Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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       "PERSÖNLICHKEIT" - SELBSTVERWIRKLICHUNG IN GESELLSCHAFTLICHEN
       =============================================================
       FREIRÄUMEN ODER GESAMTGESELLSCHAFTLICHE VERANTWORTUNGSÜBERNAHME
       ===============================================================
       DES SUBJEKTS
       ============
       
       Ute H.-Osterkamp
       
       1. Vorbemerkung  - 2.  Die psychoanalytische Konzeption des "Cha-
       rakters" als  Form dauerhafter  Abwehr gesellschaftlich  unzuläs-
       siger subjektiver  Lebensäußerungen: Verkürzte  Reproduktion  von
       Mechanismen der ideologischen Einbindung des Subjekts in die bür-
       gerliche Gesellschaft  - 3. Theorien individueller Selbstverwirk-
       lichung: Flexibilität  / Verinnerlichung als Rezepte illusionärer
       Autonomie der Persönlichkeit gegenüber den Verhältnissen - 4. Die
       Theorie von  Herkommer/Bischoff/Maldaner über  Möglichkeiten  der
       Persönlichkeitsentfaltung innerhalb moderner kapitalistischer Ge-
       sellschaften: Spontane  Durchsetzung der Ideologie der Selbstver-
       wirklichung in gesellschaftlichen Freiräumen durch ökonomistische
       Verkürzung der marxistischen Analyse - 5. Fazit der Darstellung /
       Kritik "persönlichkeitstheoretischer"  Spiegelungen  bürgerlicher
       Rückzugs- und  Freiraumideologeme:  Rahmenbestimmungen  marxisti-
       scher Persönlichkeitstheorie  -(5. Perspektiven und Schwierigkei-
       ten einer  psychologischen Konkretisierung des marxistischen Per-
       sönlichkeitsentwurfs
       
       1. Vorbemerkung
       ---------------
       
       Der Begriff  "Persönlichkeit" ist  trotz seiner  allgemeinen Ver-
       breitetheit/Geläufigkeit in  der Psychologie außerordentlich pro-
       blematisch. Das  trifft sowohl  auf seine  inhaltliche Bestimmung
       zu, die von Autor zu Autor variiert, als auch auf seine Funktion,
       die i.d.R. unreflektiert bleibt (s. dazu Holzkamp, 1985).
       Im allgemeinen  wird Persönlichkeit als Ganzheitlichkeit des Ver-
       haltens, als  typisches Reaktionssyndrom  gefaßt, das sich im Zu-
       sammenspiel -  angeborener oder erworbener - individueller Dispo-
       sitionen und  Umwelteinwirkungen herausgebildet  hat und  die je-
       weils aktuellen  Einflüsse in  ihrer Auswirkung auf das individu-
       elle Verhalten je spezifisch bricht. Der Begriff "Persönlichkeit"
       umfaßt die - mehr oder minder aufgezwungene - Festlegung/Program-
       mierung individuellen Verhaltens, der zufolge der einzelne gegen-
       über den  aktuellen  Einwirkungen  eine  gewisse  Unabhängigkeit/
       Widerständigkeit  erhält.   Während  die   mehr  allgemeinpsycho-
       logischen Ansätze  im wesentlichen  auf die Bestimmung/Definition
       möglicher "Persönlichkeitsfaktoren"  - wie z.B. "Angst", "Aggres-
       sion", "Extraversion"/"Introversion", "Frustrationstoleranz" etc.
       - und  die Erfassung des Zusammenspiels dispositioneller Faktoren
       mit situationellen  Momenten  beim  Zustandekommen  individuellen
       Verhaltens gerichtet  sind (um dieses durch gezielte Eingriffe an
       der objektiven  oder subjektiven Seite in die gewünschte Richtung
       lenken zu  können),  sind  die  mehr  therapeutisch  orientierten
       Ansätze (vor  allem im  Umkreis der Psychoanalyse) vorwiegend mit
       den subjektiven  Folgen/Kosten der  personalen Festlegung,  d. h.
       der  "Charakterbildung"   in  Anpassung   an   die   herrschenden
       Verhältnisse, beschäftigt.  ("Charakter" ist  der in  der älteren
       Psychologie vorherrschende Begriff für den Sachverhalt, der heute
       unter dem Begriff "Persönlichkeit" verhandelt wird.)
       Wenn man  sich nun  von marxistischer  Seite der Persönlichkeits-
       Problematik nähern  will,  so  ist  es  nicht  damit  getan,  mit
       "materialistischen" Kategorien  (etwa "Arbeit"  oder "Tätigkeit")
       ein (weiteres)  abstraktes Strukturmodell  zu entwerfen,  das den
       konkreten Menschen  dann als  Entwicklungsnorm vorgehalten  wird.
       Vielmehr muß auch hier die Analyse mit dem "Anschauungskonkretum"
       widersprüchlich-repressiver bürgerlicher  Lebensverhältnisse  be-
       ginnen, d. h. in diesem Zusammenhang: mit den Widersprüchlichkei-
       ten, Gebrochenheiten,  Halbheiten empirischer  Subjektivität  und
       "Personwerdung" innerhalb  der kapitalistischen  Klassenrealität.
       Dies bedeutet  methodisch, daß  - (wie  Marx im "Kapital" "durch"
       die Theorien der bürgerlichen Ökonomie "hindurchgeht") in persön-
       lichkeitstheoretischer Absicht mit den Mitteln marxistischer Ana-
       lyse/Kritik durch die bürgerlichen Theorien, in denen jeweils be-
       stimmte Aspekte  "persönlicher" Existenz  unter  kapitalistischen
       Bedingungen  gespiegelt  und  ideologisch  universalisiert  sind,
       "hindurchgegangen" werden  muß: Nur  so kann  man am  Ende zu Ab-
       straktionen gelangen,  die die Konkretheit bürgerlicher Subjekti-
       vität in  sich aufheben, in denen man also nicht über die wirkli-
       chen Erfahrungen, Leiden, Zwiespältigkeiten, Illusionen der Indi-
       viduen "normativ"  hinwegsieht, sondern  Möglichkeiten, sich dazu
       bewußt zu  "verhalten" und  so zu einer wirklichen Lebenserweite-
       rung zu kommen, zu eröffnen sucht.
       Da ich ein solches Vorhaben hier nicht umfassend, sondern nur se-
       lektiv und  fragmentarisch verwirklichen kann, berücksichtige ich
       im folgenden  nur diejenigen bürgerlichen Persönlichkeitsvorstel-
       lungen, die  überhaupt vom  Standpunkt des  Subjekts ausgehen und
       die so  - wenn  auch in spezifisch verkürzter Form - überhaupt zu
       dem m.  E. für  die Bestimmung des Begriffs "Persönlichkeit" zen-
       tralen Problem,  dem Verhältnis des Individuums zu seiner subjek-
       tiven Befindlichkeit,  seinen Emotionen und Bedürfnissen, vorsto-
       ßen: die  "dynamischen" Persönlichkeitskonzepte  im  Umkreis  der
       Psychoanalyse und  neuerer, insbesondere  "humanistischer" thera-
       peutischer Richtungen.  In derartigen  Ansätzen sind  - wie  sich
       zeigen soll - wesentliche Probleme personaler Existenz unter bür-
       gerlichen Verhältnissen,  wenn auch  verkürzt, behandelt oder zu-
       mindest als  F r a g e n  auf den Begriff gebracht, deren Klärung
       jede marxistische  Persönlichkeitskonzeption in  der bürgerlichen
       Gesellschaft nicht  umgehen kann.  Dabei  dürfen  einerseits  die
       ideologischen Befangenheiten solcher dynamischer Persönlichkeits-
       Ansätze nicht  reproduziert, aber  andererseits  auch  die  darin
       vollzogenen begrifflichen Zuspitzungen verschiedener Formen klas-
       senbedingter Subjektivität nicht aus dem Auge verloren werden.
       
       2. Die psychoanalytische Konzeption des "Charakters" als Form
       -------------------------------------------------------------
       dauerhafter Abwehr gesellschaftlich unzulässiger subjektiver
       ------------------------------------------------------------
       Lebensäußerungen: Verkürzte Reproduktion von Mechanismen der
       ------------------------------------------------------------
       ideologischen Einbindung des Subjekts in die bürgerliche
       --------------------------------------------------------
       Gesellschaft
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       Persönlichkeit konstituiert  sich gemäß  den Auffassungen  Freuds
       aus der  Art der  Herrschaft/Kontrolle des Individuums über seine
       Triebe, die in Abhängigkeit von der "Ichstärke" der Individuen in
       unterschiedlicher Weise geschehen kann: zum einen über die unmit-
       telbare Bedürfnisbefriedigung  - in individueller Negierung/Über-
       windung etwaiger  gesellschaftlicher Schranken  - oder  aber  als
       Fähigkeit,  die  für  die  Gesellschaft  gefährlichen  und  nicht
       geduldeten Impulse  zu sublimieren,  d. h. von ihren ursprünglich
       kritischen Zielen  ab- und auf gesellschaftlich "wertvolle" Ziele
       umzulenken und in derart vergeistigt/kultivierter Form zu einer -
       wenn auch  im Vergleich  zur direkten "Triebabfuhr" reduzierten -
       Befriedigung zu  kommen, die zugleich die gesellschaftliche Inte-
       gration/Anerkennung des  einzelnen festigt.  Über die  objektiven
       und  subjektiven  Bedingungen  eines  derartigen  "Sublimierungs-
       prozesses" sagt  Freud nur  soviel, daß er nicht jedem zugänglich
       sei. Falls  dem einzelnen zu dem einen wie dem anderen die innere
       Kraft fehle,  würden ihm  - infolge  der mit  ihrer Äußerung ver-
       bundenen Bestrafung  - die  eigenen Triebregungen  zur Gefahr. Er
       versuche sich  dieser - quasi durch einen Handstreich - zu erweh-
       ren, indem  er sich  auf die Seite der Mächtigen, d. h. gegen die
       eigenen,  gegenüber  den  herrschenden  Verhältnissen  kritischen
       Impulse, also  gegen sich  selbst stellt  und als Entgelt dafür -
       als Schutz  vor deren  Aggressionen, wie es Freud auf den Begriff
       bringt - das Wohlwollen derer gewinnt, von denen er abhängig ist.
       Das Individuum  wehrt sich  gemäß  Freuds  Auffassung  gegen  die
       äußere  Gefahr  des  gesellschaftlichen  Ausschlusses  (des  Aus-
       schlusses von  den gesellschaftlichen  Lebensmöglichkeiten  durch
       diejenigen, die  über diese verfügen), indem es die innere Gefahr
       bekämpft, d.  h. alle  Impulse niederzuhalten  und zu  verdrängen
       sucht, die  diese äußere  Gefahr heraufbeschwören könnten. Dieser
       Prozeß der Wendung individueller Auflehnung gegen die äußeren Be-
       schränkungen auf  die eigenen  "anstößigen" Regungen  wird in der
       Öffentlichkeit systematisch  gefördert: Der  zentrale Mechanismus
       der Einbindung  in die  vorgegebene Ordnung besteht, wie sich aus
       den Freudschen  Ausführungen ableiten  läßt, darin,  daß man  der
       möglichen, gegen  die bestehenden  Machtverhältnisse gerichteten,
       mehr oder  weniger bewußten Auflehnung der Individuen zuvorkommt,
       indem man  deren persönliche  Integrität in  Frage stellt,  ihnen
       Schuldgefühle ob  ihrer anstößigen Gefühle und Impulse vermittelt
       und jede  kritische Regung als Beweis individueller Undankbarkeit
       angesichts der trotz des eigenen Ungenügens empfangenen Wohltaten
       erscheinen läßt.  Die fraglose  Verinnerlichung der  herrschenden
       Normen als  Mittel individueller  Existenzsicherung  funktioniert
       nach Freud  nur  bei  den  "privilegierten",  "besser  beteilten"
       Schichten, während  die "Masse"  im allgemeinen  nur dem  äußeren
       Zwang gehorche  und zum  "freiwilligen" Verzicht im Interesse der
       Kulturerhaltung nicht bereit sei (s. z.B. Freud, GW XIV, S. 333).
       Wohlverhalten als Voraussetzung des Scheins individueller Autono-
       mie und  Selbstbestimmung ist  dadurch definiert,  daß der hinter
       der Selbsteinschränkung  stehende Zwang,  indem man  diesem durch
       die vorzeitige  Erfüllung des  jeweils Erwarteten zuvorkommt, un-
       sichtbar bleibt.  Diese "Selbsteinschränkung" bildet wiederum die
       reale Basis  für die  Wirksamkeit der  Annahme einer  - um  einen
       griffigen Terminus  von Lerner  (1979) zu  gebrauchen  -"Surplus-
       powerlessness": Daß  nämlich das  Subjekt  über  seine  objektive
       Machtlosigkeit hinaus  sich -  aus Angst  vor der  Freiheit,  Au-
       tonomie, Verantwortung  etc. - selbsttätig in Ohnmacht und Abhän-
       gigkeit hält,  zentrale Ursache  unserer  Entwicklungsbehinderung
       somit unsere  eigene Angst,  Risiko- und  Anstrengungsscheu  sei,
       durch die  wir gehindert würden, die objektiven Lebensmöglichkei-
       ten für  uns zu nutzen - eine These, die wiederum dadurch subjek-
       tiv Glaubwürdigkeit  gewinnt, daß  unter Bedingungen der Fremdbe-
       stimmtheit, der  mangelnden  Vorhersehbarkeit/Vertretbarkeit  der
       Folgen unseres Handelns, unsere Initiative in der Tat sehr einge-
       schränkt ist.
       Die "autonome"  Unterdrückung gesellschaftlich sanktionierter Im-
       pulse und die dadurch bedingte Behinderung individueller Entwick-
       lung bedeutet  nach Freud die Verinnerlichung des äußeren Zwangs,
       wobei die  Handlungsimpulse und  die ihnen  zugrundeliegenden Er-
       kenntnisse und  Erfahrungen - gerade infolge ihrer Unterdrückung,
       ihrer mangelnden  Befriedigung und ihres Ausschlusses aus dem Be-
       wußtsein -  übermächtig werden  und das  Individuum gegen  seinen
       Willen in  seinem Handeln  bestimmen und damit wiederum nachträg-
       lich die äußeren Reglementierungen gerechtfertigt erscheinen las-
       sen. Die Verinnerlichung des äußeren Zwangs wird somit zur Grund-
       lage zunehmender  Selbstablehnung und  Selbstverunsicherung:  Zum
       einen, weil,  wie Freud  herausstellt, nichts  kränkender ist als
       die  Erfahrung,  nicht  "Herr  im  eigenen  Hause",  d.h.  seinen
       "Triebregungen"/Gefühlen hilflos  ausgeliefert, gegen seinen Wil-
       len und wider bessere Einsicht "getrieben" zu sein; und zum ande-
       ren, weil  die "Triebabwehr"  psychische Energie  kostet, die den
       Individuen für die Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen
       verloren geht,  sie allgemein schwächen, "zurückhaltend" sein und
       allem aus  dem Wege  gehen lassen würde, was auch nur entfernt an
       die unterdrückten  Erkenntnisse/Impulse  erinnern  und  die  Ein-
       schränkung durch die äußere Realität aktualisieren und bewußt ma-
       chen könnte.  Diese Abwehr  kann sich  - so Freud - gegenüber der
       realen Gefahr  verselbständigen, d.  h. auch  dann  noch  wirksam
       sein, wenn diese gar nicht mehr gegeben ist. Aufgabe der Therapie
       sei es  dann, die überhängige, mittlerweile überflüssige Verdrän-
       gung und  die auf  ihr basierende  - sowohl für den einzelnen wie
       für die  "Gemeinschaft" kostspielige  - Fehlanpassung  aufzuheben
       und so  die durch  die Verdrängung  gebundenen Energien  für  die
       Bewältigung aktueller  Aufgaben und  den Genuß  der je  gegebenen
       Lebensmöglichkeiten freizusetzen.  An Stelle  der in ihren Folgen
       außerodentlich  problematischen,  unkontrollierbaren  Verdrängung
       soll die  bewußte  Zensur  der  Bedürfnisse  treten,  die  man  -
       entsprechend den  gewachsenen Möglichkeiten der "Triebkontrolle",
       der Unterwerfung  unter die  herrschenden Normen und Interessen -
       entweder befriedigt  oder aber  aus Einsicht  in  ihre  mangelnde
       Angemessenheit/Durchsetzbarkeit bewußt verwirft.
       Die Abwehr gegen die verpönten Triebregungen und die sie aktuali-
       sierenden Erfahrungen/Erkenntnisse  kann sich  nach Freud  zu be-
       stimmten neurotischen  Charakterformen verfestigen, die ihre Her-
       kunft aus  der Angst bzw. aus der Abwehr angstauslösender "Trieb-
       regungen" und  Erkenntnisse nur  noch durch  ihre Zwanghaftigkeit
       und Unbeeinflußbarkeit durch aktuelle Erfahrungen erweisen.
       Die Persönlichkeitsbildung  als allgemeine Programmierung indivi-
       duellen Verhaltens  gegenüber den  jeweiligen  "Autoritäten"  als
       Vertretern gesellschaftlicher  Gewalt einerseits  und den eigenen
       Bedürfnissen andererseits ist nach Freud bis zum 5. Lebensjahr im
       wesentlichen abgeschlossen und bestimmend für das spätere Verhal-
       ten der  Erwachsenen. Sie  beruht auf der Verinnerlichung der äu-
       ßeren Gewalt,  der wiederum  die Angst  zugrunde liegt, durch die
       eigenen unbotmäßigen  Regungen die soziale Einbettung und die da-
       mit  verbundenen   lebensnotwendigen   Zuwendungen   zu   riskie-
       ren/verlieren, d.  h. also  auch auf dem Versprechen, durch Gefü-
       gigkeit gegenüber  den Interessen  der jeweils Mächtigen - in be-
       stimmtem Ausmaß - gegen deren Aggressionen / Strafen geschützt zu
       sein bzw.  an deren  Lebens- und Machtmöglichkeiten partizipieren
       zu können.  Gerade aber diese aktive Einbindung in die herrschen-
       den Verhältnisse,  die Mischung von Unterdrücktwerden und aktiver
       Beteiligung an  der Macht/Unterdrückung  sowie die  gleichzeitige
       Entlastung von  der Angst durch diejenigen Kräfte, die sie verur-
       sachen, erschwert  die kritische  Distanz zu  diesen außerordent-
       lich, da  diese ja  immer auch eine kritische Distanz zum eigenen
       "Wohlverhalten" wäre,  zu dem  man sich  gerade aus der Defensive
       heraus, zur Bewältigung individueller Angst, genötigt sieht.
       Die von Freud nur skizzierte Auffassung des Charakters als dauer-
       hafter  Abwehrform   gegenüber  gesellschaftlich   sanktionierten
       Triebregungen/Handlungsimpulsen  wurde  von  W.  Reich  zu  einem
       zentralen Bestandteil  seiner Theorie entwickelt. Im Gegensatz zu
       Freud jedoch,  der von  der Notwendigkeit  der Triebunterdrückung
       als allgemeiner  Bedingung/Voraussetzung gesellschaftlicher  Exi-
       stenz ausging,  beschränkte Reich  einerseits diesen Zusammenhang
       von Triebunterdrückung und Gesellschaftlichkeit auf die kapitali-
       stische Klassenrealität,  wobei ihm  andererseits aber  trotz der
       von ihm  angestrebten Erweiterung  der Psychologie  um die marxi-
       stisch-soziologische Dimension die überindividuelle Gesellschaft-
       lichkeit, d. h. Verantwortung des einzelnen für die gesellschaft-
       lichen Verhältnisse  - die  Gesellschaft nicht  nur als durch die
       Individuen gelebte,  sondern die  Existenz  des  einzelnen  über-
       schreitende Realität - mehr und mehr aus dem Blickfeld geriet.
       Die charakterliche Struktur ist nach Reich ein "erstarrter sozio-
       logischer Prozeß  einer bestimmten Epoche", der sich in die früh-
       kindliche Psyche eingeschrieben habe und dort "ohne viel Verände-
       rungen" (1933,  S. 16)  erhalte und später notwendig werdende An-
       passungen an  sich verändernde  gesellschaftliche Bedingungen er-
       schwere. Das  Individuum wird hier - wie mehr oder weniger in al-
       len Theorien,  die von einem "Ergänzungsverhältnis" von subjekti-
       ver und  objektiver Realität ausgehen - als Durchlaufbecken gese-
       hen, in  welchem sich frühere Eindrücke/Determinierungen ablagern
       und die  indviduelle Fähigkeit,  den Erfordernissen der aktuellen
       Stunde/Situation zu entsprechen, mehr oder weniger behindern. Die
       Verankerung der  gesellschaftlichen Strukturen  im Charakter  ge-
       schehe, wie  Reich meint, über die innerhalb der - kleinbürgerli-
       chen -  Familie praktizierte Sexualunterdrückung, die eine allge-
       meine Unterwürfigkeit/Autoritätssucht bedinge. Charakter bedeutet
       nach Reich - indem er auf der Vermeidung gefahrvoller Situationen
       basiere -  eine gewisse  innere Stärke  und Stabilität,  zugleich
       aber auch  eine individuelle  Einschränkung, Erstarrung, Abschot-
       tung nicht nur gegen die inneren "Triebe", sondern auch gegenüber
       äußeren Einwirkungen/Einflüssen.  Jede Versagung trägt, so Reich,
       zur Verfestigung  des Charakters,  zu seiner  "Verpanzerung" bei,
       durch die  die individuelle Bedürfnisbefriedigung in weit höherem
       Maße, als  durch die  Umwelt gefordert, beeinträchtigt würde. Ge-
       rade durch  die übergroße Triebzurückhaltung könne es aber zu ei-
       nem "Triebstau"  kommen, durch den die ständige Gefahr des Durch-
       bruchs des  Charakterpanzers gegeben  sei. Zwischen dem Ausgangs-
       punkt der  Charakterbildung, dem  Schutz vor realen Gefahren, und
       seiner besonderen  Funktion, dem  Schutz vor  der Triebgefahr und
       "Stauungsangst", besteht nach  Reich ein "ergänzender Gegensatz":
       Je mehr Realangst, d.h. Angst vor der äußeren Bedrohung vermieden
       werde, um  so größer  sei die  Angst vor der eigenen Triebhaftig-
       keit,  dem   "Durchbruch"  der   gestauten   Triebe,   d.h.   die
       "Triebangst" (1933,  S. 183 f). In Abhängigkeit von der individu-
       ellen Anpassungsfähigkeit  an die  aktuellen Gegebenheiten unter-
       scheidet Reich zwischen einem "realitätstüchtigen" Charakter, der
       genügend durchsetzungsfähig  und stark  sei, um seine Bedürfnisse
       innerhalb der gegebenen Verhältnisse zu befriedigen, und dem neu-
       rotischen Charakter,  der gerade infolge seines überhöhten Gehor-
       sams gegenüber  den herrschenden  Normen letztlich unfähig würde,
       die erforderlichen  Anpassungsleistungen zu  erbringen. Die Frage
       nach den  Ursachen der unterschiedlichen Verarbeitung der äußeren
       Unterdrückung und  Behinderung subjektiver  Entwicklung wird auch
       von Reich  - wie in der traditionellen Psychologie üblich - durch
       die Hypostasierung  unterschiedlicher -  angeborener oder gesell-
       schaftlich produzierter - psychischer Dispositionen beantwortet -
       also unerklärt gelassen.
       In Reichs Persönlichkeits- bzw. Charakter-Konzeption wird ein für
       die ideologische Einbindung der Individuen in die bürgerliche Ge-
       sellschaft konstitutiver  Mechanismus  der  schuldhaftschuldlosen
       Verstrickung reproduziert  und zugleich  für die Funktionsbestim-
       mung der  Psychoanalyse benutzt: Wir werden einerseits, indem wir
       diese mit  unserem Verhalten  reproduzieren, für die Verhältnisse
       verantwortlich gemacht  und zugleich  - durch die Annahme der uns
       in frühester Kindheit aufgezwungenen Fehleinstellung unserer Ent-
       wicklung - von dieser Verantwortung entlastet, dabei mit dem Ver-
       sprechen getröstet, per psychotherapeutischer Behandlung - zumin-
       dest wenn  die falsche Weichenstellung noch nicht allzu sehr ein-
       gerastet ist  - zu einem konstruktiven gesellschaftlichen Element
       zu werden,  das (so  zumindest bei Reich und in weiteren Theorien
       der "Selbstverwirklichung"), indem es "spontan" und "unmittelbar"
       gemäß seinen  "natürlichen" Bedürfnissen bzw. seiner "natürlichen
       Bestimmung" lebt, automatisch zum Wohle der Gesellschaft beiträgt
       und entsprechende Bestätigung erfahren wird.
       In den  Auffassungen Reichs  und vor allem Freuds sind einerseits
       wichtige Mechanismen  der Vereinnahmung  des Subjekts  durch  die
       bürgerlichen Verhältnisse beschrieben, andererseits wird aber der
       Erkenntnisgehalt solcher  Vorstellungen  dadurch  entschärft  und
       entstellt, daß  die faktische aktuelle Unterdrückung auf die Ver-
       gangenheit/frühe Kindheit verlegt wird und die gegenwärtigen Ent-
       wicklungsbehinderungen im  wesentlichen als bloß psychische, ver-
       selbständigte Reaktionen auf verjährte Unterdrückungsverhältnisse
       erscheinen. Die Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Klassen-
       realität, die reale Ausbeutung/Unterdrückung und die alle Lebens-
       bereiche durchdringende Konkurrenz der Menschen untereinander un-
       ter dem Schein der Freiheit, Gleichheit und allgemeinen Nächsten-
       liebe, denen  die Menschen  in ihrem  Verhalten mehr oder weniger
       bewußtlos Rechnung  tragen müssen,  bleiben, wie auch die Auswir-
       kungen der Anpassung an diese Existenz, die rigorose Durchsetzung
       des individuellen  Vorteils unter  dem Deckmantel der Wohlanstän-
       digkeit und des Altruismus, in ihren Auswirkungen auf die subjek-
       tive Situation unreflektiert.
       
       3. Theorien individueller Selbstverwirklichung:
       -----------------------------------------------
       Flexibilität/Verinnerlichung als Rezepte illusionärer Autonomie
       ---------------------------------------------------------------
       der Persönlichkeit gegenüber den Verhältnissen
       ----------------------------------------------
       
       Während in den geschilderten Auffassungen von Freud und Reich der
       Tatbestand gesellschaftlicher  Unterdrückung - da der "Charakter"
       als  subjektive   Reaktion  darauf   gefaßt  ist   -  noch   (wie
       "naturalisiert" und  "verschoben" auch immer) präsent ist, ist in
       einem heute  sehr verbreiteten  Typ von  dynamischtherapeutischen
       Theorien (besonders  im Umkreis der "Humanistischen Psychologie")
       die Beschränkung  persönlicher Entfaltung durch gesellschaftliche
       Unterdrückungsverhältnisse  überhaupt   geleugnet  oder  "wegdis-
       kutiert": Man  geht hier davon aus, daß sich das Individuum unter
       allen gesellschaftlichen  Bedingungen  voll  verwirklichen  kann,
       wobei (in  unterschiedlicher  Weise)  die  in  den  Verhältnissen
       gegebenen Widerstände und Bedrohungen als Möglichkeiten angesehen
       werden, sich  in besonderem  Maße als Persönlichkeit zu entfalten
       und zu bewähren.
       Eine gegenwärtig sehr "erfolgreiche" Spielart von so verstandenen
       "Selbstverwirklichungs-Theorien"  ist   die   "Charakter"-   bzw.
       "Persönlichkeits"-Konzeption des Begründers der "Gestalttherapie"
       Perls.  Hier  wird  unter  dem  Motto  unbehinderter  Entwicklung
       "natürlicher"  Anlagen  die  "Charakter"-Theorie  von  Freud  und
       Reich, unter  dem Schein  ihrer Radikalisierung,  um ihre  letzte
       kritische Potenz  gebracht: Indem  er zum  einen Charakter  - wie
       jede Form  der Festlegung,  sei sie nun fremdbestimmt oder an den
       eigenen Bedürfnissen, Interessen und Erkenntnissen ausgerichtet -
       als Einengung  individueller Reaktionsmöglichkeiten gegenüber den
       aktuellen   Anforderungen   und   damit   als   subjektive   Ent-
       wicklungsbehinderung faßt; und indem er zum anderen die von Freud
       und  Reich immerhin noch benannten realen Bedrohungen als Ursache
       individueller Unterwerfung und der daraus resultierenden "psychi-
       schen" Zwänge  alsbald zu  bloßen Projektionen/Phantasieprodukten
       erklärt. Gefahren  und Traumata  sind nach  Perls im wesentlichen
       Lügen, die  dazu dienen,  unsere mangelnde Bereitschaft zu "wach-
       sen" bzw.  zu  "reifen",  zu  rechtfertigen:  Nicht  irgendwelche
       äußeren Mächte,  sondern unsere  eigene  Ängstlichkeit  und  all-
       gemeine  Wehleidigkeit,   unsere  Sucht   nach  Anerkennung   und
       Sicherheit würden  uns in unserer Entwicklung behindern: Wenn wir
       weniger zimperlich uns selbst und anderen gegenüber wären, könnte
       uns die  Welt wenig anhaben. Die Charakterbildung geht nach Perls
       im wesentlichen  auf "Blockierungen", d.h. auf Momente objektiver
       Überforderung zurück,  in denen  wir - statt unser eigenes Poten-
       tial zu  mobilisieren -  gelernt hätten, uns schwachzustellen und
       damit andere für unsere Zwecke einzuspannen, zu manipulieren. Die
       größte Hilfe,  die man anderen gewähren könnte, bestünde somit in
       der Frustration  ihres Sicherheits-  und Versorgungsdenkens,  der
       Versagung von  Unterstützung, damit  sie  sich  auf  ihre  eignen
       Kräfte/Möglichkeiten  besinnen,   selbständig  würden   und   die
       Verantwortung für  ihre Entwicklungsbehinderungen  zu  übernehmen
       lernten -  statt diese anderen oder den Verhältnissen anzulasten.
       Verantwortung für  das eigene  Leben zu  übernehmen bedeutet, wie
       Perls die  auch  für  andere  humanistische  Psychologen,  z.  B.
       Maslow, geltende  Maxime in  aller Deutlichkeit  auf den  Begriff
       bringt, nicht nur die Verantwortung für die eigenen Schwächen und
       Behinderungen zu  übernehmen, sondern zugleich jede Verantwortung
       für die  Mitmenschen und deren Behinderung abzulehnen, sich durch
       deren Lage  nicht im Genuß der eigenen Lebensmöglichkeiten beein-
       trächtigen  zu  lassen:  Zur  "Selbstverwirklichung"  gehört  die
       Kunst, die  Welt zu  nehmen, wie  sie ist, aus allem das Beste zu
       machen und das Häßliche und Dunkle nicht zu beklagen, sondern als
       Preis oder  Folie für das Lichte und Schöne in der Welt zu akzep-
       tieren. Ein wichtiges Moment der Selbstverwirklichung sei jedoch,
       wie von  allen ihren  Vertretern hervorgehoben  wird, die  Kunst,
       Mittelaktivitäten in Zielaktivitäten zu verwandeln, d. h. die je-
       weiligen Aktivitäten  nicht um  irgendwelcher  äußeren  Belohnun-
       gen/Zwecke/Ziele auszuüben, sondern um ihrer selbst willen zu ge-
       nießen.
       Die Gesellschaft  funktioniert, wie auch das einzelne Individuum,
       so Perls,  nach dem  Prinzip  der  Selbstregulierung,  demzufolge
       sich, sofern man diesen harmonischen Verlauf nicht durch willkür-
       liche Eingriffe, Zielsetzungen etc. behindert, das jeweils dring-
       lichste Bedürfnis  spontan äußere und die weitere Entwicklung be-
       stimme.  Das  Funktionieren  der  gesellschaftlichen  Entwicklung
       hänge dabei  vom Funktionieren, der "Verantwortung" der einzelnen
       Menschen, d.h.  ihrer Bereitschaft ab, unmittelbar auf die Erfor-
       dernisse der  Situation zu antworten. Verwirrung könne, wie Perls
       meint, dadurch  entstehen, daß  uns die Gesellschaft mit Anforde-
       rungen konfrontiert, die unserer Selbstverwirklichung entgegenzu-
       stehen scheinen. Diese Verwirrung würde sich - zumindest in einer
       progressiven Gesellschaft  wie der amerikanischen (1976, S. 39) -
       jedoch ganz  von allein lösen, wenn man sie nur aushalte und nach
       der Maxime lebe: "Es ist, wie es sein soll, und es soll sein, wie
       es ist." (1976, S. 79)
       Während wir uns nach Perls im wesentlichen durch die eigene Angst
       und allgemeine  Wehleidigkeit an  der  Selbstverwirklichung,  der
       größtmöglichen Nutzung  der sich  bietenden Möglichkeiten hindern
       und unserem Wohlbefinden nichts im Wege stünde, wenn wir uns ver-
       sagten, ständig  an mögliche  Gefahren zu  denken und uns für das
       Leben anderer  verantwortlich zu fühlen, vertritt z.B. neuerdings
       Gruen in  seinem kürzlich  im "Spiegel" hoch gelobten Buch (1985)
       wiederum die  These, daß  gerade durch die Unfähigkeit, Angst und
       (Mit-)Leiden zuzulassen,  unsere personale  Verwirklichung behin-
       dert ist.  "Autonomie" besteht, so Gruen, nicht in der Behauptung
       der eigenen  Wichtigkeit und  Bedeutung, sondern  in der Überein-
       stimmung mit den eigenen Gefühlen, und mangelnde Autonomie gründe
       sich in der Abwehr unserer Empfindsamkeit, der Abschottung gegen-
       über unseren  Gefühlen. Diese Abwehr führt Gruen wiederum auf un-
       sere "allgemeine  Neigung zur Abstraktion" zurück, die für unsere
       Kulturgeschichte insgesamt kennzeichnend sei und dem jeweils ein-
       zelnen über  die -  wiederum durch deren Sozialisation bedingte -
       Unfähigkeit der  Eltern, speziell der Mutter, vermittelt sei, auf
       die Lebensäußerungen  und -bedürfnisse des Kindes adäquat zu rea-
       gieren. Die  Entscheidung darüber,  ob ein  Kind in  Abhängigkeit
       oder Autonomie  aufwächst, falle  bereits sehr  früh. Der Abbruch
       der Autonomie  und damit  eine massive  Störung  der  Persönlich-
       keitsentwicklung setze dann ein, wenn das Kind als Ausweg aus der
       Situation der Angst und Verzweiflung, statt diese auszuhalten und
       innerlich an ihr zu wachsen, nach Macht zu streben beginne, d. h.
       lerne, sich  mit den  Mächtigen zu  identifizieren, jede Form von
       Schwäche zu verachten und zugleich alle Autonomiebestrebungen bei
       sich und  anderen zu  unterdrücken  -  womit  es  zugleich  einen
       aktiven Beitrag  zum Prozeß  der Verunmenschlichung  der Menschen
       leiste (1985,  S. 24).  In expliziter Abhebung von Freud, der von
       der Notwendigkeit  der Anpassung  an die Gesellschaft ausgegangen
       sei, ohne  die Validität  dieser  Gesellschaft  zu  hinterfragen,
       betont  Gruen  umgekehrt,  daß  angesichts  der  "pseudosozialen"
       Realität   Anpassungsstörungen    und   die   damit   verbundenen
       Pathologien  keine   Fehlentwicklungen,  sondern   eher   Zeichen
       individueller Autonomie  und  personaler  Entfaltung  seien:  Die
       wahrhaft Starken sind seiner Auffassung nach nicht die Mächtigen,
       die, wie  er meint,  nur deswegen  nach Macht  streben, weil  sie
       Ohnmacht,  Angst   und  Leiden  nicht  ertragen  können,  sondern
       diejenigen, die  - gerade in ihrer Ohnmacht - ihre Menschlichkeit
       beweisen würden  (1985, S.  143 f).  "Das Gefährliche  sind", wie
       Gruen meint,  "nicht die  äußeren Gefahren...,  sondern die Angst
       vor dem  Terror der  Einsamkeit, dem  Chaos  und  dem  Wahnsinn."
       (1985, S. 141)
       In den  hier dargestellten  Theorien der Selbstverwirklichung er-
       scheint die  Gesellschaft als  allgemeine Rahmenbedingung,  durch
       welche den Individuen bestimmte Auflagen und Begrenzungen gesetzt
       sind, denen  sich diese  so weit  wie möglich zu entziehen und im
       übrigen -  als Preis für die zugestandenen Freiheiten/Freiräume -
       nachzukommen suchen.  Die gesellschaftliche Reglementierung werde
       durch die  privaten Freiräume  kompensiert, innerhalb  derer  man
       eben deswegen  frei ist, d. h. tun und lassen kann, was man will,
       weil die bestehenden Machtverhältnisse dadurch unberührt bleiben.
       Die Ausnutzung/Ausgestaltung der zugestandenen Freiräume/Freiheit
       wird dann  als Entwicklung der Persönlichkeit verkauft, wobei die
       Ohnmacht, indem  sie als Entlastung von der Verantwortung für die
       gesellschaftlichen Verhältnisse  dient, zugleich  als  "Freiheit"
       erscheint.
       "Selbstverwirklichung" als  weitgehende Befreiung von der Verant-
       wortung für die gesellschaftlichen Verhältnisse - sei es in rück-
       sichtsloser Selbstdurchsetzung,  sei es im Rückzug auf die eigene
       Innerlichkeit und  deren Pflege - bedeutet nichts anderes als die
       mehr oder  weniger "kritische"  Tolerierung der Verhältnisse, die
       man im  allgemeinen um  so weniger infrage zu stellen bereit ist,
       je mehr  man von  ihnen profitiert oder zu profitieren meint; sie
       bedeutet nicht  "Autonomie", sondern eine Ohnmacht, die nicht Be-
       dingung unserer Menschlichkeit und Selbstverwirklichung ist, son-
       dern vielmehr  die  objektive  Voraussetzung  für  die  mangelnde
       Menschlichkeit  der   Individuen  untereinander,  ihres  -  allem
       "freiheitlichen" Anstrich  zum Trotz  -  defensiv-egozentrischen,
       nur auf die Wahrung des eigenen Vorteils gerichteten und damit a-
       sozialen, letztlich  gegen die eignen Interessen gerichteten Ver-
       haltens, also ihrer personalen Verkümmerung ist.
       Die theoretische  Zentrierung auf die unmittelbare Selbstverwirk-
       lichung bedeutet nichts anderes, als daß man gegen die Auswirkun-
       gen statt  gegen die  Ursachen der  Unterdrückung kämpft und sich
       damit automatisch  auf die  Seite der Herrschenden schlägt, indem
       man -  gemäß der  allgemeinen Ideologie, daß jeder seines Glückes
       Schmied ist - die Menschen unmittelbar für ihre subjektive Situa-
       tion verantwortlich  macht. Die Unterdrückungsverhältnisse werden
       nicht als  Bedingung, sondern  als Resultat  individueller Unver-
       nunft/Triebhaftigkeit oder  - wie in den "fortschrittlichen", auf
       die Selbstverwirklichung  zielenden Theorien - als Resultat indi-
       vidueller Autoritätssucht/Unterwürfigkeit,  der Angst vor Autono-
       mie, Freiheit, Selbstbestimmung gefaßt. Diese subjektiven Tenden-
       zen/Gefühle/Ängste werden  nicht in ihren gesellschaftlichen Ent-
       stehungsbedingungen und  -zusammenhängen analysiert,  sondern als
       bloß individuelles und nur vom jeweils einzelnen zu verantworten-
       des Phänomen  behandelt, mit  dem man  auf die  eine oder  andere
       Weise fertig zu werden hat.
       Die Abstraktion  von der  Verantwortung für  die Verhältnisse und
       die (von Perls empfohlene und von Gruen beklagte) Abschirmung ge-
       genüber der  Wahrnehmung menschlichen Leidens, der Angst und Ver-
       unsicherung, sind  zwei Seiten  des gleichen  Prozesses: Ich kann
       meine kritischen  Impulse/Erkenntnisse nur  in dem Maße zulassen,
       wie ich  ihnen in meinem Handeln entsprechen kann. Sofern die Um-
       setzung meiner Gefühle und Erkenntnisse in konkretes Handeln Fol-
       gen hätte, die mich überfordern und meine gesellschaftliche Inte-
       gration gefährden  könnten, werde ich die spontane Tendenz haben,
       mich von ihnen und damit auch von mir selbst zu distanzieren.
       Der Zugang  zu unseren  Gefühlen und  Erkenntnissen hängt, ebenso
       wie die  Möglichkeit, uns  von diesen  zu "befreien", von unserer
       realen und  als möglich erkannten - immer über die Beziehungen zu
       den Mitmenschen  vermittelten - Handlungsfähigkeit, d.h. aber von
       unserer Macht  ab: Genau  dieser Weg der Einflußnahme auf den ge-
       sellschaftlichen Entwicklungsprozeß  als Voraussetzung der bewuß-
       ten Bestimmung  des eigenen  Lebens, Fühlens und Handelns wird in
       den Theorien  der Selbstverwirklichung  - bei  aller Unterschied-
       lichkeit im  einzelnen -  denunziert: als persönliches Machtstre-
       ben, als  unbewußtes Ausleben  aufgestauter Aggressionen etc. Sie
       reproduzieren damit  blind die  objektive Widersprüchlichkeit der
       Anforderungen, mit denen die Menschen unter kapitalistischen Ver-
       hältnissen ständig  konfrontiert sind und die wesentlich zu deren
       Verunsicherung beiträgt:  Indem sie zur Überwindung der von ihnen
       kritisierten/zensierten Verhaltensweisen  und  Bedürfnisse  genau
       die Bedingungen  angeben, die  zu ihnen  geführt haben, d. h. die
       Menschen mit  Appellen innerer  Läuterung traktieren und zugleich
       die objektiven Möglichkeiten, diesen zu entsprechen, verbauen und
       damit  aber   die  Gefühle   subjektiver  Unzulänglichkeit/Verun-
       sicherung als  Bedingung innerer  Unfreiheit erhöhen,  die sie zu
       bekämpfen vorgeben etc.
       Indem die  Theorien der Selbstverwirklichung die - innere - Frei-
       heit in  Anpassung an  oder auch in subjektiver Erhebung über die
       gegebenen Verhältnisse  als einzig  sinnvolle Lebensführung prei-
       sen, kommen  sie zu  einer Reihe  falscher Alternativen,  die den
       Ausweg aus  der Situation  der Fremdbestimmtheit, des Uneins-mit-
       sich-selbst-Seins, systematisch  verstellen: Nur unter der Bedin-
       gung der  Fremdbestimmtheit der Existenz, wenn ich mich, um nicht
       deren Zuwendung zu verlieren, zum ausführenden Organ der Interes-
       sen derer mache, von denen ich abhängig bin und alle dieser Funk-
       tion widersprechenden  Erkenntnisse und Impulse verdränge/leugne,
       gerät "Sicherheit"  in Gegensatz zu "Wachstum". Wenn ich hingegen
       Wachstum bzw.  Entwicklung nicht als mystische Kraft, sondern als
       Erweiterung meiner  Lebens- und  Entwicklungsmöglichkeiten in be-
       wußter Bestimmung  meiner Lebensbedingungen fasse, ist Sicherheit
       nicht Gegenpol  zur Entwicklung, wie alle Theorien der Selbstver-
       wirklichung einmütig  behaupten, sondern  mit  dieser  identisch,
       sowohl deren Voraussetzung als auch Ergebnis. Freiheit, Selbstbe-
       stimmung, Autonomie,  etc. lösen  nicht, wie die Selbstverwirkli-
       chungstheorien unterstellen,  per se  Angst aus,  sondern  allein
       über die  realen Gefahren,  die mir  drohen, wenn ich die mir ge-
       steckten Grenzen überschreite. Die Menschen sind nicht an und für
       sich entwicklungsfeindlich, sondern nur in dem Maße, wie sich die
       Veränderung ihrer  Lebensbedingungen über ihre Köpfe hinweg voll-
       zieht und im wesentlichen nichts anderes als die Gefährdung ihrer
       mühsam erworbenen  "Integration" bedeutet.  Die  Alternative  zur
       Festlegung/Disziplin auf der Grundlage der Angst ist nicht Offen-
       heit, sondern  die Ausrichtung des Verhaltens an den eigenen Ent-
       wicklungsinteressen  und   den  sich  daraus  ergebenden  Zielen.
       "Offenheit" unter Bedingungen der Abhängigkeit ist nicht Ausdruck
       meiner Freiheit,  sondern Bedingung  meiner Flexibilität,  meiner
       allgemeinen Anpassungsfähigkeit  an  die  sich  verändernden  Le-
       bensumstände und  zugleich Abwehr aller Anforderungen, sich Klar-
       heit  über   die  gesellschaftliche  Funktion  des  eigenen  Han-
       delns/Nichthandelns, dessen  Auswirkungen auf  die Situation  der
       Mitmenschen und die eigene Existenz zu verschaffen, d. h. der Ge-
       sellschaftlichkeit meiner  Existenz bewußt  Rechnung  zu  tragen.
       Sich selbst wichtig zu nehmen, ist nicht, wie in den Theorien der
       Selbstverwirklichung mehr  oder weniger  deutlich behauptet wird,
       Hindernis individueller  "Autonomie", sondern deren absolute Vor-
       aussetzung. Nur  wenn ich mich selbst und das, was ich tue, wich-
       tig nehme  und mich  entsprechend engagiere, werde ich meiner ge-
       sellschaftlichen Verantwortung  gerecht, verliert die verhängnis-
       volle These  vom "Rädchen  im Getriebe",  das nach  irgendwelchen
       übergeordneten Plänen  funktioniert (die  auch den  Theorien  der
       Selbstverwirklichung zugrunde liegen) ihre Überzeugungskraft. Die
       oberflächliche Selbstbezogenheit,  an der sich der allgemeine Ta-
       del festmacht,  resultiert hingegen  gerade  aus  der  mangelnden
       Selbstgewißheit, den  Zweifeln an  der eigenen Bedeutung, wie sie
       typisch für  Verhältnisse sind, innerhalb derer der Wert des ein-
       zelnen von  seiner Verwertbarkeit für die herrschenden Interessen
       abhängt.
       Die Theorien  der Selbstverwirklichung innerhalb fremdbestimmter,
       der eigenen  Verfügung entzogener  Lebensbedingungen gewinnen da-
       durch den Schein der Authentizität (und finden so in weiten Krei-
       sen Resonanz),  daß sie  typische Erlebnis- und Verhaltensweisen,
       wie sie  sich in Reaktion auf die kapitalistische Klassenrealität
       herausbilden,  in  ihren  selbsteinschränkenden/selbstzerstöreri-
       schen Auswirkungen  - zumindest partiell - plastisch beschreiben,
       teilweise kritisch reflektieren und zugleich "Lösungen" anbieten,
       die sich  unter dem  Druck der  Verhältnisse ohnehin spontan auf-
       drängen, damit  mögliche Zweifel  an der  Richtigkeit des eigenen
       angepaßten Verhaltens beseitigen und somit unmittelbar beruhigend
       wirken. Dieser  Weg des  geringsten Widerstands, der Anpassung in
       unmittelbarer Reaktion auf die Unterdrückung, wird i.d.R. als be-
       sonders dornenreich  und dramatisch  dargestellt, so  daß  z.  B.
       nicht der Rückzug auf die eigene Innerlichkeit als Flucht vor der
       gesellschaftlichen Verantwortung,  sondern umgekehrt jede politi-
       sche Tätigkeit als Flucht vor der Dramatik der Auseinandersetzun-
       gen mit  den eigenen  Untiefen erscheint.  Während Freud noch als
       Bandbreite menschlichen  Glücks die Alternative zwischen dem nor-
       malen Elend  und dem  neurotischen Leiden der angepaßten Existenz
       setzt und  damit in  indirekter Weise als Voraussetzung menschli-
       chen Glücks die Überwindung der fremdbestimmten Verhältnisse auf-
       zeigt (die er jedoch zugleich als utopisch verwirft), stellt sich
       diese Notwendigkeit  der Überwindung  der  Fremdbestimmtheit  als
       Voraussetzung der Selbstbestimmung in den Theorien der Selbstver-
       wirklichung, indem  sie die innere Unabhängigkeit von der äußeren
       Unabhängigkeit loslöst, von vornherein überhaupt nicht mehr. Wenn
       man die  politischen Implikationen der Selbstverwirklichungstheo-
       rien in  ihren verschiedenen  Spielarten betrachtet,  so verdeut-
       licht sich,  daß hier nicht, wie in der Freudschen Psychoanalyse,
       dem Individuum Hilfestellung zur Realisierung der angesichts mas-
       siver gesellschaftlicher Unterdrückung noch verbleibenden Lebens-
       möglichkeiten gegeben  werden soll, sondern das Subjekt dazu auf-
       gerufen  ist,   per   rücksichtsloser   Selbstdurchsetzung   oder
       (angesichts allzu  großer Widerstände dagegen) Pflege des inneren
       Reichtums und der eigenen Leidensfähigkeit das "Glück der Persön-
       lichkeit" zu  suchen und  zu finden. Es ist demgemäß (trotz ihrer
       häufig "radikalen"  oder  "progressiven"  Aufmachung)  sicherlich
       kein Zufall,  daß die Selbstverwirklichungstheorien mit ihrer De-
       nunziation des Strebens nach Sicherheit, ihrer Anpreisung schran-
       kenloser "Flexibilität"  und/oder des  Glücks der "inneren Werte"
       etc., z.B.  relativ nahtlos  von der  gegenwärtigen "neokonserva-
       tiven" Offensive nach der "Wende" vereinnahmbar sind.
       So ist  es auch  nicht verwunderlich, daß etwa die Auffassung vom
       Rückzug in  die eigene  Innerlichkeit als wahre menschliche Größe
       sich nicht  nur in  bestimmten  Spielarten  der  Selbstverwirkli-
       chungstheorien  findet,  sondern  (unter  begünstigenden  gesell-
       schaftlich-politischen Konstellationen)  darüberhinaus  konserva-
       tive  Ausdrucksformen  der  bürgerlichen  "öffentlichen  Meinung"
       prägt.
       Die politische  Funktion derartiger  Auffassungen als  Entlastung
       von der Verantwortung für die gesellschaftlichen Verhältnisse und
       damit die  Mystifizierung der hinter diesen Verhältnissen stehen-
       den Interessen  wird, wie die Untersuchung der westdeutschen Bio-
       grafik der  Nachkriegszeit durch  Helmut Peitsch (1984) aufweist,
       im besonderen  Maße bei der Aufarbeitung bzw. Verdrängung der fa-
       schistischen Vergangenheit  durch die  sogenannten "inneren  Emi-
       granten" deutlich.  Die zentrale  Verteidigung gegen den Vorwurf,
       den Faschismus  durch die eigene passiv/angepaßte Existenz unter-
       stützt zu  haben, bestand in der Demonstration persönlicher Inte-
       grität und  Empfindsamkeit, die  man sich aller äußeren Anpassung
       an die  unmenschliche Realität zum Trotz bewahrt habe. Von dieser
       Position individueller  Menschlichkeit aus  erschien, so Peitsch,
       der Faschismus  im allgemeinen als Tragödie, in die alle Menschen
       - Faschisten und ihre Opfer - schuldhaft/schuldlos verstrickt wa-
       ren. Angesichts  der These  von der alle Menschen einschließenden
       Kollektivschuld verflüchtigten  sich automatisch  alle  konkreten
       Unterschiede und damit zugleich jede faktische Schuld. Die Mysti-
       fizierung der  Schuld und die Verklärung des Leidens standen, wie
       Peitsch aufweist,  dabei im  engen Zusammenhang:  Das Leiden wird
       quasi zur  Quelle innerer  Läuterung stilisiert,  die jede Schuld
       kompensiert. Wer  bei dem,  was er  tat, innerlich litt, kann für
       dieses Tun  nicht verantwortlich  gemacht werden bzw. hat die ihm
       gebührende  Strafe   bereits   erfahren.   Gemäß   der   Position
       "innerlicher" Menschlichkeit  hat, so  Peitsch, jeder  Mensch, ob
       Faschist oder Antifaschist, seine guten und weniger guten Seiten,
       woraus sich  der allgemeine  Appell ableitet,  daß jeder  mit der
       Kritik bei  sich selbst ansetzen und verbleiben möge. Die Anklage
       der Verhältnisse  und die  Forderung ihrer Veränderung erscheinen
       unter diesem  Blickwinkel persönlicher  Menschlichkeit als  bloße
       Rationalisierung, als  Flucht vor  der Notwendigkeit der geistig-
       moralischen Selbstsäuberung, die sich selbst disqualifiziert.
       Diese Art der Verarbeitung der eigenen "zurückgezogenen" Existenz
       im Faschismus, die zugleich die wahren - objektiven und subjekti-
       ven -  Ursachen des  Faschismus verstellt,  wurde, wie H. Peitsch
       zeigt, in  der -  literarischen - Öffentlichkeit systematisch ge-
       fördert. Als  gelungene Berichte  wurden in  der  Literaturkritik
       z.B. diejenigen  hervorgehoben, die,  statt über  dessen Ursachen
       aufzuklären, das  Leiden verklärten, indem sie es als Bewährungs-
       probe deuteten, an der man als Persönlichkeit gereift und gewach-
       sen sei.  Die allgemeine  Kritik galt hingegen jenen Autoren, die
       den Faschismus  nicht als  über die Menschheit gekommenes schick-
       salhaftes Unheil  schilderten, sondern  in seinen gesellschaftli-
       chen Ursachen  analysierten und sowohl die allgemeine Doktrin der
       schuldhaft/schuldlosen Verstrickung  aller Menschen  widerlegten,
       indem sie  die wirklichen  Opfer des  Faschismus von jenen unter-
       schieden, die an diesem profitierten oder zu profitieren hofften,
       wie zugleich in ihrer eigenen Person die Möglichkeit widerständi-
       ger Existenz unter unmenschlichen Verhältnissen manifestierten.
       
       Die individuelle  Menschlichkeit (-  in Abstraktion von ihrer so-
       zialen und  politischen Dimension -), die sich in der Rechtferti-
       gung der angepaßten Existenz im Faschismus spontan aufdrängte und
       durch die  Literaturpolitik und die allgemeine Öffentlichkeit sy-
       stematisch gefördert  wurde, erweist  sich, ganz  wie es  in  den
       Theorien der  Selbstverwirklichung empfohlen wird, in der indivi-
       duellen Fähigkeit, aus dem jeweils Gegebenen das Beste zu machen,
       offen für  das Gute  und Schöne  zu sein, wo immer es sich zeigt,
       dieses als Entschädigung für das Niedrige und Häßliche zu nehmen,
       von dem  man sich  nach Möglichkeit fernhalten sollte. Wenn einem
       diese äußere  Distanz zum  Negativen und  Bösen in der Welt nicht
       gelingt, hat  man diesen Auffassungen zufolge immer noch die Mög-
       lichkeit zu innerer Distanz, d.h. sich bei dem, wozu man sich un-
       ter dem  Druck der  Verhältnisse genötigt  sieht, innerlich  her-
       auszuhalten und  die eigene Persönlichkeit/Menschlichkeit dort zu
       pflegen, wo  dies den  einzelnen nicht in Schwierigkeiten bringt,
       (vgl. etwa auch Peitsch, Kühnl und Osterkamp 1985).
       
       4. Die Theorie von Herkommer u.a. über Möglichkeiten der
       --------------------------------------------------------
       Persönlichkeitsentfaltung innerhalb moderner kapitalistischer
       -------------------------------------------------------------
       Gesellschaften: Spontane Durchsetzung der Ideologie der
       -------------------------------------------------------
       Selbstverwirklichung in gesellschaftlichen Freiräumen durch
       -----------------------------------------------------------
       ökonomistische Verkürzung der marxistischen Analyse
       ---------------------------------------------------
       
       Die ideologischen Fallstricke bürgerlicher Selbstverwirklichungs-
       und Autonomievorstellungen sind auch beim Versuch der Entwicklung
       marxistisch fundierter  Persönlichkeitskonzepte nicht etwa leicht
       zu vermeiden,  vielmehr muß  eine umfassende Aneignung und Umset-
       zung materialistischer Dialektik mit permanenter selbstkritischer
       Reflexion  möglicher  Verkehrungen  der  erarbeiteten  Konzeption
       durch unvermerktes  Eindringen bürgerlich-ideologischer  Elemente
       geleistet werden.  So ist etwa die Klärung der Problematik perso-
       naler Existenz unter bürgerlichen Verhältnissen dann von vornher-
       ein verstellt,  wenn bereits  die  marxistischen  Grundpositionen
       Verkürzungen und  Vereinseitigungen enthalten,  durch welche ihre
       kritische Durchdringungskraft  verloren geht.  Ein Beispiel dafür
       sind die  marxistisch gemeinten,  aber -  durch Reservierung  des
       Marxismus für  den Produktionsbereich  - ökonomistisch verkürzten
       Vorstellungen von  Herkommer, Bischoff  und Maldaner  (1984),  da
       hier in  den Leerstellen, wo die marxistische Analyse suspendiert
       ist, sich  fast zwangsläufig  heute gängige  Ideologeme, wie  die
       Ideologie der Selbstverwirklichung in gesellschaftlichen Freiräu-
       men, durchsetzen.
       So gehen  Herkommer et  al. vom Widerspruch zwischen dem in hohem
       Maße fremdbestimmten  Produktionsbereich und  dem Freizeitbereich
       aus, der  - in  Abhängigkeit von der Höhe des Lohns und der Länge
       der Freizeit  - "eine Vielfalt an Betätigungsmöglichkeiten eröff-
       net -  von den verschiedensten Hobbytätigkeiten und Vereinstätig-
       keiten, gewerkschaftlicher  und politischer  Arbeit bis  hin  zum
       Verreisen und Familienausflügen" und damit Raum für die individu-
       elle Entwicklung  biete (1984, S. 211). Persönlichkeit entwickelt
       sich nach Auffassung Herkommers, Bischoffs, Maldaners in der per-
       sönlichen Ausgestaltung zugestandener Freiräume, durch welche der
       einzelne Lohnabhängige  "fähiger, sensibler,  bedürfnisreicher  -
       und als  solch entwickelte  Persönlichkeit ... wieder in den Pro-
       duktionsprozeß" zurückkehren und in diesem entsprechende Verände-
       rungen schaffen  würde (1984,  S. 194).  "Die  Entwicklung  eines
       'freizeitkulturellen Lebensstils' in der jüngsten Entwicklung des
       Kapitalismus" hätte  somit "nicht  nur in breitem Umfang die per-
       sönliche und  soziale  Selbstverwirklichung  aller  Bevölkerungs-
       schichten gebracht  - allerdings in sehr unterschiedlichem Umfang
       -, sondern  auch die  Werte  von  Kommunikation  und  Kreativität
       gleichsam in  den Produktionsprozeß  zurückgetragen. Zunächst ar-
       beitete man,  um einen  freizeitkulturellen Lebensstil  für sich,
       die Familie  und gemeinsam  mit anderen  pflegen und  genießen zu
       können; schließlich  schlägt dieser  Lebensstil in eine Neubewer-
       tung der Arbeitsinhalte und -bedingungen um" (1984, S. 195).
       Gesellschaftliche Veränderungen  ergeben sich diesen Ausführungen
       zufolge, ganz im Sinne der Theorien der Selbstverwirklichung, da-
       durch,  daß   man  sich  in  seinen  Freizeitbeschäftigungen/Ver-
       gnügungen zur  bedürfnisreichen Persönlichkeit entwickelt und als
       eine solche  auch größere  Freiräume im Produktionsprozeß anregt,
       dessen  allgemeine   Fremdbestimmtheit  dieser   Auffassung  nach
       offensichtlich nur deswegen besteht, weil die Menschen noch keine
       hinreichenden Unabhängigkeitsbedürfnisse entwickelt haben.
       Subjektivität wird  von Herkommer, Bischoff, Maldaner als kompli-
       ziertes  und   widerspruchsvolles  Verhältnis  von  sozialer  De-
       terrm'niertheit des  einzelnen durch  die  Gesellschaft  und  dem
       "innerhalb bestimmter  Grenzen  mögliche(n)  tätige(n)  Gestalten
       seiner Beziehungen  in der  Gesellschaft" (1984,  S. 130) gefaßt,
       das sich  durch alle  Lebensbereiche hindurchziehe.  Die Menschen
       seien nicht nur durch den vorwiegend fremdbestimmten Produktions-
       bereich, sondern zugleich durch andere, der realen Subsumtion des
       Kapitals entzogene Bereiche bestimmt. Die verschiedenen Lebensbe-
       reiche würden nicht direkt, sondern gebrochen durch die Tradition
       und Wertorientierung  je spezifischer  Gruppen, zu denen der ein-
       zelne gehört, auf die Individuen einwirken und sich in diesen zur
       Persönlichkeitsstruktur verdichten,  die dann  wiederum die  Ver-
       hältnisse, durch die sie geworden ist, in je individueller Beson-
       derung reproduziere.  "Was wiederholte  Betätigung zur  Erfahrung
       gemacht hat" würde, wie es in verkürzter Übernahme eines von Marx
       in einem  völlig anderen inhaltlichen Zusammenhang gemachten Aus-
       spruchs  heißt,   zum  Bestandteil  individueller  Persönlichkeit
       (1984, S. 215). Die individuelle Aneignung der jeweiligen Lebens-
       bereiche sei  doppelbestimmt: durch  den Kompromiß  zwischen  der
       Tendenz nach sozialer Angleichung, Nachahmung einerseits und nach
       individueller Differenzierung,  der Heraushebung persönlicher Be-
       sonderheit andererseits.  Die Gesamtheit der individuellen Aneig-
       nung, der Nachahmungs- und Differenzierungstätigkeit, würde durch
       den "Habitus"  organisiert, der  sich aus  dem Zusammenspiel  der
       Einwirkungen aus den verschiedenen gesellschaftlichen Sphären und
       dem jeweiligen  Temperament des einzelnen ergebe und zugleich die
       Eigenart und  Unterscheidbarkeit der  individuellen Aneignung be-
       stimme. "Persönlichkeit"  entstehe aus dem Kompromiß zwischen An-
       passung und  Differenzierung, d.h. der persönlichen Ausgestaltung
       der Anpassung  an die  verschiedenen Lebensbereiche  in  Abhebung
       oder auch Ausgrenzung von anderen.
       Der Zwang  bleibt gemäß  diesen Ausführungen auf die unmittelbare
       Reglementierung des  Verhaltens beschränkt, die im Produktionsbe-
       reich am  stärksten und in den übrigen, der realen Subsumtion un-
       ter das  Kapital entzogenen  Lebensbereichen erheblich  geringer,
       mehr oder weniger aufgehoben sei. Die Kindheit wird nicht, wie in
       den psychoanalytisch  orientierten  Theorien,  als  Zeitraum  be-
       stimmt, in  welchem die  individuelle  Autonomie/Widerständigkeit
       gebrochen, die Basis für die allgemeine Unterwürfigkeit gegenüber
       allen "Autoritäten"  gelegt wird,  sondern explizit  als ein Raum
       definiert, in  welchem Dressur  und Disziplin eingeschränkt sind.
       Die Dimension  des  verinnerlichten  Zwangs  -  die  Selbstunter-
       drückung zur  Sicherung des  Wohlwollens  derer,  von  denen  man
       objektiv abhängig  ist und  die damit verbundene Partizipation an
       der Macht/Unterdrückung  -  geraten  völlig  aus  dem  Blickfeld,
       ebenso wie  die dadurch  bedingte subjektive Problematik, die als
       reale Verunsicherung, allgemeine Ängste und Selbstzweifel und das
       Bemühen, den  eigenen Persönlichkeitswert  gegenüber  anderen  zu
       demonstrieren,  vordergründig  wird.  Die  Folge  davon  ist  die
       Harmonisierung/Rechtfertigung der  bestehenden Verhältnisse,  die
       den  Individuen   immer  mehr   Freizeit  und   damit  eine  fast
       unüberschaubare Fülle  an Möglichkeiten  zur Ausschmückung  ihres
       individuellen = privaten Lebens bzw. ihrer Persönlichkeit bieten.
       Die Abhängigkeit  der Persönlichkeitsentwicklung von den zur Ver-
       fügung gestellten  "Freiräumen" bestimmt eine Reihe anderer Theo-
       rien, auf  die hier  jedoch nicht im einzelnen eingegangen werden
       kann (s.  z.B. Hoff,  Lappe und Lempert, 1985): Die Handlungsmög-
       lichkeiten sind  derartigen Auffassungen zufolge in mehr oder we-
       niger beschränktem  Maße den  Individuen vorgegeben.  Restriktive
       Situationen führen  zu restriktivem Verhalten, offene Situationen
       führen zur  Erweiterung individueller  Handlungsweisen. Die  Mög-
       lichkeit und  Notwendigkeit des Kampfes gegen die entwicklungsbe-
       hindernden Lebens-  und Arbeitsbedingungen  bleiben außerhalb der
       Diskussion. Damit  können menschliche  Beziehungen nicht in ihrer
       subjektiven Qualität,  der unmittelbaren  Verbundenheit über  die
       gemeinsame Entwicklung  in der bewußten Bestimmung der Lebensver-
       hältnisse, sondern  nur auf  der instrumenteilen  Ebene begriffen
       werden, aufweicher die jeweils privaten Interessen aneinander ab-
       gearbeitet werden  bzw. sich  innerhalb vorgegebener Verhältnisse
       miteinander arrangieren müssen.
       
       5. Fazit der Darstellung/Kritik "persönlichkeitstheoretischer"
       --------------------------------------------------------------
       Spiegelungen bürgerlicher Rückzugs- und Freiraum-Ideologeme:
       ------------------------------------------------------------
       Rahmenbestimmungen marxistischer Persönlichkeitstheorie
       -------------------------------------------------------
       
       Die Quintessenz  aus den  hier dargestellten  Theorien läßt  sich
       folgendermaßen zusammenfassen:  Wenn man  von der gesellschaftli-
       chen Verantwortung  der Menschen als wesentlicher Bestimmung des-
       sen, was Persönlichkeit ausmacht, absieht, verkommt Subjektivität
       zur Ausschmückung  der individuellen  Person in Abhebung und/oder
       Ausgrenzung von  anderen und  zur "Gestaltung" privater Beziehun-
       gen, wobei  die vielfältigen Auflagen, die der "freien Entfaltung
       der  Persönlichkeit"  gesetzt  und  die  mannigfachen  Begrenzun-
       gen/Belastungen, denen die privaten Beziehungen innerhalb kapita-
       listischer Verhältnisse unterworfen sind, als bloße Folge indivi-
       duellen Fehlverhaltens/Unvermögens  oder überhaupt nicht erschei-
       nen.
       Als Ergebnis all dieser Theorien steht dann die schlichte Behaup-
       tung, daß  die Menschen mit der längsten Freizeit und dem meisten
       Geld die  entwickeltsten Persönlichkeiten  seien [die  sich,  wie
       z.B. bei  Maslow (1972), leicht in die Aussage ummünzen läßt, daß
       Geld und  freie Zeit nicht Basis, sondern Krönung der Persönlich-
       keitsentwicklung sind, d.h. "starke Persönlichkeiten" automatisch
       zu den  gesellschaftlichen Spitzenpositionen aufsteigen und weni-
       ger starke halt weiter unten bleiben].
       Indem man  Entfremdung auf  die äußere  Reglementierung reduziert
       und damit  die Verhältnisse  im "Privatbereich" idealisiert, ent-
       fällt ein  zentraler Aspekt  menschlichen Leidens und damit unab-
       weisbarer  Notwendigkeit   gesellschaftlicher  Veränderung:   die
       Selbsterniedrigung und  die dadurch  bedingte  Selbstfeindschaft,
       die sich aus der eigentätigen Festigung der Bedingungen individu-
       eller Abhängigkeit  ergeben, und die vielfältige, mehr oder weni-
       ger bewußte  Einbezogenheit in die Unterdrückung anderer, die die
       Beziehung zu  diesen massiv  belastet und  die potentielle Wider-
       ständigkeit gegen jede Form der Ausbeutung unterminiert. Das Lei-
       den an  der kapitalistischen Klassenrealität besteht nicht primär
       in der  äußeren Disziplinierung, sondern in der Gebrochenheit der
       eigenen Haltung  zu den  Mitmenschen und  einem selbst, die diese
       Verhältnisse einem  aufnötigen,  und  in  der  dadurch  bedingten
       Selbstverunsicherung. Diese ist um so größer, je fragwürdiger das
       individuelle Verhalten  in Reaktion  auf die  objektive  Verunsi-
       cherung ist; sie wird im allgemeinen durch eine mehr oder weniger
       sublime Selbstbeweihräucherung,  die Demonstration  individueller
       Tugenden/Fähigkeiten, aber  auch selbst erfahrener Leiden kompen-
       siert, die  allen Schaden  und alle Leiden, die man anderen zuge-
       fügt hat,  null und  nichtig oder  gar als  Selbstaufopferung er-
       scheinen lassen.
       Aufgabe einer  an der  Entwicklung und  Emanzipation der Menschen
       interessierten Persönlichkeits-Konzeption  wäre es gerade, dieses
       Leiden und  diese Ängste/Selbstzweifel weder zu verschweigen noch
       abzuwehren oder  zu beschönigen,  sondern in  ihren  vielfältigen
       Formen auf  den Begriff zu bringen, d. h. sie in ihren objektiven
       Ursachen, Zusammenhängen  und Konsequenzen  zu klären,  damit man
       sich bewußt  mit ihnen  auseinandersetzen kann, statt aus der De-
       fensive heraus genau die Verhältnisse zu festigen, die die Verun-
       sicherung bedingen und die Menschen entgegen ihren Interessen für
       fremde Zwecke manipulierbar machen. Statt das Thema "Angst" gene-
       rell zu  umgehen, wie  das z.  B.  bei  Herkommer,  Bischoff  und
       Maldaner geschieht,  oder diese als bloßes Fantasieprodukt herun-
       terzuspielen, wie  das z.B. Perls tut, oder aber das Ertragen der
       Angst zur  inneren Größe  zu stilisieren, wie das Gruen betreibt,
       gilt es  vielmehr, die in der Angst enthaltene Kritik an den Ver-
       hältnissen, d.h. die in ihr widergespiegelten Bedrohungen auf den
       Begriff zu  bringen und  mit den  Ursachen der Angst diese selbst
       aufzuheben -  in der  Erkenntnis, daß  mich "Angst"  immer hinter
       meinen menschlichen Möglichkeiten zurückbleiben, in meinem Denken
       und Handeln  eng werden  und mich  mir selbst  zum Feinde  werden
       läßt.
       Statt die Ausnutzung zugestandener Freiräume als Selbstverwirkli-
       chung  und   Raum  wahrer   Menschlichkeit   zu   verkaufen   und
       "Bescheidenheit" bzw.  die Zufriedenheit  mit dem,  was einem be-
       schieden ist,  zur höchsten  Tugend zu erheben, gilt es vielmehr,
       die Eingebundenheit  des individuellen Handelns in die herrschen-
       den Verhältnisse/Interessen,  das heißt  aber auch  die objektive
       Asozialität jeder  "Resignation" sowie die "Feigheit, die Selbst-
       verachtung, die Erniedrigung, die Unterwürfigkeit", die dem Rück-
       zug auf die eigene Innerlichkeit zugrunde liegen, aufzudecken und
       damit den  Ansporn zu  setzen, gegen die objektive und subjektive
       Erniedrigung anzugehen  (vgl. MEW  4, S. 200). Man darf, so Marx,
       dem Menschen "keinen Augenblick der Selbsttäuschung und der Resi-
       gnation ... gönnen", sondern muß "den wirklichen Druck noch drüc-
       kender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt,
       die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert" (MEW l,
       S. 381). "Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um
       ihm Courage zu machen" (ebenda), d.h. die Menschen mit den Konse-
       quenzen ihres  Verhaltens konfrontieren,  ihnen unmöglich machen,
       die Augen  davor zu  verschließen, damit sie damit aufhören, ihre
       eigene Erniedrigung  und deren Bedingung, ihre aktive Beteiligung
       an der  Festigung der Unterdrückungsverhältnisse zu verschleiern,
       sondern sich  gegen diese  zur Wehr zu setzen beginnen. Statt die
       Varianz   hinsichtlich    der   Gestaltungsmöglichkeiten   meiner
       "Freiräume" als  Beweis individueller Autonomie und gesellschaft-
       licher Freiheit  zu preisen,  gilt es  vielmehr, um  mit Marx  zu
       sprechen, die  "mit kleinen  Antipathien, schlechten Gewissen und
       brutaler Mittelmäßigkeit"  verbundenen "konzessionierten Existen-
       zen" in  ihrer "wechselseitigen  zweideutigen  und  argwöhnischen
       Stellung" (ebenda)  und in  "ihrer ebensosehr  anerkennenden  als
       verkennenden Beschränktheit"  (MEW 1,  S. 380)  zu verdeutlichen,
       d.h. den  Kampf gegen  den "bescheidene(n)  Egoismus" zu  führen,
       welcher "seine Beschränktheit geltend macht und gegen sich selbst
       geltend machen  läßt" (MEW 1, S. 389). Statt, um nicht unangenehm
       aufzufallen, die  eigenen Behinderungen  und damit die objektiven
       Verhältnisse, die  diese Behinderungen  bedingen,  zu  verbergen,
       gilt es,  diese in  aller Schärfe  auf den Begriff zu bringen und
       mit der  "trotzigen Parole": "Ich bin nichts, und ich müßte alles
       sein" allen  Beschönigungen  der  Unterdrückung  entgegenzutreten
       (ebenda).
       Wesentlich für  die Persönlichkeitsentwicklung sind nicht die mir
       zugestandenen Freiräume, sondern in wessen Interesse ich handele:
       Inwieweit ich eine "konzessionierte", den herrschenden Interessen
       untergeordnete Existenz  führe, d.h.  mich zur Absicherung meiner
       individuellen Existenz  den herrschenden Verhältnissen füge, oder
       inwieweit ich  mich gerade  - in  der Erkenntnis ihrer asozialen,
       gegen die  Entwicklungsinteressen der  Menschen gerichteten Funk-
       tion -  gegen eine  solche "konzessionierte Existenz", d.h. gegen
       jede Form  von Resignation,  des Arrangements mit den bestehenden
       Entwicklungsbehinderungen und meiner Beteiligung daran, verwehre.
       Wesentlich für die Persönlichkeitsentwicklung ist also, inwieweit
       ich auf  die Bedingungen meiner Existenz vermittels meiner Unter-
       würfigkeit, die Leugnung/Zensur meiner "unangemessenen" Lebensan-
       sprüche, oder in Erweiterung meiner Handlungsfähigkeit zur vollen
       Realisierung meiner Bedürfnisse, Interessen und Erkenntnisse Ein-
       fluß zu gewinnen trachte. Nicht in der Ausnutzung, sondern gerade
       in der  Zurückweisung von "Freiräumen", innerhalb derer die Frei-
       heit nur  so lange  besteht, wie  man gemäß den herrschenden Vor-
       stellungen und  Interessen funktioniert, kommt die Persönlichkeit
       zum Ausdruck,  die sich  in dem  Maße entwickelt, wie man zu dem,
       was man  für richtig  erkannt hat,  steht, sich  von diesem weder
       durch Bestechung noch durch Bedrohung abbringen läßt. Nelson Man-
       dela beweist  gerade dadurch  seine Persönlichkeit,  daß er  - im
       Wissen  um   die  politischen   Konsequenzen  -   die  "Freiheit"
       zurückweist, die  man ihm gewähren würde, wenn er dem Kampf gegen
       die  Apartheid  abschwören  und  stattdessen  den  Kampf  um  die
       Menschlichkeit im eigenen Inneren betreiben würde (s. hierzu z.B.
       auch die Ausführungen Brendlers, 1983, über Luther).
       Die Vermittlungsinstanz  zwischen Individuum und Gesellschaft ist
       somit nicht  der "Habitus"  als je  spezifische Bündelung gesell-
       schaftlicher Einwirkungen und/oder als je besondere Aneignung der
       für die  Bewältigung der verschiedenen Lebensbereiche notwendigen
       Kenntnisse und  Fähigkeiten durch die Individuen, sondern die ge-
       sellschaftliche Verantwortlichkeit  der Menschen für die Verhält-
       nisse, das  bewußte Verhalten  zu den gegebenen Lebensbedingungen
       und zu  den eigenen Bedürfnissen, indem man diese in ihrer Gewor-
       denheit und  also auch  Veränderbarkeit erkennt.  Dieses  bewußte
       Verhalten der  Menschen zu  den Bedingungen ihrer Existenz und zu
       sich selbst  ist wiederum durch ihre gesellschaftliche Handlungs-
       fähigkeit, d.h.  aber durch  ihre Beziehungen  zu den Mitmenschen
       bestimmt, wobei  Ohnmacht nicht Entlastung von der Verantwortung,
       sondern allein  die Verpflichtung  enthalten kann, sich gegenüber
       den entwicklungsbehindernden  Bedingungen handlungsfähig  zu  ma-
       chen, d. h. sich die Einflußmöglichkeiten zu verschaffen, um sei-
       ner Verantwortung  für die Verhältnisse gerecht werden zu können.
       "Das wirkliche Subjekt" ist nicht, so Marx "als Resultat" sondern
       in "seine(r) Objektivation" (MEW l, S. 224) zu fassen. Statt mich
       durch die  vergangenen/erlittenen Erfahrungen  zu definieren  und
       diese    zugleich     für    meine    gegenwärtige    Beschränkt-
       heit/Verzagtheit/Gleichgültigkeit gegenüber den Verhältnissen und
       damit auch  der Situation  der Mitmenschen  verantwortlich zu ma-
       chen, gilt  es vielmehr,  mich durch  meine  Lebensansprüche  und
       Ziele, durch  das, wofür ich eintrete und was ich bewirke, zu be-
       stimmen, d.h.  mich als gesellschaftliche Kraft zu begreifen, die
       partiell durch  die individuelle  Vergangenheit, im  wesentlichen
       aber durch  die Beziehungen zu den Mitmenschen bestimmt ist. (Die
       Haltung der  Jugendlichen ist nicht primär durch ihre je spezifi-
       schen Sozialisationserfahrungen,  sondern vor allem durch die ge-
       genwärtige   Erfahrung    ihrer   allgemeinen    Bedeutungslosig-
       keit/Nutzlosigkeit und  ihre reale  Ohnmacht und Abhängigkeit be-
       stimmt. Die  aktuelle Streikbereitschaft  der Arbeitenden  hängt,
       wie z.B.  Untersuchungen von Bosch, 1978, zeigen, zentral von ih-
       ren gegenwärtigen Handlungsmöglichkeiten, der allgemeinen Streik-
       bereitschaft und den Realisierungschancen der Forderungen ab, und
       persönliche Faktoren  werden erst in dem Maße unmittelbar verhal-
       tensbestimmend, wie  die allgemeine  Handlungsfähigkeit, etwa die
       Streikfront, zerbricht,  die Individuen wieder isoliert, ohnmäch-
       tig, auf die individuell/defensive Existenzsicherung zurückgewor-
       fen sind.)
       "Kultur" ist,  so Gramsci,  nicht Anhäufung von Wissen und Fähig-
       keiten, sondern  die  -  an  den  eigenen  Zielen  orientierte  -
       "Disziplin des eigenen Ichs", "Besitz der eigenen Persönlichkeit"
       (1967, S.  21), was nur dadurch zu erreichen ist, daß man die ei-
       genen unbotmäßigen  Impulse, Bedürfnisse  und Erkenntnisse  nicht
       unterdrückt, sondern  sich gegen jede "Zensur" Unterdrückung die-
       ser subjektiven  Erfahrungen/Bewertungen der  objektiven Realität
       verwehrt. Persönlichkeit  bedeutet nach  Gramsci die  Entwicklung
       eines höheren  Bewußtseins, und dieses höhere Bewußtsein beinhal-
       tet, daß  sich die  Menschen in ihrer Kollektivität, d.h. als ge-
       sellschaftliche Kraft  erkennen und  so "den eigenen geschichtli-
       chen Wert  . .  . ,  die eigene  Funktion im  Leben, die  eigenen
       Rechte und  Pflichten" begreifen  (1967, S. 21) und "eine größere
       Bewußtheit der  eigenen Macht, der eigenen Fähigkeit" entwickeln,
       "die gesellschaftliche  Verantwortung auf  sich  zu  nehmen,  zum
       Schiedsrichter des  eigenen Schicksals  zu werden" (1967, S. 25).
       Die "Eroberung  eines höheren Bewußtseins" bedeutet zugleich, daß
       sich die  Menschen nicht  durch die Wirklichkeit absorbieren las-
       sen, sondern  diese beherrschen  lernen (1967,  S. 31),  daß  sie
       nicht  "nur   egoistisch,  ohne   logische   Kontinuität"   einem
       "Verteidigungssystem gegen  die Ausbeutungen"  und der  "Duckmäu-
       serei und  fingierten Untertänigkeit" verhaftet bleiben (1967, S.
       35), sondern  die "notwendigen  Bedingungen  für  die    v o l l-
       s t ä n d i g e   Verwirklichung ihres Ideals" schaffen (1967, S.
       26).  Die   Entwicklung  der   Persönlichkeit  ist   nicht  durch
       unmittelbare "Arbeit an der Person", ihren Bedürfnissen, Gefühlen
       etc. gemäß  den herrschenden  Interessen  zu  leisten  -  sondern
       schließt den  Kampf gegen  alle Verhältnisse  ein, "in  denen der
       Mensch ein  erniedrigtes, ein  geknechtetes, ein verlassenes, ein
       verächtliches Wesen" ist (MEW l, S. 385). Und dieser Kampf um die
       objektiven Voraussetzungen  unbehinderter subjektiver Entwicklung
       ist  zugleich,  wie  Gramsci  hervorhebt,  ein  Kampf  gegen  den
       "erniedrigenden Servilismus" (ebenda), d. h. aber auch gegen jede
       Form der  Verschleierung/Verherrlichung dieses Servilismus - etwa
       als persönliche  Freiheit, individuelle Autonomie- in der bürger-
       lichen Ideologie/Psychologie bzw. in unseren eigenen Köpfen.
       
       6. Perspektiven und Schwierigkeiten einer psychologischen
       ---------------------------------------------------------
       Konkretisierung des marxistischen Persönlichkeitsentwurfs
       ---------------------------------------------------------
       
       Mit den  aus der  Kritik/Aufhebung bürgerlicher Positionen gewon-
       nenen Rahmenbestimmungen  sind die  Widerspruchspole  subjektiver
       Existenz unter  bürgerlichen Verhältnissen markiert, die in einer
       marxistischen Persönlichkeitstheorie nicht wieder eliminiert oder
       von einander  getrennt werden  dürfen, gleichzeitig  die  Aspekte
       hervorgehoben, unter  denen man  sich dabei  permanent der Gefahr
       unvermerkter  Vereinnahmung  durch  bürgerliche  Persönlichkeits-
       Ideologeme zu  erwehren hat.  Damit sind indessen nur die Voraus-
       setzungen psychologischer Persönlichkeits-Konzeptionen unter mar-
       xistischen Vorzeichen, nicht aber schon deren konkrete Bestimmun-
       gen aufgewiesen.  Für die  somit zu leistende psychologische Kon-
       kretisierung des marxistischen Persönlichkeitsentwurfs sind durch
       die Kritische  Psychologie bereits wichtige Vorarbeiten beigetra-
       gen worden,  insbesondere durch die Elaboration des Widerspruchs-
       begriffs  "restriktive-verallgemeinerte  Handlungsfähigkeit"  auf
       seine Implikationen/Konsequenzen  für  die  Widersprüchlichkeiten
       kognitiver und  emotional-motivationaler Prozesse,  deren soziale
       Bezüge und  deren ontogenetische Entwicklungsgesetzlichkeiten un-
       ter bürgerlichen  Lebensverhältnissen (vgl.  z.B. Holzkamp 1983).
       Das Problem  der Individualität als "Ort" der persönlichkeitsspe-
       zifischen Ausprägung,  Integration und Kontinuität/Diskontinuität
       bestimmter psychischer Funktionsaspekte wurde dabei indessen erst
       in  Ansätzen   behandelt:  In   derartigen  "persönlichkeitstheo-
       retischen" Klärungen  (auf der Grundlage einer weit über das hier
       Angedeutete hinausgehenden  Aufarbeitung psychologischer, litera-
       rischer, künstlerischer  Vorstellungen/Manifestationen  menschli-
       cher Individualität in ihrer gesellschaftlichen Formbestimmtheit)
       liegt eine unserer wesentlichen zukünftigen Aufgaben.
       Nun mag  man an dieser Stelle den Hinweis auf bereits vorliegende
       Ausarbeitung marxistischer  Persönlichkeitstheorie, besonders so-
       wjetischer Psychologen,  speziell der  Kulturhistorischen Schule,
       vermissen: Ist  damit die eben als erst zukünftig zu bewältigende
       wissenschaftliche  Entwicklungsarbeit   gekennzeichnete   Aufgabe
       nicht eigentlich schon geleistet, so daß hier weniger eigene For-
       schungsanstrengungen als  die Rezeption der vorliegenden sowjeti-
       schen Persönlichkeitstheorien angezeigt erscheinen?
       Um zu  dieser  Frage  den  angemessenen  Zugang  zu  finden,  ist
       zunächst zu  berücksichtigen, daß die Arbeiten etwa der Kulturhi-
       storischen Schule wesentliche Grundlagen für die Entwicklung mar-
       xistisch fundierter  Psychlogie unter  bürgerlichen Verhältnissen
       geschaffen haben: So wäre auch die Kritische Psychologie ohne die
       Rezeption der  Auffassungen speziell A.N. Leontjews nicht möglich
       gewesen, wobei  etwa Leontjews  objektive Bestimmung  des Psychi-
       schen als  signalvermittelte Lebenstätigkeit,  seine "genetische"
       Herangehensweise an  den Gegenstand  der Psychologie  u.v.a. auch
       heute noch  die kategorial-methodologischen Fundamente der Kriti-
       schen Psychologie  ausmachen. Gleichzeitig  muß aber auch gesehen
       werden, daß in dem Maße, wie man sich in der kritisch-psychologi-
       schen Forschung  der Herausarbeitung der menschlich-gesellschaft-
       lichen Spezifik  des Psychischen,  insbesondere aber  der  Wider-
       sprüchlichkeiten individueller  Subjektivität unter  bürgerlichen
       Verhältnissen annäherte,  nicht nur  die  R e z e p t i o n  ent-
       sprechender psychologischer  Auffassungen Leontjews immer weniger
       ergiebig  wurde,   sondern  sich   darüber   hinaus   auch   eine
       k r i t i s c h e   D i s t a n z   zu manchen  seiner Positionen
       ergab (vgl.  dazu etwa  H.-Osterkamp 1976, Keiler 1985 und Maiers
       1985).
       Dahinter verbirgt sich die allgemeinere Problematik der Übertrag-
       barkeit von Konzepten und Befunden der Psychologie im Sozialismus
       auf psychologische  Ansätze in der bürgerlichen Gesellschaft. Da-
       bei wäre  zunächst zu  bedenken, daß  in der Psychologie ja nicht
       nur die  Wissenschaft, sondern auch ihr "Gegenstand", das indivi-
       duelle Subjekt,  als historisch  bestimmt durch  konkrete gesell-
       schaftliche Verhältnisse angesehen werden muß. Somit bedürfen die
       kategorialen Bestimmungen  des  Psychischen  auf  "allgemein-men-
       schlicher" Ebene  einer begrifflichen (und methodologischen) Spe-
       zifizierung auf die Erfassung der gesellschaftlich-formbestimmten
       Züge individueller  Subjektivität, wenn  diese in  ihrer histori-
       schen Konkretheit  und darin gegebenen besonderen Entwicklungswi-
       dersprüchlichkeit nicht  verfehlt werden  soll. So wäre dann eine
       einfache Herunterkonkretisierung der von der sowjetischen Psycho-
       logie erarbeiteten  Grundkategorien (wie "Tätigkeit", "Aneignung"
       etc.) auf  die Subjektivität unter bürgerlichen Verhältnissen von
       der Marxschen  Charakterisierung der bürgerlichen Ökonomen mitbe-
       troffen, die  - indem  sie die  historischen  Spezifika  der  Ar-
       beit/Produktion "vergessen"  - "die Ewigkeit und Harmonie der be-
       stehenden sozialen Verhältnisse" in der bürgerlichen Gesellschaft
       "beweisen" (Grundrisse, S. 7). Sofern man aber die von der sowje-
       tischen  Psychologie  vollzogenen  Konkretisierungen  ihrer  Kon-
       zepte/Vorgehensweisen auf  die empirische Subjektivität unter so-
       zialistischen Bedingungen  so behandelt,  als wäre damit auch die
       subjektive Situation  von Individuen  unter bürgerlichen Verhält-
       nissen faßbar, so würde man damit - insbesondere persönlichkeits-
       theoretische -  Konzeptionen den  Individuen als  abstakte Normen
       vorhalten, die  mit ihrer wirklichen Lebensproblematik nicht ver-
       mittelt sind,  und die sie - da die gesellschaftlichen Vorausset-
       zungen dafür  nicht gegeben  sind -  prinzipiell  nicht  erfüllen
       k ö n n e n:  Damit hätte man einen weiteren Beitrag zur Erhöhung
       der  Unsicherheits-  und  Insuffizienzerlebnisse  der  Individuen
       geleistet, der  dann wiederum  mit den geschilderten bürgerlichen
       Persönlichkeitsvorstellungen über  die Ohnmacht  und den Adel des
       isolierten Individuums konvergiert.
       Ein anderer  Aspekt dieser  Übertragungsproblematik ist mehr wis-
       senschaftsgeschichtlicher Art:  Man hat  in Rechnung  zu stellen,
       daß sich  die psychologischen  Konzeptionen nicht nur in der bür-
       gerlichen Gesellschaft,  sondern auch  unter den  sozialistischen
       Bedingungen etwa der Sowjetunion ja nicht im luftleeren Raum oder
       in unmittelbarem Bezug zum Gegenstand entwickeln, sondern im Zuge
       konkreter wissenschaftlicher  und politisch-ideologischer Ausein-
       andersetzungen. Damit  werden die  Eigenart und  Stoßrichtung der
       psychologischen Ansätze  und Befunde  erst hinreichend  verständ-
       lich, wenn  man berücksichtigt,  auf welche zu überwindenden Kon-
       zepte sie sich beziehen und wofür bzw. wogegen sie jeweils Partei
       ergreifen, was  ihrer  einfachen  Eingemeindung  in  den  wissen-
       schaftshistorischen Kontext  der Psychologie  in der bürgerlichen
       Gesellschaft (zu  der schließlich  auch die  marxistische Persön-
       lichkeitstheorie hierzulande  gehört) entgegensteht.  Mithin darf
       auch nicht aus dem Auge verloren werden, daß die sowjetische Psy-
       chologie ja keine einfache Ansammlung richtiger Erkenntnisse ist,
       sondern sich  als lebendige  Wissenschaft in intensivem Meinungs-
       streit voranbewegt.  Es gibt  somit keine übergeordneten Konzepte
       dafür,   w e l c h e   der zu einem bestimmten historischen Zeit-
       punkt vorliegenden  vielfältigen  und  widersprüchlichen  Ausprä-
       gungsformen sowjetischer  Psychologie/Persönlichkeitstheorie  man
       denn für  unsere Verhältnisse übernehmen soll, womit die Problem-
       lage hier in unübersehbarer Weise kompliziert ist.
       Mit diesen Bemerkungen ist die Übertragungsproblematik nur in ei-
       nigen Punkten  angerissen, aber nicht einmal hinreichend in ihren
       Problemaspekten entfaltet,  geschweige  denn  bewältigt.  Es  muß
       vielmehr zugestanden werden, daß sich die genannten Schwierigkei-
       ten etwa  der Kritischen  Psychologie in  Auseinandersetzung  mit
       Leontjew bisher  mehr oder  weniger naturwüchsig in der alltägli-
       chen wissenschaftlichen Arbeit durchgesetzt haben, deren systema-
       tische, selbstkritische  Aufarbeitung aber  nicht geleistet  ist.
       Die einschlägige Diskussion ist also erst noch zwischen allen Be-
       teiligten/Betroffenen umfassend  und intensiv  zu führen.  Soviel
       sollte allerdings aus den vorstehenden Problematisierungen immer-
       hin deutlich werden: Was diese Auseinandersetzung auch im einzel-
       nen erbringen  mag, die benannte Aufgabe der psychologischen Kon-
       kretisierung des  dargelegten marxistischen  Entwurfs  personaler
       Existenz auf  die Individualität/Persönlichkeitsentwicklung unter
       bürgerlichen Verhältnissen  liegt in  jedem Fall  im wesentlichen
       noch vor uns.
       
       Literatur
       ---------
       
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