Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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       DER CHARAKTER DER GEGENWÄRTIGEN KRISE IN GROSSBRITANNIEN
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       UND DIE ALTERNATIVVORSCHLÄGE DER LINKEN
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       Ron Bellamy
       
       1. Der  Charakter der  gegenwärtigen Krise in Großbritannien - 2.
       Die Alternativstrategie  - Anfänge und Entwicklung - 3. Ursprünge
       und Formen  der Opposition gegen die Alternativstrategie - 4. Die
       wichtigsten Ursachen der Ablehnung der Alternativstrategie
       
       1. Der Charakter der gegenwärtigen Krise in Großbritannien
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       Die gegenwärtige  Krise im  ökonomischen, politischen und gesell-
       schaftlichen Leben Großbritanniens wird von höchst akuten Sympto-
       men charakterisiert:
       - einem Produktionsniveau  in der verarbeitenden Industrie, das -
       in einem sogenannten Boom - niedriger ist als 1979;
       - einem sehr niedrigen Wachstum der Arbeitsproduktivität
       - Resultat einer annähernden Stagnation der Entwicklung des Real-
       kapitalbestandes;
       - einer offiziellen  Arbeitslosenquote, die  die höchste  in  der
       entwickelten kapitalistischen Welt ist;
       - einer Zahlungsbilanz  mit  einem  Defizit  bei  Industriegütern
       - dem ersten  in der Geschichte des britischen Kapitalismus - und
       einem Überschuß  bei Erdöl,  der aber  vom Zusammenbruch  der Öl-
       preise bedroht ist;
       - Angriffen auf  alle Formen  der sozialen Sicherung, während das
       Durchschnittsalter der  Bevölkerung zunimmt und während Teilzeit-
       arbeit und  Massenarbeitslosigkeit die Armut rasch ansteigen las-
       sen;
       - dem Ruin  der Innenstädte infolge des industriellen Niedergangs
       und der Vernachlässigung der Infrastrukturen;
       - der Entstehung  von Gettos junger schwarzer und weißer Arbeits-
       loser, deren Entfremdung immer wieder in gewaltsamen Unruhen aus-
       bricht.
       Diese Krise ist eine Folge von Großbritanniens besonderer, histo-
       risch bedingter  Stellung in der kapitalistischen Weltwirtschaft.
       Da es ein imperialistischer Staat ist, ein integraler Bestandteil
       des kapitalistischen  Weltsystems, ist  es von der Gesamtheit der
       Widersprüche betroffen,  die dieses  System in  der gegenwärtigen
       Phase seiner allgemeinen Krise charakterisieren.
       Da es  aber der  älteste imperialistische  Staat ist,  sind seine
       Produktivkräfte geschwächt  und seine -- politischen und ökonomi-
       schen -  inneren wie auswärtigen Beziehungen durch das lange Erbe
       imperialistischer Entwicklung  besonders tief beeinträchtigt wor-
       den. Es  ist kein Zufall, daß unter allen Verbündeten der USA die
       britische Regierung  mit der  Bereitstellung von Militärbasen für
       die Aggression  gegen Libyen  die willfährigste Rolle spielte. Es
       ist ebenso kein Zufall, daß der gegenwärtig schärfste wirtschaft-
       liche Konflikt  der britischen Arbeiterklasse mit einem Pressemo-
       nopolisten ausgetragen  wird, der  aus dem  Ausland kommt und der
       beträchtliche Medieninteressen  in den  USA hat und der vom Staat
       massiv unterstützt  wird, als Teil der ununterbrochenen gesetzge-
       berischen, polizeilichen  und Medien-Attacken  auf die größte und
       am besten  organisierte demokratische  Kraft, nämlich die Gewerk-
       schaften.
       Wie jeder  andere Staat  der kapitalistischen Welt wurde Großbri-
       tannien stark  von den  weltweiten Bedingungen, unter denen seine
       herrschende Klasse  ihre Ziele verfolgt, beeinflußt. Die grundle-
       genden, permanenten  Widersprüche, die  diese Bedingungen  in der
       Periode nach 1945 kennzeichnen, haben drei Hauptformen:
       E r s t e n s   gibt es eine "antagonistische Partnerschaft" zwi-
       schen den  Staaten des  im Niedergang  befindlichen imperialisti-
       schen Systems  - auf  der einen Seite die Partnerschaft gegen den
       Sozialismus und  gegen die Länder, die ihren eigenen unabhängigen
       Entwicklungsweg suchen;  auf der anderen Seite gab es den Antago-
       nismus zwischen  einzelnen imperialistischen Staaten. In der Zeit
       dieser antagonistischen  Partnerschaft  wurde  der  Imperialismus
       durch den  Verlust  bestimmter  Länder  an  den  Sozialismus  ge-
       schwächt, ebenso von seinen eigenen inneren Konflikten.
       Z w e i t e n s   gibt es den Konflikt zwischen dem Imperialismus
       und den  in neuerer  Zeit unabhängig gewordenen Ländern, über die
       der Imperialismus seine Vorherrschaft zu behalten sucht.
       D r i t t e n s   hat -  innerhalb dieses  äußeren Rahmens  - die
       Entwicklung der  Arbeiterklasse in den imperialistischen Ländern,
       die gegen die ökonomische und politische Offensive des Monopolka-
       pitals kämpft, den Klassenkampf und den Kampf der Volkskräfte in-
       tensiviert.
       Für Großbritannien - den verwundbarsten Imperialismus - waren die
       Folgen dieser  Periode besonders kraß und auch von besonderer Be-
       deutung für die Erosion der materiellen, objektiven Basis des Re-
       formismus in der Arbeiterbewegung sowie für die raschere Entwick-
       lung der linken, sozialistischen Strömung.
       Wie andere  kapitalistische Länder  wurde Großbritannien  von den
       zyklischen und  den neueren  längerfristigen ökonomischen  Krisen
       des gegenwärtigen  Weltkapitalismus getroffen,  die alle Ausdruck
       des verschärften  Grundwiderspruchs zwischen  dem gesellschaftli-
       chen Charakter der modernen Produktivkräfte und dem staatsmonopo-
       listischen Charakter  der Aneignung sind. Infolge innerer wie äu-
       ßerer Einflüsse wurde Großbritannien tief von den zyklischen Kri-
       sen allgemeiner  relativer Überproduktion  nach 1974/75  und dann
       wieder in  den achtziger Jahren getroffen. Als "Bankier der Welt"
       bekam es  über Wechselkurse und Zinssätze die gewachsene Instabi-
       lität der  weltweiten kapitalistischen  Finanzmechanismen zu spü-
       ren, als  das Bretton-Woods-System  1967 zu zerfallen begann. Als
       kleines Land  mit einer  gewaltigen chemischen  Industrie und als
       ein Weltzentrum  der Produktion und Wiederaufarbeitung von Pluto-
       nium ist es zugleich ein Zentrum der ökologischen Krise. Als Erd-
       ölproduzent (seit  den späten  siebziger Jahren)  erlebte es  die
       höchst widersprüchlichen Folgen der weltweiten Energiekrise.
       Die besonders harte Form der Krise Großbritanniens ist verursacht
       von einer tieferen Krankheit, die schon lange vor der gegenwärti-
       gen akuten Phase entstand. Die anhaltende Schwäche der Produktiv-
       kräfte, zu  der diese  Krankheit führte,  war schon in den ersten
       Jahren nach dem zweiten Weltkrieg offensichtlich - Großbritannien
       hatte von  den großen  kapitalistischen  Ländern  die  niedrigste
       Wachstumsrate bei  der Produktion, bei den industriellen Investi-
       tionen, der Arbeitsproduktivität und dem Lebensstandard. Großbri-
       tannien war  - mit Investitionen in Übersee und der Übernahme der
       Rolle als Weltbankier schon vor mehr als hundert Jahren - das er-
       ste Land, das den Weg des modernen Imperialismus einschlug. Diese
       besondere Interessenrichtung  der mächtigsten Monopolkapitalisten
       (besonders im  Banksektor) führte  dazu, daß über eine lange Zeit
       die Ressourcen  Großbritanniens dazu  dienten, die  überseeischen
       Interessen des  Großkapitals gegen alle Gegner zu wahren und aus-
       zuweiten.
       Der imperialistische  Parasitismus - mit großen Investitionsrück-
       flüssen aus  Übersee, mit  einer privilegierten  Position auf den
       Exportmärkten, beim  Zugang zu  Rohstoffen, bei der Handelsschif-
       fahrt und bei den vielfältigen finanziellen und kommerziellen Ak-
       tivitäten in  der Londoner City - begünstigte eine gewisse Schwä-
       che der  Produktivkräfte Großbritanniens  gegenüber seinen später
       aufgetretenen Rivalen.
       Der britische  Imperialismus sah sich jedoch von zwei Seiten her-
       ausgefordert. Einerseits  wurde er  von anderen imperialistischen
       Mächten mit  größerer Wirtschaftskraft  - erst  Deutschland, dann
       den USA - bedroht. In einer späteren Phase wurde er von den Unab-
       hängigskeitsbewegungen in  den unterdrückten Ländern herausgefor-
       dert. Die  wachsende Belastung durch diese Widersprüche wurde of-
       fensichtlich im  Zusammenhang mit  dem - zuungunsten des Imperia-
       lismus - veränderten Kräfteverhältnis in der Welt nach 1945. Dies
       traf Großbritannien besonders hart, da die Entwicklung der briti-
       schen Wirtschaft  unter den  Bedingungen des  Imperialismus lange
       und weitreichende Verzerrungen erlebt hatte. Unfähig, aus eigener
       Kraft mit  den neuen Kräfteverhältnissen der Ära nach 1945 fertig
       zu werden,  ging der  britische Imperialismus  -  zunächst  unter
       einer Labour-Regierung  - ein  "Sonderverhältnis" mit den weitaus
       stärkeren  Vereinigten   Staaten  ein.   Der  Preis  dafür  waren
       ökonomische Zugeständnisse und eine sklavische Beteiligung an der
       antikommunistischen und  gegen die  nationale  Befreiungsbewegung
       gerichteten "Roll-back"-Strategie der USA in der Nachkriegszeit.
       Die gleichzeitigen  Versuche, die absurd-grandiose Stellung einer
       "unabhängigen" Nuklearmacht  einzunehmen, führten zu einer weite-
       ren Schwächung.  Die Versuche,  die alten  Ziele unter den neuen,
       feindlicheren Bedingungen zu erreichen, lenkten einen großen Teil
       der Ressourcen  von Schlüsselbereichen der Industrie und der For-
       schung in Kapitalexporte und Militärausgaben im In- und Ausland.
       Andere wichtige  Aufgaben wurden  vernachlässigt,  besonders  die
       kontinuierliche Modernisierung der Industrie, die notwendig gewe-
       sen wäre,  um mit  der  beschleunigten  Entwicklung  der  Technik
       Schritt zu  halten. Trotz  Abwertungen und einem viel niedrigeren
       realen Einkommenszuwachs  als in  ändern Ländern, sank der Anteil
       der britischen  Industrie am  Weltexport ständig, während moderne
       ausländische Industrieprodukte  immer  mehr  auf  dem  britischen
       Markt vordrangen.
       Mitte der  60er Jahre  war die herrschende Klasse Großbritanniens
       gezwungen, ihre Erwartungen an die besonderen Beziehungen mit den
       USA zu  modifizieren und sich auf eine andere - ebenfalls antago-
       nistische -  Partnerschaft mit der staatsmonopolistischen EWG-In-
       tegration einzulassen.  Um eine Position der Stärke innerhalb der
       EWG zu  erreichen, brauchte  der britische Imperialismus Ressour-
       cen. Sie  sollten durch  Schnitte bei allen Formen der Konsumtion
       der Arbeiterklasse  gewonnen und zur Schaffung einer "verschlank-
       ten, muskulösen"  britischen Industrie auf der Basis privater In-
       vestitionen benutzt  werden; um  die Investitionen profitabler zu
       machen, sollte  die Kraft  der organisierten Arbeiterbewegung ge-
       brochen werden.
       Freilich hatten manche Illusionen nur eine kurze Lebensdauer. Der
       "Plan for Britain" von 1964, der auf den technokratischen Konzep-
       tionen des Premiers Harald Wilson von einer "rasenden technischen
       Revolution" basierte  (die aber  die Realität  der  industriellen
       Verhältnisse ignorierten),  scheiterte an  der ererbten  Schwäche
       der industriellen  Basis und  der Ablehnung  einer Rekonstruktion
       ohne vorherige  Garantien für  eine Disziplinierung  der  Gewerk-
       schaften durch  das Monopolkapital.  Mitte der  70er Jahre schien
       das Nordsee-Öl  einen Aufschub  zu gewähren. Diese Hoffnung wurde
       jedoch durch  den Zusammenbruch des Ölpreises und durch den wach-
       senden Abfluß  von Tributen  an ausländische  Kapitaleigner rasch
       zunichte gemacht.  Aber auch ein solcher Aufschub erwies sich als
       ungeeignet, eine  Industrie zu  stützen, deren  heimischer  Markt
       durch das  freie Einströmen  von Produkten  aus der  EWG ruiniert
       wurde -  zusammen mit den Folgen der Krisen von 1975 und 1979 und
       einem hohen Wechselkurs (der teilweise auf spekulative Kapitalzu-
       flüsse zurückging,  als die Erdölförderung vorübergehend positive
       Effekte auf die Zahlungsbilanz hatte). Die "Dezimierung" der ver-
       arbeitenden Industrie  ist die  eine Seite der allgemeinen Erklä-
       rung für  die ungewöhnlich  hohe Arbeitslosigkeit  in Großbritan-
       nien. Die  andere Seite  ist die  Deflationspolitik, die  von der
       herrschenden Klasse seit 1979 - als die Krise sich verschlimmerte
       - verschärft  wurde. Wie wir noch sehen werden, waren die Gewerk-
       schaften nicht  einfach nur  ein ökonomisches  Hindernis für  die
       Senkung der  Arbeitskosten -  vielleicht war  noch wichtiger, daß
       die Krise  von Großbritanniens imperialistischer Position und der
       beschränkte Spielraum  für die herrschende Klasse schon Mitte der
       60er Jahre  die ganze Politik des Reformismus in Frage zu stellen
       begann; zudem  setzten sich  allmählich wieder  in breiten Teilen
       der Gewerkschaften  und der  Labour  Party  sozialistische  Ideen
       durch.
       In der Folge der Entwicklungen, die wir analysiert haben, schwin-
       det die  jahrhundertealte materielle Basis des Reformismus in der
       britischen Arbeiterbewegung.  Die Ideologie  kontinuierlicher Re-
       formen im  Rahmen des Kapitalismus, die Illusion von Vollbeschäf-
       tigung, steigenden Realeinkommen und einer Ausweitung der Sozial-
       leistungen - garantiert durch ein einvernehmliches Spiel des par-
       lamentarischen "rein und raus" und eine klassenneutrale Staatsma-
       schinerie -  ist nicht länger haltbar. Sicher hat die herrschende
       Klasse noch einen gewissen Spielraum für Zugeständnisse aus ihren
       Profiten. Aber  die Politik  von Thatcher entspringt einem realen
       Handlungsbedarf. Kein Politiker, der den britischen Imperialismus
       stützen will, könnte heute wesentlich anders handeln.
       Das bedeutet,  daß es weder in der Politik noch in der Wirtschaft
       einen Weg  zurück zu der Welt des Zweiparteien-Konsensus gibt, wo
       die Labour  Party Verbesserungen erreichen konnte, soweit sie die
       grundlegenden Voraussetzungen des Imperialismus akzeptierte.
       
       2. Die Alternativstrategie - Anfänge und Entwicklung
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       Die scharfe Wende im wirtschaftlichen Leben Großbritanniens Mitte
       der 60er  Jahre zeigte  die Unzulänglichkeit  der Keynesianischen
       Makro-Steuerung der  Wirtschaft durch  Stimulierung der Nachfrage
       und allgemeine  Investitionsanreize. Auf  wiederholte Zahlungsbi-
       lanzkrisen hatten die Regierungen mit einer "Stop and go"-Politik
       geantwortet, die Ungewisse Perspektiven für industrielle Investi-
       tionen eröffnete.  Großbritanniens relatives wirtschaftliches Zu-
       rückbleiben gegenüber  Westdeutschland,  Frankreich  und  anderen
       EWG-Ländern wurde allzu deutlich. Die Arbeitslosigkeit hatte sich
       im Vergleich  zu den  50er Jahren verdoppelt. Versuche, die alten
       Methoden durch  mehr Mikro-Steuerung  und sektorale  Maßnahmen zu
       ergänzen, wurden  schon unter  der Tory-Regierung vor 1964 unter-
       nommen. Die  Zahlungsbilanzkrise, die  dem Regierungsantritt  der
       Labour-Regierung 1964  unmittelbar voranging,  machte  dies  noch
       dringlicher; die  neuen Schwerpunkte  prägten auch  den unseligen
       "Plan for  Britain". Noch  wichtiger für  unsere Analyse ist, daß
       der Preis  für die  Unterstützung durch  den Internationalen Wäh-
       rungsfonds in  der Unterzeichnung  einer  Einverständniserklärung
       (im Dezember  1964) bestand,  wonach eine  sog. Einkommenspolitik
       durchgesetzt werden sollte. Im Februar 1965 schlug ein "Weißbuch"
       (White Paper)  der Regierung  eine Begrenzung  für das  jährliche
       Wachstum der  Geldeinkommen auf 3,5% vor. Dies wurde am 30. April
       auf einem Treffen des Trade Union Congress (TUC) und der Executi-
       ves of  Trade Unions  mit einer Mehrheit von 6,65 gegen 4,84 Mil-
       lionen Stimmen  gebilligt. 1967 und 1968 folgte ein totaler Lohn-
       stopp. Der  anfängliche, durchaus starke gewerkschaftliche Wider-
       stand gegen  das "Lohn- und Preis-Gesetz" (Price and Incomes Act)
       und gegen  das berüchtigte  Weißbuch In  Place of Strife ("... an
       Stelle von Streit"), dessen Vorschläge darauf abzielten, den Ver-
       handlungsspielraum der Gewerkschaften einzuengen, führte schließ-
       lich zu der Alternativstrategie in ihrer gegenwärtigen Form.
       Ihren ersten  konkreten Ausdruck  fand sie in einer Broschüre von
       Bert Ramelson,  dem nationalen  Organisationsverantwortlichen für
       die Industrie der Kommunistischen Partei, mit dem Titel The Great
       Wage Freeze Trick ("Der große Lohnstopp-Trick"), erschienen 1966.
       Unter der Überschrift "Die Alternative" wird ein Arbeiter mit den
       Worten zitiert  "Es ist nicht richtig, einfach nur gegen die Ein-
       kommenspolitik zu  sein. Was ist die Alternative?". Ramelson ant-
       wortet: "Das  ist ein vernünftiger Kommentar und er verlangt eine
       Antwort. Es gibt eine politische Alternative, die auf harten öko-
       nomischen Fakten  basiert. Wir  werden sie  hier darlegen. Es ist
       keine Politik,  die alle Probleme des kapitalistischen Großbrita-
       niens lösen kann. Dies würde wirkliche sozialistische Veränderun-
       gen erfordern.  Erst wenn  die Produktion für den privaten Profit
       abgeschafft ist,  das Land dem Volk gehört und es sich zum Nutzen
       aller entwickelt,  wird es  keine ökonomischen Krisen mehr geben.
       Die alternative  Politik wird aber auf jeden Fall dazu beitragen,
       die Zahlungsbilanzkrise  zu lösen, die Wirtschaft aus der Stagna-
       tion herauszubringen  und günstige  Bedingungen für  den weiteren
       Kampf für ein sozialistisches Britannien zu schaffen."
       Die Grundzüge  dieser Übergangspolitik, die unmittelbare Reformen
       mit dem  Kampf für den Sozialismus verbindet, waren die Basis der
       beiden Versionen  des Programms  der Kommunistischen  Partei  The
       British Road  to Socialism  ("Der britische Weg zum Sozialismus")
       von 1952  bzw. 1957 gewesen. Die Vorschläge, die dann in späteren
       Vorschlägen der KP zur Alternativstrategie erschienen, wurden zu-
       meist auch  in der Neufassung von "The British Road to Socialism"
       1977 aufgegriffen.  Der Abschnitt  "Auf dem Weg zu einer soziali-
       stischen Revolution",  der "die  nächste Phase des revolutionären
       Prozesses" skizziert, spricht von einer alternativen Politik, die
       sich von  einem niedrigeren Stadium zur "vollständigen alternati-
       ven Politik"  und zu "dem neuen Typ von Labour-Regierung, die sie
       ausführen wird", hinbewegt. Bei der Beschreibung des "niedrigeren
       Stadiums" dieser  Politik heißt  es in  dem Dokument: "Es muß als
       den Verhältnissen  entsprechend und  realistisch gesehen  werden,
       aber es  muß auch  Eingriffe in die Macht der Monopole bedeuten."
       Dies wird  in dem  Abschnitt "Wirtschaftspolitik"  konkretisiert:
       "Eine Regierung,  die eine  effektive Kontrolle über die Entwick-
       lung der  Wirtschaft ausüben  will, muß die Schlüsselfirmen unter
       den Unternehmen, die die Wirtschaft beherrschen, nationalisieren;
       gleichzeitig ist  eine weitreichende  Kontrolle über die Investi-
       tions-, Produktions-  und Beschäftigungspolitik jener Firmen not-
       wendig, die  in privater  Hand bleiben."  Schließlich  heißt  es:
       "Verstärkte öffentliche Kontrolle über die Wirtschaft würde nicht
       nur die  Verabschiedung von Gesetzen im Parlament erfordern, son-
       dern auch  die Mobilisierung der Werktätigen." Das Dokument hatte
       zuvor schon  die allgemeinen  Gesetze der sozialistischen Revolu-
       tion betont:  "Das wesentliche Moment einer sozialistischen Revo-
       lution ist  die Gewinnung  der staatlichen Macht durch die Arbei-
       terklasse und  ihre Verbündeten."  Zur konkreten Anwendung dieser
       Gesetze auf  Großbritannien heißt es: "Die Arbeiterklasse ist die
       Mehrheit der Bevölkerung. Die potentielle Kraft der Arbeiterbewe-
       gung ist  gewaltig. Zusammen  mit ihren  Verbündeten kann sie die
       Großkapitalisten isolieren  und ihnen  mit überwältigender Stärke
       gegenübertreten." Der Feind sind demnach die Großkapitalisten und
       die   e n t s c h e i d e n d e   Kraft für  eine  s o z i a l i-
       s t i s c h e   Veränderung ist  die Arbeiterklasse. Es mag über-
       flüssig erscheinen,  diese altbekannten Wahrheiten noch einmal zu
       erwähnen; der  Grund dafür  wird später  deutlich  werden.  Diese
       Prinzipien  lagen   der  Alternativstratgie   zugrunde,  wie  sie
       Ramelson 1966 zusammenfaßte:
       - Kürzung der Militärausgaben im In- und Ausland
       - Stopp privater Investitionen im Ausland
       - Ankurbelung der Nachfrage
       - Preiskontrollen zur Verhinderung von Inflation
       - Beseitigung der  Handelsbarrieren gegenüber des sozialistischen
       Ländern
       - Exportsubventionen  und  ausgewählte  Importbeschränkungen  zum
       Ausgleich der Zahlungsbilanz
       - Ausweitung des öffentlichen Eigentums
       - Abzahlung der Auslandsschulden (durch Verkauf von Vermögenswer-
       ten im Ausland)
       - Aufgabe der Funktion des Pfund Sterling als Reservewährung.
       Dieses Programm wurde nicht nur von Kommunisten, sondern auch von
       linken Labour-Vertretern  unterstützt. Das  Vorwort von  Labour's
       Programme 1973  sagt, daß  dieses Programm auf frühere politische
       Diskussionen zurückgeht.  Es wurde nicht von der Labour-Regierung
       oder der Parlamentsfraktion der Labour Party verfaßt, sondern vom
       Parteitag der Labour Party, dessen einmaliger Charakter darin be-
       steht, daß  auf ihm  die angeschlossenen Gewerkschaften gleichbe-
       rechtigt vertreten sind; sie stellen sogar die große Mehrheit der
       Delegierten. Daher repräsentiert er in stärkerem Maße die Auffas-
       sungen der  organisierten Arbeiterklasse, wie sie von den Aktivi-
       sten der  KP und der Labour Party geprägt werden. So ist es wich-
       tig, daß  das Programm von 1973 - zum ersten Mal in vielen Jahren
       - von der Konzeption ausgeht, daß die neue Situation "eine grund-
       legende und  irreversible Verschiebung der ökonomischen und poli-
       tischen Macht zugunsten der Arbeiterklasse" erfordert.
       Diese Strategie  war eine  Antwort der Arbeiterklasse auf die Wi-
       dersprüche des  Kapitalismus. Da  der Begriff  Strategie mitunter
       ungenau gebraucht wird, müssen wir deutlich klarstellen, daß es -
       am wenigsten  in den  Augen der  Marxisten - keine Strategie war,
       die nur  von einer Labour-Regierung auszuführen wäre, obwohl dies
       gewiß für  die Aspekte eine notwendige Bedingung wäre, die legis-
       latives und  staatliches Handeln  erfordern. Ebensowenig  war sie
       begrenzt auf die unmittelbaren Interessen der Werktätigen, obwohl
       sie natürlich  nur durch  die Verbindung  der zukünftigen mit den
       aktuellen Interessen  imstande wäre, das Bewußtsein zu entwickeln
       und die  Kräfte zu  mobilisieren, ohne die weiterreichende Forde-
       rungen nicht  gegen den Widerstand der Monopole durchgesetzt wer-
       den könnten.  Es handelt  sich um  eine Übergansstrategie für den
       ganzen Zeitraum von der Gegenwart (ob 1966 oder jetzt) bis zu dem
       Punkt, wo sich die Frage einer qualitativen Veränderung des Klas-
       sencharakters der Staatsmacht stellt.
       Es überrascht  nicht, daß  1983 -  als die USA jeden Schein einer
       Entspannungspolitik fallengelassen  hatten und als die Arbeitslo-
       sigkeit in  Großbritannien auf drei Millionen gestiegen war - der
       Verfasser dieses Aufsatzes 1) im wesentlichen die gleiche Sprache
       sprechen konnte  wie Bert  Ramelson sieben Jahre früher: "Die Al-
       ternativstrategie hat zwei sich ergänzende Teile. Erstens die Mo-
       bilisierung von  Kräften für unmittelbare soziale Verbesserungen,
       für den Übergang vom Krieg zur Entspannung, von der Arbeitslosig-
       keit zur Zunahme der Beschäftigung. Zweitens die Offensive dieser
       Kräfte, um  Einbrüche in die ökonomische und politische Macht des
       Großkapitals zu  erreichen, ohne  die die unmittelbaren Verbesse-
       rungen nie gefestigt oder ausgeweitet werden können." Die Strate-
       gie könnte  ebenso, ausgehend  von den neuen taktischen Aufgaben,
       den Diskussionen und Erfahrungen in der Zwischenzeit, detaillier-
       ter entwickelt werden.
       "Die Strategie wird Arbeitsplätze durch eine Erweiterung der Pro-
       duktion schaffen. Der Markt für diese zusätzliche Produktion wird
       vor allem  das Inland  sein. Die  Kaufkraft auf  dem Inlandsmarkt
       wird durch Regierungsausgaben bei den Sozialleistungen gesteigert
       werden, durch Investitionen in neue Betriebe und Ausrüstungen zur
       Modernisierung der  Industrie und  durch  eine  wachsende  reale,
       durch Preiskontrollen geschützte Kaufkraft der Arbeiter.
       Z w e i t e n s   wird diese  Strategie die erhöhte Nachfrage auf
       einheimische Produkte  lenken, nämlich durch Importbeschränkungen
       und dann durch langfristige Abkommen mit einem breiteren Spektrum
       von Handelspartnern im Ausland.
       D r i t t e n s   wird sie die Industrie modernisieren, unter öf-
       fentlicher Kontrolle,  die durch eine Ausweitung des öffentlichen
       Eigentums möglich  werden wird  - koordiniert durch zentrale Pla-
       nung und  demokratisiert durch  Beteiligung  der  Gewerkschaften;
       dies sind  die beiden  einander ergänzenden  Methoden, um  in der
       Übergangsperiode den  besten Gebrauch von öffentlichen Ressourcen
       zu machen und die Arbeitsplätze gegen die Gefahren einer anarchi-
       schen Einführung neuer Technologien zu schützen. Um sicherzustel-
       len, daß  diejenigen transnationalen  Firmen, die privat bleiben,
       zu diesem  Prozeß der  Entwicklung von Großbritanniens Produktiv-
       kräften beitragen,  müssen Auslandinvestitionen kontrolliert wer-
       den.
       V i e r t e n s   tritt diese Strategie für einen Rückzug aus der
       EWG ein, da in ihrem Rahmen Importkontrollen, Planung von Inland-
       sproduktion und  Außenhandel sowie eine Erweiterung des öffentli-
       chen Eigentums nicht verwirklicht werden können".
       Es sollte kaum nötig sein, zu unterstreichen, daß diese Politik -
       anders als  manche ihrer  Kritiker behauptet  haben - keinesfalls
       eine beliebige  "Wunschliste" ist.  Sie ist ein zusammenhängendes
       Ganzes, dessen Teile voneinander abhängig sind. Die ganze Strate-
       gie kann  auch deutlicher  in marxistischen Begriffen gefaßt wer-
       den. Die  existierenden  Produktionsverhältnisse  des  britischen
       staatsmonopolistischen Kapitalismus und Imperialismus sind in zu-
       nehmendem Maße unfähig, einen Rahmen oder eine "Entwicklungsform"
       für die volle Nutzung des Potentials der modernen Produktivkräfte
       im Interesse  der Werktätigen zu liefern. Die Alternativstrategie
       zielt daher  auf Veränderungen in den inneren und äußeren Produk-
       tionsverhältnissen (unter  Einschluß der  Austauschverhältnisse),
       um so  ihre Nutzung  zu ermöglichen.  Bis 1986, nachdem - wie wir
       später im Detail sehen werden - die Alternativstrategie angegrif-
       fen worden  war und  bestimmte Tendenzen  in der  Entwicklung des
       britischen Kapitalismus  (obwohl im Westen unverändert) noch aku-
       ter geworden  waren, wurde  die Strategie  im Hinblick  auf diese
       Aspekte ebenfalls weiterentwickelt. Seit 1979, als die britischen
       Währungskontrollen aufgehoben  wurden, stiegen  die Auslandsinve-
       stitionen um  ein Vielfaches, gerade in den besonders parasitären
       Formen von  Bank- und Portfolio-Investitionen, die um das Fünffa-
       che zunahmen. Die Kontrolle der Kapitalbewegungen ist noch dring-
       licher geworden,  um zu  verhindern, daß  die  Produktion  -  wie
       Keynes es  einmal sagte  - "Nebenprodukt  eines Kasino wird", be-
       stimmt von  transnationalen spekulativem  Kapital. Zweitens haben
       die Verlagerung von Produktionen ins Ausland durch transnationale
       Unternehmen in  britischem Besitz  und das weitere Vordringen von
       Importen die  Produktion der  einheimischen verarbeitenden  Indu-
       strie erneut dezimiert - die Werkzeugmaschinenindustrie ist prak-
       tisch verschwunden, ebenso eine lebensfähige, unabhängige Automo-
       bilproduktion. Das beschleunigte Eindringen ausländischen, beson-
       ders US-amerikanischen  Kapitals in die britische Industrie wurde
       - im  Verlauf der  kürzlichen Westland-  Helikopter-Affäre  -  in
       scharfer Form  von einem  der zurückgetretenen Kabinettsminister,
       Michael Heseltine,  in Frage  gestellt - "wenn man sie nicht hin-
       dert (...),  würden die USA sich nach und nach in die hochentwic-
       kelten Wirtschaftsbereiche der Welt einkaufen". Die Sicherung ei-
       ner Atempause  für die  Rekonstruktion der Produktivkräfte im In-
       land wird noch dringlicher. In der Konzeption der Alternativstra-
       tegie, wie wir sie dargelegt haben, 2) steht (und stand) es außer
       Zweifel, daß  auch mittelgroße  entwickelte Nationen wie Großbri-
       tannien in der Zukunft in höherem Maße an der internationalen Ar-
       beitsteilung teilhaben  müssen als  in der  Vergangenheit. Da die
       wissenschaftlich-technische Revolution  in den  meisten wichtigen
       Branchen das  Kapitalminimum angehoben  hat,  muß  Großbritannien
       sich stärker  spezialisieren. Diese Feststellung bedeutet keines-
       wegs, die neoklassischen Idealisierungen des Marktmechanismus und
       seiner vermeintlichen Garantie eines Wohlfahrts-Optimums zu über-
       nehmen. Einer der Punkte der Alternativstrategie jedoch, die eine
       weitere Diskussion erfordern - auf der Basis der zukünftigen Ten-
       denzen der  Weltproduktion, besonders im Zusammenhang mit der un-
       vermeidlichen Industrialisierung  der Dritten Welt, und unter Be-
       rücksichtigung der nicht unbeträchtlichen traditionellen Vorteile
       Großbritanniens -, ist die Frage, was die optimalen Entwicklungs-
       richtungen für  Produktion, Wissenschaft  und Bildung  und  damit
       auch für die Allokation der Investitionen in den einzelnen Berei-
       chen sind.
       
       3. Ursprünge und Formen der Opposition gegen
       --------------------------------------------
       die Alternativstrategie
       -----------------------
       
       Wenn wir  versuchen, die Formen der Opposition gegen die Alterna-
       tivstrategie, die  wir dargelegt  haben, zu  analysieren, geht es
       nicht darum,  jene zu kritisieren, die mit diesem oder jenem tak-
       tischen Vorschlag  nicht übereinstimmen,  aber die  Konzeption im
       wesentlichen unterstützen.  Die Strategie  ist aber ein zusammen-
       hängendes Ganzes  und es  gibt Grenzen, jenseits derer Teildiffe-
       renzen zu  einer Ablehnung des Ganzen werden. Es ist die letztere
       Form der Opposition, die uns hier beschäftigt.
       Die grundlegende  Gemeinsamkeit aller  Formen der  Opposition ist
       der Opportunismus.  Unter Opportunismus  verstehen wir  Ansichten
       (und eine Politik), die die Interdependenz von kurz- und langfri-
       stigen Interessen  der Arbeiterklasse und/oder die Interdependenz
       von Teil-  oder Brancheninteressen  und den  Gesamtinteressen der
       ganzen Klasse  ignorieren. Es  gibt zwei  Hauptformen dieser Hal-
       tung. Der  Standpunkt, der die kurzfristigen und Teil- oder Bran-
       cheninteressen verabsolutiert, ist der Standpunkt des rechten Op-
       portunismus. Die  typische Erscheinungsform  des rechten Opportu-
       nismus in  der Arbeiterbewegung Großbritanniens ist der traditio-
       nelle reformistische  Standpunkt des  rechten Flügels  der Labour
       Party und der Gewerkschaften. Er erscheint aber auch als Revisio-
       nismus in marxistischen Parteien. Die Positionen dagegen, die die
       langfristigen Interessen  der Arbeiterklasse als ganze verabsolu-
       tieren -  ohne Zusammenhang  mit den  kurzfristigen,  Teil-  oder
       Brancheninteressen -  gehört zum  linken Opportunismus. Die typi-
       schen Vertreter  des linken  Opportunismus in Großbritannien sind
       die kleinen  ultralinken Gruppierungen, die sich mehr oder minder
       deutlich auf  den Trotzkismus gründen; von ihnen haben die Socia-
       list Worker's Party und die Worker's Revolutionary Party ihre so-
       ziale Basis  hauptsächlich unter Studenten und jungen Intellektu-
       ellen, während  die Militant  Tendency eine stärkere Basis in der
       Arbeiterklasse hat. Ihre Isolation führte sie in jüngster Zeit zu
       der Praxis des "Entrismus" in die Massenpartei Labour.
       Der rechte  Opportunismus  -  als  Standpunkt  gesellschaftlicher
       Gruppen, die  ihre Ziele noch durch den Kampf innerhalb des Kapi-
       talismus erreichen  können -  bestimmte die Geschichte der briti-
       schen Arbeiterbewegung  für mehr  als ein  Jahrhundert.  Da  aber
       seine materielle  Basis abbröckelt,  wurde der Reformismus zuneh-
       mend durch  die Ideen und den Führungsanspruch der Linken heraus-
       gefordert.
       Der linke Opportunismus ist vergleichsweise eine neue Erscheinung
       in Großbritannien.  Sicher existierten Sektierertum und in gewis-
       sem Umfang auch Anarcho-Syndikalismus schon früher - das, was Le-
       nin 3)  1919 als  die Reaktion  des "edlen  Proletariers" auf den
       "parlamentarischen Kretinismus" bezeichnete. Und sie werden immer
       wieder in  Phasen der Desillusionierung gegenüber den reformisti-
       schen Führern  - und  solche Phasen  gab es  viele -  auftauchen.
       Nachdem jedoch  die Kommunistische  Partei  entstanden  war,  be-
       schränkten sich  diese Tendenzen lange Zeit auf kleine, fast ein-
       flußlose trotzkistische  Sekten. Als aber der Niedergang des bri-
       tischen Imperialismus neue, bis dahin privilegierte Teile der Ar-
       beiterschaft zu  bedrohen begann, die entsprechend wenig Kampfer-
       fahrung hatten,  entwickelten sich  sehr rasch linksopportunisti-
       sche Tendenzen.
       Die Wurzeln  des linken Opportunismus finden sich in der objekti-
       ven Lage von Gruppen mit geringer Kampferfahrung, die sich plötz-
       lich dazu  gezwungen sehen,  nach Ausweichmöglichkeiten  vor  den
       Wirkungen der imperialistischen Krise zu suchen - unter Bedingun-
       gen, wo die Ideen der herrschenden Klasse keine breite Zustimmung
       mehr finden  und wo  keine Massenbasis für reaktionäre, demagogi-
       sche Alternativen  existiert. Diese  Gruppen  tun  sich  zunächst
       schwer mit  den beharrlichen und disziplinierten Kampfformen, die
       die organisierte  Arbeiterklasse in  den Großbetrieben  in  einer
       langen Zeit  mühsam entwickelt  hat. Typisch für sie ist vielmehr
       ein ungeduldiger Wunsch nach raschen Veränderungen, der leicht zu
       politischem Abenteurertum  und - wenn dieses unvermeidlich schei-
       tert -  zu Fatalismus  und Passivität führt. Da sie eine radikale
       Veränderung wollen, wirkt auch der Sozialismus auf sie anziehend.
       Da aber  ein "sofortiger Sozialismus" keine realistische Vorstel-
       lung ist  und da der real existierende Sozialismus - zumal in dem
       alles  durchdringenden  Klima  antikommunistischer  Propaganda  -
       hauptsächlich unter  seinen negativen Aspekten gesehen wird, leh-
       nen sie  ihn ab  und wenden sich "neuen Modellen des Sozialismus"
       zu. Andere  lehnen den  Sozialismus ganz ab und suchen nach einem
       neuen, und  sei es  "niedrigeren" Platz  im Kapitalismus.  Da  es
       "Ebbe und Flut" im kapitalistischen Niedergangsprozeß gibt und da
       die herrschende Klasse - um Zeit zu gewinnen - zu Zugeständnissen
       bereit ist,  werden viele sich dem Reformismus zuwenden, um einen
       - wenn auch zunehmend unsicheren - Halt zu finden.
       Dies sind  Wurzeln verschiedener  Formen der Opposition gegen die
       Alternativstrategie. Aber  bei einer  theoretisch gefestigten und
       organisatorisch starken  Führungsfunktion ihrer Anhänger wird die
       weitere unvermeidliche Vertiefung der Krise die Unterstützung für
       die Gegenpositionen  schwächen und zu einer wachsenden Zustimmung
       für die Verbindung des Kampfs für Reformen mit dem Kampf für eine
       radikale Wende führen.
       
       4. Die wichtigsten Ursachen der Ablehnung der Alternativstrategie
       -----------------------------------------------------------------
       
       Die Ablehnung der Alternativstrategie innerhalb der Arbeiterbewe-
       gung gab es im Keim schon früher. Vor Thatchers zweitem Sieg 1983
       standen bei  den offenen Vertretern des Reformismus nebeneinander
       Passivität und  widerwillige Lippenbekenntnisse zu dieser Strate-
       gie. Die  Ultralinke dagegen verurteilte sie als reinen Rechtsop-
       portunismus, als  Verrat an  der internationalen  Solidarität und
       als irrelevant  für den Kampf um den Sozialismus, für den sie die
       Kräfte als  inzwischen reif ansahen, gehemmt nur durch die oppor-
       tunistische Führungsrolle  von  Kommunisten  und  "Gewerkschafts-
       bürokraten". Von  den am  meisten  fortgeschrittenen  Teilen  der
       Bewegung dagegen  wurde die Alternativstrategie offen begrüßt und
       viele ihrer  Vorschläge erhielten  eine so  breite Unterstützung,
       daß sie  in die offizielle Politik von TUC und Labour-Parteitagen
       eingingen. In  drei entscheidenden  Fragen jedoch - gegenüber der
       Position der  Kommunisten und  der linken Labour-Aktivisten - gab
       es von Anfang an Widersprüche und Undeutlichkeiten.
       Nach den  Wahlen von  1983 wurde  diese ablehnende  Haltung  noch
       deutlicher. Der  Generalsekretär des  TUC vertrat  in The New Re-
       alism zugleich  Defätismus und  Klassenkollaboration.  Angesichts
       einer breiten  Opposition trat er vorzeitig zurück. Jedoch began-
       nen frühere Anhänger der Alternativstrategie aus der Labour Party
       (das Labour Coordinating Committee, 4) das 1982 eine von der Con-
       ference of Socialist Economists 5) ausgearbeitete Version der Al-
       ternativstrategie unterstützt  hatte), nun  die äußeren Schranken
       einer auf  Expansion und  Modernisierung gerichteten  Politik als
       nur durch das gemeinsame Handeln westeuropäischer sozialistischer
       Regierungen überwindbar  anzusehen. 6)  Die offiziellen Dokumente
       der Labour  Party zur Frage des öffentlichen Eigentums legten den
       Schwerpunkt auf lokale Projekte, besonders auf kleinste Produkti-
       onsgenossenschaften; Nationalisierungen und staatliche Formen der
       Koordination und  Kontrolle hatten nur noch geringen Stellenwert.
       Ebenso begann man, als die Parlamentswahlen näherrückten, die al-
       ten Beschränkungen - wenn auch in der neuen Form eines jährlichen
       "Volkswirtschaftlichen Orientierungsrahmens"  (National  Economic
       Assessment) -  für die  Handlungsfreiheit der Gewerkschaften (mit
       der diese  in einer  Wirtschaft mit ungebrochener Macht des Kapi-
       tals ihre Mitglieder verteidigen) zu propagieren.
       Ausdruck fanden diese neuen Tendenzen auch in anderen Gruppierun-
       gen der Linken bis hin zur Kommunistischen Partei. So spricht das
       1986 veröffentlichte  Diskussionsdokument The  New Economic Stra-
       tegy von  "dem beschränkten  Charakter vieler Forderungen der Al-
       ternativen Wirtschaftsstrategie  (AWS). Es  gab  ein  übermäßiges
       Vertrauen in  die Fähigkeit  des Staates,  Probleme zu lösen. Die
       Forderungen der  AWS gingen  kaum auf  die Bedürfnisse von Frauen
       ein. Die  besonderen Bedürfnisse von Frauen als Teil der Beschäf-
       tigten sowie  im Bereich  der häuslichen Arbeit wurde übergangen.
       Es gab  auch keinen feministischen Ansatz in den anderen Aspekten
       der Strategie.  Umweltfragen wurden weitgehend ignoriert. Die in-
       ternationalen Dimensionen  der britischen Wirtschaft und die Not-
       wendigkeit von  Veränderungen in  der Weltwirtschaft wurden nicht
       erkannt (...) Während die AWS die Ausweitung des öffentlichen Ei-
       gentums' fordert,  würde allein schon eine Rückkehr zu dem 1979 -
       vor den  Privatisierungen Thatchers  - existierenden  Volumen des
       öffentlichen Sektors  Nationalisierungen erfordern,  die über die
       der Labour-Regierung  von 1945  hinausgingen -  zu einer Zeit, wo
       die traditionelle  Form der  Nationalisierung unpopulär ist (...)
       Der vielleicht  effektivste Beitrag  der AWS bestand in der Anre-
       gung lokaler Alternativstrategien (...) Es gab wichtige Maßnahmen
       lokaler Behörden - z.B. des Greater London Enterprise Board - die
       die  Modernisierung   und  Umstrukturierung   lokaler  Industrien
       zugleich mit  demokratischer Beteiligung  der Bevölkerung  an der
       Planung förderten.  Zwar fehlten staatliche Mittel, zugleich aber
       entging man  damit den  Fallstricken etalistischer Lösungen. Eine
       neue ökonomische  Strategie muß  diese wertvollen Erfahrungen be-
       rücksichtigen (...) In der Diskussion muß man bewußt für die Ein-
       beziehung einer  feministischen, antirassistischen  und  ökologi-
       schen Dimension sorgen, und ebenso dafür, daß die Veränderung so-
       zialer Beziehungen  und die  Verbesserung unserer  Lebensqualität
       ein stets  gegenwärtiges Ziel  bleiben.   D i e s e   F r a g e n
       s i n d  n i c h t  e r g ä n z e n d e  M o m e n t e  e i n e r
       S t r a t e g i e ,   s o n d e r n  g r u n d l e g e n d  f ü r
       i h r e  E n t w i c k l u n g  i n s g e s a m t"  (Hervorhebung
       R. B.).  Damit wird   e r s t e n s  die Konzeption eines breiten
       demokratischen Bündnisses  gegen das Monopolkapital unter Führung
       der Arbeiterklasse  ersetzt durch  die eines  Bündnisses von  die
       Klassen überspannenden,  jeweils auf  ein Ziel beschränkten Bewe-
       gungen; dabei wird die organisierte Arbeiterklasse mit ihrer lan-
       gen Kampferfahrung  mit anderen  Bewegungen auf die gleiche Stufe
       gestellt oder  sogar ihnen  gegenüber als rückständig betrachtet.
       Das Monopolkapital  als der  Klassenfeind des Bündnisses wird er-
       setzt durch den "Thatcherismus", der als "autoritärer Populismus"
       oder als "Rechtswendung der britischen Politik" definiert wird.
       Z w e i t e n s   wird die  marxistische Konzeption des Übergangs
       zum Sozialismus  (mit seiner materiellen Basis in der Großproduk-
       tion, deren Schaffung die historische Rolle des Kapitalismus war)
       ersetzt durch Konzeptionen eines zutiefst kleinbürgerlichen, uto-
       pischen und  moralischen Sozialismus,  die die Begründer des wis-
       senschaftlichen Sozialismus so heftig kritisiert hatten. Dies ist
       um so  ungewöhnlicher, als  etwa der der Labour Party angehörende
       Vorsitzende des  Greater London Council 7), der für die hier pro-
       pagierten kleinen  lokalen Initiativen direkt verantwortlich war,
       keine Illusionen  über ihre  beschränkte Bedeutung  hat: für  ihn
       sind nämlich  die entscheidenden  Faktoren -  im Hinblick auf die
       Höhe der  Beschäftigung und auch nahezu alles andere in einem un-
       veränderten Kapitalismus - die Großkonzerne und Banken.
       D r i t t e n s   wird die traditionelle Politik des Rückzugs aus
       der EWG in Frage gestellt.
       V i e r t e n s   werden alte  Vorschläge für  Lohnbeschränkungen
       wieder   den    Gewerkschaften   gegenüber    hervorgeholt.   Der
       "Sozialpakt" (Social  Contract) sollte  angeblich "den Niedrigbe-
       zahlten helfen".  Heute gibt es eine akute Armut infolge von Mas-
       senarbeitslosigkeit (besonders  unter Jugendlichen,  zumal  unter
       den Schwarzen), zunehmender Teilzeitarbeit unter gewerkschaftlich
       nicht organisierten Frauen, und infolge unzulänglicher Sozialfür-
       sorge. Die  besser bezahlten  Arbeiter müssen  sich  mäßigen,  so
       heißt es, um "eine Umverteilung zwischen Reich und Arm" zu ermög-
       lichen - was auf eine Umverteilung  i n n e r h a l b  der Arbei-
       terklasse hinausläuft.  In den  70er Jahren  war  es  gerade  die
       machtvolle, von  der Kommunistischen  Partei initiierte Kampagne,
       die die  breite anfängliche  Unterstützung innerhalb  der Gewerk-
       schaften für  die Lohnstopp-Politik  der Labour-Regierung mit dem
       Social Contract  in das  Gegenteil  verkehrte  -  freilich  nicht
       rechtzeitig genug,  um Thatchers  Wahlsieg von 1979 - für den die
       Desillusionierung angesichts  der Labour-Politik eine wesentliche
       Voraussetzung war - zu verhindern.
       In diesen  entscheidenden Fragen werden die politischen und theo-
       retischen Argumente  der Alternativstrategie innerhalb der Arbei-
       terbewegung weiterhin  von den  linken Gewerkschaften  - wie u.a.
       TASS, NUM,  NUPE oder  ASLEF -  vertreten. Bei  der Labour-Linken
       finden sich  in den  Publikationen der  Campaign Group  of Labour
       MP's 8)  immer klarere  Positionen. Diese Entwicklung zeigte sich
       etwa in  ihrer jüngsten  Publikation 9)  - verglichen mit der vor
       den Wahlen von 1983 erschienenen Artikelsammlung Beyond Thatcher:
       The Real Alternative.
       In diese  Richtung argumentiert  auch die  Tageszeitung  "Morning
       Star". Aufschlußreich  für diese Position ist die vorliegende Pu-
       blikation Which  way for Labour - A Communist Perspective for the
       Labour movement (1986). 10)
       
       Übersetzung: Winfried Roth.
       
       _____
       1) R. Bellamy, Morning Star, Freitag 14.10.1983.
       2) Vgl. etwa  R. Bellamy,  Trends in  British Capitalism  in  the
       1970's, in: Marxism Today, Januar 1973.
       3) Lenin, Linker Kommunismus. Lenin bezog sich auf William Galla-
       cher, der  später kommunistischer  Parlamentsabgeordneter und Eh-
       renpräsident der Kommunistischen Partei war.
       4) Das Labour Coordinating Commitee wurde 1978 gegründet, um eine
       Verbindung zwischen  linken Alternativen  in der  Labour Party zu
       schaffen. Nach 1985 bewegte es sich zur Mitte.
       5) Die Conference  of Socialist  Economists entstand 1970 mit der
       "Renaissance des Marxismus" unter Studenten und Hochschullehrern.
       1980 gab  sie zusammen  mit dem Labour Coordinating Committee die
       Schrift The Alternative Economic Strategy - A labour movement re-
       sponse to the economic crisis (Die alternative Wirtschaftsstrate-
       gie -  eine Antwort  der Arbeiterbewegung auf die wirtschaftliche
       Krise) heraus.
       6) Vgl. etwa  Stuart Holland, Out of Crisis - A project for Euro-
       pean Recovery von 1983, das in dem von Ken Coates herausgegebenen
       Band Joint Action for Jobs - a new internationalism von 1986 wei-
       terentwickelt wurde.
       7) Ken Livingstone in einem Auftritt bei Strategies for Socialism
       (Polytechnic of  Central London),  März 1986. Den gleichen Stand-
       punkt vertritt der Bericht des Greater London Enterprise Board.
       8) Die Campaign  Group of  Labour M.P.'s  hat 42  Mitglieder, die
       durchweg zur Parteilinken gehören. Der bekannteste ist Tony Benn.
       Das Buch  Beyond Thatcher:  The Real  Alternative  (Jenseits  von
       Thatcher:  Die   wirkliche  Alternative)   aus  dem   Jahr   1983
       (herausgegeben von Jon Lansman und Alan Meale bei Junction Books)
       enthielt Aufsätze  von Mitgliedern  dieser Gruppe, von linken Ge-
       werkschaftsführern und  einigen Mitgliedern  des Labour Coordina-
       ting Committee.  Nach der  Wahlniederlage von  Labour 1983 gab es
       eine politische  Polarisierung zwischen den beiden Gruppen, wobei
       die Campaign  Group sich  stärker den  Positionen der Alternativ-
       strategie annäherte.
       9) Andrew Glyn, A million Jobs a Year, 1985.
       10) Die erwähnte  Broschüre wurde  vom Verfasser dieses Aufsatzes
       im Morning Star vom 24. 4. 1986 rezensiert.
       

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