Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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       NEUE TECHNIK - NEUE AUSBEUTUNGSFORMEN - LAGE DER ARBEITERKLASSE.
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       ERGEBNISSE EINER INTERNATIONALEN TAGUNG
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       André Leisewitz
       
       Das IMSF  und die  Zeitschrift "Probleme des Friedens und des So-
       zialismus" (Prag)  veranstalteten am  19./20. März 1986 in Frank-
       furt/M. ein  gemeinsames internationales  Symposium "Der  wissen-
       schaftlich-technische Fortschritt und die Lage der Arbeiterklasse
       der kapitalistischen  Länder (80er Jahre)". An dieser Tagung nah-
       men Vertreter von zehn kommunistischen und Arbeiterparteien kapi-
       talistischer Länder  1) sowie  eine Reihe  marxistischer  Wissen-
       schaftler des  In- und  Auslandes teil.  Im Mittelpunkt stand ein
       Meinungsaustausch über  neue Probleme  im  Ausbeutungsmechanismus
       des Kapitals  und die Lage der Arbeiterklasse unter den Bedingun-
       gen des  wissenschaftlich-technischen Fortschritts.  Ein vom IMSF
       ausgearbeitetes Vorbereitungsmaterial, das sich auf Veränderungen
       im Kapitalismus  der achtziger  Jahre, auf neue Ausbeutungsformen
       und Kampfprobleme  der Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik be-
       zog, diente als allgemeine Diskussionsgrundlage.
       Der Verlauf der Tagung unterstrich, wie notwendig die Einstellung
       der Arbeiterbewegung  auf jene Veränderungen ist, die sich inter-
       national in der Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalis-
       mus seit  den siebziger Jahren vollzogen haben. Diese Veränderun-
       gen können  als Ausprägung  eines neuen Krisentyps gefaßt werden,
       der in  starkem Maße  durch stagnative Tendenzen der Wirtschafts-
       entwicklung und  strukturelle Überakkumulation,  durch verstärkte
       Internationalisierung des  Kapitals und  einen massiven Schub bei
       der Einführung neuer Technologien gekennzeichnet ist. In den mei-
       sten entwickelten  kapitalistischen Ländern realisiert sich diese
       Entwicklung auf der staatlich-politischen Ebene über eine scharfe
       Austeritätspolitik und  das Konzept der weltmarktorientierten Mo-
       dernisierung. Damit sind Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau, An-
       wendung der  neuen Technik zur Intensivierung des Ausbeutungspro-
       zesses und Druck auf die Arbeiterbewegung verbunden.
       Der internationale Vergleich, wie ihn die Tagung bot, hat für die
       Erfassung dieser  Prozesse viele Vorteile. Er läßt aus dem Mosaik
       der Einzeldarstellungen nicht nur stärker die Grundtendenzen die-
       ser aktuellen  Entwicklungen, sondern  auch die jeweils konkreten
       und besonderen  Bedingungen der einzelnen Länder plastischer her-
       vortreten. Dies  gilt nicht zuletzt für die strategischen Konzep-
       tionen, wie  sie von den Gewerkschaften und der marxistischen Ar-
       beiterbewegung entwickelt  werden. Ohne Zweifel hat sich dabei in
       den letzten  Jahren die  Auseinandersetzung um  die Entwicklungs-
       richtung und  die Anwendung  der neuen Technik in Betrieb und Ge-
       sellschaft, um  neue  Arbeits-  und  Ausbeutungsformen  zu  einem
       zentralen  Feld  des  Klassenkampfes  herauskristallisiert.  Dies
       schließt, wie  die Erfahrung  zeigt, auch  in vielen  Fällen  die
       Neubestimmung   des   Verhältnisses   der   Arbeiterbewegung   zu
       Rationalisierung und  neuer Technik  ein und  macht weitergehende
       theoretische  Arbeiten   zur  Bestimmung   des   Charakters   der
       gegenwärtigen Entwicklungsphase notwendig.
       
       I.
       
       Das der  Konferenz vorliegende  Vorbereitungsmaterial bezog  sich
       auf Erfahrungen aus der Bundesrepublik. Einige Grundgedanken kön-
       nen hier  nur knapp  wiedergegeben werden.  2) Wie die Diskussion
       zeigte, sind zumindest die Grundprozesse auch in den anderen ent-
       wickelten kapitalistischen Ländern wirksam.
       1. Seit den siebziger Jahren ist ein massiver Umverteilungsprozeß
       zugunsten  der   Profitentwicklung  auf  gesamtgesellschaftlicher
       Ebene zu beobachten. Darauf verweisen die sinkende Lohnquote, die
       gegenläufige Entwicklung  der Steuerbelastung  für  Gewinne  bzw.
       Lohneinkommen, der  Abbau staatlicher Sozialleistungen. Über die-
       sen Prozeß  wurden auch  Möglichkeiten für  eine qualitative  Um-
       strukturierung  des  Arbeitskörpers  (Ausgliederung  älterer  und
       "leistungsschwacher" Arbeitskräfte),  für eine Intensivierung der
       Arbeitsprozesse und  damit Spielräume  für die beschleunigte Ein-
       führung neuer Technologien geschaffen.
       2. Im Übergang  zu den  achtziger Jahren hat offenkundig in allen
       kapitalistischen Industrieländern ein massiver Rationalisierungs-
       schub eingesetzt,  bei dem  elektronisch gestützte  Informations-
       und Kommunikationstechnologien  für die  Technisierung von Steue-
       rungs-, Regelungs-  und Informationsverarbeitungsfunktionen  eine
       Schlüsselrolle spielen.  Das zieht  einen ausgeprägten Umbruch in
       der Arbeit nach sich. Die Arbeitsbedingungen und Alltagserfahrun-
       gen großer  und wachsender  Teile der Arbeiterklasse werden heute
       vom Umgang  mit solchen  neuen Technologien  bestimmt. Gerade die
       wirtschaftliche Krisen-  und Stagnationsphase setzt starke Kräfte
       zur breiteren  Rationalisierung frei,  wobei die Konzeptionen der
       Flexibilisierung von Technik, Produktionsorganisation, Arbeit und
       Arbeitszeiten auf  die Ökonomisierung  aller  Kapitalbestandteile
       abzielen.
       3. Die Tendenz  zu wachsender  Bedeutung der  Ausbeutung qualifi-
       zierterer Lohnarbeit  ist hierbei  nicht zu übersehen. Dies zeigt
       sich im  steigenden Durchschnitt  des  Qualifikationsniveaus  der
       fungierenden Lohnarbeit.  Doch realisiert  sich diese Entwicklung
       nur über  die Entwertung  vorhandener Qualifikationen,  über  die
       Verdrängung von  Beschäftigten aus dem Arbeitsprozeß. Die Zunahme
       von Arbeitstempo,  Monotonie, sozialer Isolation am Arbeitsplatz,
       die Ausweitung  von Schichtarbeit  und betrieblicher Arbeits- und
       Leistungskontrolle charakterisieren  den sozialen Inhalt des wis-
       senschaftlichtechnischen Fortschritts und der mit ihm verbundenen
       Umbrüche in  Arbeitsteilung und  -organisation als Mittel zur In-
       tensivierung des  Arbeits- und  Ausbeutungsprozesses.  Dies  gilt
       auch für  die von  den Unternehmern  favorisierten Formen der Ar-
       beitszeitflexibilisierung. Neue Formen zur Produktion des relati-
       ven wie absoluten Mehrwerts sind dabei eng miteinander verbunden.
       Zugleich weitet sich unter dem Krisendruck auch der Sektor exten-
       siver Arbeitskraftnutzung  aus (z.  B. im  Rahmen sozialrechtlich
       ungesicherter Beschäftigungsverhältnisse).
       4. Bei den viel diskutierten "neuen Produktionskonzepten" geht es
       offenkundig um  die Verknüpfung zweier Haupttendenzen der Produk-
       tivkraftentwicklung nach  Maßgabe der  charakterisierten  Ausbeu-
       tungs- und  Kapitalverwertungsziele: der  wachsenden Flexibilität
       der neuen  Technik und der damit gegebenen neuen Integrationsmög-
       lichkeiten. Auf  dieser Basis  werden Arbeitsprozesse  umstruktu-
       riert und  neue Formen  einer  umfassenderen  Arbeitskraftnutzung
       entwickelt. Das  schließt die Entwicklung neuer Formen betriebli-
       cher Herrschaft  ebenso ein  wie andererseits  die  Herausbildung
       neuer Fähigkeiten, Bedürfnisse und Handlungspotentiale der Beleg-
       schaften. Neue  soziale Differenzierungslinien  in der  Arbeiter-
       klasse auf  gesellschaftlicher und  betrieblicher Ebene  und  das
       wachsende Gewicht  neuer Gruppen (besonders der Intelligenz) sind
       dabei zu beachten.
       5. Wenn diesen  Prozessen in  der Strategie  der Arbeiterbewegung
       Rechnung getragen  werden muß,  so geht es in der Auseinanderset-
       zung mit den neuen Technologien nicht um die Alternative abstrak-
       ter "Technikbejahung"  oder "Technikverneinung". Es geht vielmehr
       um die  genauere Bestimmung der Interessen der Lohnabhängigen mit
       Blick auf die Technik- und Produktivkraftentwicklung, um die For-
       mulierung eigenständiger  Ziele auf  dieser Ebene und um die Ent-
       faltung eines  Maximums an  Handlungsfähigkeit und Durchsetzungs-
       kraft. Das  schließt heute  alle Kampfformen ein, wobei besondere
       Bedeutung der  Arbeitszeitverkürzung, der  Ausweitung von Schutz-
       und Mitbestimmungsrechten  sowie der  Beeinflussung von  Technik-
       und Arbeitsgestaltung  zukommt. Eine solche Strategie gibt jedoch
       nur Sinn,  wenn sie als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Anti-
       krisenkonzeption entwickelt  wird, die auf die eigentlichen Ursa-
       chen von  Massenarbeitslosigkeit, neuen  sozialen Belastungen und
       Krise zielt  und in  deren Rahmen die verschiedenen Konflikte und
       Abwehrkämpfe ebenso  wie die  unterschiedlichen  Interessen  ver-
       schiedener Lohnabhängigengruppen  verallgemeinert, gebündelt  und
       gegen die Spaltungskonzeptionen des Kapitals gewendet werden kön-
       nen.
       
       II.
       
       Robin Williams (Aston University, KP Großbritanniens) unterstrich
       in seinem  Beitrag den  Gedanken, daß  die betriebliche Anwendung
       neuer Technologien dem Interessenkonflikt und -kampf zwischen Be-
       legschaften und  Management unterliegt. In den britischen Gewerk-
       schaften haben  sich Ende  der siebziger Jahre unter dem Eindruck
       der "Modernisierung" wesentliche Veränderungen in der Haltung zur
       neuen Technik  vollzogen -  weg von einer weitgehenden Zustimmung
       zu Rationalisierung und hin zu einer konkreteren und kritischeren
       Analyse. Die auf der unmittelbar betrieblichen Ebene schon früher
       oft verfolgte Taktik, technische Umwälzungen u.U. ganz zu verhin-
       dern, habe die Gewerkschaften bei raschem industriellem und tech-
       nischem Strukturwandel  jedoch zunehmend  verwundbar gemacht  und
       ihre soziale Basis unterminiert.
       Die vom TUC seit 1979 verfolgte Konzeption der "kritischen Akzep-
       tierung"  neuer  Technologien  und  der  "technology  agreements"
       (Aushandeln  von   Vereinbarungen  über   Technikeinführung   und
       -gestaltung zwischen Gewerkschaften und Unternehmern) erwies sich
       aber nur  als begrenzt  erfolgreich. Zwar hätten dort, wo auf der
       Basis gewerkschaftlicher  Kampfkraft verhandelt  worden sei, eine
       Reihe von  Verbesserungen realisiert  werden können  (Löhne, Ein-
       gruppierung, Ergonomie, Arbeitsplatzsicherung). Die gewerkschaft-
       lichen Forderungen  schlössen aber  Fragen wie  Berufsbilder, Sy-
       stemgestaltung, betriebliche Planung des technischen Fortschritts
       usw. nicht ein und generell habe sich ein Mangel an Vorstellungen
       über Alternativen  der Technikgestaltung  gezeigt. 3)  Der Gefahr
       betrieblicher Spaltung  der Belegschaften (Gewinner/Verlierer bei
       Technikeinführung) sei  nur schwer  zu begegnen.  Ein Mangel  sei
       auch  die   fehlende  Verbindung   zu  anderen  sozialen  Gruppen
       (Konsumenten, Umweltbewegung),  die eine  Verbreiterung der Basis
       gewerkschaftlicher Politik ermöglichen würde.
       Bert Ramelson  (KP Großbritanniens) erinnerte in diesem Zusammen-
       hang an  den britischen Bergarbeiterstreik und die Strukturverän-
       derungen in der Arbeiterklasse und den gewerkschaftlichen Organi-
       sationen, die  mit dem technischen und industriellen Strukturwan-
       del verbunden  sind. Die Frage der Einheit der Arbeiterklasse er-
       weise sich hier - wie im Zusammenhang mit der Massenarbeitslosig-
       keit -  als ein  zentrales Problem. Ramelson schloß hier auch die
       wachsende Bedeutung  der Intelligenz auf betrieblicher Ebene ein.
       Er verwies  auf zunehmende  soziale Annäherung  an die  Arbeiter-
       klasse und  deren Bedarf  an qualifizierter Beratung in Auseinan-
       dersetzung mit der Einführung der neuen Technik.
       Strukturkrisen, Veränderungen in den betrieblichen Produktionsbe-
       dingungen und  Angriffe der  Regierung auf soziale Rechte und Er-
       rungenschaften kennzeichnen weithin die Situation der Arbeiter in
       den USA. Eines der spektakulärsten Beispiele der Einführung neuer
       Technologien und  der Umorganisierung  von Betriebs- und Konzern-
       strukturen bietet  heute General  Motors, der  größte US-Autokon-
       zern. John  Pittman (KP USA) erläuterte dies anhand der gegenwär-
       tig anlaufenden  Einführung des  "Manufakturing Automation Proto-
       col"-Systems. Es handelt sich bei MAP um ein (auch in der BRD in-
       zwischen bekanntes)  elektronisches  Fabrik-Kommunikationssystem,
       das Vernetzungsschwierigkeiten  zwischen Computern, Robotern, au-
       tomatischen Anlagen  usw. überwinden  und  damit  der  Automation
       einen neuen  Schub geben  soll. In  die gleiche Richtung verweist
       das Saturn-Projekt von GM, der radikale Neuaufbau einer hochauto-
       matisierten Automobilfabrik,  die bei  6000 Beschäftigten 400 000
       bis 500 000  PKW pro  Jahr produzieren  soll. 4)  Dieses  Projekt
       dürfte mit  seinen Beschäftigungsfolgen  einen Markstein  für die
       internationale Automobilbranche setzen.
       Pittman gab  weiterhin eine Übersicht zu zwei Studien des AFL-CIO
       zur Zukunft  der Arbeit  und zur  Lage der Arbeiter und ihrer Ge-
       werkschaften in  den USA, in denen auf die Perspektive wachsender
       Arbeitslosigkeit, auf  die Beschäftigungsverhältnisse  im Dienst-
       leistungsbereich und Probleme des rückläufigen gewerkschaftlichen
       Organisationsgrads in den USA eingegangen wird. 5)
       In der  Auseinandersetzung um  die neue  Technik herrschen in der
       Bundesrepublik Abwehrkämpfe  vor (Stephan  Voets, DKP),  die sich
       nicht nur  auf die  betriebliche Ebene,  sondern ebenso  auf  die
       Friedens- und  Umweltfrage und  andere Bereiche beziehen. Die Ab-
       wehr neuer  Belastungen im Betrieb müsse mit dem Kampf um gesell-
       schaftliche Alternativen  und  Verbesserungen  verbunden  werden.
       Voets  nannte   die  Zurückdrängung   von  Rüstungsforschung  und
       -technik, Arbeitszeitverkürzung,  Erleichterung und  Bereicherung
       der Arbeit  durch Eingriffe in Arbeitsorganisation und Technikge-
       staltung, die Ausweitung von Qualifikation und Bildung. Im Rahmen
       einer alternativen  Wirtschafts-, Struktur- und Forschungspolitik
       komme der  Ausweitung von Kontroll- und Mitbestimmungsrechten be-
       sondere Bedeutung zu. 6)
       Zum Verhältnis von Arbeiterbewegung und Intelligenz verwies Voets
       auf wachsende  Bündnismöglichkeiten, die  durch die Friedensbewe-
       gung geschaffen  würden und  die auch die betriebliche Sphäre be-
       rühren. Beispiele  sind die Naturwissenschaftler-Initiative gegen
       das Wettrüsten  oder der  von etwa tausend Beschäftigten des Sie-
       mens-Konzerns unterstützte Aufruf gegen eine Beteiligung an SDI.
       Der wissenschaftlich-technische  Fortschritt ist  heute zu  einer
       wichtigen Dimension  der globalen  Probleme geworden,  die  immer
       stärker auch  die innere  Auseinandersetzung in  den kapitalisti-
       schen Ländern bestimmen. Dies gilt, so Jean Spielmann (Partei der
       Arbeit der  Schweiz), für  den  Widerspruch  zwischen  wachsenden
       Kenntnissen der  menschlichen Gattung  und Ausweitung  von Armut,
       Analphabetismus, Krankheiten in der Welt; für die den neuen Tech-
       nologien und ihren Potenzen gegenüberstehende Massenarbeitslosig-
       keit; für den Widerspruch zwischen industrialisierten Ländern und
       der dritten  Welt (Verschuldungskrise), für die Ökologiefrage und
       natürlich besonders  für die Tatsache, daß heute erstmals mit den
       neuen Rüstungstechnologien  die menschliche  Existenz  global  in
       Frage gestellt  ist. Diese Probleme entwickeln heute ihre politi-
       sche, ideologische  und kulturelle Brisanz in einer Situation, in
       der aus  der Sicht  der Schweiz  die progressiven,  linken Kräfte
       aufgrund der  ökonomischen Entwicklung  sich in einer schwierigen
       und defensiven Situation befinden. Unter welchen Bedingungen kön-
       nen die  Menschen die  technischen Möglichkeiten für sich nutzen?
       Auf diese  Frage müßten  die Marxisten heute eine Antwort entwic-
       keln. Spielmann erläuterte ferner die Besonderheiten der Rückwir-
       kung des  kapitalistischen Weltmarktes  auf  die  Wirtschaft  der
       Schweiz, wobei  für den Bedeutungsrückgang des industriellen Sek-
       tors des  Landes die  Vernachlässigung von Forschung und Entwick-
       lung durch  Staat und Monopole, Produktionsverlagerungen ins Aus-
       land u.  ä. von  Bedeutung seien. Er unterstrich ausdrücklich die
       Ambivalenz und  Widersprüchlichkeit der neuen Technik und der Im-
       plikationen ihrer betrieblich-gesellschaftlichen Anwendung.
       Die forcierte  Einführung neuer Technologien kann nicht losgelöst
       vom kapitalistischen  Gesamtprozeß betrachtet werden. Sie ist Re-
       aktion des Kapitals auf die mit der Verlangsamung der Akkumulati-
       onsdynamik wachsenden  Verwertungsschwierigkeiten. Jörg  Goldberg
       (IMSF) betonte,  daß sich  das Tempo der Freisetzung von Arbeits-
       kräften durch  Rationalisierung in  der Bundesrepublik  gegenüber
       der Vergangenheit  nicht beschleunigt  hat. Wesentlicher  Ansatz-
       punkt zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit muß also eine ge-
       samtwirtschaftliche Antikrisenpolitik  sein. Die  staatsmonopoli-
       stische Modernisierungspolitik  verschärft demgegenüber  die  be-
       reits heute  gegebenen Widersprüche auf längere Sicht, obwohl sie
       die Verwertungsbedingungen  der strukturbestimmenden Konzerne und
       Branchen zunächst verbessert. Gerade im Bereich dieser rationali-
       sierungsintensiven Konzerne sammeln sich jedoch hohe Kapitalüber-
       schüsse an, Ausdruck struktureller Überakkumulation im Verhältnis
       zu profitablen  Anlagemöglichkeiten. Zugleich  wachsen  regionale
       und Branchendisparitäten mit krisenhafter Zuspitzung.
       Die mit  der kapitalistischen  Produktivkraftentwicklung  verbun-
       denen Widersprüche  zeigen  sich  auch  in  den  Arbeitsprozessen
       selbst (A.  Leisewitz, IMSF). So bedeutet z. B. größere Prozeßsi-
       cherheit von  Automationsanlagen eine  Reduzierung der Eingriffs-
       zeiten der  Beschäftigten, was  bekanntlich einen  Verschleiß von
       Qualifikationen und Reaktionsfähigkeiten einschließt. Große Anla-
       genwerte verlangen  aber nach  hohen Qualifikationen der Beschäf-
       tigten, um Stör- und Ausfallszeiten möglichst zu reduzieren. Dar-
       aus können  Ansatzpunkte für  neue Formen  der  Arbeitsgestaltung
       entstehen. Jedoch  verweisen alle  Erfahrungen zugleich  auf  die
       Herausbildung neuer  Formen technischer  und bürokratischer  Kon-
       trolle der  Arbeit. So  ist in  Verbindung mit neuen Technologien
       eine weitreichende  Tendenz zu  Formen der Arbeitsorganisation zu
       beobachten, die  auf eine  möglichst umfassende  Ausschöpfung der
       individuellen, arbeitsbezogenen  Kenntnisse zwecks Produktionsin-
       tensivierung abzielen  (siehe z.B.  die Qualitätszirkel). Für die
       Formierung der  Arbeiterklasse auf  betrieblicher Ebene entstehen
       nicht nur aus den mit neuer Technik verbundenen Differenzierungs-
       und Segmentierungsprozessen  Probleme, sondern auch aus den neuen
       Formen der Arbeitsorganisation. Dies zeigt sich in der wachsenden
       Bedeutung von Isolation am Arbeitsplatz. Wenn in den Gewerkschaf-
       ten der Bundesrepublik eine kritischere Haltung der neuen Technik
       gegenüber unter  dem Stichwort  "soziale Kontrolle der Produktiv-
       kraftentwicklung" Platz  gegriffen hat,  so macht  dies auch  die
       Entwicklung eigenständiger, Klasseninteressen verpflichteter For-
       derungen nach alternativer Arbeitsgestaltung notwendig.
       Auf solche  Veränderungen der  sozialen Dimension des Arbeitspro-
       zesses und der betrieblichen Kommunikation wies auch Lothar Peter
       (Universität Bremen) mit der Forderung hin, der Herrschaftssozio-
       logie des Kapitals eine antikapitalistische Soziologie der Praxis
       in den Betrieben entgegenzusetzen. Der traditionelle betriebliche
       Alltagsrhythmus "gemeinsam  in die  Fabrik, gemeinsam  in der Fa-
       brik, gemeinsam aus der Fabrik heraus" würde mit den neuen Flexi-
       bilisierungskonzepten weitgehend aufgebrochen. Zunehmende techni-
       sche Vermittlung  der Kooperation  sei eine  der Ursachen für die
       Einschränkung innerbetrieblicher  Kontakt- und Kommunikationsmög-
       lichkeiten. Das  Verlangen nach  Mindestnormen der Arbeitsgestal-
       tung müsse  daher über  rein ergonomische Forderungen hinausgehen
       und z.  B. auf  die institutionalisierte  Durchsetzung von  Bera-
       tungs- und  Kommunikationsmöglichkeiten während  der Arbeit drän-
       gen. Peter  illustrierte das  anhand der  französischen "Lois Au-
       roux", die  unter der  Linksregierung durchgesetzt werden konnten
       und in bestimmtem Rahmen solche Möglichkeiten geben. 7)
       In die  gleiche Richtung argumentierte Klaus Pickshaus (IMSF) un-
       ter Bezug  auf das Konzept der Flexibilisierung von Arbeitszeiten
       und Arbeitsverhältnissen. Die Gewerkschaften hatten dem im Streik
       um die  Einführung der 35-Stunden-Woche 1984 den Kampf um kollek-
       tive, einheitliche  Schritte der Verkürzung der Wochenarbeitszeit
       entgegengesetzt. Wenn die Unternehmer bei der Einführung flexibi-
       lisierter Arbeitszeiten  bisher nur  begrenzten Erfolg hatten, so
       ist dies  zweifellos diesem  Kampf und  dem vergleichsweise hohen
       Grad an kollektivrechtlichen Regelungen in der Bundesrepublik zu-
       zuschreiben. Dennoch  gibt es  reale Bedürfnisse  von Gruppen der
       Arbeiterklasse, an  denen die  Flexibilisierungskonzepte ansetzen
       (z.B. Interesse an Teilzeitarbeit bei erwerbstätigen Frauen). Ne-
       ben der  Durchsetzung kollektiver, einheitlicher Schritte der Ar-
       beitszeitverkürzung werde daher auch die Entwicklung einer diffe-
       renzierten gewerkschaftlichen Arbeitszeitpolitik notwendig, die -
       bei kollektivrechtlichem  Schutz -  die besonderen Interessen und
       Belastungen einzelner Gruppen der Arbeiterklasse berücksichtige.
       Anknüpfend an  die Bemerkung  von Spielmann über die Widersprüch-
       lichkeit der  technischen  Entwicklung,  unterstrich  Heinz  Jung
       (IMSF), daß  vom Standpunkt der Autonomie der sozialen Interessen
       der Arbeiterklasse die Technik nicht als ein neutrales Element im
       Gesellschaftsprozeß verstanden werden kann, sondern in ihrer kon-
       kreten Gestaltung  sich im Wechselverhältnis mit den kapitalisti-
       schen Produktionsverhältnissen  und durch  diese geprägt  entwic-
       kelt. Gesellschaftliche  Interessen schlagen  sich in der Produk-
       tivkraftentwicklung nieder;  sie folgt keineswegs nur einer inne-
       ren Eigenlogik.  Dies ist  im übrigen  auch die Grundlage für die
       gewerkschaftliche Forderung  nach Eingriff  in die  Technik-  und
       Produktivkraftgestaltung zur  Realisierung von  Lohnabhängigenin-
       teressen.
       Wenn die  Gewinnung von Teilen der Intelligenz für die Interessen
       der Arbeiterklasse  mit der  wissenschaftlich-technischen Revolu-
       tion an  Bedeutung gewinnt,  so muß  die Frage nach Ansatzpunkten
       und Zugängen  in den  Mittelpunkt rücken.  Hier, so  Jung, können
       Lohnarbeiterinteressen der  Intelligenz bei fortgeschrittener Ra-
       tionalisierung ihrer Arbeit Bedeutung erlangen; bei anderen Grup-
       pen spielen,  wie die  Erfahrung zeigt,  Berufsinteressen, Fragen
       der Verantwortung  der eigenen  Tätigkeit, ihres  Sinns usw. eine
       wichtige Rolle. Gerade auf dieser Grundlage sei ihre Einbeziehung
       als Beratungspotential demokratischer Bewegungen möglich.
       George Jackson  (Socialist Unity Party, Neuseeland) hob in seinem
       Beitrag die Bedeutung der Leninschen Imperialismusanalyse für das
       Verständnis des  heutigen staatsmonopolistischen Kapitalismus und
       die Internationalisierung  des Kapitals  hervor. Jackson  stellte
       die Frage  nach der Bedeutung der technologischen Umwälzungen für
       die Zukunft  der Arbeiterklasse in einem Land mit stark differen-
       zierter und  aufgesplitterter Gewerkschaftsbewegung  - in Neusee-
       land gibt  es gegenwärtig  über 260 Einzelgewerkschaften. Er plä-
       diert dafür, sich nicht als "moderne Ludditten" gegen den techno-
       logischen Wandel  zu stellen,  sondern für  die sozialen und kul-
       turellen Bedürfnisse  und Forderungen der Lohnabhängigen zu kämp-
       fen.
       Über die  Vielfalt  materieller  und  ideologischer  "Hebel"  zur
       Durchsetzung von  Rationalisierungszielen in staatlichen und pri-
       vaten Monopolbetrieben  sprach William  Somerset (KP Irlands). Er
       bezog sich dabei auf über dreißig Jahre Erfahrung gewerkschaftli-
       cher Tätigkeit  im Rahmen  des nordirischen Telekommunikationswe-
       sens (zuerst Teil des General Post Office Großbritanniens, später
       privatisiert). Obwohl  die großen  Versprechungen von  leichterer
       Arbeit, freierem  Leben oder  "transformiertem Kapitalismus", mit
       denen die  Einführung der  neuen  Technik  ideologisch  begleitet
       wird, rasch  vor der Alltagserfahrung verblassen, bleiben den Un-
       ternehmern doch  genügend Mechanismen  zur Durchsetzung ihrer Ra-
       tionalisierungsziele und  eines Arbeitsplatzabbaus "ohne Revolte"
       - von  Abfindungszahlungen ("golden  handshake") über  Illusionen
       der kleinen  Selbständigkeit bis  zur Mobilisierung der inner-und
       zwischenbetrieblichen Konkurrenz.  Solche Mechanismen  wirken  in
       staatlichen wie  privaten Unternehmen, erstere bieten jedoch eher
       gewisse Schutzmöglichkeiten. Die Privatisierung von British Tele-
       com bedeutete  zugleich Beschleunigung  der Modernisierung, Abbau
       von innerbetrieblichen  Qualifizierungsmöglichkeiten usf.  Dieser
       Druck fördert  auch Differenzierungen in den Gewerkschaften. Auf-
       gabe der  linken klassenkämpferischen Strömung muß es dabei sein,
       die Felder gemeinsamer Interessen der unterschiedlich betroffenen
       Arbeiterklassengruppen auszumachen und von hier aus gewerkschaft-
       liche und  politische Forderungen  und Bewegungen  zu initiieren.
       Somerset nannte Fragen wie Arbeitszeit, Qualifikation, Arbeitssi-
       cherheit und Gesundheitsschutz, Maschinen- und Arbeitsplatzbeset-
       zung, Abwehr von Arbeitsverdichtung usf.
       Während Irland  heute ein  Land mit  hoher Arbeitslosenrate  ist,
       trifft dies auf Schweden nicht im gleichen Maße zu. Dennoch haben
       sich auch in der stark weltmarktorientierten Wirtschaft Schwedens
       in den  letzten zehn  Jahren wesentliche  Veränderungen vollzogen
       (Urban Herlitz,  Linkspartei-Kommunisten  Schwedens).  Stichworte
       sind Beschäftigungsabbau  in der  Industrie, Senkung der Realein-
       kommen seit  1981/82 unter  das Niveau  von Mitte  der  siebziger
       Jahre, gekoppelt  mit starkem  Profitanstieg und einer Konzentra-
       tion neuer Technologien in den entwickeltsten und noch wachsenden
       industriellen Sektoren  (Schweden verfügt  heute bekanntlich über
       die höchste Industrie-Roboter-Dichte).
       Wenn die offene Arbeitslosigkeit ein im internationalen Vergleich
       noch relativ  niedriges Niveau  hat, so  hängt dies u. a. mit der
       staatlichen Beschäftigungspolitik  der siebziger  Jahre zusammen.
       Das Beschäftigungswachstum  im öffentlichen Sektor ist jedoch in-
       zwischen gestoppt.  Neben dem  Beschäftigungseinbruch und der Re-
       aleinkommenssenkung ist  das Auseinanderdriften der Lohneinkommen
       entgegen dem  bisherigen Langfristtrend eines der neuen Probleme.
       8)
       Herlitz machte  darauf aufmerksam, daß betriebliche Erfahrungen -
       etwa bei  Volvo/Göteborg - zeigen, daß die Arbeiter bei guter ge-
       werkschaftlicher Organisation trotz der Unternehmerabsichten neue
       Formen technischer  Kontrolle und  Überwachung durchaus  abwehren
       können. Es gäbe also keinen Automatismus der Einengung, eher neue
       Handlungsmöglichkeiten insbesondere  dort, wo in den arbeitsorga-
       nisatorischen Konzepten  stärker auf  Motivation und  Fähigkeiten
       von Arbeitsgruppen gesetzt würde. Herlitz unterstrich, daß in der
       Gewerkschaftspolitik die Arbeitszeitverkürzung zu einem wichtigen
       Punkt des  Bruchs  mit  den  monopolistischen  Strategien  werden
       könne.
       In den  Beiträgen der portugiesischen und griechischen Konferenz-
       teilnehmer  wurden   Probleme  der  aktuellen  ökonomischen  Ent-
       wicklung, der  Industrialisierung und Lage der Arbeiterklasse aus
       der Sicht  weniger entwickelter  kapitalistischer Länder  mit zum
       Teil ganz  anderer  Gewichtung  der  sozialökonomischen  Probleme
       dargestellt. Hier  erweist  sich  die  Internationalisierung  des
       Kapitals als  eine der  Schienen, über  die - neben der Rüstung -
       die neue  Technik und  die Modernisierungspolitik  in  bestimmten
       Sektoren der Wirtschaft wirksam werden.
       Portugal ist  ein stark  durch  agrarische  und  kleingewerbliche
       Strukturen geprägtes  Land (Carlos  Aboim Ingles,  Kommunistische
       Partei Portugals). Neue Technik und Modernisierung spielen in er-
       ster Linie  als ideologisches  Thema eine  Rolle -  und sie haben
       hier eher eine Alibifunktion, um von den wirklich drängenden Pro-
       blemen des  Landes abzulenken  - der  Rückgängigmachung der  Ver-
       staatlichung wichtiger  Monopolgruppen, die  nach der  Revolution
       von 1974  durchgesetzt werden konnte; der hohen Arbeitslosigkeit;
       dem sich  ausbreitenden Phänomen  von Arbeit  ohne Lohnauszahlung
       bei verschuldeten  Unternehmen und Betrieben. Ingles betonte, daß
       sich das  Segmentierungsproblem so,  wenn auch auf anderer Grund-
       lage, auch für die portugiesische Arbeiterklasse stelle.
       Zentren neuer Technik sind einige vom Auslands-(US-)Kapital domi-
       nierte industrielle  Bereiche, Banken  und Dienstleistungen. Hier
       gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit der Situation in Grie-
       chenland, das  sich gegenwärtig  von einem  Agrar- zu einem Indu-
       strieagrarland entwickelt  (Zinon Zorzovilis,  KP Griechenlands).
       Rückständige Strukturen,  starke Abhängigkeit vom Auslandskapital
       gerade  in  den  technisch-industriell  entwickeltsten  Branchen,
       Rückstand bei  Einführung neuer  Technik  sind  charakteristische
       Merkmale. Es gibt insofern eine gewisse "technologische Degradie-
       rung" des  Produktionspotentials. Zu den Widersprüchen der ökono-
       mischen Entwicklung gehört das Nebeneinanderexistieren von extrem
       rückständigen Sektoren  und Bereichen mit modernsten Technologien
       (bei der  Informations- und  Kommunikationstechnik etwa die Groß-
       banken). Über  die Abhängigkeit  vom Auslandskapital  wächst auch
       eine Technologieabhängigkeit.  Die Regierung verfolgt ein eigenes
       Modernisierungsprogramm, das  in der  Praxis aber mit einem Abbau
       von Subventionen und Leistungen im Sozialbereich, auch im Bereich
       von Bildung und Ausbildung, verbunden ist.
       Esben Sloth  Andersen (KP Dänemarks) griff in seinem Beitrag noch
       einmal die  Frage der  Widersprüchlichkeit und  des  spezifischen
       Charakters der wissenschaftlich-technischen Revolution im Kapita-
       lismus auf. Die kapitalistische Anwendung und Entwicklung der mo-
       dernen  Produktivkräfte  realisiert  sich  immer  in  Form  einer
       "schöpferischen Zerstörung"  und als  ungleichmäßiger Prozeß  auf
       allen gesellschaftlichen  Ebenen -  von den  Betrieben bis zu den
       Klassen oder  zur Ebene  des Weltmarktes. In den einzelnen Phasen
       tritt dabei  der destruktive  Aspekt in mehr oder weniger starkem
       Maße hervor.  Im Vergleich  zur Zeit  der fünfziger und sechziger
       Jahre, in  der das Konzept der wissenschaftlich-technischen Revo-
       lution in  der marxistischen  Theorie ausgearbeitet  wurde, haben
       sich die  ökonomischen Bedingungen und der wissenschaftlich-tech-
       nische Fortschritt  selbst verändert: Zunehmende Krisenhaftigkeit
       und mikroelektronische Etappe sind die aktuellen Merkmale.
       Während sich die erste Phase der wissenschaftlich-technischen Re-
       volution  seinerzeit   auf  einzelne   high-tech-Industrien   be-
       schränkte, beginnt jetzt die Phase ihrer umfassenderen Ausweitung
       in alle  wirtschaftlichen Sektoren. Und unter den heutigen Bedin-
       gungen tritt  ihre destruktive  Seite sehr viel deutlicher hervor
       als früher.
       Mit anderen Diskussionsrednern war Andersen sich darin einig, daß
       die Abwehr  dieser destruktiven Seite nur Aussicht auf Erfolg ha-
       ben kann, wenn es gelingt, die Technologiepolitik der Arbeiterbe-
       wegung in  den Rahmen  einer längerfristigen  Alternativstrategie
       einzubinden und durch Überwindung der Marginalisierungs- und Seg-
       mentierungsprozesse eine  "produktive Solidarität"  der Gegenwehr
       zu entwickeln,  zu der  auch die Einbeziehung der technischen In-
       telligenz gehört.  Eine wichtige  Rolle für die Entwicklung über-
       greifender Bündnisspangen  kann hierbei  (so  Williams,  Goldberg
       u.a.) im Zusammenhang alternativer Wirtschaftspolitik das Konzept
       der "Gebrauchswertorientierung",  die Forderung  nach  Umstellung
       auf "sozial nützliche Produkte" usw. spielen, ein Ansatz, der die
       Interessenbündelung von  verschiedenen Zugängen her (Produzenten/
       Konsumenten,  Arbeiter/technische  Intelligenz,  Ökologiebewegung
       usf.) möglich macht. Hier gibt es erste Beispiele im Zusammenhang
       mit  Rüstungskonversion,  alternativer  Energiepolitik,  Ökologi-
       sierung der Produktion usf.
       Für das  Verständnis der  Besonderheit des Produktivkraftumbruchs
       in der  wissenschaftlich-technischen Revolution ist der Vergleich
       mit der  Marxschen Analyse  der industriellen Revolution wichtig.
       Maritta Bernien  (Institut für  Internationale Politik  und Wirt-
       schaft der  DDR, Berlin) machte jedoch darauf aufmerksam, daß die
       industrielle Revolution  nicht  ein  rein  technisch-ökonomischer
       Prozeß, sondern  auch ein Umbruch in den Produktionsverhältnissen
       gewesen sei, daß es also darauf ankomme, auch heute den Zusammen-
       hang zwischen Produktivkraftumbruch, Vergesellschaftungsschub und
       Notwendigkeit des  Übergangs zu einer neuen, sozialistischen Pro-
       duktionsweise im Auge zu behalten.
       Peter Delitz  (ebenfalls IPW, Berlin/DDR) legte dar, daß sich der
       mit den  modernen Produktivkräften wachsende Vergesellschaftungs-
       grad heute  auch in  einem spezifisch staatsmonopolistischen Cha-
       rakter des  Flexibilisierungskonzeptes niederschlägt. Dieses Kon-
       zept könne  nur wirksam  werden, wenn es auf den drei wichtigsten
       Ebenen des  Lohnarbeit-Kapital-Verhältnisses arbeitsteilig  umge-
       setzt werde: auf der betrieblichen Ebene als Flexibilisierung von
       Arbeitszeit, -organisation,  größerer Disponibilität der Arbeits-
       kraft usw.;  auf der Ebene der Auseinandersetzung von Monopolver-
       bänden und  Gewerkschaften als  "Flexibilisierung" des  Tarif Sy-
       stems und  Tarifrechts; auf der staatlich regulierten Ebene u. a.
       durch die  von den  Unternehmern geforderte "Flexibilisierung des
       Rechtssystems". Der  staatsmonopolistische Charakter  dieses Kon-
       zepts zeige  sich auch darin, daß mit dem Eingriff in die konkre-
       ten, betrieblichen  Formen des Ausbeutungsregimes zugleich allge-
       meine gesellschaftspolitische  Zielsetzungen (Entsolidarisierung,
       Individualisierung,  Schwächung   der  Gewerkschaften)  verbunden
       seien. Dies  schließe auch  die Verknüpfung von betrieblichen und
       gesellschaftlichen Herrschaftsmechanismen  ein, so etwa durch die
       "Verdatung" der Bürger (Computerüberwachung, "gläserner Mensch").
       Trotz des  Ausbaus dieser Herrschaftsapparate, trotz der wachsen-
       den sozialen  Belastungen, die mit den neuen Technologien verbun-
       den sind, lassen soziologische Studien zur Einstellung von Frauen
       und von  Jugendlichen zur  Arbeit und  zur neuen Technik hohe An-
       sprüche an  die Arbeitstätigkeit  erkennen, in denen die Hoffnung
       auf inhaltsreiche,  qualifizierte, der  Selbstverwirklichung  und
       Persönlichkeitsentwicklung förderliche  Arbeit zum  Tragen kommt.
       Johanna Hund (Hochschule für Wirtschaft und Politik, Hamburg) in-
       terpretierte dieses  Anspruchsniveau als Widerspiegelung der Mög-
       lichkeiten der  wissenschaftlich-technischen  Revolution  in  der
       Einstellung von Frauen und Jugendlichen. Diese Ansprüche gelte es
       gegen die  alltägliche Blockade  dieser Bedürfnisse zu mobilisie-
       ren. Ein  Hemmnis sei dabei, daß sie in der Regel nur als indivi-
       duelle Ansprüche formuliert, nicht als kollektive Interessen ver-
       standen würden.  Es käme  gerade bei  den Jugendlichen darauf an,
       die Legitimität  dieser Ansprüche klarzumachen, um einer Resigna-
       tion entgegenzuwirken und die Notwendigkeit gesamtgesellschaftli-
       cher Alternativen  erkennen zu lassen, wenn sie befriedigt werden
       sollen.
       Konsens aller  Tagungsteilnehmer war,  daß die Probleme der neuen
       Technologien heute  nicht losgelöst  von den Rüstungstechnologien
       und der  Militarisierung gesehen  werden  können.  Jürgen  Keusch
       (IMSF) verwies  auf diesen "Exzeß" der Verwandlung von Produktiv-
       in Destruktivkräften  bei dem Weltraummilitarisierungsprojekt SDI
       und der  Diskussion um  das westeuropäische Alternativprojekt EU-
       REKA. Keusch  zeigte anhand der konkreten Eureka-Projekte, daß es
       sich hierbei  um ein  auf zum  Teil die gleichen Monopole wie bei
       der SDI-Beteiligung  zugeschnittenes Hochtechnologieprogramm han-
       delt, das  in wichtigen  Teilen militärischen  Charakter hat bzw.
       annehmen kann und das zugleich im Kontext einer aggressiven Welt-
       marktorientierung und Stabilisierung des westeuropäischen Rivali-
       tätszentrums gegenüber den USA und Japan gesehen werden müsse.
       Die Diskussion ließ eine Reihe übergreifender Fragestellungen er-
       kennen, die  auf wesentliche  Veränderungen der  Kampfbedingungen
       der Arbeiterbewegung  im Zusammenhang  mit dem  wissenschaftlich-
       technischen Fortschritt  und den  Krisenprozessen hinweisen.  Sie
       sollen abschließend  noch  einmal  genannt  werden  (so  auch  im
       Schlußwort der Tagung Heinz Jung).
       1. Im Massenbewußtsein  hat sich,  geprägt von realen Erfahrungen
       mit den  neuen Technologien, ein Wandel vollzogen. Heute dominie-
       ren eher  Unsicherheit und Existenzangst. Dem entspricht vielfach
       eine Neubestimmung der Positionen der Gewerkschaften und die Ent-
       deckung der  Technikfrage als  ein wichtiges Feld gewerkschaftli-
       cher Arbeit.  Dies gilt  auch und  gerade für  die reformistische
       Strömung in den Gewerkschaften.
       2. Will man  den Charakter der wissenschaftlich-technischen Revo-
       lution zu  Beginn der achtziger Jahre über seine im engeren Sinne
       technischen Aspekte  hinaus bestimmen, so ist darauf hinzuweisen,
       daß
       - der Umbruch  in den Produktivkräften die ganze Breite von Wirt-
       schaft und Gesellschaft zu erfassen beginnt;
       - dieser Umbruch  mit allen sozialen Implikationen sich unter dem
       Druck der internationalen monopolistischen Konkurrenz und der Ri-
       valität der imperialistischen Zentren vollzieht;
       - der wissenschaftlich-technische  Fortschritt damit heute ebenso
       zu einer  Ursache wie  einem Element  der Struktur-  und Regulie-
       rungskrise des staatsmonopolistischen Kapitalismus geworden ist;
       - die wissenschaftlich-technische Revolution heute untrennbar mit
       der massenhaften Verkehrung von Produktiv- in Destruktivkräfte im
       Rahmen der imperialistischen Hochrüstung verbunden ist.
       3. Nicht  nur die letztgenannte Deformation des wissenschaftlich-
       technischen Fortschritts  zeigt, daß die Entwicklung der modernen
       Produktivkräfte keineswegs  nur einer  inneren, technischen Logik
       folgt, sondern  hinsichtlich Entwicklungsrichtung,  Tempo, Anwen-
       dungsformen, Funktion,  konkreter  Gestaltung,  sozialen  Inhalts
       usf. von  den herrschenden Produktions- und Aneignungsverhältnis-
       sen geprägt  wird. Die  zentrale Frage: Wer bestimmt über Wissen-
       schaft und  Technik? kann  sich insofern  nicht nur  (obwohl dies
       eine  entscheidende   Seite  ist)  auf  die  sozialen  "Rahmenbe-
       dingungen" beziehen;  zu ihren  Dimensionen gehört  auch, daß die
       Produktivkraftentwicklung schon  im Kapitalismus  Gegenstand  des
       Klassenkampfs ist.  Die Auseinandersetzung  um  Alternativen  auf
       diesem Feld gehört zur Strategiebestimmung der Arbeiterbewegung.
       4. Neben der zentralen Frage der Massenarbeitslosigkeit und damit
       der Herstellung  der Einheit der Arbeiterklasse als einer "Achse"
       der antimonopolistischen  Strategie wird die Gewinnung der neuen,
       mit der wissenschaftlichtechnischen Revolution verbundenen sozia-
       len Gruppen  der Lohnabhängigen, in erster Linie der Intelligenz,
       zu einer  erstrangigen Aufgabe. Dies macht die Beachtung der ver-
       schiedenen und  differenzierten Zugänge  dieser Gruppen zur demo-
       kratischen und Arbeiterbewegung unbedingt notwendig.
       5. Zu den  Herausforderungen für Strategie und Politik der Arbei-
       terbewegung unter  den neuen,  durch die wissenschaftlich-techni-
       sche Revolution  geprägten Bedingungen  gehört die Frage der Ent-
       wicklung von adäquaten Gegenmachtpositionen, ohne die alle Forde-
       rungen nach Eingriff in Produktivkraftgestaltung Illusion bleiben
       müssen. Dies schließt die Veto- und Blockademacht von Belegschaf-
       ten und  Gewerkschaften gegenüber neuer Technik, wo erforderlich,
       ebenso ein  wie die  Notwendigkeit übergreifender  sozialer Bünd-
       nisse und  die Einbindung der Technologiepolitik in den Gesamtzu-
       sammenhang einer  auf grundlegende  gesellschaftliche Veränderun-
       gen, den  Bruch mit den Klassenverhältnissen zielende Antikrisen-
       und Alternativpolitik.
       
       _____
       1) Die Teilnehmer  kamen aus  Dänemark, Griechenland, Großbritan-
       nien, Irland,  Neuseeland, Portugal,  Schweden, Schweiz,  USA und
       BRD.
       2) Jörg Goldberg/André  Leisewitz, Neue Aspekte im Ausbeutungsme-
       chanismus des  Kapitals, in:  Marxistische Blätter  H. 3/1986, S.
       25-38.
       3) Vgl. Robin  Williams/Fred Steward,  Technology  agreements  in
       Great-Britain: a  survey 1977-83,  in: Industrial Relations Jour-
       nal, Bd.  16 (3)  1985, S.  58-73. Die  Verfasser untersuchen 240
       zwischen 1977 und 1983 abgeschlossene "technology agreements".
       4) Siehe auch  Sam Webb,  Hard Times  in Auto,  in: political af-
       fairs, H. 6/1985, S. 23-30.
       5) AFL-CIO, The  Future of  Work, und:  The Changing Situation of
       Workers and Their Unions.
       6) Vgl. Kommunisten  und neue Technologien. Stellungnahme der DKP
       zur Technologiepolitik, Düsseldorf 1985.
       7) Vgl. im  einzelnen: Lothar  Peter, Zwischen  Reformpolitik und
       Krise - Gewerkschaften in Frankreich 1980 bis 1985, Soziale Bewe-
       gungen. Analyse  und Dokumentation  des IMSF, H. 17, Frankfurt/M.
       1985, S. 79 ff.
       8) Zur marxistischen  Analyse der Struktur und Lage der Arbeiter-
       klasse Schwedens  vgl. auch den Beitrag von C.-H. Hermansson, in:
       Probleme des  Friedens und  des Sozialismus, Prag, H. 11/1985, S.
       1539 ff.
       

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