Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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       ÜBERBLICK ÜBER MARXISTISCHE POSITIONEN IN DER
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       ANGLO-AMERIKANISCHEN PSYCHOLOGIE
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       Charles W. Tolman
       
       1. Einführung  - 2. Die Pawlowsche Richtung - 3. Abweg in die Ge-
       staltpsychologie -  4. Die Freudsche Richtung - 5. Radikalpsycho-
       logie -  6. Individualität  und Sozialpsychologie  - 7.  Entwick-
       lungspsychologie - 8. Schlußbemerkung
       
       1. Einführung
       -------------
       
       Ich bin  gebeten worden, über "die Entwicklung marxistischer per-
       sönlichkeitstheoretischer Positionen, ... wie sie evtl. gegenwär-
       tig im anglo-amerikanischen Forschungsspektrum ... hervorgebracht
       werden", zu schreiben. Das wäre ein Vergnügen, wenn ich dafür auf
       klar umrissene, fundierte Literatur über marxistische Psychologie
       zurückgreifen und  daraus solche  neueren Beiträge  auswählen und
       zusammenfassen könnte,  die  am  meisten  zum  Thema  Persönlich-
       keitstheorie auszusagen  scheinen.  Tatsache  ist  aber,  daß  es
       k e i n e n   erkennbaren Fundus  anglo-amerikanischer  marxisti-
       scher  Psychologie   gibt,  auf  den  man  sich  berufen  könnte.
       Stattdessen gibt  es eine  große Zahl einzelner, meist isolierter
       Versuche, eine  marxistische Psychologie  zu formulieren oder die
       Psychologie bzw.  spezifische psychologische  Probleme aus  einer
       marxistischen Perspektive zu behandeln. 1)
       Über diese  Bestrebungen werde  ich im  folgenden berichten.  Ich
       werde mich vornehmlich mit solchen theoretischen Beiträgen befas-
       sen, die  ihren Ursprung  in der anglo-amerikanischen Psychologie
       haben. Auf  Entwicklungen im  Ausland, wie z.B. in Frankreich, in
       der Bundesrepublik  Deutschland und  den sozialistischen  Ländern
       werde ich  also  n i c h t  d i r e k t  eingehen. Auch sind Ver-
       suche, diese ausländischen Entwicklungen für die anglo-amerikani-
       sche Psychologie  zu interpretieren,  so wichtig sie für sich be-
       trachtet auch  sind, in  unserem Zusammenhang  nicht  von    u n-
       m i t t e l b a r e m  Interesse. Ich werde stattdessen vor allem
       auf solche  englischsprachigen Psychologen (oder Philosophen bzw.
       sonstige Gesellschaftswissenschaftler) hinweisen, die - ausgehend
       von den  Schriften von  Marx, Engels,  Lenin, Pawlow oder anderer
       Klassiker - eigene Beiträge zur Theoriebildung leisten.
       Zu berücksichtigen  ist ferner,  daß  es  mir  hier  darum  geht,
       r e p r ä s e n t a t i v e   theoretische Ansätze  vorzustellen.
       Die Sichtung  der Literatur  hatte also nicht Vollständigkeit zum
       Ziel. Ein  umfassender Überblick wird sich vielleicht eines Tages
       als notwendig erweisen, doch soll hier zunächst lediglich ein An-
       fang gemacht  werden. Ich  halte einen  solchen Anfang einerseits
       für   n o t w e n d i g,   um die marxistische Psychologie in den
       englischsprachigen Ländern  weiterzuentwickeln, andererseits  zum
       jetzigen Zeitpunkt für  a n g e m e s s e n  aus Gründen, die ich
       im folgenden darzulegen versuche.
       
       2. Die Pawlowsche Richtung
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       Pawlows Theorie  des konditionierten Reflexes wurde als Grundlage
       für die  weitere Entwicklung in der Psychologie nirgendwo deutli-
       cher, nachdrücklicher und einfühlsamer vertreten als bei Harry K.
       Wells (25).
       In einer  Vorbemerkung schreibt  Wells: "Der  vorliegende Band...
       stellt einen Versuch dar, den Leser mit denjenigen Lehren Iwan P.
       Pawlows vertraut  zu machen,  die für den Bereich der Psychologie
       und Psychiatrie relevant sind" (25, S. 6). Jedoch wird recht bald
       klar, daß  seine Absicht  weit über  eine bloße Einführung hinaus
       reicht. Wells  verfolgt eine Intention, die das ganze Buch durch-
       zieht und  die er  am Schluß  zusammenfaßt als  "Aufgabe ..., der
       sich nun die Physiologie, Psychologie und Psychiatrie in den Ver-
       einigten Staaten wird stellen müssen", nämlich "... die gegenwär-
       tigen experimentellen und klinischen Arbeiten mit Pawlows Wissen-
       schaft von  der höheren  Nerventätigkeit  in  Übereinstimmung  zu
       bringen." Wells  fährt fort:  "Die Situation  der einzelnen  For-
       schungsbereiche erweist  sich nicht nur als günstig für eine sol-
       che Entwicklung,  sondern fordert geradezu diesen Schritt, um die
       eigenen inneren Probleme lösen zu können" (25, S. 204).
       Wells leitet  die Dringlichkeit  dieser Forderung aus seiner Ein-
       schätzung der Psychologiegeschichte ab: "Aus der verwirrenden An-
       zahl der , Schulen' mit ihren jeweiligen Ablegern hat sich in den
       letzten zwanzig  Jahren eine  Tendenz zur  Polarisierung um  zwei
       mögliche Herangehensweisen  an das  Gebiet  herauskristallisiert:
       der objektive Ansatz zum einen und der subjektive oder introspek-
       tive Ansatz  zum anderen" (25, S. 10). Hauptvertreter der erstge-
       nannten Richtung  sei Pawlow,  mit dessen Namen Wells Materialis-
       mus, Wissenschaftlichkeit und fortschrittliches Denken verbindet,
       während ihm  als Repräsentant  der zweiten  Richtung Freud  gilt,
       dessen Name für Idealismus, Mystizismus und Reaktion stehe.
       Well's großes Verdienst besteht darin, daß es ihm mit diesem Band
       gelingt,  amerikanischen   Lesern,   deren   Vorverständnis   des
       konditionierten Reflexes hauptsächlich auf John B. Watson zurück-
       geht und allzu häufig zur mechanischen Stimulus-Substitution ver-
       einfacht wurde,  die Komplexität  und Vielfalt von Pawlows Ergeb-
       nissen und  Theorien zu  vermitteln. Wells ordnet zunächst Pawlow
       als Nachfolger  Sechenows ein, der im Gegensatz zur idealistisch-
       metaphysisch orientierten  Psychologie die  psychische  Tätigkeit
       materialistisch begründen  wollte. Das  bedeutete zu  zeigen, daß
       psychische Tätigkeit eine physiologische Grundlage hat und in ei-
       nem kausalen  Zusammenhang mit  der äußeren Umwelt steht. Die In-
       tention war,  den allgemein  anerkannten  Parallelismus  zwischen
       Körper und  Psyche zugunsten  eines  wissenschaftlichen  Monismus
       aufzugeben.
       Ein erheblicher Teil dieses Vorhabens wurde von Sechenow auch re-
       alisiert; vor allem zeigte er die Verbindung zwischen den äußeren
       zwei Dritteln  des Reflexes, der sensorischen Stimulation und der
       Muskelaktivität auf.
       "Das Problem, das Pawlow von Sechenow aufgegeben wurde", schreibt
       Wells, "war  herauszufinden, welche Funktion das Gehirn als mitt-
       lere Phase  eines psychischen  Reflexes hat"  (25, S. 35). Pawlow
       komme das  große Verdienst  zu, eine objektive, experimentell be-
       gründete Theorie der Gehirnfunktionen entwickelt zu haben, in der
       der Organismus  in einer  Weise mit seinen Existenzbedingungen in
       Verbindung gebracht  wird, für die es in früheren psychologischen
       Theorien keine  Parallele gebe.  Harry Wells  drückt das  so aus:
       "Das Schlüsselprinzip  in Pawlows Physiologie und Psychologie ist
       die Einheit  und Integrität  des Organismus  als Ganzes sowie die
       Anpassung des Organismus an die Bedingungen seiner Umwelt und der
       Umwelt an  die Erfordernisse des Organismus. Bei beiden Aspekten,
       der Einheit  wie  der  Anpassung,  spielt  das  Nervensystem  die
       Hauptrolle, und  bei höher entwickelten Tieren - den Menschen In-
       begriffen -  ist die  Rolle des  Großhirns (Cortex) als Sitz tem-
       porärer oder  konditionierter Reflexe  ausschlaggebend"  (25,  S.
       39).
       Die Anwendungsbereiche,  die Wells  am meisten  am Herzen liegen,
       sind die Psychiatrie und Psychotherapie. Hierzu wäre noch einiges
       zu sagen,  um Pawlow  und Wells  wirklich gerecht zu werden, doch
       genügt in  diesem Rahmen  der Hinweis,  daß die klinische Theorie
       und Praxis  als direkte Erweiterungen der physiologischen Theorie
       betrachtet werden.  Hauptkategorien sind:  Erregung, Hemmung  und
       vor allem  das dynamische  Gleichgewicht zwischen  Organismus und
       Umwelt sowie zwischen Erregung und Hemmung.
       Zusammenfassend kann  man sagen,  daß das  theoretische System an
       objektiver und  wissenschaftlicher Stringenz  nichts zu  wünschen
       übrig läßt.  Jede Aktivität  auf der  Verhaltens- (oder  auch der
       geistigen) Ebene  wird konsequent  auf das Nervensystem zurückge-
       führt und  mit den  Existenzbedingungen des Organismus begründet.
       Die Theorie  enthält ferner die Umrisse einer evolutionstheoreti-
       schen Beschreibung  geistiger Aktivität  mit ihren  drei Stadien,
       die durch unkonditionierte und konditionierte Reflexe sowie durch
       das zweite Signalsystem repräsentiert werden. Ein wichtiger ideo-
       logischer Aspekt  dieser Theorie  ist nach Wells, daß sie zur Er-
       klärung von  Leistungen und  Fähigkeiten eher  die Umwelt als die
       angeborenen Anlagen heranzieht.
       Doch ergibt das alles schon eine marxistische Theorie? Vieles von
       dem, was Wells schreibt, hätte man auch in den Schriften der frü-
       hen Behavioristen finden können. Watson, der Erz-Behaviorist, wie
       Thorndyke, den  Pawlow und  Wells als  Beispiel eines objektiven,
       physiologisch orientierten  Psychologen hochschätzen, bevorzugten
       objektive Methoden  und betrieben  eine Form  von  Materialismus.
       Beide hatten  sich einem  Ansatz verschrieben,  der das Verhalten
       des Organismus  als Folge  seiner physischen  und sozialen Umwelt
       betrachtet. Dies  war die Grundlage des S-R-Schemas, das für ihre
       Variante des Behaviorismus kennzeichnend war. Beide befürworteten
       eine biologische  Perspektive, die  der  Evolutionstheorie  stark
       verhaftet war.  Und beide betrachteten Sprache als herausragendes
       menschliches Merkmal  und als  Grundlage dessen, was wir Intelli-
       genz nennen.  In all diesen Punkten unterscheiden sich diese For-
       men des  Behaviorismus keineswegs von der angeblich marxistischen
       Psychologie, die Wells vorschlägt.
       Ein Unterschied  zwischen Wells  und den  Behavioristen ist,  daß
       letztere sich  selbst als  Reduktionisten bezeichneten und nichts
       gegen das Etikett "mechanistisch" einzuwenden hatten. Wells wehrt
       sich nachdrücklich gegen eine solche Etikettierung, die im allge-
       meinen mit  dem Vorwurf  des Vulgär-Materialismus  verbunden ist.
       Immer wieder weist er darauf hin, daß seine Position keine reduk-
       tionistische sei: "Wenn Pawlow betont, daß geistige Tätigkeit von
       der Existenz  und Bewegung  materieller nervlicher  Prozesse  ab-
       hängt, bedeutet  das keineswegs,  daß er die Existenz subjektiver
       Zustände abstreitet. Es bedeutet auch nicht, daß er Gedanken, Be-
       wußtsein usw.  auf Nerventätigkeit  reduziert" (25,  S. 67).  Und
       weiter: "...  Die Forschung auf dem Gebiet der organischen Läsio-
       nen im  menschlichen Gehirn muß auf der Grundlage der Pawlowschen
       experimentellen Läsionen  an Tiergehirnen  weitergetrieben werden
       ... Das heißt keineswegs, daß die psychiatrische Wissenschaft auf
       die Pathophysiologie der höheren Nerventätigkeit reduziert werden
       soll" (25,  S. 108).  In Übereinstimmung  mit der Ablehnung eines
       solchen Reduktionismus spricht Wells verschiedentlich über quali-
       tative Unterschiede,  vor allem  in bezug  auf das  erste und das
       zweite Signalsystem. Er spricht zum Beispiel von "einer Kontinui-
       tät einerseits und einem scharfen Bruch andererseits zwischen der
       höheren Nerventätigkeit beim Menschen im Vergleich zum Tier", von
       "einem neuen  Prinzip" und  von den "erheblichen qualitativen Un-
       terschieden zwischen Mensch und Tier" (25, S. 79, 87, 147).
       Doch jeder  dieser Versicherungen  stehen zahlreiche Hinweise für
       ganz gegenteilige  Auffassungen gegenüber.  Wells behauptet z.B.,
       das Wort,  das Schlüsselelement  des zweiten  Signalsystems,  sei
       "genauso ein  konditionierter Stimulus  wie alle anderen" (25, S.
       79), außer daß es "flexibler" sei - was nur ein quantitativer Un-
       terschied wäre.  Anderswo schreibt  er, es bestehe "kein Zweifel,
       daß die  wesentlichen Gesetze,  die der  Tätigkeit des ersten Si-
       gnalsystems zugrunde liegen, zwangsläufig auch das zweite Signal-
       system regulieren, da es sich um eine Tätigkeit der gleichen Ner-
       venzellen handelt" (25, S. 78). An einer weiteren Stelle wird uns
       angeraten, Geisteszustände "unter dem Gesichtspunkt der Nerventä-
       tigkeit zu untersuchen" (25, S. 13).
       Zugegebenermaßen stellen solche Aussagen an sich noch keine über-
       zeugenden Belege  für Reduktionismus  dar. Der  Verdacht erhärtet
       sich allerdings,  wenn sie  von der  Forderung begleitet  werden,
       jede Erklärung  tierischen Verhaltens,  die keine  physiologische
       ist, sei als dualistisch oder animistisch zu betrachten. Fügt man
       Well's Bemerkungen hinzu, daß Psychotherapie "primär mit der Wie-
       derherstellung gesunder  nervlicher  Funktionstüchtigkeit  befaßt
       ist" (25, S. 14), wo bleibt dann noch Raum für psychologische Er-
       klärungen  und   soziale  Ursachen  von  Neurosen?  Immer  wieder
       schwankt Wells von Aussagen wie "Pawlow war immer stark daran in-
       teressiert, die sozialen und familiären Bedingungen der Patienten
       aufzuklären" zu Aussagen der Art "Natürlich hat die Verhaltensab-
       weichung unseres Patienten ihren Ursprung in einer Veränderung in
       seinem Nervensystem"  (25, S. 130-131). Wells bleibt sich in die-
       ser Hinsicht  treu; seine  Erklärungen sind immer und ausschließ-
       lich physiologischer  Natur. Sein  Programm ist reduktionistisch,
       und nicht  nur das, der gesellschaftlich-geschichtliche Zusammen-
       hang, auf den die Reflex-Theorie abheben sollte, scheint verloren
       zu gehen.
       Auch der Vorwurf des Mechanismus ist unschwer zu belegen. Wie der
       Mechanist Hobbes  behauptet auch  Wells, daß "der wirkliche Grund
       jeder menschlichen  Aktivität außerhalb  des Menschen liegt" (25,
       S. 31). Und was ist von der folgenden Beschreibung der Sprache zu
       halten? "... Der Anblick eines äußeren Sachverhalts, z. B. Spuren
       im Wald,  führt nicht  unbedingt zu einer unmittelbaren Handlung.
       Er kann  zunächst eine  konditionierte verbale Reaktion auslösen,
       wie z.  B. 'Reh',  die ihrerseits  mit anderen  Worten assoziiert
       wird, so  daß eine  Assoziationskette bzw. ein Denkprozeß in Gang
       gesetzt wird" (25, S. 77).
       In einer  Rezension eines anderen Buchs von Harry Wells zu diesem
       Thema (26)  beurteilt Francis H. Bartlett Wells' Position in ähn-
       licher Weise.  Er schreibt:  ".. .  Wells glaubt tatsächlich, daß
       die psychologische  Entwicklung bei Geisteskrankheiten weitgehend
       irrelevant sei.  Seiner Meinung  nach ist der Inhalt des Bewußts-
       eins im  Normalfall zwar  ein Produkt  der Gesellschaft, doch bei
       abweichenden Formen  des Bewußtseins  nimmt er  an, daß sie durch
       anatomische und  physiologische Störungen in den höheren Regionen
       des Gehirns ausgelöst werden . . ." (3). Angesichts solcher Argu-
       mente -  so Bartlett - müsse es einen nicht wundern, daß der Mar-
       xist Wells der Pathologie sozialer Beziehungen so wenig Beachtung
       schenkte und  sich für medikamentöse Therapien zu begeistern ver-
       mochte, mit  denen man angeblich die realen Ursachen von Geistes-
       krankheiten, nämlich  Störungen im Nervensystem, direkt behandeln
       konnte.
       Wells anerkennt, Pawlow sei "kein bewußter dialektischer Materia-
       list gewesen.  Er war  auch kein historischer Materialist. Er war
       kein Marxist" (25, S. 74). Wells hingegen war dialektischer Mate-
       rialist, historischer  Materialist, Marxist. Er hätte Pawlows un-
       schätzbaren Beitrag  in einen marxistischen Rahmen einbetten kön-
       nen. Er  hätte Pawlows  Materialismus hervorheben und dadurch das
       dialektische Potential  seiner Theorie  weiter ausarbeiten helfen
       können. Stattdessen,  meint Bartlett,  habe er  dazu beigetragen,
       "bestimmte Grenzen  der Pawlowschen  Theorie zu  verhärten und zu
       dogmatisieren". Er  hätte mehr  tun können, um den nordamerikani-
       schen bürgerlichen  Lieblingsmythos zu  zerstören, nach  dem "...
       die offizielle  Psychologie des Marxismus ... der mechanistische,
       Pawlowsche Aufguß des Behaviorismus ist" (l, S. 48).
       Daß man  Pawlow nicht so mechanistisch auffassen muß, wurde über-
       zeugend von  David Lethbridge  dargestellt (13).  Der Autor merkt
       an, daß  "(westliche) behavioristische  Lehrbücher, indem sie den
       dynamischen Funktionalismus innerhalb der Konditionierungstheorie
       entweder vernachlässigen  oder mißverstehen,  Pawlow als  'Vater'
       eines mechanistischen umwelttheoretischen Ansatzes in der Psycho-
       logie darstellen."  Während Pawlows  Anhänger oft    b e h a u p-
       t e n,   seine Theorie  sei dialektisch,  ohne dies  in der Regel
       jedoch zu   b e l e g e n,  versucht Lethbridge genau das zu lei-
       sten. Indem  er  Beispiele  aus  der  einfachen  Konditionierung,
       sensorischen  Prä-Konditionierung  sowie  konfiguralen  (assozia-
       tiven) Konditionierung  vorführt, zeigt er - am eindrucksvollsten
       bei der  letztgenannten Art der Konditionierung - die Wirkung der
       Gesetze von  der  Einheit  und  dem  Kampf  der  Gegensätze,  des
       Umschlagens von  Quantität  in  Qualität  und  der  Negation  der
       Negation. Lethbridge kommt zu dem Schluß: "Pawlow selbst war nach
       eigener Aussage  ein nicht-mechanistischer  Materialist  und  nur
       'intuitiv' ein Dialektiker. Doch stellt das reiche experimentelle
       Erbe der Pawlowschen Forschung eine feste Grundlage für eine Psy-
       chologie dar,  die -  fundiert in den theoretischen Prämissen der
       marxistischen Philosophie - weder mechanistisch noch idealistisch
       ist, sondern zutiefst humanistisch und wissenschaftlich."
       
       3. Abweg in die Gestaltpsychologie
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       In seinem  Buch Der  Marxismus und  die heutige Wissenschaft (15)
       macht Jack  Lindsay Vorschläge für eine psychologische Methodolo-
       gie. Grundlage  dieser Methodologie soll danach eine Synthese der
       positiven Beiträge  der Gestaltpsychologie Freuds und Jungs sein.
       Ich will  mich im  folgenden auf das beschränken, was Lindsay als
       den Beitrag  der Gestaltpsychologie betrachtet, weil diese seiner
       Meinung nach  genau das biete, was in Harry Wells' Pawlowianismus
       fehlte, nämlich  ein dialektisches Verständnis des geistigen Pro-
       zesses und der Persönlichkeit.
       Lindsay vertritt  die These,  die Gestaltpsychologie  habe  trotz
       ernstzunehmender Einschränkungen, die auch er zur Kenntnis nimmt,
       im Hinblick auf die Überwindung der alten Metaphysik bahnbrechend
       gewirkt. "Die Gestalt-Schule versucht, das Dilemma zwischen Idea-
       lismus und  Pragmatismus, zwischen  Vitalismus  und  Mechanismus,
       zwischen Parallelismus  und Interaktion  in  der  psychologischen
       Theorie zu  überbrücken. Als Verbindung zwischen körperlichem und
       geistigem Geschehen  führte sie  den Begriff der dynamischen Form
       bzw. des  Musters ein, während man mit dem Begriff des Feldes den
       alten Abstraktionen  beikommen will" (15, S. 66). Der Begriff des
       Isomorphismus bezieht  vollständig das im Nervensystem und im Or-
       ganismus vorhandene Muster auf das geistige Muster (ebd.). Die so
       geschaffene "Einheit  unserer geistigen  Prozesse" werde "zum Be-
       weis der  realen Existenz der Außenwelt" (15, S. 67). Wenn einmal
       diese grundlegenden  Probleme gelöst  seien, gelange man zu einer
       eigenständigen Psychologie. "Die Gestaltpsychologie ist eine Psy-
       chologie dynamischer  Musterbildung, der es darum geht, den Geist
       als integrativen Prozeß zu verstehen" (15, S. 150). "Die Gestalt-
       psychologie hat sich zum Ziel gesetzt, die Prozesse des Selbst zu
       erforschen, um zu einem Verständnis der charakteristischen Struk-
       turen zu  gelangen, durch  die sich das Selbst in Leben und Bewe-
       gung artikuliert"  (15, S. 151). Die Dialektik komme in folgendem
       zum Ausdruck:  "Das Selbst  ist unentwegt damit beschäftigt, sich
       auszudrücken, es bricht verwirrt zusammen, dann behauptet es sich
       wieder, indem  es neue  Strukturen integriert und innen und außen
       neue Spannungen  findet" (ebd.). Ich möchte auf zwei Aspekte hin-
       weisen, die  bei jedem  Versuch einer  adäquaten Methodologie be-
       rücksichtigt werden müßten. Zu fragen wäre erstens, ob es der Ge-
       staltpsychologie tatsächlich  gelungen ist,  die Fehler des Idea-
       lismus zu überwinden, zweitens, ob es ihr gelungen ist, von einer
       mechanistischen zu  einer echten  dialektischen Sichtweise zu ge-
       langen.
       Lindsays  Behauptung,   die  Gestaltpsychologie  habe  uns  einen
       "Beweis der realen Existenz der äußeren Welt geliefert", fußt auf
       einem Koffka-Zitat: "Wenn wir Bilder oder Vorstellungen als Reize
       bezeichnen, verwechseln  wir das  Resultat eines Strukturierungs-
       prozesses mit  der Ursache  dieser Strukturierung ... Was wir se-
       hen, sind  nicht Reize,  sondern wir sehen, weil es Reize gibt...
       Die Dinge  sehen so aus wie sie aufgrund der durch die Nahreizmu-
       ster geschaffenen  Feldstruktur aussehen" (15, S. 67). Diese Aus-
       sagen rechtfertigen  keineswegs die  Schlußfolgerung, die Lindsay
       daraus zieht.  Sie besagen sogar das genaue Gegenteil. Koffka ar-
       gumentiert hier  gegen Lackes  statische Auffassung der Realität,
       mit der  jener seine  objektivistische Erkenntnistheorie  begrün-
       dete. Stattdessen  plädiert Koffka  für eine  eher subjektivisti-
       sche,   konstruktivistische   Erkenntnistheorie,   in   der   die
       "Wirklichkeit" aus "Nahreizmustern" aktiv geschaffen wird. Aussa-
       gen über  die Dinge  an sich und die vom Denken unabhängige Wirk-
       lichkeit sind dann kaum noch möglich.
       Daß man  Koffkas Bemerkungen  idealistisch (nicht  einmal  reali-
       stisch, oder gar materialistisch) auffassen kann, wird von Köhler
       voll bestätigt:  "Die physische  Welt konnte  mit der  objektiven
       Welt um  mich herum nicht identisch sein. Es ist vielmehr so, daß
       ... physische  Objekte ein besonders interessantes physisches Sy-
       stem beeinflussen,  nämlich meinen  Organismus... Meine objektive
       Erfahrung kommt  daher, daß  aufgrund dieses Einflusses bestimmte
       komplizierte Prozesse  in diesem  System stattgefunden haben. Of-
       fensichtlich ...  kann ich  die Endprodukte, die Dinge und Ereig-
       nisse meiner  Erfahrung nicht mit den physischen Objekten gleich-
       setzen, von denen dieser Einfluß herrührt. Objekte wie solche aus
       der Physik  könnte ich  niemals direkt erfahren. Die Merkmale der
       physischen Welt ließen sich eben nur in einem Prozeß der Inferenz
       und Konstruktion untersuchen ... Es gibt keinen unmittelbaren Zu-
       gang zu  den physischen  und physiologischen  Objekten" (11).  Es
       paßt zu  seinem Konstruktivismus,  wie Köhler in diesem Zusammen-
       hang das  Wort "objektiv"  gebraucht. Er  meint damit  nicht  die
       tatsächliche Widerspiegelung  einer vom Denken unabhängigen äuße-
       ren Wirklichkeit,  sondern die  Erfahrung, daß es "draußen" etwas
       gibt.  "Subjektiv"   bedeutet,  daß  eine  solche  Erfahrung  als
       "persönlich und  privat" empfunden wird. Kurzum, wir haben es mit
       keiner Überwindung  des Idealismus  und Pragmatismus zu tun, son-
       dern im  Gegenteil mit der reinsten Form des subjektiven Idealis-
       mus.
       Was die Dialektik betrifft, hat Lindsay sicher recht, daß die Ge-
       staltpsychologie eine  dialektische Absicht  verfolgt,  doch  ist
       auch er  sich darüber  im klaren,  daß sie  dieses Ziel nicht er-
       reicht. Der  Begriff der  "Isomorphie" wird von ihm zwar als dia-
       lektische Einheit  des Geistigen und Physischen dargestellt, doch
       hält auch  er den  Isomorphismus für  "keinen voll befriedigenden
       Begriff. Er  fährt fort:  "Die Gestaltpsychologie postuliert zwar
       eine dynamische Übereinstimmung zwischen physiologischen und gei-
       stigen Aktivitätsmustern,  ist aber  nicht in der Lage, den Punkt
       zu bestimmen,  wo beide  organisch eins  werden. Dadurch, daß sie
       annimmt, es  gebe diese Einheit letztlich doch, und aufzeigt, wie
       Erkenntnistätigkeit  im  Rahmen  des  Verhaltensfeldes  entsteht,
       schafft sie die notwendigen Voraussetzungen und ermöglicht letzt-
       lich die  Lösung" (15,  S. 67). Das ist allerdings komplizierter,
       als er  es sich  vorstellt, denn es gibt keine Lösung, wenn schon
       das zugrundeliegende Verständnis der Dialektik fehlerhaft ist. In
       den gestaltpsychologischen  Schriften finden sich hinreichend Be-
       lege, daß  genau dies der Fall ist. Zunächst können wir mit Lind-
       say feststellen, daß die sogenannte Dynamik in der Gestaltpsycho-
       logie im  Sinne einer Gleichgewichtstheorie gefaßt wird: "Der Or-
       ganismus ist  bestrebt, sein  Leben, sein Gleichgewicht und seine
       Stabilität zu erhalten" (15, S. 152). "Das Bedürfnis nach Gleich-
       gewicht  in   einer  unklaren   oder  unbefriedigenden  Situation
       (Unkenntnis, Unklarheit  usw.) treibt  den Geist  an, eine solche
       Situation zu  definieren oder  herzustellen, durch  die das Ganze
       wieder ins Gleichgewicht gebracht oder vervollständigt wird" (15,
       S. 153).  Ähnliches findet  sich auch  bei Köhler,  z. B.: ". . .
       alle Einzelveränderungen  müssen so  beschaffen sein, daß sie, in
       ihrer Gesamtheit betrachtet, das System einem Kräftegleichgewicht
       näher bringen"; "... ungestörte Interaktion läuft in Richtung auf
       ein Gleichgewicht ab" (11, S. 77, 78).
       Gleichgewichts- oder  homöostatische Theorien  haben - oberfläch-
       lich gesehen  - einen dialektischen Anstrich. Es gibt darin einen
       Kampf der  Gegensätze mit allen daraus resultierenden Spannungen.
       Der Unterschied  ist, daß  sich in einer wirklichen Dialektik das
       Endprodukt nicht als Gleichgewicht oder Stasis darstellt, sondern
       als Entwicklung.  Gleichgewicht ist  das Aufhören  der  Bewegung,
       nicht ihr  Umschlagen in  eine neue  Form. Der  "liberale",  eben
       nicht "progressive"  Charakter des  Gleichgewichts läßt  sich  am
       Beispiel der  historischen Dynamik  des  Klassenkampfes  deutlich
       machen. Gleichgewicht  heißt  Klassenkollaboration,  Verringerung
       der Spannungen,  Erhaltung des  Status quo.  Wenn  das  Gleichge-
       wichtskonzept als  theoretische Grundlage  für die Geschichte der
       Gesellschaft nichts  taugt, dann  für die  Psychologie erst recht
       nicht.
       Noch deutlichere  Belege für  den gegen die Dialektik gerichteten
       Charakter der gestalttheoretischen Dynamik liefern die von Köhler
       herangezogenen   Beispiele.    Er   unterscheidet   die   Dynamik
       (Dialektik) von  der maschinellen  Bewegungstheorie. Nach der ma-
       schinellen Theorie,  meint er,  wird Bewegung  durch die sie ein-
       schränkenden Bedingungen charakterisiert. Die Dynamik berufe sich
       auf die  Interaktion von Kräften. Ein Wassertropfen, der an einem
       Rohr entlang  gleite, sei  ein Beispiel für Mechanik, ein Wasser-
       tropfen im Ozean dagegen ein Beispiel der Dynamik, "weil er viel-
       fältigen Druckgradienten ausgesetzt ist und seine Bewegung in die
       Richtung des  resultierenden Gradienten geht" (11, S. 75). Es be-
       darf keines besonderen Scharfsinns um zu erkennen, daß Köhler un-
       ter "Dynamik" lediglich eine etwas komplexere Mechanik versteht.
       Kein Wunder  also, daß Lindsay das offensichtlich fehlende Inter-
       esse der Gestaltpsychologen an Persönlichkeit und "dem ganzen Be-
       reich der  menschlichen Faktoren  sozialer und  kultureller  Art"
       stört. In  diesem Zusammenhang bemerkt er: "Das Ergebnis ist, daß
       die Gestaltpsychologie  einerseits vorgibt, die Realität integra-
       tiver Ganzheiten im gesamten menschlichen Leben nachzuweisen, an-
       dererseits aber  dazu neigt,  geistige Prozesse wie eine Art psy-
       chologische Physik zu behandeln" (15, S. 155). Die Dialektik, der
       es für  eine angemessenere  Aufarbeitung des Gegenstandes bedurft
       hätte, war von vornherein fehlerhaft.
       Lindsay hat  sich geirrt. Marxisten können wenig von der Gestalt-
       psychologie lernen, es sei denn von ihren Fehlern.
       
       4. Die Freudsche Richtung
       -------------------------
       
       Das Verhältnis Freud-Marx ist ein altes, sehr komplexes, interna-
       tional breit diskutiertes Problem der Psychologie und des Marxis-
       mus. Es ist nicht meine Absicht, darauf hier im Detail einzugehen
       oder gar eine Lösung anzubieten. In der anglo-amerikanischen psy-
       chologischen und  marxistischen Literatur lassen sich vier grund-
       legende Trends  erkennen: 1.  totale Ablehnung der Psychoanalyse;
       2. Versuche,  Freud und Marx zusammenzubringen, ohne sie grundle-
       gend zu  revidieren; 3.  Versuche, die  marxistische Theorie über
       eine kritische  Revision von Freud auf das Subjektive und Persön-
       liche auszuweiten,  und 4.  Versuche, die Freudsche Psychoanalyse
       durch Übernahme  von marxistischen  Ideen und Worten zu radikali-
       sieren. Ich will mich hier auf zwei Beispiele der dritten Katego-
       rie konzentrieren.
       Francis H.  Bartletts (2)  Annäherung an  Freud beginnt mit einer
       Würdigung seines  "wesentlichen Beitrags", gefolgt von einer Auf-
       listung seiner  "theoretischen Irrtümer". Im Rahmen seiner Kritik
       skizziert Bartlett  die eigenen Vorstellungen eines wirklich mar-
       xistischen Ansatzes  in der  Persönlichkeitsforschung.  "Es  gibt
       ohne Zweifel  einen Gegensatz  zwischen Freud und Marx", schreibt
       Bartlett, "doch  wäre es völlig falsch, ausschließlich den Gegen-
       satz zu  sehen, wie bei Wells, oder ihn zu ignorieren wie Osborn"
       (2, S. 39). Es sei besser zu zeigen, "welche Beschränkungen Freud
       mit anderen bürgerlichen Denkern teilt" und "sich auf das eigent-
       lich Wertvolle  an seinen Beiträgen zu konzentrieren, damit diese
       nicht ewig  im Gestrüpp  theoretischer Fehler  verfangen bleiben"
       (2, S.  27). Das "eigentlich Wertvolle" sieht Bartlett in einigen
       Grundannahmen der Psychoanalyse und den empirischen Befunden, auf
       denen solche  Begriffe wie der Ödipuskomplex, der Kastrationskom-
       plex und  das Überich  aufbauen. Wertvoll  sei die Psychoanalyse,
       weil Freud in erster Linie ein Wissenschaftler war. Seine Experi-
       mente seien zwar nicht von der Art gewesen, wie sie für die expe-
       rimentelle Psychologie des 20. Jahrhunderts charakteristisch wur-
       den, doch "waren Freuds Theorien weder Gespinste eines phantasie-
       vollen Gehirns  noch aus  den Schriften  Schopenhauers oder Hart-
       manns zusammengestoppelt. Sie entstanden in mühevoller Arbeit bei
       dem Versuch,  Neurotikern zu  helfen, und wurden entsprechend den
       Anforderungen ununterbrochener therapeutischer Praxis kontinuier-
       lich weiterentwickelt  und überarbeitet"  (2, S.  12 f.).  Obwohl
       Freud selbst  kein  Experimentalpsychologe  war,  hätten  spätere
       sorgfältige Experimente viele von Freuds Schlußfolgerungen bestä-
       tigt, betont Bartlett. Vor allem wird auf das frühe Werk von Ale-
       xander Luria  über menschliche Konflikte hingewiesen. "Diese mar-
       xistischen  Experimente",  schreibt  Bartlett,  "bestätigen  fast
       wortwörtlich die  drei Hauptannahmen, auf denen das ganze Gebäude
       psychoanalytischer Beobachtungen  ruht. Sie bestätigen die Tatsa-
       che, daß  es unbewußte  und aktive geistige Prozesse gibt 2), daß
       diese Prozesse  aufgrund eines  ökonomischen Mechanismus der Ver-
       drängung unbewußt  bleiben, was  sich innerhalb der damit im Kon-
       flikt stehenden  Heilbehandlung Widerstand  bemerkbar macht; und,
       daß schließlich  der freie  Assoziationsfluß durch  die  geheimen
       Komplexe der betreffenden Person bestimmt und teilweise ausgelöst
       wird" (2, S. 26).
       Auf die theoretischen Irrtümer wird in zweifacher Weise hingewie-
       sen. Einerseits  macht Bartlett  kein Hehl daraus, daß Freud kein
       dialektischer Materialist  war. Der  mechanistische Materialismus
       seiner frühen  Schriften münde  in einen  Vitalismus und  in  den
       Schriften, die  nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, schließlich
       in offenen Idealismus - augenscheinlich ein Versuch, die antidia-
       lektischen Grenzen  des frühen Mechanizismus zu überwinden. Freud
       sei sich  einer gewissen Dialektik sehr bewußt gewesen, doch habe
       er sie  letztlich nicht  begriffen.  "Die  Schwierigkeit  scheint
       darin zu  bestehen, daß  Freud im Alltag zwar die Einheit der Ge-
       gensätze beobachten, doch seine Beobachtung nicht in befriedigen-
       der Weise artikulieren konnte, weil seine theoretischen Prämissen
       eine Trennung  verlangten. Er  selbst bestätigt uns dies. 'In der
       Praxis', sagt  er, 'sehen  wir immer  wieder eine Vermischung und
       Verschmelzung dessen,  was wir theoretisch in ein Paar von Gegen-
       sätzen aufzuteilen versuchen sollten - nämlich ererbte und erwor-
       bene Faktoren'" (2, S. 79).
       Konkreter gesagt  wird Freuds  Irrtum darin  gesehen, daß  er die
       Vorstellung des isolierten, ungeschichtlichen Individuums aus der
       klassischen liberalen  Ideologie übernommen  habe. Bartlett weist
       dies nicht  nur anhand  der ideologischen  Schriften von  Hobbes,
       Rousseau und  J.S. Mill  nach, sondern zeigt auch ihre Wurzeln in
       den kapitalistischen  Produktionsbeziehungen. Der  Hauptteil  von
       Bartletts Kritik  befaßt sich mit Beispielen, wie diese Ideologie
       sich in  Freuds Psychologie  darstellt. Am auffälligsten ist hier
       der Begriff  des Es, des Naturmenschen mit seinen zahllosen Trie-
       ben, die  sich zwar  zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen
       Orten unterschiedlich  ausdrücken können,  deren Wesen jedoch un-
       verändert und  unveränderlich bleibt. Mit einem solchen Grundkon-
       zept sei  die Psychoanalyse  in der Lage, eine Theorie aufzustel-
       len, die  den Anspruch erhebt, alle Erscheinungen der Persönlich-
       keit und ihrer Entwicklung zu erklären, ohne historische Gegeben-
       heiten oder  soziale Beziehungen  auch nur  erwähnen  zu  müssen.
       "Selbst das Über-Ich, dasjenige, das von allen psychischen Berei-
       chen am deutlichsten sozialer Natur ist, ist dies nicht als logi-
       sche Konsequenz  der Freudschen  Theorie, sondern eher als Konse-
       quenz seiner verzweifelten Entschlossenheit, die Gesellschaft ir-
       gendwie zu  berücksichtigen" (2,  S. 111).  Aufgrund dieser uner-
       kannten, sein  Werk gleichwohl prägenden kapitalistischen Ideolo-
       gie habe Freud zwar die Phänomene, die er als Ödipus-Komplex, Ka-
       strationskomplex und  Über-Ich bezeichnete,  richtig gesehen, sie
       aber nicht  als Begleiterscheinungen bestimmter gesellschaftlich-
       geschichtlicher Bedingungen  zu deuten vermocht. Wie Bartlett be-
       merkt, gibt es zahlreiche Belege aus der Anthropologie (schon vor
       1938), die  beweisen, daß  es einen Ödipus-Komplex mit seiner Ei-
       fersucht in  vielen nichtkapitalistischen und primitiven klassen-
       losen Gesellschaften  nicht gibt. Obwohl er dies wußte, behauptet
       Freud, daß  dort, wo  ödipale Eifersucht  nicht vorhanden zu sein
       scheint, sie  lediglich verdrängt und als solche trotzdem für ab-
       weichende Familienformen  verantwortlich sei.  Dazu bemerkt Bart-
       lett: "Freud  hat die  Entwicklung der Jungen nicht in einem kon-
       kreten sozialen  Milieu betrachtet,  sondern in  einer abstrakten
       Umwelt, die  aus zwei abstrakten Elternteilen besteht. Er hat die
       Wirkungen anderer  Formen des Familienlebens nicht untersucht. Er
       hat nicht berücksichtigt, ob die monogamen Eltern zu einer primi-
       tiven oder  modernen Gesellschaft gehören, sondern ihre Existenz,
       ihre jeweilige  Gesellschaft, in der sie leben, als gegeben ange-
       nommen. Auch  wenn er  nicht ausdrücklich von der ewigen Existenz
       der bürgerlichen  Familie ausging,  hat er  doch das, was sie ge-
       fühlsmäßig zusammenhält, für unveränderlich erklärt" (2, S. 67).
       Der Marxismus, meint Bartlett, "bildet den absoluten Gegensatz zu
       einer solchen Theorie des für sich alleine betrachteten Menschen.
       ... Er  betont die Realität und Wichtigkeit grundlegender gesell-
       schaftlicher Veränderungen.  Denn die Gesellschaft verändert sich
       wirklich .... Jenseits des kapitalistischen, individualistischen,
       wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystems  kann man  auch in der
       Vergangenheit unterschiedliche Formen wirtschaftlichen Lebens be-
       obachten, bis  hin zu  den primitiven  Gesellschaften,  die  ohne
       Klassen, gemeinschaftlich,  auf der  Grundlage der Zusammenarbeit
       organisiert waren.  ... Diese  qualitativ  verschiedenen  gesell-
       schaftlichen Einrichtungen  konnten nicht  aus dem  inneren Wesen
       unveränderlicher Individuen  entstehen und sind auch nicht daraus
       entstanden" (2,  S. 41  f). "Der  animalische Anteil des Menschen
       verändert sich durch die  P r a x i s,"  schreibt er weiter. "Die
       Theorie muß  dieser Tatsache  Rechnung tragen. Das Biologische in
       der Gesellschaft  wird transformiert. Wohin? Eben ins Psychische.
       ... Damit sind auch neue Bewegungsgesetze entstanden" (2, S. 80).
       Es handele sich dabei natürlich um Entwicklungsgesetze, und diese
       habe Freud völlig verkannt. Er "prüfte gründlich, was das Indivi-
       duum ist,  was aus ihm wird, doch indem er die notwendigen Bedin-
       gungen für diese Entwicklung ausließ, verfehlt er die wichtigsten
       wissenschaftlichen Fragen:   w i e   diese Entwicklung vonstatten
       geht... Freud hat die Ergebnisse eines Systems kausaler Beziehun-
       gen aufgedeckt,  doch die kausalen Beziehungen selbst bleiben bei
       ihm im Dunkeln" (2, S. 81).
       Bartlett geht  über Freud hinaus und skizziert einige dieser kau-
       salen Beziehungen  in seinem  Entwurf einer marxistischen Theorie
       der Familie  innerhalb kapitalistischer  Produktionsverhältnisse.
       Er schreibt:  "In einem Bereich, wo alle Widersprüche des Kapita-
       lismus - ökonomischer, sozialer, geistiger und gefühlsmäßiger Art
       - zusammenfließen,  fängt das  Leben des  Kindes an. Das Kind ist
       sogleich einer  höchst verwirrenden  Situation ausgesetzt" (2, S.
       85). Hier  finden wir  den Ursprung der Neurosen, des Ödipus- und
       Kastrations-Komplexes, und  nicht in  der  Familie  als  solcher.
       Vielmehr sei  dafür "die  Beziehung zwischen der bürgerlichen Ge-
       sellschaft als  Ganzes und  der bürgerlichen Familie" verantwort-
       lich. Marxisten  müssen nach  Bartletts Worten  "untersuchen,  in
       welcher Weise  die ökonomischen und sozialen Widersprüche der Ge-
       sellschaft als Ganzes mit den abgeleiteten Widersprüchen der ein-
       zelnen Familie  in Beziehung stehen und so die Entwicklungsbedin-
       gungen des Kindes darstellen. Sie müssen untersuchen, wie die Fa-
       milie mit  der Gesellschaft  als Ganzes  in Konflikt  gerät. Erst
       dann wird  das von Freud entdeckte Individuum seinen Platz inner-
       halb der  Gesamtheit aller Bedingungen finden, die auf seine Ent-
       wicklung einwirken.  Erst dann haben wir eine psychologische Wis-
       senschaft, die  eine Theorie  über ein konkretes lebendes Indivi-
       duum in  einer konkreten  sozialen Situation bereitstellt" (2, S.
       87). Bartletts  Darstellung des Über-Ichs verdient meiner Meinung
       nach Aufmerksamkeit. Unter dem Über-Ich versteht er "eine schein-
       heilige moralische  Norm, die  durch irrationale  Autorität  ver-
       stärkt wird"  und macht dahinter unschwer die Zwänge der Klassen-
       gesellschaft aus. "Die Ausbeutung, das unnötige Leiden, der grau-
       same Widersinn  des alltäglichen  Lebens müssen  für jeden so an-
       nehmbar gestaltet werden, wie sie es für die herrschenden Klassen
       t a t s ä c h l i c h   s i n d.   Die verzerrte  Perspektive der
       Herrschenden, für die eine solche Gesellschaft optimal ist, deren
       Vorteile sie  sich aneignen  können, findet ihren Weg in die fin-
       sterste Hütte.  Euphemismen, illusionäre Ideale, hochtrabende Na-
       men, edle  Prinzipien und  offenes Lügen  sind notwendig,  um das
       ganze Ausmaß  der Widerwärtigkeiten  zu überdecken.  Was ist, muß
       geleugnet werden;  das Schlechte  muß in ein gutes Licht gestellt
       werden; das  Triviale muß auf ein Podest der Wichtigkeit gehoben,
       Flitter und  Lasterhaftigkeit müssen glorifiziert werden; das Ir-
       rationale muß  rationalisiert und das Bedrohliche als Teufelswerk
       ausgegeben werden.  Gegen Übel,  die nicht versteckt, verharmlost
       oder ausgemerzt  werden können,  muß mit  illusionären religiösen
       Glaubenssätzen und  Praktiken Trost  gespendet werden. Und diesen
       ganzen Wust  an Verdunklungsmanövern,  Verwirrung, Lügen, Betrug,
       hoher Moral und Krokodilstränen soll man für die nüchterne Reali-
       tät halten!" (2, S. 115) Das Über-Ich werde nötig durch die Tren-
       nung von  Theorie und Praxis, die auf Ausbeutung beruhe, die sich
       nicht durch  Gewaltanwendung allein aufrecht erhalten lasse. "Die
       Herrschaft des Vaters in der Familie wie die Herrschaft der Bour-
       geoisie in  der Gesamtgesellschaft kann nur weiter bestehen, wenn
       die mit  der Realität  in Widerspruch  stehenden Ideale weiterhin
       als Wahrheit akzeptiert werden." Was das für die Praxis der Sozi-
       alwissenschaften in  der bürgerlichen  Gesellschaft bedeute,  sei
       klar: "...  Der Theorie darf nicht gestattet werden, mit den Fak-
       ten übereinzustimmen" (2, S. 117).
       Doch welche  Kraft steht  hinter all dem? "In ihrem gegenwärtigen
       Entwicklungsstadium muß  die Psychologie ein Konzept postulieren,
       mit welcher Kraft sie es zu tun hat", schreibt Bartlett. "Aber es
       gibt zwei  völlig entgegengesetzte  Auffassungen von  Kraft.  Die
       eine ist  notgedrungen eine Entelechie, eine vitalistische Kraft.
       Die andere  berücksichtigt die dialektische Natur der Erscheinun-
       gen." Ein Beispiel für erstere seien die Instinkte, die Freud po-
       stuliert.  Die  andere  dagegen  sei  eine  jener  Kräfte,  deren
       "Intensität und Richtung nicht vom isolierten Organismus abgelei-
       tet werden können, sondern die von den komplexen Wechselbeziehun-
       gen abhängen,  von denen  der Organismus  nur ein untergeordneter
       Teil ist." Ein solches Verständnis von Kraft entspreche der Marx-
       schen Auffassung:  "Das menschliche  Wesen ist kein dem einzelnen
       Individuum innewohnendes  Abstraktum. In  seiner Wirklichkeit ist
       es das  Ensemble der  gesellschaftlichen Verhältnisse" (2, S. 135
       f).
       Seit Bartletts Veröffentlichungen zu diesem Thema hat es zahlrei-
       che Versuche  gegeben, Erkenntnisse  von Marx  und Freud in jeder
       vorstellbaren Variante  zu verbinden. Besonders bemerkenswert ist
       hierbei ein kürzlich erschienenes Buch von Richard Lichtman (14).
       Lichtmans Herangehen  ähnelt dem  Bartletts -  oberflächlich  be-
       trachtet -  insoweit, als  er es  ebenfalls ablehnt, aus Marx und
       Freud "ein homogenes Amalgam zu machen". Er argumentiert so: "Die
       Systeme von  Marx und  Freud sind  untereinander nicht kompatibel
       und man  muß sich  folglich für  das eine,  gegen das andere ent-
       scheiden." Seiner  Ansicht nach  sind "sowohl die Lehren von Marx
       wie die von Freud, so wie sie formuliert sind, nicht ausreichend,
       doch lassen  sich an  der marxistischen  Position Korrekturen an-
       bringen, während  die Freudsche Theorie schon in ihren Grundlagen
       anfechtbar ist".  Gegen Freud trägt er die üblichen Einwände vor:
       Die Metapsychologie  sei ungesellschaftlich, unhistorisch, mecha-
       nistisch, biologistisch, voller unzulässiger Vergegenständlichun-
       gen abstrakter  Konzepte. Seine  Argumentation, warum  Marx nicht
       genüge, ist im wesentlichen auch nicht neu: Es fehle eine gesell-
       schaftlich begründete  Psychologie, spezifischer formuliert, eine
       Darstellung der  Beziehungen zwischen  dem Einzelsubjekt  und der
       Gesellschaftsordnung. In diesem Bereich will er einen selbständi-
       gen theoretischen Beitrag leisten.
       Als eine  Art Vorarbeit  dient die erste Hälfte seines Buches mit
       einer ausführlichen  Erörterung der  Berührungspunkte und  Gegen-
       sätzlichkeiten zwischen  Marx und Freud und einer Darstellung der
       jeweils vertretenen  Auffassung über die menschliche Natur. Daran
       schließt Lichtman eine ausführliche Diskussion der mit der Entmy-
       stifizierung Freuds  verbundenen Probleme  an, wobei er besonders
       hervorhebt, daß  Metapsychologie und  klinische  Praxis  einander
       wechselseitig bedingen.  Anhand einer  sorgfältigen  Untersuchung
       einer der  Freudschen Hysterie-Analysen, dem Fall von Dora, macht
       er sehr schön deutlich, worauf es ihm ankommt. Nach dieser Grund-
       legung kommt Lichtman zu seinem eigenen Beitrag, den ich hier nur
       versuchen kann, zusammenzufassen.
       "Der Schlüssel  zur Entmystifizierung  der  Freudschen  Theorie",
       schreibt Lichtman, "ist die Übersetzung ihrer 'natürlichen' Kate-
       gorien in  ihre jeweilige  gesellschaftliche Bedeutung"  (14,  S.
       174). Da  bei den  Mystifikationen Freuds die ideologische Umkeh-
       rung der  Begriffe die zentrale Rolle spiele, gelange man sozusa-
       gen über eine Umkehrung der Umkehrung zu der notwendigen Überset-
       zung. Der  Begriff, um den es Lichtman vor allem geht, ist das Es
       oder Unbewußte, von dem Freud sagt, "das Ich ist der Teil des Es,
       der aufgrund des unmittelbaren Einflusses der Außenwelt modiziert
       wurde". Lichtman  ist der  Auffassung, es  sei "notwendig, diesen
       Satz so  umzukehren, daß  er lautet: das Es ist der Teil von uns,
       den wir  unter dem Druck unerträglicher gesellschaftlicher Kräfte
       unserem Bewußtsein  entfremden; es ist der Bereich unseres Seins,
       in den  wir vor  den Aspekten unseres Selbst fliehen, die uns mit
       Auflösung bedrohen"  (14, S.  178). Entsprechend  werden auch die
       Begriffe Abwehr  und Verdrängung uminterpretiert: "Ein Aspekt des
       geistigen 3) Lebens wird in dem Maße zu einer Abwehr, wie die Zu-
       neigung, zu  deren Strukturierung  er  eingesetzt  wird,  gesell-
       schaftlich als verboten eingestuft ist; eine ursprünglich amorphe
       Neigung wird  in dem  Maße zu  einem bestimmten unbewußten Motiv,
       Trieb oder  'Instinkt', wie  sie als  'strafwürdig' definiert und
       damit aus  dem selbst-bewußten Bereich des Selbst in die im Wort-
       sinn fremde  Provinz des  Es oder Unbewußten verdrängt wird" (14,
       S. 192). Somit sei das "verdrängte Unbewußte" kein Instinkt, son-
       dern ein Produkt gesellschaftlicher Zwänge, und nicht hieraus er-
       wachse das Bewußte, sondern genau umgekehrt.
       Freud habe  die meisten  dem Unbewußten  zugeschriebenen Merkmale
       richtig beschrieben,  doch muß  nach Lichtman ihr Ursprung anders
       erklärt werden. "Teile des Selbst werden wie das Es, weil sie vom
       ständigen Wachsen  des bewußt  Handelnden abgeschnitten sind. Sie
       bestehen in  rudimentärer Form  weiter, sozusagen  datiert in dem
       primitiven Stadium  ihrer Abtrennung  ... Es  ist  beispielsweise
       nicht mehr  nötig, einen solchen psychischen Bereich zu postulie-
       ren, in den das Zeitbewußtsein nicht hineinreicht. Plausibler ist
       die Annahme, daß solche Verzerrungen des Zeitbewußtseins, wie sie
       das Unbewußte  auszeichnen, ihre Existenz den rudimentären Formen
       der Zeitwahrnehmung verdanken, wie sie bei dem Kind in dem Augen-
       blick, wo  die Verdrängung  stattfindet, vorhanden  sind" (14, S.
       195f). Auf  gleiche Weise erklärt Lichtman die Irrationalität des
       Unbewußten.
       Die Analyse  wendet sich  sodann den  für die Verdrängung verant-
       wortlichen gesellschaftlichen Strukturen zu. Dies seien natürlich
       nicht die  uns unmittelbar  bewußten Strukturen oder Beziehungen,
       sondern tiefere,  nur in  einer gründlichen  Analyse zu erschlie-
       ßende; einer Analyse, die uns - Lichtman zitiert Marx - "über die
       formale Tauschbeziehung  hinausführt, 'die  an der Oberfläche als
       Prozeß erscheint,  unterhalb derer  jedoch in  der Tiefe Prozesse
       gänzlich anderer  Art ablaufen,  bei denen  scheinbare Gleichheit
       und Freiheit  verschwinden' .  . . Die abstrakte, formale Diskre-
       panz zwischen  Absicht (Erscheinung)  und Folge  (Wesen)  erweist
       sich konkret  als Herrschaft  des äußeren Zwangs über das gesell-
       schaftlich vereinzelte  Individuum. Wir sind damit bei dem Aspekt
       der Marxschen  Analyse angelangt,  der das  Gegenstück zum Freud-
       schen Unbewußten  darstellt, denn  beide lassen  sich in analoger
       Weise beschreiben  als etwas,  was hinter dem Rücken der Menschen
       abläuft, in  der Tiefe, durch die Dominanz übermächtiger Objekte"
       (14, S. 235).
       Mit der  Herstellung einer Beziehung zwischen dem "marxistischen"
       oder "strukturellen"  Unbewußten und  dem verdrängten  Unbewußten
       unterstreicht Lichtman,  daß ideologische Verzerrung und falsches
       Bewußtsein nicht Ergebnis einer Täuschung durch reale Strukturen,
       sondern vielmehr  einer Selbsttäuschung  seien. "Das strukturelle
       Unbewußte, der  von Marx  aufgedeckte bestimmte gesellschaftliche
       Zwang, wirkt tragischerweise hinter dem Rücken der Individuen und
       tief in ihnen. Doch aus individueller menschlicher Tätigkeit ent-
       steht er  und übt  Macht über  seine Schöpfer  aus" (14, S. 246).
       Jede andere  Sichtweise, meint  Lichtman, wäre  eine  unzulässige
       Vergegenständlichung des  strukturellen Unbewußten,  bei der  der
       dialektische Bezug zwischen Individuum und Gesellschaft nicht er-
       faßt würde.
       Lichtman faßt  zusammen: "Mir  ging es  in dieser  Arbeit um eine
       Synthese des  marxistisch-strukturellen Unbewußten  und des  ver-
       drängten  Unbewußten,    d a s    s e i n e r s e i t s    v e r-
       s t a n d e n  w i r d  a l s  k o n s t i t u i e r t  d u r c h
       d e n   d e m  K a p i t a l i s m u s  i n n e w o h n e n d e n
       g e s e l l s c h a f t l i c h e n     K o n f l i k t,      den
       Konflikt zwischen  gleichzeitiger und  widersprüchlicher  Weckung
       und Verweigerung antagonistischer sozialer Dispositionen" (14, S.
       253).
       Francis Bartlett  (4) rezensierte  Lichtmans Buch. Er zeigte sich
       darin zwar  beeindruckt von  dessen Belesenheit,  fand aber seine
       Argumentation "alles  andere als  überzeugend". "Es erscheint mir
       sehr schwierig", schreibt Bartlett, "die Herausbildung des dem Es
       ähnlichen Unbewußten,  wie Lichtman  sie beschreibt, und die mas-
       sive weltweite  Organisiertheit  der  Wirtschaft,  von  der  Marx
       schreibt, aufeinander zu beziehen." Ähnlichkeiten ließen sich si-
       cherlich feststellen,  doch "so  anregend sie auch sind, sind sie
       viel zu  weit hergeholt und skizzenhaft, um eine solche gegensei-
       tige Beziehung  zwischen dem  Es-Unbewußten und  der Wirtschafts-
       struktur herzustellen,  wie Lichtman  das vorschwebt."  Dem  wäre
       hinzuzufügen, daß  sich Lichtman  bei seinem  Versuch,  das  ver-
       drängte und  das strukturelle  Unbewußte miteinander zu integrie-
       ren, dem  Risiko aussetzt,  praktisch allem zu widersprechen, was
       wir über die Entwicklung des Bewußten wissen, nämlich daß es sich
       sowohl ontogenetisch  als auch phylogenetisch aus unbewußten Pro-
       zessen entwickelt.  Seine vorrangige  Beschäftigung mit dem Unbe-
       wußten kehrt  außerdem das reale Problem der Gesellschaftswissen-
       schaft um,  das Bewußtsein zu erklären. Das historische Auftreten
       des Bewußtseins ist das eigentlich Erstaunliche und müßte im Mit-
       telpunkt einer  theoretischen Integration  stehen.  Überdies  hat
       Lichtman andere marxistische Erklärungen des Unbewußten ignoriert
       (5). "Wie erklärt es sich", fährt Bartlett fort, "daß jemand, der
       so viel  über Marx und Freud weiß, dessen Diskussion der relevan-
       ten Fragen  so wertvoll  ist, zu solch zweifelhaften Schlußfolge-
       rungen kommt?  Ich meine,  es hat etwas mit der Unmöglichkeit von
       Lichtmans selbstgestecktem  Ziel zu tun: der Integration der Psy-
       choanalyse in  die marxistische  Theorie'. Weder  Marx noch Freud
       noch irgendeine  Gegenüberstellung oder  Kombination  der  beiden
       wird uns  gültige psychologische  Konzepte liefern"  (4, S. 233).
       Mit Sicherheit  nicht! Solche Konzepte werden nur aus der von ei-
       ner wissenschaftlichen  Weltanschauung geleiteten  Praxis entste-
       hen, nicht aus einer Manipulation und Exegese von Konzepten.
       
       5. Die Radikalpsychologie
       -------------------------
       
       Die radikale  Studentenbewegung Ende  der 60er,  Anfang der  70er
       Jahre richtete  im Rahmen ihrer allgemeinen Kritik an der repres-
       siven autoritären  Gesellschaft ihre  Aufmerksamkeit auf  die Ge-
       sellschaftswissenschaften, vor allem auf die Psychologie, als In-
       strumente der  Unterdrückung. Um einen ihrer radikalen Autoren zu
       zitieren: "Alle gesellschaftlichen Bereiche sind durchdrungen von
       psychologischer Manipulation, nicht nur durch die Anwendung ihrer
       'Fertigkeiten' und 'Techniken', sondern auch dadurch, daß den Un-
       terdrückten selbst ein Unterdrückungsverhalten vermittelt und die
       Psychologie als  Ideologie zur Verteidigung des Status quo einge-
       setzt wird" (7, S. XV). Anzeichen der zunehmenden Beteiligung von
       Psychologen an  dieser Art  von Radikalkritik  war das Erscheinen
       solcher Zeitschriften  wie The  Radical Therapist und solcher Bü-
       cher wie  Radical Psychology  von Phil Brown (7) und Radical Per-
       spective in  Psychology von Nick Heather (10). An diesen Arbeiten
       ist auch  ablesbar, wie weit der Flirt einiger Radikalpsychologen
       mit dem  Marxismus jeweils  ging. So ist etwa Browns Veröffentli-
       chung ein  Reader von  539 Seiten,  in dem  205 Seiten  einem Ab-
       schnitt "Marxistische Grundlegung" gehören. Darin findet man eine
       Auswahl aus  den Pariser  Manuskripten über  entfremdete  Arbeit,
       einen Beitrag von und einen über Wilhelm Reich, zwei Beiträge von
       Frantz Fanon  und zwei  Beiträge über  "Freudianismus" von  Keith
       Brooks und  Terry Kupers.  Diese beiden  Autoren  kommen  zu  dem
       Schluß, Marx und Freud verträten einander widersprechende Ansich-
       ten über  die gesellschaftliche Wirklichkeit und weder eine Inte-
       gration noch  eine Synthese ihrer Theorien sei möglich. Insgesamt
       betrachtet bleibt der Marxismus bei diesem Unterfangen im Stadium
       des Erkundens und Probierens stecken. Vorherrschend sind Beiträge
       nichtmarxistischer Autoren wie Erving Goffman, R.D. Laing und Da-
       vid Cooper.
       Dieser beherrschende Einfluß ist auch in dem Buch von Heather er-
       kennbar. Über  die "moderne akademische Psychologie" läßt er sich
       wie folgt aus: "Lächerlich, eine solche Ansammlung von irrelevan-
       tem, trivialem  und schlicht  dummem Zeug als Wissenschaft zu be-
       zeichnen. Die  Psychologie wirkt äußerlich wie eine Wissenschaft,
       putzt sich heraus und redet daher wie eine Wissenschaft, aber sie
       ist es  nicht. Man  muß sie eher in die Kategorie der gründlichen
       Selbsttäuschungen einordnen" (10, S. 10). Als Gegner wird der Po-
       sitivismus ausgemacht,  der "enthumanisierend" wirke, weil er "an
       menschliche Angelegenheiten  mit den  Methoden und Prinzipien der
       Naturwissenschaft herangeht".  Die Alternative  bestehe in  einer
       Art "humanistischer"  Psychologie, vermischt mit existentialisti-
       scher Phänomenologie und Antipsychiatrie. Nach einer zustimmenden
       Erörterung der  Auffassungen von  Wilhelm Reich  sind schließlich
       die letzten drei Seiten von Heathers Buch dem Thema "Marx und die
       Entfremdung" gewidmet.  Außer diesem kleinen Flirt läßt sich weit
       und breit nichts Marxistisches ausmachen.
       Dagegen sah  Phil Brown in einer "marxistischen Grundlegung" eine
       ernsthafte Möglichkeit und veröffentlichte 1974 den Band Toward a
       Marxist Psychology (8). Von besonderem Interesse ist das Kapitel,
       in dem  "der Marxismus als Lebensmethode und als Methode der Psy-
       chologie" vorgestellt  wird. (Seltsamerweise  stößt man  dann als
       erstes auf  den Namen  R.D. Laing  - worauf  wir noch zu sprechen
       kommen.) Der  Leser erfährt nicht viel über den Materialismus von
       Marx, doch  Brown macht  deutlich, wogegen  er gerichtet  sei. Er
       schreibt in  abschätzigem Ton  über das westliche kapitalistische
       Denken, das  "logisch" sei  und "in  seinem Bestreben,  die  Welt
       'rational' zu  beherrschen, zu  einer wissenschaftlichen Methode'
       führte", die  behaupte, "daß  wir durch  die Aufstellung  wissen-
       schaftlich wiederholbarer Fakten zu einer Theorie kommen, mit der
       sich dann  weitere Ereignisse voraussagen lassen. Durch den Empi-
       rismus wird die Gültigkeit menschlicher sinnlicher Erfahrungen in
       Frage gestellt,  indem reale Phänomene in wissenschaftliche Kate-
       gorien übersetzt  werden" (8, S. 12). All dies gehöre zum Positi-
       vismus, für  den die  Welt "eine außerhalb von uns bestehende Re-
       alität mit  klaren Strukturen und Grenzen sei" (8, S. 13). Demge-
       genüber, läßt  uns Brown wissen, beleuchte der Marxismus "die Re-
       alität, wie sie durch die sie umgebende materielle Welt definiert
       wird" (8,  S. 15). Die Dialektik handle von dem Prozeß, durch den
       "das Vorhandensein  von Gegensätzen  die Möglichkeit (und Notwen-
       digkeit) einer Veränderung herbeiführt". Als psychologisches Bei-
       spiel wird  der double  bind angeführt.  "Daß sich  der im double
       bind Befindliche  über seine  Unfreiheit klar  wird, gibt ihm den
       Anstoß, sich gegen die an der Macht Befindlichen aufzulehnen" (8,
       S. 17).  Wir werden  gewarnt, uns "nicht in der Weise an den Mar-
       xismus zu  halten, als  handle es sich dabei um eine kodifizierte
       Wissenschaft oder ein Dogma. Entscheidend ist die  M e t h o d e.
       Die sonst  übliche Art  der Betrachtung  der Realität  wird umge-
       kehrt, denn der Marxismus widerspiegelt als Methode den Sturz der
       Klassengesellschaft" (8,  S. 17). Eine weitere Warnung: "Der Mar-
       xismus muß gegen solche Vulgärinterpretationen in Schutz genommen
       werden, die zu leerer Rhetorik und zu Programmen mit mehr als der
       Ersetzung der  kapitalistischen Wirtschaft durch eine sozialisti-
       sche' Wirtschaft führen" (8, S. 18).
       Im Zuge  einer sich  anschließenden Erörterung von Bewußtsein und
       Entfremdung erfahren  wir: "Da die hergestellten Güter unabhängig
       von dem  Wunsch des  Arbeiters sind,  sie zu produzieren, stellen
       sie eine   V e r g e g e n s t ä n d l i c h u n g   d e r   A r-
       b e i t"   d a r   (8, S.  22). Bei  einem solchen,  eher mageren
       Verständnis des dialektischen und historischen Materialismus kann
       es kaum  noch verwundern,  daß am  Ende des Kapitels Sartre zuge-
       stimmt wird,  wenn er  fordert, der Marxismus müsse transzendiert
       werden, "ausgeweitet, um mehr von jenen Bereichen der Realität zu
       erfassen, mit denen sich die 'Vulgärmarxisten' nicht abgeben wol-
       len" (8,  S. 35). Aber das ist nur natürlich, weil nämlich - wohl
       aufgrund seiner Dialektik - "der Marxismus einer ständigen Trans-
       formation unterliegt" (8, S. 36).
       Die Transformation, um die es Brown geht, nimmt das "medizinische
       Modell" und den Freudianismus ausdrücklich aus. Beide seien durch
       und durch  Unterdrückungsinstrumente des  kapitalistischen  Esta-
       blishment. "Wie andere Einrichtungen in unserer Gesellschaft sind
       auch Nervenkliniken dazu da, um die Menschen zu spalten und daran
       zu hindern,  sich miteinander  zu identifizieren  und sich  gegen
       ihre Unterdrücker  zu wehren.  ... Wir brauchen eine neue Art des
       Herangehens an  den Kampf  gegen die Irrenhäuser" (8, S. 55). Der
       Freudianismus spiele  "eine besondere Rolle bei der sozialen Kon-
       trolle" (8,  S. 56). Er weise Ähnlichkeiten mit "nazistischen Ge-
       sellschaftsphilosophien" auf (8, S. 67). "Freuds Realitätsprinzip
       verlangte die  Aufgabe des  Lustprinzips, da die Menschen unfähig
       seien, sich  bei ihren  Bedürfnissen, Wünschen  und Instinkten zu
       Beherrschen'" (ebd.).  "Der Freudianismus erwuchs aus der Konter-
       revolution der Bourgeoisie gegen die drohende sozialistische Mas-
       senbewegung" (8, S. 136).
       Browns Transformation des Marxismus als Grundlage einer marxisti-
       schen Psychologie  soll durch  eine Zusammenführung des Marxismus
       mit der Sex-pol-Psychologie Wilhelm Reichs, den antikolonialisti-
       schen Erkenntnissen  Frantz Fanons  und der  Antipsychiatrie  von
       Cooper, Laing und Esterson hervorgebracht werden. Im Sinne Reichs
       betont Brown die sexuelle Befreiung als Voraussetzung einer wirk-
       samen revolutionären  Organisation. Wie  Fanon betont er die kul-
       turelle Befreiung  und die Entmystifizierung der Gewalt. Doch der
       eigentliche Brennpunkt  seiner marxistischen  Psychologie ist die
       Antipsychiatrie. Brown  kritisiert den  Idealismus und Individua-
       lismus der Antipsychiatrie und sogar ihre "linken Kindereien" wie
       etwa die Forderung nach sofortiger Zerstörung der Familie. Trotz-
       dem schreibt  er: "Die Antipsychiatrie stellt für das Verständnis
       der politischen  Vorgänge, die als psychologische bezeichnet wer-
       den, einen  wesentlichen Fortschritt dar. Da sie so viele Famili-
       enprobleme zu  umgreifen vermag,  hat die  Antipsychiatrie  viele
       Menschen befähigt,  die sogenannten wissenschaftlichen Grundlagen
       der Psychiatrie und Psychologie zu attackieren. Verbunden mit den
       eher marxistischen Analysen von Reich und Fanon bedeutete die An-
       tipsychiatrie einen  starken Bruch mit der traditionellen Psycho-
       logie und  Psychiatrie. Und  um den revolutionären Kern innerhalb
       der Antipsychiatrie  muß eine  marxistische Psychologie aufgebaut
       werden" (8,  S. 136). Lohnenswert sei das, weil "die marxistische
       Psychologie imstande  ist, die  integrale Beziehung  zwischen der
       Psyche und  der materiellen  Welt sichtbar  zu machen und  v e r-
       s u c h e n  k a n n,  d i e  U n t e r s c h e i d u n g  z w i-
       s c h e n  b e i d e n  a u f z u h e b e n"  (8, S. 169).
       Browns "marxistische  Psychologie" verdient  und  erfordert  wohl
       keinen weiteren  Kommentar. Es  handelt sich  weder um  Marxismus
       noch um  Psychologie, sondern  um grob eklektische, anarcho-radi-
       kale Phrasen, die - wenn sie überhaupt irgendwelchen Einfluß aus-
       übten -  höchstens die  Herausbildung einer ernsthaften marxisti-
       schen Psychologie verzögert haben. 4)
       
       6. Individualität und Sozialpsychologie
       ---------------------------------------
       
       In einem  kürzlich erschienenen  Artikel vertritt Carl Shames die
       These, die Individualität sei das Schlüsselproblem bei der Ausar-
       beitung einer marxistischen Psychologie (17). Traditionelle Theo-
       rien hätten bei der Lösung dieses Problems versagt, denn "bei der
       Konstitution des  spezifisch Menschlichen  gegenüber den biologi-
       schen Prozessen bleiben sie verworren, außerdem unklar und wider-
       sprüchlich in  der Frage,  wie sich das Individuum aus dem Zusam-
       menhang sozialer  Prozesse heraus entwickelt" (17, S. 51). Shames
       lokalisiert das  Problem bei  der "biologischen  und naturalisti-
       schen" Methodologie. Der Naturalismus versage, weil er "eine men-
       schliche Individualität noch vor den Beziehungen ansetzt, die sie
       eingeht" und  von der Psychologie fordere, eine "Wissenschaft vom
       'Allgemein-Individuellen' zu  bleiben" (17,  S. 53).  Als  neuere
       Versuche, das  Problem zu lösen, werden die Systemtheorie und der
       Strukturalismus zitiert,  die aber  beide  nach  Shames'  Meinung
       fehlgingen, weil  sie über die naturalistische Methodologie nicht
       hinausgekommen seien.
       "Wir brauchen",  schreibt Shames,  "eine Konzeption,  die die Ge-
       schichte als reale menschliche Entwicklung und die die Menschwer-
       dung als  etwas in  seinem Wesen Geschichtliches auffaßt" (17, S.
       52). Die  Lösung sei  in Marx' Konzept der menschlichen Tätigkeit
       zu sehen: "... Die Dynamik der menschlichen Tätigkeit ist das Or-
       ganisierende der  Individualität, Tätigkeit  organisiert sich als
       Individualität" (17,  S. 55).  Wygotski habe  dies verstanden und
       daraus die  Schlußfolgerungen für  eine  konkrete  psychologische
       Theorie abzuleiten  versucht. Nach  Shames hat aber "Wygotski die
       grundlegenden Dualismen  in der  psychologischen Theorie nicht zu
       überwinden vermocht" (ebd.); Leontjew habe den Grundgedanken wei-
       terentwickelt.  Nach   Leontjews  Tätigkeits-Konzept   "existiert
       grundsätzlich eine  Einheit zwischen  der Entwicklung physiologi-
       scher Strukturen  und der  lebenden Tätigkeit des Organismus, und
       es besteht  eine innere  Beziehung zwischen  dem Lebensprozeß und
       der äußeren  Welt" (17,  S. 56). Leontjews Theorie gehe "über die
       Kultur-Persönlichkeits-Modelle hinaus,  die noch  den  modernsten
       psychoanalytischen Konzeptionen  zugrunde liegen,  aber auch über
       die  punktuellen,   bruchstückhaften  interaktionistischen  Theo-
       rieansätze wie  den Behaviorismus  und die Systemtheorie" (17, S.
       57).
       Auch die  Beiträge von Lucien Sève werden herangezogen. Sie grün-
       den darauf,  die in der 6. Feuerbach-These formulierte Entdeckung
       von Marx,  daß das  menschliche Wesen  in seiner Wirklichkeit das
       Ensemble der  gesellschaftlichen Verhältnisse sei, "absolut ernst
       zu nehmen".  "Ausgangspunkt einer  dialektischen Analyse ist eine
       Theorie der Totalität, innerhalb der die konkreten, individuellen
       Phänomene in  Erscheinung treten."  Die angemessene Totalität sei
       nicht die  Natur, sondern die Gesellschaftsformation: "Weit davon
       entfernt, Produkt der Natur zu sein, ist diese Individualität ein
       Produkt der Befreiung der menschlichen Gesellschaft von den Zwän-
       gen der Natur" (17, S. 58).
       Die gesellschaftlichen  Beziehungen, die letztlich die Individua-
       lität hervorbrächten  - durch unmittelbarere Beziehungen, wie sie
       zum Beispiel  in der Familie entwickelt würden -, enthielten zwei
       wichtige Eigenschaften:  erstens eine  "historische Entwicklungs-
       kurve", zweitens  einen "allgemeinen Widerspruch", in der kapita-
       listischen Gesellschaft den zwischen den Produktivkräften und den
       Produktionsverhältnissen. "Diese  Widersprüchlichkeit und die hi-
       storische Natur  der Individualität  müssen zur Grundtatsache der
       Psychologie werden,  auf der alle Analysen aufzubauen haben" (17,
       S. 59). Zu diesem Widerspruch führt Shames weiter aus: "Die Marx-
       sche Analyse, in der die Gegenüberstellung von Tauschwert und Ge-
       brauchswert, von  abstrakter und  konkreter Arbeit  als Form  die
       Ware produziert,  gilt auch  für die  Produktion des Individuums.
       Weder die  Familie noch  die Ideologie produziert das Individuum,
       sondern die  allgemeine gesellschaftliche  Beziehung, deren Logik
       sich in  allen konkreten  Einzelbeziehungen durchsetzt"  (17,  S.
       60). Nur  wenn die Individualität im Rahmen der dialektischen Lo-
       gik der  gesellschaftlichen Produktion begriffen werde, komme man
       zu einer zusammenhängenden sozialpsychologischen Theorie.
       Lehrreich ist als Kontrast Philip Wexlers Versuch, eine marxisti-
       sche Sozialpsychologie  zu begründen  (27). Wexler reagiert damit
       auf die schon lange andauernde Krise der Sozialpsychologie. Diese
       Krise scheint  darin zu bestehen, daß die im wesentlichen gesell-
       schaftliche Natur  des Individuums  und der psychischen Phänomene
       nicht begriffen wird. Die Lösung, meint Wexler, biete der Marxis-
       mus: "In  einem grundlegenden Sinn handelt es sich beim Marxismus
       um eine  Sozialpsychologie" (27,  S. 54).  Teilweise entsteht der
       Eindruck, Wexler verfolge eine ähnliche Pachtung wie Shames: "Die
       Sozialpsychologie ist  ... eine ideologische Produktivkraft, eine
       allgemeine kulturelle  Hilfsquelle, die  zur  P r o d u k t i o n
       d e s   s u b j e k t i v e n   A s p e k t s   - der Identität -
       einer geschichtlichen  Form der  Arbeitskraft beiträgt"  (27,  S.
       57). Dieser Eindruck erweist sich jedoch als unzutreffend.
       Im Gegensatz  zu Shames vertritt Wexler die Auffassung, die Krise
       der Sozialpsychologie  solle "nicht  so sehr  als eine Krise auf-
       grund unangemessener Theoriebildung oder der Anwendung ungeeigne-
       ter Methoden,  sondern als  Bestandteil  einer  größeren  gesell-
       schaftlichen Krise"  gesehen werden (27, S. 56). Die Lösung liegt
       dann doch wohl in der Erkenntnis der Verbindung mit dieser größe-
       ren Krise.  Aber:  n i c h t  theoretisch,  n i c h t  methodolo-
       gisch? Wexler  benennt klar  das  Wesen  des  Problems  als  eine
       "falsche Antinomie  zwischen dem  Individuellen und  dem  Gesell-
       schaftlichen" (ebd.).  Der Marxismus  biete eine  Lösung, denn er
       sei "eine  Theorie, die die Gesellschaftsstruktur und das Indivi-
       duum weder  vergegenständlicht noch abstrahiert, eine Theorie der
       gesellschaftlichen Verhältnisse"  (27, S.  55). Doch  dort, wo er
       sich im  einzelnen über  den Marxismus  äußert, liest man, dieser
       sei "die  Theorie einer  Wissenschaft der gesellschaftlichen Ver-
       hältnisse, in  der die  historisch sich  verändernde Konstitution
       der Individuen  erklärt werden kann als eine Interaktion zwischen
       gesellschaftlich geformten  Determinanten, insbesondere  den  ge-
       sellschaftlich  organisierten   Beziehungen  produzierender,  ge-
       schichtlich gefaßter  Individuen und menschlichen Anlagen, Fähig-
       keiten und  Konstruktionen" (27,  S. 54). Wexlers Verständnis des
       Marxismus ist  insofern fehlerhaft,  als er  ihm in der zitierten
       Beschreibung etwas  unterstellt, was  er ihm  richtigerweise  ab-
       spricht. Von einer Interaktion von gesellschaftlichen Verhältnis-
       sen und  individuellen Merkmalen  zu sprechen  heißt, wie  Shames
       darlegt, beide in unzulässiger Weise zu vergegenständlichen.
       Es kann  dann nicht überraschen, daß Wexler den Marxismus für un-
       zureichend hält.  Was er am Ende als Lösung anbietet, "kombiniert
       die hermeneutische  Tradition der Textauslegung, das marxistische
       Dynamikmodell auf der Grundlage der Produktion, die tiefen philo-
       sophischen Perspektiven  der Frankfurter Schule und die Forschung
       der etablierten  Sozialwissenschaft" (27,  S. 59). Interessanter-
       weise wird  die Frankfurter Schule trotz genauer Kenntnis der ge-
       gen sie  geäußerten Kritik  aufgenommen wegen  "ihres Widerstands
       gegen Faktizität, weil sie nicht alles von vornherein als gegeben
       hinnimmt" (27, S. 58).
       Trotz seiner  Behauptung, daß "der Marxismus eine Sozialpsycholo-
       gie ist", erklärt Wexler ihn für "unvollständig hinsichtlich sei-
       ner theoretischen Erfassung der individuellen und gesellschaftli-
       chen Interaktion" (27, S. 60). Auf zwei Arten könne dieser Mangel
       behoben werden.  Erstens könne der Marxismus mit einer "vom Indi-
       viduum ausgehenden  Herangehensweise" wie  der Freudschen Psycho-
       analyse kombiniert  werden. Zweitens könne man - was er bevorzuge
       - einfach  davon ausgehen,  daß "das  Individuelle etwas  Gesell-
       schaftliches ist"  (27, S. 61). So gehe die "traditionelle sozio-
       logische Sozialpsychologie" an die Sache heran, wohingegen Marxi-
       sten dieses  Verfahren als  "idealistisch" abgelehnt hätten. "Das
       Problem ist  nicht der  Idealismus. Es  liegt in der Annahme, die
       Person und  die Gesellschaft  bildeten ein einheitliches, organi-
       sches, integriertes Ganzes" (ebd.). Für den Marxismus, so Wexler,
       "ist die  Gesellschaftsordnung nichts  Organisches, sondern etwas
       Auferlegtes, und  durch die  Beteiligung an einer gesellschaftli-
       chen Welt der Klassenherrschaft wird die Möglichkeit des Werdens,
       der Realisierung  des menschlichen  Potentials gebrochen" (ebd.).
       Die  marxistische  Sozialpsychologie  beschäftige  sich  folglich
       nicht mit  Theorie oder  Methodologie, sondern  konzentriere sich
       auf die  "Interaktionsprozesse", die  dem  Menschwerden  im  Wege
       stünden wie  etwa Entfremdung, Warenfetischismus, Ausbeutung. Auf
       den kürzesten  Nenner gebracht,  zeichnet sich  die  marxistische
       Psychologie nach  Wexler durch  nichts anderes  aus als durch die
       Fragen, die sie aufwirft - eine ziemlich enttäuschende Schlußfol-
       gerung.
       Der "orthodoxe" Marxismus hat da seine Vorteile. Durch eine stär-
       kere Orientierung  an seinen Prinzipien haben es Bartlett, Shames
       und andere vermocht, solche hoffnungslosen Verstrickungen zu ver-
       meiden.
       
       7. Entwicklungspsychologie
       --------------------------
       
       In den  letzten Jahren  ist viel über eine "dialektische" Theorie
       der psychischen  Entwicklung geschrieben worden (9,16). Was unter
       diesem Etikett  geboten wurde,  ging in  der Regel bewußt auf Di-
       stanz zum  Marxismus und  ließ an keinem Punkt seiner Entwicklung
       ein auch  nur entfernt klares Verständnis der dialektischen Logik
       erkennen (18,  19, 20, 21). Aus dieser Literatur sind jedoch auch
       einige Veröffentlichungen zu erwähnen, die als Beiträge zur Bewe-
       gung für eine marxistische Entwicklungspsychologie oder zumindest
       für eine  Präsenz  dialektisch-materialistischer  Positionen  auf
       diesem Gebiet der Psychologie gewertet werden können.
       Eine der  frühesten Beiträge  dieser Art  war eine Diskussion von
       James Lawler  über die Dialektik von Piagets Theorie 12). Vergli-
       chen wurde  er mit  Hegel, und wie zu erwarten wurde Piagets Dia-
       lektik von  Lawler als  mit Mängeln behaftet befunden. Lawler in-
       formierte seine  Leser bei  dieser Gelegenheit  darüber, daß "die
       Anerkennung der  wissenschaftlichen Ergebnisse  der  Sowjetunion,
       auch ihrer  Psychologen, zu  einer Neubewertung  der Methodologie
       der materialistischen Dialektik als nützliches Instrument - statt
       eines bloßen  dogmatischen Anhängsels  - geführt hat" (12, S. 2).
       Lawler griff  auf Beispiele  aus Engels'  Anti-Dühring zurück, um
       Hegels Dialektik zu verdeutlichen.
       Ein interessantes  Beispiel für  die gewachsene  Anerkennung  der
       wissenschaftlichen Legitimität  des  dialektischen  Materialismus
       sind die Veröffentlichungen von Wygotskis Denken und Sprechen und
       Mind in Society in englischer Sprache (23, 24). Allerdings wurden
       bei dem  zuerst genannten Werk in der Übersetzung alle Bezüge auf
       Marx, Engels  und Lenin  getilgt, und in einer Einführung von Je-
       rome Bruner  wurde deutlich  der Eindruck erweckt, Wygotskis her-
       ausragende psychologische Leistungen hätten so gut wie nichts mit
       dem Marxismus  zu tun.  1978 hatte sich die Lage etwas verändert,
       und die  Herausgeber des  zweiten Buches räumten in ihrer Einfüh-
       rung ein,  daß es Wygotski ganz bewußt darum ging, eine marxisti-
       sche Theorie  über das  Funktionieren des menschlichen Intellekts
       zu formulieren.  Seit Mitte  der 70er  Jahre sind  eine-Reihe von
       Aufsätzen und  Büchern erschienen,  in denen die sowjetische Ent-
       wicklungspsychologie zustimmend interpretiert wird, wobei die Be-
       deutung der  dialektisch-materialistischen Methodologie hervorge-
       hoben wird (28, 29).
       Der Autor  des vorliegenden  Beitrags versucht in zwei Aufsätzen,
       von einem  materialistischen Standpunkt aus zu verdeutlichen, was
       an der  Entwicklungspsychologie dialektisch  ist (21, 22). Im er-
       sten Artikel  wird argumentiert,  die Schwäche traditioneller Be-
       trachtungen der  Entwicklung sei  der Mangel  einer Darlegung der
       N o t w e n d i g k e i t   des Prozesses. Es gebe viele Darstel-
       lungen, wie  das Verhalten sich mit fortschreitendem Alter verän-
       dere, doch  sehr wenige  Erklärungen für diese Veränderungen. Ein
       typisches Beispiel  ist das  Konzept der  "Verstärkung". Es sieht
       aus wie  eine Erklärung,  beschreibt aber in Wirklichkeit nur Zu-
       fälle. Es  deckt nichts von der Dynamik des Entwicklungsprozesses
       auf, schon  gar nicht  seine Qualität.  Genau das sei die Aufgabe
       der dialektischen  Logik, ob  nun Hegels  abstrakte Logik des Be-
       griffs oder  Marx' konkrete  Dialektik der  historischen Verände-
       rung.
       Der zweite  Beitrag entstand  als Antwort  auf die Behauptung des
       prominenten Theoretikers  unter den Entwicklungspsychologen Hayne
       Reese, "Dialektik"  habe viele Bedeutungen und könne deshalb plu-
       ralistisch verstanden  werden. (Damit,  so mag  zynisch gemutmaßt
       werden, sollte  der Mißbrauch  dieses Wortes durch viele Entwick-
       lungspsychologen einschließlich Reese gerechtfertigt werden.) Da-
       gegen wurde  argumentiert, das Wort habe zwar historisch betrach-
       tet viele Bedeutungen gehabt, doch solle man diese Bedeutungsver-
       änderungen als  Ausdruck der  Entwicklung unserer Kenntnisse über
       Transformationsprozesse ansehen, unter denen die materialistische
       Dialektik die am weitesten entwickelte Form darstelle. Die Anwen-
       dung der materialistischen Dialektik auf die Psychologie führe zu
       einer Reihe allgemeiner Schlußfolgerungen:
       1. "Dialektische Psychologie  ist notwendigerweise eine Psycholo-
       gie von  Stadien", als  welche nichts anderes als qualitativ ver-
       schiedene Zustände zu verstehen seien;
       2. "dialektische Psychologie  ist notwendigerweise eine Psycholo-
       gie von  Prozessen", d. h. dynamischer Transformationen von einem
       Stadium in ein anderes;
       3. dialektische Psychologie  sei eine Psychologie von Gegensätzen
       in ihrer sich gegenseitig durchdringenden Einheit;
       4. dialektische Psychologie sei notwendigerweise eine Psychologie
       der Eigenentwicklung, d. h. der inneren Notwendigkeit, und
       5. "dialektische Psychologie  ist notwendigerweise eine objektive
       Psychologie" (21, S. 323f).
       
       Schlußbemerkung
       ---------------
       
       In der  anglo-amerikanischen psychologischen  Literatur  gibt  es
       bisher noch  keine marxistische Gesamttheorie der Persönlichkeit.
       Anfänge sind  jedoch deutlich  erkennbar. Erfolgversprechend  für
       die weitere  Entwicklung sind die Ansätze derjenigen, die 1. dar-
       auf verzichten,  ihre eigene unvollständige 'Kenntnis des Marxis-
       mus durch  Versuche einer  Kombination mit  einer der bestehenden
       bürgerlichen Richtungen  der Psychologie  zu kompensieren; 2. ge-
       lernt haben,  marxistische  Originalliteratur  ernst  zu  nehmen,
       statt sich  mit pseudomarxistischen  radikalen Parolen zufrieden-
       zugeben, und  3. begonnen  haben, Entwicklungen  der sowjetischen
       Psychologie aufmerksam zu studieren.
       Diese verheißungsvollen  Anfänge sind  jedoch noch weithin Stück-
       werk und  isoliert. Sie konvergieren insofern, als sie 1. die un-
       verzichtbare Bedeutung  eines echten,  konsequenten dialektischen
       und historischen  Materialismus, 2.  die zentrale  Rolle der Ent-
       wicklung, ob  evolutionär, historisch  oder ontogenetisch, und 3.
       die Notwendigkeit,  den wesentlich  gesellschaftlichen  Charakter
       psychischer Prozesse und Phänomene zu begreifen betonen.
       Wessen es  jetzt bedarf,  sind 1. eine bessere Kommunikation zwi-
       schen den  verstreut wirkenden Marxisten, die sich mit Fragen der
       Psychologie beschäftigen;  2. eine zunehmend bewußtere Abgrenzung
       von quasi- und pseudomarxistischen Positionen, wie sie derzeit in
       der linken  Sozialwissenschaft vorherrschen;  3. spezifische For-
       schungsprogramme, vornehmlich  solche, die  die Integration unter
       marxistischen Forschern  zu befördern  vermögen, und 4. eine ver-
       stärkte Präsenz  in den  Lehrbüchern und  Lehrplänen an den Hoch-
       schulen.
       Ohne Zweifel  haben die  Übersetzungen der Arbeiten von Wygotski,
       Luria, Leontjew  und Sève  insbesondere in  letzter Zeit eine äu-
       ßerst wichtige  Rolle gespielt  und werden sie weiterhin spielen.
       Sehr wünschenswert wären Übersetzungen der in den letzten 15 Jah-
       ren in der Bundesrepublik Deutschland entstandenen Arbeiten.
       Obwohl die  akademische Welt  der englischsprachigen kapitalisti-
       schen Länder dem Marxismus nicht mehr derart feindlich gegenüber-
       steht wie  früher, muß  dennoch mit dem Antikommunismus gerechnet
       werden. Wer  sich in  diesen Ländern öffentlich als Marxist betä-
       tigt, muß sich auch über die Schulter blicken. Der Kampf für eine
       marxistische Psychologie  wird weiterhin  schwierig sein und hohe
       Anforderungen stellen.  Er wird  nicht mit  kriegerischen Parolen
       und modischem  Radikalismus gewonnen, sondern nur mit überzeugend
       demonstrierter, sauberer wissenschaftlicher Arbeit. Einige der in
       diesem Aufsatz  besprochenen Arbeiten  sind eindeutig  von dieser
       Art und geben somit Anlaß zum Optimismus.
       
       (Übersetzung aus  dem Englischen: Lothar Letsche und Sylvie Moli-
       tor)
       
       Literatur
       ---------
       
       1 W.P. Archibald, Social Psychology as Political Economy, Toronto
       1978.
       2 Francis H. Bartlett, Sigmund Freud, London 1938.
       3 Ders., Pavlov  and Freud, in: Science and Society, Bd. 25/1961,
       S. 129-138.
       4 Ders., Review of "The Production of Desire" by R. Lichtman, in:
       Science and Society, Bd. 48/1984, S. 229-234.
       5 F.V. Bassin,  Consciousness and unconsciousness, in: A Handbook
       of Contemporary  Soviel Psychology,  hrsg. von  M.  Cole  und  I.
       Maltzman, New York 1969.
       6 Phil Brown, Antipsychiatry and the left, in: Psychology and So-
       cial Theory, Nr. 2/1981, S. 19-28.
       7 Ders., Radical Psychology, New York 1973.
       8 Ders., Toward a Marxist Psychology, New York 1974.
       9 Alan R. Buss, A Dialectical Psychology, New York 1979.
       10 Nick Heather, Radical Perspectives in Psychology, London 1976.
       11 Wolfgang Köhler, Gestalt Psychology, Toronto 1965.
       12 James M. Lawler, Dialectical philosophy and developmental psy-
       chology: Hegel  and Piaget  on contradiction,  in: Human Develop-
       ment, Bd. 18/1975, S. 1-17.
       13 David Lethbridge,  The natural  dialectics of Pavlovian condi-
       tioning, in: Science and Society, Bd. 49/1985, S. 159-166.
       14 Richard Lichtman, The Production of Desire, New York 1982.
       15 Jack Lindsay, Marxism and Contemporary Science, London 1949.
       16 Klaus Riegel,  The dialectics of human development, in: Ameri-
       can Psychologist, Bd. 31/1976, S. 689-700.
       17 Carl Shames,  Dialectics and  the theory of individuality, in:
       Psychology and Social Theory, Nr. 4/1981, S. 51-65.
       18 Charles Tolman, Review of "Psychology Mon Amour" by Klaus Rie-
       gel, in: Science and Society, Bd. 43/1979/1980, S. 500-503.
       19 Ders., Review of "A Dialectical Psychology" by A. R. Buss, in:
       Canadian Psychology, Bd. 22/1981, S. 296-297.
       20 Ders.,  The   metaphysics  of   relations  in   Klaus  Riegels
       'dialectic' of  human development,  in:  Human  Development,  Bd.
       24/1981, S. 35-51.
       21 Ders., Further comments on the meaning of 'dialectic', in: Hu-
       man development, Bd. 18/1975, S. 1-17.
       22 Ders., Categories,  logic, and  the problem  of  necessity  in
       theories of  mental development,  in:  Studia  Psychologica,  Bd.
       25/1983, S. 179-189.
       23 Lev Vygotski,  Thought and Language, hrsg. v. Eugenia Hanfmann
       und Gertrud Vakar, Cambridge (Mass.) 1962.
       24 Ders., Mind  in Society,  hrsg. von  Michael Cole,  Vera John-
       Steiner, Sylvia  Scribner und  Ellen Souberman, Cambridge (Mass.)
       1978.
       25 Harry K. Wells, Ivan P. Pavlov: Toward a Scientific Psychology
       and Psychiatry, London 1956.
       26 Ders., Sigmund Freud: A Pavlovian Critique, London 1960.
       27 Philip Wexler,  Toward a  crilical social psychology, in: Psy-
       chology and Social Theory, Nr. 1/1981, S. 52-68.
       28 R.H. Wozniak,  A dialectical  paradigm for psychological rese-
       arch: implications  drawn from  the history  of psychology in the
       Soviel Union, in: Human developmenl, Bd. 18/1975, S. 18-34.
       29 Ders., Theory,  praclice, and  the 'zone  of proximal develop-
       ment' in  Soviel educalional  psychology, in: Contemporary Educa-
       tional Psychology, Bd. 5/1980, S. 175-183.
       
       _____
       1) "Isoliert" kann  hier dreifach verstanden werden: Erstens wir-
       ken die Autoren marxistischer Beiträge zur Psychologie in der Re-
       gel geographisch  voneinander entfernt.  In ihren Fakultäten oder
       Instituten sind  sie oftmals  "die einzigen  ihrer Art". Zweitens
       arbeiten sie  häufig gesellschaftlich unverbunden. Es gibt bisher
       keine Anzeichen von Koordination oder Integration ihrer Forschung
       oder ihrer  theoretischen Ansätze. Drittens zitieren sie sich ge-
       genseitig erstaunlich  wenig. Viele scheinen in einem intellektu-
       ellen Vakuum  zu leben, ohne die Arbeiten anderer zur Kenntnis zu
       nehmen. Der bürgerliche Individualismus scheint in der anglo-ame-
       rikanischen Psyche tief verwurzelt zu sein.
       2) Bei der Rückübersetzung Freudscher Gedanken und Zitate aus der
       englischen in  die deutsche  Sprache ist  zu  beachten,  daß  die
       Freud-Rezeption anglo-amerikanischer  Psychologen auf einer Über-
       setzung beruht,  die (wenn auch von Freud und seinen Erben hinge-
       nommen) "in  wichtigen Punkten  ernsthafte Mängel  ausweist)  und
       (...)  so  zu  falschen  Schlußfolgerungen  nicht  nur  über  den
       Menschen Freud,  sondern auch  über die  Psychoanalyse,  geführt"
       hat. "Unter all den Fehlübersetzungen der Spache Freuds hat keine
       unser  Verständnis   seiner  humanistischen   Anschauungen   mehr
       behindert als die Eliminierung seiner Verweise auf die Seele. ...
       Das Wort,  das  die  Übersetzer  an  Stelle  von  'of  the  soul'
       verwenden - 'mental' - hat eine genaue Entsprechung im Deutschen,
       nämlich 'geistig' ..." (Bruno Bettelheim, Freud und die Seele des
       Menschen, übersetzt  von Karin  Graf, Claasen-Verlag  1984;  hier
       zitiert nach:  Der Übersetzer,  Straelen, 21.  Jahrgang Nr.  3/4,
       März/April 1984,  S. 1  f. - Hinweis der Übersetzer). Danach ent-
       spräche an  dieser  und  folgenden  Stellen  abweichend  von  der
       korrekten Übersetzung  statt "geistig" der Begriff "seelisch" dem
       ursprünglichen Sinn.
       3) Hierzu siehe Anmerkung 2, S. 135
       4) Ein neuerer  Artikel Browns  weist  keine  entscheidende  Wei-
       terentwicklung auf (6).
       

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