Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       VORWORT
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       Die Frage, wie die Bundesrepublik im Jahr 2000 aussehen wird, be-
       schäftigt gegenwärtig  Forscher der unterschiedlichsten Diszipli-
       nen, Publizisten, und Politiker. Die Sorge, ob die Menschheit die
       Katastrophe eines Nuklearkrieges verhindern kann, steht neben den
       Verheißungen der  "Informationsgesellschaft" ; die Unverzichtbar-
       keit von  Utopien wird gleichermaßen vertreten wie die These, die
       Weichen in  die Zukunft  seien längst  gestellt. Alle politischen
       Kräfte diskutieren  programmatische Fragen oder gar Dokumente; in
       der Linken  und in der Arbeiterbewegung wird zunehmend debattiert
       über Maßstäbe  und Realisierbarkeit gesellschaftlicher Alternati-
       ven zum gegenwärtigen Kurs dieses Landes.
       Vor diesem Hintergrund wurde das vorliegende Jahrbuch konzipiert,
       wurden seine  Beiträge verfaßt. Sie greifen wichtige Überlegungen
       und Zwischenergebnisse der skizzierten Zukunftsdiskussion auf und
       verdichten sich  zu der  These: Von der Produktivkraftentwicklung
       bis zur  Lebensweise, von  der Stellung in den globalen Problemen
       bis zur  Veränderung der Sozialstruktur befindet sich die Bundes-
       republik in einem tiefgreifenden Umbruch. Wie entwickeln und bal-
       len sich  die Widersprüche  des staatsmonopolistischen Kapitalis-
       mus? An  welchen Konflikten  können sie  kristallisieren und  zum
       Auslöser von  Massenbewegungen werden?  Wie  äußern  sich  Wider-
       standspotentiale und  wie sind  die Kräfte zu formieren, die eine
       Wende gegen  die Interessen des Monopolkapitals erzwingen? Öffnet
       sich aus den gegenwärtigen Umbrüchen eine sozialistische Perspek-
       tive?
       Von marxistischer  Position aus  nach Antworten  auf diese Fragen
       und Herausforderungen  zu suchen, ist unverzichtbar, wenn die So-
       zialisten und  die klassenautonomen  Kräfte der  Arbeiterbewegung
       der Bundesrepublik  ihrer Verantwortung  gerecht  werden  wollen,
       wenn sie  die Möglichkeiten  eines demokratischen  Wegs  aus  der
       Krise ergreifen  wollen. Die Formierung eines Blocks der Verände-
       rung verlangt  von   a l l e n  Kräften der Linken und der Arbei-
       terbewegung eine neue Qualität im Bemühen, Punkte praktisch-poli-
       tischer Berührung  und Übereinstimmung zu finden und theoretisch-
       ideologische Kontroversen ohne Ausgrenzungen zu führen. Daher ha-
       ben wir  in diesem  Band ein breites Spektrum von Positionen ver-
       sammelt: Linkssozialistische, sozialdemokratische und grün-alter-
       native Autoren  sind neben  Marxisten und Kommunisten mit eigenen
       Beiträgen vertreten.  Daß der  Themenschwerpunkt sich  damit weit
       über den bisher üblichen Umfang ausdehnt, schien uns hierfür kein
       zu hoher Preis.
       Im ersten Block von Beiträgen werden übergreifende Gesichtspunkte
       und Maßstäbe  für die  Zukunfts- und  Alternativendebatte entwic-
       kelt. Die  Autoren umreißen  die historische Dimension der gegen-
       wärtigen Umbruchperiode  angesichts  der  Bedrohung  der  Mensch-
       heitsexistenz durch  Atomkrieg und  ökologische Katastrophen  und
       erörtern Notwendigkeit und Methode marxistischen Zukunftsdenkens.
       In einer  Sammelrezension werden wichtige Positionen der bisheri-
       gen wissenschaftlichen  und politischen Diskussion über Situation
       und Weg der BRD-Gesellschaft kritisch vorgestellt.
       Zu den  internationalen Faktoren,  die für  Krisenwahrnehmung und
       Alternativendebatte in  der Bundesrepublik  bedeutsam sind, zählt
       die Bewältigung  der Aufgaben,  die sich  dem Sozialismus mit der
       wissenschaftlich-technischen Revolution und dem Übergang zu einem
       intensiven Wachstumstyp  stellen. Beiträge  aus der  Sowjetunion,
       der DDR und Ungarn erörtern diese Fragen.
       Der folgende  Block hat Entwicklungen auf Feldern zum Gegenstand,
       die die  Rahmenbedingungen für Zukunftskonzepte des staatsmonopo-
       listischen Kapitalismus  wie der  antimonopolistischen Kräfte ab-
       stecken: Produktivkraftsystem;  globale Probleme; ökologische und
       ökonomische Krisentrends;  Varianten wirtschaftspolitischer Stra-
       tegien; Bevölkerungsentwicklung,  Sozial-und Klassenstruktur; po-
       litisches System; Grundkonstellationen der gewerkschaftlichen und
       politischen Arbeiterbewegung. Hier werden weniger statistisch be-
       gründete Prognosen  geboten als mögliche und wahrscheinliche Ent-
       wicklungslinien und Konfliktfronten.
       Die Autoren  des folgenden  Abschnitts geben  Ein- und Überblicke
       zur  Zukunftsdiskussion  wesentlicher  sozialer  und  politischer
       Kräftezentren der  Bundesrepublik. Untersucht werden programmati-
       sche Diskussionen  und Gruppierungen im Bereich von CDU/CSU, SPD,
       Grünen, DKP sowie in den christlichen Kirchen.
       Anschließend folgen  Stellungnahmen  von  Politikern  aus  unter-
       schiedlichen politisch-ideologischen  Strömungen der  Linken  zur
       Frage der  Redaktion nach  Problemfeldern, Alternativen, Bündnis-
       konstellationen, Politikformen der nächsten Jahre.
       Ein umfangreicher Block ist der Debatte um zukünftige Konfliktbe-
       reiche gewidmet.  In kurzen  Stellungnahmen umreißen jeweils meh-
       rere Autoren  ihre Position zu Alternativen auf verschiedenen Po-
       litikfeldern. Wir haben uns bemüht, jeweils ein Statement aus dem
       marxistischen Spektrum  mit Auffassungen aus der linkssozialisti-
       schen, sozialdemokratischen und/oder grün-alternativen Diskussion
       zu konfrontieren.
       Die abschließenden Beiträge außerhalb des Themenschwerpunkts füh-
       ren Forschungslinien  früherer Jahrbücher  weiter. An Beiträge in
       Jahrbuch 7, 1984, zu Alternativorientierungen in der Wissenschaft
       schließt der  Aufsatz über  Wissenschaftsläden in der Bundesrepu-
       blik an. Aus der Marx-Engels-Forschung kommt diesmal eine Analyse
       der Marxschen  Gedanken  über  die  "neue  Straftheorie"  in  der
       "Heiligen Familie".
       Mit dem  Erscheinen dieses  Bandes liegt der erste Jahrbuch-Jahr-
       gang vor,  der aus zwei Lieferungen (Band 8 und 9) besteht. Damit
       wollen wir  den Kreis der Themen und Autoren erweitern, um so der
       Entwicklung marxistisch orientierter Arbeit in den Wissenschaften
       - zunehmend  auch in  der internationalen Dimension - Rechnung zu
       tragen. Eine  zweite Neuerung:  Wer sich  für den  Dauerbezug der
       "Marxistischen Studien"  entscheidet, erhält  sie regelmäßig ohne
       Versandkosten mit einem Preisnachlaß von 20%.
       Abschließend eine  Information über die weitere Jahrbuch-Planung.
       Band 10 (Frühjahr 1986) enthält im Zentrum Beiträge von Psycholo-
       gen, Pädagogen  und Philosophen aus kapitalistischen und soziali-
       stischen Ländern  Europas und  Kanada zur Diskussion um marxisti-
       sche Persönlichkeitstheorie.  Band 11  (Herbst  1986)  wird  sich
       schwerpunktmäßig mit aktuellen Fragen der Theorie des staatsmono-
       polistischen Kapitalismus  befassen, v.a.  mit  der  Untersuchung
       verschiedener nationaler  Varianten der  Hegemonie- und  Entwick-
       lungstypen des  SMK auf  dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise.
       Band 12  (Frühjahr 1987)  trägt den  Arbeitstitel "Internationale
       Tendenzen der  Marx-Engels-Forschung". Band  14  (Frühjahr  1988)
       soll sich vor allem dem Thema "1789-1989: Zur Aktualität der mar-
       xistischen Revolutionstheorie" widmen.
       
       Frankfurt am Main August 1985
       Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF)
       

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