Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       BESCHÄFTIGUNG MIT MARX UND ENGELS IN SPANIEN
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       Monserrat Galceran Huguet
       
       1. Allgemeine  Entwicklungstendenzen bis in die 60er Jahre dieses
       Jahrhunderts -  2. Der verborgene Marxismus in den letzten Jahren
       der Diktatur (1962-1975) - 3. Der Übergang zur Demokratie und un-
       ter dem Banner der PSOE (1976-1986)
       
       1. Allgemeine Entwicklungstendenzen bis in die 60er Jahre
       ---------------------------------------------------------
       dieses Jahrhunderts
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       Die theoretische Armut des spanischen Sozialismus - schon zu Zei-
       ten des  späten Engels  - ist  seit je betont worden. Gegenwärtig
       gibt es viele Arbeiten, die die Ursachen dafür klarzustellen ver-
       suchen. 1)  Im wesentlichen können folgende Gründe angeführt wer-
       den: Schwäche  des Marxismus und des Einflusses der ersten Inter-
       nationale; geringe  marxistische Tradition bei den spanischen In-
       tellektuellen; Überlegenheit  des Anarchismus,  besonders in Län-
       dern wie  Katalonien, Andalusien  ...; Zurückweisung  von Politik
       und politischer Praxis.
       Gleichwohl ist es bekannt, daß J. Mesa seit 1873 gute Beziehungen
       zu Marx  und Engels gehabt hat, obwohl die Spanier Persönlichkeit
       und Lebensweise  von Marx  und Engels  nie gut  verstanden  haben
       (Pablo Iglesias  z.B. hat  Engels nie per "Du", sondern im Brief-
       wechsel immer  per "Sie" angesprochen, bis Engels verärgert war).
       Die Beziehungen zu Marx, Engels und zur ersten Internationale wa-
       ren aber  durch die  Tätigkeit Lafargues,  der in  Madrid längere
       Zeit (1871/72) gewesen ist, fest gesichert.
       Andererseits sind  die guten Beziehungen der spanischen Arbeiter-
       bewegung zu Bakunin, besonders in Katalonien, vielfach untersucht
       worden, und gewöhnlich wird die Ablehnung der Politik seiner Wir-
       kung zugerechnet. In letzter Zeit hat allerdings P. Ribas in sei-
       nen Arbeiten  über die Rezeption des Marxismus in Spanien auf die
       Enttäuschung der  Arbeiterbewegung durch  die Politik  jener Zeit
       hingewiesen. 2)  Ihm zufolge  ist die  Zurückweisung der Politik,
       die seit  1870 die spanische Arbeiterbewegung kennzeichnet, nicht
       nur als  Folge der  Wirkung Bakunins und Fannellis bei den spani-
       schen Arbeitern  zu verstehen,  sondern als  Folge ihrer  Enttäu-
       schung durch  die politische  Praxis der  berühmten liberalen und
       republikanischen Politiker,  besonders  der  progressivsten,  die
       ihre Versprechungen und Hoffnungen nie erfüllt haben. Dies bedeu-
       tet, daß  die Ablehnung  der Politik nicht die Folge, sondern die
       Voraussetzung des  großen Einflusses des Anarchismus gewesen ist,
       deren Ursache  die Ablehnung  einer  Bonzen-Politik  (caciquismo)
       war. Die  atypische spanische  Geschichte der  zweiten Hälfte des
       19.  Jahrhunderts,   gekennzeichnet  durch  militärischen  Putsch
       (pronunciamientos) und  die Alternanz von konservativen und libe-
       ralen Parteien  (Cánovas-Sagasta), muß unter diesem Gesichtspunkt
       gewertet werden.
       Was die Intellektuellen betrifft, waren sie kaum an Marxismus und
       Sozialismus interessiert.  In der  spanischen sozialistischen Ar-
       beiterpartei, der  1879 gegründeten PSOE, sind in dieser Hinsicht
       nur zwei  wichtige Persönlichkeiten  zu nennen: Jaime Vera (1859-
       1918), ein Arzt, der die deutsche Sprache kannte und manche Marx-
       sche und  Engelssche Schriften  im Original gelesen hatte, 3) und
       Miguel de  Unamuno (1864-1936),  dessen  marxistische  Kenntnisse
       sehr gering  waren. Von  Vera haben  wir einen  berühmten  Antrag
       ("Informe"), den er 1884 als Vertreter der sozialistischen Gruppe
       aus Madrid an das Büro für soziale Reformen gerichtet hat. Dieser
       ist, wie  seine Rede an die Arbeiter, 4) ein Musterbeispiel eines
       evolutionären, stark positivistisch geprägten Marxismus, der aber
       aus unmittelbarer  Marx-Kenntnis hervorgeht und wichtige Probleme
       aufwirft, z.  B. die  Frage nach  dem Verhältnis zwischen Wissen-
       schaft und Proletariat (Sozialismus). M. de Unamuno hat in dieser
       Zeit mehrere  kleine Aufsätze in deutschen Zeitschriften wie "Der
       Sozialistische Akademiker"  und "Sozialistische  Monatshefte" ge-
       schrieben. Seine Philosophie kommt aber nicht von Marx und Engels
       her; vielmehr ist er Anhänger Kierkegaards und Schopenhauers. Au-
       ßerdem waren seine sozialistischen Neigungen nur von kurzer Dauer
       und sind  ohne theoretische  Folgen geblieben. 5) Der Sozialismus
       des jungen Unamuno war eine Mischung von revolutionärem Geist und
       reaktionärer Gesinnung  mit einer stark irrationalen und religiö-
       sen Prägung.  Seine Ideen haben sich später in eine faschistische
       Richtung entwickelt.
       Schließlich hat auch der berühmte Philosoph D. José Ortega y Gas-
       set (1883-1955) in jener Zeit mit der PSOE zusammengearbeitet und
       in vielen Reden und Aufsätzen seine Zuneigung zum Sozialismus ge-
       äußert. Aber  auch seine Philosophie war nicht am Marxismus, son-
       dern am  Neokantianismus (er hatte 1906 bei Cohen in Marburg stu-
       diert) und an Nietzsches Vitalismus orientiert. Während der zwei-
       ten Republik  (1931-1939) hat er immer als Republikaner und Libe-
       raler gewirkt.  Nach dem  Krieg ist  er gelegentlich  zurück nach
       Spanien gekommen  und hat  Vorlesungen außerhalb der Universität,
       im sogenannten  Institute de humanidades, gehalten, die der neuen
       "humanistischen" spanischen  Philosophie (Escuela  de Madrid:  J.
       Marias, J.  Ferrater Mora, J.L. Aranguren...) zugrunde liegen. 6)
       Von einem  akademisch wirksamen Marxismus kann eigentlich nur für
       kurze Zeit während des Krieges im Fall Julian Besteiro gesprochen
       werden, der  eine "kantianische"  Aneignung  des  Marxismus,  dem
       Positivismus fern  und dem  Austromarxismus sehr  nah, entwickelt
       hat. Besteiro starb 1940 im Gefängnis. 7)
       Die Kenntnis des Marxismus war unter den spanischen Intellektuel-
       len dieser  Zeit sehr  gering. Die  Verbreitung der marxistischen
       Quellen in den sozialistischen Kreisen stieß auch auf sprachliche
       Hindernisse. Sehr wenige kannten damals die deutsche Sprache; die
       Bücher kamen  meistens in französischen Übersetzungen an, und der
       Einfluß des französischen Sozialismus, z.B. Guesde, Lafargue, war
       ziemlich groß.  Vom deutschen  Sozialismus ist die hohe Einschät-
       zung der  Rolle des  Staates bei Lassalle - die keineswegs gut zu
       den spanischen  Verhältnissen paßt  - durch  Guesde besonders be-
       kannt. Nach der Jahrhundertwende sind manche Werke Kautskys über-
       setzt worden,  besonders aus  dem Französischen.  8)  Selbst  die
       Werke von  Marx und  Engels, sogar  das "Manifest der Kommunisti-
       schen Partei",  sind fast nie unmittelbar aus dem Deutschen, son-
       dern aus den französischen Übertragungen übersetzt worden. 9)
       Fernandez Buey  stellt fest:  "So ist  der spanische marxistische
       Sozialismus in  den Jahren der Zweiten Internationale auf die or-
       ganisatorische Minderheit  unter den  Arbeitern beschränkt,  ohne
       feste  Gruppe   in  den   größten   industrialisierten   Gegenden
       (Katalonien, z.B.),  zum Gebrauch  der französischen Sprache beim
       Lesen der  Marxschen Werke  und in den europäischen Kontakten ge-
       zwungen, immer  in Verhältnissen  mit den berühmten, meistens vom
       Krausismus geprägten, Intellektuellen verhaftet und immer in öko-
       nomischen Schwierigkeiten  bei Veröffentlichungen,  ... so ist er
       unter theoretischem  Gesichtspunkt sehr wenig produktiv gewesen."
       10)
       In den  letzten Jahren  vor dem Bürgerkrieg (20er und 30er Jahre)
       gab es  im kommunistischen  Bereich eine starke Tendenz zu umfas-
       senderer Veröffentlichung  marxistischer Werke, besonders im Rah-
       men der  Biblioteca International, von der kommunistischen Partei
       Spaniens -  PCE -  betrieben. Aus  den Jahren vor und während des
       Krieges stammen  die meisten Veröffentlichungen der Marxschen und
       Engelsschen Werke:  "Manifest der Kommunistischen Partei", "Anti-
       Dühring", "Das Kapital", "Der Ursprung der Familie, des Privatei-
       gentums und  des Staates";  dies gilt  auch für  Lenin, Bucharin,
       Trotzki, Plechanov, R. Luxemburg u.a., die seinerzeit als Klassi-
       ker des  Marxismus galten. Zwei Zeitschriften verbreiteten damals
       die marxistische Lehre: "Comunismo" (1931-34, PCE) und "Leviatan"
       (1934-36, PSOE). 11)
       Trotz seiner  weiten Verbreitung und der Konkurrenz des Anarchis-
       mus (Bakuninismus) hat der spanische Marxismus im kommunistischen
       Bereich keine  große theoretische Bedeutung erreicht. Kommunisti-
       sche Führer  wie José  Diaz, Dolores Ibarmri, Enrique Lister u.a.
       hatten keine  ausreichende theoretische  Bildung, und ihr Marxis-
       mus-Verständnis war streng marxistisch-leninistisch bzw. stalini-
       stisch. Noch  in jüngster  Zeit weist ein bekannter Parteiführer,
       Santiago Carrillo,  der im Exil Zeit zum Studium gehabt hat, die-
       sen Mangel an theoretischer Bildung auf. 12)
       Gleichzeitig gab  es in der PSOE eine spezifische Marxismus-Lese-
       weise, die  leidenschaftliche und  intuitive Neigungen zu revolu-
       tionärer Praxis  bevorzugte und die Diskussion der streng theore-
       tischen Probleme  verwarf. Nur politischen, taktischen, strategi-
       schen Streitfragen  war genug  Raum gegeben, z.B. dem Problem der
       Beziehungen zwischen  Staat und  Nation, der  Analyse der Bedürf-
       nisse  der   industrialisierten  Arbeiter  und  der  Landarbeiter
       (jornaleros), den  Orientierungen der  spanischen Bourgeoisie  in
       Europa usw.  Diese Debatten  hatten immer  einen moralischen Ton,
       der nicht zur wissenschaftlichen Gesinnung des orthodoxen Marxis-
       mus paßte  und deutlich  auf seinen liberalen und aufklärerischen
       Ursprung  verwies.   Entsprechend  hat   L.   Araquistain   seine
       "Spielerei mit Marx in Leviatan" ironisiert. 13)
       Nach dem  Krieg und  während der  langen Jahre des Franco-Regimes
       kam es  in Spanien  zu einer  ungeheuren Unterdrückung, die diese
       Literatur ganz  und gar vernichtet hat. Das Verschwinden des Mar-
       xismus, der  Marxschen Werke  und Schriften, war vollständig. Von
       1939 bis  1960 gab  es kein Buch eines spanischen Verfassers über
       marxistische Philosophie, und diese theoretische Richtung hat bei
       Julian Marias,  dem berühmten  Schüler von  Ortega y Gasset, kaum
       Beachtung gefunden. 14)
       Doch im  Gegensatz hierzu  bemerkt man  seit 1956 Änderungen. Der
       Marxismus wird  mehr und  mehr zu einer alternativen, im strengen
       Sinne zwar  wenig bekannten,  aber von vielen mitgeteilten Lehre;
       besser gesagt,  der Marxismus wirkt überall als Lehre der Opposi-
       tion, d.  h. der  linken Parteien und Organisationen wie PSOE und
       PCE. Diese  Verknüpfung zwischen  dem Marxismus  im theoretischen
       Sinn und der politischen Praxis der linken Parteien hat die uner-
       wartete Folge  gehabt, daß  später, schon  in der Demokratie, die
       Unzufriedenheit der  Öffentlichkeit mit  diesen Parteien auch die
       Entfernung vom  Marxismus mit  sich gebracht  hat. Demzufolge er-
       scheinen die  öffentliche Absage  der PSOE  an den  Marxismus  im
       Jahre 1979   15) und der Zusammensturz und das Zerbrechen der PCE
       seit 1982  als neue  Beweise der  Erschöpfung  der  marxistischen
       Lehre. 16)
       Vor diesen  letzten Ereignissen,  am Anfang der 60er Jahre, hatte
       der Marxismus  ein breites  Publikum gefunden,  unter anderem bei
       manchen demokratischen  Professoren, Juristen  oder Rechtswissen-
       schaftlern, Naturwissenschaftlern  und Historikern, deren Bildung
       nicht  marxistisch,  auch  nicht  antimarxistisch,  sondern  eher
       eklektisch war,  d.h., sie  verbanden die  marxistische Idee  mit
       weitreichenden Varianten  des  Neopositivismus  und  Formalismus,
       Funktionalismus und  sogar Pragmatismus.  In dieser Hinsicht sind
       Intellektuelle zu  nennen wie  Enrique Tierno Galvan, der spätere
       Madrider Bürgermeister,  Raul Morodo,  Elias Diaz u.a. 17) Großen
       Einfluß hatten auch die katholischen Kreise, die in ihren Bestre-
       bungen, eine  emanzipatorische Lehre  zu entwickeln, zu Marx ten-
       dierten. Einrichtungen wie "Fe y Secularidad" (Glaube und Säkula-
       rität, ein Institut der Jesuiten), Verlage wie "Sigueme" in Sala-
       manca bilden  die religiöse  Herkunft mancher  spanischen Autoren
       der  Zeit,   die   mit   einem   spezifischen   Charakter   ihren
       "humanistischen Marxismus"  geprägt haben. Man darf nicht verges-
       sen, daß  der Katholizismus  fast bis heute die offizielle spani-
       sche Religion  gewesen ist, deren Schulstudium verpflichtend war.
       Deswegen hat  die religiöse  Rezeption des  Marxismus keinen Kon-
       flikt in  den jüngeren  Generationen ausgelöst. Vielmehr ist dies
       die gewöhnliche  Weise, wie  die Jüngeren  zum Marxismus gekommen
       sind. Eine Zeitschrift wie "Praxis" (Córdoba, 1960) belegt dies.
       Wie gesagt,  ist dieser  Marxismus unklar,  vom Elektizismus  ge-
       prägt; er  bewegt sich  in der  Nähe des  Neopositivismus und hat
       meist  methodologische   Aspekte  in   den   Einzelwissenschaften
       (Geschichte, Soziologie usw.) hervorgehoben, aber keine wirkliche
       Wirkungen in  der theoretischen  Arbeit, in der Philosophie, ent-
       faltet. Er  steht in  Beziehung mit  dem verschwommenen Marxismus
       der politischen  Praxis der Opposition, die in der Regel eine li-
       berale oder demokratische - radikal-demokratische - Redeweise be-
       nutzt (man  spricht viel  von Freiheit,  Volk, Emanzipation, aber
       sehr wenig  von Produktion, sozialen Klassen, Ende des Kapitalis-
       mus). Noch  das Wort   S o z i a l i s m u s  deutete ganz andere
       soziale Verhältnisse  an, zwar  nicht kapitalistische im strengen
       Sinne, aber doch sehr undeutlich definierte. 18) Unsere Rehabili-
       tierung und  Benutzung des  jungen Marx  hatte damals spezifische
       Züge.
       In dieser  Studie müssen  auch die Verbannten (exiliados) berück-
       sichtigt werden,  Universitätsprofessoren und Intellektuelle, die
       während des  Krieges nach  Mexico oder  Frankreich gingen und die
       nur selten und viele Jahre später nach Spanien zurückkommen konn-
       ten. Philosophen wie Juan David Garcia Bacca, Adolfo Sanchez Vaz-
       quez, Wenceslao  Roces, Manolo  Ballestero u.a.  sind in den 50er
       bis 60er  Jahren in Mexico, Caracas (Venezuela), Paris und an an-
       deren Orten Universitätsprofessoren geworden, und sie bilden das,
       was die "spanische Kultur im Exil" genannt worden ist.
       Diese, mindestens  die vier  oben genannten, hatten sich mit Marx
       und dem  Marxismus beschäftigt,  und manchmal haben sie neue For-
       schungsperspektiven in der Marx-Beschäftigung eröffnet. Am bedeu-
       tendsten ist J.D. Garcia Bacca (geb. 1901), Verfasser einer tran-
       sustanciación (Umwandlung)  des Marxismus, die die Marxsche Lehre
       in eine  neue Anthropologie  und Ontologie  -   O n t o l o g i e
       d e r   F r e i h e i t  - überführt und aufhebt. Dabei tritt die
       Unbegrenztheit der  menschlichen Arbeit  (Praxis) in  den Vorder-
       grund oder,  anders gesagt,  die menschliche Fähigkeit, durch die
       Tätigkeit alles  Bestehende zu  verändern, zur Ermöglichung einer
       radikal   n e u e n  Ordnung (d.h.  u n - b e k a n n t e n,  un-
       möglich vorauszusehen),  ohne Entfremdung,  aber mit  Objektivie-
       rung. Das Ziel seines Philosophierens ist, die Möglichkeit dieser
       neuen Ordnung  zu denken. Insofern glaubt Garcia Bacca, Marx treu
       zu bleiben,  dessen Gedanken er in neue Formulierungen, die imma-
       nent  p o t e n t i e l l e  und dialektische sind, aufnimmt. 19)
       Sehr bekannt ist A. Sanchez Vazquez (geb. 1915), Professor an der
       Universität Mexico,  für seine  Studien in bezug auf die Marxsche
       Ästhetik, für  seinen Kommentar  zu den Pariser Manuskripten, für
       sein Verständnis des Kommunismus als Reich der menschlichen Frei-
       heit; er  zeigt gewisse Ähnlichkeiten mit G. della Volpe. Von be-
       sonderer Bedeutung  ist sein Buch "La filosofia de la praxis", in
       Mexico 1967  veröffentlicht. 20)  Der dritte, W. Roces, auch Pro-
       fessor in Mexico, ist der Übersetzer der Marxschen Werke, die von
       der Fondo  de Cultura Ecónomica (mexikanischer Verlag) veröffent-
       licht worden  sind. In  seiner Jugend  hatte er  schon die  erste
       gute, unmittelbar  aus dem  Deutschen stammende  Übersetzung  des
       "Kapitals" verfaßt.  21) Er hat auch  H e g e l  und andere deut-
       sche Philosophen  ins Spanische  übersetzt. M.  Ballestero, etwas
       jünger, Professor  an der  Universität Paris,  ist  besonders  an
       Sartre und  an den  Polemiken des  französischen zeitgenössischen
       Marxismus interessiert, teilt aber nicht die Marx-Lektüre Althus-
       sers. Seine  Verteidigung der  Dialektik ist  auch in  bezug  auf
       seine Kritik an Sartres Idealismus - oder was er bei Sartre Idea-
       lismus nennt - zu sehen. 22)
       Natürlich haben diese Denker in den Jahren des Franco-Regimes und
       trotz ihrer  Beteiligung in illegalen oppositionellen Zeitschrif-
       ten wie  "Cuadernos de  Ruedo Iberico"  (Paris), "Realidad" (Rom)
       kaum Einfluß  im Land  gehabt. In den 60er bis 70er Jahren zirku-
       lierten manchmal  in Spanien  Bücher oder Aufsätze von ihnen, die
       in Paris  veröffentlicht worden  waren. Ihre Wirkung war aber ge-
       ring und  nicht öffentlich.  Nach ihrer  Rückkehr in  den letzten
       Jahren (seit 1977) sind ihre Arbeiten und Werke von den offiziel-
       len Institutionen  gewürdigt worden (Garcia Bacca ist z.B. Doktor
       "honoris causa"  der Universität Madrid), doch bleibt ihr Einfluß
       bei der  Studentenschaft gering; ihre Werke sind bei den heutigen
       Marx-Forschern nicht gut bekannt.
       
       2. Der verborgene Marxismus in den letzten Jahren
       -------------------------------------------------
       der Diktatur (1962-1975)
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       1. Seit 1962  haben sich  die Verhältnisse  in Spanien vollkommen
       verändert. Die  ökonomische Liberalisierung  macht die politische
       Lage noch  unerträglicher, der  politische und soziale Widerstand
       widerspricht aber immer mehr der Geschlossenheit des Systems. Die
       politische Forderung  nach Demokratie  wird das  erste  Ziel  und
       schließt fast  alle anderen  theoretischen und praktischen Fragen
       aus.
       In diesen  Jahren blieb die offizielle Zensur noch bestehen, mehr
       und mehr traten aber die Bücher, Arbeiten, Aufsätze über das, was
       P. Anderson  "abendländischen Marxismus"  nennt, in  den  Vorder-
       grund. 23) In Spanien war dieser besonders ein Zeitschriften-Mar-
       xismus, d.h.,  er bestand  meist in  kleinen Aufsätzen, die poli-
       tisch-praktisch orientierten.  Am Ende  dieser Zeitspanne  gab es
       viele Zeitschriften mit linker Orientierung, in denen jüngere Au-
       toren geschrieben und die Debatte zwischen den verschiedenen Mar-
       xismus-Deutungen  vorangetrieben  haben,  Zeitschriften  wie  "El
       viejo topo"  (Barcelona, 1976-1981), "Zona abierta" (Madrid, 1974
       ff.), "Materiales"  (Barcelona, 1977-78),  "Mientrastanto"  (Bar-
       celona, 1979 ff.), "En teoria" (Madrid, 1978 ff.).
       Man begann auch mit der Veröffentlichung der Marxschen Schriften.
       Es erschienen  viele Ausgaben der Marxschen Werke, bald gut, bald
       schlecht vorbereitet,  mal mit Einleitungen oder Vorworten verse-
       hen, mal  alte Bücher  in neuer  Edition; zahlreiche marxistische
       Studien aus  Frankreich (Althusser,  Balibar  u.a.)  und  Italien
       (della Volpe,  Colletti, Cerroni,  besonders Gramsci)  wurden  in
       diesen Jahren  übersetzt; andere  Varianten eines sogenannten so-
       ziologischen Marxismus (Bottomore), des ethischen Marxismus eines
       Rubel, einige  Arbeiten der  Frankfurter Schule  (Horkheimer, Ad-
       orno, Marcuse  war schon lange übersetzt) wurden verkauft. Es gab
       Übersetzungen berühmter  Arbeiten zur marxistischen Ökonomie, die
       aber nie  ernsthaft in die ökonomischen Überlegungen eingedrungen
       sind. Große  Teile der europäischen marxistischen Produktion sind
       in diesen  Jahren übersetzt  worden. Nur eigene spanische Studien
       und Bücher, zumal grundlegende, gab es kaum.
       Was die Philosophie betrifft, ist die Lage etwas anders. Seit dem
       Ende der  50er Jahre war die anglo-amerikanische Philosophie mehr
       und mehr präsent. Die meisten demokratischen Intellektuellen, die
       sich in ihren spezialisierten Gebieten für den Marxismus interes-
       sierten, lehnten  ihn als Gesamtlehre ab. Je heftiger die emanzi-
       patorischen und  utopischen Aspekte des Marxismus verteidigt wur-
       den, um so eindeutiger wurden seine epistemologischen Folgerungen
       abgelehnt (beispielsweise bei J. Muguerza). 24) Die Vorherrschaft
       der anglo-amerikanischen  Schule hat  freilich auch eine unerwar-
       tete Folge  gehabt: die  rasche Übersetzung  der angelsächsischen
       Produktion über  Marx und den Marxismus; so sind die Arbeiten von
       S. Hook,  Mc Lellan,  Sweezy, Dobb, Hobsbawm und anderen schon in
       den 60er Jahren übersetzt worden.
       Gleichzeitig hat  die Veröffentlichung  der Marxschen und Engels-
       schen Werke  Fortschritte gemacht.  Im Jahre  1976 hat nach einer
       langen Vorbereitungszeit  die Veröffentlichung  der Übersetzungen
       der Marx-Engels-Werke  (OME), von  Grijalbo betrieben  und von M.
       Sacristán geleitet,  begonnen. 25)  Diese Ausgabe folgt der deut-
       schen MEW,  nur in  einzelnen Fällen  richtet sie  sich nach  der
       MEGA; sie war nicht als kritische Ausgabe geplant, hat aber immer
       hohes Niveau erreicht, wird mit guten Einleitungen und Annotatio-
       nen versehen  und ist weit besser als jede andere spanische Marx-
       und-Engels-Ausgabe. Leider  konnte das  Programm  dieser  Ausgabe
       1981 aus  finanziellen Gründen nicht fortgesetzt werden, in einem
       Moment, wo die marxistische Literatur gerade zurückging. Es waren
       die wichtigsten  Ausgaben schon veröffentlicht worden, es fehlten
       aber die  Manuskripte, Briefwechsel  und sekundäre  Schriften und
       Exzerpte. Heute kann man sagen, daß dieser Zustand sich nicht ge-
       ändert hat.  Wir haben  Übersetzungen der größten Werke, auch der
       "Grundrisse" und  der "Theorien über den Mehrwert", es fehlt aber
       noch vieles,  besonders aus dem Briefwechsel. Anzumerken ist, daß
       in denselben  Jahren der  mexikanische Verlag  Fondo  de  Cultura
       Económica eine Marx-Engels-Ausgabe vorbereitete, die sehr langsam
       erscheint. Bis  jetzt sind einige Bände herausgekommen. 26) Diese
       Ausgabe ist  auf 22  Bände geplant.  Ihr Leiter ist W. Roces. Die
       schwere ökonomische  Lage in  Mexico ist für die Verzögerung ver-
       antwortlich.
       Neben den genannten Ausgaben gibt es einige Anthologien und Über-
       setzungen in den autonomen Sprachen (euskera und katalan). In den
       80er Jahren  ist die  Tendenz zur  Veröffentlichung  unterbrochen
       worden, und  neben Lexika und systematischen Anthologien erschien
       nur "Das Kapital" erneut.
       Hinsichtlich der bereits erwähnten marxistischen Tendenzen katho-
       lischer Kreise  muß auf  eine Zeitschrift dieser Zeit, "Cuadernos
       para el  Diálogo" (Madrid,  1963-1977), hingewiesen  werden.  Die
       Zeitschrift wurde  von Don  Joaquin Ruiz Jimenez, jetzt Volksver-
       teidiger (Ombudsmann)  und damals  Parteiführer der  christlichen
       Demokratie, geleitet. In ihr haben viele marxistisch oder christ-
       lich-marxistisch orientierte  Demokraten geschrieben  und das be-
       rühmte diálogo  christiano-marxista (christlich-marxistische  Ge-
       spräch) weitergeführt.  Wichtiges Moment  dieser Debatte  war die
       Unterscheidung eines  Marxismus als Moral (Aranguren) gegen einen
       Marxismus als  Wissenschaft (Althusserianer  wie Rodriguez  Aram-
       berri, G.  Albiac u.  a.). Sacristán  hat dabei  eine spezifische
       Haltung eingenommen.  Das Kollektiv-Buch "Cristianos y marxistas:
       los problemas de un diálogo", von Jesus Aguirre geleitet, sei als
       Beispiel dieser  Debatte angeführt.  27) Diesen  Bestrebungen eng
       verbunden, sind  manche Arbeiten  erschienen, die  einen religiös
       verstandenen     h u m a n i s t i s c h e n    M a r x i s m u s
       vertreten. 28)  Einige der  Autoren sind  in die  PCE eingetreten
       (der oben  zitierte Reyes  Mate z. B.) und später zur PSOE gekom-
       men. Manche tragen jetzt politische Verantwortung im Staat.
       2. Unter  den   wichtigsten  Marxisten   dieser  Zeit  müssen  M.
       Sacristán (1925-85)  und G. Bueno (geb. 1924) zitiert werden; sie
       sind beide Universitäts-Professoren und PCE-Mitglieder, unterein-
       ander nicht  in allen  Fragen einig,  Hauptpersonen einer Debatte
       über Marxismus und Philosophie und in Spanien sehr bekannt.
       Bedeutender ist M. Sacristán, Professor an der Universität Barce-
       lona und Mitglied des Zentral-Komitees der PCE von 1965 bis 1970;
       29) der  Herausgeber der  OME hat  vieles aus dem Deutschen über-
       setzt, nicht nur über den Marxismus, sondern auch vom Neo-Positi-
       vismus, zur  formalen Logik,  zur Methodologie der Wissenschaften
       u. a.  m. und  aus dem Italienischen; er kannte den italienischen
       Marxismus (besonders  Gramsci, Togliatti)  und  die  italienische
       Philosophie im allgemeinen sehr gut.
       In seiner  Jugend  hatte  Sacristán  an  deutschen  Universitäten
       (Münster und  Heidelberg) studiert,  wo er sich mit Heidegger be-
       schäftigte und  sich seine  Gedanken zum Marxismus entwickelt ha-
       ben. Nach  seiner Rückkehr nach Spanien haben die Schwierigkeiten
       an der  Universität und die politische Unterdrückung neben seiner
       Tätigkeit in  der PCE  seine theoretische  Arbeit stark belastet.
       Kurz vor  seinem Tod  ist sein  Werk größtenteils  veröffentlicht
       worden. 30)
       Sein Marxismus zeigt zwei bestimmte Richtungen: eine kritisch-hi-
       storische Aneignung  der Marxschen  Werke und  der  marxistischen
       Tradition und  eine dauerhafte  Beziehung zu den empirischen Wis-
       senschaften und zur modernen Wissenschaftstheorie. Das Verhältnis
       zwischen Philosophie  und empirischer  Wissenschaft steht im Mit-
       telpunkt seiner Überlegungen. Auf der anderen Seite war Sacristán
       nicht mit dem neuen Empirismus und Neopositivismus zufrieden, der
       alle Reflexion  in der  Wissenschaft beseitigt.  Dagegen  hat  er
       Gramsci viel  Aufmerksamkeit geschenkt  und der praktischen Rich-
       tung inmitten  der Wissenschaftstheorie  Raum zu verschaffen ver-
       sucht.
       Als Marxist hielt er an der Tradition der marxistischen Revoluti-
       onstheorie fest, wobei er bestimmte Erscheinungen - vor allem den
       Stalinismus -  heftig kritisierte.  Seine Kritik  war nicht mora-
       lisch, sondern,  so könnte man sagen,  m a r x i s t i s c h;  er
       selber war in die Kritik eingeschlossen. In seinem Werk sagte er:
       "Bei Lukács,  wie bei   j e d e m   k l u g e n    K o m m u n i-
       s t e n,   ist alle  Kritik am  Stalinismus Selbstkritik, weil es
       nicht überlegt  wäre, wenn  man sich  nicht einer  30 Jahre alten
       eigenen politischen  Vergangenheit solidarisch  fühlt, auch  wenn
       man selbst  nur 20  Jahre alt wäre." 31) Seine Kritik an Systemen
       "mit  nicht-kapitalistischer   Basis"  32)   beweist  eine  feste
       ideologische Einstellung  und  gleichermaßen  eine  sehr  strenge
       "dialektische Angemessenheit",  33) die in dem anti-ideologischen
       Charakter seines Marxismus, als "vernünftige und konkrete, kriti-
       sche  und  anti-ideologische  Praxeologie"  34)  verstanden,  als
       "vernünftiges Bewußtsein des Sozialismus", 35) wurzelt.
       Als Philosoph hat er eine ungewöhnliche Meinung über die Möglich-
       keit der Philosophie vertreten. Sacristán glaubte, daß die Philo-
       sophie schlechthin - als akademisches Fach - in unserer Zeit kei-
       nen Sinn  mehr habe. Die Philosophen, besonders in einem Land wie
       Spanien mit seiner scholastischen Tradition, sind "Nichts-Spezia-
       listen", sie  wissen von Nichts und machen daraus ihren Lebensun-
       terhalt. Dagegen  schlägt er vor, das Fach Philosophie abzuschaf-
       fen und ein Institut für Philosophie zu gründen, wo Einzelwissen-
       schaftler, besonders Natur- und Sozialwissenschaftler, etwas über
       Wissenschaftstheorie in  nichtpositivistischer Weise  lernen  und
       eine Reflexion über ihre eigene Tätigkeit fortsetzen können.
       Paradoxerweise beherrschte  Sacristán in ausgezeichneter Form die
       Regel der  Abstraktion und das, was man die "philosophische Tech-
       nik" nennen  kann. Sein Mißtrauen gegenüber der großen Gefahr der
       Spekulation und  ihrer - im besten Fall - Nichtigkeit, nicht aber
       Unkenntnis, begründet  seine Ablehnung.  In den  60er Jahren  war
       diese Debatte  sehr bekannt,  vor allem als ein anderer marxisti-
       scher Denker, G. Bueno, eine antithetische Auffassung vertrat. In
       seiner Antwort auf Sacristáns Vorschläge hat Bueno auf die Bedeu-
       tung der  Philosophie als  strenge, kritische Wissenschaft hinge-
       wiesen und, im Gegenzug, auf die Gefahr des Vergessens der Philo-
       sophie aufmerksam  gemacht. Seit  langem ist Bueno Ordinarius für
       Philosophie in  Oviedo; bis zu seinem Tod war Sacristán Professor
       für Philosophie an der Hochschule für Wirtschaft.
       In Barcelona  leitete Sacristán  die Zeitschrift "Mientrastanto",
       früher "Materiales",  in der  er und  seine Schüler jahrelang ge-
       schrieben haben.  Die Zeitschrift  hat in den letzten Jahren mehr
       und mehr  ökologische Probleme  und Fragen des Friedens behandelt
       und feste Verbindungen mit den ökologischen Gruppen und der Frie-
       densbewegung angeknüpft,  ohne aber  ihre marxistische Grundlehre
       zu  verlassen.  Mitarbeiter  der  Zeitschrift  und  alte  Schüler
       Sacristáns sind A. Domenech, F. Fernandez Buey, J.R. Capella u.a.
       In Oviedo hat G. Bueno seine eigene Schule gebildet. Sein Marxis-
       mus ist  eher als orthodox beziehungsweise akademisch zu bezeich-
       nen; sein  Kern besteht im Materialismus-Problem im ontologischen
       und epistemologischen  Sinne. 36)  In seinem  bedeutendsten  Werk
       "Ensayos materialistas" 37) hat er eine "materialistische Ontolo-
       gie" zu erarbeiten versucht. In den letzten Jahren arbeitet er an
       einer materialistischen Deutung der Religion und hat mit viel Er-
       folg epistemologische  Kongresse in Oviedo organisiert. Er leitet
       eine Zeitschrift  ("El Basilisco",  Oviedo, 1978 ff.), in der re-
       gelmäßig gute Aufsätze über verschiedene Fragen des heutigen Den-
       kens (Philosophie, Anthropologie, Ethnologie usf.) erscheinen.
       Neben diesen  zwei Persönlichkeiten  und ihren  Schülern gibt  es
       weitere Gruppen auf weniger hohem Niveau und vereinzelte Forscher
       marxistischer Herkunft  oder am Marxismus Interessierte, die aber
       weniger Widerhall finden. Am Ende der 70er Jahre gab es in Madrid
       eine Gruppe ("Marxismo madrileno"), zu der L. Paramio, G. Albiac,
       V. Bozal  u.a. gehörten.  Anders  als  in  Barcelona  und  Oviedo
       standen diese  unter starkem Einfluß des französischen Marxismus,
       besonders Althussers. Heute sind sie entweder zur PSOE gewechselt
       (Paramio z. B. und seine Zeitschrift "Zona abierta") oder radika-
       ler geworden (Albiac z. B.). Die Krise des Marxismus, wie Althus-
       ser selbst  sie gesehen  hat, wirkte  auf sie  sehr stark. 38) In
       diesen Kreisen herrscht, nach dem französischen Modell, jetzt die
       Wendung der Marxisten zu Spinoza.
       Aus den  linken Kreisen der PSOE (Izquierda socialista) sind man-
       che Arbeiten  über den  revolutionären Marxismus unseres Jahrhun-
       derts, im  besonderen über  R. Luxemburg, zu nennen. 39) Ende der
       70er Jahre  hat die  der PSOE  nahestehende Zeitschrift "Sistema"
       (Madrid, 1973  ff.) manche Aufsätze über Marxismus unter soziolo-
       gischen Aspekten  veröffentlicht und  Forschungen zum sogenannten
       demokratischen Sozialismus  (d. h.  Adler, Bauer, Austromarxismus
       u.a.) unterstützt.  40) Jetzt  wendet sie  sich nach und nach den
       soziologischen Arbeiten  von Habermas und den philosophischen An-
       sätzen Apels u.a. zu. 41)
       
       3. Der Übergang zur Demokratie und unter dem Banner der PSOE
       ------------------------------------------------------------
       (1976-1986)
       -----------
       
       Seit Ende  der 70er Jahre ist die Nachfrage nach Marxismus plötz-
       lich zurückgegangen.  1981 war  die OME-Ausgabe unterbrochen wor-
       den; 1983 wurde das Marx-Jubiläum institutionell bei weitgehender
       Abwesenheit von  Studenten und Gesellschaft gefeiert (z.B. in Ma-
       drid, wo  der Universitätsrektor  eine schöne  Kundgebung organi-
       sierte, zu  der kaum  Studenten gekommen  sind). Gleichzeitig hat
       eine ganz  andere Philosophie, besonders Neonietzscheaner wie Sa-
       vater oder Postmodernisten wie Rubert de Ventós, Trías u.a., Ver-
       nunft-Kritiker wie Subirats, den theoretischen Raum besetzt.
       Zu Beginn  des demokratischen Übergangs setzte sich noch die Ten-
       denz der  Marx-Veröffentlichungen fort,  ging aber weiter zurück,
       und nur  "Das Kapital"  und einige  andere Arbeiten  ("Die Grund-
       risse" sogar)  kamen noch in den 80er Jahren heraus. Bald ausver-
       kauft, wie  früher, sind  sie nicht  mehr. Marx und der Marxismus
       verschwinden aus  den Buchhandlungen,  und  langsam  verschwindet
       auch der  eigentliche linke Diskurs, dessen Raum von ganz anderen
       Auffassungen eingenommen  wird. Nach  dem marxistischen  "Fieber"
       der 60er bis 70er Jahre kommt die Stunde der Veröffentlichung nur
       noch für  wenige wichtige Arbeiten: Sraffa, Cacciari, Negri, Man-
       del... Statt dessen hat die weite Verbreitung neuer französischer
       philosophischer Strömungen  Konjunktur (das spanische Denken, be-
       sonders in  Madrid, war  immer stark vom französischen Denken be-
       einflußt), bei  gleichzeitigem Verschwinden des Marxismus Althus-
       sers und raschem Auftreten der poststrukturalistischen oder post-
       modernen Ideen (Foucault, Bataitte, Lyotard u. a.). In Barcelona,
       wo der Einfluß der italienischen Philosophie größer war, hat Col-
       lettis Zurückweisung  des Marxismus  großen Eindruck gemacht. Zu-
       sammengefaßt könnten wir P. Anderson zustimmen: intellektuell ist
       die spanische  Marxismus-Krise ein  Subprodukt der  französischen
       und italienischen Krise. 42)
       Philosophisch ist  heute die  Herrschaft der anglo-amerikanischen
       Wissenschaftstheorie unumstritten,  und sie  wird noch mächtiger.
       Obwohl in letzter Zeit manche Arbeiten, z. B. Doktor-Dissertatio-
       nen über Marx, erschienen sind, 43) kann man sagen, daß gegenwär-
       tig der  Marxismus zu  wenig Raum  in der wissenschaftlichen For-
       schung einnimmt.  Es fehlen grundsätzliche Arbeiten, die den Aus-
       gangspunkt des  "künftigen Marxismus  des 21.  Jahrhunderts", von
       dem Sacristán 1983 sprach, 44) bilden können.
       Der zweifache  Wahlsieg der PSOE (1982 und 1986) hat zwiespältige
       Folgen für die Ausweitung des Marxismus in Spanien gehabt. Einer-
       seits befestigte ihre Ablehnung des Marxismus als "Glaubenslehre"
       die genannten  Tendenzen. Nicht  weniger hat  ihre Ersetzung  des
       noch verbleibenden  Marxismus durch  einen soziologischen Pragma-
       tismus in  diese Richtung gewirkt. Als Auswirkung des sozialisti-
       schen Handelns hat die Enttäuschung der zuvor linken Intellektua-
       lität die  öffentliche Gleichgültigkeit  dem Marxismus  gegenüber
       vergrößert. Heute  werden die  Postmodernen oder  ihre  Vorgänger
       (daran, Colli,  Nietzsche und  die  Neonietzscheaner,  der  späte
       Wittgenstein) viel  häufiger als  Marx gelesen.  Andererseits ist
       jetzt von der PSOE-Regierung in den Schulen und anderen pädagogi-
       schen Einrichtungen  die Beschäftigung  mit  Marx  als  Teil  des
       großen modernen  europäischen Denkens eingeführt worden. Dies be-
       deutet, daß grundsätzlich in den Gymnasien (Bachillerato), an den
       Hochschulen, besonders  in Fächern  wie  Geschichte,  Soziologie,
       Geographie, ein Schul-Marx und -Marxismus - mit dem Ergebnis grö-
       ßerer Nachfrage nach billigen Marx-Ausgaben, Anthologien, Lexika,
       Taschenbuch-Ausgaben -  unterrichtet wird.  Unter den Historikern
       gibt es  eine breite  Schule der Sozialgeschichte, die die Grund-
       sätze der  marxistischen geschichtlichen  Methodologie, unter be-
       sonderer Berücksichtigung  der ökonomischen  Analyse, erfolgreich
       in Anspruch  nimmt (M.  Tunón de  Lara, Santos  Juliá, J. Fontana
       u.a.).
       Es ist  auch nicht  zu verkennen:  Marx und der Marxismus sind in
       den kulturellen  Einrichtungen, den  kulturellen  Veranstaltungen
       der Rathäuser,  der Gemeinden  präsent; nicht in den Massenmedien
       (Radio, Fernsehen  ...) und,  auf Grund  ihrer  Geschichte,  noch
       nicht in der Universität und in der wissenschaftlichen Forschung.
       
       _____
       1) Preston, P., Introducción al Leviatán, Antología, Madrid, Tur-
       ner, 1972. Araquistain, L., El pensamiento español contemporáneo,
       Buenos Aires,  Losada, 1962.  Ribas, P., La introducción del mar-
       xismo en España, Madrid, ed. de la Torre, 1981.
       2) Ribas, P.,  Análisis de la difusión de Marx en España, in: An-
       thropos, 33-34, 1984, S. 58-63.
       3) Castillo, J.J.,  Jaime Vera,  Ciencia y  proletariado, Madrid,
       Edicusa, 1973. Jimenez Araya, T., La introducción del marxismo en
       España: el informe de Jaime Vera à la Comisión de Reformas Socia-
       les, in: Anales de Economia, 1972. Perez Ledesma, M., Pensamiento
       socialista espanol  a comienzos de siglo, Madrid, ed. del Centro,
       1974.
       4) Vgl. Jimenez Araya, T., a.a.O.
       5) Diaz, E.,  Revision de  Unamuno. Análisis critico de su pensa-
       miento politico,  Madrid, Tecnos,  1968. Perez  de la Dehesa, R.,
       Politica y  sociedad en  el primer  Unamuno, Barcelona,  Ariel, ²
       1973.
       6) Ferrater Mora,  J., Ortega  y Gasset,  Barcelona, Seix Barral,
       1973. Lalcona,  J. F.,  El idealismo politico de Ortega y Gasset,
       Madrid, Edicusa, 1974. Elorza, A., La razón y la sombra. Una lec-
       tura política de Ortega, Barcelona, Anagrama, 1984.
       7) Bizcarrondo, M., Julian Besteiro: socialismo y democracia, in:
       Revista de  Occidente 94,  1971, S.  61-76. Lamo de Espinosa, E.,
       Filosofia y  politica en  J. Besteiro, Madrid, 1973. Saborit, A.,
       El pensamiento politico de J. Besteiro, Madrid, 1974. ':.-.-
       8) Ribas, P., a.a.O., Anthropos, S. 29 ff.
       9) Ribas, P.,  La Introducción  del marxismo  en Espana,  a.a.O.,
       bes. S. 29 ff. u. 141 ff.
       10) Marxismo en Espana, in: Sistema, 66, 1985, S. 33.
       11) Revista Comunismo,  Antologie, hrsg.  v. Jesus  Perez, Barce-
       lona, Fontamara,  1978. Leviatan,  reprog. Nachdruck, hrsg. v. M.
       Bizcarrondo, Glashütten im Taunus, 1974. 4 Bde.
       12) Siehe z.B.  sein Buch Eurocomunismo y Estado, Barcelona, Gri-
       jalbo, 1977.
       13) Araquistain, L., a.a.O., S. 95-96.
       14) Diaz, E., La filosofia marxista en el pensamiento español ac-
       tual, in: Anthropos, 33-34, 1984, S. 64.
       15) Beim XXVIII. Kongreß (Mai 1979) hatte F. Gonzalez die Zurück-
       weisung des Marxismus gefordert. Als sich gegen seine Vorschläge,
       der marxistische  Flügel  (Prf.  Bustelo)  durchsetzte,  nahm  F.
       Gonzalez seinen Abschied. Wenig später, im September (Sonder-Kon-
       greß), wurde die Ablehnung des Marxismus vom Kongreß bestätigt.
       16) Die PCE  hatte schon  1978 (IX. Kongres) den Leninismus abge-
       lehnt und  was dabei  unter  Euro-Kommunismus  verstanden  wurde,
       blieb immer  sehr undeutlich.  Von 1978  bis 1982  ist die Partei
       zerbrochen und  die damalige Stärke der PCE ist verlorengegangen.
       Ab 1982 geht dieser Prozeß zu Ende.
       17) La filosofia actual en España, in: Zona Abierta, 3, 1975, Ex-
       tra-Nummer, bes.  S. 95  ff. Diaz,  E., Pensamiento español en la
       era de Franco, Madrid, Tecnos, 1983.
       18) Der Kern  der politischen  Diskussion war zu diesem Zeitpunkt
       die Demokratie  (es gibt  eine umfangreiche  Literatur über "Sinn
       der Demokratie",  "Grenze der Demokratie", "Notwendigkeit der De-
       mokratisierung in  Spanien" usw.), aber nicht der Sozialismus. Im
       letzten Jahr  ist die  damals fehlende  Diskussion in  der  neuen
       PSOE-Zeitschrift Leviatan, Neue Folge, unter dem Namen A. Sanchez
       Vazquez vertreten  (Reexamen de la idea de socialismo, in: Levia-
       tan, 21, 1985).
       19) Die Bibliographie dieses Autors ist ungeheuer breit. Man kann
       in Anthropos  ein gutes Resümee finden: Nr. 29-30 u. 31-32, 1983,
       bes. S. 22ff.
       20) Sanchez Vazquez, A., El marxismo contemporáneo y el arte, in:
       Cuadernos de  Ruedo Iberico,  3, 1965. Ideas esteticas en los Ma-
       nuscritos económico-filosóficos  de Marx,  in:  Dianoia,  Mexico,
       1961, und Realidad, 2, 1963. Las ideas esteticas de Marx, Mexico,
       Era, 1965.  Del socialismo  cientifico al socialismo utopico, Me-
       cico, Era, 1975. Ciencia y revolución, Madrid, Alianza, 1978.
       21) Madrid, ed. Cenit, 1934. Band I.
       22) Ballestero, M.,  Un debate sobre la dialéctica, in: Realidad,
       1, 1963.  Hegel, el  joven Marx  y el marxismo, in: Realidad, 10,
       1966. Marx  o la  crítica como fundamento, Madrid, Ciencia Nueva,
       1967. La revolución del Espiritu (tres pensamientos de libertad),
       Madrid, s.  XXI, 1970.  Crítica y  marginales, Barcelona,  Barral
       editores, 1974.
       23) Anderson, P.,  Consideraciones sobre  el marxismo occidental,
       Madrid, s.  XXI, 1979.  Tras las  huellas del materialismo histó-
       rico, Madrid, s. XXI, 1986.
       24) J. Muguerza, Verfasser einer Anthologie der analytischen Phi-
       losophie (La  concepcion analitica  de la filosofia, Madrid, Ali-
       anza, 1974,  2 Bde.)  hat seine  Zuneigung zum Marxismus vielfach
       wiederholt. La razón sin esperanza, Madrid, Taurus, 1977.
       25) Obras de  Marx y  Engels (OME),  unter  der  Leitung  von  M.
       Sacristán, Barcelona,  Grijalbo, 1976  ff. Die Ausgabe war auf 68
       Bände geplant,  von denen nur die folgenden veröffentlicht worden
       sind: Bd.  5,  Manuscritos  de  Paris.  Anuarios  franco-alemanes
       (1844). Bd.  6, La Sagra-da Familia. La situación de la clase ob-
       rera en  Inglaterra. Otros escritos de 1845-6. Bd. 9, Ma-nifiesto
       del Partido  Comunista. Articulos  de la "Nueva Gaceta Renana", I
       (1847-8). Bd.  10, Articulos  de  la  "Nueva  Gaceta  Renana"  II
       (1848). Bd.  21 u.  22, Lineas  fundamentales de la crítica de la
       Economia Politica  ("Grundrisse"). Bd.  35, La  Subversión de  la
       ciencia por  el señor  Eugen Dühring  ("Anti-Dühring").  Bd.  36,
       Dialectica de la Naturaleza. Bd. 40 u. 41, El Capital. Critica de
       la Economia Politica. Libro I: El proceso de produccion del capi-
       tal. Bd.  42, idem, Libro II: el proceso de circulación del capi-
       tal. Bd.  45, Teorias sobre la plusvalia. Primera parte: capitulo
       primero hasta séptimo y anexos.
       26) Obras fundamentales  de Marx  y Engels, unter der Leitung von
       W. Roces,  Mexico, FCE,  1980 ff.  Bis jetzt  sind folgende Bände
       veröffentlicht worden: Bd. l, Escritos de juventud. Bd. 12, 13 u.
       14, Teorias sobre la plusvalia.
       27) Madrid, Alianza,  1969, mit Beiträgen von J. Aguirre, K. Rah-
       ner, L.  Lombardo-Radice, J. Girardi, M. Machovcec, G. Mury, J.B.
       Metz, L. Althusser, M. Sacristán u. J.L. Aranguren.
       28) Fierro, A.  und Reyes  Mate, Cristianos  para el  socialismo,
       Verbo Divino, 1975.
       29) Moran, G.,  Miseria y  grandeza del  Partido Comunista de Es-
       paña, 1939-1985, Barcelona, Planeta, 1986, bes. S. 322 ff.
       30) Panfletos y  materialies,  Barcelona,  Icaria,  1983  ff.,  4
       Bände.
       31) Ebenda, Bd. l, S. 244.
       32) Ebenda, S. 251.
       33) Fernandez Buey, Fr., Marxismo en España, a.a.O., S. 39.
       34) Sacristán, M., a.a.O., Bd. l, S. 81.
       35) Ebenda, S. 129.
       36) El papel  de la  filosofía en  el conjunto del saber, Madrid,
       Ciencia Nueva,  1970. Etnología y utopia, Valencia, Azanca, 1971.
       Ensayo sobre  las categorías  de la economía política, Barcelona,
       1972. La metafísica presocrática, Oviedo, Pentalfa, 1974.
       37) Madrid, Taurus, 1972.
       38) Siehe die  Übersetzung von  Althussers Aufsatz, La crisis del
       marxismo, in: El viejo topo, 17, 1978, S. 34.
       39) Gomez Llorente, L., Rosa Luxemburgo y la scialdemocracia ale-
       mana, Madrid, Edicusa, 1975.
       40) Unter anderen  Zapatero, V.,  Socialismo y etica. Textos para
       un debate. Madrid, Debate, 1980.
       41) 1984 war  Habermas von G. Peces Barba (PSOE) eingeladen, eine
       Rede im  spanischen Parlament  zu halten. Siehe Habermas, J., Die
       neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt, Suhrkamp, 1985. S. 141 ff.
       42) Tras las  huellas del  materialismo histórico,  a.a.O.,  z.B.
       stimmt eine  außerordentliche Zeitschrift  wie Debats  (Valencia,
       1982 u.  ff.) ohne weiteres den französischen oder deutschen The-
       sen über  die Krise  des Marxismus  und die Postmodernität zu und
       gibt die  wichtigsten Aufsätze  wieder. Siehe  Nr. 14  (1985) mit
       Beiträgen von A. Wellmer, P. Glotz u. a.
       43) Fernandez Buey,  Fr., Contribución  a la critica del marxismo
       cientificista, Barcelona, 1984. Martinez Marzoa, F., La filosofía
       de El  Capital, Madrid, Taurus, 1983. Meine eigene Arbeit El con-
       cepto de libertad en la obra de K. Marx, Madrid, 1982.
       44) El Marx que se leerá en el siglo XXI, in: El Pais, suplemento
       dominical, 14 de marzo de 1983.
       

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