Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       ZU FORSCHUNGSMETHODE UND STRUKTUR DES "GRUNDRISSE"-MANUSKRIPTS
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       VON 1857-1858
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       Irina Antonowa
       
       Trotz gründlicher  Erforschung einzelner  Seiten der  Entwicklung
       von  Marx'  Theorie  im  ökonomischen  Manuskript  von  1857-1858
       ("Grundrisse") kann  man nicht behaupten, daß dessen Struktur und
       insbesondere die  dort ausgearbeitete  Methode vollständig unter-
       sucht ist. Die in den "Grundrissen" entwickelten Forschungsmetho-
       den bilden  analog der Einheit von Theorie und Methode eine orga-
       nische Einheit  aus philosophischem und konkret-historischem bzw.
       einzelwissenschaftlichem Herangehen.
       Das ist  vor allem der konkrete Historismus von Marx' Analyse der
       bürgerlichen Wirtschaft,  dessen Grundlagen  bereits in  den 40er
       Jahren des  19. Jahrhunderts mit der historisch-materialistischen
       Konzeption der  gesellschaftlichen Entwicklung formuliert wurden.
       Aus ihr  ist der Schluß zu ziehen, daß es für die Analyse des Ka-
       pitals nicht  nötig ist, den historischen Rahmen der kapitalisti-
       schen Produktionsweise  zu überschreiten.  Im Manuskript  1857-58
       zeigte Marx,  daß der  Übergang vom  Feudalismus zum Kapitalismus
       einen dialektischen  Sprung, einen Bruch in der historischen Kon-
       tinuität bildet. Anders: Der Übergang kann nicht aus dem grundle-
       genden Produktionsverhältnis der vorangehenden Epoche logisch ab-
       geleitet werden. 1) Somit stand Marx vor der Aufgabe, die kapita-
       listische Gesellschaft als eine gewordene Totalität zu behandeln,
       in der bereits alle Haupttendenzen entwickelt vorhanden sind. Auf
       dieser Grundlage  konnte das innere Bewegungsgesetz der kapitali-
       stischen Gesellschaft enthüllt werden.
       Der hohe  Reifegrad der  kapitalistischen Entwicklung ist seiner-
       seits Bedingung,  die Entstehungsgeschichte des modernen Kapitals
       zu erörten.  Für Marx  war schon  klar, was  er später  so formu-
       lierte: "Die  wirklichen und  daher einfachsten Zusammenhänge des
       Neuen mit  dem Alten werden immer erst entdeckt, sobald dies Neue
       selbst schon eine in sich abgerundete Form gewonnen." 2)
       Konkreter Historismus,  das heißt, die Gesellschaft als System zu
       betrachten, das  in sich  gegliedert ist.  In  den  "Grundrissen"
       spricht Marx  wiederholt von  der materiellen Produktion oder von
       der bürgerlichen  Gesellschaft als  von einem organischen Ganzen.
       3) Der  Gegenstand als organisch gegliedertes System, das ist die
       Grundlage für  die Anwendung der Methode des Aufsteigens vom Kon-
       kreten zum  Abstrakten und vom Abstrakten zum Theoretisch-Konkre-
       ten.
       Dieses Aufsteigen  hat in  dem Manuskript  mehrere Formen und be-
       stimmt praktisch  alle Linien  der Marxschen Erforschung der bür-
       gerlichen Ökonomie  - beginnend  mit der  Geldtheorie, weiter bei
       der Bildung des Begriffs "Kapital im Allgemeinen" und beim unmit-
       telbaren Produktionsprozeß und endend mit der Geschichte der bür-
       gerlichen politischen Ökonomie. Das Aufsteigen vom Abstrakten zum
       Konkreten ist schließlich auch bei dem für die "Grundrisse" typi-
       schen Übergang  von der abstrakt-philosophischen Untersuchung der
       materiellen Produktion  im allgemeinen  zu ihrer konkret-ökonomi-
       schen Analyse zu erkennen.
       Tatsächlich sind  die spezifisch  ökonomischen Probleme  im Manu-
       skript 1857-58  noch enger  mit philosophischen  Fragen verknüpft
       als beispielsweise  an manchen  Stellen  des  ersten  Bandes  des
       "Kapital". Die  philosophischen Aspekte der Darstellung berührten
       in jener  Periode Probleme der allgemeinen Struktur der materiel-
       len Produktion,  der Bestimmung  ihres Platzes innerhalb der bür-
       gerlichen Gesellschaft, die geschichtliche Einordnung der bürger-
       lichen Gesellschaft selber. Die Untersuchung dieser Probleme nahm
       bedeutenden Raum  im Manuskript  ein und  bestimmte  in  gewissem
       Sinne die  Spezifik seiner Struktur. Was die kapitalistische Pro-
       duktionsweise im  engeren Sinne betrifft, so überwog in ihrer Un-
       tersuchung allmählich  die konkrete  ökonomische Betrachtung. Die
       Logik des  "Kapital" verdrängte mit Recht Erörterungen methodolo-
       gischen Charakters.
       Eine Untersuchung  der Geschichte  der  Niederschrift  des  Manu-
       skripts eröffnet  neue Aspekte  der  Entwicklung  der  Logik  des
       "Kapital". Aller  Wahrscheinlichkeit nach  begann Marx die Arbeit
       am Manuskript  im Januar  1857 mit  einer kritischen  Analyse des
       Buchs von  Alfred Darimon  "De la Réforme des Banques". 4) Jedoch
       ist davon auszugehen, daß Marx nicht den Weg zur weiteren positi-
       ven Darlegung seiner Theorie beschritt, sondern die Arbeit zugun-
       sten  verschiedener  anderer  Vorhaben  unterbrach.  Insbesondere
       schrieb er  im Juli  desselben Jahres die Skizze "Bastiat und Ca-
       rey", 5)  die eine  meisterhafte Kritik  der bürgerlichen politi-
       schen  Ökonomie   enthielt.  Dann,   Ende  August,   folgte   die
       "Einleitung", 6) wo die grundlegenden Prinzipien der bevorstehen-
       den Untersuchung  der politischen  Ökonomie ausgearbeitet wurden.
       In seiner  in der  "Einleitung" formulierten Analyse der Struktur
       der bürgerlichen  ökonomischen Theorien brach Marx zunächst nicht
       mit der  in der  politischen Ökonomie  herrschenden Tradition und
       beabsichtigte noch, die Darstellung mit der "Produktion im Allge-
       meinen" zu  beginnen. Allerdings  bereicherte er  diese Tradition
       zugleich mit  der prinzipiell neuen Forderung nach einem konkret-
       historischen Zugang  zur Analyse  der materiellen Produktion, was
       im weiteren  zur Abkehr von einem solchen Anfang der ökonomischen
       Lehre führte. 7)
       Darüber hinaus  wurden in der "Einleitung" die Aufgaben und theo-
       retischen Voraussetzungen  der nachfolgenden  Untersuchung analy-
       siert; es  wurde auf  das Verfahren  der Einordnung  der  wissen-
       schaftlichen Resultate  in der  Theorie entsprechend  jenem Platz
       hingewiesen, den die in dieser Theorie beschriebenen ökonomischen
       Verhältnisse in  der Struktur  der bürgerlichen Gesellschaft ein-
       nehmen. 8)  Schließlich entwarf  Marx in  der "Einleitung"  einen
       vorläufigen Plan der künftigen Untersuchung. 9)
       Spätestens im  Oktober 1857  kehrte Marx zum unterbrochenen Manu-
       skript zurück.  Davon zeugen  die im Text vorhandenen Auszüge aus
       dem damaligen  Zeitraum. 10)  Der Punkt  des Neubeginns ist nicht
       exakt zu benennen. Aber es ist zu vermuten, daß die Arbeitsunter-
       brechung durch die komplizierte Logik des Anfangs der Darstellung
       verursacht wurde.  Erst nach  diesem Neubeginn  ist die Darlegung
       des Materials  konsequent als  Aufsteigen vom Abstrakten zum Kon-
       kreten zu identifizieren. Diese Methode ist viel stärker fundiert
       als in den Entwürfen "Bastiat und Carey" und "Einleitung".
       Die Analyse  des Wertverhältnisses und des Geldes läßt eine ganze
       Reihe damals  noch ungelöster methodologischer Probleme sehen: in
       erster Linie  die Frage des logischen Übergangs von einem theore-
       tischen Begriff  zum anderen.  Marx bemerkte  es selbst: "Es wird
       später nöthig  sein, eh  von dieser  Frage abgebrochen  wird, die
       idealistische Manier  der  Darstellung  zu  corrigiren,  die  den
       Schein hervorbringt  als handle es sich nur um Begriffsbestimmun-
       gen und die Dialektik dieser Begriffe. Also vor allem die Phrase:
       das Product  (oder Thätigkeit) wird Waare; die Waare Tauschwerth;
       der Tauschwerth Geld." 11)
       Der Übergang  vom Geld zum Kapital ist im Manuskript mit der Ent-
       deckung der  Ware Arbeitskraft  (damals: Arbeitsvermögen) verbun-
       den. Es  ist wohl  kein Zufall,  daß diesem Übergang Überlegungen
       allgemein-theoretischen Charakters  vorhergingen: die Analyse des
       Verhältnisses zwischen der Produktion und der Zirkulation und die
       Definition des Kapitals in der bürgerlichen politischen Ökonomie.
       Diese Entdeckung der Ware Arbeitskraft führte zum Verständnis der
       Natur des  Mehrwerts. Noch war allerdings die Mehrwertanalyse eng
       mit der  Analyse des  Profits verknüpft und folglich mit der Not-
       wendigkeit, die bürgerlichen Auffassungen über seine Herkunft und
       seine Natur  zu überwinden.  Hinter dem  Profit als  Substanz den
       Mehrwert zu  erkennen, bedeutete, vom Konkreten zum Abstrakten zu
       gehen.
       Die Erforschung  des Mehrwerts in den "Grundrissen" und noch mehr
       in den folgenden ökonomischen Manuskripten war auch mit dem Zwang
       zur Verwendung  mathematischer Methoden bei der ökonomischen Ana-
       lyse verbunden. So setzt Marx bei der Wertzusammensetzung des Ka-
       pitals erstmals  algebraische Symbolik  ein. Am  11. Januar  1858
       teilte er  Engels mit: "Ich bin bei der Ausarbeitung der ökonomi-
       schen principles  so verdammt  aufgehalten mit  Rechnungsfehlern,
       daß ich aus despair wieder mich drangesetzt habe, rasch die Alge-
       bra durchzuschlagen.  Arithmetik blieb  mir immer  fremd. Auf dem
       algebraischen Umweg  aber schieße ich mich rasch wieder ein." 12)
       Weil aber  die Algebra  nur  statische  Verhältnisse  beschreibt,
       mußte Marx für die Analyse der Veränderungsprozesse des Mehrwerts
       Kenntnisse in  der Differentialrechnung  erwerben.  Mathematische
       Kenntnisse waren  für Marx besonders in den folgenden Etappen der
       Erarbeitung der  ökonomischen Theorie notwendig - bei der detail-
       lierten Analyse der Mehrwert- und Profitrate, bei der Analyse der
       Grundrente und  des Zirkulationsprozesses. Die Anwendung mathema-
       tischer Methoden,  deren erste  Versuche bereits  im Verlaufe der
       Arbeit am  Manuskript 1857-58  zu beobachten sind, stand in enger
       Wechselbeziehung zur  dialektischen Betrachtungsweise  und berei-
       cherte sie.
       Die Analyse  der Produktions- und Zirkulationsprozesse ist in den
       "Grundrissen" eng  miteinander verflochten, so daß es dort keinen
       definitiv zu  bezeichnenden Übergang  von einem Abschnitt zum än-
       dern gibt.  13) Ausdrücklich als "Übergang" wird die Untersuchung
       der "Warenmasse" bezeichnet. Doch dies geschieht erst im sechsten
       Kapitel des  dritten "Kapital"-Manuskripts  "Resultate  ..."  von
       1864. 14)  Daß es  diese Übergangsbestimmung in den "Grundrissen"
       noch nicht gab, hängt auch damit zusammen, daß dort die Ware noch
       nicht einmal als Ausgangskategorie der Darstellung gefunden war.
       Die Betrachtung  des Zirkulationsprozesses  und der  Bildung  des
       Profits in  seiner "reinen" Form ist im Manuskript mit Ausführun-
       gen über deren jeweilige Erscheinungsformen an der Oberfläche der
       Gesellschaft verknüpft,  nämlich mit  Konkurrenz und Kredit. Wenn
       vom Standpunkt  der entwickelten  Struktur  des  "Kapital"  diese
       "Exkurse" als  Abweichung vom  Hauptthema charakterisiert  werden
       können, so  stellen sie  unter dem  Gesichtspunkt des Werdens der
       Struktur offenbar  notwendige Momente des Aufsteigens vom Konkre-
       ten zum  Abstrakten dar.  Der Sinn  dieses Aufsteigens lag in der
       Bestimmung des  Abstraktionsniveaus der künftigen Darstellung, in
       der Formulierung  jener Begriffe,  die im  weiteren die Grundlage
       des zweiten und dritten Bandes des "Kapital" bilden.
       Ähnlich wie  die Betrachtung  von Konkurrenz  und Kredit für Marx
       Vorbedingung für die eigene Untersuchung von Zirkulation und Pro-
       fit war,  so diente auch die im Manuskript durchgeführte Untersu-
       chung von  Problemen der  Geschichte der bürgerlichen politischen
       Ökonomie als eine Art Einführung in die positive Untersuchung des
       Kapitals. Im  Manuskript 1857-58  formulierte Marx in allgemeiner
       Form die Hauptmomente der Kritik der politischen Ökonomie, die im
       Manuskript 1861-63 ihre weitere Entwicklung fanden.
       Die Erfahrungen  der bürgerlichen  politischen Ökonomie, die beim
       Aufbau ihrer Theorie "von dem einfachen, wie Arbeit, Theilung der
       Arbeit, Bedürfniß,  Tauschwerth ...  bis zum Staat, Austausch der
       Nationen, und  Weltmarkt" 15) aufstieg und die gründliche Analyse
       der kapitalistischen Produktionsverhältnisse in den "Grundrissen"
       selbst führten  Marx schließlich zur Erkenntnis, daß die Ware die
       Ausgangskategorie seines ökonomischen Systems sein muß.
       In dieser  Entdeckung sind  in dialektisch aufgehobener Form alle
       Resultate der  Untersuchung eingeschlossen; diese Entdeckung wird
       zum ersten Mal ausdrücklich im Neuentwurf des Anfangs "Werth" vom
       Mai 1858  formuliert 16) und kann als konkretes Ergebnis der gan-
       zen vorhergehenden  Forschungen begriffen  werden. Die  entschei-
       dende Rolle  spielte dabei  die Entdeckung  der Ware Arbeitskraft
       und folglich das Verständnis des elementaren und allgemeinen Cha-
       rakters der Warenverhältnisse im Kapitalismus.
       
       Übersetzung: Gert Meyer
       
       _____
       1) Siehe MEGA II, 1.1, S. 41, 175. Grundrisse, S. 26, 163/164.
       2) Karl Marx,  Mathematische Manuskripte,  Moskau 1968,  S.  198.
       Auch: Kronberg Ts. 1974, S. 133.
       3) Siehe MEGA II, 1.1., S. 35, 201. Grundrisse, S. 21, 189.
       4) Für diese Datierung sprechen die Zeitungsnotizen vom 24.1.1857
       und 12.2.1857  in den  "Grundrissen" (MEGA II, 1.1, S. 85 u. 86),
       die für  die Darstellungslogik  hier nicht  nötig sind. Außerdem:
       Das Studium  des Buches  von Darimon war Marx bereits im Dezember
       1856 möglich (vgl. MEW 29, S. 93). Die Arbeit am MEGA-Band III, 8
       untermauerte diese Datierungsthese.
       5) MEGA II, 1.1, S. 3-15. Grundrisse, S. 834-853.
       6) MEGA II, 1.1, S. 17-45. Grundrisse, S. 3-31.
       7) MEGA II, 1.1, S. 23-24. Grundrisse, S. 7-8.
       8) MEGA II, 1.1, S. 42. Grundrisse, S. 28.
       9) MEGA II, 1.1, S. 43. Grundrisse, S. 28/29.
       10) MEGA II, 1.1, S. 159. Grundrisse, S. 146/174.
       11) MEGA II, 1.1, S. 85. Grundrisse, S. 69.
       12) MEW 29, S. 256.
       13) Von der  Beschäftigung mit Zirkulationsfragen zeugt ein Brief
       von Marx  an Engels  vom 29.1.1858  ("Umlauf des  Kapitals"), in:
       ebenda, S. 269.
       14) MEGA II, 4.1, S. 27-51.
       15) MEGA II, 1.1, S. 36. Grundrisse, S. 21.
       16) MEGA II, 1.2, S. 740-743. Grundrisse, S. 763-764.
       

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