verlogenen bürgerlichen  Ideologie zum  Opfer  fallen,
       Einkommen sei  im Kapitalismus  an Arbeit und Leistung gekoppelt.
       Zweitens kann es nicht um die Trennung von Arbeit und Lohn in der
       Arbeiterklasse gehen, sondern um die Sicherung des Rechts auf Ar-
       beit für alle Angehörigen der Arbeiterklasse. Drittens ist selbst
       in einer  kommunistischen Gesellschaft  ein "Einkommen", d.h. die
       Teilnahme an der gesellschaftlichen Verteilung, ohne Arbeit nicht
       möglich.
       Die Aufhebung des Warencharakters der Arbeit und damit die Besei-
       tigung des  Marktmechanismus erfolgt nicht durch Einführung neuer
       Technik. Vielmehr muß dazu die Trennung von Arbeitskraft und Pro-
       duktionsmittelbesitz aufgehoben,  müssen die gesellschaftlich we-
       sentlichen Produktionsmittel  gesellschaftliches Eigentum werden.
       Ebenso können  mittlere oder sanfte Techniken, die im Sozialismus
       und Kommunismus  durchaus ihre Berechtigung haben, die Antagonis-
       men des Kapitalismus nicht beseitigen.
       Der Kapitalismus  erzeugt tatsächlich  manipulierte  Bedürfnisse.
       Die Klärung  dieses Problems  ist nicht möglich ohne Herausarbei-
       tung von  Kriterien für  vernünftige Bedürfnisse. 6) Philosophie,
       Medizin, Hygiene  usw. können  rationale Verbrauchsnormen  ermit-
       teln. Sie  stellen eine  notwendige Voraussetzung  zur Begründung
       vernünftiger Bedürfnisse  dar, sind aber noch nicht diese selbst.
       Hinzu kommen  soziale Kriterien  politischer, ethischer, ästheti-
       scher, kurz: ideeller Art.
       Bedürfnisse dieser  Art sind  nicht einzelne,  für sich  existie-
       rende, losgelöste gesellschaftliche Erscheinungen, sondern stehen
       im Zusammenhang  mit bestimmten Klassenkräften oder sogar sozial-
       ökonomischen Faktoren.  Unter diesem Gesichtspunkt muß klar sein,
       daß wir bei der Ermittlung vernünftiger Bedürfnisse unter unseren
       Bedingungen nicht  abstrahieren können  vom Kapitalismus,  in dem
       wir leben.  Konsumverzicht, wenigstens teilweise, des arbeitenden
       Volkes könnte  bei uns ein vernünftiges Ziel sein,  w e n n  die-
       ses Land  sozialistisch wäre und so das Ersparte zur Hilfe in die
       "Dritte Welt"  ginge. Unter  unseren Bedingungen würde Konsumver-
       zicht der  Massen nur  die Profite  und damit die ökonomische und
       politische Macht  des Großkapitals  stärken, ein "unvernünftiges"
       Ergebnis.
       Es gibt  dessenungeachtet breite Felder des Wirkens gegen manipu-
       lierte Bedürfnisse:
       - das Wirken gegen das "Bedürfnis" nach NATO-Sicherheit,
       - das Wirken  gegen das "Bedürfnis" nach "Klassenharmonie", Lohn-
       verzicht u.a.,
       - das Wirken  gegen das  "Bedürfnis" nach  mehr "innerer  Sicher-
       heit",
       - das Wirken gegen das "Bedürfnis" nach noch mehr Desinformation.
       Die These  von der Möglichkeit und Notwendigkeit einer gebrauchs-
       wertorientierten Produktion im Kapitalismus ist irreführend, weil
       unter solchen  Bedingungen Gebrauchswerte  nur des Tausches wegen
       produziert werden, also als Waren, die einen Tauschwert besitzen.
       Kapitalistische Warenproduktion ist dabei am Profit, nicht am Ge-
       brauchswert orientiert.
       Im Sozialismus  erfolgt die  Produktion, gemäß  dem  ökonomischen
       Grundgesetz des  Sozialismus, geplant. Der Plan bringt Produktio-
       nen zur  Proportion, nicht  Profite, die  es im Sozialismus nicht
       gibt. Gebrauchswerte  spielen im  Sozialismus eine qualitativ hö-
       here Rolle als im Kapitalismus, und so wäre der reale Sozialismus
       eigentlich der  Bündnispartner jener  Kräfte, die  bei uns  diese
       Konzeption verfechten.  Freilich darf nicht ignoriert werden: An-
       gesichts der unterschiedlichen Formen gesellschaftlichen (anfangs
       auch noch  privaten) Produktionsmitteleigentums,  angesichts  der
       noch ungenügend  entwickelten Produktivkräfte  u n d  des Standes
       des Bewußtseins - also der objektiven und subjektiven Bedingungen
       - muß  das Verteilungsprinzip noch das der Leistung, kann es noch
       nicht das  kommunistische der  Verteilung gemäß  den Bedürfnissen
       sein. Dies  ebenso wie  die Austauschbeziehungen zwischen den Be-
       trieben unterschiedlicher Eigentumsformen macht es notwendig, den
       gesellschaftlichen Arbeitsaufwand  bei der Erzeugung der Produkte
       zu messen.  Das ist auch nötig, um diesen Aufwand zu senken, also
       Arbeitskraft und  Naturressourcen einsparen  zu können.  Das aber
       bedeutet, daß  auch im  Sozialismus die Produktion noch Warenpro-
       duktion sein  muß - freilich nicht mehr kapitalistische Warenpro-
       duktion ist  -, nicht einfach durch eine allein gebrauchswertori-
       entierte Produktion ersetzt werden kann.
       Wir gehen - schließlich - auch an das Wachstumsproblem inhaltlich
       heran. Unter  kapitalistischen Bedingungen  stimmen  ökonomisches
       Wachstum und  soziale  Entwicklung  nicht  überein.  Ökonomisches
       Wachstum bewirkt  nicht schon Abbau der Arbeitslosigkeit, Profit-
       wachstum führt  nicht zu  Lohnwachstum. Rüstungswachstum  geht zu
       Lasten der sozialen Entwicklung. Wir kämpfen nicht abstrakt gegen
       oder für  ein Wachstum,  sondern fragen:  Wachstum wessen, wofür,
       auf wessen  Kosten, zu wessen Nutzen? Wir kämpfen gegen Rüstungs-
       und Profitwachstum,  für soziale Entwicklung. Die Lösung dringen-
       der sozialer  Probleme des Umweltschutzes, öffentlichen Verkehrs-
       wesens, Städte-  und Wohnungsbaus usw. erfordert nicht Nullwachs-
       tum in Ökonomie, Technik und Wissenschaft, sondern deren Entwick-
       lung bei demokratischer Kontrolle.
       
       _____
       *) Zu den  politischen Schritten  und Formen auf dem Weg in diese
       Zukunft vergleiche  den Beitrag  von Willi  Gerns in diesem Jahr-
       buch.
       1) Probleme des Friedens und des Sozialismus, Nr. 1/1985: Die Ju-
       gend in der heutigen Welt. Bildung, Arbeit, Leben. S. 130 ff.
       2) Ebenda, Nr.  12/1984: Abrüstung  - Voraussetzung  für die Ent-
       wicklung, S. 1716 ff.
       3) Deutsche Volkszeitung/die  tat, 11.1.1985, S. 9, Interview mit
       Harry Nick.
       4) Ebenda in  Anlehnung an  Arbeiten des sowjetischen Philosophen
       Kedrow.
       5) In der  Bundesrepublik gab  es 1970  gut  26,6  Millionen  Er-
       werbstätige, 1982  waren es  eine Million  weniger. Unter Berück-
       sichtigung der  Verschiebungen bei  ausländischen  Arbeitskräften
       widerlegen die  Zahlen die  These vom Ende der Arbeit durch Tech-
       nik.
       6) Sowjetwissenschaft -  Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge,
       Nr. 1/1984,  S., 53  ff: B.  N. Woronzow, Vernünftige Bedürfnisse
       und ihr Kriterium.
       

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