Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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       ZUM STAND UND ZU EINIGEN PERSPEKTIVEN
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       MARXISTISCHER PERSÖNLICHKEITSTHEORIE
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       Überlegungen zum vorliegenden Band
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       Heike Fleßner/Klaus Hühne/Bernhard Wilhelmer
       
       Einer Bestandsaufnahme  und Weiterentwicklung  marxistischer Per-
       sönlichkeitstheorie kommt aktuell zunehmende Bedeutung zu. Die in
       den Zentren der kapitalistischen Welt seit geraumer Zeit dominie-
       renden konservativen  Herrschaftsstrategien zur  Bewältigung  der
       ökonomischen und sozialen Krise im Interesse des Kapitals enthal-
       ten als wesentliches Instrument praktischer Durchsetzung eine um-
       fassende konservative  ideologische Offensive.  In ihrem  Mittel-
       punkt steht  die Propagierung  eines Menschenbildes, das zwar der
       wissenschaftlichen Analyse  nicht standhält, bei der inhaltlichen
       Bestimmung und  der Rechtfertigung  politischer Konzepte und Maß-
       nahmen jedoch  vielförmigen Ausdruck  findet. Dieses Menschenbild
       ist vor  allem dadurch  gekennzeichnet, daß Geschichtlichkeit und
       Subjektstatus des Menschen sowohl in phylogenetischer als auch in
       ontogenetischer Perspektive  geleugnet werden;  die Gesellschaft-
       lichkeit der  Gattung wird bestritten zugunsten einer primär bio-
       logisch-genetisch begründeten  anthropologischen Natur  des  Men-
       schen. Was  fehlt, ist der Begriff vom Menschen als dialektischer
       Einheit phylogenetischer,  gesellschaftlicher  und  individueller
       Bestimmtheit.
       Auf Versatzstücke  eines derart  reduzierten Menschenbildes  wird
       immer wieder zurückgegriffen bei Versuchen,
       - reaktionäre Begabungsideologien in die Strukturen des Bildungs-
       wesens umzusetzen  (Vorrang der  Selektionen gegenüber der Förde-
       rung),
       - geschichtlich   herausgebildete    Geschlechtsrollenzuweisungen
       zu"gunsten" der  Abdrängung der  Frauen aus dem Erwerbsbereich zu
       verfestigen,
       - privatistische Ideologeme  sowie wirtschafts- und sozialpoliti-
       sche Privatisierungskonzepte in den Köpfen der Menschen zu veran-
       kern und  praktisch durchzusetzen  (für die Masse der Bevölkerung
       der BRD  vor allem  bedeutsam,  wenn  etwa  Arbeitslosigkeit  als
       selbstverschuldet dargestellt oder die sogenannte Krise des Sozi-
       alstaates als Konsequenz übersteigerten Anspruchsdenkens des ein-
       zelnen gegenüber  der Gemeinschaft verleumdet und dem ein Konzept
       der Überweisung  vormals gesellschaftlich geleisteter Aufgaben in
       die private  Sphäre entgegengesetzt wird - als vorgebliche Chance
       zur Re-Humanisierung  des Lebens, als Heimkehr zu den verschütte-
       ten Quellen des einstmals harmonischen sozialen Miteinanders),
       - Angriffe auf  historisch entwickelte  bzw. neu  hervorgebrachte
       Formen und  Ansätze solidarischen  Handelns und  Bewußtseins  der
       Menschen zu  führen (Nationalismen  werden  begünstigt,  Bevölke-
       rungsgruppen gegeneinander  ausgespielt; oppositionelles  politi-
       sches Handeln  wird verfolgt und kriminalisiert; errungene Wider-
       standsrechte der Arbeiterbewegung werden ausgehöhlt).
       Ziel ist  die möglichst störungsfreie Durchsetzung des Partialin-
       teresses der  Kapitalverwertung nach  innen und  außen. Daß diese
       Perspektive an  ihre historischen  Grenzen gelangt  ist, enthüllt
       sich allerdings  immer mehr  Menschen ganz unmittelbar, sei es im
       Entsetzen über  die akute  Möglichkeit der Menschheitsvernichtung
       durch einen  Atomkrieg, sei  es in  der verzweifelten Betrachtung
       des Elends in den Ländern der Dritten Welt, sei es in der Betrof-
       fenheit durch die wachsende Armut im eigenen Lande, wo gleichzei-
       tig immer größerer Reichtum in den Händen weniger Besitzender an-
       gehäuft wird.  Hier wird  die Entstehung eines Alltagsbewußtseins
       sichtbar, das  die Gestaltung der gesellschaftlichen und natürli-
       chen Umwelt  im Sinne  der Kapitalverwertung  zu erkennen  und in
       Frage zu stellen beginnt.
       Die erneut  lautstark  beschworenen  Selbsterneuerungsmechanismen
       des kapitalistischen  Konkurrenzprinzips sind angesichts der glo-
       balen Probleme  der Gesundheit, Ernährung, Bildung und der fried-
       lichen Weiterentwicklung  von Natur und Gesellschaft an die Gren-
       zen ihrer  Wirksamkeit gestoßen.  Zur Lösung  der großen  gesell-
       schaftlichen Probleme  wie der Probleme des alltäglichen Handelns
       der Menschen  bedarf es  mehr denn  je einer bewußten, planvollen
       Herangehensweise, die inhaltlich zunehmend durch das gekennzeich-
       net ist,  was   M a a s e   etwa bestimmt  als "geistige und all-
       tagspraktische   B e h e r r s c h u n g   d e r    e i g e n e n
       V e r g e s e l l s c h a f t u n g  durch die Individuen". 1)
       Mit ökonomischen Mitteln allein - selbst wenn sie gezielt zur Lö-
       sung der  brennendsten Probleme  eingesetzt würden,  wovon wir ja
       sehr weit  entfernt sind - ist weder das Überleben der Umwelt des
       Menschen noch  sein eigenes Überleben in der Welt sicherzustellen
       und erst  recht kein  sinnvolles menschliches Leben zu gestalten.
       Wenn es  aber mit  zunehmender Dringlichkeit  des sinnvollen  und
       wirksamen Handelns  einer unüberschaubar großen Zahl von Menschen
       (und nicht  nur einer  kleinen Anzahl  professioneller Politiker)
       bedarf, kann  die Erkenntnis  dessen, was "den Menschen" als Per-
       sönlichkeit zu einer bestimmten Handlungsweise veranlaßt und dazu
       führt, daß  er sich  in der  einen oder  anderen Weise entwickelt
       (also all  dessen, was  der Marxismus bislang zumeist mit dem un-
       schönen Begriff  "subjektiver Faktor"  benannt hat), nicht länger
       einer die Feuerbach-Thesen ignorierenden Philosophie, keiner psy-
       choanalytischen Triebtheorie  und auch  nicht einer herkömmlichen
       differentiellen Persönlichkeitspsychologie  zur Messung  von  Ab-
       weichungen vom Durchschnittsverhalten überlassen bleiben.
       Vor diesem  Hintergrund kommt  es darauf  an, die  Ergebnisse und
       Perspektiven marxistischer  Persönlichkeitstheorie zu  verdeutli-
       chen und zu verbreiten. Dazu will der vorliegende Band beitragen.
       Marxistische Persönlichkeitstheorie  ist  in  der  Bundesrepublik
       eine noch  recht junge  Disziplin. Unterschiede  und Kontroversen
       bestehen ebenso  wie wesentliche gemeinsame Grundlagen. Das Jahr-
       buch versucht,  eine Bestandsaufnahme bundesdeutscher Forschungs-
       ansätze und  einen Beitrag zur internationalen Diskussion zu lei-
       sten, einer  Diskussion, die  ihrerseits in  der Vergangenheit in
       besonderer Weise  durch die kulturhistorischen Forschungen in der
       Sowjetunion angestoßen  und in  der neueren  Zeit darüber  hinaus
       durch eigenständige  westeuropäische Arbeiten  befruchtet  worden
       ist.
       Anliegen der  Redaktion des  Bandes war  es, neben  theoretischen
       Beiträgen auch solche aufzunehmen, die konkret sichtbare Probleme
       in ihrer  Genese erklären  und in diesem Zusammenhang bereits An-
       wendungsbezüge für  das praktische  planvolle Handeln  aufweisen.
       Von einigen  der Autorinnen  und Autoren  werden derartige Bezüge
       für die  Bereiche Pädagogik, Psychologie und Medizin hergestellt.
       Wichtig war  uns, auch  Beispiele einer unterschiedlich weit ent-
       falteten gesellschaftlichen Praxis unter den Bedingungen überwun-
       dener  entwicklungshemmender  Eigentums-  und  Besitzverhältnisse
       aufzunehmen: Der  systematische Ausbau  der Krippenerziehung  und
       der Beginn  der Überführung  einer eigenständigen,  auf der Basis
       der kultur-historischen  Theorie erarbeiteten  medizinpsychologi-
       schen Forschung  in den  Krankenhaus- und Berufsausbildungsalltag
       verdeutlichen den  humanistischen Charakter  sozialistischer Bil-
       dungs- und  Gesundheitspolitik als  Anwendungsbereiche  marxisti-
       scher Persönlichkeitstheorie.  Sie markieren  dabei  verschiedene
       Entwicklungsstände ebenso wie das Auftreten neuer Fragen und Pro-
       bleme jenseits  kapitalistisch organisierter  ökonomischer Grund-
       verhältnisse.
       Bei der  Ordnung der  Beiträge haben wir uns trotz einiger Vorbe-
       halte und  absehbarer Gefahren der Mißinterpretation für die fol-
       gende Dreiteilung  entschieden: Einem  ersten Teil mit jenen Bei-
       trägen, die  sich vornehmlich der Klärung theoretischer Grundfra-
       gen widmen,  folgen zwei Blöcke, in denen pädagogische und thera-
       peutische Anwendungsbezüge  unterschieden und  zueinandergestellt
       werden. Diese  Unterscheidung erfolgt  zunächst in  pragmatischer
       Kenntnisnahme   geschichtlich-gesellschaftlich   herausgebildeter
       institutioneller Handlungsräume.  Verantwortet  werden  kann  die
       Differenzierung von  Pädagogik und  Therapie auf der Basis marxi-
       stischer persönlichkeitstheoretischer Erkenntnisse unseres Erach-
       tens jedoch  nur bei  gleichzeitiger Betonung ihrer  p r i n z i-
       p i e l l e n   E i n h e i t.   Sie gilt es in fortschrittlicher
       Perspektive auch  praktisch herzustellen,  etwa  als  integrative
       pädagogische Arbeit mit behinderten und nicht behinderten Kindern
       oder z.  B. als  Einheit von  präventiver und  kurativer Medizin.
       Ausgehend davon,  "daß jedweder  dem Menschen  förderliche Prozeß
       ein kooperativer  Austauschprozeß ist,  der sich  in  gegenständ-
       licher Tätigkeit  realisiert", folgert   F e u s e r    in  einer
       Reflexion  integrativer   pädagogischer  Praxis:  "Insofern  sind
       Pädagogik wie Therapie in gleicher Weise sowohl für den Pädagogen
       wie für  den Therapeuten kooperative Arbeitsprozesse und im Prin-
       zip nicht voneinander zu unterscheiden." 2)
       Die prinzipielle Einheit von Pädagogik und Therapie ist darin be-
       gründet, daß beide die Entwicklung des Individuums zu fördern ha-
       ben. Diese  verläuft bei  allen höheren Lebewesen als ein vom je-
       weiligen Subjekt  selbst organisierter Adaptions- und auf mensch-
       lich-gesellschaftlichem Niveau  als Aneignungsprozeß. Der Selbst-
       organisationsprozeß ist  neurophysiologisch auf die Fähigkeit zu-
       rückzuführen, der  Realität vorauseilend  die durch  den  jeweils
       benötigten Tätigkeitseffekt  bestimmte Beziehung  zur Umwelt mit-
       tels  orientierender  psychischer  Abbildtätigkeit  herzustellen.
       Diese Orientierungstätigkeit zeitigt unterschiedliche Resultate -
       je nachdem,  in welchem  Umfang die im Individuum selber und/oder
       die in der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt vorliegenden
       Bedingungen die  Realisierung der  Austauschbeziehungen  ermögli-
       chen. Entscheidende  gesellschaftliche Faktoren  der  Behinderung
       der Menschen,  das ihnen  prinzipiell mögliche höchste Niveau der
       Austauschbeziehungen zu erreichen, liegen in der kapitalistischen
       Gesellschaftsstruktur. Die unter isolierenden Bedingungen entste-
       henden pathologischen  Funktionen (Stereotypien) erscheinen indi-
       viduell sinnvoll,  entsprechen jedoch  nicht den  objektiven Mög-
       lichkeiten und  letztlich auch  Notwendigkeiten des  Handelns. In
       jedem Fall  aber stellen sie Kompetenzen des Individuums dar, auf
       die im  pädagogisch-therapeutischen Prozeß zurückgegriffen werden
       kann. Gestörte Entwicklung läßt sich in Anlehnung an Luria dahin-
       gehend bestimmen,  daß die Pathologie der Situation das menschli-
       che Hirn  zwingt, auf  pathologische Art  und Weise  zu arbeiten.
       Dies zu  verhindern, stellt  die Aufgabe  der Pädagogik  dar; die
       Aufgabe der  Therapie ist  es, eingetretene Störungen zu beseiti-
       gen. Beide  aber haben ihre Arbeit nach jenen einheitlichen Prin-
       zipien zu  organisieren, die der menschlichen Entwicklung zugrun-
       deliegen.
       Der vorliegende  Band versammelt  Originalbeiträge, die  nicht um
       ein eng gefaßtes spezielles Thema gruppiert sind. Vielmehr ermög-
       lichen sie  - vor  allem anderen - einen Einblick in die aktuelle
       Arbeit der  Autorinnen und Autoren. Das fügt sich in unsere Ziel-
       setzung, den Entwicklungsstand marxistischer Persönlichkeitstheo-
       rie mit  internationalen Beiträgen  zu dokumentieren.  Auf  diese
       Weise kommt  eine Vielfalt  von Aspekten zusammen, die sich - bei
       aller Unterschiedlichkeit der Fragestellungen und Herangehenswei-
       sen - fachlichinhaltlich sehr wohl ergänzen.
       Lucien Sève gelingt es, in neuen Formen die Dimension der Subjek-
       tivität zu  gewinnen. Er  wirft in diesem Zusammenhang die Fragen
       nach der  biographischen Krise  und nach der "Krise des kämpferi-
       schen Lebens"  auf. Georg Rückriem und Alfred Messmann erarbeiten
       auf der  Grundlage des  psychologischen Werks  von A.N.  Leontjew
       eine Neubestimmung  der oft verdrängten Frage nach dem Verhältnis
       von Marxismus  und Anthropologie.  Ute H.-Osterkamp entwickelt in
       Auseinandersetzung mit vorliegenden Theorien der Selbstverwirkli-
       chung Perspektiven und zeichnet Probleme eines marxistischen Per-
       sönlichkeitsentwurfs. Wolfgang Jantzen bestimmt und überprüft an-
       hand von  Originalarbeiten Leontjews  und Wygotskis die zentralen
       Kategorien einer Psychologie des Abbildes. Wie eine Reihe anderer
       Autoren auch  setzt sich A.A. Leontjew mit der Psychoanalyse aus-
       einander. Im  Zentrum steht die Kritik an methodologischen Grund-
       positionen der  Lacan-Schule; diesen werden die auf der Basis des
       materialistischen Monismus  gewonnenen methodologischen Postulate
       einer Psychologie  des Unbewußten  entgegengestellt. Von  Charles
       Tolman erhalten  wir einen  umfangreichen Überblick über den Ent-
       wicklungsstand marxistischer Persönlichkeitspsychologie im anglo-
       amerikanischen Raum  und entnehmen die Notwendigkeit der Intensi-
       vierung wissenschaftlicher Kooperation.
       Ein größerer  Teil der  Beiträge bemüht sich in mehr oder weniger
       ausformulierter  Konkretheit  um  Anwendungsbezüge  marxistischer
       persönlichkeitstheoretischer Kategorien.  So Yrjö Engeström, wenn
       er auf  der Grundlage  der Auseinandersetzung mit Bateson die er-
       ziehungspsychologische Orientierung  auf die  "Zone der  nächsten
       Entwicklung" vertieft.  Annegret Wigger-Kösters und Ralf Kuckher-
       mann begründen  die Methodik der sozialpsychologisch-historischen
       Tätigkeitsanalyse am  Beispiel des  Motivationsproblems  und  die
       psychologische Tätigkeitsanalyse im engeren Sinne als Bestandteil
       der Persönlichkeitsforschung.  Karl-Heinz Braun umreißt sodann in
       seinem Beitrag  die Konturen  eines  materialistischen  Spielver-
       ständnisses und  betont dabei neben der Psychologie die Pädagogik
       als "eigenständiges  Standbein". Eva  Schmidt-Kolmer  schließlich
       zeichnet die  Geschichte des  Ausbaus der Krippenpädagogik in der
       DDR nicht nur als Beispiel für die Entfaltung eines sozialpoliti-
       schen Sektors, in dem sich gesellschaftlich herrschende marxisti-
       sche   Anschauungen    und   Erkenntnisse   über   den   Menschen
       (insbesondere über  die Frauen,  die Familie und die Kinder) aus-
       drücken, sondern ebenso als Feld der Anwendung und Weiterentwick-
       lung marxistischer Psychologie und Persönlichkeitstheorie.
       Therapeutische Anwendungsbezüge  konkretisiert Öle Dreier im Hin-
       blick auf die Arbeit mit einem jungen Mädchen, das unter Anorexia
       nervosa leidet.
       Dorothee Roer  und Dieter  Henkel entwickeln grundlegende Momente
       und Faktoren  der Bestimmung des Entstehungsprozesses psychischer
       Störungen und  leiten daraus Bedingungen für ihre Überwindung ab.
       Christina Schröder  und Harry Schröder unterstreichen die Notwen-
       digkeit der Formulierung einer persönlichkeitstheoretisch begrün-
       deten medizinischen Psychologie auf der Basis neuer, unter sozia-
       listischen Bedingungen  entfalteter Bedürfnisse  und gelangen  zu
       einer Konzeptualisierung dieser Disziplin.
       Neben der  Vielfalt der inhaltlichen Querbezüge bis hin zu thema-
       tischen und  argumentativen Überschneidungen  wird dem Leser auf-
       fallen, daß  die Probleme  einer weiterführenden Erkenntnisgewin-
       nung von  einigen Autoren sehr unterschiedlich gesehen werden. So
       verweist etwa  Ute H.-Osterkamp  derart radikal auf die Besonder-
       heiten der  Existenzweise konkreter  Individuen unter bürgerlich-
       kapitalistischen Bedingungen,  daß ihr  eine Übertragbarkeit  von
       Erkenntnissen, die  unter den  Voraussetzungen einer  sozialisti-
       schen Gesellschaft hervorgebracht wurden, zumindest unterhalb ei-
       ner sehr  allgemeinen kategorialen  Ebene äußerst  fragwürdig, ja
       sogar  eher   zur  Verunsicherung  als  zur  Klärung  beizutragen
       scheint. Andererseits  wird zum  einen von  den Autoren, die sich
       selbst in stärkerem Maße in der Tradition der kultur-historischen
       Schule begreifen (etwa Wolfgang Jantzen, Dorothee Roer und Dieter
       Henkel, Georg Rückriem und Alfred Messmann sowie Annegret Wigger-
       Kösters und  Ralf Kuckhermann) geradezu ein Schwerpunkt künftiger
       Forschungs- und  Studientätigkeit in  der intensiveren  Rezeption
       der Werke  eben der kultur-historischen Schule (insbesondere L.S.
       Wygotskis und  A.N. Leontjews) gesehen. Und zum anderen zeigt ge-
       rade der  Beitrag A.A.  Leontjews, daß  auch auf der methodologi-
       schen Ebene  bestimmte persönlichkeitstheoretisch bedeutsame Kon-
       zepte, die  unter bürgerlichen  Verhältnissen hervorgebracht wur-
       den, noch  einer intensiven  kritischen Auseinandersetzung in der
       Sowjetunion bedürfen.
       Wir werden  dabei daran  erinnert, daß - so wie jede marxistische
       Theorie ihr  bürgerliches Erbe  ernst und  genau nimmt - der Aus-
       gangspunkt für den theoretisch weitreichenden Entwurf der kultur-
       historischen Schule bei Wygotski nicht ohne dessen engagierte und
       detailreiche Auseinandersetzung  mit Piaget denkbar ist. Eine in-
       tensive Aufarbeitung bürgerlicher Forschungsergebnisse ist sowohl
       für die  Bestätigung als auch für die Weiterführung marxistischer
       persönlichkeits-psychologischer Forschung  unerläßlich  -  einge-
       schlossen die  auf marxistischer  Grundlage zu erarbeitende Rein-
       terpretation eines Teils jener Ergebnisse.
       Die Beiträge aus der DDR verdeutlichen, daß es in der Vermittlung
       wissenschaftlicher Theorie  und beruflicher  Praxis  große  Fort-
       schritte und  ebenso weiterhin Probleme gibt, wenn auch nicht von
       der Art  wie unter kapitalistischen Bedingungen. Im spezialisier-
       ten Feld  einer medizinischen  Psychologie zeigt  der Beitrag von
       Christina Schröder  und Harry Schröder, daß eine theoretisch weit
       entwickelte Position,  wie sie  etwa auch  in der  BRD von  fort-
       schrittlichen Kollegen  vertreten wird,  adäquat und  präzise auf
       den Begriff  gebracht werden  kann, ohne  daß mit der sozialisti-
       schen Gesellschaft  bereits alle  notwendigen Voraussetzungen für
       ihre praktische  Lösung realisiert wären. Und der Beitrag von Eva
       Schmidt-Kolmer ermöglicht  den Lesern  selbst einzuschätzen,  wie
       eine planvoll  entwickelte Praxis nicht nur auf eine immer inten-
       sivere  Ausfächerung  gesellschaftlicher  Bedürfnisse  antwortet,
       sondern sie  auch hervorbringt - einschließlich der damit entste-
       henden neuen Anforderungen.
       Schließlich stellt  Luden Sève  - wiederum  auf einer anderen Er-
       kenntnisebene -  das Gebäude  der traditionellen Wissenschaft als
       geeignete Behausung  für eine marxistische Persönlichkeitstheorie
       in Frage.  Wenn es  seit Aristoteles "nur Wissenschaft des Allge-
       meinen gibt", erscheine zweifelhaft, wieweit gerade die Besonder-
       heit der  je individuellen  Einmaligkeit der menschlichen Persön-
       lichkeit auf  diese Weise  wissenschaftlich angemessen  begriffen
       werden könne.  Séve wagt  deshalb den  Ausblick auf  eine Wissen-
       schaft des  Einmaligen und  fordert "neue  Kriterien von  Wissen-
       schaftlichkeit", mit deren Hilfe eine "erweiterte wissenschaftli-
       che  Gemeinschaft"  zugleich  theoretisch  und  praktisch-gesell-
       schaftlich zu  einer umfassenderen und freieren Entwicklung aller
       Individuen beizutragen hätte.
       Die vorliegenden  Beiträge geben  einen Einblick in das gewaltige
       Potential wissenschaftlicher  Erkenntnis vom Menschen als je ein-
       maliger Persönlichkeit.  Gleichzeitig wird deutlich, daß der kon-
       krete Ertrag einer marxistischen Theorie der Persönlichkeit - ge-
       messen an dem erdrückenden Übermaß und Tempo bürgerlicher Wissen-
       schaftsproduktion -  im Gesamtmaßstab  nur langsam vorankommt und
       in der  gesellschaftlich vorherrschenden Praxis bislang eine eher
       bescheidene Wirksamkeit  erlangt. Dies  mag zum Teil der Tatsache
       geschuldet sein,  daß gelegentlich die Verhältnisse auf der Ebene
       t h e o r e t i s c h e r   Klärungsprozesse eher bearbeitbar er-
       scheinen als die gesellschaftliche  P r a x i s  mit ihren umfas-
       senderen Auswirkungen  auf das  konkrete Alltagshandeln  der Men-
       schen. Vor  allem ist  zu berücksichtigen, welchen Beschränkungen
       dieses Wissenschaftspotential bislang bei dem Bemühen unterliegt,
       seine Wirkung sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftsprak-
       tisch zu entfalten.
       Es muß  aber unterstrichen werden, daß trotz dieser Schwierigkei-
       ten von den westeuropäischen, den skandinavischen und den bundes-
       republikanischen  Zentren  psychologisch-pädagogischer  marxisti-
       scher Forschung  bis heute  bedeutende Impulse  theoretischer und
       praktischer Fortentwicklung  ausgegangen sind. Um jedoch das not-
       wendige Wissen  in seiner konkreten Vielfalt systematisch zu ent-
       wickeln, wird  selbst die dringend erforderliche Verbesserung der
       Kooperation marxistischer  Wissenschaftler  untereinander,  deren
       Notwendigkeit etwa  Tolman eindrucksvoll verdeutlicht, nicht aus-
       reichen. Erst  wenn es  mit Hilfe  des Einbezugs  weiterer  fort-
       schrittlicher Wissenschaftler  gelingt, jene ungeheure Verschwen-
       dung wissenschaftlicher  Arbeitskraft in  Frage zu stellen und in
       Ansätzen aufzuheben,  die tagtäglich  dadurch  erfolgt,  daß  der
       weitaus größte  Teil wissenschaftlicher  Anstrengungen unter  den
       herrschenden Verhältnissen systemimmanent gebunden ist, wird sich
       das Potential entfalten lassen.
       Der bundesdeutsche  Psychologen-Kalender verzeichnet derzeit über
       3700 wissenschaftlich arbeitende Psychologen in öffentlichen Ein-
       richtungen, überwiegend  Hochschulen; der  größte angewandte  Be-
       reich, die  klinische Psychologie, ist darin nicht einmal enthal-
       ten. Dieses  wissenschaftliche Potential bleibt weitestgehend un-
       genutzt, weil  befangen entweder in einem normativ idealistischen
       oder weitaus  häufiger in  einem mechanistisch  materialistischen
       Menschenbild, auch  wenn es  den Kolleginnen  und Kollegen in den
       seltensten Fällen bewußt ist. Gerade die immer auffälligere Irre-
       levanz vorherrschenden psychologischen Wissens gab vor nunmehr 18
       Jahren den  Anstoß zu  einem mit  dem Elan  der Studentenbewegung
       vollzogenen Aufbruch  in Richtung  radikaler Infragestellung  und
       kritischer Neubestimmung der gesellschaftlichen Aufgaben der Psy-
       chologie. Ohne diesen Aufbruch wäre die Mehrzahl der hier vorlie-
       genden Arbeiten nicht zu erklären.
       Die Dringlichkeit  der Verbreiterung  jener Erkenntnisse,  die im
       Jahrbuch in  einigen grundlegenden  Aspekten  ausgeführt  werden,
       verdeutlicht, wie notwendig die hartnäckige Bereitschaft ist, die
       Zusammenarbeit insbesondere mit fortschrittlichen nicht-marxisti-
       schen Wissenschaftlerinnen  und Wissenschaftlern  zu  entwickeln.
       Die Einsichten der Persönlichkeitstheorie, ihre theoretische Wei-
       terentwicklung und  die praktische  Umsetzung ihrer Konsequenzen,
       sind zu  einem wesentlichen  Bestandteil der  Überlebensfrage der
       Menschheit geworden. Hieran gemessen, erscheint es verwunderlich,
       daß sie  bislang relativ wenig zur öffentlichen Debatte standen -
       verglichen etwa mit den Auseinandersetzungen um neue Technologien
       als Folge naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts oder mit
       dem öffentlichkeitswirksamen Ausweis der katastrophalen medizini-
       schen Auswirkungen  eines Atomkriegs,  ebenfalls als  Folge eines
       naturwissenschaftlichen Fortschritts  und seiner extrem inhumanen
       Anwendung im militärischen Bereich.
       Zur Erklärung scheint ein Gedanke bedeutsam, den J.D. Bemal schon
       in den  fünfziger Jahren in seinem Werk "Science in History" ent-
       wickelt hat.  Wie einst  die Naturwissenschaften  nicht nur eines
       Kopernikus und  eines Galilei  bedurften, um sich von den Fesseln
       des ptolemäischen  Weltbildes zu befreien, vielmehr die bürgerli-
       che Revolution  notwendig war,  um den bislang entscheidenden Er-
       kenntnisfortschritt zu erzielen, so bedarf es heute gesellschaft-
       licher Umwälzungen,  um den  Sozial- und  Humanwissenschaften zum
       Durchbruch zu  verhelfen. Die  antagonistischen bürgerlichen  Ge-
       sellschaften glauben es sich noch immer leisten zu können, natur-
       wissenschaftlichen Fortschritt  zu fördern, vor allem soweit eine
       profitable Anwendung im Falle erfolgreichen Forschungsverlaufs in
       Aussicht steht,  und andererseits  die Sozialwissenschaften  (für
       die Gegenüberstellung  sind hier  die  Geisteswissenschaften  mit
       eingeschlossen) in wesentlichen Teilen einem akademischen Selbst-
       lauf zu überlassen und allenfalls im Sinne bestimmter Sozialtech-
       niken zur  Regulierung offenkundiger  Mißstände  an  der  gesell-
       schaftlichen  Oberfläche  für  sich  nutzbar  zu  machen.  Dieser
       "Selbstlauf" ist  in Wirklichkeit allerdings in viel höherem Maße
       von den  gesellschaftlichen Verhältnissen  geprägt als  dies  der
       einzelne Wissenschaftler wahrhaben will.
       Nun glaubt  selbstverständlich eine  antagonistische  ebenso  wie
       jede andere  Gesellschaft als  solche gar nichts; vielmehr vermag
       sich der  Glaube bzw.  die parteiliche  Auffassung einer, nämlich
       der herrschenden  Klasse aufgrund vielfältiger direkter und indi-
       rekter Machtmittel  gesellschaftlich durchzusetzen. Das läßt sich
       in der  Bundesrepublik seit  Jahren  an  der  Berufsverbots-  und
       "Wende"-politik im  Wissenschaftsbereich studieren. Die Reglemen-
       tierung der Forschung wie der für sie lebenswichtigen praktischen
       Umsetzungsfelder kann  den Herrschenden  jedoch immer  nur soweit
       gelingen, wie es die andere Klasse jeweils historisch zuläßt bzw.
       zuzulassen gezwungen  ist. Das Ergebnis ist also abhängig vom je-
       weiligen gesellschaftlichen  Kräfteverhältnis und  insofern  sehr
       wohl beeinflußbar  auch durch  das bewußte  Handeln  der  Wissen-
       schaftler, die sich im übrigen mit dem Wandel ihrer sozialen Lage
       der abhängigen, unterdrückten Klasse annähern.
       Ein letzter  Gedanke  in  diesem  Zusammenhang.  In  seinem  Werk
       "Marxismus und  Theorie der  Persönlichkeit", das einen wesentli-
       chen Impuls  für die  Erforschung und das Studium der Entwicklung
       der menschlichen  Persönlichkeit gab,  hat Lucien  Sève  folgende
       prägnante Aussage  3) getroffen: Macht nicht die Existenz von Ge-
       nies die  historisch mögliche  Persönlichkeitsentfaltung  in  dem
       Sinn  deutlich,   daß  wir  nicht  nach  den  Bedingungen  dieser
       A u s n a h m e e n t w i c k l u n g   zu fragen  haben, sondern
       danach, warum  die gewaltige  Mehrheit der Menschen durch gesell-
       schaftliche Bedingungen daran gehindert wird, auf das nur von ei-
       nigen erreichte   N o r m a l - N i v e a u  zu gelangen? Weitaus
       wichtiger und  von größerer  Bedeutung für  die  praktische  Wei-
       terentwicklung der  Persönlichkeitstheorie als  die Frage danach,
       wie der  einzelne Autor zu den Erkenntnissen gelangen konnte, ist
       die Frage  wie es  kommt, daß so wenige objektiv und subjektiv in
       der Lage  sind, sich  die elementaren Erkenntnisse anzueignen und
       auf der  Grundlage dieser  Erkenntnisse weiterzuarbeiten, dagegen
       so viele in pragmatisch reduzierter und gesellschaftlich angepaß-
       ter Weise  ihrem  wissenschaftlichen  Alltagsgeschäft  nachgehen,
       ohne die  entscheidenden Fragen nach der menschlichen Persönlich-
       keit überhaupt zu stellen.
       Damit soll  nicht bestritten werden, daß ein kritischer Nachvoll-
       zug die hier zur Debatte stehenden Erkenntnisse in Zweifel ziehen
       kann; aber im Sinne einer engagierten Auseinandersetzung soll die
       Lektüre etwas  bewirken, was über die intellektuelle Formulierung
       einer individuellen  Position hinausgeht. Zu solcher Auseinander-
       setzung nicht nur unter Marxisten soll dieses Jahrbuch einen Bei-
       trag leisten.
       
       _____
       1) Kaspar Maase,  Kultur befreiter  Arbeit und  kämpferischen Le-
       bens, in:  Marxistische Studien.  Jahrbuch des  IMSF 9,  1985, S.
       590.
       2) Gemeinsame Erziehung  behinderter und  nichtbehinderter Kinder
       im Kindertagesheim,  Zwischenbericht  von  Georg  Feuser,  Bremen
       1984, S. 134 f.
       3) Vgl. Lucien  Sève, Marxismus  und Theorie  der Persönlichkeit,
       Frankfurt/M. 1972, S. 203.
       

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