Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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       KRISE DER US-WIRTSCHAFT: ENTSCHEIDUNG IN WESSEN INTERESSE?
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       John E. Parsons
       
       1. Strukturelle  Krise - 2. Der historische Rahmen - 3. Bürgerli-
       che Programme - 4. Linke Alternativen - 5. Zusammenfassung
       
       In den  zwölf Jahren seit 1973 gab es in den USA drei größere Re-
       zessionen. In  der Rezession  1973-75 ging  die Produktion um 17%
       zurück, in  der von  1980 waren es 9%, und 1981-82 gab es ein Ab-
       sinken um  12%. Auf  dem Höhepunkt  der Rezession von 1970 betrug
       die Arbeitslosigkeit  5,8%, 1982  war der  Höchststand 10,8%. Die
       rasche Aufeinanderfolge  der Krisen, die Tatsache, daß die Infla-
       tionsraten trotz steigender Arbeitslosigkeit hoch blieben und die
       Tatsache, daß  am Ende jeder Rezession die Arbeitslosenrate höher
       war als  bei der vorangegangenen, erschütterte die Zuversicht der
       bürgerlichen Wirtschaftswissenschaftler  und Politiker,  daß  der
       Konjunkturzyklus beherrschbar  geworden war,  daß die  neoklassi-
       schen Instrumente  für die Feinregulierung der Wirtschaft ausrei-
       chend waren.
       Aber die wirtschaftlichen Ereignisse des letzten Jahrzehnts haben
       weitergehende Fragen  als die des periodisch wiederkehrenden Kon-
       junkturzyklus in  den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Dis-
       kussion gerückt.  Andere, langfristige Veränderungen und Probleme
       der US-Wirtschaft  haben viele  davon überzeugt,  daß diese Wirt-
       schaft eine  strukturelle Krise  durchmacht, die sich von der zy-
       klischen Krise  unterscheidet. Diese vage Ahnung von einem ökono-
       mischen Wendepunkt,  von der  Realität einer strukturellen Krise,
       hat in  jüngster Zeit  eine Fülle  von Literatur  über die  Wirt-
       schaftspolitik der  USA hervorgebracht.  Ein wesentliches Element
       dieser neuen strukturellen Krise, die in den USA viel Aufmerksam-
       keit erregt hat und mit dem sich dieser Artikel hauptsächlich be-
       faßt, ist der Niedergang bzw. die Umstrukturierung bestimmter US-
       Industrien im Rahmen der Weltwirtschaft. 1)
       Die US-Stahlindustrie  ist das  erste Beispiel für diesen Nieder-
       gang. Zwischen  1972 und 1982 fiel die US-Stahlproduktion um 16%.
       Stahl war einer der ersten Industriezweige, der mit der zunehmen-
       den  Konkurrenz  von  Importen  konfrontiert  war,  Importe,  die
       zunächst nur  6% des  US-Verbrauchs ausmachten, 1982 aber auf 20%
       anstiegen. 1982  betrug das  Handelsdefizit im  Stahlbereich  9,3
       Milliarden Dollar  und ist trotz diverser protektionistischer An-
       strengungen weiter  gewachsen. In den letzten zehn Jahren sind in
       der Stahlindustrie Hunderttausende von Arbeitsplätzen verlorenge-
       gangen. Stagnationserscheinungen  waren für den Schiffbau und die
       Eisenbahnindustrie kennzeichnend,  deren Produktion zwischen 1972
       und 1983 um weniger als 1% jährlich stieg. 2)
       Das minimale  Produktionsniveau, das  vor 1981  im Schiffbau auf-
       rechterhalten werden  konnte, war weitgehend ein Resultat von Mi-
       litäraufträgen und  einer direkten  Subventionierung des Handels-
       schiffbaus durch  die Bundesregierung. 1981 begann die Reagan-Re-
       gierung, die  Subventionsprogramme  zu  streichen.  Infolgedessen
       ging der  Schiffbau drastisch  zurück; seit 1981 haben 22 Werften
       dichtgemacht, wurden 34 000 Arbeitsplätze vernichtet.
       Ebenso offensichtlich ist die Strukturkrise in der Autoindustrie.
       Zwischen 1972  und 1982  gab es  kaum noch  einen Zuwachs bei der
       Produktion von  Kraftfahrzeugen: In  den Jahren  vor 1978 entfiel
       der größte  Teil des Zuwachses auf Lastwagen und Zubehör. Die zy-
       klischen Krisen  trafen die  Autobranche  sehr  hart,  aber  noch
       schlimmer wirkten  sie sich  auf die  Regionen aus, in denen sich
       die Beschäftigung  traditionell  auf  die  Autoindustrie  konzen-
       trierte. Zwischen Januar 1979 und Dezember 1980 kündigten die Au-
       tokonzerne die Schließung von 20 Autofabriken an, was den Verlust
       von 50 000 Arbeitsplätzen bedeutete. Aber die Krise auf dem Auto-
       sektor war nicht bloß zyklisch bedingt. Auf dem Höhepunkt des ge-
       genwärtigen Aufschwungs lag die Zahl der in der Autoindustrie Be-
       schäftigten 9,5%  unter dem  Stand von 1978. Die Beschäftigung in
       der Personen-  und Lastwagenindustrie ist unter 500 000 gesunken,
       während sie  in der  Mitte der  50er Jahre  einen Höchststand von
       700 000 hatte.
       Dieser Rückgang  hat den  Mittleren Westen der USA besonders hart
       getroffen: Von  den 25  Fabriken, die  in den  letzten Jahren ge-
       schlossen wurden,  lagen 11  im Staat  Michigan und  6 in anderen
       Staaten des  Mittleren Westens. Die Betriebsschließungen haben zu
       weiteren Stillegungen  von Zulieferbetrieben  geführt. Durch  Be-
       triebsschließungen in  vielen Industriezweigen  hat der  Mittlere
       Westen in den frühen 70er Jahren 2,4 Millionen Arbeitsplätze ver-
       loren und  in den  darauffolgenden harten  Jahren sicherlich noch
       viel mehr. Die Handelsbilanz auf dem Autosektor hat sich im letz-
       ten Jahrzehnt  drastisch verschlechtert: Importe, die 1965 nur 6%
       des Marktes  ausmachten, stiegen 1982 auf 30%, so daß das Defizit
       1982 17,6 Milliarden und 1984 27 Milliarden Dollar betrug. 3)
       Andere Beispiele  für den  Niedergang der  US-Industrie sind  der
       Verlust der  wettbewerbsmäßigen Überlegenheit  in der Werkzeugma-
       schinenindustrie, die  Eroberung eines  großen  Marktanteils  für
       Halbleiter durch die japanischen Hersteller und die Tatsache, daß
       nicht eine  einzige Einheit des neuen beliebten Konsumguts Video-
       recorder, von  US-Firmen konzipiert  und lizensiert,  in den  USA
       hergestellt wurde.
       
       2. Der historische Rahmen
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       Linke Analysen stimmen darin überein, daß die derzeitige Krise im
       Kontext der  historischen Veränderungen der internationalen poli-
       tischen Ökonomie  gesehen werden muß. Man verweist im allgemeinen
       auf zwei  entscheidende Entwicklungen.   E r s t e n s  haben die
       USA schrittweise  ihre militärische Hegemonie eingebüßt. Das ato-
       mare Monopol ging kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verloren und im
       letzten Jahrzehnt  erreichte die Sowjetunion militärische Parität
       mit den  USA. Die  Fähigkeit der  USA, als  Weltgendarm zur  Auf-
       rechterhaltung des  neokolonialen Systems  zu fungieren, zerbrach
       an  einer  Reihe  von  erfolgreichen  Befreiungsbewegungen,  ein-
       schließlich  der   kubanischen  und  vietnamesischen  Revolution.
       Z w e i t e n s  ist die ökonomische und politische Hegemonie ge-
       genüber den  entwickelten kapitalistischen Staaten kontinuierlich
       abgebröckelt. Mächtige,  unabhängige  Kapitalzentren  haben  sich
       sowohl in der Bundesrepublik als auch in Japan herausgebildet und
       die Strategie der kapitalistischen Staaten, den Grad kapitalisti-
       scher Ausbeutung in bestimmten Entwicklungsländern zu intensivie-
       ren, hat  in einem  gewissen Umfang  unabhängige  kapitalistische
       Mächte in Ländern wie Südkorea, Taiwan, Brasilien und Mexiko ent-
       stehen lassen. 4)
       Eine  Komponente  des  historischen  Charakters  der  derzeitigen
       Krise, die  größere Aufmerksamkeit verdient, als ihr heute in den
       Diskussionen in  den USA gegeben wird, ist die Internationalisie-
       rung des  kapitalistischen  Produktionsprozesses.  Dieser  Prozeß
       vollzieht sich  ungleichmäßig -  er zeichnete  sich in den ersten
       Jahrzehnten dieses  Jahrhunderts durch eine große Dynamik aus und
       hat sich  dann wieder  in den  letzten Jahrzehnten  beschleunigt.
       Dieser Prozeß findet auch auf verschiedenen Ebenen statt: Auf der
       einen Seite haben wir die Ausbreitung des Finanzkapitals über die
       nationalen Grenzen  hinweg, das  die Form von Bankkapital und in-
       ternationalen Kapitalanlagen  der Konzerne  annimmt. Die interna-
       tionale Ausdehnung  des Bankkapitals  hat gigantische Dimensionen
       erreicht und  infolge der  allgegenwärtigen Schreckensvision  der
       Schuldenkrise konzentrieren  sich die Diskussionen in den USA auf
       diesen Punkt.  Die internationalen Investitionen der Konzerne als
       Formen des  Finanzkapitals haben weniger Aufmerksamkeit gefunden,
       obwohl sie  eine wichtige  Rolle in der gegenwärtigen politischen
       Ökonomie spielen, z. B. bei den Entscheidungen, die die Autoindu-
       strie betreffen.  General Motors  besitzt Anteile der japanischen
       Autohersteller Isuzu  und Suzuki sowie der Firma Daedoo in Südko-
       rea und  wird mit  Toyota ein Gemeinschaftsunternehmen in den USA
       bilden; Chrysler kooperiert mit Mitsubishi in Japan und Südkorea;
       Ford hat Anteile von Mazda in Japan und Lio Ho in Taiwan.
       Die Bedeutung  der Internationalisierung des Produktionsprozesses
       für die US-Wirtschaft spiegelt sich auch im steigenden Anteil des
       Handels am  Bruttosozialprodukt der USA wider. Heute sind die USA
       wesentlich stärker  in das internationale Produktionssystem inte-
       griert als zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Geschichte. 1965 wurden
       lediglich 4,3% der in den USA verbrauchten Waren importiert; 1980
       belief sich die Zahl auf 13,5%. Die Exporte wuchsen von 5,1% 1965
       auf 10,7%  1980. Obwohl der Gesamtumfang der US-Exporte von Indu-
       striegütern gestiegen  ist, hat  sich ihre internationale Wettbe-
       werbsposition drastisch  verschlechtert: 1965  betrug der  Anteil
       der USA  an dem weltweiten Exportvolumen für Industriegüter 22,1%
       und war 1980 auf 15,2% gefallen.
       Der hervorstechendste Zug der Internationalisierung des Produkti-
       onsprozesses ist die schnelle Zunahme der internationalen Produk-
       tionsintegration. Die  Entwicklung des Weltautos - internationale
       Produktion der  Einzelteile,  internationalen  Montageoperationen
       und internationale  Materialbeschaffung - ist die bekannteste und
       fortgeschrittenste Form.  Die Entwicklung  des Weltautos war eine
       der Hauptursachen  für das  Anwachsen der Arbeitslosigkeit in der
       Autoindustrie der  USA. Während  des zyklisch bedingten Rückgangs
       der Autoproduktion  1979-82 stiegen  die Importe um 800 Millionen
       Dollar. Die  Importe von Motoren aus Mexiko stiegen zwischen 1979
       und 1982  von 81  774 auf  238 535; die  aus Japan  von 6092  auf
       161 076; die aus Brasilien von 15 610 auf 118 849. Gerade in die-
       sem Jahr (1986) hat General Motors eine seiner Gießereien in Pon-
       tiac, Michigan, geschlossen und diese Arbeitsprozesse nach Brasi-
       lien verlegt. General Motors hat 25% seines Betriebsvermögens au-
       ßerhalb der  USA investiert  und operiert in 36 Ländern. Ford hat
       ganze 60%  seiner Vermögenswerte im Ausland angelegt und operiert
       in 28  Ländern. Umgekehrt  haben auch ausländische Autohersteller
       Betriebe in  den USA  aufgemacht,  darunter  Volkswagen,  Toyota,
       Honda, Datsun, Mitsubishi und Mazda. 5)
       Ein weiteres,  noch eindrucksvolleres Beispiel bieten die kleinen
       Computer- und  andere "High-Tech"-Industrien.  Von 1960  bis 1985
       waren sie  die ersten  Industrien, die die Wirtschaftsentwicklung
       in Massachusetts  maßgeblich bestimmt  haben. Von  1976 bis  1978
       stieg z.B.  die Zahl  der Beschäftigten  im Bereich Büromaschinen
       und Computer  um 43%,  bei der Computerprogrammierung um 70%, was
       einen Zuwachs  von 47 000  Arbeitsplätzen oder  22% aller vorhan-
       denen Arbeitsplätze  bedeutetet. 6)  In den  letzten Jahren haben
       diese Firmen  jedoch einen  Großteil ihrer Produktion ins Ausland
       verlagert. Drei von ihnen, Digital, Prime Computer und Analog De-
       vices, tätigen  etwa 40%  ihres Umsatzes  im Ausland. Digital hat
       Betriebe in  Taiwan, Singapur,  Hongkong, Puerto Rico, Schottland
       und Irland;  diese Betriebe  beliefern sich  gegenseitig und  die
       Firmen in  den USA mit Einzelteilen und Montageeinheiten. Digital
       vergibt jetzt  auch Lizenzen  für die Herstellung seines Minicom-
       puters in  Brasilien und  wird 1986  mit  der  Produktion  seines
       MikroVAX-Minicomputers in  Mexiko beginnen.  In den  letzten drei
       Jahren hat  Analog Devices Fabriken in Japan, auf den Philippinen
       und in  Irland gebaut. Diese Internationalisierung der Produktion
       und der  Abfluß von  Kapital aus den USA in Produktionsstätten im
       Ausland hat  sich in  diesem  Industriezweig  in  einem  kürzeren
       Zeitraum nach  Entwicklung und Aufbau dieser Industrie in den USA
       vollzogen, als  es bei  anderen Industrien  der Fall  war. Hieran
       zeigt sich auf alarmierende Weise, welch einem raschen Wandel die
       Entwicklung des Kapitals in den USA unterliegt. 7)
       Diese Internationalisierung des Produktionsprozesses hat wichtige
       Auswirkungen auf  den Charakter  der Krise  und der Widersprüche,
       mit denen  das kapitalistische  System in  den USA heute konfron-
       tiert ist  und steckt  die Bedingungen  ab, die  linke politische
       Programme in  Rechnung stellen müssen. Es lassen sich drei Konse-
       quenzen ausmachen.   E r s t e n s:  Gewisse Industriezweige wer-
       den vernachlässigt oder aufgegeben, sobald das US-Kapital und das
       ausländische Kapital  bessere Bedingungen für die Produktion die-
       ser Waren  finden oder  schaffen. Wenn dagegen nichts unternommen
       wird, bedeutet  dies anhaltenden ökonomischen Niedergang und wei-
       tere Arbeitslosigkeit in bestimmten Industrien und Regionen sowie
       ein unausgewogenes  Wirtschaftswachstum in  den  USA.    Z w e i-
       t e n s:   Industrien, die weiterhin in den USA operieren, werden
       durch  die   Aktivitäten  in  anderen  Ländern  einem  Rationali-
       sierungsdruck unterliegen,  der dahin  führt, daß Beschäftigungs-
       grad, Lohnhöhe,  Sicherheitsbestimmungen und  Lebensstandard  auf
       die niedrigste  vergleichbare Alternative  herabgedrückt  werden.
       S c h l i e ß l i c h   wird das Kapital die Fähigkeit, sich frei
       über  internationale  Grenzen  hinweg  zu  bewegen,  Betriebe  zu
       schließen, die Produktion derselben Güter in anderen Ländern auf-
       zunehmen und die Arbeitslosen in anderen Ländern zur Brechung von
       Streiks zu benutzen, als Waffe einsetzen, um die Löhne in den USA
       zu drücken und Sozialleistungen abzubauen.
       Wie unterschiedlich die Folgen der Internationalisierung des Pro-
       duktionsprozesses für  verschiedene Industrien sein können, zeigt
       sich an  den Entwicklungstendenzen  in der  Auto- und  Stahlindu-
       strie. Beide  Industrien waren  von den  jüngsten Rezessionen und
       den zyklischen  Krisen stark  betroffen. In  diesen beiden  Indu-
       striezweigen sind  die US-Multis  direkt mit  der Konkurrenz  der
       Multis anderer  Länder konfrontiert.  Beide haben  versucht,  die
       Lohnkosten in  den USA  drastisch zu  senken  und  Maßnahmen  zum
       Schutz vor  Importen zu fordern, um ihre Profite zu erhöhen. Aber
       die beiden  Industrien haben  mit unterschiedlichen Investitions-
       und Sanierungsstrategien  auf diese  Situation reagiert.  Die US-
       Stahlindustrie hat  Betriebe stillgelegt und die infolge der pro-
       tektionistischen Maßnahmen  erzielten höheren Gewinne benutzt, um
       Firmen aus  anderen Branchen aufzukaufen, wie z. B. Marathon Oil.
       Die Autoindustrie hat dagegen einen überdurchschnittlichen großen
       Teil ihrer  Gewinne in  neue Fabriken  und Ausrüstungen gesteckt.
       Diese waren  zwar zumeist  dazu bestimmt,  den Personalbestand zu
       reduzieren, dienten aber gleichzeitig zur Schaffung einer äußerst
       effizienten industriellen Basis in den USA. General Motors' neues
       Saturn-Werk wird  jährlich 400 000  - 500 000  Autos produzieren,
       fast doppelt  soviel wie  in den  alten Werken, und wird trotzdem
       nur 6000  Arbeiter haben, was der Beschäftigtenzahl in einem der-
       zeitigen Montagebetrieb  entspricht. General  Motors hat kürzlich
       ein größeres Unternehmen für Datenverarbeitungsgeräte, EDS, sowie
       die Hughes Aircraft Company gekauft, um seine Spitzenstellung auf
       diesem Sektor zu festigen.
       Die Strukturkrise  wird auch  die ungleichen und krisenhaften re-
       gionalen und urbanen Entwicklungen in den USA vertiefen. Tausende
       von Industriestädten und kleineren Gemeinden befinden sich in ei-
       ner durch sinkende Steuereinnahmen bedingten Finanzkrise. Die Au-
       tounternehmen profitieren von dieser Krise, indem sie den Städten
       und Staaten  genau wie  den Arbeitern Konzessionen abhandeln. Als
       General Motors  seine Pläne  für das neue Saturn-Werk bekanntgab,
       wurden Gouverneure  und Bürgermeister aus dem ganzen Land bei dem
       Vorstandsvorsitzenden Smith vorstellig und boten Steuererleichte-
       rungen und eine Änderung der Arbeitsschutzbestimmungen an, um Ge-
       neral Motors zum Bau der Fabrik in ihrem Gebiet zu ermutigen. Die
       Autofirmen nehmen  die meisten Neuinvestitionen in ländlichen und
       Vorstadtgebieten vor,  während größere Werke in Detroit geschlos-
       sen werden.  Wohlstand und Wachstum einer Region, in einer Stadt,
       ja sogar einem Stadtteil stehen in scharfem Kontrast zur Verelen-
       dung benachbarter Gebiete und Städte.
       
       3. Bürgerliche Programme
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       Die Bourgeoisie  hat zwei strategische Antworten auf diese Situa-
       tion.  Z u n ä c h s t  hat sie den Kurs eines ungezügelten Mili-
       tarismus eingeschlagen.  Reaktionäre politische Kreise versuchen,
       die Entwicklung  friedlicher ökonomischer  und gesellschaftlicher
       Beziehungen zur  Sowjetunion zu  stoppen. Sie  haben sich auf den
       äußerst gefährlichen  Weg begeben,  alle Verhandlungen  über  Rü-
       stungskontrolle einzustellen,  damit sie weiter auf atomare Über-
       legenheit und  Erstschlagfähigkeit hinarbeiten  können. Sie haben
       beschlossen, die direkte militärische Konfrontation mit den demo-
       kratischen und  nationalen Befreiungsbewegungen  in den  Entwick-
       lungsländern zu  suchen. Dies  implizierte die  Aufstellung einer
       Söldnerarmee gegen  Nicaragua, die  Wiederaufnahme der Unterstüt-
       zung für  die Söldner  in Angola,  die jüngsten militärischen An-
       griffe auf Libyen und die anhaltende Unterstützung des Rassisten-
       regimes in Südafrika.  Z w e i t e n s  hat die Bourgeoisie einen
       Generalangriff auf  den Lebensstandard der Arbeiterklasse gestar-
       tet, um  die Profite  des US-Kapitals zu steigern und seine rela-
       tive Stärke zu vergrößern. Der erste Schritt dazu war der direkte
       Angriff auf  die Gewerkschaften  und die  Löhne. Von  1981 - 1984
       sind die  Reallöhne in  den Tarifverträgen  um 6%  gesunken. 1984
       wurde in  8% der ausgehandelten Verträge festgelegt, daß die neu-
       eingestellten Arbeiter weit schlechter bezahlt werden als bereits
       Beschäftigte, was  200 000 Arbeiter betraf. Konzessionen, die die
       Mitglieder der  UAW zwischen  1978 und 1985 machten, brachten den
       US-Autokonzernen etwa  6 Milliarden  zusätzliche Profite ein. Die
       Arbeit der  Gewerkschaften wurde  durch die Angriffe der Konzerne
       und die  extrem gewerkschaftsfeindliche Haltung der Reagan-Regie-
       rung behindert.
       Der Angriff  auf den  Lebensstandard der  Arbeiterklasse erfolgte
       auch über  andere Mechanismen staatsmonopolistischer Regulierung.
       Z.B. wurden  bankpolitische Bestimmungen des Bundes zur Förderung
       von Investitionen im Wohnungsbau wieder aufgehoben, was zur Folge
       hatte, daß  Ersparnisse im  Wert von mehreren Millionen Dollar in
       den Industriesektor umgelenkt wurden. Seitdem sind die Kosten für
       Wohnraum und  Hypotheken gestiegen:  dies wird  sich aber erst in
       den nächsten  Jahren voll  bemerkbar machen. Schließlich beinhal-
       tete der Angriff auf den Lebensstandard auch drastische Kürzungen
       bei den  Ausgaben des  Bundes, der  Staaten und der Gemeinden für
       eine große  Zahl von Programmen und Investitionsvorhaben, die den
       Bedürfnissen der Mehrheit der Bevölkerung dienen.
       Das erste Element dieser strategischen Antwort von seiten der US-
       Bourgeoisie entspringt der Erkenntnis der für sie negativen poli-
       tischen Entwicklungen  der letzten  Jahre und ihrer Entschlossen-
       heit, diese  umzukehren. Diese  Politik basiert  auf der Annahme,
       daß sich die Verhältnisse der Nachkriegsära wiederherstellen las-
       sen, als offene internationale Märkte, freier internationaler Ka-
       pitalverkehr und  freie Märkte im eigenen Land mit den Interessen
       des US-Kapitals  gleichgesetzt wurden,  und sie  basiert außerdem
       auf der Überzeugung, daß sich diese Bedingungen mit militärischen
       Mitteln wiederherstellen  lassen. Dieser  Politik liegt  die  Er-
       kenntnis eines veränderten militärischen und industriellen Macht-
       verhältnisses zugrunde,  aber sie  ist von  keinerlei Einsicht in
       die tieferen  Ursachen geprägt, die den Wandel vorantreiben, eine
       Wiederherstellung der  alten Ordnung  unmöglich machen  und dafür
       sprechen, daß  andere politische Lösungen gefunden werden müssen,
       wenn Umstrukturierungen  im Interesse  des  US-Kapitals  erfolgen
       sollen. Die  einzige erkennbare  Alternative zu dem gegenwärtigen
       reaktionären Kurs,  die von  bürgerlicher Seite formuliert wurde,
       ist das Konzept einer "Industriepolitik" für die USA. Die bekann-
       testen Vertreter dieses Konzepts sind Lester Thurow, Wirtschafts-
       wissenschaftler am  MIT, und  Felix Rohatyn, Kapitalanlageberater
       bei Lazard  Freres. 8) Der Hauptunterschied zwischen den Verfech-
       tern der  Industriepolitik und  den reaktionären und militaristi-
       schen Kräften,  die derzeit an der Macht sind, besteht darin, daß
       das Konzept  der Industriepolitik  einigen tieferen  Ursachen der
       spezifischen historischen  Situation Rechnung  trägt, in der sich
       die USA  jetzt befinden.  Sie erkennen an, daß die USA die 'freie
       Welt' nicht  mehr ökonomisch beherrschen, und daß daher die alten
       politischen Formeln,  die früher  zugunsten des US-Kapitals funk-
       tioniert haben,  nicht mehr  geeignet sind,  die US-Interessen am
       besten durchzusetzen.  Im Gegensatz zu den traditionellen konser-
       vativen Auffassungen über die freie Marktwirtschaft haben sie ein
       besseres Verständnis  für die besondere Rolle der Fertigungsindu-
       strie im internationalen Konkurrenzkampf, für die im wesentlichen
       subsidiäre Rolle  des Dienstleistungs- und Finanzsektors, für die
       Bedeutung staatsmonopolistischer  Förderung  des  Bildungswesens,
       für infrastrukturelle  Investitionen, für  Forschung und Entwick-
       lung, die notwendig sind, um der US-Industrie gute Ausgangsbedin-
       gungen für  den internationalen Konkurrenzkampf zu geben. Sie er-
       kennen klar  die gefährlichen  Auswirkungen der  ungleichen indu-
       striellen Entwicklung  und die nützliche Rolle, die staatsmonopo-
       listische Institutionen  bei der Absicherung und Stärkung der in-
       ternationalen Wettbewerbsfähigkeit  des US-Kapitals  spielen kön-
       nen; gedacht wird dabei an die Unterstützung oder Regulierung be-
       stimmter Industriezweige  wie z.  B. Stahl  und Werkzeugmaschinen
       sowie neuer,  technologieabhängiger Industrien wie Elektronik und
       Biotechnologie. Sie plädieren daher für einen Bruch mit der lang-
       gehegten liberalen  Vorstellung, daß freier Handel und freier Ka-
       pitalverkehr im  Weltmaßstab ein  für die Interessen des US-Kapi-
       tals adäquates  politisches Programm  sind. Daß  sie diesen Bruch
       vorschlagen, zeigt,  daß sie  die historischen  Veränderungen be-
       griffen haben,  mit denen  das US-Kapital heute konfrontiert ist.
       Mit einem  Bündel staatsmonopolistischer Maßnahmen wollen sie den
       Markt und  die industrielle  Struktur der  Vereinigten Staaten zu
       einer mächtigen  Basis machen, von der aus das US-Kapital erfolg-
       reich den internationalen Markt erobern kann.
       Zum politischen  Charakter dieses  industriepolitischen  Konzepts
       ist dreierlei  anzumerken.  E r s t e n s:  Es legt das Schwerge-
       wicht auf  bestimmte staatsmonopolistische Maßnahmen und interna-
       tionale Wettbewerbsstrategien,  die möglicherweise  mit dem  Pro-
       gramm der  reaktionären militaristischen Kreise in Konflikt gera-
       ten. Das gilt z. B. für die Betonung einer ausgewogenen industri-
       ellen Basis  mit einem  qualifizierten und  produktiven Potential
       von Arbeitskräften und fortgeschrittenen zivilen Technologien, um
       der Konkurrenz  des ausländischen Kapitals und anderer Länder ge-
       wachsen zu sein. Diese Vorstellung steht im Gegensatz zum Konzept
       der reaktionären  Kapitalfraktion, die  Prosperität durch Auswei-
       tung des  Rüstungshaushalts sowie  durch Förderung  der militäri-
       schen Technologie erreichen will, und die den Versuch unternimmt,
       mit Rüstungsprogrammen  wie SDI die amerikanische Rüstungsproduk-
       tion anzukurbeln,  fremdes Kapital an US-Interessen zu binden und
       Überlegenheit über die Sowjetunion herzustellen. In manchen Punk-
       ten kollidiert  diese Orientierung auf eine ausgewogene industri-
       elle Entwicklung  zwangsläufig mit  den reaktionären Interessen -
       die Haushaltsforderungen  für Bildung und zivile Forschung kolli-
       dieren z. B. mit dem Rüstungshaushalt. Dagegen gibt es in anderen
       Bereichen keinen  direkten Konflikt, da z.B. internationale mili-
       tärische Dominanz  und militärische Subventionierung gewisser In-
       dustriezweige immer  starke Instrumente  im Konkurrenzkampf  sein
       werden. Was  Kritik am  Rüstungshaushalt betrifft, haben sich die
       Vertreter der  Industriepolitik bemerkenswert  wenig hervorgetan,
       und die  Kritik, die  formuliert wurde,  war  äußerst  opportuni-
       stisch; die wesentlichen Interessen, die hinter dem jetzigen Kurs
       stehen, wurden weder beim Namen genannt noch direkt angegriffen.
       Z w e i t e n s:  Die von diesen Autoren propagierte Industriepo-
       litik ist klar auf die Interessen des US-Kapitals abgestimmt. Ihr
       Anliegen eines  ausgeglichenen Wachstums  in den  USA selbst  be-
       schränkt sich auf die Notwendigkeit einer gesunden Basis, die dem
       US-Kapital gute  Ausgangsbedingungen für den internationalen Kon-
       kurrenzkampf verschafft.  Es geht  ihnen nicht  um ausgeglichenes
       Wachstum in  den USA, weil es für notwendig gehalten wird, um die
       Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Sie werden weiter zu-
       sehen, wie große Teile der Städte in der Krise versinken, solange
       die Arbeit und Qualifikation dieser städtischen Bevölkerung nicht
       für die  Zwecke des US-Kapitals im Ausland gebraucht wird und so-
       lange der soziale Frieden aufrechterhalten werden kann. Ein Thema
       verbindet sie  mit dem derzeitigen Programm der Bourgeoisie, näm-
       lich die  Betonung der  "Opfer"-Bereitschaft: die Arbeiter müssen
       Opfer bringen,  damit das US-Kapital die nötigen Mittel für Inve-
       stitionen hat,  die Arbeiter  müssen Opfer bringen, damit die Re-
       gierung die  nötigen Mittel  zur Finanzierung  von Bildung,  For-
       schung und Entwicklung hat usw. 9)
       S c h l i e ß l i c h  sollte auch darauf hingewiesen werden, daß
       diese Autoren  sich erstaunlich wenig mit einem Aspekt der zuneh-
       menden Internationalisierung befaßt haben: die Ausdehnung des US-
       Kapitals über  die nationalen  Grenzen hinweg. Sie tun immer noch
       so, als  wären die  industrielle Basis und die nationalen Grenzen
       mit dem  US-Kapital identisch. Soweit sie unsere Abhängigkeit von
       internationalen Umständen  ansprechen, beschränken sich ihre Aus-
       sagen darauf,  daß die  US-Konzerne der Gefahr ausländischer Kon-
       kurrenz auf  dem einheimischem  Markt ausgesetzt sind daß die US-
       Konzerne von  den Umsätzen  im Ausland abhängig sind, und daß die
       Auslandsumsätze von  der Fähigkeit der betreffenden Länder abhän-
       gig sind,  Devisen durch  ihre eigenen Exporte in die USA und an-
       dere Länder zu verdienen. Sie begreifen die Internationalisierung
       des kapitalistischen  Marktes nur  insofern, als sie die Zirkula-
       tion sowie  den Ausgleich der Produktionskosten durch die Konkur-
       renz in  der Zirkulationssphäre  betrifft.  Infolgedessen  unter-
       schätzen sie  die Kräfte, die militärische Interventionen im Aus-
       land im  Interesse des  US-Kapitals unterstützen,  und  schweigen
       sich darüber  aus, daß die Aktivitäten des US-Kapitals im Ausland
       dazu dienen,  die Arbeiter  im eigenen Land unter Druck zu setzen
       und so die Löhne zu senken.
       
       4. Linke Alternativen
       ---------------------
       
       Das gemeinsame  Element der linken Alternativen zur gegenwärtigen
       Krise ist  die Erkenntnis  der zentralen  Rolle des Rüstungshaus-
       halts und des militärisch-industriellen Komplexes in der ökonomi-
       schen Krise:  Man ist  sich einig in der Forderung nach Umkehrung
       des militärischen  Kurses, den das Land zur Zeit verfolgt, in der
       Forderung, mit  der Sowjetunion einen Vertrag zur Reduzierung der
       Atomwaffen auszuhandeln und die Kriege und Aktionen gegen Befrei-
       ungsbewegungen und  demokratische Regierungen einzustellen und in
       der Forderung,  den  Rüstungshaushalt  drastisch  zu  kürzen.  Es
       wächst die  Erkenntnis, welche  schädlichen Auswirkungen  der Rü-
       stungshaushalt auf die US-Wirtschaft hat, und zwar sowohl im Hin-
       blick auf das unmittelbare Fehlen dringend gebrauchter Mittel für
       andere Zwecke  als auch  hinsichtlich der  Opfer, die der zivilen
       Forschung und  Entwicklung abverlangt werden. Immer mehr Menschen
       wird bewußt,  daß der  Rüstungshaushalt nicht  den Interessen der
       amerikanischen Bevölkerung  verwendet wird,  sondern die  Profite
       der Waffenproduzenten erhöht und dazu dient, im Interesse des US-
       Kapitals gegen  die Gewerkschaften und demokratischen Regierungen
       anderer Länder vorzugehen. 10)
       Aufgrund der Erkenntnis der zunehmenden Internationalisierung der
       Produktion haben zwei weitere Elemente Eingang in die linken Pro-
       gramme gefunden:   E r s t e n s   die  Notwendigkeit der  Zusam-
       menarbeit  von   Gewerkschaften  aus  verschiedenen  Ländern  und
       z w e i t e n s   Maßnahmen zur Kontrolle des internationalen Ka-
       pitalverkehrs. Linke  Kräfte in den Gewerkschaften und die Kommu-
       nistische Partei  haben immer  wieder  auf  diese  beiden  Punkte
       hinge<?>en Ziele,  die die Entfaltung menschlicher Fähigkeiten in
       den Mittelpunkt stellen.
       <?>wiesen. Bei  ihren Diskussionen  über die  derzeitige struktu-
       relle Krise  und deren Auswirkungen auf die Arbeiter hat die Kom-
       munistische Partei  die internationale Zusammenarbeit von Gewerk-
       schaften in den Mittelpunkt gestellt. In bezug auf den Handel hat
       sie den  von den  US-Konzernen geforderten Protektionismus kriti-
       siert. Die  von  den  Konzernen  geförderten  protektionistischen
       Maßnahmen zielen  darauf ab,  die Preise  und Gewinne der US-Kon-
       zerne auf  Kosten der  Menschen in den USA und in anderen Ländern
       zu erhöhen.  Der Protektionismus  wird von den Konzernen in einer
       demagogischen Weise  propagiert, die  die objektive Notwendigkeit
       und die  Vorteile des  internationalen Handels  für die  Menschen
       verschweigt. Statt  dessen tritt  die Kommunistische Partei dafür
       ein, Waren  aus rechtsgerichteten, gewerkschaftsfeindlichen Regi-
       men zu boykottieren und Importzölle und -begrenzungen von den Ar-
       beitsbedingungen in  den exportierenden  Ländern abhängig  zu ma-
       chen; außerdem  fordert sie Beschränkungen des Kapitalexports und
       demokratische Kontrolle über den internationalen Handel. 11)
       Einige Kräfte  in den  Gewerkschaften haben in den letzten Jahren
       offensiv Kurs  genommen auf  ein politisches Programm, in dem die
       beiden politischen  Ziele der  gewerkschaftlichen  Zusammenarbeit
       und Kontrolle  über den Kapitalexport enthalten sind. Die vielge-
       lesene Veröffentlichung  der United  Electrical Workers  mit  dem
       Titel: "Foreign  Competition: Made  in the  USA" erklärt,  welche
       Rolle das  US-Kapital in  Übersee im Kampf gegen die Löhne in den
       USA spielt und welche Aufgabe das US-Militär bei der Stützung ge-
       werkschaftsfeindlicher Regierungen  in anderen  Ländern hat;  sie
       führt aus,  daß der  Rüstungshaushalt die Wirtschaftskrise in den
       USA verschärft.  Die Veröffentlichung endet mit einem politischen
       Programm, das  die Begrenzung  des Kapitalexports - und nicht den
       Import von  Waren -, die Beendigung der militärischen und sonsti-
       gen Unterstützung  der US-Regierung für den Kapitalexport und ge-
       werkschaftsfeindliche Regierungen  sowie die  Zusammenarbeit  von
       Gewerkschaften gegen die multinationalen Konzerne auf internatio-
       naler Ebene  fordert. Die International Association of Machinists
       (IAM) hat eigene "industriepolitische" Vorschläge unter dem Titel
       "Rebuilding America Act" (Deutsch etwa: Programm zum Umbau Ameri-
       kas) herausgegeben.  Dieses Programm  macht die  Konzerne für Be-
       triebsschließungen und  Kapitalexport verantwortlich  und fordert
       internationale Tarifverhandlungen.  Es fordert außerdem einen Fe-
       deral Reinvestment  Reserve Fund  (Deutsch etwa:  Bundesfonds für
       Reinvestitionsrücklagen), an  den die  Konzerne Zahlungen leisten
       müßten und  der den Ausbau der industriellen und ökonomischen Ba-
       sis finanzieren  soll, die durch die Konzernentscheidungen verlo-
       rengegangen sind.  Die internationale Zusammenarbeit zwischen den
       Gewerkschaften stand  im Mittelpunkt  der Zweiten Internationalen
       Konferenz über  Gewerkschaftseinheit  gegen  transnationale  Kon-
       zerne, die 1983 von der Labor Research Association in den USA und
       dem Trade  Union Research  Bureau in Kanada organisiert wurde. An
       dieser Konferenz  nahmen außer  Gewerkschaftern aus  acht Ländern
       Delegierte folgender  US-Gewerkschaften teil: International Asso-
       ciation of Machinists, der United Auto Workers, der United Steel-
       workers,  der  International  Longshoremen's  und  Warehousemen's
       Union, der  United Electrical Workers und der American Federation
       of State, County and Municipal Emplouyees.
       Die    Unterstützung     einiger    Gewerkschaften     für    die
       "protektionistische" Politik  zur Steigerung  der Profite der US-
       Konzerne in  der Hoffnung, daß sie auch den Arbeitern der USA zu-
       gute käme, ist in den letzten Jahren einer weitergehenden Antwort
       auf die  Dynamik der  Internationalisierung  des  Kapitals,  ein-
       schließlich des  US-Kapitals, gewichen;  gefordert wird eine Kon-
       trolle des Kapitalexports und das gemeinsame Eintreten für inter-
       national geltende  Arbeitsbedingungen. Zwei  Gesetze, die mit Un-
       terstützung der  Gewerkschaften im  Kongreß  eingebracht  wurden,
       spiegeln diese  wichtige Veränderung  wider: das eine fordert die
       Aufhebung der  Meistbegünstigungsklausel für  Länder,  deren  Ar-
       beitsbedingungen nicht  den internationalen  Normen  entsprechen;
       das andere würde Warenimporte von den US-Konzernen verbieten, die
       in Ländern mit unterdurchschnittlichem Lohnniveau operieren.
       
       5. Zusammenfassung
       ------------------
       
       Die gegenwärtige  Krise der US-Wirtschaft wird durch grundlegende
       Veränderungen der  Weltwirtschaft geprägt  und bringt  diese  zum
       Ausdruck. Auf  der einen  Seite ist  die jetzige  Krise zu  einem
       Zeitpunkt aufgebrochen,  in dem  eine Eindämmung der ökonomischen
       und militärischen  Macht der  USA spürbar  war. Auf  der  anderen
       Seite kann  die Krise  nur durch Mittel gelöst, die die wachsende
       Internationalisierung der  Produktion und  die  wissenschaftlich-
       technischen Veränderungen  der Produktivkräfte  in Rechnung stel-
       len. Ein  gemeinsames Element  der bürgerlichen Krisenlösungsvor-
       schläge ist  die Abwälzung  der Krise auf die werktätige Bevölke-
       rung -  entweder in Form von Notstandsgebieten, stillgelegten In-
       dustrien und Arbeitslosigkeit oder in Form von niedrigeren Löhnen
       für die noch Beschäftigten. Die Opfer und Konzessionen der Arbei-
       terklasse werden  benutzt, um dem US-Kapital eine stärkere ökono-
       mische und militärische Position im Ausland zu verschaffen und um
       die dortigen  Arbeiter ebenfalls  zu Konzessionen zu zwingen. Die
       bürgerlichen Programme  entscheiden sich durch den Umfang staats-
       monopolistischer Regulierungen, die sie im Interesse des US-Kapi-
       tals für  nützlich halten,  und durch den Umfang, in dem sie eine
       bestimmte militärische Taktik für die Durchsetzung ihrer Interes-
       sen befürworten.  Die linken Kräfte sind sich einig in der Forde-
       rung, den  Rüstungshaushalt und  die weltweite militärische Rolle
       der USA  entscheidend zu  begrenzen. Ein linkes Programm, das die
       tieferliegenden Ursachen  der gegenwärtigen Krise berücksichtigt,
       muß indessen  auch die  direkten Verbindungen zwischen den Arbei-
       tern in den USA und in anderen Ländern herausarbeiten.
       
       Übersetzerin: Ilse Utz.
       
       _____
       1) Es gibt  noch andere  wichtige Aspekte, auf die ich hier nicht
       eingehen werde:  a) die zunehmende Krise auf dem Finanzsektor, b)
       der nach  dem Zweiten Weltkrieg eingetretene Rückgang der Produk-
       tivität in der Fertigungsindustrie, c) die neuen Anforderungen an
       die politische  Ökonomie infolge der technologischen Entwicklung.
       Mit der  Finanzkrise und dem Finanzchaos des kapitalistischen Sy-
       stems haben  sich die  Herausgeber und  verschiedenen Autoren der
       Zeitschrift Monthly  Review beschäftigt.  Der Produktivitätsrück-
       gang wurde  schwerpunktmäßig von  S. Bowles,  R.  Gordon  und  T.
       Weisskopf in  ihrem Buch: Beyond the Waste Land, Garden City, NY:
       Anchor Press/Doubleday,  1984, behandelt. Die Rolle der Technolo-
       gie der  auf Massenproduktion  spezialisierten Industrien  versus
       mehr handwerklich  orientierte Industrien wurde von Piore und Sa-
       bel in  ihrem Buch: The Second Industrial Divide, New York, Basic
       Books, 1984, dargestellt. Andere Autoren haben die wachsenden An-
       forderungen betont, die durch die neuen Technologien an die poli-
       tische Ökonomie  gestellt werden, wobei es vor allem um den heute
       notwendigen höheren Vergesellschaftungsgrad und die daraus resul-
       tierenden Widersprüche für die kapitalistischen Volkswirtschaften
       geht. Zu  diesen Autoren  gehören S.  Menshikov, The Basis of the
       Structural Crisis  of World  Capitalism, Political  Affairs,  Mai
       1984; Daniel Rubin, The Triple-Layered-Crisis, Political Affairs,
       Juni 1985;  H. Krueger,  Zur Dialektik  der Internationalisierung
       des  kapitalistischen   Produktionsprozesses,   Wissenschaftliche
       Zeitschrift der  Hochschule für Ökonomie, "Bruno Leuschner", Ber-
       lin 1/1986.
       2) Otto Eckstein  u.a., The  DRI Report on US Manufacturing Indu-
       stries, New York, Mc Graw Hill, 1984.
       3) Barry Bluestone  und Bennett Harrison, The Deindustrialization
       of America, New York, Basic Books, 1982 und The DRI Report on Ma-
       nufacturing Industries.
       4) Diese Elemente des historischen Kontextes der Krise werden zu-
       mindest teilweise  dargestellt in: The Deepening Crisis of US Ca-
       pitalism, Monthly  Review, Oktober  1981. Victor  Perlo, Interna-
       tionalization of  Economic Life, in: Political Affairs, September
       1983. Daniel  Rubin, The Triple-Layered Crisis, in: Political Af-
       fairs, Juni  1985; Bowles, Gordon und Weisskopf, Beyond the Waste
       Land.
       5) Auto Workers  and Imports,  Economics Notes, Juli/August 1984;
       Sam Webb, Hard Times in Auto, in: Political Affairs, Juni 1985.
       6) Bluestone und Harrisson, The Deindustrialization of America.
       7) William Bluestein, Capitalist Development of the Massachusetts
       Small Computer Industry, Dissertation von 1986, University Massa-
       chusetts, Department  of Economics, Amherst, MA und High Tech Re-
       search Group,  Whatever Happened  to Job Security?, 1986, Boston,
       Magisterarbeit.
       8) Die Vorstellungen  dieser Gruppe  sind dargestellt  in  Lester
       Thurow, The Zero-Sum Society und The Zero-Sum Solution, New York,
       Random House,  1983. Rohatyn  ist zusammen  mit Lane Kirkland vom
       AFL-CIO und Irving Shapiro Vorsitzender der Studiengruppe für In-
       dustriepolitik. Diese  Gruppe hat verschiedene Berichte herausge-
       geben und aus ihrer Arbeit ist ein Gesetzesvorschlag hervorgegan-
       gen, der als Industrial Competitiveness Act bekannt ist.
       9) Siehe die  Kritik an  Rohatyns Anspruch,  daß seine Vorschläge
       mit dem  New Deal vergleichbar sind, in dem Artikel New New Deal,
       Monthly Review, Februar 1982; eine generellere Kritik an den Ver-
       fechtern der  Industriepolitik findet  sich in  dem  Aufsatz  von
       Richard Mclntyre  und Michael Hillard, Brave New Corporate World:
       an Assessment of Industrial Policy, Monthly Review, Oktober 1984.
       10) Die derzeitige  Steuerkrise auf Bundesebene hat dazu geführt,
       daß jede  politische Kraft, die sich die Frage nach der Finanzie-
       rung von  Sozialprogrammen stellt, einen kritischen Blick auf den
       Rüstungshaushalt werfen  muß. Obgleich  viele dieser  Kräfte kri-
       tisch eingestellt  sind, liegt ihrer Kritik eine opportunistische
       Haltung zugrunde.  Das MX-Raketen-Programm wird z.B. nur deswegen
       als große Verschwendung kritisiert, weil es den USA keine zusätz-
       liche atomare  Sicherheit oder  Macht gibt bzw. nicht so viel wie
       andere Waffensysteme.  Ein Beispiel  für diese  Art Opportunismus
       bietet die  Arbeit von  Bowles, Gordon  und Weisskopf, Beyond the
       Waste Land.  Diese Autoren richten ihr Augenmerk auf zwei Quellen
       militärischer Verschwendung: 1. mangelnde Effizienz der Verteidi-
       gungspolitik und  2. mangelnde  Effizienz der Rüstungsproduktion.
       In ihrem  Buch The  Deindustrialization of  America konzentrieren
       sich Bluestone  und Harrison  auf den "verschwenderischen Charak-
       ter" der  Rüstungsausgaben. Obwohl also der Angriff auf den Mili-
       tarismus ein gemeinsames Element der linken Alternativen ist, ge-
       hen die  verschiedenen linken Kräfte in ihren Programmen zur Kri-
       senbekämpfung in diesem Punkt unterschiedlich weit.
       11) Gus Hall,  The Import-Export-Crisis,  in: Political  Affairs,
       August 1985.
       

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