Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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       PERSÖNLICHKEIT UND INDIVIDUALITÄT IN PSYCHOLOGISCHER
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       THEORIE UND KLINISCHER PRAXIS
       =============================
       
       Ole Dreier
       
       1. Fragestellung - 2. Funktion und Persönlichkeit - 3. Individua-
       lität und  Persönlichkeit -  4. Subjektivität und Prozeßcharakter
       der Persönlichkeit  - 5.  Konflikthaftigkeit der Persönlichkeit -
       6. Zum Beispiel
       
       1. Fragestellung
       ----------------
       
       Im vorliegenden  Beitrag sollen  grundlegende Fragestellungen der
       psychologischen    Persönlichkeitsforschung,    die    für    das
       V e r h ä l t n i s   zwischen Persönlichkeitstheorie  und klini-
       scher Praxis  zentrale Bedeutung  haben, erörtert  werden. Einer-
       seits ist  die grundlegende Bedeutung einer adäquaten Persönlich-
       keitstheorie für  die klinische  Praxis schon  darin ersichtlich,
       daß nicht Störungen von einzelnen psychischen Funktionen, sondern
       der Persönlichkeitsentwicklung  in ihrer vollen individuellen Ei-
       genart therapeutisch  behandelt und überwunden werden sollen. An-
       dererseits ist  die klinische  Praxis ein wichtiges und heute bei
       uns das  umfassendste Berufsfeld der angewandten Psychologie, das
       in der  Geschichte unseres  Faches außerordentliche Bedeutung ge-
       rade für  die Persönlichkeitstheorie  gehabt hat.  Das Verhältnis
       zwischen den  beiden Bereichen war und ist jedoch ein problemati-
       sches, voll  von ungelösten  wechselseitigen Fragen und Forderun-
       gen. Forderungen vorhandener Theorienbildung nach wissenschaftli-
       cher Begründbarkeit  der ausgeübten Praxis werden nicht eingelöst
       oder bleiben gar unberücksichtigt. Es gibt eine Reihe von ungelö-
       sten methodologischen Problemen bei der Verknüpfung von theoreti-
       scher Verallgemeinerung  und klinischer Einzelfallarbeit. Die Er-
       fahrungen und  Fragen, die aus der Entwicklung neuer Aufgaben und
       Problemtypen der klinischen Praxis erwachsen, werden andererseits
       oft nicht theoretisch verallgemeinert. Eine Reihe der Analyseauf-
       gaben der klinischen Praxis können deswegen nicht mit den vorhan-
       denen theoretischen  Mitteln bewältigt  werden. Ergebnis  ist die
       Tendenz einer  immer bedrohlicheren Spaltung der Psychologie, die
       die wissenschaftliche Ausgewiesenheit und damit auch die berufli-
       che Legitimität preisgibt, womit einer Deprofessionalisierung und
       einem anwachsenden "grauen Therapiemarkt" Platz eingeräumt wird.
       Im praktischen  Umgang der  Menschen im alltäglichen Leben spielt
       ein Begriff  der Persönlichkeit  eine große  Rolle. Durch die Zu-
       schreibung  von  bestimmten    P e r s ö n l i c h k e i t s e i-
       g e n s c h a f t e n   soll die  V o r h e r s a g b a r k e i t
       individuellen Verhaltens  begründet werden.  Zugleich  soll  ent-
       schieden werden können, ob die  V e r a n t w o r t u n g  dafür,
       daß es  mir/dir/uns gut  oder schlecht  geht, an  mir oder an dir
       liegt. Darin kommt eine ideologische Funktion des  A l l t a g s-
       b e g r i f f s  der Persönlichkeit zum Ausdruck. Denn wenn es an
       dir oder an mir liegt, liegt es nicht an den Lebensverhältnissen,
       bzw. wird von deren Bedeutung dafür abgesehen, wie es mir/dir/uns
       geht. Es  vollzieht sich oft eine "Vereigenschaftung" von Lebens-
       zusammenhängen. Aus  genau  diesem  Grunde  ist  die  Persönlich-
       keitstheorie ein  wichtiges Feld ideologischer Auseinandersetzun-
       gen, und große Vorsicht ist bei der Definition und Verwendung des
       Begriffes angebracht.  Woran es  liegt, wie  es   m i r  ergangen
       ist, ist  z.B. auch  entscheidend dafür,  ob eine  therapeutische
       Veränderung meiner Eigenschaften in diesem Sinne es leisten kann,
       daß es mir wieder besser gehen wird.
       Im Alltagsbegriff  der Persönlichkeit  wird weiterhin angenommen,
       daß in  der Persönlichkeitskennzeichnung  die wesentlichen Eigen-
       schaften, sozusagen der  K e r n  des Individuums, erfaßt werden.
       Ferner, daß sie die höheren  E i g e n s c h a f t e n  des Indi-
       viduums  erfaßt.   Die  Kennzeichnung   ist  von  einer  gewissen
       N o r m a t i v i t ä t  geprägt, nicht nur in der Charakterisie-
       rung von  "guten" und  "schlechten" Eigenschaften,  sondern über-
       haupt in  der Hervorhebung besonderer Individuen als (bedeutungs-
       volle) Persönlichkeiten.  Außerdem wird  die  Persönlichkeit  als
       eine   G a n z h e i t  betrachtet, als ein "integriertes Indivi-
       duum", bzw.  als  das,  was  die  individuelle  Integration  her-
       vorbringt und  absichert. Schließlich  soll  in  der  Persönlich-
       keitscharakteristik ein konkretes Individuum in seiner vollen in-
       dividuellen  E i g e n a r t  gekennzeichnet werden.
       All diese  Annahmen des  Alltagsbegriffs der  Persönlichkeit sind
       voller ungelöster  Problematiken und Widersprüche. Beim Vergleich
       des Alltagsbegriffs  mit den  P r a x i s b e g r i f f e n  pro-
       fessionell arbeitender Psychologen und mit den Annahmen traditio-
       nell-psychologischer
       P e r s ö n l i c h k e i t s t h e o r i e n   fällt  aber  auf,
       daß diese  Problematik nicht  überwunden, sondern im Gegenteil in
       vielem  ü b e r n o m m e n  wird.
       Unserem marxistischen  Verständnis zufolge  ist im Gegensatz dazu
       eine wissenschaftliche  Verarbeitung  eines  Gegenstandes  gerade
       dann nötig,  wenn seine  alltägliche Erscheinung  und sein  Wesen
       nicht unmittelbar  zusammenfallen. Die Wissenschaft soll nicht in
       den Formen  des Alltags denken, sondern über sie hinaus. Sie soll
       eine kritische  Durchleuchtung jetziger  Formen durch eine histo-
       risch-materialistische Rekonstruktion ihrer Gewordenheit ermögli-
       chen. 1) Durch diese Methode der Kategorienbildung sollen die we-
       sentlichen Eigenschaften  eines Gegenstandes grundsätzlich erfaßt
       werden.
       Der heutige  Stand traditioneller Persönlichkeitstheorie ist aber
       durch eine  weitgehende   U n g e k l ä r t h e i t  über die Art
       ihres  G e g e n s t a n d e s  gekennzeichnet. Wie die traditio-
       nelle allgemeine Psychologie keine tragfähige Definition des Psy-
       chischen erarbeitet hat, hat die Persönlichkeitspsychologie keine
       tragfähige Definition der Persönlichkeit erarbeitet. Sie verfehlt
       und verkürzt  ihre wesentlichen Eigenschaften. Die Kategorienbil-
       dung bleibt  b e l i e b i g,  die Geschichte des Faches deswegen
       krisenhaft und ohne eindeutige Fortschritte. 2) So definiert z.B.
       Ch. Bühler  das Wesen der Persönlichkeit als ein "innerstes unde-
       finierbares Etwas, das letztlich jeden einzelnen zusammenhält und
       als Individuum  bestimmt". 3)  Die Definition gleicht vielen, die
       schon im  Anfang dieses  Jahrhunderts in  der Frühgeschichte  der
       psychologischen Persönlichkeitstheorie  vorgestellt  wurden.  Der
       Persönlichkeit wird eine außerordentliche Rolle für das Verständ-
       nis eines  jeden Individuums zugeschrieben. Zugleich wird sie je-
       doch als wissenschaftlich undefinierbar und nur durch Erleben von
       Innen und Einfühlung von Außen erfaßbar eingeschätzt. Darin kommt
       das jetzige Dilemma der traditionellen Persönlichkeitstheorie zum
       Ausdruck, eine  entscheidende Rolle für die Erklärung des Indivi-
       duums für  sich zu   b e a n s p r u c h e n,   diese  aber nicht
       b e g r ü n d e n  zu können.
       Wie sollen wir uns solchen Widersprüchen gegenüber verhalten? Wir
       müssen erstens  festhalten, daß es eine Reihe von basalen ungelö-
       sten Fragen  gibt, deren Erforschung wir uns erst zur Aufgabe ma-
       chen müssen.  Zweitens, daß  der Entwicklungsstand traditioneller
       Persönlichkeitstheorie, der den Ausgangspunkt unserer Arbeit bil-
       det, gering ist. Drittens, daß die ungelösten Probleme der tradi-
       tionellen Theorienbildung geradezu die Notwendigkeit einer histo-
       risch-materialistischen  Herangehensweise   unterstreichen.   Und
       viertens warnen  sie uns vor ungeduldigen und vorschnellen Versu-
       chen, eine  Antwort auf die komplexen, individuums- und praxisna-
       hen Fragestellungen  der menschlichen  Persönlichkeit  zu  geben,
       weil sonst  die Gefahr besteht, daß sich metaphysische Positionen
       unkontrolliert wieder einfinden.
       Auf diesem  Hintergrund kann  es nicht  wundern, daß heute in der
       marxistischen Literatur  Konsens besteht,  daß es auch darin noch
       "keine einheitliche und allgemein akzeptierte Auffassung zur Per-
       sönlichkeit" gibt,  sondern daß  der Begriff als "extrem vieldeu-
       tig" eingeschätzt  wird. 4) Es gibt sogar einflußreiche marxisti-
       sche Positionen, die dieser Kategorie heute (noch) keine systema-
       tische Rolle  zuschreiben. 5) Daraus folgt, daß der systematische
       S t e l l e n w e r t  und der Bezug der Persönlichkeitskategorie
       zu den  übrigen Kategorien  marxistischer Psychologie  noch nicht
       eindeutig bestimmt werden kann. Die Aufgabe, eine kategoriale Sy-
       stematik zu  erarbeiten, ist aber heute von außerordentlicher Be-
       deutung. 6)  Solange sie  nicht gelöst  ist, kann  das Verhältnis
       zwischen den   B e r e i c h e n  der Persönlichkeitstheorie, der
       allgemeinen Psychologie und den angewandten Bereichen nicht genau
       bestimmt werden. Die Hoffnung, die gerade an die Persönlichkeits-
       theorie gerichtet wird, daß sie die Bereiche der allgemeinen Psy-
       chologie    i n t e g r i e r t,    und  daß  sie  zugleich  eine
       S c h l ü s s e l s t e l l u n g   der Verbindung  von theoreti-
       scher und angewandter Psychologie vertritt, bleibt solange gegen-
       seitig unerfüllt.
       Die einschlägigen konzeptionellen Entwicklungstendenzen marxisti-
       scher Psychologie  können grob folgendermaßen nachgezeichnet wer-
       den: Ein  abstraktes Studium  einzelner psychischer Funktionen in
       der bürgerlichen  Psychologie sollte  durch  ein  Studium  dieser
       Funktionen als Aspekte menschlicher Handlung abgelöst werden. Da-
       durch sollte  die Psychologie in eine Wissenschaft von lebendigen
       Individuen verwandelt werden und die wechselseitigen Verbindungen
       der Funktionen  in der  Handlung bestimmt werden. Von daher wurde
       die Subjektivität menschlicher Handlung zunehmend und umfassender
       erforscht, und  schließlich wurde  von einigen  Autoren  die  Er-
       forschung menschlicher  Persönlichkeit als eine sich entwickelnde
       besondere integrierende  Qualität individueller Subjektivität be-
       stimmt. 7)
       Konsens besteht,  daß diese  vielen Übergänge und die Fragen, die
       sich dabei  stellen, noch  nicht hinreichend geklärt sind und daß
       sie bisher  zu unterschiedlichen  Konzeptionen geführt  haben. In
       den folgenden  Abschnitten werden uns deshalb die erreichten kon-
       zeptionellen Fortschritte  und die  neuen Fragestellungen und Wi-
       dersprüche interessieren.  Dabei sollen die Gründe einer bestimm-
       ten  konzeptionellen  Entwicklungsrichtung  verdeutlicht  werden.
       Insbesondere die unabgeschlossene Aufgabe der tragfähigen Bestim-
       mung einer  marxistischen Persönlichkeitskategorie soll hervorge-
       hoben werden,  indem die  Frage verfolgt wird: Worin besteht ihre
       besondere konzeptionelle  Funktion, ihre  b e s o n d e r e  k a-
       t e g o r i a l e  N o t w e n d i g k e i t?
       
       2. Funktion und Persönlichkeit
       ------------------------------
       
       In bezug  auf das  Verhältnis von psychischen Funktionen und Per-
       sönlichkeit hat  eine marxistische  Persönlichkeitskonzeption die
       folgenden  drei  Grundpositionen  traditioneller  Psychologie  zu
       überwinden:   E r s t e n s   sollen nicht  allgemeine psychische
       Funktionen einzeln  untersucht werden,  sondern  als  Funktionsa-
       spekte der  Persönlichkeit.   Z w e i t e n s  sollen die Verbin-
       dungen zwischen  den einzelnen  psychischen Funktionen  nicht ab-
       strakt als  allgemein unbewegliche  erfaßt werden.  Dann wäre ein
       abstraktes Standardindividuum  eingeführt, das  es nirgends gibt,
       die individuelle  Eigenart wäre wegabstrahiert bzw. als unwesent-
       lich bewertet  und die  psychische Struktur  als eine  statische,
       unentwickelbare erfaßt.   D r i t t e n s  sollen nicht individu-
       elle Unterschiede  einzelner  psychischer  Funktionen  untersucht
       werden, wie  im klassischen  Konzept der  differentiellen Psycho-
       logie. Dann  würde wiederum  eine  einzelne  psychische  Funktion
       abstrakt untersucht  und ein  jedes Individuum  nur im  Vergleich
       dazu bewertet.  Diese  Abstraktion  würde  als  Norm  dienen  für
       Vergleiche der  Werte von  Einzelindividuen  je  nach  Häufigkeit
       dieser Werte  in einer  bestimmten  Population.  Das  praktische,
       psychotechnische  Interesse   daran  besteht   in  der  Selektion
       bestimmter Individuen für bestimmte gesellschaftliche Positionen.
       Das Interesse  an einer  Persönlichkeitstheorie ist vielfach, ein
       G e g e n s t ü c k   zu diesen Positionen einer abstrakt-elemen-
       taristischen Funktionspsychologie  zu etablieren.  Ein derartiges
       direktes Gegenstück wird aber theoretisch und methodologisch pro-
       blematisch. Denn wenn es psychische Funktionen in dieser abstrak-
       ten Isoliertheit nicht gibt, dann wird die Persönlichkeitstheorie
       im Verhältnis  zu etwas   b e g r ü n d e t,   das  es  n i c h t
       gibt. Die  Gegenüberstellung von Funktion und Persönlichkeit kann
       deswegen zu  gegensätzlichen konzeptionellen Grundpositionen füh-
       ren. Man kann einerseits meinen: "Im Grunde genommen muß die Psy-
       chologie des  Menschen eben  Persönlichkeitspsychologie sein." 8)
       Die Persönlichkeitspsychologie  wird so  die einzig  existierende
       Psychologie, und  die Persönlichkeit umfaßt die Totalität psychi-
       scher Erscheinungen.  Wenn es  aber andererseits psychische Funk-
       tionen nicht  so gibt, kann es dann eine auf dieser Annahme beru-
       hende Persönlichkeitstheorie  geben? Oder gibt es nur anders kon-
       zipierte psychische Funktionen und damit keine Grundlage für eine
       besondere Persönlichkeitstheorie?
       In der  marxistischen Psychologie  ist  aus  diesem  Dilemma  der
       Schluß gezogen  worden, daß nicht nur die psychischen Funktionen,
       sondern auch  die Persönlichkeit  auf der Grundlage der menschli-
       chen   H a n d l u n g e n  bestimmt werden müssen. 9) Genau dies
       stellt einen wesentlichen Fortschritt materialistischer Psycholo-
       gie dar.  Derart werden psychische Funktionen nicht aus sich her-
       aus, bzw.  aus einem  abstrakt-inneren menschlichen Wesen begrün-
       det, sondern  aus ihrem Stellenwert in der menschlichen Handlung.
       Sie sind  funktionale  Voraussetzungen,  erhalten  innerhalb  der
       Handlung ihre  besonderen funktionalen  Aufgaben, gehen dabei und
       darin besondere  interfunktionale Verbindungen ein und werden da-
       durch in  besonderer Weise  als Aspekte  der  sich  entwickelnden
       Funktionsgrundlage   individueller   Handlungsfähigkeit   mitent-
       wickelt.
       Diese erweiterte  Grundlage und  Perspektive kompliziert indessen
       zugleich die  Frage nach  der   p s y c h i s c h e n  S t r u k-
       t u r,   d.h. sowohl  des Verhältnisses  einzelner Funktionen zu-
       einander als  auch  der  "inneren  Struktur"  der  Persönlichkeit
       selbst. Denn  die Struktur  der  Handlung  und  deren  subjektive
       Funktionsgrundlage verändern  sich mit  den sich ändernden gegen-
       ständlichen   I n h a l t e n  der Handlung, d.h. mit dem gesell-
       schaftlich-historischen Prozeß.  10) Von  daher erhalten sie ihre
       Aufgaben, und  darauf bezieht  sich die individuelle Handlung mit
       ihren verbundenen  Funktionspotenzen. Bekanntlich  folgt  daraus,
       daß die  Kategorien über menschliche psychische Funktionen solche
       über gesellschaftliche  Funktionspotenzen sein müssen. Sie müssen
       die     g e s e l l s c h a f t l i c h e    V e r m i t t e l t-
       h e i t   individueller Existenz  zur Grundlage  haben und können
       demnach nicht  aus der  isolierten Betrachtung rein individueller
       Handlung gewonnen werden. Sie beziehen sich auf gesellschaftliche
       Handlungsmöglichkeiten und  drücken Aspekte  von darauf bezogener
       individueller Handlungsfähigkeit  aus. Ferner  folgt daraus,  daß
       die funktionalen  Aufgaben und Verbindungen der Funktionspotenzen
       k o n k r e t - h i s t o r i s c h e    u n d    k o n k r e t -
       i n d i v i d u e l l e   sind. Wir  müssen die  konkrete gesell-
       schaftlich-historische Vermitteltheit  menschlicher Existenz  mit
       der vollen  Realisierung eines  individualwissenschaftlichen Stu-
       diums der  Funktionsgrundlagen  und  Persönlichkeiten  bestimmter
       konkreter  Individuen   im  individuellen   "Verhalten-Zu"  ihren
       Handlungsräumen   v e r b i n d e n.   Über diese Erweiterung der
       Perspektive auf  unseren Forschungsgegenstand mag in groben Zügen
       Konsens  bestehen,  und  sie  stellt  eine  wesentliche  Leistung
       marxistischer Psychologie  dar. Aber  ihre Einlösung  steht  noch
       aus, und darüber herrscht momentan Streit.
       Daraus verdeutlicht  sich, daß  wir  e r s t  eine konkrete  i n-
       h a l t l i c h e   Kenntnis der  gesamtgesellschaftlich  vermit-
       telten individuellen  Existenz -  und darin der subjektiven Funk-
       tionalität  bestimmter   Verhaltensweisen  und  einer  bestimmten
       personalen Handlungsfähigkeit  - erarbeiten  müssen, ehe  wir be-
       stimmen  können,   mit  Hilfe  welcher  entwickelten  psychischen
       F u n k t i o n e n  als Voraussetzungen diese Handlungsfähigkeit
       realisiert werden  kann. 11)  Entsprechend dieser doppelten Sicht
       muß die  Frage nach  der  besonderen  Funktionalität  beantwortet
       sein, bevor  die Frage  gestellt werden kann, ob dann sinnvoller-
       weise und  eindeutigerweise von  einer  besonderen    Persönlich-
       keits b i l d u n g   und von  einer besonderen  Persönlichkeits-
       s t r u k t u r   des Individuums  geredet werden  soll. Der For-
       schungsstand  ist   im  Moment  der,  daß  über  die  inhaltliche
       Funktionalität  (darüber,  worauf  die  Kategorie    i n h a l t-
       l i c h  v e r w e i s t)  größere Klarheit herrscht als darüber,
       wie und ob ihre Funktionsgrundlage bestimmbar ist.
       A.N. Leontjew  hat vorgeschlagen,  die inhaltliche Funktionalität
       der Persönlichkeit  als die  der   V e r b i n d u n g   i n d i-
       v i d u e l l e r   T ä t i g k e i t e n   im konkreten  gesell-
       schaftlichen Lebenszusammenhang  zu bestimmen. 12) Sie trägt eine
       i n t e g r a t i v e   Funktionalität individueller Lebenstätig-
       keit und  ist die  Instanz, die  dafür die entwickelte Funktions-
       grundlage gebraucht, verbindet, weiterentwickelt, vernachlässigt,
       usw. Die  Persönlichkeitskategorie  wäre  dann  primär  als  eine
       inhaltliche Kategorie eingeführt und die entwickelten psychischen
       Funktionen wären  die "Organe  der Persönlichkeit", die ihre Ver-
       bindungen und  konkreten Besonderheiten  aus ihrem Gebrauch durch
       die  Persönlichkeit   erhalten.  Voraussetzung  für  eine  solche
       Betrachtungsweise ist ferner auf Seiten der psychischen Prozesse,
       daß diese  auf mehreren  E b e n e n  ablaufen, wovon die Persön-
       lichkeitsebene  eine  besondere  und    ü b e r g r e i f e n d e
       darstellt. Dieser Definitionsversuch A.N. Leontjews eröffnet eine
       neue Perspektive  in der  Bestimmung der  Persönlichkeit und  des
       Verhältnisses von  Persönlichkeit und  psychischen Funktionen. Er
       versucht der  aus der  traditionellen  Persönlichkeitspsychologie
       bekannten Gefahr  zu entgehen,  "höhere Ebenen" so zu definieren,
       daß sie  ihren Griff  am Boden verlieren. Sonst wäre eine konzep-
       tionelle Spaltung eingeführt, die einerseits eine primitive Ebene
       in der  Einschätzung der  psychischen Funktionen  und deren  Ent-
       wickelbarkeit  und  andererseits  eine  metaphysische  Ebene  der
       Persönlichkeit und  deren Eigenschaften  beinhaltet. Es kann also
       keine   Persönlichkeitsbildung   außerhalb   und   oberhalb   der
       Entwicklung der  verbundenen psychischen  Funktionen  geben.  13)
       Eine Erfassung  d e r s e l b e n  E r s c h e i n u n g e n  mit
       der  Persönlichkeitskategorie   und  aus   der  Perspektive   der
       Entwicklung  der   individuellen  Funktionsgrundlage   muß   also
       m ö g l i c h   sein. Sonst  sind  wir  doch  in  der  Metaphysik
       gelandet. Und in diesem Sinne haben wir es nicht mit einem bloßen
       Streit um  Worte zu  tun, sondern  eben mit  einer doppelten Per-
       spektive. Die Frage ist eher: Wozu ist diese doppelte Perspektive
       n ö t i g?   W i r d   eine besondere  inhaltliche Funktionalität
       des 'subjektiven  "Verhaltens-Zu" dem  Gesamt  der  individuellen
       gesellschaftlichen Lebensbezüge erst damit greifbar, und brauchen
       wir dafür eine besondere Kategorie der Persönlichkeit?
       
       3. Individualität und Persönlichkeit
       ------------------------------------
       
       Die Frage  der Individualität,  d.h. der  individuellen  Eigenart
       menschlicher Subjekte,  war immer eine zentrale Fragestellung der
       Persönlichkeitstheorie. Sie ist von großer praktischer Bedeutung,
       z. B.  in der  therapeutischen Einzelfallarbeit sowie in der dia-
       gnostischen Kategorisierung individueller Erscheinungsbilder. Sie
       muß in  einer Persönlichkeitstheorie  entsprechend berücksichtigt
       werden, wenn  eine angemessene  Erfassung von Einzelindividuen in
       der Theorie  und in  der Praxis  erreicht werden soll. Überall in
       der marxistischen  Literatur wird  demnach auf  die Notwendigkeit
       einer sorgfältigen Unterscheidung und Verbindung von Individuali-
       tät und Persönlichkeit hingewiesen, gleichzeitig jedoch zugestan-
       den, daß sie oft vermischt werden. 14)
       Es ist  ein wichtiges  Ergebnis marxistischer Forschung, daß men-
       schliche Individualität  und menschliche Persönlichkeit in erster
       Linie   o b j e k t i v   g e s e l l s c h a f t l i c h    b e-
       d i n g t   sind. Die  individuelle Eigenart  ist zwar biologisch
       vorgegeben, wird  aber gesellschaftlich  überformt,  geprägt  und
       entfaltet. 15)  Sie ist  ein  Ergebnis  individueller  Vergesell-
       schaftung. Die Gesellschaft wird nicht wie in individualistischer
       bürgerlicher Ideologie  als ein  abstraktes Gegenüber erfaßt, das
       alle gleichmacht  und die Individualität beschränkt. Die Entwick-
       lung der Arbeitsteilung, des Reichtums der gesellschaftlichen Be-
       ziehungen und  des gesellschaftlichen Erbes ist im Gegenteil Mög-
       lichkeitsbedingung entfalteter Individualität. Ferner stellen ob-
       jektive  gesellschaftliche   Bedingungen  grundlegende     M ö g-
       l i c h k e i t e n  individuellen Lebens dar. 16) Jeder muß also
       nicht  in   gleicher  Weise   auf  die  gleichen  besonderen  ge-
       sellschaftlichen Bedingungen reagieren. Es gibt im Gegenteil meh-
       rere Handlungsmöglichkeiten.  Demnach liegt  es auch nicht nur an
       meiner Persönlichkeit  und charakterisiert  diese nicht unmittel-
       bar, wenn ich anders als andere auf die gleichen Bedingungen rea-
       giere. Dieselbe Persönlichkeit könnte sich sehr wohl unterschied-
       lich zu  denselben Bedingungen  verhalten, ohne deswegen an einer
       Persönlichkeitsspaltung zu leiden. 17)
       Ein weiteres  Ergebnis marxistischer  Forschung ist die Hervorhe-
       bung   f o r m a t i o n s s p e z i f i s c h e r    Bedingungen
       und Gründe  menschlicher Individualität  in der  bürgerlichen Ge-
       sellschaft. Da  muß jeder  seine Besonderheit und Einmaligkeit in
       der Konkurrenz  und auf  dem Markt  behaupten. Von  Wert zu  sein
       heißt, etwas  anderes zu sein als die anderen. Ich bin erst rich-
       tig etwas, wenn ich etwas Besonderes geworden bin. Die Geburt der
       Persönlichkeit wird  bei manchen  bürgerlichen Ideologen  mit dem
       ersten "Nein"  des Kindes  seinen Eltern gegenüber identifiziert.
       Statt gemeinsamer  Verfügung und in diesem Sinne selbstbestimmtem
       Leben, stellt  sich das  Setzen auf  individuelle Selbständigkeit
       ein: Ich  muß "auf  eigenen Füßen stehen" und "aus eigener Kraft"
       meine Allmacht  innerhalb meiner  gesellschaftlichen Ohnmacht be-
       haupten wollen,  was natürlich  nicht geht  und zu  verschiedenen
       Problemen des  Selbstwertgefühls  und  widersprüchlichem  Pendeln
       zwischen Allmacht und Ohnmacht führt. 18)
       Schließlich hat  nicht jedes  Individuum in  der bürgerlichen Ge-
       sellschaft die gleichen Chancen, als etwas Besonderes charakteri-
       siert zu  werden. Eine  Gleichsetzung von Individualität und Per-
       sönlichkeit wäre  demnach ideologisch fragwürdig, jedoch auch aus
       methodologischen  Gründen.   Denn  dann  wäre  jede    A l l g e-
       m e i n h e i t   i n   E i n m a l i g k e i t   aufgelöst.  Das
       einzig allgemein  Gegebene wäre  eben die  Einmaligkeit, und  die
       einzig mögliche  wissenschaftliche  Erfassung  eines  Individuums
       wäre dessen  Kennzeichnung mit  einem Eigennamen. Diese Individu-
       alität wäre eine unbeschreibbare leere Totalität geworden. 19)
       Nun sind  ja tatsächlich  nicht alle  individuellen Eigenschaften
       und nicht  jede individuelle Eigenart von gleich großer Bedeutung
       für die  Kennzeichnung einer  Persönlichkeit. An dieser Feststel-
       lung kann  eine Unterscheidung zwischen den beiden Kategorien an-
       knüpfen. In  dem Sinne  hat Rubinstein  vorgeschlagen, daß gerade
       diejenigen Eigenschaften  zur Persönlichkeit gehören, die das ge-
       sellschaftlich bedeutsame  Verhalten bedingen,  und Schmidt argu-
       mentiert ähnlich,  daß objektive  gesellschaftliche Anforderungen
       Gütemaßstäbe der Persönlichkeitsbewertung bereitstellen. 20) Der-
       artige Kriterien können aber nur die  o b j e k t i v e  Bedingt-
       heit subjektiver Persönlichkeitsbildung und Individualität erfas-
       sen. Sie müssen deshalb wesentlich ergänzt werden durch besondere
       subjektwissenschaftliche Kriterien  der Bildung  und  Veränderung
       von Persönlichkeit und Individualität einzelner Subjekte. Gefragt
       werden muß  nach der  besonderen inhaltlichen  Funktionalität der
       Persönlichkeitsbildung in der gesamtgesellschaftlich vermittelten
       Existenz konkreter  Individuen. Auf  dieser Grundlage können dann
       die Verallgemeinerbarkeit und die Besonderheit individueller Per-
       sönlichkeiten in  ihrer subjektiven Funktionalität erfaßt werden.
       Auch das  Verhältnis zwischen  Persönlichkeit und  Individualität
       eines konkreten Individuums kann aus der subjektiven Funktionali-
       tät seiner  Entwicklung bestimmt werden. Wie auffällig eine indi-
       viduelle Besonderheit  auch erscheinen  mag, sie wird aus der in-
       haltlichen Funktionalität  ihrer Entstehung in der Lebensbewälti-
       gung des  betreffenden Subjekts erschlossen. Damit kann ebenfalls
       bestimmt werden,  unter welchen besonderen objektiven Bedingungen
       es subjektiv  funktional sein  mag, die  individuelle Persönlich-
       keitsentwicklung in Richtung der Maximierung einer bestimmten in-
       dividuellen Eigenart  zu betreiben.  Die Frage der Individualität
       stellt sich  somit als  eine Frage des Verhältnisses von Eigenart
       und Verallgemeinerbarkeit  der Persönlichkeitsentwicklung indivi-
       dueller Subjekte.
       
       4. Subjektivität und Prozeßcharakter der Persönlichkeit
       -------------------------------------------------------
       
       Damit sind  wir zur  Fragestellung am  Ende unseres  zweiten  Ab-
       schnitts zurückgekommen.  Es geht uns wiederum um die wesentliche
       Ähnlichkeit und  um die  Unterscheidbarkeit der  Subjekt- und der
       Persönlichkeitskategorien. Bei  vielen marxistischen Autoren wird
       ein sehr  enger Bezug  zwischen diesen beiden Kategorien angenom-
       men. So  erklärt Rubinstein: "Der Mensch ist insofern Persönlich-
       keit, als  er seine  Beziehungen zur Umwelt bewußt bestimmt", und
       A.N. Leontjew:  "Nur als Subjekt der gesellschaftlichen Beziehun-
       gen wird er zur Persönlichkeit". 21)
       Nun sind  ja zwei  Kategorien nur dann nötig, wenn sie auf Unter-
       schiedliches verweisen.  A.N. Leontjew zufolge ist die Subjektka-
       tegorie  u m f a s s e n d e r  als die Persönlichkeitskategorie.
       Die Persönlichkeit  ist eine   N e u b i l d u n g   entwickelter
       individuell-menschlicher Subjektivität,  die    b e s o n d e r e
       Subjektaufgaben trägt.  Es gibt demnach sowohl Subjekt Qualitäten
       wie gesellschaftliche  Qualitäten des  menschlichen  Individuums,
       die keine  Persönlichkeitsqualitäten  sind.  Andererseits  finden
       sich bei A.N. Leontjew Formulierungen, die die Persönlichkeit mit
       entwickelter menschlicher Subjektivität schlechthin gleichsetzen,
       z. B.:  "Die Persönlichkeit  ... gilt als das, was der Mensch aus
       sich macht,  indem er sein menschliches Leben bewältigt." 22) Die
       Unterscheidung scheint also (noch)  n i c h t  völlig  t r e n n-
       s c h a r f.   Immerhin will  A.N. Leontjew  dieses  Problem  (in
       Anlehnung an Sève) folgendermaßen entscheiden: "Der wirkliche Weg
       zur Erforschung  der Persönlichkeit  besteht in  der Untersuchung
       jener  Transformationen  des  Subjekts  ...,  die  sich  aus  der
       Selbstbewegung seiner  Tätigkeit im System der gesellschaftlichen
       Beziehungen ergeben."  23) Er  will m.a.W.  das Studium individu-
       eller Subjektivität  mit der  Persönlichkeitskategorie  vertiefen
       und differenzieren.  Die wissenschaftliche  Aufgabe besteht darin
       zu erforschen,  was die  Persönlichkeit  h e r v o r b r i n g t.
       Sie soll  aus der  inhaltlichen Funktionalität  ihrer  Entstehung
       begründet werden.  Darin muß  sich ihre  b e s o n d e r e  Funk-
       tionalität und  die  Notwendigkeit  dieser  besonderen  Kategorie
       verdeutlichen.
       Diese besonderen funktionalen Erfordernisse sind laut A.N. Leont-
       jew besondere Aufgaben individuell-subjektiver Lebensbewältigung,
       die von  besonderen Kennzeichen  objektiv-gesellschaftlicher  Le-
       bensverhältnisse bedingt  sind.  E r s t e n s  müssen die objek-
       tiven gesellschaftlichen  Beziehungen, in  denen  ein  Individuum
       lebt,   u m f a s s e n d   s e i n.   Das bringt  die subjektive
       Notwendigkeit der einzelnen Individuen hervor, einen gewissen in-
       neren Zusammenhang  ihrer individuellen Tätigkeiten aufrechtzuer-
       halten.   Z w e i t e n s   muß  es  objektive  gesellschaftliche
       V e r b i n d u n g e n  zwischen den Tätigkeiten eines Individu-
       ums geben.  Daraus entsteht die individuell-subjektive Notwendig-
       keit, diese Verbindungen zu berücksichtigen, sie subjektiv zu be-
       werten und  sein Verhältnis  dazu zu regulieren. Was diese beiden
       ersten Erfordernisse  individuell-subjektiv beinhalten, wird noch
       deutlicher, wenn wir das  d r i t t e  hinzunehmen: Die Bedingun-
       gen des individuellen Subjekts, seine Tätigkeit und seine Voraus-
       setzungen verändern sich. Es ist zudem eine Aufgabe des individu-
       ellen Subjekts, diese Verbindungen zu entwickeln. Die Persönlich-
       keitsbildung ist demnach eine besondere  E n t w i c k l u n g s-
       a u f g a b e.   Die Tätigkeiten  und  ihre  Verbindungen  werden
       selektiv realisiert,  verarbeitet, bewertet, verschoben, vernach-
       lässigt, allseitig/einseitig entwickelt, müssen bei u. a. dadurch
       entstandenen veränderten  Möglichkeiten  neubewertet,  -verbunden
       usw. werden,  wobei sich  die  vernachlässigten  ggf.  krisenhaft
       bahnbrechen  usw.   Die  Persönlichkeit   wird  somit  wegen  der
       besonderen  inhaltlichen   Funktionalität  einer   übergreifenden
       Regulierung individueller Entwicklungsprozesse gebildet.
       Da es  sich um  eine Aufgabe  handelt, kann  sie natürlich unter-
       schiedlich aufgegriffen  und gehandhabt  werden. Was  und wie sie
       subjektiv bewältigt  wird, führen  zu einer  empirischen Vielfalt
       individueller Persönlichkeiten  im subjektiven "Verhalten-Zu" ih-
       ren konkreten  Handlungsmöglichkeiten, die  die Vielfalt objektiv
       bedingen. Positiv  bestimmt entwickelt  das individuelle  Subjekt
       dabei seine  Handlungsräume. Es  klärt die  subjektive  Bedeutung
       seiner Handlungsmöglichkeiten und deren Erweiterbarkeit. Es klärt
       damit seine  subjektiven Handlungsgründe.  Das sich  entwickelnde
       Selbstverständnis ist  die Klärung  der Gründe seiner subjektiven
       Handlungsweisen, und  die Selbsteinschätzung  ist die  emotionale
       Bewertung seiner  Handlungsmöglichkeiten und  der Art  und Weise,
       wie es  sich subjektiv  dazu verhält. Die Entwicklung der Persön-
       lichkeit selbst  ist damit  an die  Entwicklung  der  subjektiven
       Handlungsräume gebunden.  Sie  ist  nicht  unmittelbar  und  aus-
       schließlich eine  Aufgabe der Entwicklung der eigenen subjektiven
       Funktionsgrundlage. Sie  schließt deren  Veränderung mit  ein als
       die Entwicklung  der subjektiven  Voraussetzungen der Entwicklung
       seines Lebens.  In diesem  Sinne werden  die Voraussetzungen  als
       funktionale Aspekte  entwickelt, verallgemeinert,  verbunden, neu
       bewertet, vernachlässigt, usw. Die Persönlichkeitsentwicklung ist
       die Entwicklung  der selbsttätigen  Determination der Erweiterung
       ihrer Handlungsräume. Dabei kann die Persönlichkeit nur "Herr ih-
       rer selbst"  werden, wenn sie "Herr ihres Lebens" wird. Selbstbe-
       herrschung, die  abstrakt, ohne  die Verfügbarkeit der relevanten
       Bedingungen, erfaßt  wird, bleibt  unterdrückerische Selbstdiszi-
       plinierung des "eigenen" innerpsychischen "Haushalts", wie wir es
       aus Konzepten der traditionellen Psychologie kennen, die die Auf-
       gabe der  Persönlichkeit in  erster Linie oder ausschließlich als
       die der Kontrolle der eigenen Voraussetzungen bestimmen.
       Die besondere  Persönlichkeitsaufgabe in  diesem Prozeß  der Ent-
       wicklung individueller  Subjektivität besteht  nach A.N. Leontjew
       in der  übergreifenden Regulierung  des Prozesses.  Sie nimmt die
       Ganzheitlichkeit, die  Gesamtheit der  Entwicklungsaufgaben wahr.
       Sie hat  eine individuelle  integrative Systemaufgabe.  Um  diese
       wahrnehmen zu können, braucht sie, außer adäquaten äußeren Bedin-
       gungen, besondere  subjektive Voraussetzungen.  Sie muß besondere
       Fähigkeiten der Wahrnehmung solcher besonderen Entwicklungsaufga-
       ben entwickeln, die bezogen auf die psychische Funktionsgrundlage
       einerseits deren  Entwicklung bleiben, andererseits in deren Ent-
       wicklung eingreifen.  Das ist  aber nicht alles. Diese besonderen
       P e r s ö n l i c h k e i t s e i g e n s c h a f t e n    müssen
       selbst mitverändert  werden. Im  Laufe der individuellen Entwick-
       lung werden  neue Mittel nötig, um den Gesamtprozeß regulieren zu
       können. Um  eine   e n t w i c k e l n d e  Aufgabe wahrnehmen zu
       können, muß  die Persönlichkeit  selbst   e n t w i c k e l b a r
       sein. Obwohl  und gerade  weil  sie  eine  Strukturierungsaufgabe
       wahrnimmt, muß  ihre Struktur  eine sich entwickelnde bleiben und
       grundlegend prozessual untersucht werden.
       Wollen wir die Persönlichkeit erforschen, müssen wir die Entwick-
       lungsprozesse untersuchen.  Wir sollen die individuelle Ganzheit-
       lichkeit nicht als Zustand erfassen, um ihn mit den Zuständen an-
       derer Individuen,  oder um Zustand A und B beim selben Individuum
       zu verschiedenen  Zeiten zu vergleichen. Eine derartige Erfassung
       wäre beim  nächsten Entwicklungsschritt  überholt und  würde  uns
       keine direkte  Erkenntnis der  funktionalen Wahrnehmung  von Ent-
       wicklungsprozessen  geben.   Vergleiche,  Unterschiede/Gemeinsam-
       keiten sind  nicht an  sich interessant,  sondern als  solche der
       Wahrnehmung von Entwicklungsaufgaben. Wenn wir eine entwicklungs-
       fördernde Praxis  theoretisch begründen  wollen, müssen  Entwick-
       lungsprozesse  Gegenstand   unserer  Forschung  sein.  Schon  die
       Entwicklung neuer  Selbsterkenntnisse über  die  Wahrnehmung  von
       Entwicklungsmöglichkeiten und  über die  vorhandenen  subjektiven
       Voraussetzungen bringt Veränderung mit sich. Die Selbsterkenntnis
       ist ein unabschließbarer Prozeß in Richtung neuer Ergebnisse. Sie
       ist ein Aspekt der Aneignung der Lebensverhältnisse und schreitet
       mit  der   Erweiterung  der   Verfügung  über   diese  voran  als
       gleichzeitig erhöhte Verfügbarkeit und Transparenz auch von deren
       subjektiven Gründen  und Voraussetzungen.  Sie ist perspektivisch
       auf die  Zukunft  gerichtet,  auf  die  Nutzung  und  Erweiterung
       individueller Handlungsräume.
       Die entscheidenden  Fragen sind  deswegen folgender  Art:  Welche
       Handlungsmöglichkeiten habe  ich, wie  bewerte ich  sie, wie habe
       ich mich  bisher dazu verhalten und aus welchen Gründen? Wozu hat
       das geführt, welche Möglichkeiten und Gründe habe ich, deren Ein-
       schränkung zu  verhindern bzw.  sie zu erweitern, was fordert das
       von mir  an Handlungen und Fähigkeiten, einschließlich derer, die
       ich noch  nicht entwickelt  habe usw.?  Durch eine  derartige Er-
       kenntnis und  Bewertung eigener  Entwicklungsschritte  lernt  die
       Persönlichkeit  die  Entwickelbarkeit  eigener  Fähigkeiten  ein-
       schließlich der  Fähigkeiten zur Wahrnehmung von Entwicklungsauf-
       gaben kennen und schätzen.
       Es wäre  jedoch eine  verhängnisvolle Abstraktion, diese Entwick-
       lungsaufgaben als  rein individuelle zu erfassen. Sie sind in ih-
       ren Möglichkeiten  und in  ihren Mitteln gesellschaftlich vermit-
       telt. Was  möglich ist,  und wie Möglichkeiten realisiert und ge-
       schaffen werden können, hängt nicht vom Individuum allein ab. Un-
       ter Umständen  werden Entwicklungsschritte gar dem Individuum von
       gesellschaftlichen Veränderungen  aufgedrängt. Sie  sind konkret-
       historische und konkret-individuelle und gesellschaftlich vermit-
       telt auch  in den  Fällen, wo sie ein Individuum nur für sich an-
       eignet. Wir müssen deswegen die Entwicklung der Persönlichkeit in
       und mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen erforschen. 24)
       Aus dem  Bisherigen geht  hervor, daß die individuell-subjektiven
       Steuerungs- und  Regulierungsprozesse  gegenüber  den  historisch
       sich verändernden  gesellschaftlichen Verhältnissen geöffnet sind
       und sich  als Aspekte von deren Veränderung mitentwickeln müssen.
       25) Vor  diesem Hintergrund  können zwei Konsequenzen als Aufgabe
       für die  künftige Klärung  der  Persönlichkeitskategorie  gezogen
       werden:   E r s t e n s  muß, da subjektive Bestimmung nicht rein
       individuell möglich  ist, die perspektivische Bestimmung der Per-
       sönlichkeitsentwicklung als  Subjektentwicklung  über  die  Ebene
       hinaus präzisiert  werden, die z. B. aus den einleitenden Zitaten
       von Rubinstein  und A.N. Leontjew in diesem Abschnitt hervorgeht.
       26) Die  bewußte Bestimmung seiner Beziehungen zur Umwelt und der
       gesellschaftlichen Beziehungen  ist keine  rein individuelle Mög-
       lichkeit. Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist der-
       art nicht  adäquat erfaßt  und eine  entfaltete individualwissen-
       schaftliche Position  auf dieser  Grundlage noch  nicht erreicht.
       Z w e i t e n s   muß die Vorstellung von der Geschlossenheit des
       Individuums nicht  nur "geöffnet"  werden, sondern  überhaupt die
       Vorstellung    i n d i v i d u e l l e r    I n t e g r a t i o n
       problematisiert werden.  Die Integration,  die geschichtlich  er-
       reicht werden  kann, ist  vor allem  eine Integration  der   g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e n  V e r h ä l t n i s s e.  Solan-
       ge sie  nicht erreicht  ist, muß  die Realisierung  individueller
       Integration fragwürdig  bleiben, aber  auch  danach.  Eine  Inte-
       gration gesellschaftlicher Verhältnisse ist nicht direkt auf eine
       individuelle Ebene übertragbar.
       Wenn wir  unsere bisherige Darstellung der Persönlichkeitskatego-
       rie an  diesem Punkt  des Übergangs  zu theoretischen und empiri-
       schen Fragestellungen   z u s a m m e n f a s s e n,   können wir
       feststellen, daß in der marxistischen Psychologie im wesentlichen
       dieselben Erscheinungen  wie in den Alltagsbegriffen, in den Pra-
       xisbegriffen der professionellen Psychologen und in den traditio-
       nellen Persönlichkeitstheorien auf neuer Grundlage erfaßt werden.
       Sie sind  damit   r e i n t e r p r e t i e r b a r.  Jedoch sind
       in der  marxistischen Forschung  dieselben Erscheinungen  mit der
       Persönlichkeitskategorie und mit der Kategorie individueller Sub-
       jektivität erfaßbar. 27) Die  b e s o n d e r e  k a t e g o r i-
       a l e   N o t w e n d i g k e i t   der Einführung  einer Persön-
       lichkeitskategorie sozusagen  oberhalb der  Subjektkategorie  ist
       somit noch  nicht hinreichend  begründet. Es  muß  ja  schon  zur
       Analyse  psychischer   Funktionen  und   zur  Analyse  personaler
       Handlungsfähigkeit des  individuellen Subjekts  gehören, daß  die
       Herstellung und  Entwicklung der  Verbindungen und  Zusammenhänge
       dieser Funktionen  und Handlungen  des individuellen Subjekts aus
       ihrer inhaltlichen  Funktionalität heraus  bestimmt werden. Sonst
       betreiben  wir  einen  letzten  Rest  abstrakt-elementaristischer
       Psychologie, die  wir überwinden  wollen. Wenn  die  Analyse  der
       Verbindungen aber  schon auf  dieser Ebene  geleistet werden muß,
       wird sie dann mit der Einführung der Persönlichkeitskategorie nur
       verdoppelt? Bis  diese Frage  geklärt ist,  bleibt die Einführung
       der Persönlichkeitskategorie  in  der  marxistischen  Psychologie
       beliebig.
       
       5. Konflikthaftigkeit der Persönlichkeit
       ----------------------------------------
       
       Die Erfassung  der Persönlichkeit  und ihrer Entwicklung als eine
       Entwicklungs a u f g a b e   ist insofern  wesentlich idealisiert
       und vereinfacht,  als sie  real voller   E n t w i c k l u n g s-
       p r o b l e m e   und   -k o n f l i k t e   ist. Dieser Tatsache
       wird oft in der Literatur keine systematische theoretische Bedeu-
       tung beigemessen.  Sie kommt eher in Beispielen zur Veranschauli-
       chung und in Hinweisen auf besondere Verkomplizierungen der erör-
       terten Prozesse zum Ausdruck. In der Berufspraxis von Psychologen
       hingegen spielt  gerade die  Arbeit in  und mit  Konflikten  eine
       fundamentale Rolle.  Erst die  Existenz von  Konflikten begründet
       und erfordert  z.B.  meistens  den  Einsatz  von  Psychologen  im
       klinischen Bereich.
       Bei Aufgaben sind adäquate und nötige Mittel der Erreichung eines
       Zieles vorhanden oder herstellbar. Ziel und Mittel stimmen in dem
       Sinne überein. Gibt es im Unterschied dazu einen Widerspruch zwi-
       schen Ziel  und Mittel,  verwandelt sich  die Aufgabe in ein Pro-
       blem: Adäquate  Mittel sind  dann nicht unmittelbar vorhanden und
       herstellbar bzw.  sind nicht  identifizierbar. Die Lösung besteht
       darin, daß  diese Mittel gefunden, hergestellt oder zur Verfügung
       gestellt werden.  Damit wird der Widerspruch überwindbar. 28) Be-
       stehen zusätzlich  einander widersprechende  Ziele zwischen Klas-
       sen, Gruppen,  Individuen, die auf gegensätzlichen Interessen be-
       ruhen, so verwandeln sich Aufgaben und Probleme in Konflikte. 29)
       Das mag  auf gesamtgesellschaftlicher Ebene der Fall sein und in-
       nerhalb besonderer gesellschaftlicher Lebensbereiche oder in ein-
       zelnen Beziehungen.  Auf Grund  dieses Widerspruchs stellen Hand-
       lungen für  die Erreichung des Ziels der einen Partei Verschlech-
       terungen und  Verhinderungen der Möglichkeiten der Zielerreichung
       der anderen  Partei dar.  Die Erweiterung  der Möglichkeiten  der
       einen Partei geht mit der Einschränkung der Möglichkeiten der an-
       deren einher.  Die Zielerreichung einer bestimmten Klasse, Gruppe
       oder eines bestimmten Individuums wird auf Grund dessen von ande-
       ren bekämpft und gegebenenfalls verhindert. Bei Versuchen der Re-
       alisierung relevanter Entwicklungsziele der Persönlichkeit werden
       m. a. W. keine Spielräume und keine Unterstützung dafür durch die
       entgegengesetzte Partei  des konkreten Konflikts gegeben, sondern
       diese im  Gegenteil entzogen. Die Beschränkungen und Entgegenwir-
       kungen können u.U. die Realisierung des vorhandenen Entwicklungs-
       ziels verhindern.  Der Konflikt bleibt dann unter den Betroffenen
       ungelöst und  für die Entwicklung der einzelnen bestehen. Die Lö-
       sung des  Konflikts ist  andererseits an  die reale    A u f h e-
       b u n g   des  Interessenwiderspruchs  gebunden.  Darüber  hinaus
       können besondere  Konflikte bestehen  oder bestehen bleiben, weil
       die Betroffenen (durch objektive gesellschaftliche Gedankenformen
       vermittelt) meinen,  daß es  dort Interessenwiderspruch  gibt, wo
       (auch) allgemeine Interessen bestehen, oder ihnen widersprechende
       Interessen als die eigenen falsch interpretieren.
       Damit sind  spezifisch menschliche  Konflikte als    g e s e l l-
       s c h a f t l i c h   v e r m i t t e l t e    erfaßt.  Sie  sind
       nicht bloße Schwierigkeiten der Herstellung von Zusammenhang zwi-
       schen Einzelhandlungen/-motiven  eines Individuums,  der Herstel-
       lung von  Bevorzugung, der  Selektion, der Wahl u. dergl., obwohl
       sie  auch   solche  Prozesse   komplizieren   mögen.   Jedenfalls
       komplizieren sie die Möglichkeiten, individuelle Integration her-
       zustellen. Diese  Integration ist  keine bloße Aufgabe mehr, son-
       dern ein  Konflikt und  erst durch  die Lösung des Konflikts mög-
       lich. Beim Fortbestand eines Konfliktes bliebe individuelle Inte-
       gration Widerspruchseliminierung auf individuell-subjektiver Ebe-
       ne. Die  Vorstellung eines  integrierten  Individuums,  im  Sinne
       einer geschlossenen  Persönlichkeit, nimmt  nicht zufällig  einen
       zentralen Platz  in traditionell-psychologischen Persönlichkeits-
       konzepten ein.
       Konflikte können  aber nur  als    E n t w i c k l u n g s k o n-
       f l i k t e   angemessen erfaßt  werden. In einem Konflikt muß es
       immer Kräfte  geben, die  in entgegengesetzter  Richtung streben,
       sonst gäbe  es eben keinen Konflikt mehr. Diese entgegengesetzten
       Kräfte zielen  auf bzw.  gegen die Erweiterung der Handlungsräume
       einer Klasse,  einer Gruppe  oder eines  Individuums. Solange die
       Interessen,  die   hinter  den   Versuchen  der  Erweiterung  der
       Handlungsräume der  einen Partei stecken, Partialinteressen sind,
       geschieht die  Entwicklung der  einen Partei notwendigerweise auf
       Kosten der anderen. Damit muß der Konflikt grundsätzlich bestehen
       bleiben, wenn  auch u.U. in veränderter Gestalt. Nur in dem Maße,
       wie  die   Interessen  an   der  Erweiterung  der  Handlungsräume
       v e r a l l g e m e i n e r b a r   sind, ist der Konflikt grund-
       sätzlich aufhebbar.  In diesem  Sinne ist die Frage des Bestandes
       oder der  Aufhebung eines Konfliktes eine Frage des Verhältnisses
       von allgemeinen  Interessen und  Partialinteressen. Die  Dominanz
       von Partialinteressen  beschränkt und  verunmöglicht die  Nutzung
       und Erweiterung  von Handlungsmöglichkeiten  und hält  in  diesem
       Sinne die Entwicklung der davon Betroffenen zurück.
       Wenn es  Konflikte unter  Betroffenen gibt,  gibt es sie auch für
       die einzelnen  und in  den einzelnen,  d. h.  a u f  i n d i v i-
       d u e l l e r   E b e n e.   Das individuelle  "Verhalten-Zu" den
       widersprüchlichen Verhältnissen muß notwendigerweise konflikthaft
       werden, weil  die Möglichkeiten  und Notwendigkeiten widersprüch-
       lich  sind.  Die  individuellen,  inneren  Konflikte  haben  ihre
       lebenspraktischen Gründe  und Bedingungen und können erst mit der
       Überwindung dieser äußeren Konflikte überwunden werden.
       Wie verhält  man  sich  nun  bis  dahin    i n    d e n    K o n-
       f l i k t e n?   Natürlich verschiedenartig, aber man muß sich in
       irgendeiner Weise widersprüchlich verhalten, aus der funktionalen
       Notwendigkeit heraus, das noch Schlimmere abzuwehren. Man verhält
       sich also durchaus subjektiv funktional, begründet, aber zugleich
       u.U. gegen  eigene Interessen  an Weiterentwicklung.  Die subjek-
       tiven Handlungsgründe  werden selbst  problematisch. Es  ist also
       kein Zufall,  daß  in  einer  solchen  Situation  Handlungsweisen
       entwickelt und  aufgegriffen werden,  die im  Verhältnis  zu  den
       eigenen  langfristigen  Zielen  inadäquat  und  in  diesem  Sinne
       problematisch sind. Die eigenen Handlungsgründe sind entsprechend
       nicht mehr  eindeutig, sondern  mehrdeutig, und  ihre Deutung ist
       selbst oft  ein Problem  für den einzelnen und unter den Parteien
       des Konflikts. Die subjektiven Bedeutungsstrukturen werden unklar
       und verwickelt.  Die eine  Seite des Konflikts mag dann geleugnet
       und verdrängt  werden,  übt  aber  fortwährend  Einfluß  auf  das
       tatsächliche Handeln  aus. Die  eigenen Standpunkte werden unklar
       und widersprüchlich:  Man mag sowohl für wie gegen alles sein, d.
       h. desorientiert  sein. Beim  Beziehen eines  jeden  Standpunktes
       melden sich Stimmen des Widerspruchs. Die Intentionalität eigenen
       Handelns  wird  unzuverlässig.  Meine  Handlungen  gehen  in  ein
       gegensätzliches Feld  hinein, in  dem andere  u. U.  zu Gegenmaß-
       nahmen greifen.  Ich kann  also die  Ergebnisse meiner Handlungen
       nicht vorherbestimmen. Sie mögen gar zu einer unintendierten Ver-
       schlechterung meiner Situation Anlaß geben, wenn ich eine Verbes-
       serung anstrebe. Auch die Klärung meiner Motive wird mir deswegen
       Schwierigkeiten bereiten. Im Streit werden meine Motive zudem von
       anderen anders  interpretiert, und  diese Interpretation wird mir
       u.U. aufgedrängt.  Die subjektiven  Bedeutungen, meine Handlungs-
       gründe werden  selbst strittig.  In der Tat ist eine zuverlässige
       Vorherbestimmung eigener  intendierter  Handlungsergebnisse  erst
       auf der  Grundlage gemeinsamer  Verfügung über die relevanten ge-
       sellschaftlichen Lebensverhältnisse  erreichbar. Denn die Vorher-
       bestimmung einer gemeinsamen Lebensgrundlage ist nicht rein indi-
       viduell möglich. 30)
       Eine tragfähige  Klärung meiner  Handlungsgründe und  die Bildung
       eindeutiger Intentionen sind also nicht dadurch zu erreichen, daß
       ich meinen  Blick nach  innen kehre und mich derart auf die Suche
       nach  "mir   selbst"  begebe.  Handlungsgründe  drücken  ja  mein
       "Verhalten-Zu" meinen Verhältnissen aus. Überhaupt wird an diesen
       Aspekten menschlicher  Konflikte deutlich,  daß darin die Persön-
       lichkeiten der  Beteiligten nicht  nur betroffen  werden, sondern
       selbst zum   S t r e i t p u n k t  werden. Mithilfe des Alltags-
       begriffs der  Persönlichkeit wird  der Konflikt umgeformt in eine
       Auseinandersetzung über  die Zuschreibung positiv und negativ be-
       werteter Persönlichkeitseigenschaften. Die Schuld und die Verant-
       wortung für  den Gang  der Ereignisse  wird neu interpretiert und
       verteilt und  u.a. dadurch  eine neue Grundlage für künftige Aus-
       einandersetzungen  geprägt.  Der  Eigenschaftsbegriff  dient  als
       M i t t e l   des Konfliktes.  Die  "Vereigenschaftung"  hat  die
       Funktion der Regulierung lebenspraktischer Konflikte, und die Zu-
       schreibung bestimmter  Eigenschaften ist  von den gegensätzlichen
       Interessen des  Konflikts beeinflußt. Psychologen werden als Pro-
       fessionelle gerade in diese Art der Regulierung einbezogen.
       Der eingeführte  Konfliktbegriff hat  uns eine wichtige Präzisie-
       rung dessen  erlaubt, was es heißt, einen Konflikt zu  l ö s e n.
       Er ist erst durch die Aufhebung der Interessenwidersprüche im ei-
       gentlichen Sinne  gelöst, d.h. durch eine  V e r a l l g e m e i-
       n e r u n g   der Interessen der Betroffenen. Wir können nun nach
       den Bedingungen  fragen, die  eine solche  Aufhebung ermöglichen.
       Und  wir   können  fragen,  ob  diese    M ö g l i c h k e i t s-
       b e d i n g u n g e n   von verschiedenen Konflikten in verschie-
       denen Lebensbereichen  gegeben  bzw.  herstellbar  sind,  und  in
       welche Richtung  sich Veränderungen  auf kurze Sicht bewegen müß-
       ten, damit die Möglichkeitsbedingungen herstellbar werden können.
       Wir  können   in  einer   neuen  Perspektive  Handlungsweisen  in
       Konflikten  bestimmen   und  bewerten.  Ähnliches  gilt  für  die
       Bestimmung von  Fähigkeiten der Verarbeitung und des Eingriffs in
       Konflikte sowie  für die Analyse von Interessenwidersprüchen oder
       Bündnissen auf der Grundlage verallgemeinerter Interessen.
       Diese Perspektive  unterscheidet sich  wesentlich von  der bloßen
       Herstellung neuer  Kompromisse und Kompensationen, von der bloßen
       erneuten Ausbalancierung  und Einforderung individueller Vorteile
       innerhalb unüberwundener  oder gar  unangetasteter Konflikte. Die
       Haltbarkeit und  die Reichweite  derartiger  Mittel  blieben  be-
       schränkt.  Sie  wären  grundlegend  damit  verbunden,  daß  meine
       V o r t e i l e   erst durch  die   O p f e r  anderer ermöglicht
       werden und/oder  durch eigene Opfer in anderen Situationen einge-
       handelt werden.  In ideologischen  Formen heißt  das, daß wir uns
       abwechselnd füreinander  aufopfern sollten,  in mehr,  meist aber
       weniger ausgeglichenem Maße, und daß wir unseren moralischen Wert
       erst richtig  durch unsere  Aufopferung für andere beweisen könn-
       ten. Schließlich  würde es  uns allen  erst durch die Verbreitung
       einer derartigen Opferbereitschaft gut gehen. 31)
       
       6. Zum Beispiel
       ---------------
       
       Im folgenden  soll die  Analyse eines  Therapiefalles skizzenhaft
       vorgestellt werden.  32) Damit  sollen  m ö g l i c h e  Implika-
       tionen von  einigen der  dargestellten theoretischen  Standpunkte
       und Analysen  verdeutlicht werden.  Allerdings werden  diese  nur
       teilweise einbezogen,  und sie können schon deswegen keine syste-
       matische Analysegrundlage darbieten, weil die kategoriale Klärung
       der Persönlichkeitstheorie  noch nicht abgeschlossen ist. Es wer-
       den ferner  nur Analysemöglichkeiten  vorgestellt,  jedoch  weder
       Analyseverfahren noch  unmittelbare Handlungsanweisungen, sondern
       eine analytische Grundlage für die Ermittlung einer Handlungsori-
       entierung. Aus Platzgründen soll nur die Analyse dargestellt wer-
       den, die  sich auf  ein  Familienmitglied,  eine  dreizehnjährige
       Tochter S.,  bezieht. Dabei geht es uns um die Analyse der beson-
       deren Bedingungen  und subjektiven  Funktionalität eines  Falles,
       der symptomatisch  als "Anorexia  Nervosa" eingestuft  wurde. Die
       Familie wird hier nur als Bedingung ihres Lebens und der Entwick-
       lung ihrer Symptomatik berücksichtigt. Bedingungen und Handlungs-
       weisen außerhalb  der Familie werden ebenso weggelassen. Weil der
       Handlungsbezug der  Analyseverfahren im  Therapieprozeß sowie die
       Bedingungen und  Handlungen der  Tochter derart  verkürzt  vorge-
       stellt werden,  wird sich  nicht   g a n z  vermeiden lassen, daß
       die Darstellung  auch als scheinbar beliebige Deutung mißverstan-
       den werden kann.
       Wir fangen mit einer kurzen Bedingungsanalyse an: Es handelt sich
       um eine  Akademikerfamilie von fünf Mitgliedern. Sie läßt sich in
       sehr ausgeprägtem  Maße von  einer  konventionellen  Pflichtmoral
       leiten. Erstens  hat diese  Moral deutliche religiös-ideologische
       Wurzeln in  einer Berufungs-  und Dienstethik altprotestantischer
       Art. Zweitens  wird sie  zum Zwecke der Förderung der beruflichen
       Aufstiegsmöglichkeiten des Mannes genährt und von ihm auf das Fa-
       milienleben derart  abgestimmt, daß  er die beruflichen Aufstieg-
       schancen ohne  zu große  Anstrengungen wahrnehmen kann. Und drit-
       tens wird  sie von der Mutter funktionalisiert zum Zwecke der Le-
       gitimierung und Kompensation der Aufopferung ihrer entsprechenden
       beruflichen Möglichkeiten. Ergebnis ist ein sehr beschränktes und
       freudloses Alltagsleben  der Familie.  Um dieses  überhaupt absi-
       chern zu  können, ist  eine sehr starre und detaillierte Regulie-
       rungsform des  Familienalltags aufgebaut  worden, worin praktisch
       jede Handlung und jedes "Verhalten-dazu"  p f l i c h t m ä ß i g
       vorgeschrieben, verteilt  und ausgewertet  wird. Es gibt sehr de-
       taillierte Verhandlungsverfahren dafür, und die Aufrechterhaltung
       dieser Regulierung beansprucht sehr viel Zeit. Außerhalb des der-
       art Vorgeschriebenen darf es so gut wie nichts geben, andernfalls
       werden sofort  Sanktionen wirksam.  Handlungen werden  auf  diese
       Weise in  Pflichten  umgeformt,  und  die  Pflichten  sollen  aus
       Selbstaufopferung den  anderen zuliebe  getan  werden.  Sie  sind
       L i e b e s d i e n s t e.   Wenn sie  nur jeder bereitwillig und
       abwechselnd auf  sich nähme, ginge es allen gut. Es ist eine Form
       der  U n e i g e n n ü t z i g k e i t,  bei der jede Handlung in
       diesem Sinne  gut und liebenswert ist. Es ist aber keine Form der
       Definition und  Wahrnehmung   g e m e i n s a m e r   Interessen,
       sondern des  systematischen selbstlosen  A b s e h e n s  von ei-
       genen Interessen, wobei das, was zugelassen wird, natürlich nicht
       die Gemeinsamkeit  des  Verbotenen  sein  kann.  Die  Form  deckt
       w e d e r   die allgemeinen  Interessen   n o c h  die Interessen
       eines jeden  Mitglieds. Da sie gerade eine Form der Selbstaufgabe
       als Pflicht  ist, muß  sie wiederholt  neu  l e g i t i m i e r t
       und   b e s t ä t i g t   werden, damit keiner in Verdacht kommen
       sollte, daß  irgendeiner doch  das, was er getan hat, zum eigenen
       Vorteil täte,  zumal es ja auch vorteilhaft ist, seine Pflicht zu
       tun. Unter  der Oberfläche werden denn auch individuelle Vorteile
       in ungleich  verteilten Ausmaßen  verfolgt. Alle  müssen deswegen
       wiederholt bestätigen, daß die Form und die anderen gut sind. Sie
       müssen es in sehr ausgeprägtem Maße internalisieren und keine Un-
       zufriedenheit damit  äußern. Man  muß die guten Seiten des Lebens
       und der anderen achten und innerhalb der Form bleiben. Denn würde
       ein Familienmitglied  aussteigen, wäre es undankbar, weil die an-
       deren doch alles seinetwegen tun, oder aber es hätte ihre Güte in
       Frage gestellt.  Jeder, der  aussteigt, die Form stört oder Unzu-
       friedenheit formuliert, ist deswegen nicht uneigennützig, sondern
       ein undankbarer  Egoist. Und  gegen den  Egoismus, der wiederholt
       sein böses  Gesicht zeigt, weil die Form die Bedürfnisse von nie-
       mandem vollständig  deckt und weil man sich individuell absichern
       muß, wenn  es keine  gemeinsame Absicherung  gibt, muß  man  sich
       wehren. Deswegen  ist keine  einheitliche Verbesserung des Lebens
       ohne diese  Form akzeptierbar, und keine individuellen Interessen
       dürfen   d i r e k t  und sichtbar und sozusagen offensiv  v e r-
       t r e t e n   werden. Ebenso  darf  kein  Familienmitglied  offen
       andere aus  eigenen Interessen  beeinflussen  w o l l e n.  Jeder
       muß seine Interessen verstellen und die anderen überlisten. Sonst
       wird der  Versuch gegen  den Täter  gekehrt. Die  Intentionalität
       eigenen  Handelns  wird  somit  verkompliziert  und    w i d e r-
       s p r ü c h l i c h.
       Jetzt gehen  wir zur  Analyse des  besonderen Handlungsraums  der
       Tochter S.,  ihres subjektiven  "Verhaltens-dazu" und ihrer Hand-
       lungsgründe über.  Sie hat  lange Zeit  vor allem  versucht, sich
       pflichtgemäß und selbstmoralisierend zu verhalten. Das entspricht
       zunächst ihrer  besonderen Stellung und ihrem besonderen Möglich-
       keitsraum, ist  m.a.W. subjektiv  funktional und  begründet. Denn
       ihre notwendige Absicherung gewinnt sie nur innerhalb und auf der
       Grundlage der  bestehenden Form.  Weil die Form aber zugleich er-
       hebliche Beschränkungen für sie beinhaltet, geschieht dies um den
       Preis der  Entstehung und  des Fortbestandes von Entwicklungskon-
       flikten für  sie. Es entstehen besondere Widersprüche ihrer Hand-
       lungsweisen und  subjektiven Handlungsgründe. Die auf kurze Sicht
       meist subjektiv  funktionale Handlungsstrategie  für sie, die sie
       in dieser  Situation intensiv  benutzt hat,  ist die, sich selbst
       "durch die anderen hindurch" abzusichern. Indem sie sich hilfsbe-
       reit in  andere hineinversetzt,  sichert sie  ihren  eigenen  be-
       schränkten Vorteil als scheinbar  "n i c h t  intendiertes Neben-
       produkt", denn ihre verborgene Intention darf nicht deutlich wer-
       den. Am  besten müßte sie sich in den anderen  v e r l i e r e n,
       in der  Hoffnung, daß  diese aus  ähnlicher Opferbereitschaft ihr
       einen ersatzweisen Vorteil gönnen. Ein derartiger Verlust eigener
       Perspektiven und  Interessen beinhaltet indessen, daß ihr die Be-
       ziehungen und Interessenverhältnisse einschließlich ihrer eigenen
       Handlungsgründe unklar und verwickelt erscheinen werden. Ihre Un-
       klarheit wird  dadurch noch ausgeprägter, daß die Beziehungen so-
       wie ihre  Handlungen und  Gründe immer  wieder in dem verborgenen
       Kampf um  Gewinnung individueller  Vorteile  (in  ähnlich  wider-
       sprüchlicher Weise)  gedeutet werden.  Ihre Handlungen und Gründe
       werden in  dem "Meinungsstreit"  der verborgenen Konflikte selbst
       zum verborgenen Streitpunkt. Sie werden ihr subjektiv immer mehr-
       deutiger und strittiger. Es erscheint, wie oben angedeutet, gera-
       dezu auf kurze Sicht funktional, die eigene Klärung nicht zu weit
       zu treiben,  sondern sich  sozusagen systematisch  a b z u l e n-
       k e n   und sich  statt dessen mit den Meinungen, Bewertungen und
       Bedürfnissen der  anderen zu  beschäftigen sowie  sich selbst aus
       dieser Sicht  der anderen  zu bewerten  usw. Das widersprüchliche
       Verhältnis zu den eigenen Bedürfnissen, Interessen, Möglichkeiten
       und Befindlichkeiten,  das dadurch  installiert  wird,  wird  von
       einem ständigen  unbegriffenen und  unkontrollierten   S t a n d-
       p u n k t w e c h s e l  überformt. Sie ist "weder/noch", "nichts
       Bestimmtes". Es  melden sich  bei ihr  in verschiedener  Art  und
       Weise bei  jedem Versuch,  einen klaren  Standpunkt zu  beziehen,
       sofort  "eigene"   Stimmen  des   Widerspruchs.  Der  Widerspruch
       zwischen ihren Handlungsweisen und -gründen und ihren emotionalen
       Bewertungen  wirkt   destabilisierend.  Sie   schwankt   in   den
       Beziehungen subjektiv  umher. Das  erhöht wiederum die subjektive
       Notwendigkeit  ihrer  individuellen  Absicherung  durch  konforme
       Handlungsweisen und  Selbsteinschätzungen. Die  Dominanz der kon-
       formen Seite der Widersprüche wird damit befestigt.
       Nun sind  nicht nur die Folgen eigener systemwidersprechender und
       entwicklungsorientierter  Handlungen   unvorhersehbar.  Sie  sind
       auch, wie  erwähnt, den  anderen gegenüber  nicht vertretbar.  S.
       wendet sich als "nettes Mädchen" selbstverleugnend und moralisie-
       rend gegen  solche Entwicklungsinteressen.  Damit steht sie ihrer
       eigenen Entwicklung im Wege, verhält sich ihr gegenüber problema-
       tisch und  konflikthaft. Sie  hört in  vielem auf, derartige Ent-
       wicklungsaufgaben ihres  Lebens und ihrer Persönlichkeit aktiv zu
       betreiben. Im  selben Sinne wendet sie sich gegen die entstehende
       eigene unkontrollierbare  Symptomatik. Sie  nimmt davon  Abstand,
       "begreift" nicht,  wieso sie  sich so  verhält. Es werden bei ihr
       Handlungsweisen und ein subjektives "Verhalten-Zu" ihren Entwick-
       lungsmöglichkeiten und  -bedürfnissen geprägt,  in denen sie sich
       innerhalb  der  Familie  einigermaßen    a b s i c h e r t    bei
       gleichzeitigem   V e r z i c h t   auf eigene  derartige  Bedürf-
       nisse.  Sie  entwickelt  Handlungsweisen  und  Gründe,  in  denen
       S e l b s t v e r w e i g e r u n g   a l s    B e e i n f l u s-
       s u n g s-  u n d  A b s i c h e r u n g s m i t t e l  verwendet
       wird. Die Widersprüchlichkeit dieser Intentionalität ist eine, in
       der sie  sich quasi gegen die eigenen Intentionen und Bedürfnisse
       wendet. Sie weiß von dieser  B r ü c h i g k e i t  e i g e n e r
       I n t e n t i o n a l i t ä t,   nutzt sie  geradezu "bewußt", um
       Vorteile zu  erreichen, die  sie nicht  "gewollt" haben darf. Sie
       weiß aber  auch, daß  diese Handlungsweise  ihr leicht außer Kon-
       trolle gerät  und sich als "Vorgang dritter Person" in ihr durch-
       setzt, ähnlich wie das "ungewollte Erbrechen".
       Das Ausmaß  der subjektiven  Funktionalität systemkonformer Hand-
       lungsweisen hängt  ferner von der besonderen Stellung des betref-
       fenden Individuums  in diesem  System ab. Gerade ihre Einflußmög-
       lichkeiten und Spielräume sind jedoch besonders gering. Wegen ih-
       rer Stellung  kann sie  besonders wenig  damit erreichen.  Ferner
       wird sie  infolge ihrer  besonderen und problematischen Beziehung
       zu ihrer  Mutter in  deren Problematik  der Selbstaufgabe verwic-
       kelt, was  zu einer  Befestigung und  besonderen Ausprägung ihrer
       Entwicklungsproblematik führt. Schließlich wird sie extrem fremd-
       gesteuert und  -bewertet, bis  in Details.  Dies alles spitzt die
       s u b j e k t i v e   Widersprüchlichkeit ihrer  Entwicklungskon-
       flikte und ihrer dominanten Handlungsweisen zu. Die Handlungswei-
       sen werden ihr aufgedrängt bei großen Kosten.
       In dieser  Situation hat sie zwei kompensierende Verhaltensweisen
       entwickelt. Erstens  hat sie  versucht, ihre geringen Einflußmög-
       lichkeiten durch  aufdringliche Hilfsbereitschaft zu kompensieren
       und die Anerkennung der anderen bei unabgesicherten und konflikt-
       haften Beziehungen durch Anhänglichkeit zu erreichen. Das ist ihr
       in einigen  Situationen gelungen, ist aber als Maßnahme innerhalb
       der bestehenden  Widersprüche selbst widersprüchlich: Sie wird in
       vielen Situationen  den anderen  lästig und  von ihnen abgelehnt,
       zumal ihre  Handlungsweisen auch in diesen Versuchen widersprüch-
       lich sind.  Zweitens entwickelte  sie psychosomatische Magen- und
       Kopfschmerzen, deren  Appellcharakter ihre  Situation  zeitweilig
       erleichterte. Schon Appelle sind jedoch verdächtige Ausdrücke des
       Egoismus und  werden gegen  den Täter  gekehrt. Diese Umkehrungen
       werden durch Deutungen ihrer Eigenschaften zusätzlich ideologisch
       befestigt. Derartige  Symptome sind  ihr m.a.W. dysfunktional ge-
       worden.
       Die Wechselwirkungen  zwischen der  Zuspitzung der Reaktionen der
       anderen, der  Verschlechterung ihrer  Stellung und Befindlichkeit
       in der  Familie und  neu  entstehenden  Entwicklungsanforderungen
       spitzen ihre Entwicklungskonflikte objektiv wie subjektiv zu. Ob-
       jektive Veränderungen und gleichzeitige subjektive Stagnation be-
       inhalten, daß  sich ihr  die subjektiven  Entwicklungsforderungen
       immer mehr  aufdrängen. Sie  ist von Gleichaltrigen isoliert, was
       ihr in  steigendem Maße  problematisch wird.  Sie ist jedoch auch
       für die  Familienmitglieder eine  Belastung, und diese stellen an
       sie (ähnlich wie außerfamiliäre Beziehungspersonen) in steigendem
       Maße die  Anforderung, "selbständige" Leistungsfähigkeiten in fa-
       miliären und außerfamiliären Bereichen zu entwickeln; dies wider-
       spricht den  bisher dominanten  Verhaltensweisen des anhänglichen
       Lebens durch  andere. Die Überschreitung ihres häuslichen Rahmens
       verläuft demnach  sehr beschränkt  und ist für sie sehr problema-
       tisch. Sie  zieht sich  in die  familiären Konflikte  zurück bzw.
       wird von  diesen zurückgehalten und zugleich hinausgeschoben. Sie
       greift die  Entwicklungsaufgaben ihrer  Persönlichkeit im famili-
       ären Rahmen sehr gebrochen auf und steht auch den außerfamiliären
       sehr widersprüchlich  und unvorbereitet gegenüber. Ferner hat sie
       in ihrem bisherigen Leben nicht gelernt, solche Konflikte zu klä-
       ren und  ihre Interessen darin wahrzunehmen. Sie hat im Gegenteil
       gelernt, ihre  Interessen  indirekt,  ungeklärt  und  "ungewollt"
       durch Verzicht  und durch andere zu sichern, ohne Appelle und bei
       gleichzeitiger Verleugnung,  daß sie  sich dabei  im Gegensatz zu
       den anderen befinden mag. Sie ahnt in steigendem Maße, daß sie zu
       kurz kommt, sie fühlt sich ohnmächtig und spürt, daß andere immer
       gegen sie  gewinnen. Meint  sie gelegentlich einen guten Grund zu
       haben, sich in Gegensatz zu den anderen zu stellen, wird sie hart
       bekämpft; sie  verliert den eigenen Standpunkt, die Sache wird in
       etwas anderes  verkehrt und gegen sie ausgespielt, wonach die Mo-
       ralisierung wieder einsetzt.
       Wollen wir  begreifen, wo und in welcher Gestalt die sich zuspit-
       zenden und  ungelösten  Entwicklungskonflikte  symptomatisch  zum
       Ausdruck kommen  können, müssen  wir noch folgendes berücksichti-
       gen: In  Familien, die  nicht auf  die Unterstützung von Entwick-
       lungsaufgaben ihrer  Kinder orientiert  sind, ist  das  E s s e n
       einer der  wenigen und  zentralen  Bereiche,  in  denen    F ü r-
       s o r g e   ausgedrückt wird.  Zwar ist  auch dieser  Bereich  in
       diesem Fall  extrem fremdgesteuert, in der Zubereitung wie in den
       Ausdrucksformen des "Gebens", und diese Formen wenden sich ebenso
       in vielem  gegen S.  Deswegen kann  auch gerade in diesem Bereich
       die  Gebrochenheit   und  die  Unkontrollierbarkeit  der  eigenen
       Intentionalität von  S. sich durchsetzen. In der Verweigerung des
       Essens lehnt  sie die  gegebene Fürsorge in einer für die anderen
       sehr empfindlichen  Weise ab,  wobei sie  die Güte der anderen in
       Frage stellt. Zugleich geschieht dies in einer von ihr unkontrol-
       lierbaren und  "ungewollten" Weise,  von der sie sich gar distan-
       zieren kann, was den Druck auf die anderen erhöht. Ferner ist die
       Fremdsteuerung ihrer  Persönlichkeit überhaupt so extrem, daß die
       Einnahme des Essens einer der ganz wenigen Bereiche ist, in denen
       sie einigermaßen  über ihre  eigenen Verhaltensweisen  v e r f ü-
       g e n   kann, ohne daß sie ihr sofort aus den Händen gerissen und
       gegen sie  gekehrt werden.  Es  ist  demnach  einer  der  wenigen
       Bereiche,  in  denen  sie  eine  für  sie  subjektiv  funktionale
       Verhaltensweise, wenn auch in Gestalt eines Symptoms, selbst aus-
       prägen kann.  Bei der besonderen Gestalt dieses Symptoms fällt es
       den anderen  schließlich schwer,  es als  einen gewollten Protest
       oder einen  Appell zu interpretieren und gegen sie zu wenden. Das
       Erbrechen verläuft  "körperlich", völlig  "außer ihrer Kontrolle"
       und augenscheinlich  nicht "zum eigenen Vorteil". Sie verdächtigt
       auch nicht  sich selbst dafür, es derart zu benutzen, weil sie es
       ja nicht "will". Gegen ihren eigenen "Willen", durch Verweigerung
       und "zum  eigenen Schaden"  beeinflußt sie  in der "Anorexia Ner-
       vosa" in  einem für  die anderen  sehr empfindlichen  und für sie
       selbst fast  einzig möglichen  Bereich und ohne intentionalen Ap-
       pellcharakter und markierten Gegensatz ihre relevanten Lebensver-
       hältnisse in der Familie, in der sie befangen ist.
       Diese widersprüchliche und symptomatische Art der Bewältigung ih-
       rer relevanten  familiären Lebensverhältnisse   b e g r ü n d e t
       die   s u b j e k t i v e   F u n k t i o n a l i t ä t  der Ent-
       stehung dieser  besonderen Funktionsstörung    i n    d i e s e m
       F a l l e.   Es ist jedoch nicht gesagt, daß gerade dieses beson-
       dere Symptom   i m m e r   dann erscheint, wenn die geschilderten
       B e d i n g u n g e n   vorhanden sind.  Damit  wäre  die    B e-
       d e u t u n g   der   s u b j e k t i v e n  Verhaltensweisen den
       Bedingungen gegenüber  diagnostisch verkannt  und das  subjektive
       Leiden als  schlicht bedingtes  vorgestellt, d.h.  paradoxerweise
       gerade in  seinem subjektiven  Aspekt  verkürzt.  Die  subjektive
       Funktionalität  der  besonderen  Funktionsstörung  der  "Anorexia
       Nervosa" ist hingegen im konkreten konflikthaften Lebenszusammen-
       hang dieser  Persönlichkeitsentwicklung begriffen,  worin sie al-
       leine auch  wieder überwindbar ist und womit die individuelle Be-
       sonderheit dieser  Persönlichkeitsentwicklung als bedingt und be-
       gründet begriffen werden kann.
       
       _____
       1) Siehe W.F.  Haug, Bürgerliche  Privatform des  Individuums und
       Umweltform der  Gesellschaft, in:  Kritische Psychologie  1/1977.
       Hrsg. von  K.-H. Braun & K. Holzkamp, Köln 1977; K. Holzkamp, Die
       Überwindung der  wissenschaftlichen Beliebigkeit  psychologischer
       Theorien durch  die Kritische Psychologie, in: Zeitschr. f. Sozi-
       alpsychol. 1977;  A. N.  Leontjew, Probleme  der Entwicklung  des
       Psychischen, Frankfurt/M. 1973.
       2) Siehe H.  Kühn & K. Junghänel, Bürgerliche Persönlichkeitspsy-
       chologie in  der Krise,  Berlin/DDR 1980;  L. Sève, Marxismus und
       Theorie der Persönlichkeit, Frankfurt/M. 1972; M. Vorwerg, Metho-
       denkrise als Theoriekrise der Persönlichkeit, in: Zur psychologi-
       schen Persönlichkeitsforschung.  Hrsg. von M. Vorwerg, Berlin/DDR
       1980.
       3) H. Kühn & K. Junghänel, a.a.O., S. 62.
       4) K.K. Platonow,  Das Persönlichkeitsprinzip in der Psychologie,
       in: Methodologische  und theoretische  Probleme der  Psychologie.
       Hrsg.  von  E.W.  Schorochowa,  Berlin/DDR  1974,  S.  166;  H.D.
       Schmidt, Grundriß der Persönlichkeitstheorie, Berlin/DDR 1982, S.
       15; vgl.  auch E.W.  Schorochowa, Der  psychologische Aspekt  des
       Persönlichkeitsproblems, in:  Zur Psychologie der Persönlichkeit.
       Hrsg. von  E.W. Schorochowa,  Berlin/DDR 1976; E. W. Schorochowa,
       Personality Research Trends in Soviel Psychology, in: Soviel Psy-
       chology. Hrsg. von B. F. Lomov & V. Shustikov, Moskau 1984.
       5) Vgl. z.B.  K. Holzkamp,  Grundlegung der  Psychologie,  Frank-
       furt/M. 1983.
       6) Vgl. B.F.  Lomov, Aktuelle Probleme der Psychologie, in: Z. f.
       Psychol. 4/1983; K. Holzkamp, a.a.O.
       7) Siehe A.N.  Leontjew, Tätigkeit  und Persönlichkeit,  in: der-
       selbe, Tätigkeit,  Bewußtsein, Persönlichkeit,  Berlin/DDR  1979;
       B.F. Lomov,  The Personality in a System of Social Relations, in:
       Soviet Psychology 2/1983.
       8) E.W. Schorochowa, a.a.O., 1976; K.K. Platonow, a.a.O.
       9) A.N. Leontjew, a.a.O., 1979.
       10) F. Haug,  R. Nemitz  & Th.  Waldhubel, Kritik  der Handlungs-
       strukturtheorie, in: Forum Kritische Psychologie 6/1980; K. Holz-
       kamp, a.a.O., Kap. 7.
       11) Zu dieser  Unterscheidung vergleiche  die  Gliederung  in  K.
       Holzkamp, a.a.O., Kap. 6 u. 7.
       12) A.N. Leontjew, a.a.O., S. 178-80; B. F. Lomov, a.a.O., S. 22.
       13) U. Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Motiva-
       tionsforschung 1, Frankfurt/M. 1975, S. 334.
       14) z.B. A.N. Leontjew, a.a.O., S. 166-74; B.F. Lomov, a.a.O., S.
       22-3; W.  Röhr, Aneignung und Persönlichkeit, Berlin/DDR 1980, S.
       147-165. Deshalb  fallen die beiden Kategorien bei vielen Autoren
       tendenziell zusammen, z. B. bei K.K. Platonow, a.a.O.; E.W. Scho-
       rochowa, a.a.O. 1976 u. 1984. H. D. Schmidt, a.a.O., S. 24, kenn-
       zeichnet die  Bedeutung der Individualität als "fundamental", an-
       dere  nennen  sie  "wesentlich"  oder  sprechen  abwechselnd  vom
       "wirklichen  Individuum",  vom  "konkreten  Individuum"  und  der
       "Persönlichkeit" (L.  Seve, a.a.O.)  oder von  "personaler  Hand-
       lungsfähigkeit" und  "individueller Handlungsfähigkeit" (K. Holz-
       kamp, a.a.O., S. 241).
       15) L. Sève, a.a.O.; A. N. Leontjew, a.a.O.
       16) K. Holzkamp, a.a.O., Kap. 6 u. 7.
       17) O. Dreier,  Familiäres Sein und familiäres Bewußtsein. Thera-
       peutische Analyse einer Arbeiterfamilie, Frankfurt/M. 1980.
       18) O. Dreier,  Individualitetsproblemet i  dialektisk-materiali-
       stisk belysning, in: Nordisk Psykologi 2/1977.
       19) A.N. Leontjew,  a.a.O.; O.  Dreier, Psykologien som en histo-
       risk-materialistisk videnskab,  in: Psyke & Logos 1/1981; H. Kühn
       & K. Junghänel, a.a.O.
       20) S.L. Rubinstein,  Sein und  Bewußtsein, Berlin/DDR  1973,  S.
       334; H.D. Schmidt, a.a.O., S. 27.
       21) S.L. Rubinstein,  a.a.O., S.  336; A. N. Leontjew, a.a.O., S.
       166; siehe auch z.B. M. Vorwerg & T. Ahlberg, Die Subjektfunktion
       der Persönlichkeit  als psychologisches  Problem der Widerspiege-
       lungstätigkeit, in: Zeitschr. f. Psychol. 4/1983.
       22) A.N. Leontjew, a.a.O., S. 213.
       23) Ebenda, S. 173.
       24) Siehe K. Holzkamp, a.a.O., S. 356, zu den "fünf Niveaus indi-
       vidualwissenschaftlicher Kategorienbildung";  siehe auch B.F. Lo-
       mov, The  Personality in a System of Social Relations, in: Soviet
       Psychology 2/1983.
       25) Siehe K. Holzkamp, a.a.O., S. 272.
       26) Siehe dazu  K. Holzkamp, a.a.O., Kap. 7.4 zur "doppelten Mög-
       lichkeit"; M. Vorwerg & T. Ahlberg, a.a.O., S. 40.
       27) Vgl. insbesondere die Darstellungen in A.N. Leontjew, a.a.O.,
       und K. Holzkamp, a.a.O., Kap. 7.4 u. 8.4
       28) Siehe R.  Seidel, Denken - Psychologische Analyse der Entste-
       hung und Lösung von Problemen, Frankfurt/M. 1976
       29) Siehe zum Konfliktbegriff U. Holzkamp-Osterkamp, Motivations-
       forschung 2, Frankfurt/M. 1976; K. Holzkamp, a.a.O.
       30) Siehe dazu  R. Lichtman,  The Production  of Desire, New York
       1982, Kap.  1 u.  2. Vgl.  zu diesem  Abschnitt auch  O.  Dreier,
       Grundfragen der  Psychotherapie in  der Psychoanalyse  und in der
       Kritischen Psychologie,  in: K.-H.  Braun u.  a., Geschichte  und
       Kritik der Psychoanalyse, Marburg 1985.
       31) Siehe O.  Dreier, a.a.O.,  1980, und  derselbe, Die Bedeutung
       der Hausarbeit für die weibliche Psyche, in: Persönlichkeitstheo-
       retische Aspekte  von  Frauenarbeit  und  Frauenarbeitslosigkeit.
       Hrsg. von D. Roer, Köln 1980.
       32) Der Fall  stammt aus  einer ambulanten  kinderpsychiatrischen
       Abteilung in Gentofte, Kopenhagen. Er wurde von zwei Mitarbeitern
       familientherapeutisch betreut.  Ich habe mit einem Kreis von Mit-
       arbeitern dieser  Abteilung an  der analytischen  Aufarbeitung im
       Zeitraum der  therapeutischen Betreuung  teilgenommen. Ziel  war,
       die Grundlagen der Kritischen Psychologie für die Entwicklung der
       "Fallarbeit" zu  nutzen. Gegenwärtig  bin ich  mit einem entspre-
       chenden Forschungsprojekt  an der  therapeutischen Arbeit der Ab-
       teilung beteiligt.
       

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