Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES
       ================================================
       
       Joachim Bischoff/Axel Otto *)
       
       1. Das  Manuskript des "sechsten Kapitels" - 2. Waren als Produkt
       des Kapitals  - 2.1 Der Zirkellauf der Darstellung - 2.2 Wie wei-
       ter mit Buch II und III? - 2.3 Wert- und Preisbestimmung
       
       Nach Beendigung  der Heftfolge  von 1861-63,  dem zweiten Entwurf
       zum "Kapital",  bringt Marx innerhalb weniger Jahre, von 1863-65,
       einen weiteren, dritten Entwurf einer Kritik der politischen Öko-
       nomie zu Papier. 1)
       
       1. Das Manuskript des "sechsten Kapitels"
       -----------------------------------------
       
       Die ersten  fünf Kapitel  des Buchs vom Produktionsprozeß aus dem
       Manuskript 1863-65  sind verschollen.  Nur das sechste und letzte
       ist überliefert. 2) Es ist in zweierlei Rücksicht von Interesse:
       E r s t e n s:  Als erhalten gebliebener Teil kann es - nach Maß-
       gabe seines  beschränkten Umfangs  - Auskunft  geben darüber, wie
       Marx die  Darstellung des  unmittelbaren Produktionsprozesses  im
       dritten Entwurf angelegt hat. Rückverweise innerhalb dieses Kapi-
       tels erlauben  die Schlußfolgerung,  daß Marx  das erste Buch vom
       Kapital folgendermaßen aufgegliedert hat:
       Der unmittelbare Produktionsprozeß (1863)
       1. Verwandlung von Geld in Kapital.
       2. Produktion des absoluten Mehrwerts.
       3. Produktion des relativen Mehrwerts.
       4. Kombination beider  Formen. Verwandlung des Werts der Arbeits-
       kraft in den Wert der Arbeit.
       5. Rückverwandlung von  Mehrwert in  Kapital. Der Umschlag im Ge-
       setz der Aneignung. Die sog. ursprüngliche Akkumulation.
       6. Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses.
       Festzuhalten bleibt zunächst, daß Marx seine Ausarbeitung des Ka-
       pitels vom  Geld (1859)  noch nicht für revisionsbedürftig erach-
       tet. Mit  Ausnahme des  letzten Kapitels  "Resultate..." hat eine
       weitgehende Annäherung an die Strukturabfolge im veröffentlichten
       ersten Band  des "Kapitals" stattgefunden. So ist dem Problem des
       Arbeitslohns ebenso  Rücksicht getragen  wie der Tatsache, daß es
       sich als  unmöglich erwiesen hat, die Theoriegeschichte einzelner
       ökonomischer Formbestimmungen gesondert als historischen Nachtrag
       auf die  verschiedenen Ebenen  des Systems der Kritik der politi-
       schen Ökonomie  zu verteilen - alles Resultate der Abarbeitung am
       zweiten Entwurf.  Daß gleichwohl noch nicht alle Probleme des er-
       sten Bandes  gelöst sind,  belegt das sechste Kapitel selbst: Ei-
       nerseits ist  es streckenweise als Kritik bzw. Ergänzung der Dar-
       stellung in  den vorangegangenen fünf Kapiteln angelegt; anderer-
       seits schreibt  Marx für  den ersten  Druck  des  "Kapitals"  ein
       neues, weiteres  Manuskript, in  dem das  6. Kapitel  als solches
       nicht mehr  auftaucht (ausgenommen die abschließende Formulierung
       des Übergangs  zum zweiten Buch). Eine Aufgabe der Interpretation
       besteht mithin  darin, den  Entwicklungsstand von  Marx mit Bezug
       auf die  Verhältnisse des  unmittelbaren Produktionsprozesses  im
       Unterschied zum zweiten "Kapital"-Entwurf einerseits, der Ausgabe
       von 1867 bzw. '72 andrerseits einzuschätzen.
       Z w e i t e n s:   Bezogen nicht mehr nur auf den Produktionspro-
       zeß, sondern  auf die Gesamtstruktur des Manuskripts von 1863-65,
       bildet das  6. Kapitel  die entscheidende  Schnittstelle, an  der
       Marx den systematischen Gang der Bauplanabfolge verläßt und - an-
       statt sich den Verhältnissen des Zirkulationsprozesses zuzuwenden
       - sein  Interesse auf  die Gestaltungen des Gesamtprozesses rich-
       tet. 3)  Dieses Querlaufen des Forschungs- zum Darstellungsprozeß
       reflektiert sich  innerhalb des  6. Kapitels selbst: Die drei Un-
       terpunkte dieses Kapitels sind von Marx nachträglich in einer an-
       deren Reihenfolge  gruppiert als  die, nach  der er sie niederge-
       schrieben hat. Im Manuskript finden wir diese Abfolge:
       Kapitel 6. Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses
       1. Waren als Produkte des Kapitals.
       2. Die kapitalistische Produktion als Produktion von Mehrwert.
       3. Produktion und Reproduktion des ganzen Verhältnisses.
       Auf den  ersten Blick erscheint es plausibel, ausgehend vom mate-
       riellen Resultat  - der  kapitalistisch produzierten  Ware - eine
       zusammenfassende Charakterisierung  der  ihr  zugrunde  liegenden
       Produktionsverhältnisse zu geben und diese zudem als ein sich re-
       produzierender Prozeß  zu begreifen. Man erinnere sich an den Ab-
       schlußsatz des  21.  Kapitels  "Einfache  Reproduktion"  aus  dem
       "Kapital": "Der  kapitalistische Produktionsprozeß,  im Zusammen-
       hang betrachtet  oder als  Reproduktionsprozeß,  produziert  also
       nicht nur  Ware, nicht  nur Mehrwert,  er produziert und reprodu-
       ziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapi-
       talisten, auf  der andren  den Lohnarbeiter."  4)  Indes  ist  im
       "Kapital" die  Darstellung  der  Reproduktion/Akkumulation  nicht
       nach dem Schema: Ware - Mehrwert - soziales Verhältnis zu verste-
       hen. Die  kapitalistisch produzierte  Ware wird nicht fixiert und
       einer selbständigen  Analyse unterworfen; als erstes, unmittelba-
       res und  materielles Resultat  des Produktionsprozesses  interes-
       siert sie nur soweit, als sie ein in seine Voraussetzung umschla-
       gendes Produkt  des Produktionsprozesses  erscheint und sich über
       diesen Umschlag  weitere Bestimmtheiten der Produktion als Repro-
       duktion sowie als soziales Produktionsverhältnis erschließen las-
       sen.
       Auch für  das vorliegende  Manuskript 63-65 schlägt Marx eine an-
       dere Systematik  vor: "Von  diesen drei Rubriken ist Nr. l in der
       letzten Bearbeitung für den Druck zuletzt, nicht zuerst, zu stel-
       len, weil es den Uebergang zum zweiten Buch - Zirkulationsprozess
       des Kapitals  - bildet."  /3/ Nicht nur der "Bequemlichkeit wegen
       /ibd./, wie  er launig  einräumt, hat er den systematisch letzten
       Punkt "Waren als Produkt des Kapitals" zuerst verfaßt. Zeigt doch
       gerade eine  nähere Betrachtung  gerade dieser  Formbestimmtheit,
       welche übergreifenden  Problemzusammenhänge am  Abschluß des Pro-
       duktionsprozesses die  weitere Darstellung  schwierig machen. Die
       in "Waren  als Produkt  des Kapitals"  von Marx  selbst angespro-
       chenen inhaltlichen  Probleme der  Gesamtstruktur des  "Kapitals"
       bilden  den  Gegenstand  unserer  folgenden  Interpretation.  Aus
       Platzgründen können wir auf die Bedeutung und das weitere Schick-
       sal der  im "Resultate..."-Kapitel  aufgeworfenen Fragen der Pro-
       duktion von  Mehrwert und  der Reproduktion des sozialen Verhält-
       nisses nicht eingehen. 5)
       
       2. Waren als Produkt des Kapitals
       ---------------------------------
       
       2.1 Der Zirkellauf der Darstellung
       ----------------------------------
       
       "Die Ware,  als die  elementarische Form  des bürgerlichen Reich-
       tums, war  unser Ausgangspunkt, die Voraussetzung für die Entste-
       hung des  Kapitals. Andrerseits  erscheinen Waren  jetzt als  das
       Produkt des  Kapitals." /91/  Am Ende des unmittelbaren Produkti-
       onsprozesses hat  die schrittweise Entwicklung ökonomischer Form-
       bestimmungen in  gewisser Weise einen  Z i r k e l l a u f  d e r
       D a r s t e l l u n g  durchgemacht. An diese "Rück"kehr zum Aus-
       gangspunkt knüpft  Marx in  seinen  Überlegungen  an:  Einerseits
       drückt sich  in diesem Kursus der formationsspezifische Charakter
       kapitalistischer Produktionsverhältnisse  aus, andrerseits offen-
       bart er  entscheidende  Strukturzusammenhänge  der  gegenwärtigen
       Verhältnisse.
       Ware und  Geld, die  elementarischen Bedingungen kapitalistischer
       Produktion, sind als solche zugleich ihre historischen Vorausset-
       zungen.   Vorbürgerliche    Formen   von    Warenproduktion   und
       -zirkulation hat  es ab einem bestimmten Punkt im Zersetzungspro-
       zeß archaischer Gemeinwesen fast überall gegeben, ohne daß aller-
       dings diese gesellschaftlichen Organismen von der Warenproduktion
       total durchstrukturiert worden wären. Keine Rede kann davon sein,
       daß die  Ware allgemeine und notwendige Form des Produkts gewesen
       ist. Der  angesprochene Zirkellauf  der Darstellung  von der Ware
       als Ausgangspunkt  zur Ware  als Resultat belegt daher auch einen
       grundsätzlich veränderten  historischen Stellenwert der Warenpro-
       duktion: "Andrerseits aber wird die Ware erst allgemeine Form des
       Produkts, muss  alles Produkt die Form der Ware annehmen, ergrei-
       fen Kauf  und Verkauf  nicht nur  den Ueberfluss  der Produktion,
       sondern ihre  Substanz selbst,  und treten die verschiedenen Pro-
       duktionsbedingungen selbst  umfassend als  Waren auf, die aus der
       Zirkulation in den Produktionsprozess eingehen, nur auf Grundlage
       der kapitalistischen  Produktion."  /91/  Formationsgeschichtlich
       frühere Typen von Gemeinwesen sind von der Kategorie der Ware aus
       nicht zu entschlüsseln. Umgekehrt führt aber die Analyse von Ware
       und Geld  als Elementarformen  des bürgerlichen  Reichtums an be-
       stimmten Punkten  von selbst  zur  Charakterisierung  der  unter-
       schiedlichen historischen Bedingungen des Kapitals: "Die Verwand-
       lung des Geldes, das selbst nur verwandelte Form der Ware, in Ka-
       pital rindet  nur statt,  sobald das Arbeitsvermögen in eine Ware
       für den  Arbeiter selbst  verwandelt ist."  /92/ Unterstellt  ist
       also zweierlei:  Der Arbeiter  als abgetrennt  von den Verwirkli-
       chungsbedingungen seiner  Arbeit, Eigentümer  nur seiner Arbeits-
       kraft selbst,  und - darin eingeschlossen - befreit von allen au-
       ßerökonomischen Abhängigkeits- und Hörigkeitsverhältnissen.
       Auf Basis  dieser Voraussetzungen entwickelt sich die Dynamik der
       kapitalistischen Produktionsweise.  Mit  der  Entfaltung  gesell-
       schaftlicher und betrieblicher Arbeitsteilung im Wechselspiel mit
       der industriellen  Nutzung von Naturkräften und Wissenschaft, mit
       der "Massenhaftigkeit  des Produkts"  /94/ bei der Produktion auf
       großer Stufenleiter  totalisiert sich  die Warenproduktion  unter
       dem Regime des Kapitals, ergreift sie alle Zweige der materiellen
       Reproduktion und macht den Warencharakter des Produkts zur allge-
       mein notwendigen Form der Arbeitsresultate. "Mit der kapitalisti-
       schen Produktion  ist daher auch erst allgemein der Gebrauchswert
       durch den Tauschwert vermittelt." /93/
       Die Entfaltung  der Bedingungen,  die die Ware sowohl zur Elemen-
       tarform des  Reichtums wie  zum notwendigen Resultat des Kapitals
       machen, ist  in den  schrittweisen Gang  der ökonomischen Analyse
       selbst eingeschlossen.  Um das  Kapital als Produktionsverhältnis
       formationsgeschichtlich zu charakterisieren - und die falsche Ab-
       straktion einer historischen Kontinuität von Waren- und Geldwirt-
       schaften zurückzuweisen  -, ist  es also  nicht nötig, Recherchen
       für eine  vergleichende Geschichte der Produktionsverhältnisse zu
       betreiben. Die  Analyse gegenwärtiger  Verhältnisse selbst zeigt,
       "wie selbst  früheren Produktionsepochen  angehörige  ökonomische
       Kategorien auf  Grundlage der  kapitalistischen  Produktionsweise
       einen spezifisch verschiedenen, historischen Charakter erhalten".
       /92/
       Ebenso wie  Ware und  Geld erscheint der Wert als eine historisch
       relativ unspezifische  Kategorie.  Näher  betrachtet  zeigt  sich
       aber, daß erst in dem Maße, wie Ware und Geld zu notwendigen Ele-
       mentarformen der  bürgerlichen Produktionsweise  werden, wie also
       die kapitalistische  Produktion sich entwickelt, "auch die allge-
       meinen über die Ware entwickelten Gesetze, z. B. die den Wert be-
       treffenden" /92/,  sich realisieren.  Bei Gesellschaften mit mehr
       sporadischen Austauschverhältnissen drückt der Wert weder gesell-
       schaftliche Durchschnittsverhältnisse  aus, noch reguliert er die
       Produktion. Anders  unter dem  Kapital. Hier werden die Produkti-
       onsbedingungen nicht  naturwüchsig vorgefunden,  sondern  gesell-
       schaftlich vermittelt  als Waren in den Produktionsprozeß einrol-
       liert. "Soweit  sie nicht  in wirkliches  Geld, werden sie in Re-
       chengeld verwandelt,  werden sie  als Tauschwerte  behandelt  und
       wird das Wertelement, das sie dem Produkt in einer oder der ande-
       ren Weise  zusetzen, genau berechnet." /93/ Als Verwertungsprozeß
       steht der  Produktionsprozeß von  vornherein in einem bestimmten,
       über den Wert regulierten, gesellschaftlichen Zusammenhang.
       Es ist  der historisch  spezifische Charakter  ebendieses gesell-
       schaftlichen Zusammenhangs  - Produktionsverhältnisse,  in  deren
       Zentrum der  Wert steht  -, um  deren nähere Erfassung es Marx in
       den "Resultaten ..." wesentlich geht. Denn was heißt Realisierung
       der Gesetze  des Werts  im Maße  der Entwicklung der kapitalisti-
       schen Produktion?  Nicht nur  die gegenständlichen Produktionsbe-
       dingungen nehmen ja die ebenso elementarische wie notwendige Form
       der Ware an, sondern auch das subjektive Arbeitsvermögen wird als
       Ware in  den allseitigen Austauschprozeß einbezogen. Die Zirkula-
       tion ist hier eine wesentliche Form der Vermittlung in der Repro-
       duktion der  sozialen Verhältnisse.  Andrerseits aber hat die sy-
       stematische Entwicklung  gezeigt: "Der  Austausch von Kapital und
       Arbeitskraft wird formell." /93/ 6) Das Formellwerden des Äquiva-
       lenzverhältnisses für  die Subjekte bei gleichzeitigem Wichtiger-
       werden der Warenform als Vermittlungsinstanz im sozialen Verkehr:
       Das  Problem  der  systematischen  Erfassung  der  eigentümlichen
       Strukturzusammenhänge zwischen  objektivierten gesellschaftlichen
       Verhältnissen und  deren bewußt-unbewußter  Reproduktion  mittels
       des Handelns  und Agierens der Subjekte ist damit als Problem ge-
       rade erst  umrissen. Durchgängig  in diesem  6. Kapitel  arbeitet
       Marx an  diesem Problemzusammenhang  sich ab.  Sowohl der Abbruch
       des Manuskripts  wie auch  der spätere  Verzicht auf  einen Punkt
       "Resultate des  unmittelbaren Produktionsprozesses"  müssen  auch
       unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.
       
       2.2 Wie weiter mit Buch II und III?
       -----------------------------------
       
       Der Weg von der elementarischen Ware zur Ware als Produkt des Ka-
       pitals führt  über den kapitalistischen Produktionsprozeß, in dem
       sich ein eigentümlicher Formunterschied innerhalb der Wertbestim-
       mungen des Kapitals herausbildet und sich als wertmäßiger Größen-
       unterschied am  Resultat dieses  Prozesses gegenständlich nieder-
       schlägt. Damit  ist die  Basis einer konfrontierenden Betrachtung
       gelegt: "Die  Ware, wie  sie aus  der kapitalistischen Produktion
       herauskömmt, ist  verschieden bestimmt  von der Ware, wie von ihr
       als Element, Voraussetzung der kapitalistischen Produktion ausge-
       gangen wird." /95/ Marx notiert zwei wesentliche Unterschiede:
       1. Während bei  der elementarischen,  selbständigen Ware durchaus
       unentschieden blieb,  woher die  in ihr  als Wert kristallisierte
       Arbeit stammt,  "enthält die  Ware als  Produkt des  Kapitals zum
       Teil bezahlte, zum Teil unbezahlte Arbeit". /95/
       2. Als Produkt  des Kapitals, i. e. eines Prozesses gesellschaft-
       lich zwangsassoziierter Produzenten, verliert die Ware ihren Cha-
       rakter (scheinbarer)  Selbständigkeit und wird zum bloß aliquoten
       Teil eines  Massenprodukts herabgesetzt.  Als dieses  Teilprodukt
       fungiert jede einzelne nun "als Träger des Werts des Kapitals und
       des von ihm produzierten Mehrwerts". /95/
       Halten wir  uns zunächst  das übergreifende  Problem, an dem Marx
       sich in  diesem gesamten  Unterabschnitt abarbeitet,  vor  Augen:
       d a s  s i c h  v e r ä n d e r n d e  V e r h ä l t n i s  v o n
       W e r t-   u n d   P r e i s b e s t i m m u n g.   Generell gilt
       weiterhin: "Preis  hier überhaupt  nur der Geldausdruck von Wert.
       Von den Werten verschiedene Preise kommen überhaupt bisher in un-
       serer  Entwicklung   noch  nicht   vor."  /107/  Für  quantitativ
       bestimmte Abweichungen  der Preise  von den Werten gab es bislang
       keinen systematischen  Grund. Indessen notiert Marx eine formelle
       Änderung  in   der  Preisbestimmung.   Während  ursprünglich  die
       einzelne Ware  selbständig gefaßt  und  ihr  Preis  als  ideeller
       Geldausdruck ihres  in sich  nicht weiter bestimmten Wertquantums
       begriffen wurde,  ändert sich  das Bild  am Ende des Produktions-
       prozesses: "Bei  der Preisbestimmung der einzelnen Ware erscheint
       sie als  blosser ideeller Teil des Gesamtprodukts, worin sich das
       Kapital  reproduziert."   /96/  Zunächst   erschließt  sich   die
       Preisbestimmung der  einzelnen  Ware  als  aliquoter  Bestandteil
       eines Massenprodukts  auf  dem  Wege  der  Division  des  Gesamt-
       produktenwerts (in  Geld) durch die Anzahl der diskreten Produkte
       /vgl. 98  f./. Dieser  veränderten  Bestimmung  des  Preises  der
       Einzelware  qua   Division  entspricht   bzw.   unterliegt   eine
       veränderte Struktur  der  Wertbestimmung:  Einerseits  tritt  nun
       hervor, daß Wert eine Bestimmung des  G e s a m t p r o d u k t s
       ist, nicht  primär eine  der einzelnen  Ware, andrerseits  stellt
       sich dieser  Wert als ausgewiesenes Resultat des kapitalistischen
       Aneignungsprozesses   nunmehr    in   sich    differenziert   als
       Produktenwert (c + v + m) dar.
       Während diese  erste These  sich in dem Satz zusammenfassen läßt,
       daß sich die durch den kapitalistischen Aneignungsprozeß bewirkte
       Veränderung der  Wertbestimmung in  einer  (formell)  veränderten
       Preisbestimmung notwendig  ausdrücken muß,  läuft die unmittelbar
       sich anschließende  Untersuchung auf die nur scheinbar widerspre-
       chende These  hinaus, daß von dieser formell veränderten Preisbe-
       stimmung kein  direkter und eindeutiger Rückgriff mehr auf verän-
       derte Strukturen  des Verwertungsprozesses  möglich ist  /vgl. 99
       ff./. Kürzen wir die Untersuchung ab und vergegenwärtigen wir uns
       nur von  ihr das von Marx in "zwei Gesetze" /106/ zusammengefaßte
       Resultat: "es hat sich also gezeigt:
       1. bei wechselnden Warenpreisen kann die Rate und Masse des Mehr-
       werts konstant bleiben; und
       2. bei konstanten  Warenpreisen kann die Rate und Masse des Mehr-
       werts variieren." /106/
       Anders als  bei der einzelnen, selbständig betrachteten Ware exi-
       stiert bei der Ware als Produkt des Kapitals kein eindeutiger Zu-
       sammenhang von Preis-und Wertstrukturen mehr. Es ist diese These,
       die Marx  sich als   L e i t f a d e n   seiner weiteren Untersu-
       chungen für  das zweite und dritte Buch notiert: "Man sieht hier-
       aus, wie  die Ware,  als Produkt  des Kapitals sich unterscheidet
       von der einzelnen Ware, selbständig behandelt, und wird sich die-
       ser Unterschied  mehr und  mehr zeigen und mehr und mehr auch die
       Reale Preisbestimmung der Ware usw. affizieren, je weiter wir den
       kapitalistischen Produktions- und Zirkulationsprozeß verfolgt ha-
       ben werden." /109/
       Am gegenständlichen  Resultat des Produktionsprozesses angelangt,
       eröffnen sich  Ausblicke auf weiterführende Strukturzusammenhänge
       im Gesamtsystem kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Mit dem
       sich verändernden  Verhältnis von Wertbestimmung und Preisen wird
       der gesamte  Spannungsbogen im  Vermittlungszusammenhang von all-
       gemeinen Produktionsgesetzen  des Kapitals  und dessen verdrehten
       Erscheinungsformen an  der Oberfläche thematisch. Die Formbestim-
       mung der  kapitalistisch produzierten  Ware stellt einen ebensol-
       chen Knotenpunkt  für den Gang der systematischen Darstellung dar
       wie die  einfach bestimmte  Ware für die Entwicklung der Grundbe-
       stimmungen des  Kapitals. Für  Marx  erhebt  sich  notwendig  die
       Frage, in welcher Schrittfolge von Formbestimmungen die in dieser
       Kategorie eingehüllten,  objektivierten Zusammenhänge  im  System
       gesellschaftlicher Arbeit  nunmehr weiterzuentwickeln  sind.  Der
       von ihm  formulierte Leitfaden für die sich anschließenden Unter-
       suchungen hält  an der  These fest,  daß, um die Vorgänge im All-
       tagsleben wirtschaftlicher  Abläufe zu verstehen, ein unmittelba-
       res Ansetzen  an den  beobachtbaren Phänomenen nicht weiterführt.
       Anstatt eine  isolierte Preistheorie  zu betreiben,  ist  an  der
       Spannung zwischen Wert und Preis festzuhalten; die Wertbestimmung
       bildet weiterhin  den Ausgangspunkt.  Ihre  Veränderung  begreift
       einen sowohl  vermittelnden wie verdunkelnden Zusammenhang zu den
       oberflächlichen  Erscheinungsformen  des  Werts  in  Gestalt  der
       Preise ein.
       Marx weiß  um den  Zusammenhang von  Wert und  Preis,  soweit  er
       grundsätzlich und  allgemein angesprochen  ist. Eine  nähere  Be-
       trachtung zeigt  aber, daß Unsicherheiten bestehen nicht nur über
       die Schrittfolge  einzelner Vermittlungsglieder, sondern über be-
       stimmte Dimensionen  der Wertbestimmung selbst. Beides hängt aber
       notwendig zusammen.  Das im  folgenden angeführte Beispiel zeigt,
       daß die  gesamtwirtschaftlichen Dimensionen  im Begriff des Werts
       nur dann  mitgedacht werden können, wenn über den gesellschaftli-
       chen Vermittlungsprozeß  an der  Oberfläche hinreichend  Klarheit
       besteht.
       
       2.3 Wert- und Preisbestimmung
       -----------------------------
       
       Als Träger von Kapital und Mehrwert "zeigt sich die Ware jetzt in
       dem Umfang,  den Dimensionen  des Verkaufes, die stattfinden müs-
       sen, damit  der alte  Kapitalwert und  ditto der von ihm erzeugte
       Mehrwert realisiert  werden". /96/ Gesetzt, es werde nur ein Teil
       des Produkts  losgeschlagen, so  gilt nach  Marx für diese Waren,
       daß sie  zu "dem  ihrem Wert entsprechenden Preis verkauft werden
       und dennoch  unter ihrem  Wert als  Produkt des Kapitals verkauft
       sein (können)". /107/ Das Marx hier noch frappierende Problem be-
       steht offensichtlich  darin, daß die verschiedenen Dimensionen in
       der Entfaltung der Wertbestimmung noch nicht systematisch aufein-
       ander bezogen  sind. Weder  kann man  das Moment der verausgabten
       Arbeit (pro  Teilmenge) gegenüber  der Bestimmung  von  Wert  als
       übergreifende Bestimmtheit  des Gesamtprodukts  verabsolutieren -
       wie im zitierten Fall - noch in das Gegenextrem verfallen und bei
       einer unterstellten  Situation der  Absatzbeschränkung eine Wert-
       und daher  auch Preissteigerung  des allein verkaufbaren Teilpro-
       dukts annehmen:  "Werden von  diesem Gesamtprodukt,  1200 Ellen =
       120 Pfund,  nur 800 verkauft, so stellen diese 800 nicht 2/3 ali-
       quote Teile  des Gesamtwerts,  sondern den ganzen Gesamtwert vor,
       und repräsentieren  also einen  Wert von 120 und nicht von 80 und
       die einzelne  Ware nicht  (...) 2 sh., sondern (...) 3 sh." /108/
       Das Verhältnis  von Wert  und Preis und daher die Entwicklung der
       Wertbestimmung selbst  in ihren einander scheinbar widersprechen-
       den Dimensionen  werden hier  noch in einer Weise verhandelt, die
       sich als  nicht haltbar erweisen wird: "Diese Voraussetzung, dass
       die Waren zu ihren Werten entsprechenden Preisen verkauft werden,
       bildet die  Grundlage auch  der im folgenden Buch enthaltenen Un-
       tersuchungen." /115/  Nicht erst bei der Analyse der Gestaltungen
       des Gesamtprozesses,  sondern schon mit der Grundlegung der Wert-
       bestimmung und des Verwertungsprozesses muß deutlich gemacht wer-
       den, daß  das Verhältnis von Wert und Preis sowohl qualitativ wie
       quantitativ Inkongruenzen einschließt und dies wesentliche Bedin-
       gung für die Realisierung der Wertbestimmung ist.
       In beiden  durchgespielten Fällen  - bei  Preiskonstanz bzw. -an-
       stieg der  Einzelware -  zeigt sich Marx unbeeindruckt davon, daß
       ein Teil  der verausgabten Arbeit auf dem Markt nicht als gesell-
       schaftlich notwendige  anerkannt wird. Wert als gesellschaftliche
       Kategorie übergreift bei ihm zwar schon die einzelne Ware, bleibt
       aber immer noch eingeschränkt auf das Produkt eines Kapitals bzw.
       einer Branche  und wird noch einseitig nach der Seite der Produk-
       tion gefaßt;  er umfaßt  noch nicht  die  gesamtgesellschaftliche
       Verteilung der Arbeit. Das Beispiel verweist darauf, daß zwei un-
       tereinander zusammenhängende Problemstränge, die vor allem in den
       Büchern zwei  und drei des "Kapitals" thematisch werden, noch ei-
       ner Klärung harren:
       - die gesamtwirtschaftlichen Dimensionen der Wertbestimmung;
       - der gesellschaftliche Vermittlungsprozeß, in dem sich das Wert-
       gesetz durchsetzt;  einerseits als bestimmende Grundlage, andrer-
       seits als  beständig werdendes Resultat über das Handeln der Sub-
       jekte.
       Indem Marx auf das sich verändernde Verhältnis von Wert und Preis
       reflektiert, schneidet  er der Sache nach genau diesen Problemzu-
       sammenhang an.  Über die  kapitalistisch produzierte Ware als ge-
       samtgesellschaftliche Größe,  d. h.  über das  Warenkapital,  er-
       schließen sich  zentrale  Gesetzmäßigkeiten  der  wert-  und  ge-
       brauchswertmäßigen Reproduktion der kapitalistischen Produktions-
       weise, eine bestimmte Verteilung der gesellschaftlichen Gesamtar-
       beit und  damit der Verhältnisse von Produktion, Distribution und
       Konsumtion. Bestimmungen,  die dem Wert als Kapital allgemein zu-
       kommen, erweisen  sich in der Struktur der gesellschaftlichen Ge-
       samtarbeit als reelle Allgemeinheiten. Die gesamtwirtschaftlichen
       Implikationen der  Wertbestimmung werden  mit der Darstellung des
       Zirkulations- und  Reproduktionsprozesses des  gesellschaftlichen
       Gesamtkapitals selbst  zum Gegenstand der systematischen Entwick-
       lung. Da  dieser Zusammenhang  nur als  Kreislaufprozeß zu fassen
       ist, ist  die Bestimmung  des Kreislaufs - und da dieser sich mit
       einer gewissen  Rhythmik vollzieht,  die des  Umschlags -  in der
       theoretischen Abstraktion vorausgesetzt. Die Voraussetzung ändert
       aber nichts an der Tatsache, daß bereits mit dem gegenständlichen
       Resultat des  kapitalistischen Produktionsprozesses der Bogen zum
       Gesamtreproduktionsprozeß objektiv  geschlagen ist.  Insofern ist
       es auch  rationell, daß  Marx die Bestimmung der Ware als Produkt
       des Kapitals als Übergangskategorie in die Betrachtung des Zirku-
       lationsprozesses verhandelt /vgl. 114 f./, nur kann es keinen un-
       mittelbaren Übergang  von der kapitalistisch produzierten Ware in
       die Bestimmung  des Kapitalkreislaufs geben. Ausgangspunkt bleibt
       der allgemeine  Charakter des  Kapitals als  wertsetzender  Wert.
       Dieser wird  aber in der Kreislaufsform des Geldkapitals zum Aus-
       druck gebracht.
       Mit dem  Reellsetzen der  allgemeinen Bestimmungen  des Werts als
       Kapital ist  allerdings noch  nicht das  Problem gelöst, wie sich
       über das  wechselseitige Verhalten  der einzelnen Kapitale unter-
       einander der allgemeine Zusammenhang der kapitalistischen Produk-
       tionsweise durchsetzt.  Daß sich  das einzelne Kapital als Bruch-
       stück des Gesamtkapitals verhält und in dem Handeln der Produkti-
       onsagenten -  gegen ihr Wissen und Wollen - sich die Bestimmungen
       des Werts  realisieren, d. h. eine bestimmte Proportionierung der
       gesellschaftlichen  Arbeit  in  widersprüchlichen  Verlaufsformen
       vollzogen wird - diese Gestaltungen des Gesamtprozesses umgreifen
       den  Gegenstand   des  von   Marx  geplanten  dritten  Buchs  des
       "Kapitals". Den Schritten, den die Darstellung folgen muß, um die
       Vermittlung der  Erscheinungsformen an der Oberfläche des gesell-
       schaftlichen Prozesses mit den allgemeinen Bestimmungen der wert-
       setzenden Arbeit  zu leisten,  entspricht ein jeweils verändertes
       Verhältnis  von  Wert  und  Preis  (Kostpreis;  Produktionspreis;
       Schein der  Konkurrenz). Da  auch in  der Frage der sozialen Ver-
       mittlungsformen des  Wertgesetzes die  kapitalistisch produzierte
       Ware den systematischen Ausgangspunkt bildet, ist es kein Zufall,
       daß Marx  auch diesen Zusammenhang in den "Resultaten..." streift
       bzw. als Problem antizipiert.
       Diesmal ist  es Proudhon,  an dem  Marx sich abarbeitet. Proudhon
       stellt die  Frage: Wie  kann die Arbeiterklasse ihr Wochenprodukt
       zurückkaufen, wenn der Preis des Produkts = Lohn und Profit? Marx
       hält dem entgegen, daß Proudhon den Gesamtreproduktionsprozeß un-
       ter dem Aspekt der einzelnen kapitalistisch produzierten Ware an-
       schaue, in der sich der Produktenwert des Kapitals als Summe ver-
       schiedener Preisbestandteile reflektiere. Bedenke man jedoch, daß
       die einzelne  Ware nur Teil des Gesamtprodukts sei, so lasse sich
       der Gesamtproduktenwert  in proportionellen  Teilen der Gesamtwa-
       renmasse darstellen,  so daß sich die Umsetzung des gesellschaft-
       lichen Bruttoprodukts  und mit  ihm die  Reproduktion der gesell-
       schaftlichen Arbeitskraft  friktionslos gestalten. - Diese Kritik
       allerdings hält  Proudhon zu  viel zugute.  Proudhon  artikuliert
       sein Mißbehagen  am sozialen Gegensatz von Arm und Reich noch in-
       nerhalb des oberflächlichen Scheins der Konkurrenz; eine den Ein-
       kommensformen Lohn  und Profit (bzw. Zins) vorausgesetzte Wertbe-
       stimmung kennt  er nicht.  Marx merkt selbst, daß er eine Verkür-
       zung der  Problemstellung vorgenommen  hat: "In  der Tat ist sein
       Satz noch  schlechter, weil er die Voraussetzung impliziert, dass
       der wahre  Preis der  Ware (...) = dem in ihr enthaltenen Quantum
       bezahlter Arbeit  und der  Mehrwert, Zins etc. nur ein Aufschlag,
       willkürlicher, über  diesen wahren  Preis der Ware ist." /114/ In
       der Auseinandersetzung  mit Proudhon  wird von  Marx faktisch der
       Gesamtzusammenhang zwischen den Grundstrukturen des gesellschaft-
       lichen Reproduktionsprozesses bis hin zu dessen oberflächlichsten
       Erscheinungsformen, dem  Umschlagen von Distributions- in Produk-
       tionsformen als  beständig erzeugter Schein der Konkurrenz thema-
       tisiert. Daß  aber noch  erhebliche Unklarheit über die einzelnen
       Vermittlungsglieder besteht,  verrät die Unsicherheit, mit der er
       seine Proudhonkritik  systematisch einzuordnen  versucht: "Dieser
       ganze Passus  über Proudhon  kömmt wohl besser in C. III, Buch II
       oder noch später." /114/
       Im wechselseitigen Ineinanderumschlagen von Produktions- und Dis-
       tributionsformen werden  die Formen  des Werts  zur Voraussetzung
       seiner Substanz,  oder -  etwas  alltäglicher  formuliert  -  die
       Preise (der Waren) erscheinen bestimmt durch die Preise (der Pro-
       duktionsfaktoren). Die  Grundstruktur dieser  Zirkelbewegung  der
       Preise ist  allerdings bereits  mit dem  Kostpreis gegeben. Indem
       dem Kapital  anderes Kapital zur Voraussetzung wird, indem es von
       den verschiedenen  Märkten seine Produktionselemente - subjektive
       wie objektive - mit vorausgesetzten Preisgrößen bezieht und indem
       die Wiederrealisierung  der Summe dieser Preise Voraussetzung der
       Reproduktion des  Kapitalwerts ist, erscheint der alles entschei-
       dende Formunterschied  des Kapitals im unmittelbaren Produktions-
       prozeß erloschen. In der Bewegung der Kostpreise tauchen nur noch
       fertige Preise  auf, die der Produktionselemente wie die der Pro-
       dukte, aber kein besonderes wertsetzendes Element mehr. Der Kost-
       preis als solcher nimmt daher den falschen Schein einer Kategorie
       der Wertbildung  an und  - als Konsequenz davon - verwandelt sich
       der Mehrwert in die veräußerlichte Form des Überschusses über den
       Kostpreis; ein  Überschuß, der  durch seinen Bezug auf das vorge-
       schossene Gesamtkapital die Form des Profits annimmt.
       Ohne den Begriff des Kostpreises in dieser Bestimmtheit als Kate-
       gorie der  scheinbaren Wertbildung  ist der Vermittlungszusammen-
       hang zwischen den Bestimmungen des Werts und den Formen der Ober-
       fläche nicht  zu  rekonstruieren.  Mit  der  Veräußerlichung  und
       Gleichgültigkeit der  verschiedenen Elemente  des  Produktenwerts
       als Kostpreis  und Profit gegeneinander ist die Möglichkeit gege-
       ben, daß  sich das  Kapital auf  alle Sphären der Produktion ver-
       teilt, ohne  durch deren stoffliche Besonderheiten in seiner Ver-
       wertung prinzipiell  benachteiligt zu werden. Auf Basis des Kost-
       preises wird  eine Umverteilung des gesellschaftlichen Bruttopro-
       fits vollzogen,  dergestalt daß  sich die Verwertung des Kapitals
       an seiner  Größe, nicht  mehr länger an der vom einzelnen Kapital
       exploitierten Arbeitskraft bemißt. Die Kategorie des Produktions-
       preises (Kostpreis plus Durchschnittsprofit) bezeichnet eine Form
       des Preisbildungsprozesses,  in der  sich die  Wertbestimmung nur
       noch über das Gesamtkapital vermittelt Geltung verschafft.
       Aber Produktionspreis  und mit  ihm  die  Durchschnittsprofitrate
       existieren nicht  als bestimmende Voraussetzungen für die einzel-
       nen Kapitale,  sondern nur als beständig werdende Resultate einer
       Bewegung, in der über die Konkurrenz nach maximalen Gewinnchancen
       eine Verteilung von Kapital und Arbeit auf die verschiedenen Pro-
       duktionssphären erzielt  wird, die  rückblickend, als  Resultante
       sich aufhebender  Ungleichheiten, angleichende  Verwertungsbedin-
       gungen erzeugt.  Der ganze  Prozeß ist also mit einem beständigen
       Schwanken von  Preisen begleitet, über die wechselseitige Konkur-
       renz von Nachfrage und Angebot vermittelt, so daß sich das Gesetz
       des Werts  immer erst  im nachhinein auf dem Markt, d. h. nachdem
       die Arbeit bereits verausgabt worden ist, erfüllt. In der Konkur-
       renz als ihrer Vermittlungsform macht sich die Wertbestimmung nur
       noch in  gesellschaftlichen Aggregatkräften geltend: produktions-
       seitig als bestimmtes Angebot, das unter unterschiedlichen Bedin-
       gungen produziert  wurde und  mit Waren  ähnlichen Gebrauchswerts
       konkurrieren muß;  nachfrageseitig als eine durch die Distributi-
       onsverhältnisse bestimmte Verteilung der Einkommen sowie, was den
       größten Block darstellt, als Nachfrage des Kapitals nach Kapital-
       gütern. Aus  dem  Aufeinandertreffen  beider  in  sich  heterogen
       strukturierter Aggregate  resultieren die Schwankungen der Markt-
       preise. In  keinem einzelnen Fall ist ein unmittelbarer Bezug zur
       verausgabten Arbeit  vorhanden. Mit  der weiteren  Fraktionierung
       des Profits in Zins, Unternehmerlohn, Rente usw. sind zusätzliche
       Parameter der Konkurrenz gegeben. Schließlich schlagen in der be-
       ständigen Reproduktion  dieser Verhältnisse  Resultate in Voraus-
       setzungen, Distributions-  in Produktionsformen um. Im Schein der
       Konkurrenz,  reflektiert   als   Produktionsfaktorentheorie   der
       Preisbildung, ist  jegliche Verbindung zum Wertgesetz verlorenge-
       gangen. Als  Resultat einer langen Kette von Vermittlungsgliedern
       zeigt sich  aber gerade  das System  der Konkurrenz  als adäquate
       Verwirklichungsform eines sozialen Systems der Arbeit, in dem der
       gesellschaftliche Zusammenhang  über den  Wert, d.  h.  über  die
       Gleichsetzung der Arbeitsprodukte hergestellt wird.
       Marx ist  zum Zeitpunkt der Niederschrift der "Resultate..." noch
       unsicher über  den hier  nur grob skizzierten Vermittlungszusamr-
       nenhang. An  der zitierten  Formulierung vom Unterschied zwischen
       der einzelnen  Ware und  der Ware  als Produkt  des Kapitals, der
       sich "mehr  und mehr  (zeigt) und  mehr und  mehr auch  die Reale
       Preisbestimmung der  Ware" affiziert  /109/, irritiert die offen-
       sichtlich unterliegende Vorstellung einer linearen Transformation
       der Werte  in das  Reich realer  Preise. Das theoretische Problem
       besteht aber  darin, daß  der  Zusammenhang  von  Wertbestimmung,
       Grundgesetz der  Konkurrenz und  Schein der  Konkurrenz nicht als
       e i n f a c h e   Schrittfolge ökonomischer Formbestimmungen aus-
       formuliert werden  kann. Dahinter steht nämlich der gesellschaft-
       liche Tatbestand,  daß über  den Markt nicht nur die Produkte der
       gesellschaftlichen Arbeit,  sondern die  Verteilung der Gesamtar-
       beitskraft selbst  vermittelt ist.  Ab einem bestimmten Punkt der
       theoretischen Entwicklung  ist das  Verhältnis von Wert und Preis
       daher nicht  länger als  einfaches Ableitungsverhältnis,  sondern
       als eines der Wechselwirkung zu fassen. Nur wenn sich die theore-
       tische Abstraktion  auch der Tatsache stellt, daß die Wertbestim-
       mung nicht nur Voraussetzung, sondern auch - über die Alltagspra-
       xis der Subjekte - beständig werdendes Resultat des gesellschaft-
       lichen Prozesses  ist, nicht  nur Bestimmendes,  sondern auch Be-
       stimmtes, nur dann kann über die Ausformulierung des gesamten so-
       zialen Vermittlungsmechanismus der Wertbestimmung an der Oberflä-
       che vermieden werden, daß ihre gesamtwirtschaftlichen Dimensionen
       streckenweise unberücksichtigt bleiben.
       Wir sahen:  Anhand der  Bestimmung Waren als Produkt des Kapitals
       diskutiert Marx  das sich  verändernde Verhältnis  von Wert-  und
       Preisbestimmung, damit  den Zusammenhang zwischen allgemeinem Be-
       griff des  Kapitals, gesamtwirtschaftlichen Dimensionen des Wert-
       gesetzes und  ihren oberflächlichen  Erscheinungsformen. Für  ihn
       selbst sind  zu diesem  Zeitpunkt noch längst nicht alle Vermitt-
       lungsglieder transparent.  Es ist  daher verständlich, wenn er in
       der weiteren  Arbeit am "Kapital" nicht, wie es die Logik des Ge-
       genstands gebieten  würde, mit dem kapitalistischen Zirkulations-
       prozeß fortfährt,  sondern sich  direkt den  Gestaltungen des Ge-
       samtprozesses zuwendet.  Daß sich  in Buch  III des  Entwurfs von
       1863-65 die Schwierigkeiten nicht sofort auflösen, wissen wir aus
       der Beschreibung des Manuskriptzustands. Weitere Forschungen hät-
       ten zu  klären, warum Marx die Niederschrift unterbricht, um sich
       Klarheit über  den Zirkulations-  und Reproduktionsprozeß zu ver-
       schaffen, und  an welchem  Punkt er  mit der Ausarbeitung der Be-
       stimmung des  Kostpreises als  zentraler Anfangskategorie für die
       Gestaltungen des Gesamtprozesses einen neuen Anlauf zur Ausformu-
       lierung von Buch III "Kapital und Profit" nimmt.
       
       _____
       *) Mitarbeiter der  Sozialistischen Studiengruppe  und der  Zeit-
       schrift "Sozialismus".  Der Beitrag ist Resultat kollektiver Dis-
       kussion innerhalb der Arbeitsgruppe.
       1) I. Antonowa/W.  Schwarz/A. Tschepurenko, Der dritte "Kapital"-
       Entwurf von  1863-65, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des ISMF
       7, Frankfurt  am Main 1984, S. 394 ff., sowie die dort angeführte
       Literatur.
       2) Karl Marx,  Resultate des  unmittelbaren Produktionsprozesses.
       Veröffentlicht in Archiv Marksa i Engelsa, Moskau 1933. Nachdruck
       1969 in  Frankfurt/M. - Wir zitieren nach dieser Ausgabe, Seiten-
       angaben /.../ fortlaufend im Text.
       3) L. Miskewitsch  u.a., Zur  Periodisierung der  Arbeit von Karl
       Marx am "Kapital" in den Jahren 1863-67, in: Marx-Engels-Jahrbuch
       Bd. 5, Berlin 1983, S. 294 ff.
       4) Das Kapital Bd. I, in: MEW 23, S. 604.
       5) Verwiesen sei an dieser Stelle auf unsere Interpretationen der
       früheren "Kapital" "Entwürfe: Grundrisse der politischen Ökonomie
       - Kommentar,  Hamburg 1978; Projekt Entwicklung des Marxschen Sy-
       stems, Der vierte Band des "Kapital"?, Kommentar zu den "Theorien
       über den  Mehrwert", Berlin/W.  1975; sowie  A. Otto/J.  Bischoff
       u.a., Grundsätze der politischen Ökonomie, Der zweite Entwurf des
       "Kapitals" (MEGA), Hamburg 1984.
       6) Marx bezieht  sich auf die Darstellung des Umschlags im Aneig-
       nungsgesetz im verlorengegangenen fünften Kapitel.
       

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