Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


       zurück

       
       VON DER GESCHICHTE DER TÄTIGKEIT ZU
       ===================================
       DEN GESCHICHTEN DER PERSÖNLICHKEIT
       ==================================
       
       Sozialgeschichte und "persönliche Geschichten" in der
       -----------------------------------------------------
       psychologischen Analyse der Tätigkeit 1)
       ----------------------------------------
       
       Ralf Kuckhermann/Annegret Wigger-Kösters
       
       1. Einleitung - 2. Sozialgeschichte in der Psychologie - histori-
       sche Methode  und sozialhistorische  "Lücke" - 3. Die Methode der
       historischen Analyse  - 3.1  Kategoriales  Konzept  und  Untersu-
       chungsgegenstand -  3.2 Die  einzelnen Untersuchungsschritte - 4.
       Zum Stellenwert  historischer Tätigkeitsanalysen  - 5.  Weiterge-
       hende Überlegungen zu einer psychologischen Analyse der Tätigkeit
       
       1. Einleitung
       -------------
       
       Zwei Texte  mögen zu  Beginn verdeutlichen, worum es im folgenden
       Beitrag geht. Der erste, eine kleine Geschichte, zeigt die Begeg-
       nung zweier sehr verschiedener Kulturen:
       "Ein Weißer wollte von einem Indianer wissen, wie Amerika genannt
       wurde, ehe der weiße Mann es entdeckte. 'Es wird wohl ein schwie-
       riges Wort  sein', fügte er hinzu, 'bitte sprechen Sie es langsam
       und deutlich  aus, damit  ich es mir notieren kann.' Der Indianer
       schüttelte den  Kopf. 'Es  ist ganz  einfach' antwortete er, 'wir
       nannten es unser'." (Indianische Hoffnungen)
       Der zweite  Text stammt  aus dem  13. Jahrhundert. Es ist ein Ge-
       dicht,  spiegelt  ein  Stück  Selbstverständnis  unserer  eigenen
       abendländischen Kultur  wider, und  steht daher unserer Erfahrung
       etwas näher als das, wovon der Indianer spricht.
       
       "Ich hab mein Lehen, alle Welt! Ich hab mein Lehen!
       Nun fürcht ich nicht den Winter an den Zehen,
       will nicht mehr viel von kargen Herrn erflehen!
       
       Der gebefreudige, edle König hat mich wohl beraten,
       daß ich im Sommer Luft, im Winter Wärme haben kann.
       Den Nachbarn gelt ich jetzt als gar ein stattlich Mann,
       nicht mehr als Kobold, dessen sie gern wolln entraten."
       (Walther von der Vogelweide)
       
       Daß beide Texte eine unterschiedliche sozialgeschichtliche Situa-
       tion wiedergeben,  liegt auf  der Hand. Es wird aber noch mehr in
       ihnen deutlich:  Sie  thematisieren  bestimmte  gesellschaftliche
       Verhältnisse, damit eine bestimmte historische Situation, im Rah-
       men einer  jeweils persönlichen  Geschichte. Das  eine Mal ist es
       ein Unbekannter,  der die  Geschichte einer verblüffenden Entdec-
       kung erzählt,  das andere  Mal ein Dichter, der uns etwas von der
       persönlichen Bedeutung  seines Lehens  mitteilt und  damit  einen
       kleinen Einblick in die Psychologie des Feudaleigentums gewährt.
       Was beide  Texte auszeichnet,  was sie uns vor Augen führen, ohne
       es direkt  anzusprechen, sind  die verbindenden  Momente zwischen
       der sozialhistorischen  und der  persönlichen Ebene  des  Lebens.
       Wenn der  Indianer zu  dem Land, auf dem sein Volk einmal alleine
       lebte, sagt:  "Wir nannten  es unser",  so spricht  er eine viel-
       schichtige Wirklichkeit an, zu der ökonomische Tatsachen (das Ei-
       gentum an Grund und Boden) ebenso gehören wie sein Verhältnis zur
       Gemeinschaft ("Wir"). In der kleinen Geschichte wird darüber hin-
       aus deutlich,  daß in  Frage und  Antwort unterschiedliche Formen
       des Denkens,  des Erlebens  und des  eigenen Selbstverständnisses
       aufeinanderstoßen, und  daß diese  Unterschiede  kulturellen  Ur-
       sprungs sind.
       Walthers Gedicht  holt dasselbe Thema in eine andere Zeit hinein:
       Wie beziehe  ich mich  über das Eigentum auf die anderen, die Ge-
       sellschaft? Das  "Wir" zerfällt  hier in  den gebenden König (als
       Verkörperung des  Staates, "der"  Gesellschaft), die  gleichfalls
       besitzenden Nachbarn  (die Gesellschaft der Gleichgestellten) und
       die "Kobolde", die Armen, immer Nehmenden. So wie es keine einfa-
       che Gesellschaft  mehr gibt, so auch keine einfache Zuordnung des
       "Ich" zum  "Wir". Je  nach Stellung  in  der  Eigentumshierarchie
       nimmt der  einzelne ein  anderes Verhältnis zur Gesellschaft ein,
       und mit  diesem Verhältnis  verändert sich  seine Identität, sein
       Denken, sein  Erleben, aber auch sein Handeln und die Motive sei-
       nes Handelns.
       Geschichten aus  der Geschichte  machen uns anschaulich, wie sich
       die psychologischen  mit den sozialen Tatsachen im Laufe der men-
       schlichen Entwicklung  verändern und wie beide Seiten dieser Ent-
       wicklung im  Handeln der  Menschen und in den Geschichten darüber
       "ausgedrückt", verwirklicht  werden. Einen möglichen methodischen
       Zugang zu  dieser Problemstellung  aufzuzeigen, ist  das Anliegen
       des vorliegenden Beitrags.
       
       2. Sozialgeschichte in der Psychologie -
       ----------------------------------------
       historische Methode und "sozialhistorische Lücke"
       -------------------------------------------------
       
       Daß die  historische Entwicklung   s o z i a l e r    Tatbestände
       wichtige  Grundlagen   zum  Verständnis      p s y c h o l o g i-
       s c h e r   Fragen liefert  - der  Entwicklung des  Denkens,  der
       Emotionen, Motivationen, damit auch der Identitätsformen bzw. der
       psychischen Struktur  der Menschen  -, ist  durch  Beispiele  aus
       verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen  belegt. Die  Arbeiten von
       Piaget,  Leontjew,   Holzkamp-Osterkamp,  aber   auch  zahlreiche
       Feldforschungen  in  der  Ethnopsychologie  und  Ethnopsychiatrie
       dokumentieren die Verbindung von historischer und psychologischer
       Forschung. 2)
       Von besonderer Bedeutung für unsere Fragestellung sind sicherlich
       die Arbeiten der "kulturhistorischen Schule" (insbesondere Leont-
       jew, 1982  und 1977)  und der "Kritischen Psychologie" (zusammen-
       fassend: Holzkamp, 1983).
       Ausgehend von  dem Gedanken, daß die historische Genese eines Un-
       tersuchungsgegenstandes die  Logik der zu ihm hinführenden und in
       ihm wirksam  werdenden Entwicklung  enthält,  zielt  die  wissen-
       schaftliche Analyse hier auf eine (immer historische) Rekonstruk-
       tion dieser Entwicklungslogik. Übertragen auf die Psychologie und
       etwas vereinfacht  heißt das:  Will man die psychische Verfassung
       heute lebender Menschen verstehen, muß sie etappenweise aus ihrer
       Entstehungsgeschichte abgeleitet werden, und zwar von den elemen-
       tarsten und  allgemeinsten zu den differenziertesten und spezifi-
       ziertesten Formen.
       Konsequent angewendet,  beginnt eine  solche Analyse bei den ele-
       mentarsten Formen  des Psychischen  (das wäre  nach Leontjew  die
       Sensibilität lebender  Organismen, die als frühester Ausdruck ih-
       rer "tätigen  Orientierung" - des Psychischen - verstanden werden
       kann). Sie  greift Geschichte  im weiteren  Verlauf dann auf ver-
       schiedenen  Ebenen   auf:   als   Natur-   und   Sozialgeschichte
       (Phylogenese), als  Ontogenese und als Aktualgenese. Ohne auf den
       Gesamtzusammenhang einzugehen,  der damit  zunächst einmal metho-
       disch abgesteckt  ist, können  wir feststellen, daß die Sozialge-
       schichte des Psychischen in einem solchen Methodenverständnis in-
       tegrierter Bestandteil  der psychologischen  Forschung ist. Um so
       erstaunlicher das  Ergebnis, wenn  man die Arbeiten in der Tradi-
       tion der  historisch-logischen  Methode  sichtet:  Der  sozialge-
       schichtliche  Teil  der  Untersuchung  erscheint  hier  eindeutig
       "unterbelichtet". Seine  Bedeutung ist  zwar an  mehreren Stellen
       grundsätzlich hervorgehoben,  seine Bearbeitung  jedoch  eher  in
       Form einer  exemplarischen Verdeutlichung  als in  einer  wissen-
       schaftlichen Analyse  abgehandelt worden.  Um es pointiert zu sa-
       gen: In  der auf die historische Methode rekurrierenden Psycholo-
       gie findet sich eine sozialhistorische "Lücke".
       Inwieweit diese  Lücke eine zufällige ist oder auf einen durchge-
       henden methodischen Schwachpunkt verweist, soll hier nicht weiter
       erörtert werden.  3) Wir  sind allerdings der Meinung, daß Fragen
       der menschlichen Handlungsfähigkeit, Fragen nach den heute beste-
       henden Formen  des Denkens und der Motivation, Fragen nach Aufbau
       und Funktion bürgerlicher Identität (oder "Ich-Struktur"), mithin
       also Fragen, die die  g e g e n w ä r t i g e  psychische Verfas-
       sung der Menschen betreffen, erst auf dem Hintergrund der sozial-
       historischen Entwicklung  des Psychischen  in einer  angemessenen
       Weise gestellt  und beantwortet  werden können. Möglichkeiten und
       Begrenzungen in  der Entwicklung  der Menschen,  insbesondere  im
       Aufbau individueller  Handlungsund  Lebensorientierungen,  werden
       erst dann  zugänglich, wenn  neben ihren natur- und individualge-
       schichtlichen Voraussetzungen  auch ihre  soziokulturelle  Genese
       geklärt ist.  In diesem Sinn erhält die Sozialgeschichte des Psy-
       chischen einen  eigenen Stellenwert;  ihr Nachvollzug ist notwen-
       dige Voraussetzung für das Begreifen unserer gesellschaftlich ge-
       wordenen oder auch wieder verschütteten "Menschen-Möglichkeiten".
       Sozialgeschichte ist  der Ort, an dem die zu verschiedenen Zeiten
       entstandenen und  noch heute  wirksamen Entwicklungs-  und  Hand-
       lungsmöglichkeiten aufzuspüren  sind, und  das  ist  durchaus  im
       Wortsinne gemeint:  In ihrer Geschichte haben die Menschen Spuren
       hinterlassen, Spuren,  die Rückschlüsse  auf die  Entwicklung und
       Veränderung ihrer  psychischen Struktur  bzw.  ihrer  psychischen
       Funktionen zulassen. Diese Spuren aufzufinden und zu interpretie-
       ren, ist  die Aufgabe  einer Sozialgeschichte in der Psychologie.
       4)
       Kommen wir  noch einmal  auf unseren Ausgangspunkt zurück: In den
       "kleinen Geschichten"  einzelner Menschen  wird  die  "große  Ge-
       schichte" der  Menschheit als  persönlich erlebtes, also auch als
       persönlich wirksames Geschehen nachvollziehbar. In ihnen wird die
       psychologische Bedeutsamkeit  der historisch gewordenen Lebensbe-
       dingungen sinnfällig.  Zugleich aber verweisen sie auf eine prin-
       zipielle Grenze:  Die Ergebnisse der kulturellen Entwicklung lie-
       fern uns  lediglich   a l l g e m e i n e  Aussagen über die psy-
       chische Verfassung  der Menschen in einer bestimmten historischen
       Situation. Um  zum eigentlichen  Kern der Psychologie, zum "Drama
       des Lebens" (Politzer) zu kommen, bedürfen sie der Transformation
       in die  je persönliche Lebensgeschichte. Wenn wir diese nun nicht
       einfach im  Sinne  seiner    Entwicklungs - C h r o n o l o g i e
       verstehen wollen,  wenn wir  sehen, daß  die Menschen ihre eigene
       Biographie immer  wieder in  Geschichten erinnern  und mitteilen,
       wenn wir  davon ausgehen, daß diese Geschichten uns helfen, unser
       Leben als persönlich sinnvolles Geschehen zu ordnen, weiterzuent-
       wickeln oder  zu ändern,  wenn wir  sie also als  A u s d r u c k
       d e r     o r i e n t i e r e n d e n    F u n k t i o n    d e r
       P e r s ö n l i c h k e i t  verstehen, dann wird aus dem prokla-
       mierten Zusammenspiel  von "großer" und "kleiner" Geschichte mehr
       als ein  Wortspiel - es wird als Zusammenwirken historisch gewor-
       dener Handlungs-  und Lebensbedeutungen mit dem persönlichen Sinn
       eigenen Handelns und (Er-)Lebens interpretierbar. Lebensdrama und
       Orientierung -  zwei grundlegende  Kategorien in  der Psychologie
       der Persönlichkeit -werden somit in ihrer kulturellen und persön-
       lichen Determiniertheit  faßbar. Auf  diese Zusammenhänge  werden
       wir im letzten Kapitel zurückkommen.
       
       3. Die Methode der historischen Analyse
       ---------------------------------------
       
       3.1 Kategoriales Konzept und Untersuchungsgegenstand
       ----------------------------------------------------
       
       Allgemein gesagt,  befassen sich  psychologische Forschungen  mit
       der Frage,  wie sich bestimmte Menschen (auf allgemeinster Ebene:
       Organismen) unter  bestimmten natürlichen  und gesellschaftlichen
       Lebensbedingungen orientieren.  5) Sich  die Sozialgeschichte des
       Psychischen zum Untersuchungsgegenstand zu machen, stellt nun die
       Aufgabe, Grundbegriffe zu wählen, die diese menschliche Orientie-
       rungsleistung in  ihrer geschichtlichen Entwicklung sichtbar wer-
       den lassen.  Gegenüber den einzelnen psychischen Funktionen - der
       Wahrnehmung, des  Denkens, der Motivation usw. - sollten sie eine
       vereinheitlichende Sichtweise  des Psychischen  erlauben und  ge-
       eignet sein,  zwischen der  äußeren Wirklichkeit, die sich in den
       Spuren und  Zeugnissen der Menschheitsgeschichte darlegt, und den
       psychischen Voraussetzungen,  die darin  eingehen, zu vermitteln.
       Das Psychische  offenbart sich  in der Geschichte nicht unmittel-
       bar, es  muß aus  einer "anderen" Wirklichkeit rekonstruiert wer-
       den.  Weiterhin   sollten  die   zu  wählenden   Kategorien   den
       S u b j e k t s t a t u s   der Menschen zu jedem Zeitpunkt ihrer
       Entwicklung kenntlich  machen, so  daß Geschichte nicht lediglich
       als Handlungs-  und   Lebens b e d i n g u n g,   sondern als von
       Menschen geschaffenes  Handlungs- und  Lebens w e r k  ins Blick-
       feld rückt.  Wünschenswert wäre  darüber hinaus eine Begrifflich-
       keit, die  sich ohne  größere Probleme in die individual- und na-
       turhistorische Forschung  integrieren  läßt.  Soweit  wir  sehen,
       kommt das   K o n z e p t  d e r  g e g e n s t ä n d l i c h e n
       T ä t i g k e i t,   wie es  von Leontjew  formuliert wurde (1977
       und 1979), diesen Intentionen sehr nahe:
       "Wollten wir  uns jedoch  darauf beschränken,  die  Veränderungen
       einzelner psychischer Prozesse zu untersuchen, dann wären wir au-
       ßerstande, die  wirkliche Entwicklungsgeschichte der menschlichen
       Psyche zu  erschließen. Natürlich  unterscheiden sich die Indivi-
       duen, die in verschiedenen geschichtlichen Epochen und unter ver-
       schiedenen gesellschaftlichen  Verhältnissen leben,  auch im Hin-
       blick auf die Wahrnehmung, das Gedächtnis oder das Denken vonein-
       ander. Sind damit aber die Unterschiede in ihrer Psyche, in ihrem
       Bewußtsein erschöpft?  Nach unserer  Meinung ist  das  nicht  der
       Fall. Im  Laufe der  historischen Entwicklung verändert sich auch
       der   a l l g e m e i n e   Charakter des  Bewußtseins, weil sich
       die  L e b e n s w e i s e  ändert. Das bedeutet, man muß berück-
       sichtigen, wie  sich die Lebensbedingungen der Menschen unter be-
       stimmten gesellschaftlich-historischen  Bedingungen gestalten und
       w e l c h e  b e s o n d e r e  S t r u k t u r  d i e  u n t e r
       d e n    g e g e b e n e n    V e r h ä l t n i s s e n    e n t-
       s t a n d e n e  T ä t i g k e i t  e i n n i m m t.  Ferner gilt
       zu erforschen,  wie sich  zusammen  mit  dieser  Veränderung  der
       Tätigkeitsstruktur auch  die  innere  Struktur  des  menschlichen
       Bewußtseins wandelt." (1977, S. 215 f.; Hv. v. uns)
       Mit dem Konzept der gegenständlichen Tätigkeit ist die Grundrich-
       tung der historischen Untersuchung abgesteckt: die Rekonstruktion
       der menschlichen Handlungs- und Lebensorientierung und ihrer ein-
       zelnen Funktionen  (z.B. der  Formen des Denkens oder der Motiva-
       tion, die eine bestimmte Tätigkeit erfordert) aus den überliefer-
       ten Ergebnissen  und Zeugnissen menschlicher Tätigkeit - eben aus
       den "Spuren der Geschichte".  L e o n t j e w  selbst hat mit dem
       Tätigkeits-Konzept vor  allem im  Bereich der Naturgeschichte des
       Psychischen, der Ontogenese und der Persönlichkeitstheorie 6) ge-
       arbeitet, während seine sozialgeschichtlichen Untersuchungen eher
       exemplarischen Charakter  haben. Wir  werden daher  im  folgenden
       versuchen, es  in Hinblick  auf die  historische Untersuchung  zu
       präzisieren, wobei  wir uns  auf die  Analyse der  äußeren gegen-
       standsbezogenen Tätigkeit beschränken.
       
       Tätigkeitszusammenhänge als Reproduktionszyklen
       -----------------------------------------------
       
       Für unsere Betrachtung ist wesentlich, daß eine Analyse der äuße-
       ren Tätigkeit  nicht nur ihre raumzeitlichen Dimensionen und Ver-
       änderungen zu  erfassen hat,  sondern vor allem ihr "semantisches
       Feld", das  System der  Bedeutungen, das sich mit ihnen verbindet
       (vgl. Leontjew,  1981, S. 8 f.). In ihrer Tätigkeit konstituieren
       die Menschen eine zugleich gegenständliche und "bedeutsame" Welt,
       sodaß man hier von der Einheit einer Gegenstands- und Bedeutungs-
       produktion sprechen  kann (vgl. Kuckhermann, Wigger-Kösters, 1985
       a, S. 42 ff.).
       Nun ist  zu berücksichtigen, daß unter der Bedeutung einer Tätig-
       keit bzw.  eines Gegenstandes  nicht etwa  ihre  ideelle  Deutung
       durch das  Subjekt zu verstehen ist, sondern die  F u n k t i o n
       d i e s e r     T ä t i g k e i t     (d i e s e s     G e g e n-
       s t a n d e s)  i n n e r h a l b  e i n e s  b e s t i m m t e n
       T ä t i g k e i t s -     o d e r    L e b e n s z u s a m m e n-
       h a n g s.   Aus diesem  Grunde verändert sich eine solche Bedeu-
       tung, wenn  man ein und dieselbe Tätigkeit (denselben Gegenstand)
       als Bestandteil verschiedener Tätigkeitszusammenhänge betrachtet.
       Nehmen wir die Arbeitstätigkeit eines Landvermessers im pharaoni-
       schen Ägypten.  Als Ausdruck  der gesellschaftlichen  Teilung der
       Arbeit in Land-, Hand- und Kopfarbeit markiert sie zugleich einen
       bestimmten  Entwicklungsstand  der  materiellen  Reproduktion  im
       alten  Ägypten,   wie  sie  Rückschlüsse  auf  Entwicklungs-  und
       Vereinseitigungsmomente in  der psychischen  Struktur  der  Land-
       vermesser erlaubt.  Betrachtet man sie als Organ herrschaftlicher
       Planung und Kontrolle, also als ein Element im Gesamtzusammenhang
       der machtausübenden  Tätigkeiten, so gewinnt sie eine spezifische
       Funktion  für   die  Reproduktion  des  Königshauses  und  seiner
       Herrschaftsfunktion.    Als     Bestandteil    eines     normalen
       Landvermesserlebens gewinnt sie wiederum spezifische Bedeutung im
       Alltagsleben des  Landvermessers und  seiner Familie:  Sie  dient
       ihrer Versorgung.  Die vielschichtige  Bedeutungsstruktur  dieser
       Tätigkeit enthüllt  sich erst  dann, wenn  man  sie  als  Element
       verschiedener "Gesamtgestaltungen" betrachtet.
       Die Bedeutungen einer je konkreten Tätigkeit (ihres Gegenstandes)
       lassen sich  erst durch  ihre Verortung  im individuellen und ge-
       sellschaftlichen Kontext  erfassen. Dabei müssen wir zunächst die
       Bedeutungen eines   Tätigkeits g e g e n s t a n d e s    kennen,
       bevor wir die Bedeutung der Tätigkeit selbst bestimmen und in ei-
       nem weiteren Schritt dann Rückschlüsse auf Denkweisen und Motiva-
       tionsformen, auf  Identität und psychische Verfassung der tätigen
       Individuen ziehen  können. An  diesem Punkt nun bedarf das Tätig-
       keitskonzept einer  Ergänzung, eines begrifflichen Untersuchungs-
       rasters, welches  den Kontext  einer Tätigkeit als strukturierten
       Tätigkeitszusammenhang und  als Bestandteil der individuellen und
       gesellschaftlichen  Lebenspraxis  zugänglich  macht.  Für  diesen
       Zweck eignet  sich u.E.  der   B e g r i f f   d e r   R e p r o-
       d u k t i o n:   Wenn wir  davon ausgehen,  daß die gesellschaft-
       lichen Tätigkeitszusammenhänge  im wesentlichen  durch die Zyklen
       der  materiellen   Reproduktion  einer    G e s e l l s c h a f t
       strukturiert werden,  wenn wir weiterhin mit  H e l l e r  (1978)
       davon ausgehen,  daß das  Alltagsleben der  Ort der  i n d i v i-
       d u e l l e n   Reproduktion ist, bietet sich an, die historische
       Untersuchung als  eine   A n a l y s e   d e r   L o g i k  (B e-
       d e u t u n g e n)   d e r    T ä t i g k e i t e n    i n n e r-
       h a l b   b e s t i m m t e r   i n d i v i d u e l l e r   u n d
       g e s e l l s c h a f t l i c h e r    R e p r o d u k t i o n s-
       z y k l e n   durchzuführen. Aus  der Struktur  und Bewegung  der
       jeweiligen Reproduktionszyklen  -  beispielsweise  der  Warenpro-
       duktion in  der mittelalterlichen  Stadt und des täglichen Lebens
       einer Handwerkerfamilie  - wird die Bedeutung einzelner Tätigkei-
       ten und  Objekte erschlossen;  aus diesen Bedeutungen und aus den
       stofflich-qualitativen   Eigenschaften   des   Handlungsprozesses
       lassen sich  dann verallgemeinernde  Rückschlüsse auf  die  ihnen
       zugrundeliegenden   Orientierungsleistungen    (die    psychische
       Verfassung) ziehen.
       Mit den  Grundkategorien "Tätigkeit"  und "Reproduktion" ist u.E.
       ein Untersuchungsmodell  angelegt, das für alle historischen Epo-
       chen gleichermaßen  anwendbar ist  und mit  dem sich  - auf einer
       noch sehr  allgemeinen Ebene - ihre wesentlichen Unterschiede be-
       züglich der  psychischen Entwicklung  herausarbeiten lassen.  Sie
       erlauben eine  Strukturierung und  damit Begrenzung  der Untersu-
       chung: Analysiert  werden solche  Tätigkeiten, die  für einen be-
       stimmten Reproduktionszyklus konstitutiv, also unabdingbar sind.
       Beide Begriffe  erlauben darüber  hinaus eine  A k z e n t u i e-
       r u n g   d e r  S u b j e k t i v i t ä t  als gestaltende Kraft
       im Geschichtsprozeß:  Das Ensemble  der individuellen Tätigkeiten
       bildet die  materielle und  lebendige Grundlage  für  die  Repro-
       duktion des  gesellschaftlichen  und  individuellen  Lebens.  Mit
       ihrer Tätigkeit "verorten" sich die Menschen in den verschiedenen
       Lebenszusammenhängen und  schaffen sich  so die  Grundlage  ihrer
       Identität. In  dieser Tätigkeit  wird auch  das gesellschaftliche
       Leben von den Menschen immer wieder neu geschaffen, gestaltet und
       "belebt".  Sich  die  Tätigkeiten  anzusehen,  bedeutet  für  die
       wissenschaftliche Analyse  also auch,  die  immer    p r o d u k-
       t i v e   Seite des  Lebensprozesses  ins  Blickfeld  zu  rücken.
       Individuelle und  soziale Entwicklung  sind  somit  als  Ausdruck
       menschlichen   Produktiv-    oder   Gestaltungsvermögens,    also
       menschlicher Subjektivität,  zu verstehen. Die Begriffe der indi-
       viduellen und  gesellschaftlichen Reproduktion bezeichnen in die-
       sem Sinne  Reproduktionen menschlicher  S u b j e k t i v i t ä t
       auf verschiedenen Ebenen.
       Tätigkeiten sind (in einem nicht-ökonomischen Sinne) Produktionen
       des eigenen  und des  sozialen Lebens. Sie sind jedoch nicht vor-
       aussetzungslos, sondern  bauen auf  vorhergegangenen Produktionen
       auf, sind von ihnen in hohem Maße abhängig. Um beide Anteile auf-
       zuzeigen -  Bedingtheit und  Produktivität -,  nehmen wir den Be-
       griff der Reproduktion wörtlich: Tätigkeiten sind Re-Produktionen
       des Lebens,  womit zugleich  auf ihre  zyklische und  erweiternde
       (fortschreitende) Struktur hingewiesen ist.
       
       Der historische Ansatz
       ----------------------
       
       Wenn wir  sagen: Das  Grundthema einer  historischen Untersuchung
       der menschlichen  Tätigkeit ist  die Verbindung zwischen der Ent-
       wicklung gesellschaftlicher  und individueller Lebensbedingungen,
       genauer: die  "tätige" Vergesellschaftung  der  Individuen  unter
       sich verändernden Lebensbedingungen, so haben wir damit zwar eine
       allgemeinste Definition  unseres Untersuchungsgegenstandes  gege-
       ben, die  historische Fragestellung  selbst jedoch noch nicht ex-
       pliziert. Wir  machen dies,  indem wir  zwei inhaltliche  Schwer-
       punkte festlegen: Gegenstand historisch-psychologischer Forschung
       sind:
       a. die  qualitativ neuen  Entwicklungsstufen individueller Verge-
       sellschaftung, die  eine bestimmte Gesellschaftsformation hervor-
       bringt und
       b. ihr Zusammenwirken mit historisch älteren Formen der individu-
       ellen Vergesellschaftung  im alltäglichen  Lebenszusammenhang und
       dessen logische  Struktur bezüglich der Entstehung von Handlungs-
       und Lebensorientierungen.
       Mit dem ersten Schwerpunkt ist das Verfahren der historisch-logi-
       schen Rekonstruktion  bezeichnet. "In  der rekonstruierenden Per-
       spektive versuchen  wir, unsere eigenen Entstehungsbedingungen...
       wiederzufinden." (Harten,  1977, S. 187) Man könnte nun annehmen,
       daß die  etappenweise Herausarbeitung der jeweils "neuesten" oder
       "höchsten" Entwicklungszüge  individueller Vergesellschaftung be-
       reits hinreichende  Erkenntnisse über ihre Entwicklungslogik lie-
       fert. Ein  solches Verständnis  ist jedoch nicht ganz unproblema-
       tisch. Es sei nur darauf hingewiesen, daß die Vorstellung von ei-
       ner Entwicklung  der Menschheitsgeschichte  hin zur  bürgerlichen
       oder auch  sozialistischen  Industriegesellschaft  lediglich  zum
       Teil der  historischen Realität  entspricht. Die "evolutiven Ver-
       zweigungen" in der Geschichte zeigen, daß man zumindest von einer
       multilinearen Entwicklung  ausgehen  muß  (vgl.  hierzu  Ribeiro,
       1971, S.  14ff; auch  Eder, 1976, S. 98ff). Zudem ist eine so ge-
       filterte Entwicklungslogik  fast zwangsläufig  mit einer eurozen-
       trischen Interpretation  heute bestehender kultureller und ethni-
       scher Unterschiede  ("Ungleichzeitigkeiten") verbunden,  und  das
       ist weder wissenschaftlich noch (kultur-)politisch vertretbar.
       Die Analyse der jeweils "neuen" Entwicklungszüge in der individu-
       ellen Vergesellschaftung  macht lediglich   e i n e   - wenn auch
       wichtige -  Ebene der Wirklichkeit zugänglich. Um ihren psycholo-
       gischen Gehalt  aufzudecken, müssen  wir berücksichtigen,  daß im
       wirklichen Leben  historisch ältere  und jüngere,  elementare und
       hochdifferenzierte Entwicklungsebenen  "aufeinandertreffen". Erst
       i n  i h r e m  Z u s a m m e n w i r k e n  erschließt sich das,
       was wir  eine Entwicklungslogik  der individuellen  Subjektivität
       nennen können.  Damit wären wir beim zweiten inhaltlichen Schwer-
       punkt angelangt:  bei der Analyse des Alltagslebens in seiner hi-
       storischen Vielschichtigkeit,  bei der  Frage also: "Wie lebt das
       Leben?" (vgl. zur Lippe, 1979, S. 11).
       Nehmen wir  als Beispiel die Situation der städtischen Handwerker
       in der  Blütezeit des  europäischen Mittelalters.  Vergleicht man
       ihr Leben  mit dem ihrer Vorgänger auf den feudalen Fronhöfen und
       in den alten Dorfgemeinschaften, so läßt sich leicht feststellen,
       wo das historisch "Neue" ihres Lebenszusammenhangs liegt: Sie ar-
       beiten nicht  mehr in  persönlichen Abhängigkeiten,  sondern  für
       einen anonymen  Markt. Es  ist einsichtig, daß sich hierdurch die
       Ziele und  Motive ihrer  Arbeit und  damit ihr  Selbstverständnis
       verändern.
       Die psychologische Bedeutung dieser Veränderungen ist jedoch erst
       dann abzusehen, wenn man die handwerkliche  A r b e i t  als Teil
       des handwerklichen  A l l t a g s  begreift und in Verbindung mit
       historisch älteren Ebenen dieses Alltags analysiert. Erst in die-
       sem Rahmen wird man sehen, wie die "neuen" Orientierungen aus der
       Wertproduktion in  die "alte"  Gebrauchswertlogik des handwerkli-
       chen Lebens  eingebunden sind.  Der "sorgsame Umgang" mit den Ar-
       beits- und  Konsumtionsmitteln z.  B., der  die handwerkliche Le-
       bensführung auszeichnet, ist nur aus der historischen Mehrschich-
       tigkeit des  Alltagslebens einer  Handwerkerfamilie verständlich.
       Dasselbe gilt  beispielsweise für  die "psychologische  Schranke"
       der mittelalterlichen  Warenproduktion: Der handwerklichen Orien-
       tierung fehlt noch die Ausrichtung auf den Gewinn als Tätigkeits-
       motiv. Austausch  und Entwicklung von Gebrauchswerten, damit ein-
       hergehend eine  Optimierung der eigenen Versorgung mit Lebensmit-
       teln, dominieren  über das Ziel, die Waren als potentiellen Wert-
       zuwachs, als  Gewinne zu  tauschen - im Gegensatz übrigens zu den
       Tätigkeitszusammenhängen, in  denen sich  zu  gleicher  Zeit  die
       Kaufleute reproduzieren  (vgl. zu  diesen beiden Reproduktionszy-
       klen Kuckhermann, Wigger-Kösters, 1985a, S. 257 ff.).
       
       3.2 Die einzelnen Untersuchungsschritte (vgl. Abb. 1)
       -----------------------------------------------------
       
       Um zu ersten psychologisch "interessanten" Ergebnissen zu kommen,
       schlagen wir drei Untersuchungsschritte vor:
       1. Die Analyse  der gesellschaftlichen Reproduktion einer Gesell-
       schaft.
       
       Bild ansehen
       Abb. 1: Tätigkeitsanalyse im Rahmen der individuellen und gesell-
       schaftlichen Reproduktion menschlicher Subjektivität
       
       2. Die Analyse  der für diese Gesellschaft wesentlichen und damit
       "typischen" individuellen Reproduktionszyklen.
       3. Die Bestimmung des Verhältnisses von individueller und gesell-
       schaftlicher Reproduktion,  verstanden als Partizipationsmöglich-
       keit der  Individuen am gesellschaftlichen Produktivvermögen oder
       - was  nur ein  anderer Ausdruck  desselben Sachverhalts ist - an
       der gesellschaftlich entwickelten Subjektivität.
       
       1. Schritt: Analyse der (materiellen) gesellschaftlichen
       --------------------------------------------------------
       Reproduktion
       ------------
       
       In diesem  ersten Schritt werden die historischen Bedingungen de-
       finiert, die den Rahmen für die zu untersuchenden Tätigkeiten ab-
       stecken. Es  geht hier  also um die gesellschaftlichen Vorausset-
       zungen des  individuellen Lebens.  Drei Fragenkomplexe  stehen im
       Mittelpunkt der Untersuchung (vgl. Block l in Abb. 1):
       1. Welche großen  gesellschaftlichen Produktionen zeichnen die zu
       untersuchende Lebenssituation aus?
       2. Welches sind  die Regulationsinstanzen  der sozialen Reproduk-
       tion?
       3. Welche Hauptformen der Tätigkeit werden ausgebildet?
       Die großen  P r o d u k t i o n e n  einer Gesellschaft geben uns
       Auskunft über  den erreichten  Entwicklungsstand des menschlichen
       P r o d u k t i v vermögens  (der "gesellschaftlichen Subjektivi-
       tät"). 7)  Sie zeigen,  wie weit  der Prozeß  der Natur-, Gesell-
       schafts- und  Selbstaneignung auf  der  gesellschaftlichen  Ebene
       fortgeschritten ist.  Zentrale Produktionen  im Leben  der ersten
       Menschen waren  beispielsweise die Sprache und das Werkzeug. Aber
       auch die Bedeutung - die Konstituierung der gegenständlichen Welt
       als Bedeutungszusammenhang  - läßt  sich als  eine sehr frühe und
       elementare historische  Produktion interpretieren.  Sehen wir uns
       die frühen  Hochkulturen vom  Typ der  "asiatischen  Produktions-
       weise" an,  so finden  wir als große soziale Produktionen die ge-
       sellschaftliche Teilung  der Arbeit in bäuerliche, handwerkliche,
       geistige und  "Arbeiter"-Tätigkeiten, weiterhin  die Schrift  als
       Werkzeug für  Spezialisten und  die Produktion  eines politischen
       Raumes in  der Differenzierung  von Land, Stadt und Staat. Histo-
       risch jüngere  Produktionen sind z. B. die Wertform der Ware, das
       Geld und  das Kapital im Bereich der Ökonomie, die Maschine, spä-
       ter der  Automat, als selbstregulative Werkzeugsysteme im Bereich
       der Technik, aber auch die Ausdifferenzierung eines "fremd-verge-
       sellschafteten Alltags" aus dem traditionellen Alltagsleben.
       Die  R e g u l a t i o n s i n s t a n z e n  der gesellschaftli-
       chen Reproduktion  bestimmen die  Form, in  welcher sich das ent-
       wickelte Produktivvermögen  verwirklicht.  Hier  sind  in  erster
       Linie   die    Trennungen   und   Vermittlungen   innerhalb   des
       gesellschaftlichen  Aneignungsprozesses   aufzuzeigen,  also  die
       räumliche und  personelle Teilung von Natur- und Produktaneignung
       und die  Art ihrer gesellschaftlichen Vermittlung (über einfachen
       Raub, politische  Herrschaft, Warentausch  oder die  Gemeinschaft
       der beteiligten Menschen).
       Wichtig  scheint  uns,  die  erkenntnisleitenden  Fragestellungen
       nicht wieder  von vornherein  zu verengen und auf diese Weise die
       Geschichte auf  den Blickwinkel  der bürgerlichen Gesellschaft zu
       reduzieren. So lassen sich z. B. Fragen des Eigentums und der Ar-
       beitsteilung nicht  ohne "einfühlende  Vermittlungsschritte"  mit
       der Lebenswirklichkeit  einfacher Gemeinwesen (sogenannter primi-
       tiver Gesellschaften) verbinden. Man wird feststellen, daß solche
       Begriffe lediglich historische und nicht anthropologische Gültig-
       keit beanspruchen  können, daß  sie für  die Beschreibung anderer
       historischer Wirklichkeiten daher auch nicht mehr "greifen".
       Erinnert sei  an die Antwort des Indianers in der kleinen Episode
       zu Beginn unserer Darstellung. "Wir nannten es unser", sagt er zu
       dem Land  seiner Vorfahren.  In diesem Satz wird der Eigentumsbe-
       griff ad  absurdum geführt und erweist sich als Ergebnis histori-
       scher Entwicklungen,  nicht aber als Grundvoraussetzung menschli-
       cher Ökonomie.  Man wird  daher auf  das Aneignungsverhalten  als
       Grundlage für  die Entwicklung  des Eigentums  zurückgreifen  und
       z.B. feststellen,  daß  N a t u r w ü c h s i g k e i t  die ent-
       sprechenden gesellschaftlichen  Beziehungen kennzeichnet, und daß
       eine der  großen gesellschaftlichen  Produktionen der  frühen Ge-
       meinwesen die  Ausbildung komplexer  Verwandtschaftssysteme  ist,
       über welche  auch die  gesellschaftliche  Reproduktion  reguliert
       wurde (vgl.  Godelier, 1973,  S. 47  ff; Sperber, 1973, S. 81 ff;
       Terray, 1974, S. 138 ff; Levi-Strauss 1978).
       Das dritte  wichtige Ziel  des ersten  Untersuchungsschrittes ist
       es, festzustellen,  welche Tätigkeiten im System der Arbeits- und
       Aneignungsteilungen für die Reproduktion der Gesellschaft konsti-
       tutiv sind. Welche spezifischen, "neuen" Tätigkeiten bringt diese
       Gesellschaft hervor?  Welche neuen  Tatbestände machen  sich  die
       Menschen zum Gegenstand ihres Handelns? In den Hauptformen dieser
       Tätigkeiten wird der Entwicklungsstand  i n d i v i d u e l l e r
       Subjektivität sichtbar,  der unter  den definierten  historischen
       Bedingungen für  bestimmte  Bevölkerungsgruppen  erreichbar  ist.
       Fast zwangsläufig  stellt sich hier die Frage, welche Tätigkeiten
       (Tätigkeitszusammenhänge) die  größtmögliche Partizipation an der
       Entwicklung  der   gesellschaftlichen  Subjektivität  ermöglichen
       (vgl. 3.  Untersuchungsschritt). So  würden wir bei den einfachen
       Gemeinwesen zu  dem Ergebnis  kommen, daß hier lediglich eine Un-
       terscheidung zwischen den Tätigkeiten der Männer und Frauen sinn-
       voll ist.  Es  wäre  zu  fragen,  ob  die  Unterschiede  zwischen
       "männlichen" und  "weiblichen" Reproduktionszyklen bereits zu Un-
       terschieden in der Aneignung der gesellschaftlichen Subjektivität
       führen.
       Mit der  Entstehung der  ersten Hochkulturen  verändert sich  die
       Sachlage: Aus  dem universellen  Lebenszusammenhang gliedern sich
       spezielle Fähigkeiten  der Naturaneignung  heraus und  entwickeln
       sich als  bäuerliche, handwerkliche  und geistige  Arbeit weiter.
       Was auf  der Seite  der gesellschaftlichen  Entwicklung als  neue
       Vielseitigkeit erscheint, dokumentiert sich auf der Ebene indivi-
       dueller Tätigkeit  als Vereinseitigung  und Spezialisierung.  Der
       gesellschaftlichen Teilung  der Arbeit entsprechen jeweils eigen-
       ständige, voneinander  gut zu unterscheidende individuelle Repro-
       duktionszyklen (des  Bauern, des Handwerkers und des Schreibers),
       in denen  als Ergebnis  des  vielschichtigen  Gesamtzusammenhangs
       ebenso eigenständige  Formen der  Motivation, des Denkens und der
       Identität entstehen.  Das führt  nun bereits zum zweiten Untersu-
       chungsschritt.
       
       2. Schritt: Analyse der individuellen Reproduktionszyklen (vgl.
       ---------------------------------------------------------------
       Block 2 in Abb. 1)
       ------------------
       
       Sind Entwicklungsstand und -form der gesellschaftlichen Reproduk-
       tion aufgezeigt,  so lassen  sich die Formen individueller Repro-
       duktion als  Tätigkeitszusammenhänge analysieren. Ein Reprodukti-
       onszyklus setzt  sich aus  denjenigen Tätigkeiten  zusammen,  mit
       denen ein  Individuum am gesellschaftlichen Lebensprozeß partizi-
       piert. Dabei beschränken wir uns auf die Bereiche der Naturaneig-
       nung  (Produktion   von  Gebrauchswerten),  der  Produktaneignung
       (Austausch) und  des "Gebrauchs der Gebrauchswerte" (Konsumtion).
       Im weiteren ist die Struktur dieser Tätigkeiten genauer zu unter-
       suchen. Unter Tätigkeitsanalyse verstehen wir eine differenzierte
       Beschreibung der Tätigkeiten selbst, ihres Gegenstandes und ihres
       Zusammenwirkens mit  anderen Tätigkeiten.  Sie läßt  sich in  den
       drei Schritten: Gegenstandsanalyse - Handlungsprozeßanalyse - Be-
       ziehungs-(Kooperations-)Analyse durchführen.
       
       Gegenstandsanalyse:
       Die Untersuchung  beginnt mit  einer grundlegenden Frage: Welchen
       Gegenstand hat  eine bestimmte  Tätigkeit? Eine genaue Definition
       dieses Gegenstandes  steckt den  Rahmen für die ganze weitere Tä-
       tigkeitsanalyse ab.  Dabei müssen  wir uns  vor Augen führen, daß
       ein  Tätigkeitsgegenstand   weder  etwas   Statisches  noch   ein
       "materielles Ding" sein muß. Auch Naturprozesse, andere Tätigkei-
       ten, gesellschaftliche Beziehungen, Menschen oder die eigene Sub-
       jektivität können  zum Gegenstand einer Tätigkeit werden, und der
       historische Fortschritt  in der  Subjektentwicklung wird zu einem
       wichtigen Teil  in der  Gegenstandsentwicklung sichtbar. Die Men-
       schen machen  sich in  aller Regel  das zum Gegenstand, was ihnen
       zum Problem, zur Aufgabe geworden ist. Aus diesem Grund zeigt die
       Entwicklung der  Tätigkeitsgegenstände, an  welchen Stellen  sich
       Unmittelbarkeit und  Selbstverständlichkeit  des  Lebensprozesses
       auflösen, wann  die Menschen  Distanz  zu  einem  vorher  einfach
       "mitgelebten" Tatbestand gewinnen und ihn zum Gegenstand bewußter
       Handlungen machen, ihn daher auch auf einem entwickelteren Niveau
       aneignen können. Aneignung bedarf also der Distanz, und eine sol-
       che Distanz enthält das Risiko der Entfremdung - des Gegenstands-
       verlustes - ebenso wie die Möglichkeit zur Weiterentwicklung.
       Am Beispiel  der ersten  "Denkspezialisten", der  Kopfarbeiter in
       den frühen  Hochkulturen, wird  das deutlich.  Wir sehen  auf der
       einen Seite, daß etwa die Arbeit eines mesopotamischen Schreibers
       beim Palastbau  einen sehr  differenzierten  Tätigkeitsgegenstand
       aufweist: Vordergründig handelt es sich dabei um Berechnungen und
       Listen auf  seiner Schrifttafel. Diese haben jedoch Symbolcharak-
       ter und  verweisen auf  eine andere  Gegenständlichkeit: auf  Ar-
       beitstätigkeiten, Materialbewegungen  und Kosten  für beides.  Es
       geht also  um Planung, Berechnung und Überwachung eines komplexen
       arbeitsteiligen Tätigkeitszusammenhangs, eine Tätigkeit, die erst
       in den  frühen Hochkulturen  entstanden ist  und zeigt,  daß sich
       hier die  Formen einfacher,  unmittelbarer Arbeitsteilung und Ko-
       operation auflösen.
       Zugleich verweist  der Symbolcharakter des Gegenstandes "Schrift"
       auf Entfremdungs-  und Isolationsmomente  in der  Tätigkeit: Zwar
       eignen sich die Kopfarbeiter (zumindest partiell) in ihrer Tätig-
       keit die  gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen an, tun das
       aber rein kognitiv, also auf Kosten einer starken Vereinseitigung
       ihres Produktionsvermögens.  "Alles in allem finden wir hier eher
       das Gegenteil  zur Vergegenständlichungsdichte handwerklicher Ar-
       beit: eine  Verflüchtigung konkreter  materieller zur abstrakten,
       symbolisch vermittelten Vergegenständlichung. Der Distanz zur äu-
       ßeren Natur, zum Stoff, entspricht die Distanz zur eigenen Natur,
       zur 'Sinnlichkeit  des  Leibes'."  (Kuckhermann,  Wigger-Kösters,
       1985 a, S. 159)
       Wie gesagt, ist der Gegenstand nicht als statisches Moment in die
       Analyse einzuführen.  In der  Tätigkeit macht  er einen  Verände-
       rungsprozeß durch (Rohstoff -> Produkt), der in seinen stofflich-
       qualitativen Dimensionen  nachzuvollziehen ist.  Gegenstandsdefi-
       nition und  differenzierte Beschreibung seiner stofflichen Quali-
       täten und  Veränderungen wären die ersten beiden Schritte der Ge-
       genstandsanalyse. Ihnen  folgt die  Bedeutungsanalyse. Neben  den
       stofflichen Eigenschaften ist nun die Funktion eines Gegenstandes
       im Bereich  der sozialen  und individuellen  Reproduktion  aufzu-
       schlüsseln, seine  Sozial-und Individualform.  Beide wirken  ent-
       scheidend auf die Handlungsorientierung der Menschen zurück, ins-
       besondere auf die ihren Handlungen zugrundeliegende Motivation.
       Führen wir uns die Situation eines mittelalterlichen Schuhmachers
       vor Augen. Die Schuhe, die er in seiner Werkstatt herstellt, sind
       ihm zugleich  Werk und  Ware (zwei verschiedene gesellschaftliche
       Bedeutungen). Beides  spiegelt sich  in seiner  Arbeitsmotivation
       wider und  dient ihm  zur Handlungsorientierung.  So wird er sich
       zum einen  an traditionellen  handwerklichen Wertmaßstäben orien-
       tieren, die  die Qualität  seiner Arbeit  festlegen und ihr einen
       bestimmten sozialen  Status zusprechen.  Zugleich wird er sich an
       den Gesetzen  des Warenmarktes orientieren, wird sich also bewußt
       sein, daß  seine Schuhe als Gebrauchswerte (Lebensmittel) für an-
       dere Menschen bestimmt sind, die er möglicherweise noch gar nicht
       kennt. Deren  mutmaßliche Interessen,  ihre Motive,  ihre Bereit-
       schaft, Geld  für seine  Schuhe auf den Tisch zu legen, ihre Ein-
       stellung zur Qualität der Schuhe, muß er in seiner Arbeit berück-
       sichtigen, denn  für ihn  sind die  Schuhe bares Geld wert - sein
       Motiv wird (auch) sein, sie als brauchbare Tauschwerte herzustel-
       len.
       Dieses Motiv  steht nicht isoliert. Es ist eingebunden in den in-
       dividuellen Reproduktionszyklus  eines Handwerkerlebens: Die fer-
       tigen Schuhe  dienen als  Fonds für den Lebensunterhalt der Fami-
       lie, der allerdings erst dann "flüssig" wird, wenn sie gegen Geld
       getauscht sind. In dieser Bedeutung (in ihrer Individualform) re-
       präsentieren sie  also die  zukünftigen Lebensmittel  der Familie
       (Produkte fremder Arbeit).
       
       Handlungsprozeßanalyse: 8)
       Die Analyse  von Handlungsprozessen  folgt dem  Schema der Gegen-
       standsanalyse: Bestimmung  der stofflich-technischen  Dimensionen
       der Tätigkeit - Sozialform - Individualform. Vor allem bei histo-
       risch "alten"  Tätigkeiten muß die Untersuchung des Handlungspro-
       zesses aus  der Gegenstandsanalyse rekonstruiert werden. Für spä-
       tere Epochen  kann man  zum Teil  auf detaillierte Beschreibungen
       von Tätigkeitsabläufen  zurückgreifen. Bei  den  stofflichtechni-
       schen Bedingungen  der Tätigkeit  stehen die Fragen nach den Mit-
       teln und Fähigkeiten im Mittelpunkt: Mit welchen Mitteln wird was
       getan? Und:  Welche Fähigkeiten  sind hierzu erforderlich? Ausge-
       hend von  der Bedeutungsstruktur  des Gegenstandes läßt sich dann
       in einem  zweiten Schritt  die soziale und individuelle Bedeutung
       der Tätigkeit  bestimmen. Historische Entwicklung zeigt sich dann
       sowohl auf der technisch-stofflichen Ebene wie in der Bedeutungs-
       struktur. Ein  Beispiel für den ersten Entwicklungsstrang ist die
       technische Entwicklung  der Feldarbeit  vom  handgezogenen  Pflug
       über den Einsatz von Nutztieren (Pfluggespann) bis zur maschinel-
       len Feldbearbeitung.  Ein Beispiel  für den  zweiten Strang  sind
       alte handwerkliche Arbeiten, die sich bis in unser Zeitalter hin-
       ein erhalten haben, wie z. B. die Arbeit des Bäckers:
       Brotbacken ist eine alte Kunst. Rein technisch, vom Arbeitsablauf
       gesehen, hat  sich diese  Tätigkeit über die Jahrtausende von den
       frühen Hochkulturen  bis zum  Industriezeitalter nur  wenig geän-
       dert. Auch  heute noch können wir in der eigenen Küche als Hobby-
       bäcker auf  traditionell-handwerkliche Weise  Brot  backen,  wenn
       auch mit anderen Arbeitsmitteln.
       Die wirklichen  Veränderungen, die sich hier hinter der scheinbar
       immer gleichbleibenden  äußeren Fassade vollzogen haben,  s i n d
       p s y c h o l o g i s c h e    V e r ä n d e r u n g e n    a u f
       G r u n d l a g e       v e r ä n d e r t e r        g e s e l l-
       s c h a f t l i c h e r  B e d e u t u n g e n  d e s  T ä t i g-
       k e i t s g e g e n s t a n d e s   b z w.    d e r    T ä t i g-
       k e i t  s e l b s t.
       Der ägyptische Bäcker, der sein Brot im Auftrag seines Wesirs ge-
       backen hat,  wird es mit anderen Motiven (Emotionen, Orientierun-
       gen) und  auf Grundlage  einer anderen  Identität getan haben als
       sein mittelalterlicher Kollege, der mit seinen Broten auf den Wo-
       chenmarkt gegangen  ist, oder als die Bäuerin, die es für die Fa-
       milie gebacken  hat. Und  wenn wir  heute wieder  selbst das Brot
       backen, weil  uns das industriell produzierte Brot nicht schmeckt
       (und es  ja auch nur dann backen, wenn wir Zeit und Lust dazu ha-
       ben, also  es zu  unserer täglichen  Versorgung nicht backen müs-
       sen), dann  hat diese  Tätigkeit des  Brotbackens sowohl  gesell-
       schaftlich als  auch individuell  eine vollständig  andere Bedeu-
       tung, die  sich jedoch  erst aus der Einordnung in einen größeren
       Reproduktionszusammenhang erfassen  läßt. Der  Wechsel der Gegen-
       standsbedeutung wird  da schon schneller sichtbar. Ob das Brot z.
       B. eine Fronabgabe, eine Ware, ein selbst hergestellter Konsumti-
       onsartikel oder  ein "Hobby-Produkt" ist, wirkt sich entscheidend
       auf die psychischen Voraussetzungen der Tätigkeit aus.
       
       Beziehungsanalyse:
       Jede Tätigkeit ist gelebter Ausdruck von zwischenmenschlichen Be-
       ziehungen. Diese  ergeben sich entweder aus ihren stofflichen An-
       forderungen oder  aus ihrer  Bedeutungsstruktur. Im  ersten  Fall
       handelt es  sich um  Kooperationsbeziehungen, die unmittelbar (im
       gemeinsamen Arbeitsprozeß)  oder vermittelt  über den  Gegenstand
       (als sukzessive  Kette von Arbeitsprozessen) verwirklicht werden.
       Im zweiten  Fall handelt  es sich in der Regel um Aneignungs- und
       Austauschbeziehungen, die  über die  Sozialform des  Gegenstandes
       hergestellt werden  (Bauer-König,  Bauer-Feudalherr,  Warenprodu-
       zent-Warenproduzent usw.),  und um  gemeinschaftliche,  familiäre
       und persönliche  Beziehungen, die  im Bereich  der  individuellen
       Konsumtion eine  zentrale Rolle  spielen. So  begründet die Ernte
       der ägyptischen oder mesopotamischen Bauern zugleich die Arbeits-
       teilung von  Land- und  Handwerksarbeit  (als  Mehrprodukt),  das
       Herrschaftsverhältnis zwischen Bauer und König (in der Sozialform
       "Tribut") und  die familiären  und gemeinschaftlichen Beziehungen
       des bäuerlichen Gemeinwesens (als Versorgungsmittel).
       Die Analyse  der individuellen  Reproduktion hat  zum  Ziel,  die
       Struktur der  wichtigsten Tätigkeiten  eines Menschen (eines Bau-
       ern, Handwerkers,  Wissenschaftlers usw.)  zu  einem  Fähigkeits-
       und/oder Bedeutungsprofil zusammenzufassen. Dabei handelt es sich
       auf dieser  Ebene der  Untersuchung jeweils um individuell-durch-
       schnittliche Merkmale,  um Fähigkeiten/Bedeutungen, die ein Indi-
       viduum in einer bestimmten sozialen Situation notwendig realisie-
       ren muß. Je nach Fragestellung lassen sich dabei verschiedene Ge-
       wichtungen vornehmen.  Geht es  um Leistungen  im kognitiven  Be-
       reich, werden die entsprechenden Leistungsanforderungen einer Tä-
       tigkeit genauer  zu bestimmen sein, geht es um Formen der Motiva-
       tion, so  wird die  Bedeutungsstruktur der Tätigkeiten im Mittel-
       punkt der Analyse stehen. Hierauf aufbauend lassen sich dann all-
       gemeinere Fragen  der psychischen  Orientierung, etwa die Ausbil-
       dung von Identitätsformen, in Angriff nehmen. Zu diesem Zweck ist
       allerdings das  globale Verhältnis  von individueller und gesell-
       schaftlicher Reproduktion erst noch zu analysieren.
       
       3. Schritt: Verhältnis von individueller und
       --------------------------------------------
       gesellschaftlicher Reproduktion (Block 3 in Abb. 1)
       ---------------------------------------------------
       
       Will man  die historische Entwicklung individueller Subjektivität
       nachvollziehen, so  stößt man auf einen zentralen Entwicklungswi-
       derspruch:  Gesellschaftliche   Entwicklung,  historischer  Fort-
       schritt, bereichernde Vielfalt des "allgemeinen Lebens" gehen mit
       individueller Verarmung, Vereinseitigung der Fähigkeiten und psy-
       chischer Isolation  eine Verbindung  ein, in welcher - summa sum-
       marum - der gesellschaftliche Fortschritt nur auf Kosten des ein-
       zelnen Menschen  möglich scheint.  Damit ist die Frage nach einem
       Maßstab für  die Entwicklung menschlicher Subjektivität gestellt.
       Ist es  tatsächlich so, daß sich die historischen Fortschritte in
       der Subjektentwicklung  nur von  wenigen privilegierten  Menschen
       aneignen lassen,  daß der Großteil der Bevölkerung hiervon ausge-
       schlossen ist?
       Ein solches Geschichtsbild kann leicht zu einer abstrakten Entge-
       gensetzung von Anthropologie und Gesellschaftsanalyse führen: Auf
       der anthropologischen  Untersuchungsebene -  unabhängig  von  den
       sich entwickelnden  Entfremdungs- und  Ausbeutungsverhältnissen -
       werden die prinzipiellen Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten
       der Menschen eruiert, bei der Analyse konkreter Lebenssituationen
       - z.B.  in unserer Gesellschaft - ihre Nichtrealisierbarkeit kon-
       statiert. Entfremdungs-,  Ausbeutungs- und Ausschlußprozesse las-
       sen die  gesellschaftlichen Bedingungen individueller Subjektwer-
       dung nur noch als defizitäre in das Blickfeld treten. Die sozial-
       geschichtliche Forschung legt hier ein anderes Verständnis nahe.
       Bereits bei der Gegenstandsanalyse wurde deutlich, daß in der Ge-
       schichte beides zugleich geschieht: Die Entstehung neuer Möglich-
       keiten der  Subjektentwicklung ist  nicht von der Partialisierung
       und Isolation  der Individuen  gegenüber  der  gesellschaftlichen
       Entwicklung zu  trennen. Im  Gegenteil: Vieles deutet darauf hin,
       daß sich  der Entwicklungsfortschritt  zu einem wesentlichen Teil
       in den  entfremdeten Formen  des Lebens vollzieht, daß der histo-
       risch orientierten  Psychologie sich  demnach gerade  die Aufgabe
       stellt,  h i n t e r  d e n  e n t f r e m d e t e n  F o r m e n
       d e s    L e b e n s    d i e    s i c h    a n d e u t e n d e n
       n e u e n    M ö g l i c h k e i t e n    m e n s c h l i c h e r
       S u b j e k t e n t w i c k l u n g   a u f z u d e c k e n.  Er-
       weiterung und Behinderung von Entwicklung werden so als zwei Sei-
       ten desselben  Prozesses zugänglich.  Ausgehend von einem solchen
       Entwicklungsverständnis wird  der Bewertungsmaßstab  für das, was
       in   einer    bestimmten   Lebenssituation    "menschlich"   oder
       "unmenschlich" ist,  der historischen  Situation angemessen sein.
       In diesem  Zusammenhang geht  es nun darum, Formen der Partizipa-
       tion und  des Ausschlusses  zwischen  individueller  und  gesell-
       schaftlicher Reproduktion zu bestimmen. Es stellt sich die Frage,
       welche Anteile gesellschaftlicher Subjektivität in die jeweiligen
       individuellen Lebenszusammenhänge  eingehen, welche  anderen  An-
       teile verlorengehen.
       Ganz allgemein  können wir davon ausgehen, daß sich die Beziehun-
       gen zwischen  individuellem und gesellschaftlichem Leben im Laufe
       der Geschichte  ausdifferenzieren: Von  der universellen Teilhabe
       des einzelnen am Gemeinschaftsleben in den frühen Gemeinwesen bis
       zur extremen  Partialisierung dieser Teilhabe in der Arbeit eines
       modernen Fabrikarbeiters  bildet sich  - sozusagen zwischen stei-
       gender Vergesellschaftung auf der einen und zunehmender Individu-
       ierung auf  der anderen Seite - eine immer differenziertere Kette
       von Vermittlungsschritten  aus. Diesen  Prozeß bezeichnen wir als
       Vergesellschaftung des erwachsenen Menschen in sozialgeschichtli-
       cher Perspektive.  Er beinhaltet Trennungen zwischen ehemals ver-
       bundenen Lebensbereichen  und ihre Aufhebung, Behinderung und Er-
       weiterung von  Entwicklung. Das  Verhältnis von individueller und
       gesellschaftlicher Subjektivität  soll diesen Doppelcharakter von
       Entwicklung für  die jeweiligen  Reproduktionszyklen deutlich ma-
       chen.
       
       4. Zum Stellenwert historischer Tätigkeitsanalysen
       --------------------------------------------------
       
       Wenn wir uns die geschichtliche Entwicklung der Tätigkeit genauer
       ansehen, wird  deutlich, daß  scheinbar vergangene  Entwicklungen
       auch in  unserer eigenen Lebenswirklichkeit noch eine Rolle spie-
       len. So  würde beispielsweise ein Vergleich der Arbeit altägypti-
       scher Bauern  und Pyramidenarbeiter mit der modernen Industriear-
       beit Parallelen  und Unterschiede in den Strukturen der Orientie-
       rung/Motivation kenntlich machen, die sich als Entwicklungsstufen
       einer wachsenden  Vergesellschaftung durch  Abstraktion  von  den
       stofflichqualitativen Anteilen  der Arbeitstätigkeit interpretie-
       ren lassen  (vgl. hierzu Kuckhermann, Wigger-Kösters, 1985a). Die
       Erarbeitung eines  Mehrprodukts (Stufe  1), die direkte Orientie-
       rung auf  den Zusammenhang zwischen Arbeit und Versorgung, in der
       der Gegenstand  der Arbeit  in den  Hintergrund tritt (Stufe 2) -
       das sind  Entwicklungsmomente der  Tätigkeit, die bereits von den
       Bauern und  Arbeitern des pharaonischen Ägypten (und anderer frü-
       her Hochkulturen)  hervorgebracht wurden,  und die noch heute von
       ungebrochener Gültigkeit  sind. Die Vermittlung hiermit verbunde-
       ner Beziehungen  über die Ware, das Geld, das Privateigentum usw.
       (Stufe 3)  deutet auf  wesentliche Formen  der  Weiterentwicklung
       hin, die sich über die Tätigkeit der mittelalterlichen Handwerker
       und Kaufleute  bis zur Lohnarbeit in der modernen Industrie nach-
       vollziehen lassen  (ebd., S.  257 ff und 367 ff). Dies ist zu be-
       rücksichtigen, wenn  wir uns  mit Problemen der Arbeitsmotivation
       heute auseinandersetzen,  vor allem,  wenn wir  die Möglichkeiten
       der Veränderung, Weiterentwicklung und Bewältigung "moderner" Mo-
       tivationsformen abwägen:  In ihnen werden Motivationsprobleme mit
       u n t e r s c h i e d l i c h e m         h i s t o r i s c h e m
       U r s p r u n g  wirksam.
       Wir haben  es hier  mit  einem  Phänomen  zu  tun,  das  wir  als
       "historische Brechung"  unserer eigenen  Lebenszusammenhänge  be-
       zeichnen wollen:  Das soziale Erbe einer Gesellschaft, die ökono-
       mischen, technischen,  kulturellen und  religiösen  Produktionen,
       die die Geschichte im Laufe von Jahrtausenden hervorgebracht hat,
       wird im  Ensemble der  Tätigkeiten aller  Gesellschaftsmitglieder
       aktualisiert, belebt,  erweitert und  verändert - bis auf die An-
       teile, die  verlorengehen und zu "Residuen der Geschichte" werden
       (Lefebvre, 1975).  Nehmen wir  die Gegensätze von Stadt und Land,
       Hand und  Kopf, Arbeit  und Gebrauch, Gebrauchswert und Wert, An-
       eignung und  Enteignung, Zentrum und Peripherie, um nur einige zu
       nennen. Sie  gehören zu unserem sozialen Erbe und sind unter ver-
       schiedenen historischen Bedingungen entstanden, älteren oder jün-
       geren Ursprungs, historisch elementarer oder spezifischer. Zu ei-
       nem gegebenen  Zeitpunkt in  einer gegebenen  Gesellschaft werden
       sie durch den "tätigen Lebenszusammenhang" dieser Gesellschaft in
       ein hochspezifisches,  historisch  einmaliges  Zusammenspiel  ge-
       bracht. In diesem "neuen" Zusammenspiel werden die "alten" Gegen-
       sätze -  die Produktionen der Geschichte - wieder wirksam. Es ist
       das, was wir als Ungleichzeitigkeiten verschiedener Lebensweisen,
       verschiedener  Handlungszusammenhänge   oder  auch  verschiedener
       Handlungsebenen in einer Tätigkeit bezeichnen können.  T ä t i g-
       k e i t s a n a l y s e   i s t   s o m i t  a l s  A n a l y s e
       d e s  h i s t o r i s c h e n  W i r k u n g s f e l d e s  e i-
       n e r   T ä t i g k e i t  z u  v e r s t e h e n.  Dabei besteht
       die berechtigte  Vermutung, daß  man die  früheren, allgemeineren
       Wirkungsebenen einer  Tätigkeit am  genauesten  dort  analysieren
       kann, wo  sie ihren  Ursprung haben:   i m   R a h m e n    d e r
       h i s t o r i s c h e n   S i t u a t i o n ,  i n  w e l c h e r
       s i e   e n t s t a n d e n   s i n d.   Von  Interesse  ist  nun
       allerdings nicht nur der historische  V e r g l e i c h,  sondern
       auch der  E n t w i c k l u n g s v e r l a u f  m e n s c h l i-
       c h e r  Subjektivität, sozusagen die Richtung, in die wir gehen.
       Am Beispiel  der Motivation  läßt sich zeigen, daß die Bauern und
       Pyramidenarbeiter in  den alten Hochkulturen erst am Anfang einer
       Entwicklung stehen,  die wir als zunehmende Lösung der Motivation
       von den  stofflich-qualitativen Lebensbedingungen interpretieren.
       Ähnlich wie  die Formen  des Denkens zeichnen sich die Formen der
       Motivation durch  eine stufenweise  Abstraktion gegenüber  diesen
       Lebenszusammenhängen   aus,   was   nicht   bedeutet,   daß   die
       "Stofflichkeit des  Lebens" keine  Rolle mehr spielt, sondern daß
       sich das Verhältnis der Menschen zu ihr entwickelt - der größeren
       Distanz entspricht  ja gerade  die erweiterte  Möglichkeit  ihrer
       Aneignung. Therapeutisches  und politisches  Handeln  wären  zwei
       Ausdrucksformen solcher  Aneignungsversuche. Daß dieser reale Ab-
       straktionsprozeß, der  über die  gegenständliche Struktur der Tä-
       tigkeit Eingang  in die  menschliche Orientierung  findet,  immer
       auch mit  Verlust an "unmittelbar gelebtem Leben" einhergeht, daß
       er sich in entfremdeten Formen vollzieht, macht es oft schwierig,
       hinter diesen  Formen und  hinter den offensichtlichen Verlusten,
       die er  mit sich  bringt, noch die bereichernden Möglichkeiten zu
       sehen, die  in der  Entwicklung entstehen.  Daß beispielsweise in
       der Wertform  der Arbeitskraft mehr steckt als der Zwang, die ei-
       genen Fähigkeiten, die eigene Subjektivität zu Verkaufszwecken zu
       instrumentalisieren, wird  eigentlich erst im historischen Zusam-
       menhang sichtbar. Man erkennt, daß der immense Distanzierungspro-
       zeß zum  eigenen Produktivvermögen,  der in  der  "marktgerechten
       Präsentation" der  eigenen Arbeitskraft  den ganzen  Menschen be-
       trifft, den Leib ebenso wie den Kopf, das Denken wie das Wünschen
       und Wollen, der eine Selbst-Darstellung zu Verkaufszwecken erfor-
       dert, die  man zu Recht als Degradierung und Instrumentalisierung
       des Selbst  zum Zwecke  seiner Verkäuflichkeit  bezeichnen kann -
       daß also  dieser ganze  Prozeß zunehmender    Selbst i n s t r u-
       m e n t a l i s i e r u n g  zum ersten Mal in der Geschichte die
       Möglichkeit einer  Selbst a n e i g n u n g  für breite Teile der
       Bevölkerung  überhaupt  denkbar  macht.  Aus  einem  persönlichen
       Privileg  weniger  herausragender  Menschen  wird  eine  konkrete
       Utopie für  viele. Auch  das hätte eine Analyse der Lohnarbeit zu
       berücksichtigen.
       Die historische  Untersuchung trägt nicht nur dazu bei, defizito-
       rientierte Tätigkeitsanalysen  zu überwinden,  sie  läßt  darüber
       hinaus Entwicklungszüge bzw. eine Entwicklungslogik erkennen, die
       sich   s t r u k t u r e l l   in der  Entwicklungsgeschichte der
       Persönlichkeit - in der Ontogenese - wiederfindet. Der Abstrakti-
       onsprozeß der  Motivation wäre  hierfür ein  Beispiel. Wir finden
       hier eine  zweite Form  der "historischen  Brechung":  Die  Viel-
       schichtigkeit eines  konkreten Lebenszusammenhangs entsteht nicht
       nur aus der Teilhabe eines Menschen an den verschiedenen histori-
       schen Wirkungsebenen des sozialen Erbes (horizontale Ebene), son-
       dern darüber  hinaus aus  der Reaktualisierung verschiedener Ent-
       wicklungsstufen der  eigenen Lebensgeschichte  in einer Tätigkeit
       (vertikale Ebene  des individuellen  Lebenszusammenhangs).  Poin-
       tiert gesagt:  Gelebt wird  keinesfalls nur  auf der  "höchsten",
       "neuesten" oder  "letzten" Stufe der eigenen Entwicklung, sondern
       auf verschieden elementaren Stufen zugleich - eben ganz, nicht in
       Teilfunktionen. Nun  stellt die  Individualgeschichte  des  Hand-
       lungsaufbaus zwar keine Wiederholung der Sozialgeschichte der Tä-
       tigkeit   dar,    aber   es    finden   sich        a n a l o g e
       P r i n z i p i e n.   Diese betreffen  etwa den Aufbau von sozi-
       aler Nähe  und Distanz, Selbstverständlichkeit und Vermitteltheit
       der Lebenszusammenhänge,  Zentrierung und Ausweitung der Handlun-
       gen, Abstraktionen des Denkens und der Motivation. Auch hier kön-
       nen wir  davon ausgehen,  daß den  jeweils älteren, daher elemen-
       tareren Stufen  eine eigenständige  Rolle im  späteren Leben  zu-
       kommt.
       Dies wird  leicht nachvollziehbar,  wenn wir uns die so alltägli-
       chen wie komplizierten Probleme enger Freundschafts- oder Liebes-
       beziehungen ansehen. Die Entwicklung einer einfühlsamen Art, sich
       einen anderen Menschen zum Gegenstand (!) eigenen Handelns zu ma-
       chen, umschließt  viele Stufen  der (körperlichen, geistigen, so-
       zialen, emotionalen)  Nähe und  Distanz und läßt sich keinesfalls
       allein aus  der Fähigkeit  zum Aufbau gegenseitiger Kooperations-
       perspektiven erklären, einer relativ späten Entwicklungsstufe der
       Lebensgeschichte. Gerade  weil hier von Bedürfnissen nach elemen-
       tarster körperlicher  Nähe bis hin zu politischen, beruflichen o.
       ä. weitreichenden  gemeinsamen Interessen  die verschiedenen Ebe-
       nen, auf denen das Leben "lebt", zusammenwirken, lassen sich auch
       Probleme wie  Eifersucht und Neid (selbst wenn sie rational unbe-
       gründet erscheinen)  nicht auf einer dieser Ebenen allein verste-
       hen und  lösen (z.  B. durch rationale Einsicht in das psychische
       Geschehen). 9)  Das Zusammenwirken  mehrerer historischer  Ebenen
       des gesellschaftlichen  und individuellen Lebens in der Tätigkeit
       eines Menschen  - so  unsere Hypothese  - ist  der Grund  für die
       "aktuelle Bedeutung"  historischer Fakten  und damit für das Ver-
       stehen unseres Lebens.
       
       5. Weitergehende Überlegungen zu einer psychologischen
       ------------------------------------------------------
       Analyse der Tätigkeit
       ---------------------
       
       Wir werden  im folgenden einige Vorüberlegungen zu der Frage dar-
       legen, inwieweit eine Analyse der Tätigkeit im Rahmen der Persön-
       lichkeitsforschung anwendbar  ist. Obwohl eine systematische Ver-
       mittlung zwischen Methodik und Theorie in der Tätigkeitspsycholo-
       gie noch  aussteht, rechtfertigt  der erreichte  Diskussionsstand
       doch den  Versuch, das Konzept der gegenständlichen Tätigkeit für
       Fragen der psychologischen Praxis zugänglich zu machen.
       In der bisherigen Darstellung haben wir uns auf allgemeine Formen
       der Orientierung, Identität usw. beschränkt. Wir haben nach typi-
       schen Formen der Subjektentwicklung gefragt, nicht nach persönli-
       chen. Damit  sind wir weitgehend im Bereich sozialpsychologischer
       Fragestellungen geblieben.  Unsere Ausgangshypothese für die fol-
       genden Überlegungen  ist nun,  daß  wir  eine  im  engeren  Sinne
       p s y c h o l o g i s c h e   Analyse der  Tätigkeit zwar "im An-
       schluß"  an   ihre  sozialpsychologisch-historische  Untersuchung
       durchführen, also  auf deren Ergebnissen aufbauen können, daß wir
       auch weiterhin  mit unserem  kategorialen Konzept - Tätigkeitszu-
       sammenhänge als  Reproduktionszyklen (nun allerdings: der Persön-
       lichkeit) -  arbeiten können, daß wir jedoch unsere bisherige Art
       der  Fragerichtung  umkehren  und  damit  einen    m e t h o d i-
       s c h e n   W e c h s e l   vornehmen müssen.  Wir  fragen  nicht
       einfach:  Wie   wirken  die  sozialen,  die  "durchschnittlichen"
       Merkmale und  Bedeutungen der Tätigkeit in den Lebenszusammenhang
       eines einzelnen Menschen hinein? Eine solche Fragestellung trifft
       lediglich   e i n e  Dimension der Persönlichkeitsentwicklung, in
       der  die   Persönlichkeit  (oder  Individualität)  letztlich  als
       "Endpunkt"  einer   immer  weitergehenden    S p e z i f i z i e-
       r u n g  s o z i a l e r  L e b e n s b e d i n g u n g e n  auf-
       zufassen  ist.   Wir  fragen   vor  allem:  Welche  sozialen  und
       persönlichen Tatsachen  werden im  tätigen Leben  eines  Menschen
       g e s c h a f f e n!   Und: welche  dieser Produktionen  sind von
       ihm/ihr intendiert,  welche nicht? Welche sind ihm/ihr bedeutsam,
       welche erscheinen  eher unbedeutend?  Und: Wie  genau sieht  ihre
       persönliche Bedeutung  aus? Mit  einer weiteren  Frage kommen wir
       schließlich zum  vorläufigen Abschluß  unserer Überlegungen:  Wie
       ist das Verhältnis zwischen den gesellschaftlich notwendigen, den
       "im   Durchschnitt"   zu   realisierenden   Formen   menschlicher
       Subjektivität -  die sich  als Anforderungsprofil fassen lassen -
       zu den  tatsächlichen, den persönlichen Reproduktionsformen eines
       Menschen? Erst  in  dieser  Beziehung  offenbart  sich  das,  was
       Politzer das  Drama des  Lebens nannte  und was  bei Leontjew die
       Dramatik des individuellen Bewußtseins ausmacht.
       Wir schlagen vier Untersuchungsschritte vor (vgl. auch Abb. 2):
       1. Festlegung, welche  Tätigkeiten die Reproduktion des persönli-
       chen Lebens  konstituieren und  ihre Analyse  auf dem Hintergrund
       der persönlichen Lebenssituation,
       2. Erfassen persönlicher  Gewichtungen in diesem Tätigkeitszusam-
       menhang,
       3. Aufschlüsseln der  persönlichen Bedeutung/Sinnbildung  der Tä-
       tigkeiten,
       4. Untersuchung der  Übergänge: durchschnittliche  -  persönliche
       Formen der Subjektivität, Faktizität - Bedeutungsstruktur im per-
       sönlichen Leben.
       
       1. Schritt: Was jemand tut -
       ----------------------------
       Lebenszusammenhang als tätige Verortung
       ---------------------------------------
       
       Ausgangspunkt aller  weiteren Überlegungen  ist die scheinbar ba-
       nale Frage, was ein Mensch tatsächlich tut, welche Tätigkeiten zu
       seinem Reproduktionszyklus gehören. Mit dem, was ich tue, schaffe
       ich die  "Fakten" meines Lebens, die sozialen ebenso wie die per-
       sönlichen. Meinen  Tätigkeiten liegen eine Reihe von Entscheidun-
       gen zugrunde,  die durch die äußeren Anforderungen zwar hervorge-
       rufen, nicht aber bereits determiniert sind. In ihnen drückt sich
       letztlich auch  der Kompromiß  zwischen den Anforderungen und den
       Intentionen des tätigen Lebens aus.
       Die Frage  nach den  Tätigkeiten eines Menschen verfolgt zunächst
       das Ziel, die Verbindung zur sozialpsychologischen Analyse herzu-
       stellen: Der  Handlungszusammenhang eines Menschen definiert das,
       was in  der sozialwissenschaftlichen  Literatur als  L e b e n s-
       s i t u a t i o n   bezeichnet  wird.  Kein  Mensch  ist  einfach
       "Fabrikarbeiter"  oder   "Kopfarbeiter"  oder   "Hausfrau"   oder
       "Schüler" -  er ist  das eine  oder das  andere nur in  e i n e m
       b e s t i m m t e n,   f ü r  i h n  s p e z i f i s c h e n  Le-
       benszusammenhang. Auch  der in  einem Leben realisierte Sozialzu-
       sammenhang ist  Ausdruck einer  einmaligen  Lebenssituation.  Ein
       Lohnarbeiter arbeitet  in einem  bestimmten Betrieb  an einer be-
       stimmten Aufgabe, zusammen mit ein paar - sicherlich "einmaligen"
       - Arbeitskollegen, lebt in  s e i n e r  Familie, geht in "seine"
       Kneipe, hat   s e i n e   Hobbys usw. Der erste Schritt einer Tä-
       tigkeitsanalyse ist nun die Erfassung und Analyse der dominieren-
       den Lebensbereiche  eines Menschen,  an denen er mit seinen Hand-
       lungen partizipiert.  Betriebsstruktur, Arbeitsinhalte, Wohn- und
       Familienverhältnisse, Aktivitäten  im Freizeitbereich - das wären
       einige Stichworte,  die die  Richtung zeigen.  Es geht auf dieser
       Ebene noch  ganz um  die   s o z i a l e n   F a k t e n    d e s
       p e r s ö n l i c h e n  L e b e n s.
       Da es sich hier noch um eine Spezifizierung der sozialpsychologi-
       schen Untersuchung  handelt, können wir methodisch gesehen direkt
       an unsere  Ausführungen im  3. Kapitel  anschließen. Gegenstands-
       und Handlungsprozeßanalyse folgen den drei Ebenen:
       - Stofflich-qualitative Merkmale der jeweiligen Tätigkeit,
       - Sozialform, spezifiziert auf die sozial-institutionellen Bedin-
       gungen der Lebenssituation,
       - Individualform, spezifiziert  auf den Reproduktionszusammenhang
       des Individuums in einer bestimmten Lebenssituation.
       Die Beziehungsanalyse fragt nach den direkten und gegenstandsver-
       mittelten Kooperationsbeziehungen und nach der Beziehungsstruktur
       in Familie,  Freundeskreis und  weiteren Kontakten  außerhalb des
       Arbeitslebens.
       
       2. Schritt: Momente persönlicher Strukturierung in der Tätigkeit
       ----------------------------------------------------------------
       
       In seiner  Lebenssituation erscheint  ein Mensch  zwar als Träger
       sehr spezifischer  Identitäts- oder Subjektformen, zu denen eben-
       falls spezifische  Formen der  Handlungs- und  Lebensorientierung
       gehören, und  doch wird es in der Regel noch eine ganze Reihe an-
       derer Menschen  geben -  z. B. die Arbeitskollegen -, deren Leben
       in sehr  ähnlichen Bahnen  verläuft. Um nun die ersten Spuren der
       Persönlichkeit eines  Menschen aufzudecken,  gehen wir  von einem
       hypothetischen Gedankengang aus:
       Kein Leben besteht nur aus Tätigkeiten, die innerhalb der Lebens-
       situation notwendig  werden. Der  Tätigkeitszusammenhang, in  dem
       sich ein  Mensch reproduziert, ist immer auch Ausdruck einer per-
       sönlichen Lebensorganisation. Die Frage "Was tut jemand?" ist da-
       her nicht  zuletzt eine  Frage nach  den persönlichen Interessen,
       den "Schwerpunktbildungen"  in der Tätigkeit, die eine solche Ge-
       staltung des  eigenen Lebens  ausmachen. Hierzu  gehören auch die
       zeitlichen Verhältnisse, in denen bestimmte Tätigkeiten auftreten
       - soweit  sie individuell zu disponieren sind. Fragen der  Tätig-
       keits v i e l f a l t,   des Verhältnisses von Routine und Verän-
       derung, Ruhe  und Aktion,  Beziehungsdichte und Einsamkeit in den
       gewählten Tätigkeiten  spielen hier  eine wichtige  Rolle, ebenso
       wie die  Frage, welche Tätigkeiten offensichtlich an den Rand ge-
       drängt oder  ganz vermieden  werden. 11) Dies sind sicherlich nur
       einige Fragen,  die einer weiteren Systematisierung bedürfen, vor
       allem auch einer empirischen Erprobung, denn Forschungen zum täg-
       lichen Leben  als Tätigkeitszusammenhang  sind eher noch die Aus-
       nahme.
       
       3. Schritt: Die Geschichten des Tuns - Bedeutungs- und
       ------------------------------------------------------
       Sinnbildung in der Tätigkeit
       ----------------------------
       
       Tätigkeitsanalyse ist immer auch Bedeutungsanalyse, und der Wech-
       sel von  der sozialpsychologischen  zur  persönlichkeitstheoreti-
       schen Untersuchungsebene  stellt sich daher auch als Übergang von
       den durchschnittlich-individuellen  zu den persönlichen Bedeutun-
       gen einer  Tätigkeit dar.  Gelebt wird  persönlich, nicht  durch-
       schnittlich. Deshalb  sind die durchschnittlich zu realisierenden
       Bedeutungen einer Tätigkeit lediglich  e i n e  Wirkungsebene in-
       nerhalb des Systems der persönlichen Bedeutungen.
       
       Bild ansehen
       Abbildung 2: Psychologische Analyse der Tätigkeit
       
       Entsprechend unserer bisherigen Vorgehensweise bezeichnen wir mit
       den  persönlichen  Bedeutungen  die    F u n k t i o n    o d e r
       L o g i k   e i n e r    b e s t i m m t e n    T ä t i g k e i t
       (i h r e s   G e g e n s t a n d e s)   i n n e r h a l b   d e r
       R e p r o d u k t i o n  d e r  P e r s ö n l i c h k e i t.
       Der Begriff  der persönlichen  Bedeutungen kommt  dem  nahe,  was
       Leontjew als  persönlichen Sinn  begreift: Unabhängig  davon, wie
       die Motive  dem Subjekt  bewußt  werden,  besteht  ihre  Funktion
       darin, "daß  sie sozusagen die Lebensbedeutung der objektiven Be-
       dingungen und  Handlungen des  Subjekts unter  diesen Bedingungen
       für das  Subjekt 'werten',  ihnen persönlichen  Sinn geben, einen
       Sinn, der nicht unmittelbar mit der erfaßten objektiven Bedeutung
       übereinstimmt." (Leontjew, 1982, S. 145) 12)
       Wir können  sagen, daß  das System  der persönlichen  Bedeutungen
       (bzw. der persönlichen Sinnstrukturen) das "semantische Feld" ab-
       steckt, in  welchem sich die Persönlichkeit eines Menschen repro-
       duziert. Als  "gewertete Lebensbedeutungen" sind sie zugleich auf
       die  L e b e n s g e s c h i c h t e  wie auf das  A l l t a g s-
       l e b e n   eines Menschen  bezogen  (vertikale  und  horizontale
       Ebene des  semantischen Feldes).  Ihre Erforschung stellt uns nun
       vor Probleme,  die eine  Erweiterung des  bisherigen methodischen
       Ansatzes erfordern.  Konnten wir  bisher davon ausgehen, daß sich
       die wesentlichen  Formen individueller  Subjektivität bis  hin zu
       spezifischen Lebenssituationen  aus der gegenständlichen Struktur
       der Tätigkeit, aus den Spuren, die sie hinterläßt, rekonstruieren
       lassen,  konnten  wir  uns  also  bisher  als  äußere  Beobachter
       Tätigkeitszusammenhänge "ansehen" und bezüglich ihres Bedeutungs-
       gehaltes auswerten,  so stellen wir nun fest, daß uns ein solches
       Vorgehen bei  einer Rekonstruktion  der   p e r s ö n l i c h e n
       Bedeutungen,  die   in  eine   Tätigkeit  eingehen,   wesentliche
       Informationen nicht mehr erschließt.
       Der tiefere Grund für die hier auftretenden methodischen Probleme
       liegt darin, daß es neben der "Nichtübereinstimmung" zwischen den
       objektiven Bedeutungen  und dem persönlichen Sinn einer Tätigkeit
       (ihrer gegenständlichen  Struktur) eine ähnliche Erscheinung  i m
       B e r e i c h     d e s    p e r s ö n l i c h e n    L e b e n s
       s e l b s t  gibt: Die persönlichen  B e d e u t u n g e n  gehen
       nicht restlos in den  F a k t e n  auf, die das Subjekt in seinen
       Tätigkeiten schafft.  Jeder Mensch hat nicht nur eine (faktische)
       Geschichte, eine  Biographie, sondern  er "hat"  diese Geschichte
       nur in  den Geschichten seines Lebens. Ebenso lebt er seinen All-
       tag nicht  nur in einem System von Handlungen, sondern immer auch
       in den Geschichten darüber, die es ihm erlauben, sein Leben unter
       verschiedenen Gesichtspunkten  (das sind:  Bedeutungsraster  oder
       Sinnstrukturen) zu  betrachten, zu  erzählen, darzustellen. Hand-
       lungen schaffen  definitive Fakten, und diese Fakten bedürfen ei-
       ner inneren  Strukturierung, eines  Sinnzusammenhangs, der in den
       Festlegungen der äußeren Tätigkeit nicht restlos aufgeht, der sie
       daher für  das Individuum auch im Nachhinein noch interpretierbar
       und gestaltbar  macht. "Wir  leben in  und aus Geschichten. Unser
       Handeln verläuft  analog zu  den Strukturierungen und Organisati-
       onsmustern von  Literatur, auch wenn es anderen als  'nur' seeli-
       schen Gesetzen  unterworfen ist, aber es schafft dabei die Fakten
       des definitiven  Lebens. Es ist die Aufgabe unserer Geschichten -
       der Geschichten, in denen wir verstrickt sind - aus diesen Fakten
       etwas zu machen, ihnen Bedeutungen zu verleihen." (Seifert, 1984,
       S. 34)  Auf einen  Satz gebracht: "Es gibt ein Verlangen nach Ge-
       schichten, 'weil  Erfahrung, die  sich nicht (in Geschichten) ab-
       bildet, kaum  auszuhalten ist'."  (Max Frisch,  zit. n.  Seifert,
       1984, S. 27)
       Die Geschichten  eines Lebens  - angefangen beim Familiengespräch
       am Mittagstisch  bis hin  zu den  Geschichten der  Literatur  und
       Dichtung - sind Sinnbildungen, in denen sich der Tätigkeitszusam-
       menhang eines  Menschen wiederfindet, nicht faktisch, sondern als
       "disponibler Gegenstand"  im System der persönlichen Bedeutungen.
       Das Darstellen  von Sinnstrukturen nach dem Prinzip der "kleinen"
       Geschichte ist  eine spezifisch menschliche Orientierungsleistung
       auf dem Handlungsniveau der Persönlichkeit. Neben den Fakten, die
       das persönliche Leben schafft (vgl. den 2. Untersuchungsschritt),
       gehört das  Erfassen solcher  Geschichten u.  E. unverzichtbar zu
       einer psychologischen Analyse der Tätigkeit.
       Wenn wir  vorschlagen, das  bisherige methodische Vorgehen zu er-
       weitern, um das "Prinzip Geschichte" mit in die Untersuchung auf-
       zunehmen, so bedeutet das nicht, daß wir damit den Rahmen der Tä-
       tigkeitsanalyse verlassen.  Geschichten werden gedacht, geträumt,
       erzählt, gespielt  oder auf eine andere Art dargestellt. Sie sind
       Gegenstand spezifischer innerer und äußerer Tätigkeiten, und erst
       auf einem solchen Verständnishintergrund enthüllen sie ihre wirk-
       liche Bedeutung im Rahmen der Reproduktion der Persönlichkeit. Es
       geht also  nicht darum,  einfach die  Geschichten eines  Menschen
       (welche z.  B.?) zu analysieren, es geht um die Einbeziehung sol-
       cher Tätigkeiten,  in denen das "Prinzip Geschichte" wirksam ist,
       in denen also Sinnbildungen explizit zum Gegenstand der Tätigkeit
       werden. Wir  wollen  diese  Tätigkeiten  unter  dem  Begriff  der
       d a r s t e l l e n d e n  T ä t i g k e i t  zusammenfassen.
       Ein einfaches  und für  die Untersuchungssituation typisches Bei-
       spiel ergibt  sich aus  dem Kontext eines Interviews. Bereits die
       Frage nach  einem "normalen"  Tagesablauf führt zu einer Antwort,
       die darstellenden  Charakter hat,  in der der Alltagszusammenhang
       nicht "sachlich",  sondern mit  (nachträglichen) persönlichen Ge-
       wichtungen, Auslassungen, Verschiebungen, Ausbreitungen, also auf
       dem Hintergrund persönlicher Sinnbildungen entworfen wird. Je of-
       fener das Interview, desto stärker kommt das "Prinzip Geschichte"
       zur Geltung.  Es wird  deutlich, daß  sich eine Tätigkeitsanalyse
       auf Beobachtung des faktischen Lebenszusammenhangs ebenso stützen
       muß wie  auf seine  Darstellung durch  den "Probanden".  Der For-
       schungsprozeß ist  auf  die  Kooperation  zwischen  Forscher  und
       (selbst-darstellenden) Betroffenen  angewiesen.  Persönlichkeits-
       analyse ist immer auch Selbstanalyse.
       In  der  psychologischen  Praxis  sind  verschiedene  Formen  der
       selbst- oder  sinn-darstellenden Tätigkeit  gebräuchlich.  Hierzu
       gehört das  Interview ebenso wie die Zeichnung eines fünfjährigen
       Kindes, in  der es  seine Familie  darstellt, die  therapeutische
       Analyse so  gut wie  das Geschichten-erzählen im Thematischen Ap-
       perzeptionstest (hierzu  Seifert 1984).  Jedes  dieser  Verfahren
       führt zu  eigenen Formen der Selbstdarstellung und enthüllt damit
       andere Ebenen  des Systems  der persönlichen  Bedeutungen. Unsere
       Hypothese ist, daß sich in der Tätigkeitsanalyse ein methodisches
       Konzept findet,  mit dessen Hilfe sich diese Verfahren ordnen und
       in die  Untersuchung der  sozialen und individuellen Reproduktion
       menschlicher Subjektivität  integrieren lassen.  Dies  geschieht,
       indem die  verschiedenen Formen der (experimentellen oder sponta-
       nen) Selbstdarstellung  als gegenständliche Tätigkeiten interpre-
       tiert und  analysiert werden. Wir fragen bei jedem der angewende-
       ten Verfahren  also nach dem  G e g e n s t a n d  der in ihm er-
       folgenden Handlungen,  nach den Merkmalen des Darstellungsprozes-
       ses und  nach der  Eigenart der  jeweils  eingegangenen  sozialen
       B e z i e h u n g e n.   Auf diese  Weise wird überhaupt erst be-
       stimmbar, auf welcher Ebene die verschiedenen Tätigkeiten- Zeich-
       nen, Berichten, Erzählen, oral history, therapeutisches Gespräch,
       experimentelle Versuchsanordnung  usw. -  "greifen", wird die Tä-
       tigkeitsanalyse zu einem Raster, das eine Ordnung der in der psy-
       chologischen Praxis scheinbar beliebig nebeneinanderstehenden Un-
       tersuchungsverfahren erlaubt.
       Um noch  einmal auf das Interview zurückzukommen: Im Rahmen eines
       größeren Forschungsprojektes  wurden zur  Erfassung der zentralen
       Motive jugendlicher Schüler neben einer sozialpsychologischen Tä-
       tigkeitsanalyse ein halboffenes Interview und bei einer kleineren
       Kontrollgruppe der  Thematische  Apperzeptionstest  als  Untersu-
       chungsverfahren eingesetzt. Eine erste Sichtung des Materials er-
       gab in  mehreren Fällen  auffällige "Gegensätze" zwischen den Er-
       gebnissen des  Interviews und  des TAT. Schüler, die im Interview
       starke Tendenzen  zu Selbständigkeit, Integration in einen Freun-
       deskreis und  Teilnahme an  zahlreichen Aktivitäten erkennen lie-
       ßen, thematisierten  im TAT  deutliche Trennungs- und Verlassens-
       eins-Konflikte. Daß  sich diese  Ergebnisse  nicht  ausschließen,
       sondern im  Gegenteil sehr deutlich das Entwicklungsthema des Ju-
       gendalters zeichnen  - Alleingelassenwerden  als eine  Seite  der
       Entwicklung zu  neuer sozialer  Selbständigkeit -  wird verständ-
       lich, wenn man nicht einfach einen inhaltlichen Vergleich der Un-
       tersuchungsergebnisse vornimmt,  sondern Interview  und  TAT  als
       zwei verschiedene  Formen der darstellenden Tätigkeit analysiert.
       Während im  Interview das  eigene Leben  in einer Art erzählender
       Berichterstattung dargestellt  wird, in  welcher der  Interviewer
       als  Publikum   fungiert,  für   dessen  Ohren   bestimmte  Dinge
       "geeignet" sind,  andere nicht,  geht es im TAT um "irgendwelche"
       ausgedachten Geschichten  zu "irgendwelchen" Bildern, die mit dem
       eigenen Leben  nicht unmittelbar  in Verbindung stehen. Es verän-
       dert sich also der  G e g e n s t a n d  der darstellenden Tätig-
       keit, mit  ihm der  Darstellungsprozeß und  in der Folge auch die
       Funktion der  sozialen  B e z i e h u n g,  die durch die Testsi-
       tuation gegeben  ist. Mithin liegen auch die  E r g e b n i s s e
       auf einer anderen Ebene der persönlichen Bedeutungsproduktion.
       Fassen wir  die bisherigen  Überlegungen zusammen: Weder im Leben
       noch in der Persönlichkeitsforschung interessieren uns allein die
       Fakten, die  durch die  Handlungen eines Menschen geschaffen wer-
       den. Es interessiert uns vor allem auch die Frage, wie er zu die-
       sen Fakten steht, besser gesagt, wie er sich zu ihnen stellt. Im-
       mer wieder  ordnen wir diese Fakten zu sinnvollen Zusammenhängen,
       und es  ist das Prinzip der "kleinen" Geschichte, das dieser Ord-
       nungstätigkeit entspricht. Es kommt in den (selbst-)darstellenden
       Tätigkeiten des Alltagslebens ebenso zur Geltung wie in verschie-
       denen diagnostischen  Verfahren der  psychologischen Praxis.  Den
       gezielten Einsatz  solcher gebräuchlichen Verfahren können wir im
       Rahmen dieses  Aufsatzes ebensowenig  darlegen wie  die  mögliche
       Entwicklung neuer  Verfahren. Er hängt nicht zuletzt auch von den
       speziellen Forschungsinteressen  bzw. vom Ziel einer Untersuchung
       ab. Wir kommen jedoch im Rahmen unserer methodischen Überlegungen
       zu dem  Schluß, daß  die Auswertung  darstellender Tätigkeiten in
       eine persönlichkeitsorientierte Tätigkeitsanalyse einbezogen wer-
       den sollte  und daß dies wiederum auf der Grundlage des Konzeptes
       der   gegenständlichen   Tätigkeit   möglich   ist.   Nicht   als
       "psychologische Ergänzung"  zur bisherigen  Analyse, sondern  als
       spezifischer Bestandteil  einer psychologischen  Untersuchung der
       Tätigkeit finden  die darstellenden Tätigkeiten und mit ihnen das
       "Prinzip Geschichte"  ihren Stellenwert im Rahmen der Persönlich-
       keitsforschung.
       
       4. Schritt: Übergänge und Verbindungen - das Leben als Drama
       ------------------------------------------------------------
       
       Obwohl es  sich bei  den vorhergehenden Ausführungen erst um Vor-
       überlegungen handelt, wird doch deutlich, daß sich hier eine Mög-
       lichkeit anbietet,  das in  der historischen Untersuchung entwic-
       kelte methodische Konzept - Untersuchung der menschlichen Subjek-
       tivität auf Grundlage einer Strukturanalyse der jeweiligen Repro-
       duktionstätigkeiten -  fortzuführen. Drei Untersuchungsebenen ha-
       ben sich  herauskristallisiert: Die  Lebenssituation als  soziale
       Grundlage der  Reproduktion der  Persönlichkeit, die persönlichen
       Fakten eines Lebenszusammenhangs und - als ein eigenständiger Tä-
       tigkeitsbereich -  die ständigen  Ordnungs- und Orientierungslei-
       stungen eines Menschen, mit deren Hilfe sich die Fakten eines Le-
       bens nach Maßgabe ihrer persönlichen Bedeutung strukturieren las-
       sen und die wir als die "kleinen Geschichten" des Lebens bezeich-
       net haben.
       In einem letzten Untersuchungsschritt werden nun die Verhältnisse
       der drei Ebenen zueinander thematisiert. Die Frage, inwieweit die
       durchschnittlich zu  realisierenden Formen menschlicher Subjekti-
       vität (Identität,  Orientierung) im  Leben eines  bestimmten Men-
       schen   tatsächlich    bewältigt   werden,   welche   Spannungen,
       "Eigenheiten", Reibungen  und "Verbiegungen" zwischen den äußeren
       Notwendigkeiten und  dem wirklich gelebten Leben auftreten, deckt
       sich mit  dem, was Leontjew als prinzipielle Nichtübereinstimmung
       zwischen den  objektiven Bedeutungen  einer Tätigkeit  und  ihrem
       persönlichen Sinn  bezeichnet hat.  In unserem  Konzept ist damit
       das Verhältnis  des 1.  Untersuchungsschrittes zu den beiden fol-
       genden - persönlichen Fakten und Bedeutungen - beschrieben.
       Hinzu kommt  eine zweite  Ebene des  Übergangs, die  zwischen den
       Fakten und  Bedeutungen des persönlichen Lebens selbst (2. und 3.
       Schritt der Untersuchung) vermittelt. So wie sich der persönliche
       Sinn  "nicht   in  adäquaten   (objektiven,  d.  V.)  Bedeutungen
       'aussprechen' kann"  (Leontjew, 1982,  S. 150),  so geht  er auch
       nicht vollständig  in  den  Fakten  auf,  die  das  tätige  Leben
       schafft. Nicht  alle Intentionen  können sich  in den  Handlungen
       verwirklichen. Die Geschichten, in denen wir unser Leben struktu-
       rieren, und  die Faktizität, mit der wir unsere Handlungen in der
       Welt verorten - in diesem Zusammenspiel wird die zweite Ebene des
       Spannungsfeldes sichtbar,  aus dem  heraus sich  unser Leben  als
       Drama entwickelt,  und hier  liegt der Gegenstand der Psychologie
       der Persönlichkeit.
       
       Ein Beispiel: Möglicherweise ein Zuhause finden in der Arbeit
       -------------------------------------------------------------
       
       Die vorhergehenden  Überlegungen sind in vielfacher Hinsicht noch
       nicht "zu  Ende" gedacht, haben eher den Charakter einer struktu-
       rierten Ideensammlung  als daß  sie eine  methodische  Systematik
       liefern könnten.  Um den wohl zentralen Punkt des vorgeschlagenen
       Konzepts, die Einbeziehung von Geschichten bzw. sinnbildenden Tä-
       tigkeiten, an einem Beispiel zu verdeutlichen, kommen wir zum Ab-
       schluß noch  einmal auf eine kleine Geschichte zurück, die uns im
       Rahmen eines Interviews vorliegt. 13) Um sie zu verstehen, müssen
       wir uns die folgende Situation vor Augen führen:
       Beim Aufbau  einer Rehabilitationswerkstatt werden alle Hände und
       Ideen gebraucht,  auch die  der zukünftigen "Rehabilitanden", die
       bereits in der Vorphase des Projekts mitgearbeitet haben. Es gibt
       noch keine festen, geschweige denn hierarchischen Strukturen; die
       Idee, etwas  Neues aufzubauen,  steht ganz im Mittelpunkt der Ar-
       beit. Das  ändert sich,  als die Aufbau- und Konsolidierungsphase
       des Projektes allmählich abgeschlossen ist und handfeste ökonomi-
       sche Probleme,  auch das Problem der Arbeitsleistung und -motiva-
       tion, gelöst  werden müssen.  In einem  Interview macht einer der
       Mitarbeiter aus  dieser Veränderung seine Geschichte und gibt da-
       mit einen  Einblick in wichtige persönliche Bedeutungen, die sich
       für ihn mit Arbeit und vor allem mit Kooperation verbinden.
       "Ja, das  Gefühl ist  aufgetaucht, als  wir im Betrieb eingezogen
       sind, und  selbst alles  eingerichtet haben,  eingerichtet, ange-
       strichen, die  Wand da  eingebaut. Und dann als alles fertig war,
       von dem Moment an fühlte ich mich dann irgendwie dazugehörig. Ja,
       am stärksten war das eigentlich so die Zeit, als ich auch gefragt
       wurde, so nach Meinungen, daß die Leute sich mit mir auseinander-
       gesetzt, als  die sich  mit mir auch unterhalten haben, der R. so
       nachgefragt hat  und so.  Aber im Moment, als G. (ein anderer Be-
       triebsleiter) so  die Oberhand,  die Sache in die Hand nahm, sich
       irgendwie so  mokierte und  irgendwie so autoritär sich verhalten
       hat, von  dem Zeitpunkt  an finde ich die Atmosphäre so abgekühlt
       und vereist,  und ich kann mich nicht so, ich weiß nicht, irgend-
       wie fühle ich mich da nicht mehr zu Hause, so verlassen, mehr auf
       mich selbst gestellt..."
       In der  Arbeit ein  Zuhause finden, genauer: mitbestimmen können,
       gefragt sein,  als ein  Weg, sich  in einem Betrieb einzurichten,
       der Heimatlosigkeit  in anonymen  Arbeitsstrukturen zu  entgehen,
       das läßt sich hier sicher als ein zentrales "Arbeitsmotiv" erken-
       nen. Allein  aus der  Analyse der äußeren Tätigkeit (die uns wie-
       derum andere  Aufschlüsse gibt) ließe es sich nicht ableiten, ob-
       wohl es  entscheidend in  sie eingeht.  In der  persönlichen  Ge-
       schichte darüber,  im Zusammenhang  von Geschichte und Tätigkeit,
       gewinnt es an Konturen, und es bedürfte nun weiterer Geschichten,
       um die  Bedeutung dieses Motivs (ein Zuhause finden) auch für an-
       dere Lebensbereiche aufzudecken.
       
       Literatur
       ---------
       
       EDER, Klaus:  Die Entstehung staatlich organisierter Gesellschaf-
       ten. Frankfurt  1976. ELI AS, Nobert: Über den Prozeß der Zivili-
       sation. 2 Bände. Frankfurt 1978/79 (1969).
       ERIKSON, Eric H.: Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart 1971 (*4).
       GALPERIN, Pjotr J.: Zu Grundfragen der Psychologie. Köln 1980.
       GODELIER, Maurice:  Ökonomische Anthropologie. Untersuchungen zum
       Begriff der  sozialen Struktur primitiver Gesellschaften. Reinbek
       1973.
       HARTEN, Hans-Christian:  Der vernünftige  Organismus oder gesell-
       schaftliche Evolution der Vernunft. Frankfurt 1977.
       HELLER, Agnes:  Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der in-
       dividuellen Reproduktion. Frankfurt 1978.
       HOLZKAMP, Klaus: Zur kritisch-psychologischen Theorie der Subjek-
       tivität II.  In: Forum  Kritische Psychologie  Bd. 5. West-Berlin
       1979.
       ders.: Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/New York 1983.
       HOLZKAMP-OSTERKAMP, Ute: Grundlagen der psychologischen Motivati-
       onsforschung. 2 Bände. Frankfurt 1975 und 1976.
       INDIANISCHE HOFFNUNGEN:  Vielleicht sind wir noch Brüder. Wupper-
       tal 1979.  KUCKHERMANN, Ralf,  und WIGGER-KÖSTERS,  Annegret: Die
       Waren laufen  nicht allein zum Markt... Die Entfaltung von Tätig-
       keit und  Subjektivität in  der Geschichte.  Köln  1985a.  dies.:
       "Gerade wenn  es mir  schlecht geht,  brauche ich  einen Arbeits-
       platz." Eine  Studie zur Arbeitsrehabilitation anhand eines sozi-
       alpsychiatrischen Projekts. Köln 1985b.
       LEONTJEW, A. N.: Probleme der Entwicklung des Psychischen. Frank-
       furt 1977 (1973).
       ders.: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit. Köln 1982.
       ders.: Psychologie  des Abbilds.  In: Forum Kritische Psychologie
       Bd. 9. West-Berlin 1981.
       LEFEBVRE, Henri:  Metaphilosophie. Prolegomena.  Frankfurt  1975.
       LEVI-STRAUSS,  Claude:  Strukturale  Anthropologie  I.  Frankfurt
       1978.
       MÜLLER, Rudolf  W.: Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von
       Identitätsbewußtsein und  Rationalität seit der Antike. Frankfurt
       1977.
       MUMFORD, Lewis: Mythos der Maschine. Frankfurt 1978;
       ders.: Autoritäre  und demokratische  Technik. In: Duve, Freimut:
       Technologie und Politik Bd. 16. Reinbek 1980.
       OBERMEYER, Siegfried: Walther von der Vogelweide. Frankfurt, Ber-
       lin, Wien  1982. PARIN,  Paul: Der Widerspruch im Subjekt. Ethno-
       psychoanalytische Studien. Frankfurt 1978. PIAGET, Jean: Probleme
       der Entwicklungspsychologie.  Kleine Schriften.  Frankfurt  1976.
       POLITZER, George:  Kritik der klassischen Psychologie. Köln 1974.
       RIBEIRO, Darcy: Der zivilisatorische Prozeß. Frankfurt 1971.
       SEIFERT, Werner:  Der Charakter und seine Geschichten. Psychodia-
       gnostik mit  dem Thematischen  Apperzeptionstest (TAT).  München.
       1984.
       S+VE, Lucien: Marxismus und Theorie der Persönlichkeit. Frankfurt
       1973. SOHN-RETHEL,  Alfred: Das Geld, die bare Münze des Apriori.
       In: MATTIK,  Paul, SOHN-RETHEL,  Alfred, HAASIS, Helmut: Beiträge
       zur Kritik des Geldes. Frankfurt 1976.
       ders.: Geistige und körperliche Arbeit. Frankfurt 1973.
       SPERBER, Dan: Der Strukturalismus in der Anthropologie. In: WAHL,
       Francois: Einführung in den Strukturalismus. Frankfurt 1973.
       TERRAY, Emmanuel: Zur politischen Ökonomie der primitiven Gesell-
       schaften. Frankfurt 1974.
       VOLPERT, Walter: Handlungsstrukturanalyse. Köln 1974.
       WULFF, Erich:  Psychiatrie in  der Klassengesellschaft.  Kronberg
       1977 (1972).
       ZUR LIPPE,  Rudolf: Am  eigenen Leibe.  Zur Ökonomie  des Lebens.
       Frankfurt 1979.
       Die Literaturliste  enthält lediglich  die Titel, auf die im Text
       hingewiesen wurde.  Weitere Literatur,  die für  uns wichtig war,
       vgl. Kuckhermann/Wigger-Kösters  1985a, S.  569 ff. Die Zahlen in
       Klammern bezeichnen  das ursprüngliche  Erscheinungsjahr oder die
       Auflage der deutschen Fassung des angegebenen Textes.
       
       _____
       1) Der vorliegende  Aufsatz verfolgt  im wesentlichen zwei Ziele.
       Zum einen wollen wir deutlich machen, daß der Sozialgeschichte in
       der Psychologie  ein größerer  Stellenwert zukommt, als es bishe-
       rige Ansätze  - einschließlich  der kulturhistorischen  Schule  -
       vermuten lassen; zum anderen und darüber hinaus wollen wir mögli-
       che erste  Schritte zeigen, wie man von einer Psychologie der Tä-
       tigkeit zu einer psychologischen Analyse der Tätigkeit kommt, von
       der Theorie  zu einer  ersten, zwangsläufig noch sehr allgemeinen
       Operationalisierung, zur Methode. Diese methodischen Überlegungen
       sind dabei  keineswegs auf die sozialhistorische Untersuchung der
       Tätigkeit beschränkt,  auch wenn wir sie in diesem Rahmen entwic-
       kelt haben. Wir hoffen, zeigen zu können, daß sie auch im Bereich
       der Persönlichkeitsforschung und damit für die psychologische und
       pädagogische Praxis  "praktikabel" ist  und schlagen  deshalb den
       Bogen von  der Geschichte  der Menschen zu ihren kleinen und all-
       täglichen Geschichten,  die das  tätige Leben  begleiten und  uns
       Aufschlüsse über seine Sinnstruktur geben.
       Hintergrund für  die folgenden  Überlegungen ist eine frühere Ar-
       beit von  uns, in der wir uns mit der Geschichte der menschlichen
       Tätigkeit und  mit der  Bedeutung  der  Arbeitstätigkeit  in  der
       psychiatrischen Rehabilitation  inhaltlich auseinandergesetzt ha-
       ben (Kuckhermann,  Wigger-Kösters, 1985 a und b). In vielen Punk-
       ten können  wir hierauf lediglich verweisen, denn letztlich macht
       erst die  konkrete Analyse  deutlich, was eine Methode zu leisten
       vermag und was nicht.
       2) Einige Beispiele  sind: Piaget, 1976, S. 120ff.; Harten, 1977,
       S. 185  ff. (beide  zur kognitiven  Entwicklung); Eder, 1976 (zum
       Verhältnis Entwicklungspsychologie  - Sozialgeschichte); Arbeiten
       im Bereich der kulturhistorischen Schule bzw. der Kritischen Psy-
       chologie: Leontjew, 1977, S. 214ff.; Holzkamp-Osterkamp, 1975, S.
       257ff.;  Holzkamp,   1983,   S.   185ff.;   zur   Ethnopsychoana-
       lyse/-psychiatrie: Parin,  1978; Wulff,  1977; Erikson,  1971, S.
       107ff.; soziologisch  bzw.  sozialphilosophisch  orientierte  An-
       sätze: Elias, 1978, 1979; Sohn-Rethel, 1976; Müller, 1977.
       3) In diesem  Zusammenhang bedarf u.E. das Verhältnis von Anthro-
       pologie und  Geschichte einer  besonderen Erörterung. Der Schritt
       von der  Analyse der  Menschwerdung im  Tier-Mensch-Übergangsfeld
       zur Lebenswirklichkeit  heute bestehender  Gesellschaftsformatio-
       nen, wie  ihn etwa  die Kritische Psychologie vorschlägt, scheint
       zwar unter  dem Gesichtspunkt einer  f u n k t i o n a l - histo-
       rischen   Analyse plausibel,  läßt jedoch die Frage offen, ob die
       sozialhistorische Entwicklung  nicht  doch  so  etwas  wie  einen
       eigenständigen  logischen  Aufbau  der  individuellen  Vergesell-
       schaftung beinhaltet,  der  zum  Verständnis  gegenwärtiger  Ver-
       gesellschaftungsformen beiträgt.
       4) Wir wollen  nur darauf  aufmerksam machen,  daß sich bei aller
       Betonung einer eigenständigen Rolle der Sozialgeschichte, auf die
       es uns  hier zunächst  ankommt, doch  auch die  Notwendigkeit ab-
       zeichnet, die  Ergebnisse der  Natur- und Gesellschaftsgeschichte
       kategorial und  inhaltlich miteinander  zu vermitteln,  eine Auf-
       gabe, die uns noch weitgehend ungelöst scheint.
       5) Zur Bedeutung  der Orientierungstätigkeit  als Gegenstand  der
       Psychologie vgl. auch Galperin, 1980.
       6) Vgl. Leontjew, 1977 und 1982.
       7) Auf einer allgemeinen Ebene verwenden wir die Begriffe Subjek-
       tivität und  Produktivität/Produktiwermögen synonym,  was  aller-
       dings voraussetzt,  daß wir  letztere nicht  in einem eingeengten
       ökonomischen Sinn  verstehen: "Eine allgemeine Spezifik menschli-
       cher Subjektivität liegt in ihrer 'Differenz' zu den Gegenständen
       ihres Tuns: Im Subjekt-Objekt-Verhältnis liegt die Initiative auf
       seilen des  Subjekts. Dieses  erscheint gegenüber  dem Gegenstand
       als gestaltende  Kraft, als Produzent. Diese Gestaltungsfähigkeit
       menschlicher Subjektivität  konstituiert sich  in der auf den Ge-
       genstand gerichteten  Tätigkeit (Aneignung)  und äußert  sich als
       das Hineinproduzieren  von  Subjektivität  in  die  (Objekt-)Welt
       (Vergegenständlichung). Produktivität  in einem solchen allgemei-
       nen Sinn  ist menschliche  'Seinsweise', in einem bestimmten Ver-
       ständnis   die    grundlegende   Motivation    zur    Tätigkeit."
       (Kuckhermann, Wigger-Kösters, 1985a, S. 21)
       8) Ob der  Begriff gut gewählt ist, wird sich noch zeigen müssen.
       Wenn man  davon ausgeht, daß Tätigkeiten aus Handlungen zusammen-
       gesetzt  sind   (vgl.  Leontjew,   1982),  so   läßt   sich   die
       S t r u k t u r   der  Tätigkeit  unter  anderem  mit  Hilfe  des
       V e r l a u f s  der zu ihr gehörigen Handlungen beschreiben. Wir
       wollen mit  dem Begriff  vor allem auch eine Abgrenzung zur Hand-
       lungsstrukturanalyse vornehmen,  die den inneren Aufbau einzelner
       Handlungen erfaßt,  und zugleich  auf mögliche Verbindungsmomente
       hinweisen: Nach unserer Einschätzung liegt die Methode der Tätig-
       keitsanalyse genau  "zwischen" dem  Konzept der  gegenständlichen
       Tätigkeit und  dem der Handlungsstrukturanalyse, wie sie grundle-
       gend von Volpert (1974) dargelegt worden ist. Beide Analyseebenen
       ergänzen sich,  und die  geschichtliche Entwicklung der Tätigkeit
       zeigt an  etlichen Stellen,  daß eine Veränderung in der Struktur
       der gegenständlichen  Tätigkeit direkt  zu Veränderungen  in  der
       Handlungsstruktur führt.
       9) In dieser Hinsicht betreffen die Überlegungen Holzkamps zu den
       interpersonalen  Subjekt-   und   Instrumentalverhältnissen   nur
       e i n e  Seite unserer heutigen "Beziehungswirklichkeit". Erst in
       historischer Perspektive  wird deutlich, daß sich a) zugleich mit
       der  Instrumentalisierung  der  zwischenmenschlichen  Beziehungen
       neue Möglichkeiten reziproker Subjektaneignung entwickeln und daß
       b) eine  Freundschafts-  oder  Liebesbeziehung  auf  sehr  unter-
       schiedlichen "Niveaustufen"  zugleich lebt (vgl. hierzu Holzkamp,
       1979, S. 13 f).
       10) Das Konzept,  die Einmaligkeit  des Individuums,  also  seine
       Persönlichkeit, als  Ergebnis eines  sozialen Spezifizierungspro-
       zesses zu  fassen, ist deutlich bei Sève formuliert, wenn er "die
       Teilung der  menschlichen gesellschaftlichen Arbeit" als "tiefste
       und allgemeinste  gesellschaftliche Grundlage  der  Individuation
       beim Menschen"  bezeichnet. Soweit  wir sehen,  entspricht es dem
       ersten methodischen  Schritt in  der von uns vorgeschlagenen psy-
       chologischen Untersuchung der Tätigkeit (Sève, 1973, S. 285).
       11) Gesonderte Aufmerksamkeit  in der  Tätigkeitsspychologie ver-
       dient das  Problem der  nicht-aus-geübten oder vermiedenen Tätig-
       keit und damit verbunden der Aufbau von persönlichen Bedeutungen,
       die nicht  zu Motiven  im Sinne  einer Initiierung von Handlungen
       werden, sondern Funktionen der  Handlungs h e m m u n g  überneh-
       men. Hier wäre sicherlich noch einiges an theoretischer Vorarbeit
       zu leisten.
       12) Eine genauere  Klärung der  Begrifflichkeit - persönliche Be-
       deutung, Sinn,  Motiv - können wir hier nicht vornehmen. Wir ver-
       wenden die  ersten beiden Begriffe im folgenden synonym und spre-
       chen von  einem Motiv nur dann, wenn wir uns ausdrücklich auf die
       handlungsinitiierende Funktion einer Bedeutung beziehen.
       13) Vgl. hierzu Kuckhermann, Wigger-Kösters, 1985b, Kap. 3.2.
       

       zurück