Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


       zurück

       
       ZUR TEXTÄNDERUNG VON DER 1. ZUR 2. DEUTSCHEN AUFLAGE
       ====================================================
       DES ERSTEN BANDES DES "KAPITALS"
       ================================
       
       Jürgen Jungnickel
       
       Gegenwärtig wird am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der
       SED die 1872/1873 erschienene 2. deutsche Auflage des ersten Ban-
       des des  "Kapitals" für  die Herausgabe  in der MEGA (Band II, 6)
       bearbeitet. Innerhalb der verschiedenen Druckfassungen des ersten
       Bandes nimmt  sie einen wichtigen Platz ein. Auf ihrem Titelblatt
       steht der  Vermerk "Zweite  verbesserte Auflage", und im überlie-
       ferten Teil  des Prospektes  zu dieser  Auflage, der ebenfalls im
       MEGA-Band II,  6 veröffentlicht wird, heißt es: "Die gegenwärtige
       zweite Auflage  ist vom  Verfasser durchgehend  revidiert, in we-
       sentlichen Punkten  verbessert und mit vielen neuen Zusätzen ver-
       sehen worden." 1) Marx benutzte dafür eine Reihe von Materialien,
       die er für die Vorbereitung der 2. Auflage angelegt hatte. 2) Sie
       beweisen, daß  er nach  dem Erscheinen  der 1. Auflage (1867) be-
       strebt war, das "Kapital" nach Inhalt und Form zu vervollkommnen.
       3)
       Die Bearbeitung der 2. deutschen Auflage für die MEGA war mit der
       Aufgabe verbunden,  anhand der  Textänderungen von  der 1. zur 2.
       Auflage die  Entwicklung von Marx' ökonomischer Theorie eingehend
       zu analysieren.  Dabei  standen  zwei  Probleme  im  Vordergrund:
       E r s t e n s  die Textänderungen inhaltlich einzuschätzen und in
       die Textentwicklung  der verschiedenen  Auflagen und Ausgaben des
       ersten Bandes  des "Kapitals" einzuordnen.  Z w e i t e n s  galt
       es, die Ursachen für die Textänderungen zu ermitteln.
       Die Veränderungen am Text und an der Gliederung wurden durch ver-
       schiedene Ursachen hervorgerufen, sowohl durch innertheoretische,
       als auch  durch äußere.  Unter den äußeren Ursachen muß vor allem
       die Wirkungsgeschichte  der 1. Auflage genannt werden. Daraus er-
       gab sich die Notwendigkeit zur Überarbeitung unter dem Aspekt der
       Verständlichkeit in der Arbeiterbewegung und der Angriffe bürger-
       licher Ideologen  auf das  Werk. Das  betraf in  erster Linie die
       Werttheorie und  die im "Kapital" angewandte dialektische Methode
       die bewußt  und unbewußt  mit der Hegelschen gleichgesetzt wurde.
       4)
       Zu den  charakteristischen Merkmalen  der 2.  Auflage,  die  Marx
       selbst erwähnte  5) gehört die veränderte Gliederung. Hierbei ist
       es wichtig  exakt zwischen  der Struktur  bzw. dem inneren Aufbau
       und der  äußeren Gliederung  bzw Einteilung  zu unterscheiden. Es
       zeigt sich,  daß die  Struktur des Werkes mit Ausnahme des ersten
       Kapitels "Die  Ware",  im  wesentlichen  unverändert  blieb.  Die
       "ä u ß e r e   Einteilung des Buches", 6) wie Friedrich Engels es
       nannte, wurde jedoch erheblich modifiziert. Von ihm sind auch die
       entscheidenden Anregungen  zur Verbesserung der Gliederung ausge-
       gangen. Die durchgangig übersichtlicher gestaltete Einteilung war
       in erster  Linie darauf gerichtet, die Aufnahme des "Kapitals" in
       der Arbeiterbewegung  zu fördern Da auf Einzelheiten nicht weiter
       eingegangen werden kann, sei zusammenfassend festgestellt: Es ist
       offensichtlich, daß zwischen dem Inhalt, der Struktur und der äu-
       ßeren Einteilung  des ersten  Bandes des "Kapitals" ein enger Zu-
       sammenhang besteht. Bereits in der 1. Auflage spiegelten sich der
       Inhalt und  die Struktur m der Gliederung wider. Dieser Gesichts-
       punkt tritt  jedoch in der 2. Auflage noch deutlicher hervor. Mit
       der Behandlung  des Arbeitslohnes m einem selbständigen Abschnitt
       sind nunmehr  alle "drei  grundneuen Elemente  des Buchs" 7) auch
       äußerlich sichtbar herausgestellt. Auch die Lesbarkeit des Textes
       gewann dadurch zweifellos.
       Die Charakterisierung  der 2.  Auflage als  "verbesserte" gründet
       sich vor allem auf inhaltliche Textänderungen, die sich besonders
       auf den  ersten Abschnitt Ware und Geld" und das siebente Kapitel
       "Die Rate des Mehrwerts erstrecken. Eine gründliche Überarbeitung
       des gesamten  Textes war  für Marx aus Zeitgründen nicht möglich.
       Dennoch finden  sich inhaltlich nicht unbedeutende Textänderungen
       auch in den übrigen Teilen des Bandes.
       Die umfangreichen Veränderungen am ersten Kapitel sollen hier nur
       gestreift werden.  8) In ihnen offenbart sich Marx' kontinuierli-
       ches Bemühen,  die allgemeine  Verständlichkeit dieses abstrakte-
       sten und schwierigsten Teils der politischen Ökonomie 9) zu erhö-
       hen. Der Grund dafür war nicht allem die doppelte Darstellung der
       Wertformanalyse, die  in der  2. Auflage  beseitigt werden  mußte
       Wichtige Anregungen  sind auch  von der Wirkungsgeschichte der 1.
       Auflage ausgegangen.  Das gilt  offenbar für  Marx' Bemühen einer
       weiteren Abgrenzung seiner Methode von der Hegelschen, die beson-
       ders m  der Ersetzung  philosophischer Termini durch Begriffe der
       politischen Ökonomie sichtbar wird.
       Im Vergleich  zu den Textänderungen im ersten Kapitel sind die in
       den übrigen  Teilen der  1. Auflage  nicht so gravierend, dennoch
       verdienen sie  Beachtung. Ihr  Ausmaß und  Charakter sind  in den
       einzelnen Kapiteln  unterschiedlich. Das  ist insofern von Inter-
       esse, als  es gewisse  Rückschlüsse sowohl auf den Reifegrad ein-
       zelner Theorieelemente  als auch auf das Verständnis und die Auf-
       nahme bestimmter  Erkenntnisse in der Arbeiterbewegung zuläßt. So
       weisen die  Ausführungen über den Arbeitstag nur wenige Textände-
       rungen auf. Das zeugt einerseits von ihrem hohen Reifegrad in der
       1. Auflage.  Es ist  aber offensichtlich  auch dem  Umstand zuzu-
       schreiben, daß  diese Erkenntnisse  in der Arbeiterbewegung rasch
       aufgenommen und im Kampf für den Normalarbeitstag genutzt wurden.
       Es bestand daher kein Anlaß, größere Veränderungen vorzunehmen.
       Relativ stark  überarbeitet wurden  die Darlegungen über die Ver-
       wandlung von  Geld in  Kapital. Marx  legte offensichtlich großen
       Wert darauf, den Inhalt und die Unterschiede der Kreisläufe W-G-W
       und G-W-G' noch prägnanter herauszuarbeiten, geht es doch hier um
       die entscheidende  Frage, was  Kapital ist.  Die  Entdeckung  des
       Warencharakters der Arbeitskraft wurde in ihrer Bedeutung für die
       Kapitalismusanalyse nachdrücklich unterstrichen und der Zusammen-
       hang zwischen  der Verwandlung  der Arbeitskraft in eine Ware und
       der Verallgemeinerung der Warenform des Arbeitsprodukts betont.
       Angesichts der  immer wieder  auftretenden Diskussionen  verdient
       die klarere  Unterscheidung zwischen  Arbeit und Arbeitsprozeß in
       der 2.  Auflage besondere Aufmerksamkeit. Bei dieser Veränderung,
       die wahrscheinlich  innertheoretische Ursachen  hatte, handelt es
       sich offensichtlich nicht um eine stilistische Korrektur. Die Be-
       stimmung der  Arbeit in  ihren allgemeinen  Momenten wurde präzi-
       siert. Marx  betonte, daß  die Arbeit "ein Prozeß zwischen Mensch
       und Natur" ist, worin er "seinen Stoffwechsel mit der Natur durch
       seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert". 10) In der
       1.  Auflage   hatte  Marx   anstelle  von   "Arbeit"   noch   von
       "Arbeitsprozeß" gesprochen.  11) Vermutlich erfolgte diese Verän-
       derung, weil  mit der  Bestimmung des Arbeitsprozesses als Bedin-
       gung des  Stoffwechselprozesses zwischen Mensch und Natur bereits
       alle Elemente  des Arbeitsprozesses  eingebracht werden  und  die
       Rolle der  menschlichen Arbeit  nicht genügend hervortritt. Durch
       die eindeutigere Unterscheidung zwischen Arbeit und Arbeitsprozeß
       hob Marx  die Bedeutung  der menschlichen Arbeit als spezifisches
       Moment des  Arbeitsprozesses sowie  die aktive Rolle des Menschen
       in diesem Prozeß hervor. Das ist für "die eigentliche Erkenntnis-
       funktion des Begriffes 'Arbeit'" 12) von grundlegender Bedeutung.
       In der  2. Auflage  tritt deutlicher  hervor, daß  die Arbeit das
       übergreifende Moment  des Arbeitsprozesses ist. Dadurch wird auch
       das Verständnis  für jene  Gesetzmäßigkeiten erleichtert, die die
       soziale und  technologische Seite  der Entwicklung der Arbeit und
       des Arbeitsprozesses  betreffen. Dieser  Gesichtspunkt ist gerade
       in der  Gegenwart, angesichts  der qualitativen und quantitativen
       Entwicklung der  Produktivkräfte und  der Veränderungen im Inhalt
       der Arbeit wichtig.
       Die im  Kapitel "Die Rate des Mehrwerts" erfolgten Textänderungen
       charakterisieren Marx'  Bestreben, jene  Passagen zu vervollkomm-
       nen, die  für das Verständnis der kapitalistischen Ausbeutung und
       damit des  praktischen Kampfes  der Arbeiterklasse  besonders be-
       deutsam sind.  Kennzeichnend dafür  sind ergänzende  Aussagen zur
       Mehrwertrate und  die ausführlichere  Auseinandersetzung mit  dem
       Vulgärökonomen Senior  über die  Verkürzung des Arbeitstages. Daß
       die  Anregungen  dazu  von  Lopatin,  einem  der  Übersetzer  des
       "Kapitals" ins  Russische, ausgegangen  sind, zeugt von dem rück-
       wirkenden Einfluß  dieser 1872  erschienenen Ausgabe  auf die  2.
       deutsche Auflage.  Insgesamt erfolgte im siebenten Kapitel der 2.
       Auflage eine  stärkere Betonung der Funktionen des konstanten und
       variablen Kapitals  im Wertbildungs-  und Verwertungsprozeß. Ver-
       mutlich in Abgrenzung von bürgerlichen Kapitalauffassungen unter-
       strich Marx  nachdrücklich, daß die Wertschöpfung nur von der Ar-
       beitskraft ausgeht.
       Entsprechend seiner  materialistischen  Geschichtsauffassung  hat
       Marx den Fragen der Produktivkraftentwicklung, der Rolle von Wis-
       senschaft, Technik  und Technologie  in der Gesellschaftsentwick-
       lung, besonders im Kapitalismus, in allen Schaffensperioden große
       Beachtung geschenkt. Nach wie vor stoßen diese Marxschen Erkennt-
       nisse sowohl  bei Marxisten als auch bei ihren ideologischen Geg-
       nern auf  reges Interesse.  Sie waren und sind Gegenstand kontro-
       verser Diskussionen.  Auch hier  trifft  zu,  daß  eine  genauere
       Kenntnis der Genesis der Marxschen Auffassungen dieses Teils sei-
       ner Theorie  das Verständnis  deren reifer Form vertieft und dar-
       über hinaus  für die  theoretische Analyse gegenwärtiger Prozesse
       der Produktivkraft- und Gesellschaftsentwicklung nützlich ist.
       Der vierte Abschnitt der 2. Auflage "Die Produktion des relativen
       Mehrwerts" weist einige inhaltlich interessante Textentwicklungen
       auf. Eine  Wertung dieser  Änderungen läßt den Schluß zu, daß die
       Theorie des relativen Mehrwerts in einigen Punkten bereichert und
       präzisiert wurde. Das gilt in erster Linie für die Begriffe Tech-
       nik und  Technologie bzw. technisch und technologisch. Die Verän-
       derung, die  sich diesbezüglich vollzogen hat, ist wahrscheinlich
       bis heute  kaum registriert  worden. In  der 1.  Auflage hat Marx
       vorrangig den Begriff Technologie bzw. technologisch benutzt, und
       zwar häufig  im gleichen  Sinne wie  Technik bzw.  technisch.  Er
       folgte darin hauptsächlich den Auffassungen der deutschen Techno-
       logen Johann  Heinrich Moritz Poppe und Johann Beckmann. 13) Eine
       strengere Differenzierung  zwischen Technik und Technologie sowie
       technisch und  technologisch erfolgte erstmals in der 2. Auflage,
       wenngleich der  synonyme Gebrauch auch noch anzutreffen ist. Den-
       noch wurden  beide Begriffe  stärker voneinander  abgegrenzt. Die
       Ursache dafür lag offensichtlich in dem in der zweiten Hälfte des
       19. Jahrhunderts konstatierbaren Prozeß der zunehmenden Durchset-
       zung des Terminus Technik im heute gebräuchlichen Sinn. 14)
       Die exaktere  begriffliche Unterscheidung  zwischen  Technik  und
       Technologie ermöglichte  es Marx, die Wechselbeziehungen zwischen
       ihnen klarer  herauszuarbeiten. Der Terminus Technologie wurde in
       verstärktem Maße  auf den Bereich einer modernen Wissenschaft be-
       schränkt. In  Abgrenzung davon verwendete Marx den Terminus Tech-
       nik zunehmend  zur Bezeichnung  der vom Menschen geschaffenen Ar-
       beitsmittel. In  der 2. Auflage wurde in vielen Fällen, wo es dem
       Sachverhalt entspricht, der Begriff Technologie durch den Begriff
       Technik ersetzt.  Dementsprechend wurde  auch "technologisch"  in
       "technisch" verändert.  Auf diese Weise drückte Marx aus, daß der
       damit charakterisierte Sachverhalt im Sinne von bedingt oder her-
       vorgerufen durch  das Arbeitsinstrument  zu verstehen  ist. Daher
       sprach Marx  in der 2. Auflage erstmals vom technischen Charakter
       der Arbeit und von den technischen Bedingungen des Arbeitsprozes-
       ses. In  diesen Termini  kommt der  Zusammenhang zwischen den Ar-
       beitsmitteln und dem Inhalt der Arbeit präziser zum Ausdruck. Die
       Bestimmung "technischer  Charakter der  Arbeit" ist  z.B. wichtig
       für das Verständnis des Gesetzes der Übertragung menschlicher Ar-
       beitsfunktionen auf technische Mittel.
       An dieser  Stelle sei  noch auf einige Textveränderungen im Sinne
       von Präzisierungen verwiesen, die sich auf den Beginn des 13. Ka-
       pitels "Maschinerie  und große  Industrie" konzentrieren. Sie be-
       treffen die  Ausführungen über  die Entwicklung  der Maschinerie,
       den Unterschied von Werkzeug und Maschine und damit auch den Aus-
       gangspunkt der  industriellen Revolution.  Zunächst  relativierte
       Marx die  in der  1. Auflage  gegebene Einschätzung  des  "histo-
       rischen Elements"  in der  Maschinenbestimmung.  Die  2.  Auflage
       enthält nicht mehr die Charakterisierung dieses Elements als "das
       Entscheidende". 15)  Präzisiert wurden  auch die Darlegungen über
       die Wechselbeziehungen  zwischen  der  Entstehung  der  Werkzeug-
       maschine und  der Entstehung der Dampfmaschine in der industriel-
       len Revolution. 16) Bei der Bewertung dieser und anderer Änderun-
       gen sollte  beachtet werden,  daß sie Erkenntnisse betreffen, die
       sich grundlegend  von den damals herrschenden Anschauungen unter-
       schieden und erstmals der Öffentlichkeit vorgelegt wurden.
       Auf einige  weitere Textänderungen  im 13.  Kapitel sei  nur noch
       kurz hingewiesen. In der 2. Auflage zeigte Marx erstmals die Per-
       spektiven der Maschinerie in der kommunistischen Gesellschaft auf
       und bereicherte  damit die  bereits in der 1. Auflage enthaltenen
       Aussagen über  die ausbeutungsfreie  Gesellschaft. Ergänzt wurden
       bestimmte Aspekte  der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie
       durch die Aufnahme aktuellen statistischen Materials. Schließlich
       erfolgten einige  Präzisierungen in  den Darlegungen über die Ei-
       gentümlichkeiten der Arbeitsteilung in der Fabrik und in den Dar-
       legungen über  die in der kapitalistischen Gesellschaft reifenden
       Voraussetzungen für eine ausbeutungsfreie Gesellschaft.
       Am fünften  Kapitel der  1. Auflage  "Weitere Untersuchungen über
       die Produktion  des absoluten  und relativen Mehrwerts" nahm Marx
       relativ wenig  Textänderungen vor,  auf die  hier nicht gesondert
       eingegangen wird.
       Zum sechsten  Kapitel der 1. Auflage "Der Akkumulationsprozeß des
       Kapitals" ist festzustellen, daß an diesem nur einige inhaltliche
       Textänderungen erfolgten. (Dieser Teil wurde erst für die franzö-
       sische Ausgabe  des ersten  Bandes des  "Kapitals" -  1872-1875 -
       gründlich überarbeitet).  Die  genauere  Unterscheidung  zwischen
       Technik und Technologie führte zu einigen Präzisierungen, die das
       allgemeine Gesetz  der kapitalistischen Akkumulation berühren und
       mit dem  Problem der  organischen Zusammensetzung des Kapitals im
       Zusammenhang stehen.  Letztere wurde  in der  uns heute bekannten
       Form erstmals  in der  französischen Ausgabe  formuliert. Dennoch
       ist Marx'  Bemühen um  eine exaktere Fassung dieses Problems auch
       in der 2. Auflage sichtbar. So tritt gleich am Beginn des 23. Ka-
       pitels hervor,  daß die Kapitalzusammensetzung, und nicht nur ein
       Aspekt (die  technologische Zusammensetzung),  17) im Mittelpunkt
       der Untersuchung  steht. Stärkere  Beachtung wurde  auch dem  Ge-
       sichtspunkt der wechselnden organischen Zusammensetzung des Kapi-
       tals im Akkumulationsprozeß geschenkt. Einige Textänderungen zei-
       gen Marx'Bemühen, bestimmte Auswirkungen des kapitalistischen Ak-
       kumulationsprozesses auf  die Lage  der Arbeiterklasse deutlicher
       hervortreten zu lassen. So stellte er eindeutig fest, daß Lohner-
       höhungen am Grundcharakter der kapitalistischen Produktion nichts
       ändern. 18) Damit reagierte er vermutlich auf die zunehmende Ver-
       breitung von Sozialreformtheorien.
       Marx' Hinweis  auf die  Rolle der  assoziierten Kapitalisten  19)
       zeigt, daß  er  charakteristische  neue  Erscheinungen  im  Wirt-
       schaftsleben, in diesem Fall die rasche Zunahme der Aktiengesell-
       schaften, bei  der Überarbeitung  der 1.  Auflage  berücksichtigt
       hat. In ähnlicher Weise wurden die Ausführungen über Irland durch
       die Aufnahme aktuellen statistischen Materials bereichert.
       Charakteristisch für  die Textentwicklung in den Darlegungen über
       die ursprüngliche  Akkumulation ist  die Anreicherung jener Sach-
       verhalte mit historischem Material, die eine bestimmende Rolle im
       Entstehungsprozeß des  Kapitalismus spielten.  Das gilt  zum Bei-
       spiel für  die Behandlung  des Expropriationsprozesses der Bauern
       und die  Blutgesetzgebung. Auf diese Weise wurde der Nachweis des
       gewaltsamen und  räuberischen Charakters der ursprünglichen Akku-
       mulation ergänzt.
       Im Rahmen  dieses Beitrages  war es  natürlich nicht möglich, ein
       vollständiges Bild  der Textänderungen  von der 1. zur 2. Auflage
       zu vermitteln.  Das wird  durch das  im MEGA-Band 11,6 enthaltene
       Variantenverzeichnis geschehen.  Die Ausführungen  sollten in er-
       ster Linie einen Einblick in die Art und das Ausmaß der Textände-
       rungen geben  und detaillierter  zeigen, weshalb Marx die 2. Auf-
       lage als "verbesserte" bezeichnete.
       
       _____
       1) MEGA 11,6, S. 55 (noch unveröffentlicht).
       2) Zu nennen  sind das  Handexemplar der 1. Auflage und das Manu-
       skript "Ergänzungen  und Veränderungen  für den  ersten Band  des
       'Kapitals' (Dezember  1871-Januar  1872)",  welches  erstmals  im
       MEGA-Band 11,6 veröffentlicht wird.
       3) Bei aller  Bedeutung dieser  Auflage ist  es dennoch nicht ge-
       rechtfertigt, sie als Ausgabe von Marx' letzter Hand zu charakte-
       risieren, wie das in der in der BRD verbreiteten "Kapital-Edition
       des Ullstein-Verlages  geschieht.  Die  Veröffentlichung  der  3.
       deutschen Auflage  und der  dazugehörigen Vorarbeiten in der MEGA
       wird diese Behauptung endgültig widerlegen.
       4) Siehe MEW 23, S. 25-27.
       5) Siehe ebenda, S. 18.
       6) Engels an Marx, 23. August 1867, in: MEW 31, S. 324.
       7) Marx an Engels, 8. Januar 1868, in: MEW 32, S. 11.
       8) Siehe hierzu den Beitrag von B. Lietz im vorliegenden Band.
       9) Marx an J. Weydemeyer, 1. Februar 1859, in: MEW 29, S. 573.
       10) MEW 23, S. 192.
       11) MEGAII, 5,S. 129.
       12) Fritsch, H./Stier,  G., Der  wissenschaftliche Arbeitsprozeß,
       Berlin 1978, S. 19.
       13) Umfangreiche Auszüge aus den wichtigsten Werken von Poppe und
       Beckmann hatte  Marx bereits  1851 im  Heft XV der Londoner Hefte
       angefertigt, das in MEGA IV, 10 veröffentlicht wird.
       14) Siehe: E.  Diesel, Das  Phänomen der Technik, Berlin 1939, S.
       11.
       15) Siehe MEGA II, 5, S. 302. MEW 23, S. 392.
       16) Siehe MEGA II, 5, S. 305. MEW 23, S. 396.
       17) Siehe MEW 23, S. 494.
       18) Siehe ebenda, S. 641.
       19) Siehe ebenda, S. 655.
       

       zurück