Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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       MARKT, PLAN, VERGESELLSCHAFTUNG. ZUM STAND DER WISSENSCHAFTLICHEN
       =================================================================
       DEBATTE ÜBER DAS GLOBALE ENERGIEPROBLEM
       =======================================
       
       Hermann Bömer
       
       1.  Eine  prokapitalistische  Offensive  -  1.1  Gute  Ziele  und
       schlechte Strategie:  Meyer-Abich/Schefold -  1.2 Lübbes  Credo -
       1.3 Knizas Mißbrauch des Arguments von der Lage der Entwicklungs-
       länder -  2. Neue Überlegungen zu " Vergesellschaftungsplanung" -
       3. Argumente für eine international vergesellschaftete Energiepo-
       litik
       
       1. Eine prokapitalistische Offensive,
       -------------------------------------
       die man nicht unterschätzen sollte
       ----------------------------------
       
       1.1 Gute Ziele und schlechte Strategie: Meyer-Abich/Schefold
       ------------------------------------------------------------
       
       Der Abschlußbericht  des großen  Forschungsprojektes  "Sozialver-
       träglichkeit von Energiesystemen" unter der Leitung von M. Meyer-
       Abich und B. Schefold  1) liegt inzwischen vor.
       Die positiven  Ergebnisse dieser Arbeit sind bereits vielfach re-
       feriert worden: 2) die Bundesrepublik Deutschland steht bezüglich
       der Energieversorgung  vor einer  echten "Verzweigungssituation",
       d.h.  einer   Entscheidungsmöglichkeit,  zwischen   verschiedenen
       E n e r g i e p f a d e n  wählen zu können.
       Die Wahl  spitzt sich aktuell zu auf die Alternative Kernenergie-
       nutzung mit  oder ohne  Brüter und  Wiederaufarbeitung von  abge-
       brannten Brennelementen. Die Struktur dieser teilweise gegensätz-
       lichen Energiepfade  wurde bereits im Bericht der Enquete-Kommis-
       sion des  Deutschen Bundestages  "Zukünftige Kernenergie-Politik"
       von 1980  3) sichtbar gemacht und ist nach wie vor eine sehr gute
       und wissenschaftlich  fundierte Grundlage für die Diskussion über
       die Entscheidungsmöglichkeiten  heutiger  Energiepolitik  in  der
       Bundesrepublik.
       
       Tabelle 1:
       Ergebnisse der Berechnungen für die vier Pfade *)
       
                           PFAD 1      PFAD 2      PFAD 3      PFAD 4
       Charakterisierung
       Wirtschaftswachstum
       - vor 2000            3,3%       2,0%        2,0%        2,0%
       - nach 2000           1,4%       1,1%        1,1%        1,1%
       Strukturwandel in der mittel    mittel      stark       stark
       Wirtschaft
       Wachstum der Grundstoff-
       industrie            wie BSP/2  wie BSP/2    Null        Null
       Energieeinsparungen   Trend       stark    sehr stark   extrem
                      1978 2000 2030   2000 2030  2000 2030   2000 2030
       Nachfrageseite
       Pimärenergie-
       bedarf          390  600  800    445  550   375  360    345  310
       Energiebedarf   260  365  446    298  317   265  250    245  210
       Strombedarf **   36   92  124     47   57    39   42     36   37
       Nichtenergetischer
       Verbrauch        32   50   67     43   52    34   34     34   34
       
       Angebotsseite
       Stein- und Braun-
       kohle           105  175  210    145  160   145  160    130  145
       Erdöl und Erd-
       gas             265  250  250    190  130   190  130    165   65
       Kernenergie
       in GWe           10   77  165     40  120     0    0      0    0
       - davon Brut-
         reaktoren       -    -   84      -   54     -    -      -    -
       Regenerative
       Energiequellen    8   40   50     40   50    40   70     50  100
       
       Sonstiges
       Kohleverstromung 65   80   80     29   22    76   77     52   33
       Synthetisches
       Erdgas
       aus Kohle         -   18   50     18   56     -    -      -    -
       Stromanteil in %
       - an der
         Raumwärme       3   14   17      5    7     3    2      2    0
       - an der
         Prozeßwärme     7   19   17      8    8     8    8      7    6
         Natururan-
         bedarf,
         in 1000 t
         kumuliert          bis 2030      bis 2030
       - ohne Wieder-
         aufarbeitung          650          425
       - mit Brut-
         reaktoren             390          255
       _____
       *) Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich alle Werte auf Mil-
       lionen t SKE.
       **) Der Strombedarf  bezieht sich  auf  den  Endenergiebedarf  an
       Strom, nicht auf die Bruttostromerzeugung. Er ist hier in Millio-
       nen t  SKE angegeben, 1 Million t SKE Strombedarf entspricht 8,13
       TWh.
       (aus: Deutscher Bundestag, a.a.O., S. 38)
       
       Den jeweiligen Energiepfaden sind handfeste ökonomische und poli-
       tische Interessengruppen  zuzuordnen. So  setzt sich z.B. Knizia,
       Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Elektrizitätswerke AG (VEW)
       Dortmund, vehement für die Strategie des Pfades 1 ein, 4) während
       Meyer-Abich, der  als Repräsentant  der  "ökosozialen  Marktwirt-
       schaftler" in bzw. im Umfeld der SPD gilt, Befürworter des Pfades
       3 -  zumindest bis  zum Datum  der Katastrophe von Tschernobyl -,
       die befristete Weiternutzung von Leichtwasserreaktoren in der BRD
       vorsieht und einen Ausstieg aus der Kernenergie zum Jahr 2000 für
       sinnvoll und möglich hält.
       Pfad 4  dagegen wird von den Grünen repräsentiert, wobei es heute
       noch radikalere  Effizienzszenarien gibt.  5) Zweifellos  hat die
       wissenschaftliche Bearbeitung  der  Probleme  der  Energiepolitik
       große Fortschritte  erzielt, nicht  zuletzt im  kategorialen  Be-
       reich,  in  dem  der  Begriff    E n e r g i e d i e n s t l e i-
       s t u n g   (ED) als  Zweck der  gesellschaftlichen Veranstaltung
       Energiewirtschaft eine  zentrale Stellung  einnimmt (vgl. Abb. 1,
       S. 317).  Man kann  heute durchaus  davon sprechen, daß sich eine
       neue wissenschaftliche  Disziplin entwickelt hat, die "technische
       Ökonomie" und  die "Analyse  effizienter Energienutzung",  6) die
       allerdings, soweit  ihre Vertreter  noch nicht  zur Rezeption der
       Politischen  Ökonomie   vorgedrungen  sind,  noch  mit  vielerlei
       Illusionen über  die  Fähigkeiten  der  Marktwirtschaft  behaftet
       sind. 7)  Diese Disziplin definiert das Energieproblem wie folgt:
       "Wie läßt  sich für  j e d e  g e w ü n s c h t e  E n e r g i e-
       d i e n s t l e i s t u n g    d i e    e r f o r d e r l i c h e
       E n e r g i e m e n g e   und   -a r t   m i t  H i l f e  w e l-
       c h e r   E n e r g i e q u e l l e   a m    k o s t e n - g ü n-
       g s t i g s t e n   b e r e i t s t e l l e n?",   8)   w o b e i
       d e r   B e g r i f f   K o s t e n  die betriebs- und volkswirt-
       schaftlichen Kosten  umfaßt. Es  muß also  zunächst  die  thermo-
       dynamische Struktur  des Endenergiebedarfs  bestimmt  werden,  um
       dann  die  jeweils  kostengünstigste  Energiequelle  zuordnen  zu
       können. Z.B.  ist es  völlig unsinnig,  die gewünschte Raumtempe-
       ratur von 20°C für Wohnungen mit teurem Strom aus Kernkraftwerken
       zu erzeugen, wenn dies statt dessen mit passiver Solarenergie, z.
       B. erstklassiger  Wärmedämmung, oder  mit Abwärme aus Anlagen mit
       Kraft-Wärme-Koppelung viel kostengünstiger zu erreichen ist.
       Die Vernachlässigung der Rezeption dieses relevanten kategorialen
       Fortschritts ist  ein Hauptgrund  dafür, daß  es solange gedauert
       hat, bis in den energiepolitischen Programmaussagen der marxisti-
       schen  Kräfte  den  Energiesparstrategien  der  ihnen  gebührende
       s y s t e m a t i s c h e   Stellenwert zugewiesen worden ist, so
       z.B. erst 1983 in den "Energiepolitischen Vorstellungen der DKP".
       9)
       Die Gruppe um Meyer-Abich und die zu Recht berühmte Autorengruppe
       der Öko-Institut-Studie  von 1980   10) haben wesentlichen Anteil
       daran, daß wir heute über eine theoretische, technische, ökonomi-
       sche und  ideologische Alternative  zum angebotsorientierten Kon-
       zept der  Monopole der  Energiewirtschaft verfügen.  Und  dennoch
       weist die  Studie der Gruppe um Meyer-Abich wesentliche Schwächen
       auf, die es zu kritisieren gilt: es wird  e r s t e n s  systema-
       tisch die  Weltenergieproblematik ausgeblendet,  übrigens ganz in
       der Tradition  der sogenannten sozialgesteuerten Innovationspoli-
       tik des Peter Glotz. 11)
       
       Abbildung 1:
       Von der Primärenergie bis zu den Energiedienstleistungen
       
       PRIMÄRENERGIE
       Fossile Brennstroffe
       Steinkohle, Braunkohle,                    Primärenergieträger
       Erdöl, Erdgas, Ölschiefer,                 alle Energieträger
       Teersande                                  natürlich vorkommen
       
       Kernbrennstoffe
       Uran, Thorium
       
       Regenerative Energiequellen
       Wasserkraft, Sonne, Wind,
       Erdwärme, Biomasse
       
       SEKUNDÄRENERGIE           Umwandlungs-
       Kohleprodukte             und Transport-  Sekunderenergieträger
       Koks, Briketts,...        verluste        sind alle Energieträger
       Mineralölprodukte                         die als Ergebnis eines
       Benzin, Heizöl,...                        Umwandlungsprozesses
                                                 (z.B. in Raffinerien
       Gasprodukte                               oder Kraftwerken) aus
       Stadtgas, Raffineriegas,...               Primärenergieträgern
                                                 entstehen.
       Sonstige
       Strom, Fernwärme                          Endenergie ist die
                                                 Energie, die vom End-
       ENERGIE                   Nicht-          verbraucher eingesetzt
       Sekundärenergien          energetischer   wird. Dazu gehört in
       Kohle-, Mineralöl- und    Verbrauch sowie Regel die meiste
       Gasprodukte, Strom, Fern- Transportver-   Sekundärenergie, doch
       wärme                     luste           auch direkt nutzbare
                                                 Primärenergieträger,
       Primärenergien                            wie z.B. Erdgas und
       Anthrazitkohle, Erdgas,                   Anthrazitkohle.
       direkte und indirekte
       Sonnenenergie                             In der Regel entstehen
       Nichtenergetischer                        auch beim Endnutzer
                                                 von Energie Verluste,
       NUTZENERGIE                               die tatsächlich ge-
       Wärme                     Umwandlungs-    nutzte Energie liegt
       Licht                     verluste        zur Zeit in der Bun-
       Kraft                                     desrepublik Deutsch-
       Nutzelektrizität                          land bei rund ein
                                                 Drittel der eingesetz-
       ENERGIELEISTUNGEN                         ten Primärenergiemenge
       Warme Räume
       Prozeßwärme               Ungenutzte
       Bewegung                  Energie
       Information...
       _____
       (aus: Deutscher Bundestag, a.a.O., S. 17)
       
       Z w e i t e n s   wird die  an sich  begrüßenswerte  Prüfung  der
       S o z i a l v e r t r ä g l i c h k e i t  der energiepolitischen
       Strategien umgebogen in einer Überprüfung der Verträglichkeit mit
       den angeblichen Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Die Mög-
       lichkeiten und Entwicklungsprobleme des Sozialismus bezüglich der
       Umweltbeherrschung werden  auf einer  halben Seite (S. 160) abge-
       fertigt. Es  wird keine Notiz genommen von der breiten Diskussion
       über Umweltprobleme  und über  den notwendigen Wechsel des Repro-
       duktionstyps im  Sozialismus, wie  sie etwa auf dem 27. Parteitag
       der KPdSU und bei dessen Vorbereitung stattgefunden hat.
       Ein   d r i t t e r   Mangel der  Arbeit besteht darin, daß keine
       explizite Auseinandersetzung  mit den Vertretern des Pfades 4 ge-
       führt wird,  die ihrerseits teilweise inzwischen  k e i n e  dog-
       matische a  priori-Festlegung  auf  die  'öko-soziale  Marktwirt-
       schaft' mehr vornehmen.
       Die Autoren greifen das von den Ordoliberalen entwickelte Konzept
       der   W i r t s c h a f t s s t i l e   als Hauptunterscheidungs-
       merkmal von  ökonomischen Strategien  auf. Dementsprechend unter-
       scheiden sie  - sinnvollerweise - zwischen dem harten (Pfade 1 u.
       2) und  dem weichen Weg (Pfade 3 u. 4) der Energiepolitik, messen
       aber dem  Wirtschaftssystem (Plan-  und  Marktwirtschaft)  unver-
       ständlicherweise nur  eine untergeordnete Bedeutung zu, weil es -
       was bislang  nicht zu  bestreiten ist - auch im Sozialismus harte
       Strategien gebe.
       Dem von den Vertretern der Rechten erhobenen Vorwurf, die Sonnen-
       Spar-Strategie erfordere  einen  "energiepolitischen  Dirigismus"
       12) versuchen sie mit Argumenten entgegenzutreten, die die Markt-
       konformität der  S-Strategie unterstreichen. Da das S-Szenario an
       der  Nachfrage   nach  Energiedienstleistungen  ansetze  und  die
       "Steuerung der  Entwicklung der Versorgungssysteme der energiepo-
       litischen   Beeinflussung   der   Energieanwendung   nachgeordnet
       (wäre)," 13) sei beim S-Szenario der Bedarf an Staatsinterventio-
       nismus letztlich  geringer als  beim Kernenergieszenario,  da der
       Ausbau der  Kernenergie einschließlich der Brütertechnologie "die
       Vermutung nahelegt,  daß nicht  nur  aus  sicherheitspolitischen,
       sondern schon  aus ökonomischen  Gründen eine Verstaatlichung des
       gesamten Systems  erforderlich würde".  14) Das  S-Szenario laufe
       dagegen aus immanenten Gründen (Nutzung der Abwärme und der rege-
       nerativen Energiequellen)  eher auf eine dezentrale Kommunalisie-
       rung (Rekom-munalisierung) hinaus.
       Die Fronten  kehren sich nun um. Sozialdemokraten reklamieren für
       sich "Ökosoziale   M a r k t w i r t s c h a f t",   während  sie
       den für  den Ausbau  der Kernenergie  tatsächlich  erforderlichen
       S t a a t s i n t e r v e n t i o n i s m u s   den  Rechten  zum
       Vorwurf machen. Woran liegt der rationelle Kern dieses Rollentau-
       sches? In der Tat führt eine Überzentralisierung der Stromproduk-
       tion und  eine fehlende  horizontale Integration im Energiesektor
       zu einem  überproportionalen  gesellschaftlichen  Arbeitsaufwand,
       der durch  die Tendenzen der Überakkumulation von Kapital auch in
       diesem Sektor zusätzlich gesteigert wird. 15)
       Eine vom  Primat der rationellen Energieversorgung geforderte De-
       zentralisierung der  Produktion von  ED verlange deshalb die Ent-
       flechtung der  großen EVUs.  Der Trick besteht nun darin, der De-
       zentralisierung durch Kommunalisierung Marktkonformität zu unter-
       stellen, obwohl doch - und dies muß man offen aussprechen, um die
       politischen Widerstände  der Monopole der Energiewirtschaft gegen
       dieses an sich vernünftige Konzept brechen zu können - die Kommu-
       nalisierung der  Energiewirtschaft einen  wichtigen  Schritt  zur
       Überwindung der Profitwirtschaft darstellt, ja geradezu gefordert
       wird, die Energiewirtschaft zu einer sozialen Aufgabe zu erklären
       und dem  Kapitalverwertungsinteresse zu entziehen. Diese Position
       wird im Gegensatz zur Meyer-Abich-Gruppe vom Autorenkollektiv der
       Öko-Instituts-Studie ebenso  wie von  der Memo-Gruppe (Memorandum
       '85) in aller Deutlichkeit vertreten.
       Meyer-Abich/Schefold benutzen  folglich eine  primitive Sozialis-
       mus-Vorstellung (alles  muß physisch zentral geplant werden!) als
       Hebel, um  ihr Konzept  als marktwirtschaftskonform erscheinen zu
       lassen. Dabei  rücken sie  jedoch unvermeidlich  den  Hauptgegner
       ihres vernünftigen Konzeptes aus dem Blickfeld bzw. verniedlichen
       ihn als  "ablehnende Haltung,  die solchen Vorschlägen von seiten
       der Elektrizitätswirtschaft  und insbesondere von den großen Ver-
       bundgesellschaften entgegengebracht  wird" 16) und propagieren in
       idealistischer Manier  einen neuen (sanften) Wirtschaftsstil, der
       sich gleichsam qua Vernünftigkeit durchsetzen könne.
       Meines Erachtens ist es kein Zufall, daß der Bundesfinanzminister
       die VE-BA vollständig privatisieren will, deren Tochter PREAG im-
       merhin ein großer Atomstromproduzent ist. Auch der nicht unbedeu-
       tende Einfluß  der Kommunalvertreter  in den Aufsichtsgremien der
       großen EVU's  wie RWE  und VEW gerät immer mehr von rechts in die
       Schußlinie. Schließlich ist bei diesen Unternehmen die notwendige
       - wenn  auch nicht  hinreichende - Bedingung des öffentlichen Ei-
       gentums -  bereits (teil)erfüllt,  während der Umstellung der Ge-
       schäftsprinzipien weg  von der  Profit- und Umsatzmaximierung hin
       zur Sozial-und  Umweltorientierung bislang erfolgreich widerstan-
       den wurde,  diese aber  immer stärker von progressiven Kräften in
       den Kommunen gefordert wird.
       
       1.2 Hermann Lübbes Credo für die Marktwirtschaft
       ------------------------------------------------
       
       In einem Grundsatzartikel 17) führt der Starphilosoph der Konser-
       vativen fünf  Argumente an, um nachzuweisen, daß es "Umweltschutz
       nicht ohne Marktwirtschaft" - so sein Titel - gibt.
       a) Auch Lübbe unterstellt inzwischen überholte Kommunismuskonzep-
       tionen, die  von einer praktisch unbegrenzten Fülle von materiel-
       len Gebrauchswerten  und Dienstleistungen  als Voraussetzung  für
       den Ersatz  des   L e i s t u n g s p r i n z i p s   als  V e r-
       t e i l u n g s r e g e l   durch das  Prinzip der   B e d ü r f-
       n i s r e g u l i e r u n g   ausgehen. Dies  führe  zwangsläufig
       zum  "P r o d u k t i o n s-  u n d  P r o d u k t i v i t ä t s-
       p a t h o s".   Im Gegensatz hierzu ist heute in der marxistisch-
       leninistischen wissenschaftlichen Literatur weitgehend unbestrit-
       ten, daß  die kommunistische  Produktions- und  Lebensweise  sich
       nicht über  die "elementaren ökologischen Restriktionen" 18) hin-
       wegsetzen kann und eine Öko-Ethik 19) zur allgemeinen Verhaltens-
       norm werden  muß, die  eine radikale  Abkehr  vom  ressourcenver-
       schwenderischen 'american  way of  live' sowie neue Anforderungen
       an den  Produktivitätsbegriff erfordert. Allerdings kann man noch
       nicht  behaupten,  daß  die  Implementierung  des  Planungs-  und
       Leitungssystems in  den Ländern  des realen Sozialismus sowie das
       Massenbewußtsein  voll   diesen  Erfordernissen  entspricht.  Die
       Durchsetzung des intensiven Reproduktionstyps und die Überwindung
       der Überfluß-Fiktion  bezüglich der  Naturpotentiale speziell  in
       der UdSSR  ist  zentrale  Aufgabe  der  Wirtschaftsstrategie  der
       nächsten Dekade.
       b) Gewaltenteilung verstärke  die Chancen  der  Ökologiebewegung.
       Dies ergebe sich daraus, daß einerseits das "wirtschaftliche Han-
       deln in liberalen politischen Systemen in wesentlichen Hinsichten
       aus dem politischen Prozeß ausgegrenzt (bleibe)" und andererseits
       gerade deshalb  Bürgerinitiativen  bezüglich  des  Umweltschutzes
       "ohne Rücksicht  auf andere Zwecke, die nicht sie, sondern andere
       zu verantworten  haben, agieren  können". Richtig  ist natürlich,
       daß dort, wo es keine Gewaltenteilung und
       c) keine bürgerliche  Pressefreiheit' gibt,  eine notwendige Neu-
       oder Umorientierung  der Wirtschafts- und Umweltstrategie nur aus
       der Fähigkeit  der Organe  der nach den Prinzipien des demokrati-
       schen Zentralismus  funktionierenden  sozialistischen  Demokratie
       erwachsen kann,  selbstkritisch und offen den jeweiligen Entwick-
       lungsstand einzuschätzen  und die Mechanismen der sozialsitischen
       Demokratie immer  besser zu entwickeln. Lübbe geht jedoch seiner-
       seits elegant  über das  Problem hinweg,  daß es einen gewaltigen
       Unterschied zwischen  den Forderungen von Umweltschutzinitiativen
       und ihrer  tatsächlichen Realisierung  gibt. Beispielsweise  wird
       schon lange  gegen den  Parasitismus des  Automobilkapitals,  der
       Pharmaindustrie und  der Energiekonzerne usw. polemisiert und ge-
       kämpft. Und sicherlich wird der technische Umweltschutz hierdurch
       angepeitscht (Katalysatoren,  Entschwefelungsanlagen  usw.).  Die
       erforderlichen gesamtgesellschaftlichen  Lösungen (ÖPNV statt In-
       dividualverkehr, KWK  usw.) bleiben  jedoch hierbei aus, weil sie
       antimonopolistische Machtveränderungen  verlangen.  Im  Gegensatz
       hierzu mag  es leider  im Sozialismus  nicht selten Verzögerungen
       bei der  Erkenntnis neuer Probleme geben. Sind diese jedoch über-
       wunden, wird  das gesellschaftliche  Eigentum an den Produktions-
       mitteln sowie die Planbarkeit der Wirtschaftsentwicklung zu einem
       mächtigen Hebel  im Sinne der Realisierung der Hauptzielstellung.
       Schließlich stellt  sich der  Sozialismus das Ziel der umweltver-
       träglichen Reproduktion natürlich bei Aufrechterhaltung des Ziels
       der Vollbeschäftigung,  der sozialen Sicherheit und einer gerech-
       ten Weltwirtschaftsordnung,  von Zielen  also, denen  Lübbe nicht
       einen Satz widmet, weil sie nicht im Klasseninteresse seiner Auf-
       traggeber liegen.
       d) Wie Gärtner in Anlehnung an "Global 2000" 20) zum wiederholten
       Male nachgewiesen  hat, wird  die Ökologiefrage in ihrer globalen
       Dimension schließlich in den Entwicklungsländern entschieden, de-
       ren Umweltprobleme  das Resultat  der durch  den Weltkapitalismus
       aufrechterhaltenen Unterentwicklung sind. Insofern nutzt die fol-
       gende Feststellung  Lübbes wenig:  "Je größer der wirtschaftliche
       Wohlstand, um so umweltbewußter wird die einschlägige Öffentlich-
       keit." Dieser  Satz hat  schließlich  e r s t e n s  auch für den
       Sozialismus Gültigkeit.  Die neue  Dimension des Umweltschutzpro-
       blems stellt  sich jedoch heute  z w e i t e n s  so, daß bereits
       die Bereitstellung eines elementaren materiellen Versorgungsnive-
       aus in  den Entwicklungsländern auf umweltschonenden Wegen reali-
       siert werden muß, der bisherige Weg (erst Wohlstand, dann Umwelt-
       schutz) also  wegen seiner  katastrophischen  Auswirkungen  nicht
       mehr gegangen  werden darf.  Der kapitalistische Entwicklungsweg,
       der den meisten Ländern der Dritten Welt heute aufgezwungen wird,
       kann mit  seiner extremen  Weltmarktorientierung aber gerade dies
       nicht garantieren.
       e) Schließlich bringt   L ü b b e  das beliebte Argument, daß man
       das Profitmotiv  dem Umweltschutz  dadurch dienlich machen müsse,
       daß durch Veränderungen des ordnungspolitischen Rahmens der Raub-
       bau an  der Natur gestoppt werden könne, in dem die Externalisie-
       rung der Kosten durch Internalisierung ersetzt werden müsse.
       Unterscheidet man  bezüglich der  Typen  der  Umweltschutzpolitik
       zwischen dem  G e m e i n l a s t p r i n z i p (die Schäden wer-
       den nachträtglich  durch den Staat repariert, der Klassenkampf um
       den Staatshaushalt und die Steuern entscheidet über die Finanzie-
       rung), dem  V e r u r s a c h e r p r i n z i p  (Variante I: Der
       Schaden wird  durch technischen Umweltschutz 'an der Quelle' ver-
       mieden, die Kosten werden durch Preiserhöhung auf die Verbraucher
       gewälzt; Variante II: Die Kosten werden aus den Profiten bezahlt)
       und dem  V o r s o r g e p r i n z i p  (umweltschädliche Produk-
       tionen und  Waren werden  schlicht   v e r b o t e n;  z.B. ener-
       giefressende Getränkedosen,  Einwegverpackungen etc.), so kann in
       den hochentwickelten  imperialistischen Ländern  auf dem Wege des
       Gemeinlastprinzips und Verursacherprinzips (Variante I), also der
       Internationalisierung der  Kosten des Umweltschutzes, beträchtli-
       ches geleistet  werden. Der  aus diesen  Strategien resultierende
       technische Umweltschutz'  auf der  Basis modernster  Technologien
       ist die  starke Seite  der aktuellen Umweltpolitik der imperiali-
       stischen Metropolen.  Da  dieser  technische  Umweltschutz'  eine
       Funktion des  Standes von Wissenschaft und Technik ist, haben die
       Metropolen des  Kapitals auf  diesem Feld  i.d.R. noch einen Ent-
       wicklungsvorsprung vor  den sozialistischen Ländern, und aus die-
       sem Grunde bietet sich gerade dieses Feld für eine Ausweitung der
       West-Ost-Kooperation an.
       Der Parasitismus  des aus  der  Profitmaximierung  resultierenden
       'american way  of live' aber läßt sich durch diese Strategien je-
       doch nicht  durchbrechen. Es  ist eben nur eine Karikatur auf die
       wirklichen Problemlösungen,  wenn z.  B. Mercedes-Benz  in großen
       Anzeigen mit  dem Titel  "Unser Umweltschutzprogramm" in diversen
       Typennummern (500  SE/500 SEL/300 SE/300 SEL usw.) mit dem Zusatz
       "mit Katalysator" versieht und damit das strategische Konzept der
       Automobilindustrie, den  technischen Umweltschutz, zur Lösung der
       Umweltprobleme anpreisen  will. Der  Sozialismus dagegen  hat die
       Möglichkeit, das  Vorsorgeprinzip durchzusetzen,  insofern er ein
       anderes Lebensmodell  anstrebt und es gegen die nach wie vor auf-
       grund der  Macht der  USA über die Informations-, Kultur- und Be-
       wußtseinsindustrie existierende  Hegemonie des  'american way  of
       live'   d u r c h k ä m p f t.  Die Umweltschutz- und Ökobewegung
       in den Metropolen hat sich dieses Ziel ebenfalls gesetzt.
       
       1.3 Knizias Mißbrauch des Arguments von der Lage
       ------------------------------------------------
       der Entwicklungsländer
       ----------------------
       
       Ein für  die energiepolitische  Diskussion nicht unwichtiges Buch
       wurde von Knizia 1981 publiziert. 21) Es übt sicherlich eine sug-
       gestive Wirkung auf solche bürgerlichen Kreise aus, die nicht der
       Hardliner-Fraktion der Reagan-Administration zuzurechnen sind und
       die eine wichtige Rolle bei der Verteidigung der wirtschaftlichen
       und technologischen  Ost-West-Kooperation spielen, ohne für einen
       einzigen Augenblick ihre aktive prokapitalistische und antisozia-
       listische Haltung zu leugnen. 22)
       Knizia verfolgt  einen  g l o b a l e n  Ansatz. Er argumentiert,
       daß nur  ein  möglichst  rascher  Ausbau  der  Kernenergie  (ein-
       schließlich der  Brütertechnologie) sowie  Abrüstung  die  Haupt-
       probleme der  Zukunft der  Menschheit werden  lösen  können:  Das
       Wachstum der  Weltbevölkerungsentwicklung müsse  gestoppt werden,
       um die aus Unterentwicklung resultierende Zerstörung der ökologi-
       schen Grundlagen der menschlichen Existenz zu stoppen. Da die Er-
       fahrung gezeigt  habe, daß  die Wachstumsrate  der Bevölkerung in
       Abhängigkeit vom  Wohlstandsniveau  (und  damit  vom  Energiever-
       brauch) sinke,  macht er  einen heroischen  Umkehrschluß  in  der
       klassischen Manier  des technologischen Determinismus: Je schnel-
       ler das  Primärenergieangebot steige,  desto früher  werde in den
       Ländern der  Dritten Welt  der Zeitpunkt sinkender Wachstumsraten
       der Bevölkerung  erreicht, desto  größer sei also die Chance, die
       aus der Unterentwicklung resultierende Gefahr der globalen ökolo-
       gischen Katastrophe  zu vermeiden.  In diesem Zusammenhang kriti-
       siert er  scharf die USA, die die Linie der Brüterentwicklung und
       Wiederaufarbeitung abgebrochen  habe und sich unverantwortlicher-
       weise auf  den weiteren Import von Öl und Gas aus dem Nahen Osten
       und aus  Mittelamerika stütze,  obwohl diese Ressourcen (ich sehe
       dies persönlich  genauso) eigentlich den Entwicklungsländern vor-
       behalten werden müßten. Wo liegt der Pferdefuß?
       Knizia unterstellt die Knappheit an Primärenergieträgern und ihre
       Kostenexplosion (1973/75 und 1979/81) als Hauptursache der Unter-
       entwicklung. Der  Honorarprofessor der  Universität Dortmund  und
       Diplomingenieur hat  keine Kenntnisse über die gesellschaftlichen
       Ursachen der Unterentwicklung, die Rolle des Neokolonialismus und
       der anachronistischen  Eigentums- und  Machtverhältnisse  in  den
       meisten Entwicklungsländern.  Es knüpft an partiellen unumstößli-
       chen Tatsachen  an und  wendet sie technologiedeterministisch zum
       Zwecke einer  extremen Kernenergiestrategie  an. Zum Beispiel ist
       es natürlich  nicht falsch  zu behaupten, daß die Überwindung der
       Unterentwicklung zwangsläufig  mit einem  steigenden Verbrauch an
       kommerziellen Primärenergieträgern  verbunden ist,  selbst  unter
       der Bedingung,  daß tatsächlich  alle Energieeinsparmöglichkeiten
       genutzt und  das heute  gewinnbare regenerative  Energiepotential
       ausgeschöpft wird. Nach Angaben der Weltbank z. B. stieg der kom-
       merzielle Energieverbrauch Kubas pro Kopf (in kg Öleinheiten) von
       604 kg  (1965) auf  1042 kg (1983), und Kuba hat sich bekanntlich
       entschlossen, ein  Kernkraftwerk bei  Cienfuegos zu bauen, um den
       wegen der  Industrialisierung schnell  wachsenden  Stromverbrauch
       befriedigen und gleichzeitig den Öleinsatz für die Stromerzeugung
       reduzieren zu  können, Öl,  das bekanntlich  um  die  halbe  Welt
       transportiert werden muß.
       Ein ausreichendes  Angebot von  Primärenergieträgern ist folglich
       e r s t e n s   zwar eine notwendige, keineswegs jedoch eine hin-
       reichende Bedingung  zur Überwindung  der  Unterentwicklung.  Und
       z w e i t e n s   gilt heute  als ökologischer Imperativ, daß die
       notwendige Entwicklung alle denkbaren Möglichkeiten eines sparsa-
       men und - wo möglich - auf regenerative Energiequellen gestützten
       Wachstums ausschöpfen  muß. So wird z.B. in Kuba aus der Biomasse
       Zuckerrohr auch  Papier, Energie  usw.  gewonnen,  wird  zugleich
       durch nationale  Aufforstungsprogramme  sowohl  eine  ökologische
       Stabilisierung herbeigeführt,  als auch der notwendige Holzimport
       (!) allmählich  substituiert. Allerdings  verlangt  die  maximale
       Ausnutzung der  regenerativen Energiequellen ein hohes Qualifika-
       tionsniveau der Arbeitskräfte, ein eigenes Potential an Ingenieu-
       ren aller  Art, an  Naturwissenschftlern, Ökonomen,  Ökologen und
       Planern. Kuba  ist nun  wiederum ein  hervorragendes Beispiel für
       eine gelungene  Politik der Bildungsrevolution und -expansion und
       verfügt heute über zahlreiche qualifizierte wissenschaftlich aus-
       gebildete Kader. Es ist allerdings zu berücksichtigen, daß gerade
       die Heranbildung  der für  einen hochwertigen Umweltschutz erfor-
       derlichen Ingenieurkader  eine längere Zeit in Anspruch nimmt als
       etwa die  Heranbildung von  Lehrern, Ärzten  usw., 23) so daß die
       Entwicklungsländer, die  sich befreien,  auch in  dieser Hinsicht
       noch Jahrzehnte  unter den  Folgen des Kolonialismus und Neokolo-
       nialismus zu leiden haben.
       Da Entwicklung  heute jedoch nicht mehr unter den Bedingungen der
       Vernachlässigung des  Umweltschutzes erfolgen darf, ist über neue
       Formen des  (angepaßten) Technologietransfers  nachzudenken,  die
       einerseits den  fortgeschrittensten Stand umweltfreundlicher, den
       jeweiligen Länderbedingungen  angepaßter  Technologien  und  Pla-
       nungsverfahren repräsentieren,  andererseits die Abhängigkeit von
       den höherentwickelten  Ländern nicht  erneut reproduzieren.  Dies
       verlangt, daß  den Entwicklungsländern  beim Aufbau eines eigenen
       Forschungs-, Entwicklungs-  und Ausbildungspotentials maximal ge-
       holfen werden muß.
       
       2. Neue Überlegungen zum Begriff und Inhalt
       -------------------------------------------
       "Vergesellschaftung-Planung"
       ----------------------------
       
       Die bisherige  energiepolitische Debatte  hat gezeigt,  daß  eine
       vernünftige, an  sozialen und  ökologischen Kriterien orientierte
       Energiepolitik ein  großes Spektrum  an differenzierten Maßnahmen
       umfassen muß:
       - neue Technologien bzw. einen neuen Technologiemix;
       - Sparmaßnahmen technischer  und sozialer  Art (z.B.  Tempo 100).
       Die Enquete-Kommission  des Deutschen  Bundestages 24) hat allein
       62 Empfehlungen  zur Förderung  der Energieeinsparungen  und  zur
       verstärkten Nutzung  erneuerbarer  Energiequellen  vorgeschlagen,
       die mehrheitlich aus Profitgründen nicht realisiert werden;
       - neue Tarifstrukturen,  z.B. die Reform der Vergütungspreise für
       Einspeisungen von industriellen Stromerzeugern in das öffentliche
       Netz;
       - spezifische Netzkonzeptionen für den Stromverbrauch;
       - eine spezifische  Fahrweise der unterschiedlichen Kraftwerksty-
       pen;
       - einen komplexen Umbau der Städte, d. h. die jeweilige zusammen-
       hängende Optimierung  von Siedlungs-, Verkehrs- und Energiesyste-
       men;
       - die Umstrukturierung des Forschungs- und Entwicklungspotentials
       der BRD;
       - eine Neuorganisation und Verbesserung der Finanzausstattung der
       Kommunen;
       - die Attraktivitätssteigerungen  ressourcensparender Komponenten
       der Lebensweise  einschließlich der Durchsetzung einer neuen Öko-
       Ethik usw.
       Kurz: eine  alternative Energiepolitik  verlangt ihre Integration
       in einen    a l t e r n a t i v e n    R e p r o d u k t i o n s-
       t y p   d e r   G e s a m t w i r t s c h a f t   sowie den Kampf
       für ein neues Denken und Handeln auch bezüglich der  L e b e n s-
       w e i s e.  25)
       Die Spezifik des Gebrauchtwertes "Energiedienstleistung" verlangt
       nun,  um   die  effizientesten  Angebotsbedingungen  herzustellen
       (Kraft-Wärme-Kopplung),  verbrauchsnahe  Wärme-  und  damit  auch
       Stromproduktion. Verbrauchsnahe  KWK-Anlagen setzen übrigens eine
       hervorragende Verkehrsinfrastruktur  voraus, die die zusätzlichen
       Kohletransporte via  Binnenschifffahrtsnetz  und  Bahn  aufnehmen
       kann, eine  Bedingung, die  in der  BRD gegeben ist, jedoch nicht
       unterschiedslos für  jedes Land und jede Entfernung zu unterstel-
       len ist.  Die maximale  Nutzung der verschiedenen Formen der Son-
       nenenergie (Biomasse,  Kollektoren, Wind,  Wasserkraft  und  Erd-
       wärme) verlangt  'Fläche', die  ebenfalls verbrauchsnah zu nutzen
       ist. Dies  ist der rationelle Kern der Rekommunalisierungsstrate-
       gie sowie  der dezentralen, den jeweiligen regionalen Bedingungen
       angepaßten Strukturen  der  Energiedienstleistungsbereitstellung.
       Daß die profitorientierte Bereitstellung des Gebrauchswertes Pri-
       märenergieträger sowie  deren niedriges Preisniveau auf der Basis
       der Expansion der Erdölkonzerne bis zur zweiten Erdölpreisrevolu-
       tion 1979/81  in der  BRD und anderen Industrieländern, vor allem
       in den USA zu enormen Verschwendungsstrukturen geführt hat, wurde
       vielfach überzeugend  nachgewiesen. Hennicke  u.a. widerlegen nun
       die These, daß eine einfache Entflechtung der heutigen überregio-
       nal tätigen  Energieversorgungsunternehmen via Rehabilitation des
       Konkurrenzmechanismus diese  verbrauchsnahen Strukturen quasi au-
       tomatisch herstellen  könnte und  bezeichnen dieses  "zu Ende ge-
       dachte neoliberale Modell", das auch vielen Überlegungen des Ver-
       treters der  "technischen Ökonomie" zugrunde liegt, 26) als Illu-
       sion, weil die Gewinnorientierung bei der Produktion von Energie-
       Dienstleistungen aufgrund  des dem Kapitalismus immanenten Zwangs
       zur Konzentration  und Zentralisation von Kapital zur  R e k o n-
       z e n t r a t i o n   der entflochtenen Unternehmen führen würde.
       Die  Stahlindustrie  -  sie  weist  wegen  ihrer  hohen  Kapital-
       intensität viele  Parallelen zur Energiewirtschaft auf - hat dies
       nach den  Entflechtungsmaßnahmen, die  von den Westalliierten als
       Alternative zur  Verstaatlichung / Vergesellschaftung den Kriegs-
       verbrecherkonzernen wie Thyssen, Krupp usw. nach dem 2. Weltkrieg
       aufgezwungen worden waren, praktisch historisch bewiesen. Bereits
       1960 waren durch Rekonzentrationsmaßnahmen, die dem Charakter der
       monopolistischen Konkurrenz  entspringen,  die  Konzernstrukturen
       der Vorkriegszeit im großen und ganzen wiederhergestellt!
       Auch die  inzwischen häufig angeführten Beispiele aus den USA wie
       das der  Pacific Gas und Elektric Company, die als Querverbundun-
       ternehmen inzwischen  ED vermarkten,  statt Energieträger zu ver-
       kaufen und  sich nicht  um die Effektivität der Nutzung der Ener-
       gieträger zu  kümmern, 27)  sprechen nicht  für  eine  marktwirt-
       schaftliche Lösungsstrategie.  Diese  Beispiele  erfolgen    e r-
       s t e n s   auf einem  ungeheuer  hohen  Niveau  der  Energiever-
       schwendung,  z w e i t e n s  bei einem anderen Energierecht, das
       sicherlich flexiblere  Reaktionen auf  das  Überkapazitätsproblem
       der Stromwirtschaft  zuläßt und  erzwingt als  das bundesdeutsche
       Energierecht, und   d r i t t e n s  angesichts der Tatsache, daß
       das Finanzrisiko  von Großinvestitionen  in Kernkraftwerke  ange-
       sichts der  trüben Entwicklungsaussichten  der  US-amerikanischen
       Wirtschaft und des erneuten Preisverfalls für fossile Energieträ-
       ger zu  groß geworden  ist, so  daß ein Ausbaustop für Großkraft-
       werke und  statt dessen  eine Expansion  dieser Gesellschaften in
       bankwirtschaftliche und  sonstige  Dienstleistungssektoren  (z.B.
       Energiesparberatungen für  Haushalts- und Industriekunden) höhere
       Gewinne verspricht.  Dies wirkt  zwar  partiell  der  Energiever-
       schwendung entgegen,  ersetzt jedoch  keineswegs eine gesamtwirt-
       schaftliche Steuerung,  die z.B.  1986 vor der Aufgabe steht, den
       Absturz der  Erdölpreise nicht  zu einer Ursache für eine erneute
       Energieverschwendungswelle werden  zu lassen.  Die  Kernforderung
       alternativer Energiepolitk  muß sich  deshalb an der progressiven
       Lösung des   G r u n d w i d e r s p r u c h s  der Bewegung die-
       ser Branche  orientieren, den  Hennikke u.a. wie folgt definiert:
       "Diese Branche ist wie keine andere charakterisiert durch den Wi-
       derspruch zwischen  einem außerordentlich  hohen  Vergesellschaf-
       tungsgrad  und   einer  privatwirtschaftlich  ausgerichteten  Ge-
       schäftspolitik auch  ihrer formell  öffentlichen Unternehmen. Die
       bundesweite Standort-, Investitions- und Absatzplanung der großen
       Energiekonzerne (insbesondere  des Strom-Verbunds), das wachsende
       Ausmaß der  Leitungsgebundenheit (zunehmend  auch  auf  dem  Wär-
       memarkt) und  die dadurch  bewirkte Durchdringung fast sämtlicher
       Arbeits-, Lebens- und Umweltbereiche durch das Energiesystem kon-
       fligieren in wachsendem Maße mit dem der demokratischen Kontrolle
       weitgehend entzogenen  privatwirtschaftlichen Rentabilitätskalkül
       der Energiekonzerne".  28) Die Lösung muß deshalb lauten, die En-
       ergieversorgung nach  sozialen und ökologischen Kriterien als öf-
       fentliche, nicht  gewinnorientierte gesellschafliche  Aufgabe  zu
       bestimmen. "Nicht  die 'öffentliche' Energieversorgung gilt es zu
       privatisieren, sondern  die seit  Jahrzehnten institutionell erz-
       wungene faktische  Privatisierung der  Geschäftspolitik nur  noch
       (formell) öffentlicher  Unternehmen muß aufgedeckt und reformiert
       werden. Das  Geschäft mit der Ware Energie, ob aus privatgewinno-
       rientierten oder  öffentlich-fiskalischen Motiven, muß durch eine
       Neuorientierung der Energieversorgungsunternehmen auf Bedarfsdec-
       kung durch Energiedienstleistungen abgelöst werden." 29) Dies be-
       deutet, die  Energiewirtschaft einer entsprechenden gebrauchswer-
       torientierten   P l a n u n g  auf kommunaler, regionaler und na-
       tionaler (und  wie in Kap. III gezeigt wird, auch auf internatio-
       naler) Ebene  zu unterwerfen.  Da die Effektivität dieser Planung
       zu einem  großen Teil  von der  Qualität der Berücksichtigung der
       jeweiligen regionalen  und lokalen Besonderheiten abhängt, ist es
       natürlich notwendig,  diese Planung  entsprechend nah  vor Ort zu
       entwickeln (daher  die wachsende  objektive Bedeutung  der Stadt-
       und Stadtentwicklungsplanung und der demokratischen Kontrolle ih-
       rer Apparate),  ähnlich z.  B. der Linien- und Fahrplangestaltung
       von städtischen  öffentlichen Verkehrsangeboten,  die sinnvoller-
       weise auch nicht auf nationaler Ebene zu planen sind.
       Dennoch ist  es auf  nationaler Ebene erforderlich, Standardisie-
       rungsregeln zu  erlassen (um  etwa die  Kosten z.B. für die Fahr-
       zeuge zu  senken) und  Investitionslenkung zu betreiben, z.B. den
       Automobilkonzernen Investitionsverbote  bzw. -beschränkungen auf-
       zuerlegen, damit  eine   g r o ß f l ä c h i g e  Verkehrsberuhi-
       gung durchgesetzt  werden kann.  Und selbstverständlich  sind das
       Bundesbahnnetz sowie  die entsprechenden Fahrpläne, um mit dieser
       Analogie fortzufahren, auf der nationalen Ebene zu planen und in-
       ternational zu koordinieren.
       Vergesellschaftung und  Planung heißt  also, ein abgestimmtes Ge-
       samtsystem von  Maßnahmen, Gesetzen,  Planwerken und  -regeln auf
       allen Ebenen  zu  entwerfen,  das  eine  neue  Reproduktionslogik
       tatsächlich durchsetzt.  30) Dies bedeutet nicht, auf alle Steue-
       rungselemente des  Markt-Preis-Mechanismus zu verzichten. Letzte-
       rer kann  und wird  seine Funktion  als Effektivierungsmittel der
       erforderlichen qualitativen  Strukturpolitik erhalten. Der Markt-
       Preis-Mechanismus erhält dann eine dienende Funktion, wird jedoch
       ausdrücklich nicht  mehr als  Selbstzweck akzeptiert.  "Im Unter-
       schied zu einer Konzeption des 'mehr Markt um des Marktes willen'
       muß aber  eine Strategie qualitativen Wachstums von gesamtgesell-
       schaftlichen Zielsetzungen  ausgehen, die  sich keineswegs in Ko-
       stengesichtspunkten erschöpfen,  (sondern auch an Sozial- und Um-
       weltverträglichkeitskriterien - H.B.). Und von daher muß sich das
       Interesse auf die Entwicklung von Regulierungsformen richten, die
       diesen Zielen  insgesamt gerecht  werden können und nicht nur den
       üblichen Effizienzkriterien." 31)
       Die notwendige  Vergesellschaftung und  Planung der  energiewirt-
       schaftlichen Strukturentwicklung erfolgt dabei zu einem wesentli-
       chen Teil  durch die  'Vorverlagerung' in  den Wissenschafts- und
       Entscheidungsapparat, der  dieses Gesamtsystem  von Maßnahmen  zu
       entwerfen und  in Politik  umzusetzen hat,  und der  deshalb mög-
       lichst demokratisch organisiert sein muß, um die kollektive Weis-
       heit der Wissenschaft und der Bevölkerung für die Lösung der Pro-
       bleme nutzbar machen zu können, um also einen vernünftigen Struk-
       turplan entwerfen zu können. Damit wird die Organisationsform der
       Wissenschaft und der wissenschaftlichen Politikberatung selbst zu
       einer entscheidenden Bedingung für die Qualität der Planung.
       Dem Widerspruch zwischen den wachsenden Vergesellschaftungsanfor-
       derungen  rationeller   Energiedienstleistungsbereitstellung  und
       privater (monopolistischer  und staatsmonopolitistischer) Organi-
       sation und  Entscheidung entspricht  der zwischen  den wachsenden
       Interdisziplinaritätsanforderungen  an  den  Wissenschaftsapparat
       und seiner  tatsächlichen  Disziplinborniertheit.  Grundbedingung
       für die  Effektivität des  Outputs dieses interdisziplinären Wis-
       senschafts- und  Planungsapparates im Sinne der Erstellung ratio-
       neller Energieversorgungssysteme ist natürlich deren Orientierung
       auf diesen gesellschaftlichen Zweck, also der Klassenauftrag, für
       den sie  wirksam werden. Da der Auf- und Umbau von Energieversor-
       gungssystemen langfristiger  Natur ist  (50-80 Jahre)  muß  heute
       darüber hinaus ein prinzipiell neuer Planungshorizont zugrundege-
       legt werden!
       Diese progressive  Vergesellschaftungsstrategie ist  der  "defor-
       mierten Vergesellschaftung"  32) entgegenzusetzen, die der SMK im
       Energiesektor hervorgebracht hat, also im wesentlichen den großen
       Verbund-EVUs den multinationalen Konzernen der Energiewirtschaft,
       den Bankmonopolen  sowie den jeweiligen nationalen Energierechts-
       regelungen, die  diese deformierte Vergesellschaftung staatsmono-
       polistisch regulieren.  Notwendige und  sinnvolle  Entflechtungs-
       und Dezentralisierungsmaßnahmen  sind  im  Rahmen  einer  solchen
       progressiven Vergesellschaftung  nicht  als  Rücknahme  von  Ver-
       gesellschaftung zu interpretieren, was natürlich illusionär wäre,
       sondern  als   Rücknahme  von  deformierten  Vergesellschaftungs-
       elementen des  SMK und ihren Ersatz durch eine prinzipiell höhere
       Stufe  der   Vergesellschaftung,  nämlich   durch    g e s a m t-
       s t a a t l i c h e   komplexe Strategien  zur Durchsetzung einer
       sozial-und umweltverträglichen  Emergieversorgungs-  und  Produk-
       tionsstruktur.
       Im folgenden  Kapitel soll  nun gezeigt  werden, daß die globalen
       Probleme der  Menschheitsentwicklung heute, speziell das Energie-
       problem, sogar eine internationale, sogar globale Regulierung und
       Planung verlangen.
       
       3. Argumente für eine international
       -----------------------------------
       vergesellschaftliche Energiepolitik
       -----------------------------------
       
       Hennicke u.a.  fordern im  nationalen Rahmen, die Stromerzeugung,
       die Besorgung  der fossilen  Primärenergieträger  und  das  heute
       überdimensionierte Verbundnetz  organisatorisch  zu  trennen,  um
       eine ungleichmäßige  Aneignung der  Differenzialrente und die aus
       ihr folgende  ökonomische Differenzierung  der (kommunalen) EVUs,
       die in  Energiedienstleistungsunternehmen  umzuwandeln  sind,  zu
       verhindern. Da  aber nicht  nur eine ungleiche geographische Ver-
       teilung der fossilen Energieträger, sondern auch der regenerative
       Energiegewinnungsmöglichkeiten existiert,  muß es  einen interre-
       gionalen (und  auch internationalen) Kompensationsmechanismus ge-
       ben. Hennicke u.a. betonen für die Handhabung dieser Unterschiede
       im nationalen  Rahmen die Möglichkeit, im Zuge einer Rekommunali-
       sierungsstrategie Planpreise  zu bilden  und  "die  existierenden
       Differenzialrenten in einen Ausgleichsfonds (einzuzahlen) und für
       Kompensationszahlungen, sei es in Form von verbilligten Frachtko-
       sten für  Kohle oder zur direkten Subventionierung des Stromprei-
       ses (zu benutzen)". 33)
       Eine ähnliche  wissenschaftliche Herangehensweise  erfordert  die
       Beantwortung der Frage, wie die Energieversorgung für die Mensch-
       heit insgesamt in Zukunft organisiert werden kann und muß. Es ist
       sicher, daß der heutige Typ der Energieversorgung vorübergehender
       Natur ist  und durch einen neuen Typ abgelöst werden muß. Siefer-
       leund Roos/Streibel  34) unterscheiden  in der bisherigen Mensch-
       heitsgeschichte drei  Energiesysteme: "das  unmodellierte  Solar-
       energiesystem von  Jäger- und  Sammlergesellschaften, das  model-
       lierte Solarenergiesystem von Agrargesellschaften und das fossile
       Energiesystem der Industriegesellschaften." 35) Dazwischen fanden
       die neolithische Revolution (Übergang von den Jäger- und Sammler-
       gesellschaften zum  Ackerbau) sowie  die industrielle  Revolution
       statt. Wind,  Wasser und Holz waren die wichtigsten Energieträger
       der  vorindustriellen   Gesellschaften;  Steinkohle,  Braunkohle,
       Erdöl und  Erdgas sind  bis heute  die wichtigsten Primärenergie-
       quellen der industriellen Gesellschaften des Kapitalismus und So-
       zialismus.  Aus   Vorrats-  und   Umweltgründen  kann   sich  die
       Menschheit, die  sich -  global betrachtet  - in  ihrer  Mehrheit
       nicht im  Stadium der  Industrialisierung befindet  (1980 war für
       ca. 1,5  Mrd. Menschen  nach wie  vor  Brennholz  die  wichtigste
       Energiequelle),  die   bisher  betriebene   extensiv   erweiterte
       Reproduktion  der   energetischen  Basis   und  damit   auch  den
       bisherigen Industrialisierungstyp  nicht mehr  leisten, wobei das
       Dilemma darin  besteht, daß  es noch  keine globalen  Steuerungs-
       mechanismen und  Institutionen gibt,  die den  Übergang  auf  den
       neuen  Reproduktionstyp   planmäßig  herbeiführen   könnten.   Im
       Gegenteil wird  seit Jahren  von den  USA die  UNO als wichtigste
       globale  Institution  demontiert.  Die  globale  Vorratslage  und
       Struktur   des   fossilen   Primärenergieverbrauchs   sowie   die
       territorialen Ungleichgewichte  werden aus  den Tabellen  2 und 3
       ersichtlich.
       
       Tabelle 2:
       Vorräte und Verbrauch von Kohle, Mineralöl und Erdgas in der
       Welt
       
       Energieträger          Vorräte 1)           Verbrauch
                           Mrd. t SKE    %      Mrd. t SKE    %
       
       Kohle               11 000       83         2,9       34
       Mineralöl            1 900       14         3,5       42
       Erdgas                 400        3         2,0       24
       Insgesamt           13 300      100         8,4      100
       _____
       1984
       1) geologische Vorräte
       Quelle: Weltenergiekonferenz
       
       Die Disproportionen zwischen Vorräten und Verbrauch sind eklatant
       und auf  Dauer nicht  haltbar. Zunächst ist deshalb das Erdöl und
       später das  Erdgas zumindest in den derzeit hochentwickelten Län-
       dern aus der Stromerzeugung und dem Wärmemarkt zu verdrängen.
       Das wichtigste   U m w e l t a r g u m e n t  neben der Schwefel-
       dioxyd- und Stickoxydbelastung ist die CO2-Falle, die höchstwahr-
       scheinlich das  Resultat der  -menschheitsgeschichtlich gesehen -
       extrem schnellen Verbrauchszuwächse der fossilen Energieträger in
       Kombination mit  der  progressiven  Vernichtung  der  Weltwaldbe-
       stände, die zugleich CO2-Absorber sind, ist. Abbildung 2 (vgl. S.
       331) zeigt  die Jahreswerte für die weltweiten Emissionen von CO2
       von 1860 bis 1974 aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und in
       geringerem Ausmaße aus der Zementproduktion.
       
       Tabelle 3:
       Weltvorräte an Kohle, Erdöl und Erdgas
       
                       Kohle   Erdöl   Erdgas   Insgesamt
       Region                   Mrd. t SKE
       
       Westeuropa       91,3     5,9     6,8      104,0
       Ostblock        219,7    30,4    47,5      297,6
       Naher Osten
       und Nordafrika   9,5     91,7    36,5      137,7
       Südafrika       51,9      0,0     0,0       51,9
       Nordamerika    218,4     11,5    10,6      260,5
       Mittel-
       und Südamerika  14,3     18,1     6,7       39,1
       VR China        99,5      3,7     1,0      104,2
       Ferner Osten    24,8      4,6     4,8       34,2
       Australien      42,0      0,3     0,8       43,1
       Welt           771,4    166,2   114,7     1052,3
                       73,3%    15,8%   10,9%     100,0%
       _____
       1983-1985 wirtschaftlich  gewinnbare Vorräte  bei jetzigem  Stand
       der Technik Erdöl einschließlich Ölschiefer und Teersande
       Quellen: Weltenergiekonferenz: Oil and Gas Journal
       
       Abbildung 3 (vgl. S. 331) zeigt Projektionen der wahrscheinlichen
       CO2-Konzentrationen in  Abhängigkeit von  den angenommenen Wachs-
       tumsraten des  fossilen Energieverbrauchs,  wobei bereits  Pfad 5
       als kritisch  gilt. Die  klimatischen Folgen  des Einwirkens  der
       Menschheit auf den globalen Naturhaushalt verlangen folglich, ein
       weiteres Ansteigen  des globalen fossilen Primärenergieverbrauchs
       zu verhindern.  Deshalb ist auch der grenzenlose Umstieg auf Koh-
       lenutzung nicht zulässig.
       Wenn die  Befürworter der  Kernenergienutzung nicht das Vorrats-,
       sondern das  CO2-Argument anführen  (wie z.B. F.J. Strauß und die
       Bundesregierung in  ihrer Kampagne  für den  Schnellen Brüter und
       die WAA  in Wackersdorf  im Sommer  1986), müssen sie sich aller-
       dings mit dem folgenden Widerspruch befassen: ihre eigenen Szena-
       rien weisen aus, daß trotz (einige Kritiker behaupten: gerade we-
       gen) des schnellen Ausbaus der Kernenergie der absolute Verbrauch
       fossiler Energieträger  weiter enorm  steigt und  ihr Anteil, wie
       Tabelle 4  (vgl. S.  332) ausweist,  von 93% (1975) auf lediglich
       70% (2030) sinkt.
       Folglich ist  das IIasa-Szenario  nicht in der Lage, das CO2-Pro-
       blem zu  entschärfen! Das erklärt sich einerseits daraus, daß die
       Kernenergie im  wesentlichen nur  zur Stromerzeugung (1984: 13,1%
       der Weltstromerzeugung)  taugt. Prozeß-  und Niedertemperaturwär-
       meerzeugung aus  Kernkraftwerken werden zwar geplant, jedoch ver-
       mutlich (aus Sicherheitsgründen) keine wesentliche Rolle spielen.
       
       Bild ansehen
       Abbildung 2: Emissionen
       Weltweite Emissionen  von CO2  von 1860 bis 1974 aus der Verbren-
       nung fossiler  Brennstoffe  und  der  Zementproduktion.  (Quelle:
       Rotty, 1978)
       aus: J.  Jäger, Das CO2-Problem-Argument für die Atomwirtschaft?,
       in: Energie für oder gegen die Menschen? ETHZ, Zürich, 1984.
       
       Bild ansehen
       Abbildung 3:  Angenäherte Projektionen der CCh-Konzentrationen in
       der Atmosphäre  als Funktion  der Zu-  oder Abnahme des Einsatzes
       fossiler Brennstoffe, 1975-2025.
       (aus: Lovins u.., a.a.O.., S. 62).
       
       Tabelle 4: II ASA-Szenarien: Globale Versorgung mit Primärenergie
       (TWa/a)
       
       Primärenergiequelle  1975          2000              2030
                                      Hoch     Niedrig  Hoch     Niedrig
       
       Erdöl                3.83\     5.89\     4.75    6.83\      5.02
       Erdgas               1.51 >93% 3.11 >82% 2.53    5.97 >70%  3.47
       Kohle                2.26/     4.94/     3.92   11.98/      6.45
       Kernenergie (LWR)    0.12      1.70      1.27    3.21       1.89
       Kernenergie (Brüter) 0         0.04      0.02    4.88       3.28
       Übrige Quellen       0.5       1.15      1.09    2.76       2.28
       Gesamt               8.21     16.84     13.59   35.65      22.39
       _____
       (aus: J. Jäger, a.a.O.)
       
       Andererseits besteht das Hauptproblem darin, daß die IIASA-Szena-
       rien, auf deren Basis auch Knizia seine Argumentation entwickelt,
       nach wie  vor im  wesentlichen angebotsorientiert konzipiert sind
       und somit  dem  E n e r g i e s p a r e n  und der Erstellung ei-
       nes national  und global  höchstgradig rationellen Energiesystems
       wenig Bedeutung  beimessen, wie  die Tabelle  5 (vgl. S. 333) von
       Bach demonstriert.
       E/BSP ist die zentrale technische Effizienzkennziffer für den En-
       ergieeinsatz und  gibt an,  wieviel Prozent des Primärenergieein-
       satzes, der  1975 für eine Einheit des Bruttosozialprodukts benö-
       tigt wurde,  im Jahre  2030 erforderlich ist, um die gleiche Lei-
       stung zu erbringen.
       Die Tabelle  5 weist  aus, daß die zu erwartende Bevölkerungsent-
       wicklung für  das Jahr  2030 gegenüber 1975 recht einheitlich auf
       ca. 8 Mrd. Menschen prognostiziert wird.
       Starke Unterschiede  treten bereits bei den Annahmen für die Ent-
       wicklung des  Welt-Bruttosozialprodukts auf,  das sich  bei  Kahn
       verzehnfacht (!)  und in  den von  mir besonders zu betrachtenden
       IIASA Niedrig-  und  Lovins-  u.a.  -Szenarien  auf  jeweils  das
       3,57fache ansteigt.
       Während man  für das  IIASA-Niedrig-Szenario nachweisen kann, daß
       es, wie  oben gezeigt  (Tabelle 4) nicht aus dem CO2-Dilemma her-
       ausführt, muß  das radikale  Effizienz-Szenario von  Lovins  u.a.
       doch überraschen.  Denn es  besagt, daß  der Weltenergieverbrauch
       bis zum  Jahre 2030 auf ca. 64% des Verbrauchs von 1975 (ca. 8,04
       TWa/a) absinken kann.
       An der  Erstellung dieser Studie im Auftrag des Bundesumweltamtes
       war jedoch  neben W. Bach auch F. Krause beteiligt, der noch 1980
       eine ganz andere und meines Erachtens viel realistischere Berech-
       nung vorgelegt  hatte, 36) wie die Tabelle 6 (vgl. S. 334) in den
       Spalten 10 und 11 ausweist.
       
       Tabelle 5:
       Voraussichtliche Entwicklung einiger Faktoren, die den Energiebe-
       darf im Jahr 2030 beeinflussen (Basisjahr 1975 = 1,00)
       
       Szenario    Region 1) Bevöl- BSP  BSP/   E/    E 2) Gewich-  E 4)
                             kerung      Kopf   BSPf       tung 3)
       
       Kahn u.a.      W      2,325 10,00 4,31  0,480  4,80  1,000  4,800
       Rotty und      I      1,301  3,27 2,52  0,700  2,30  0,838  1,930
       Marland 5)     E      2,076  6,77 3,26  1,230  8,35  0,162  1,350
                      W      1,878  3,94 2,10  0,830  3,28  1,000  3,280
                                    6)
       Häfele u.a.,   I      1,347  5,43 4,04  0,545  2,96  0,843  2,497
       IIASA Hoch     E      2,302 10,29 4,47  1,142 11,75  0,157  1,845
                      W      2,021  6,37 3,15  0,682  4,34  1,000  3,342
       IIASA Niedrig  I      1,347  3,07 2,28  0,654  2,01  0,843  1,694
                      E      2,302  5,66 2,46  1,164  6,58  0,157  1,033
                      W      2,021  3,57 1,77  0,763  2,73  1,000  2,727
       Colombo und    I      1,347  2,98 2,21  0,386  1,15  0,843  0,969
       Bernardini     E      2,302  7,95 3,46  0,785  6,24  0,157  0,980
                      W      2,021  3,94 1,95  0,495  1,95  1,000  1,949
       Lovins u.a.    I      1,347  3,07 2,28  0,171  0,53  0,843  0,443
                      E      2,302  5,66 2,46  0,204  1,15  0,157  0,181
                      W      2,021  3,57 1,77  0,178  0,63  1,000  0,636
       _____
       1) I =  Industrieländer (IIASA Regionen I-III); E = Entwicklungs-
       länder (IIASA Regionen IV-VII); W = Welt
       2) Bezogen auf  den Energieverbrauch  von 1,00  im Jahr  1975 für
       eine Region
       3) Anteil des  Energieverbrauchs am  Weltenergieverbrauch im Jahr
       1975
       4 Bezogen auf den Weltenergieverbrauch von 1,00 im Jahr 1975 (das
       Produkt der beiden vorherigen Kolumnen)
       5) Bezieht sich auf 2025
       6) Diese und  andere scheinbare  Inkonsistenzen,  bei  denen  der
       Weltwert niedriger als der in den einzelnen Regionen ist, entste-
       hen durch  die unterschiedlichen Wachstumsraten und die relativen
       Gewichtungen in den verschiedenen Regionen.
       Nach: A.N.  Perry, Carbon  dioxide production scenarios, in: W.C.
       Clark (Hrsg.), Carbon Dioxide Review, S. 337-371, Oxford/New York
       1982.
       (aus: W.  Bach, Globale  Energiestudien: Kritischer Vergleich von
       Effizienz- und  IIASA-Szenarien, in:  Energie für  oder gegen den
       Menschen?, Zürich 1984.)
       
       Zunächst ist bei Lovins u.a. 37) zu kritisieren, daß der Entwick-
       lungsabstand zwischen  Industrie- und  Entwicklungsländern bezüg-
       lich des  Pro-Kopf-BSP gegenüber  dem IIASA-Szenario für das Jahr
       2030 nicht  verringert wird,  "wonach im Durchschnitt die reichen
       Länder pro  Kopf 3,2mal  so wohlhabend sind wie heute, aber immer
       noch 10mal  so reich sind wie die armen Länder". Dieses so proje-
       zierte Welt-BSP  2030 wird  nun mit  dem    t e c h n i s c h e n
       E n e r g i e e f f i z i e n z k o e f f i z i e n t e n
       (E/BSP), d.h.  der zur  Bereitstellung einer  Bruttosozialproduk-
       teinheit erforderlichen  Primärenergie multipliziert, der für die
       BRD berechnet  worden ist und von 1975 bis 2000 auf 0,5, bis 2030
       auf 0,26 und bis 2080 auf 0,18 sinkt, wobei es problematisch ist,
       diese BRD-Kennziffern  zu  generalisieren.  Zugleich  wurden  be-
       stimmte  Annahmen  über  die    r e l a t i v e    E n e r g i e-
       d i e n s t l e i s t u n g s i n t e n s i t ä t   (ED/BSP)  für
       die Industrie-  und Entwicklungsländer  gemacht, die zwar reflek-
       tieren, daß  die Industriealisierung  der Entwicklungsländer  zu-
       nächst eine Steigerung dieser Intensität erzwingt, jedoch relativ
       niedrig bleibt,  da ein  Stopp der  Urbanisierung in Großstädten,
       eine relativ  dezentrale und  autarke Entwicklung  38) sowie  die
       Übernahme des  jeweils fortgeschrittensten  Standes  der  Technik
       unterstellt wird.  Die  Ergebnisse  dieser  Kalkulation  sind  in
       Tabelle 7 (vgl. S. 335) dargestellt.
       
       Tabelle 6:
       Weltbevölkerung und  Weltenergieverbrauch unter verschiedenen An-
       nahmen
       
         Bevölkerung   Primärenergie-  2030      IIASA       bessere
         (Millionen)   verbrauch       wie       Szenario    Nutzung
                       1975            USA       "niedriger  Komfort
                                      heute      Verbrauch"  wie BRD
                                        *)                   heute *)
       1975 2000 2030  kW/Kopf  TW  kW/Kopf  TW  kW/Kopf TW  kW/Kopf  TW
       
       1. Nordamerika
        236  284  315  11,27   2,66   11    3,47  15,71 4,95  2,5   0,79
       2. Sowjetunion und Osteuropa
        363  436  480   5,10   1,85   11    5,28  13,54 6,50  2,5   1,20
       3. Westeuropa, Japan, Australien, Neuseeland, Südafrika u. Israel
        561  680  767   4,03   2,26   10    7,67   6,90 5,29  2,0   1,53
       4. Lateinamerika
        319  575  797   1,06   0,34    6    4,78   3,05 2,43  1,7   1,35
       5. Südasien, Südostasien Afrika (außer Nord- und Südafrika)
       1422 2528 3550   0,23   0,33    6   21,30   0,77 2,73  1,7   6,04
       6. Mittlerer Osten und Nordafrika
        133  249  353   0,96   0,13    6    2,12   3,46 1,22  1,7   0,60
       7. China und Zentralplanerische Staaten Asiens
        912 1330 1714   0,51   0,47    8   13,71   1,44 2,47  2,0   3,43
       Welt
       3946 6082 7976   2,10   8,04        58,33       25,59       14,95
       _____
       *) unter Berücksichtigung klimatisch unterschiedlichen Raumwärme-
       bedarfs, aber ohne Klimatisierung.
       TW: Terawatt  gleich ca.  1  Milliarde  Tonnen  Steinkohle,  aus:
       Krause/Bossel/Müller-Reißmann, a.a.O., S. 168.
       
       Zugleich kalkulieren  die Autoren ein sogenanntes Gedankenexperi-
       ment durch,  das auf der Frage beruht, wieviel PE verbraucht wer-
       den würde, wenn die Menschheit im Jahre 2030 pro Kopf den Lebens-
       standard der  BRD von 1973 verallgemeinert hätte, bei der für die
       BRD kalkulierten  technischen Energieeffizienz  für 2030  in Höhe
       von 0,26.  (Zur Erinnerung:  die Ziffer 0,26 bedeutet, daß gegen-
       über 1975  im Jahre  2030 das  gleiche Sozialprodukt  mit 26% des
       Primärenergiebedarfs von  1975 hergestellt  werden kann.) Der PE-
       Verbrauch liegt  dann bei weltweit 8 TW, also etwas über dem Ver-
       brauch von  1975. Der  Unterschied zwischen dem Szenario von 1980
       (Tabelle 6)  und 1981/83 (Tabelle 7) besteht also im wesentlichen
       darin, daß  1980 noch eine relativ rasche (nämlich bis 2030 wirk-
       same) Angleichung des Wohlstandsniveaus zwischen Nord und Süd un-
       terstellt wird,  während dieses  Ziel dann aufgegeben wird, indem
       man ein anderes Entwicklungsmodell unterstellt, dessen Tragfähig-
       keit an dieser Stelle nicht diskutiert werden kann.
       
       Tabelle 7:
       Möglicher Weltprimärenergiebedarf  (ohne nichtenergetischen  Ver-
       brauch) bei  effizienter Nutzung, starkem Wirtschaftswachstum und
       konstantem Anteil der Großstadtbevölkerung
       
       Region/ Index BIP      Index        Index          Primärenergie-
       Ver-    (1975 = 1,0)   Energie-     Technische     bedarf (TW) a)
       brauch                 dienstlei-   Energie-
       1975                   stungsin-    effizienz
                              tensität     (1975 = 1,0)
                              (1975 = 1,0)
       (TW)  2000 2030 2080 2000 2030 2080 2000 2030 2080 2000 2030 2080
       
       I
       2,50  1,78 2,52 2,52  0,8 0,65  0,5  0,5 0,26 0,18 1,78 1,06 0,57
       II
       1,81  2,61 5,08 5,08  0,8 0,65  0,5  0,5 0,26 0,18 1,89 1,55 0,83
       III
       2,04  1,85 2,73 2,73  0,8 0,65  0,5  0,5 0,26 0,18 1,51 0,94 0,50
       
       I+II+III
       6,35  2,01 3,21 3,21  0,8 0,65  0,5  0,5 0,26 0,18 5,18 3,55 1,90
       EL
       1,31  2,67 5,78 9,98  1,1 0,90  0,7  0,5 0,26 0,18 1,89 1,68 1,65
       
       Welt
       7,66 2,13  3,69 4,57                               7,07 5,23 3,55
       Index
       1,00                                               0,92 0,68 0,46
       _____
       a) Wegen Rundungsungenauigkeiten  ergeben die  Daten nicht  unbe-
       dingt die Summe der Spalten.
       Quelle: F.  Krause, An  Efficiency- and  Development-Oriented Ap-
       proach to  World Energy  Prospects. International Project of Soft
       Energy Paths,  San Francisco 1981. (aus: Lovins u. a., a.a.O., S.
       163)
       Regionen: vgl. Tab. 6
       
       Im weiteren werden nun Abschätzungen darüber vorgenommen, wie der
       so ermittelte technisch machbare niedrige PE-Bedarf mit regenera-
       tiven bzw.  fossilen Energieträgern  gedeckt werden kann. Mit der
       Methode der  technischen Ökonomie  werden wiederum  die heute be-
       reits an  einzelnen Beispielen  und in  zahlreichen Länderstudien
       errechneten Potentiale  bestimmt, deren  Ergebnisse unter Berück-
       sichtigung der Anpassung der Energieformen an die heterogene Qua-
       lität des Endverbrauchs hochgerechnet werden. Die Autoren betonen
       dabei laufend,  daß sie  relativ konservative Schätzungen vorneh-
       men. Sie  gelangen zu  dem Ergebnis,  daß der größte Teil des PEV
       durch regenerative Energiequellen abgedeckt werden könne, daß man
       also sowohl  auf Kernenergie  verzichten als  auch der  CO2-Falle
       entgehen kann, weil die Verbrennung fossiler Energiequellen stark
       eingeschränkt werden könne.
       Die Autoren unterstellen eine rationale, dem jeweiligen Stand der
       Technik entsprechende  Handlungsweise der Menschheit. Ihre Szena-
       rien sind  normativer Art. Sie zeigen, was machbar wäre, wenn die
       Möglichkeiten tatsächlich genutzt würden. Dies ist von ungeheurer
       Bedeutung, weil über einen Planungshorizont von 50 bis 100 Jahren
       ein systematischer  Prozeß des  Wandels des Reproduktionstyps der
       Menschheit vorgezeichnet wird. Dabei ist es nicht wesentlich, daß
       man mit  allen Hypothesen  und Projektionen übereinstimmt. Insbe-
       sondere braucht  man nicht das langsame Annäherungstempo zwischen
       Nord und  Süd zu  akzeptieren. Zugleich haben wir Marxisten einen
       schärferen Blick für die Dialektik von Zentralismus und dezentra-
       lisierter Regulierung.  Deshalb betonen wir natürlich die Notwen-
       digkeit z.  B. nationaler  und internationaler Verbundsysteme für
       Strom, Gas  und Öl.  Nur darf  uns die Betonung der Notwendigkeit
       auch materieller  Infrastruktur großen  Maßstabes nicht den Blick
       dafür versperren, welche enormen regionalen und lokalen Energier-
       essourcen mobilisierbar  sind und letztlich auch mobilisiert wer-
       den müssen,  um der  CO2-Falle zu  entgehen. Wesentlich ist also,
       daß von  Lovins u.a.  die   R i c h t u n g  aufgezeigt wird, die
       eingeschlagen werden  muß, um  dem CO2-Problem  zu entgehen, ohne
       sich im noch größeren Umfang als bereits heute das Plutonium-Pro-
       blem einhandeln  zu müssen.  Dieser  Argumentationslinie  folgend
       heißt es  deshalb in  der Entschließung  des DKP-Parteivorstandes
       zur Kernenergie  vom 17.  Juni 1986:  "Weltweit müssen verstärkte
       Anstrengungen unternommen  werden, um  auf  die  Energieerzeugung
       durch Kernspaltung  als historisch  begrenzte  Ü b e r g a n g s-
       l ö s u n g   (Hervorhebung durch  mich -  H.B.) so  schnell  wie
       möglich verzichten  zu können. Der Schlüssel dazu liegt vor allem
       in der  Energieeinsparung und  in  der  Entwicklung  alternativer
       Energien." 39)
       Die größte Schwäche der Propagandisten von Effizienzszenarien wie
       Lovins u.a.  ist die Umsetzungskonzeption. 40) Die Autoren unter-
       stellen, daß  unverzerrte Marktbedingungen  dieser Strategie, die
       zugleich die  kostengünstigste sei, am besten zum Durchbruch ver-
       helfen würden. Nun haben sie z. B. das Pech, die Kostenvergleiche
       der regenerativen  Energiequellen mit dem Erdöl auf der Basis der
       2. Ölpreisrevolution  von 1979/81  durchgeführt zu haben, während
       wir 1986  einen radikalen Preissturz erleben, der die Substituti-
       onsprozesse marktmäßig  zum Stillstand bringen würde. Die Verfas-
       ser kalkulieren also nicht ein, daß eine erfolgreiche Substituti-
       onsstrategie oder  eine Weltwirtschaftskrise, die bei ihnen nicht
       vorkommt, gerade wiederum die Voraussetzung für eine Untergrabung
       dieses Prozesses  ist, wenn  nicht  p l a n m ä ß i g  g e g e n-
       r e g u l i e r t   wird. Der  Markt ist  per Definition  ein ex-
       post-Entscheidungssystem, er  kann auf  Knappheitsrelationen oder
       negative Folgen  bestimmter Entscheidungen  (z.B. CO2-Falle) erst
       dann preislich  reagieren, wenn  diese bereits  eingetreten sind.
       Dann ist es aber (auch dies ex definitione) zu spät. Das Regulie-
       rungssystem  des   Marktes  funktioniert   nur  über  Krisen  und
       Katastrophen, Fehlentscheidungen  können  nur    n a c h t r ä g-
       l i c h  korrigiert werden, d. h. wenn sie bereits gefallen sind.
       Bei der  hier zur  Debatte stehenden  Thematik  kommt  es  jedoch
       darauf an,  solche Krisen  als menschheitsbedro-hend  zu   v e r-
       h i n d e r n.   Das Marktsystem  kann hier  also nicht mehr hil-
       freich sein. Zugleich stehen sie vor dem Problem, die sogenannten
       "Unvollkommenheiten   des   Marktes",   d.h.   die   "deformierte
       Vergesellschaftung" 41)  zu überwinden,  ohne sich  explizit  zur
       Notwendigkeit einer  progressiven Vergesellschaftung zu bekennen,
       wie dies  bei Hennicke  u.a. der  Fall ist. Dabei unterstellt ihr
       globales Szenario  gerade dieses:  einen hochkomplexen Prozeß der
       Ausschöpfung   des   jeweils   höchsten   Standes   der   Produk-
       tivkraftentwicklung, den die Vertreter der "technischen Ökonomie"
       sehr gut kennen, angepaßt auf die jeweiligen Regionen und Länder;
       eine internationale  Zusammenarbeit und Kooperation aller Völker,
       um diesen Prozeß durchzusetzen; die Setzung von energie- und ent-
       wicklungspolitischen Rahmendaten,  die nicht  der Markt,  sondern
       nur ein  g l o b a l e r  P l a n  zur Lösung der Menschheitspro-
       bleme garantieren kann, selbstverständlich mit Hilfe der Funktio-
       nalisierung der  Markt-Preis-Beziehungen zwecks regional und sek-
       toral differenzierte Implementierung dieser Planung, d.h. der ma-
       ximalen Ausschöpfung  der Ideen und Initiativen der Menschen, Re-
       gionen und Nationen im Rahmen dieser Gesamtstrategie.
       Es liegt  auf der  Hand, daß  die politischen Voraussetzungen zur
       Realisierung dieser  Strategie lauten: Frieden, Abrüstung, inter-
       nationale Zusammenarbeit, Überwindung der Macht der multinationa-
       len Konzerne  und damit der deformierten Vergesellschaftung, Ori-
       entierung der  sozialistischen Planwirtschaften  und der  Aufbau-
       strategie der Entwicklungsländer an dem ökologischen Imperativ.
       Obwohl Lovins u.a. also von der "freien Marktwirtschaft" träumen,
       entwickeln sie  Lösungswege, die sich nur unter globalen nichtka-
       pitalistischen Bedingungen  realisieren lassen.  Die Durchsetzung
       der hierzu  erforderlichen "Internationalisierung  der  Vernunft"
       42) erfordert  breite demokratische und antimonopolistische Bünd-
       nisse.
       
       _____
       1) K.M. Meyer-Abich/B.  Schefold, Die Grenzen der Atomwirtschaft.
       Mit einer Einleitung von C.F. v. Weizsäcker, München 1986.
       2) H. Sorge,  Sonnenenergie als  Hauptenergiequelle, in: Deutsche
       Volkszeitung/die tat, 20.6.1986.
       3) Deutscher Bundestag,  Bericht der  Enquete-Kommission "Zukünf-
       tige Kernenergie-Politik" - Drucksache 8/4341 v. 27.6.1980.
       4) K. Knizia,  Energie, Ordnung,  Menschlichkeit, Düsseldorf/Wien
       1981.
       5) F.  Krause/H.   Bossel/K.-F.  Müller-Reißmann,  Energie-Wende.
       Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran. Ein Alternativbericht
       des Öko-Instituts/Freiburg, Frankfurt 1980; und A. B. Lovins/L.H.
       Lovins/F. Krause/W.  Bach, Wirtschaftlichster Energieeinsatz: Lö-
       sung des CO2-Problems. Karlsruhe 1983 (Übersetzung aus dem Ameri-
       kanischen, Massachusetts 1981).
       6) Lovins u. a., a.a.O., S. 19.
       7) W. Bach, Ist das Festhalten an der Atomenergie noch zu verant-
       worten? Fragen  und Fakten  zur Atomwirtschaft,  in: Blätter  für
       deutsche und internationale Politik 6/1986, S. 675-693.
       8) Lovins u.a., a.a.O., S. 171.
       9) Deutsche Kommunistische  Partei, Energiepolitische Vorstellun-
       gen der DKP, Düsseldorf 1983.
       10) Vgl. Krause/Bossel/Müller-Reißmann, a.a.O.
       11) P. Glotz,  Die Arbeit  der Zuspitzung.  Über die Organisation
       einer regierungsfähigen Linken, Westberlin 1984.
       12) Vgl. Knizia, a.a.O., S. 221.
       13) Meyer-Abich/Schefold, a.a.O., S. 132.
       14) Ebenda, S. 151.
       15) P. Hennicke/J.P.  Johnson/S. Kohler/D. Seifried, Die Energie-
       wende ist  möglich. Für  eine neue  Energiepolitik der  Kommunen,
       Frankfurt a.M. 1985.
       16) Meyer-Abich/Schefold, a.a.O., S. 137.
       17) H. Lübbe,  Umweltschutz nicht  ohne Marktwirtschaft. Ein Ver-
       gleich von  Ideologien  und  politischen  Systemen,  in:  FAZ  v.
       31.5.1986.
       18) H. Roos/G. Streibel, Umweltgestaltung und Ökonomie der Natur-
       ressourcen. Berlin (DDR) 1979.
       19) I. Bestushew-Lada,  Die Welt  im Jahr  2000. Eine sowjetische
       Prognose für unsere Zukunft, Freiburg i. Br. 1984.
       20) E. Gärtner,  Armutbedingte Umweltprobleme, in: Antiimperiali-
       stisches Informationsbulletin.  Die Dritte  Welt Zeitschrift, Nr.
       7/Juli 1986.
       21) Knizia, a.a.O.
       22) Vgl. ebenda, S. 202.
       23) G. Ch.  Schachnasarow, Die  Zukunft der Menschheit. Prozesse,
       Probleme, Prognosen, Leipzig, Jena, Berlin/DDR 1982.
       24) Vgl. Deutscher Bundestag, a.a.O., S. 104-123.
       25) H. Bömer,  Die drohende  Katastrophe.  Globale  Probleme  der
       Menschheit, Frankfurt a.M. 1984.
       26) Vgl. Lovins u.a., a.a.O. und Bach 1986, a.a.O.
       27) Vgl. Hennicke u.a., a.a.O., S. 252 ff.
       28) Ders., a.a.O., S. 20 f.
       29) Ders., a.a.O., S. 16.
       30) Vgl. Memorandum '85 (Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspo-
       litik), Gegen  die Unterwerfung der Arbeit und die Zerstörung der
       Umwelt - Mehr Arbeitsplätze, soziale Sicherheit und Umweltschutz,
       Köln 1985, S. 196 ff.
       31) H. Meixner,  Thesen zu einer Strategie qualitativen Wachstums
       am Beispiel  des Energiebereichs.  Ist der  Markt doch besser als
       sein Ruf?, in: Memo-Forum-Zirkular der "Arbeitsgruppe Alternative
       Wirtschaftspolitik", Nr. 3, Juni 1984, S. 64-83, hier S. 83.
       32) H. Jung,  Deformierte Vergesellschaftung.  Zur Soziologie des
       staatsmonopolistischen Kapitalismus, Frankfurt a.M. 1986.
       33) Vgl. a.a.O., S. 286.
       34) R.P. Sieferle, Der unterirdische Wald. Energiekrise und indu-
       strielle Revolution, München 1982, und Roos/Streibel, a.a.O.
       35) Meyer-Abich/Schefold, a.a.O., S. 39.
       36) Vgl. Krause/Bossel/Müller-Reißmann, a. a. O., S. 168.
       37) Vgl. a. a. O., S. 33.
       38) Vgl. U.  Colombo/O. Bernardini,  A  Low  energy  growth  2030
       scenario and the perspectives for Western Europe. Report prepared
       for the Commission of the European Communities Brüssel 1979.
       39) Deutsche   Kommunistische    Partei,   DKP   und   Kernkraft.
       (Entschließung des  Parteivorstandes der  DKP zur Kernenergie vom
       17.2.1986), Düsseldorf.
       40) Vgl. Bömer,  H., Ausstieg aus der Atomwirtschaft als Einstieg
       in einen  alternativen Entwicklungsprozeß,  in: Blätter für deut-
       sche und internationale Politik 8/1986, S. 938-952.
       41) Vgl. Jung, a.a.O.
       42) Vgl. G. Ch. Schachnasarow, in: Marxistische Blätter 4/1986.
       

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