Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       PHILOSOPHEN, IDEOLOGEN UND DEUTSCHE IDEOLOGIE:
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       CHARLES FOURIERS BEDEUTUNG FÜR FRIEDRICH ENGELS
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       Niels Mader
       
       1. Engels'  Würdigung der  utopischen Sozialisten  - 2. Ein alter
       Plan - 3. Die "verkehrte Welt"
       
       1987 jährt  sich der 150. Todestag Charles Fouriers, eines frühen
       Kritikers der  bürgerlichen Gesellschaft, dem Marx und Engels we-
       gen seiner  filigranen Gesellschaftsanalyse und geschichtstheore-
       tischen Einsichten  einen Ehrenplatz in der Ahnengalerie soziali-
       stischer Denker  zuerkannten. Während  ihres gesamten politischen
       und wissenschaftlichen  Wirkens fühlten Marx und insbesondere En-
       gels sich  verpflichtet, nicht nur die historische Bedeutung Fou-
       riers  zu  würdigen,  um  ihn  gegen  philantrope  Verstümmelung,
       ahistorische Behandlung oder Verkennung als Phantasten zu vertei-
       digen, sondern  gerade Fouriers  Bedeutung für  die Herausbildung
       des wissenschaftlichen Sozialismus zu betonen.
       
       1. Engels' Würdigung der utopischen Sozialisten
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       Im "Anti-Dühring",  den Engels als "Versuch, eine enzyklopädische
       Übersicht" seiner  und Marxens  "Auffassung der  philosophischen,
       naturwissenschaftlichen und  geschichtlichen Probleme  zu  geben"
       (MEW 36, 136), betrachtet, unternimmt er eine generelle Würdigung
       Fouriers. Schon  1874 in der "Vorbemerkung" zu "Der deutsche Bau-
       ernkrieg" erinnert  Engels daran,  daß "der deutsche theoretische
       Sozialismus nie  vergessen wird,  daß er auf den Schultern Saint-
       Simons, Fouriers  und Owens steht, die bei aller Phantasterei und
       bei allem  Utopismus zu den bedeutendsten Köpfen aller Zeiten ge-
       hören und  zahllose Dinge genial antizipierten, deren Richtigkeit
       wir jetzt  wissenschaftlich nachweisen"  (MEW 7,  541). 1882,  im
       Vorwort zur  ersten Auflage  der deutschen  Fassung von "Die Ent-
       wicklung des  Sozialismus von  der Utopie zur Wissenschaft" führt
       Engels "als  Zeugin für  die Bewährung der Dialektik in der Wirk-
       lichkeit" nicht  nur die  "moderne Naturwissenschaft" an, sondern
       beruft sich  gleichermaßen auf  die drei großen Utopisten (Saint-
       Simon, Fourier,  Owen) wie  auf die deutsche Philosophie von Kant
       bis Hegel  (s. MEW  19, 188). Am 13. August 1884 antwortet Engels
       auf eine  briefliche Anfrage Georg Heinrich von Vollmars, der von
       Engels wissen will, an welcher Hochschule eine schwedische Freun-
       din sich  mit dem  Sozialismus vertraut  machen und Sozialwissen-
       schaften studieren  könne; da Engels zwischen den einzelnen Hoch-
       schulen  keine   Unterschiede  und   in  ihnen  durchgängig  eine
       "katheder-sozialistisch-philantropisch" gefärbte bürgerliche Öko-
       nomie vorherrschen  sieht, rät  er: "Tüchtiges eignes Studium der
       klassischen Ökonomie  von den  Physiokraten und Smith bis Ricardo
       und seiner  Schule, sowie  der Utopisten Saint-Simon, Fourier und
       Owen, endlich  Marx, nebst fortwährender Anwendung des eignen Ur-
       teils, wird  das meiste  tun müssen.  Ich setze  voraus, daß ihre
       Freundin die  Quellen selbst  studiert und sich nicht von Kompen-
       dien und  andren Quellen  zweiter Hand  in die Irre führen läßt."
       (MEW 36, 199). Dreierlei ist an Engels' Hin weis bemerkenswert:
       1. Engels orientiert  auf die  entwickeltste Form sozialistischer
       und gesellschaftswissenschaftlicher  Theorie (Marx)  in der Form,
       daß er  das Studium ihrer theoretischen Quellen einbezogen wissen
       will. Dies geschieht sicherlich nicht nur unter dem prinzipiellen
       Gesichtspunkt, daß  eine Theorie nur von ihren historischen Quel-
       len her begriffen werden kann, sondern auch im Kontext politisch-
       ideologischer Auseinandersetzungen  um den utopischen Sozialismus
       in der deutschen und französischen Arbeiterbewegung. 1)
       2. Engels stellt neben die Vertreter der klassischen bürgerlichen
       Ökonomie die utopischen Sozialisten und anerkennt darin ihren An-
       teil an  der Entwicklung  der ökonomischen  Theorie  des  wissen-
       schaftlichen Sozialismus. 2)
       3. Engels fordert  das Studium der "Quellen selbst" nicht nur als
       Verfechter wissenschaftlicher  Akribie, sondern  als  Theoretiker
       des Proletariats  unter dem  Gesichtspunkt der Selbstversicherung
       des Proletariats  bezüglich seiner Herkunft, um politisch-ideolo-
       gische Handlungsfähigkeit  zu ermöglichen.  Als profunder  Kenner
       der Lehren des kritisch-utopischen Sozialismus weiß Engels um die
       Dürftigkeit zeitgenössischer  "Kompendien" und  "Quellen  zweiter
       Hand", die  die theoretische  Herkunft des "modernen Sozialismus"
       eher verstellen denn erhellen.
       Mit dem  "Anti-Dühring" und  mit "Die Entwicklung des Sozialismus
       von der  Utopie zur  Wissenschaft" liefert Engels programmatische
       Orientierungen für  die  Erforschung  der  theoretischen  Quellen
       (aber auch  der praktischen  Bewegungen), insbesondere  auch  des
       utopischen Sozialismus  die deren/dessen Authentizität und Origi-
       nalität gewährleisten.  Engels' Intentionen  wurden von Theoreti-
       kern und Führern der deutschen Sozialdemokratie geteilt und umge-
       setzt. Karl  Kautsky schlug  "dem Parteiverleger J.H.W. Dietz für
       dessen 1887  anlaufende Internationale  Bibliothek ein ganzes Pu-
       blikationsprogramm zum vormarxistischen Sozialismus" vor. 3) Wil-
       helm Liebknecht  befaßte sich mit Robert Owen und der Chartisten-
       bewegung. 4)  1887 erschienen  Hermann Schlüters  Buch  über  die
       Chartistenbewegung und  in der  sozialdemokratischen  Bibliothek'
       Arbeiten über Wilhelm Weitling und Gracchus Babeuf. 5) August Be-
       bel verfaßte während einer neunmonatigen Haft die erste marxisti-
       sche  Monographie   über  Charles   Fourier,  die   1888  in  der
       "Internationalen Bibliothek" erschien. 6)
       
       2. Ein alter Plan
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       Die Idee einer Bibliothek sozialistischer Schriften hatten Engels
       und Marx  schon Anfang  1845 (s. MEW 27, 22; 24 f.; 26). Sie nahm
       programmatische Form an 7) und stand in direkter Beziehung zu ih-
       ren publizistischen  Bemühungen um  die Herausgabe der "Deutschen
       Ideologie" wie  auch einer Vierteljahresschrift. 8) Unter dem Ti-
       tel "Bibliothek der vorzüglichsten sozialistischen Schriftsteller
       des Auslandes"  sollten "die besten Sachen von Fourier, Owen, den
       Saint-Simonisten etc."  übersetzt und  herausgegeben werden  (MEW
       27, 24).
       Engels' und  Marx' Plan einer Bibliothek sozialistischer Schrift-
       steller unterscheidet  sich in wichtigen Punkten von der 1887 an-
       laufenden "Internationalen Bibliothek": a) 1887 kann das deutsche
       Proletariat auf  eine mehr  als zwanzigjährige  Geschichte seiner
       nationalen politischen  Organisation, auf  reichhaltige  Klassen-
       kampferfahrungen zurückblicken.  Mit und  in der sozialdemokrati-
       schen  Partei   verfügt  es   über  institutionalisierte   Mittel
       (politische Presse,  theoretische Organe, Bildungsarbeit ...) und
       herangereifte Persönlichkeiten,  die in politischen wie auch wis-
       senschaftlichen Kategorien  zu denken  gewohnt sind. Proletariat,
       Politik und  Wissenschaft haben  1887 ein höheres Niveau der Ver-
       zahnung erreicht, b) 1887 liegt der wissenschaftliche Sozialismus
       in einer relativ reifen Form theoretisch-empirischer Abgesichert-
       heit vor.  Als praktische und theoretische Handlungsanleitung be-
       sitzt er  eine politisch-wissenschaftlich orientierende Funktion,
       c) 1887  hat der  Verschmelzungsprozeß von  Arbeiterbewegung  und
       wissenschaftlichem Sozialismus schon eine mehr als vierzigjährige
       Geschichte.
       1845 existierte  dagegen noch  kein politisch organisiertes deut-
       sches Proletariat,  höchstens in  seinen Vorformen in Gestalt des
       "Bundes der Gerechten".
       Marx und Engels standen erst an dem Punkt, sich grundlegende Ele-
       mente einer  neuen Anschauung  zu erarbeiten, und die Vermittlung
       dieser neuen  Elemente in  die Arbeiterbewegung vollzog sich noch
       sporadisch. 9) Beide konnten allerdings schon auf ein Stück eige-
       nen Weges  politischen und  wissenschaftlichen Schaffens  zurück-
       blicken, als  sie im  Sommer 1844 in Paris "vollständige Überein-
       stimmung auf  allen theoretischen Gebieten" feststellten (MEW 21,
       212).
       Engels, der  während seiner  kaufmännischen Ausbildung  in Bremen
       (1838-1841), durch  religiöse Zweifel und literaturkritische Aus-
       einadersetzungen im  Umfeld des  Jungen  Deutschland  vermittelt,
       über die  religionskritischen Schriften  D.F. Strauß'  Zugang zur
       Hegelschen Philosophie findet und dabei gleichzeitig in die zeit-
       genössischen politischen und weltanschaulich-philosophischen Aus-
       einandersetzungen eingreift, erarbeitet sich in der Folge die Po-
       sitionen hegelianischer,  junghegelianischer  und  Feuerbachscher
       Philosophie. Dabei  stellt sich der Autodidakt Engels philosophi-
       scher Problematik innerhalb der Auseinadersetzungen um das Hegel-
       sche System.  Gegen die  pietistisch-orthodoxen, romantischen und
       liberalen Angriffe auf die "Weltphilosophie" macht er die humani-
       stischen Gehalte  der hegelianisch-junghegelianischen Philosophie
       geltend und versucht in der Verbindung der Hegelschen Philosophie
       mit der  politischen Aktion  deren  kontemplativen  Charakter  zu
       durchbrechen. Der Gedanke, die emanzipatorischen Gehalte der Phi-
       losophie zu  realisieren, verlängert die junghegelianische Philo-
       sophie der  Praxis, unterscheidet sich aber darin, daß Engels die
       Form der  Realisierung nicht  in der  Kritik bestimmt, sondern in
       der politischen  Aktion, die vom Volk ausgeht. Gegenüber dem sub-
       jektivistischen und  dem abstrakten  Sollen verpflichteten Denken
       der Junghegelianer hält Engels mit Hegel an der Objektivität phi-
       losophischer Wirklichkeitserkenntnis fest. 10)
       Intensiver als Engels problematisiert Marx - an das Hegelsche Sy-
       stem anknüpfend - das Verhältnis von Philosophie und Wirklichkeit
       bzw. Philosophie  und Politik. In seiner Doktordissertation sowie
       den dazugehörigen Vorarbeiten begreift er das Verhältnis von Phi-
       losophie und Wirklichkeit als ein objektiv-widersprüchliches. Die
       im System  geronnene Hegelsche  Philosophie repräsentiert die Ge-
       danken ihrer  Zeit und dokumentiert darin eine Seite des Weltgan-
       zen. Sich  gegen die  Welt wendend, entfaltet sie ihre kritischen
       Potentiale, kann dies aber nur als Verlust und Selbstkritik ihrer
       systematischen Abgeschlossenheit. Die Verwirklichung der Philoso-
       phie vollzieht sich gleichzeitig als Aufhebung ihrer selbst. Wäh-
       rend seiner Tätigkeit an der "Rheinischen Zeitung" baut Marx die-
       sen Gedanken  weiter aus  und bestimmt  Staat, Öffentlichkeit und
       Presse als  die Vermittlungsinstanzen  des  Philosophie-Wirklich-
       keits-Verhältnisses. Die  inneren Spannungen  des Hegelschen  Sy-
       stems, die Versuche, die Hegelsche Philosophie von unterschiedli-
       chen philosophischen  und politisch-weltanschaulichen  Positionen
       aus zu  destruieren, und die Differenzen innerhalb der antifeuda-
       len Oppositionsbewegung  lassen Marx  das Verhältnis von Philoso-
       phie und Wirklichkeit dergestalt begreifen, daß sich die Philoso-
       phie in  der Bewegung  von Verwirklichung und Aufhebung gegen Re-
       pressionen politischer  Herrschaft wendet,  wobei  die  Hegelsche
       Philosophie als  das Abbild  eines begrenzten  politisch-sozialen
       Gemeinwesens erscheint.  Für Marx  stellt sich damit die Aufgabe,
       gleichermaßen die  Hegelsche Staats-  und Rechtsphilosophie einer
       Kritik zu unterziehen und den "modernen Staat" zu analysieren, um
       zur "Kritik  der Politik"  überzugehen. Bezeichnend  für Marx ist
       sein Einbeziehen  empirischer historisch-politischer Studien, die
       er am  Gegenstand "Französische  Revolution" als dem Ort der Her-
       ausbildung des "modernen Staates" betreibt. 11)
       Die Resultate  dieser Studien schlagen sich in Marx' Aufsätzen in
       den "Deutsch-Französischen  Jahrbüchern" in  der Form nieder, daß
       er die bürgerliche Gesellschaft als die  N a t u r b a s i s  des
       Politischen und den Menschen der "Menschen- und Bürgerrechte" als
       den  b o u r g e o i s  dechiffriert. In der bürgerlichen Revolu-
       tion begründet  die Bourgeoisie  als besondere  Klasse im Politi-
       schen die  illusorische Form  eines Gemeinwesens,  während in der
       bürgerlichen Gesellschaft der Mensch als egoistisches Einzelwesen
       nicht nur nicht unangetastet bleibt, sondern erst in Freiheit ge-
       setzt wird.  Im Freisetzungsprozeß  der bürgerlichen Gesellschaft
       verwirklicht die Bourgeoisie nicht nur ihren Hegemonieanspruch in
       illusorischen Formen,  sondern es  entsteht auch eine Klasse, das
       Proletariat, die in sich den Mangel des gesamten politisch-sozia-
       len Systems  konzentriert. Mit  dem Proletariat ist ein neues Ge-
       schichts- und  Erkenntnissubjekt gegeben, daß sich nur selbst be-
       freien kann,  wenn es  die   N a t u r b a s i s  bürgerliche Ge-
       sellschaft zum  Gegenstand seiner  bewußten Tätigkeit erhebt. Die
       "Kritik der  Politik" führte  M a r x  zur These von der histori-
       schen Rolle des Proletariats und zur Untersuchung von dessen Exi-
       stenzbedingungen bzw.  allgemeiner: zur  Untersuchung der Physio-
       gnomie der  bürgerlichen Gesellschaft. Mit diesen Einsichten ver-
       änderte sich Marx' Philosophieverständnis. Im Übergang zur Ökono-
       mie untersucht die Philosophie "nicht nur die Existenzbedingungen
       der Arbeiterklasse  und die Physiognomie der bürgerlichen Gesell-
       schaft, sondern ebenso den nichtphilosophischen Ort ihrer eigenen
       Entstehung. In  der Ökonomie  finden die Philosophie wie auch die
       revolutionäre Bewegung  ihre empirische  Basis. In  der Beziehung
       zur Ökonomie  erhält die  Philosophie  ihren  wissenschaftlichen,
       theoretischen Ausdruck  und in  der Beziehung  zur revolutionären
       Praxis des Proletariats ihre praktische Dimension." 12)
       Während seines  Englandaufenthaltes (1842-1844)  kommt Engels auf
       einem anderen  Weg zu ähnlichen Anschauungen wie Marx. Die ökono-
       mischen, sozialen,  politischen und kulturellen Erscheinungen der
       fortgeschritteneren kapitalistischen Wirklichkeit Englands lassen
       für Engels die "Prinzipienkämpfe" der deutschen literarisch-poli-
       tischen Öffentlichkeit schnell in den Hintergrund treten. Die Wi-
       derständigkeit materieller Interessen gegenüber humanistisch-phi-
       losophischer Argumentation  fordert ihn heraus und fasziniert ihn
       - sie  verlangt nach  Erklärung. Früher  als Marx  beginnt Engels
       aufgrund seiner  englischen Erfahrungen, Studien und Kontakte zur
       Arbeiterbewegung, die  Ökonomie für  die  Erklärung  von  Gesell-
       schaftsgeschichte fruchtbar zu machen. Dabei entfaltet er in sei-
       nem Artikel  für die "Deutsch-Französischen Jahrbücher" ("Umrisse
       zu einer Kritik der Nationalökonomie") die Ökonomiekritik auf ei-
       ner philosophischen Ebene (als Humanismuskritik an dem humanisti-
       schen Anspruch  der liberalen Ökonomie in Anlehnung an das Feuer-
       bachsche Entfremdungstheorem)  und auf  einer fachwissenschaftli-
       chen Ebene, indem er an die immanenten Widersprüche der liberalen
       Ökonomie anknüpft  und diese zuspitzt, so daß die soziale Revolu-
       tion eine  ökonomische Fundierung  erhält. Daß die Ökonomiekritik
       gedoppelt erscheint  (als Humanismuskritik  und fachwissenschaft-
       lich) hat zur Voraussetzung, daß die historisch-materialistischen
       und sozioökonomischen  Bestimmungen noch  nicht  herausgearbeitet
       sind, die  den Humanismus ansprach der liberalen Ökonomie ideolo-
       giekritisch erklären  können. Philosophie und Ökonomie verbleiben
       noch in einem Spannungsverhältnis. 13)
       Was Marx  und Engels  Anfang 1845 in den Koordinaten von Politik,
       Wissenschaft und  Philosophie zu  denken fähig  waren, war in der
       Sprache der  politisch-ideologischen Öffentlichkeit  Deutschlands
       kaum noch  abbildbar. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sie
       mit der  "Deutschen Ideologie" und der Bibliothek sozialistischer
       Schriftsteller den  Versuch starten,  das  ideologische  Dickicht
       junghegelianischer, Feuerbachscher  und wahrsozialistischer  Prä-
       gung zu  durchbrechen, indem sie die Verkehrungen von praktischen
       Kollisionen in Ideenkämpfe aus den deutschen Verhältnissen erklä-
       ren, wobei  sie gleichzeitig die Prinzipien dieses Erklärens ent-
       wickeln. In  einem Brief  an den  Verleger C.F.J.  Leske, mit dem
       Marx einen Vertrag über ein zweibändiges Werk zur "Kritik der Po-
       litik und  Nationalökonomie" geschlossen hat, unterrichtet er je-
       nen, daß er seine Arbeit an der Ökonomiekritik unterbrochen habe,
       weil er  es für notwendig halte, seinen ökonomischen Anschauungen
       eine ideologiekritische Arbeit voranzuschicken, damit diese über-
       haupt verständlich  würden. "Es  schien mir nämlich sehr wichtig,
       eine polemische  Schrift gegen die deutsche Philosophie und gegen
       den seitherigen  d e u t s c h e n  S o z i a l i s m u s  meiner
       p o s i t i v e n   Entwicklung  v o r h e r z u s c h i c k e n.
       Es ist  dies notwendig, um das Publikum auf den Standpunkt meiner
       Ökonomie, welche  schnurstracks der  bisherigen deutschen Wissen-
       schaft sich gegenüberstellt, vorzubereiten." (MEW 27, 448/449)
       Mit dem Plan einer Bibliothek sozialistischer Schriftsteller ver-
       binden Marx  und Engels ähnliche Intentionen. Die von Engels dar-
       gelegten Editionsprinzipien fordern weniger "theoretisches Inter-
       esse" als  vielmehr "praktische Wirksamkeit" (vgl. ebd., 24). Sie
       konnten davon  ausgehen, daß  in der  politisch-literarischen Öf-
       fentlichkeit Deutschlands Gedankengut des vormarxistischen Sozia-
       lismus -  wenn auch  in verzerrter Form und in unhistorischer Ge-
       stalt -  gegenwärtig war.  Die Anpassung der vormarxistischen so-
       zialistischen Lehren  an die  "deutsche Wissenschaft"  galt es zu
       entschlüsseln, um  die über  die bürgerliche Gesellschaft hinaus-
       weisenden  Tendenzen   des  vormarxistischen  Sozialismus  wieder
       sichtbar zu machen und den Übergang zu Marx' und Engels' Anschau-
       ungen zu ermöglichen.
       Die  "Deutsche  Ideologie"  und  die  Bibliothek  sozialistischer
       Schriftsteller hatte  verschiedene Funktionen zu erfüllen. 1. Der
       Verselbständigungsprozeß der Ideen in den nachhegelschen philoso-
       phischen Strömungen  war zu erklären: dies leisteten Marx und En-
       gels im  1. Band  der "Deutschen Ideologie". 2. Es war notwendig,
       den Versuch  der "wahren  Sozialisten", sich  die sozialistischen
       Lehren "mit Hilfe der deutschen, namentlich Hegelschen und Feuer-
       bachschen Ideologie  klarzumachen" -  indem sie  "die kommunisti-
       schen Systeme, Kritiken und Streitschriften (...) von der wirkli-
       chen Bewegung"  trennen, "deren bloßer Ausdruck sie sind" (MEW 3,
       442) -  aus der ideologischen Befangenheit der "deutschen Ideolo-
       gen" und  deren mangelnder  Quellenkenntnis zu erhellen. Dies ge-
       schieht im II. Band der "Deutschen Ideologie". 14)
       3. Der "Unkenntnis  des bloß literarischen Zusammenhangs" (MEW 3,
       442) des  vormarxistischen Sozialismus  sollte abgeholfen werden,
       indem die  Geschichte des vormarxistischen Sozialismus "durch die
       Quellen" (MEW  27, 25)  in Form  einer Bibliothek sozialistischer
       Schriftsteller  einer  breiten  Öffentlichkeit  zugängig  gemacht
       wird.
       
       3. Die "verkehrte Welt"
       -----------------------
       
       Erhalten geblieben von dem Projekt der Bibliothek sozialistischer
       Schriftsteller, das  aufgrund fehlender Publikationsmöglichkeiten
       scheiterte, ist  Engels' Übersetzung  "Ein Fragment Fouriers über
       den Handel",  mit einer  Einleitung und  einem Nachwort versehen.
       15)
       Die Ideen Fouriers gelangten durch das publizistische Wirken Lud-
       wig Gatts  Ende der  zwanziger Jahre  des 19.  Jahrhunderts  nach
       Deutschland und  wurden in  den dreißiger Jahren sporadisch rezi-
       piert. Erst  in den  vierziger Jahren läßt sich eine breitere Re-
       zeption Fouriers  feststellen. 16) Durch die "wahren Sozialisten"
       mit der  deutschen Philosophie  verschmolzen, die dem Sozialismus
       Fouriers erst  eine wissenschaftliche  Gestalt geben sollte, ver-
       liert er  "in der  von Parteikämpfen wenig aufgewühlten deutschen
       Landschaft sein  militantes Profil;  sein kritischer  Geist  ver-
       dampft im  Nebel philosophischer  Phrase zu  einem  verwaschenen,
       allgemein menschlichen  Humanismus. Der  Kampf der  französischen
       Sozialisten gegen  die wirkliche  Ausbeutung verschiebt  sich auf
       das moralische Gleis des Kriegs gegen den Egoismus." 17)
       In seinem Kommentar zur Übersetzung macht Engels vier wesentliche
       Leistungen Fouriers  gegen die  "wahren Sozialisten" geltend, die
       jene nicht fähig waren, an Fourier wahrzunehmen.
       1. "Fourier war  kein Philosoph,  er hatte einen großen Haß gegen
       die Philosophie  und hat sie in seinen Schriften grausam verhöhnt
       und bei  dieser Gelegenheit  eine Menge Sachen gesagt, die unsere
       deutschen 'Philosophen des Sozialismus' wohltäten, sich zu Herzen
       zu nehmen." (MEW 2, 607)
       2. "Fourier konstruiert  sich die Zukunft, nachdem er die Vergan-
       genheit und  Gegenwart richtig  erkannt hat; die deutsche Theorie
       macht sich erst die vergangene Geschichte nach ihrem Belieben zu-
       recht und kommandiert dann ebenfalls der Zukunft, welche Richtung
       sie nehmen soll." (Ebd.)
       3. "Fourier deckt  die Heuchelei  der respektablen  Gesellschaft,
       den Widerspruch zwischen ihrer Theorie und Praxis, die Langeweile
       ihrer ganzen Existenzweise unerbittlich auf." (Ebd., 608)
       4. Fourier "liefert  den Beweis,  (...), wie man allein durch die
       Kritik der Bourgeoisie, und zwar der Bourgeoisie in ihren inneren
       Beziehungen, abgesehen  von ihrer  Stellung zum  Proletariat, zur
       Notwendigkeit einer sozialen Reorganisation kommen kann." (Ebd.)
       Es  sind   die  Ideologiekritik,   die  Gesellschaftsanalyse  und
       -kritik, die Geschichtsauffassung und die Weitsicht Fouriers, aus
       der bloßen  Analyse der inneren Beziehungen der Bourgeoisie zu so
       weitreichenden Einsichten  vorzustoßen,  die  Engels  an  Fourier
       schätzt.
       Uns soll  im weiteren Fouriers Philosophen- und Philosophiekritik
       beschäftigen. Der  Maßstab, an  dem Fourier  die Philosophen bzw.
       die Philosophie  mißt, ist das Verhältnis von Aufklärungsphiloso-
       phie und  Französischer Revolution  bzw. deren  nachrevolutionäre
       Gesellschaftswirklichkeit. "Seit die Philosophen bei ihrem ersten
       Probestück, der Französischen Revolution, ihre Unfähigkeit bewie-
       sen hatten,  war man  sich darüber  einig, ihre  Wissenschaft als
       eine Verirrung  des menschlichen  Geistes anzusehen. Alle politi-
       schen und  moralischen Erkenntnisse  schienen nur mehr eine Summe
       von Illusionen."  18) Fourier  betreibt die Philosophenkritik als
       Gesellschaftskritik. Für  ihn ist zwar klar, daß die Aufklärungs-
       philosophie die  Revolution beeinflußt hat, dennoch ist sie nicht
       deren Urheber.  19) Für  die Revolution  macht er ökonomische und
       politische Ursachen  verantwortlich, "die Schwäche der Regierung"
       und die  "Unordnung der Finanzen", während die Philosophen selbst
       die Leidtragenden  der Revolution  gewesen sind.  20) Was  er den
       Philosophen vorhält,  ist ihre  Apologie der  Zivilisation (unter
       Zivilisation im  engeren Sinne  versteht Fourier  die bürgerliche
       Gesellschaft), die auch den Grund ihrer Apologie darstellt, "denn
       wenn sie  der Zivilisation  mißtrauten, würden  sie ihre  eigenen
       Theorien dem Zweifel überantwortet haben". 21)
       Was Fourier  kritisiert, ist  das Selbstverständnis  der Philoso-
       phen, das  "Bild des  'philosphe'". 22) Die Philosophen beanspru-
       chen, der  Vernunft zur Herrschaft zu verhelfen, um die Perfekti-
       bilität der Zivilisation zu gewährleisten. Fourier vergleicht die
       Philosophen   mit   "ungeschickten   Müttern",   die   in   ihrer
       "Affenliebe" gegenüber  den Kindern  genau das  bewirken, was sie
       nicht bezwecken. 23) Diese "Doppelzüngigkeit der Aktion", 24) daß
       das Resultat  der Handlung deren Zweck widerspricht, ist für Fou-
       rier ein  wesentliches Kennzeichen  der Zivilisation  - und nicht
       ein individuelles Fehlverhalten.
       Fourier vollzieht  seine Kritik  an den  Philosophen deshalb auch
       dergestalt, daß  er nicht  bestimmte, einzelne  Philosophen  oder
       Philosopheme kritisiert,  sondern am sozialen Status der Philoso-
       phen seiner Zeit und der gesellschaftlichen Funktion der Philoso-
       phie in  der Zivilisation  Kritik übt. Denn der einzelne kann für
       Fourier nicht  kritisiert werden, da "diese Gesellschaft (...) in
       einem Zusammenspiel von Betrogenen und Betrügern" besteht. 25)
       Die gesellschaftliche  Wirklichkeit der  Zivilisation besteht für
       Fourier in einem "fehlerhaften Kreislauf der Ökonomie und des In-
       dustrialismus", sie  ist "die im Industriemechanismus verkörperte
       verkehrte Welt:  Unordnung, Systemlosigkeit  und  Durcheinander."
       26) Die  Philosophen  der  Perfektibilitätstheorie  reproduzieren
       diese "verkehrte  Welt" nur  in illusorischer  Form, sie sind die
       Ideologen dieser  "verkehrten Welt".  Fourier verwendet  das Wort
       Ideologe in  der pejorativen  Form, die es durch Napoleons Umfor-
       mung in  einen politischen Bezichtigungsbegriff erfahren hat. Ur-
       sprünglich selbst  dem Umkreis der Ideologie-Schule um Destutt de
       Tracy 27)  angehörend, dient  Napoleon die Umformulierung des Be-
       griffs "Ideologie" dazu, "eine als unberechtigt empfundene Einmi-
       schung der philosophischen Theorie in die politische Praxis abzu-
       wehren, indem  er diese Theorie als bloße 'Ideologie', d.h. leere
       Gedankenspielerei und Projektmacherei zu decouvrieren und lächer-
       lich zu machen sucht." 28)
       Fourier kennt  die Ideologie-Schule, aber deren erkenntnistheore-
       tische Studien erscheinen ihm nutzlos für gesellschaftsgeschicht-
       liche Erkenntnisse.  Denn: "Habe ich, der ich von dem Mechanismus
       der Gedanken  nichts weiß, der ich weder Locke noch Condillac ge-
       lesen habe,  nicht Ideen  genug gehabt, um das System der univer-
       sellen Bewegung  zu erfinden".  29) Fourier läßt aber den Begriff
       "Ideologie" nicht in der Umformulierung Napoleons aufgehen. Indem
       er die  Ideen der Philosophen als "das verkehrte Bewußtsein einer
       verkehrten Welt" begreift, 30) bestimmt er die Ideologie als eine
       historisch notwendige  Illusion, deren  Auflösung er  nur in  der
       Auflösung der  "verkehrten Welt"  gewährleistet sieht.  "Aber die
       kommerzielle Zungendrescherei  mit ihren  Theorien von Handelsbi-
       lanz, Gegengewicht,  Gleichgewicht, Garantie  ist die  Bundeslade
       geworden, vor  der sich  alles beugt. Dies also ist die Illusion,
       die wir auflösen müssen." 31)
       Was  Engels  mit  Fourier  gegen  die  "wahren  Sozialisten"  und
       "deutschen Ideologen"  geltend macht,  ist genau  dies:  daß  die
       wirkliche Illusion,  die "verkehrte Welt", der praktischen Verän-
       derung unterworfen  werden muß. Engels' Arbeit "Ein Fragment Fou-
       riers über den Handel" kann als Auftakt für die "Deutsche Ideolo-
       gie" verstanden  werden, in  der Marx und Engels in der Ideologie
       die gesellschaftliche Existenzweise der Philosophie erfassen.
       
       _____
       1) Vgl. Joachim Höppner, Engels' 'Anti-Dühring' und die Rezeption
       des utopistischen Sozialismus in der SAPD, in: R. Kirchhoff/T. I.
       Oiserman (Hg.):  100 Jahre  'Anti-Dühring', Berlin  1978, S. 157-
       186.
       2) Lola Zahn hat in einer neueren Arbeit das Verhältnis Saint-Si-
       mons und  Fouriers zur klassischen bürgerlichen Ökonomie wie auch
       zur Bedeutung  dieser utopischen Sozialisten für die Ökonomiekri-
       tik Marx' und Engels' detailliert nachgezeichnet. Vgl. Lola Zahn,
       Utopischer  Sozialismus   und  Ökonomiekritik.  Eine  ökonomiege-
       schichtliche Untersuchung  zu den  theoretischen Quellen des Mar-
       xismus, Vaduz 1984 (Lizensausg.).
       3) Joachim Höppner,  Nachwort, in: August Bebel: Charles Fourier.
       Sein Leben  und seine  Theorien, hg.  v. Joachim  Höppner, Frank-
       furt/M. 1978, S. 269.
       4) Ebd., S. 270.
       5) Vgl. ebd., S. 317, Fußn. 162.
       6) S. ebd., S. 271.
       7) Vgl. Renate  Merkel, Die  von Marx und Engels geplante Biblio-
       thek utopischer Sozialisten, in: Manfred Hahn (Hg.), Vormarxisti-
       scher Sozialismus, Frankfurt/M. 1974, S. 48-57.
       8) S. Bert  Andreas /  Wolfgang Mönke,  Neue Daten zur "Deutschen
       Ideologie". Mit einem unbekannten Brief von Karl Marx und anderen
       Dokumenten, in:  Archiv für  Sozialgeschichte,  Bd.  8,  Hannover
       1968, S. 37 ff.
       Galina  Golowina,   Das  Projekt   der  Vierteljahrsschrift   von
       1845/1846. Zu  den ursprünglichen  Publikationsplänen  der  Manu-
       skripte der  "Deutschen Ideologie"  in:  Marx-Engels-Jahrbuch  3,
       Berlin 1980, S. 260-274.
       9) Vgl. Niels  Mader, Philosophie  als politischer  Prozeß.  Karl
       Marx und  Friedrich Engels  - Ein  Werk im  Werden, Köln 1986, S.
       159-167.
       10) Zur philosophischen  und politisch-ideologischen  Entwicklung
       Engels' bis zu seinem Englandaufenthalt (1842-1844) vgl. ebd., S.
       37-62.
       11) Zu Marx' Entwicklung bis 1844 vgl. ebd., S. 79-123.
       12) Ebd., S.  16. Zu Marx' Entwicklung der These von der histori-
       schen Mission  der Arbeiterklasse  vgl. ebd.,  S. 130-147 und zum
       Verhältnis von Philosophie-Ökonomie vgl. ebd., S. 167-188.
       13) Zu Engels' Entwicklung während seines Englandaufenhalts, vgl.
       ebd., S.  67-77 und  S. 147-158.  Es sei  darauf hingewiesen, daß
       sowohl Marx  in seinen  "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten"
       als auch Engels in seinen "Umrissen zu einer Kritik der National-
       ökonomie" Gedanken  der Fourierschen Ökonomiekritik fruchtbar ma-
       chen. Vgl. Lola Zahn, a. a. O., S. 215 ff.
       14) Zur Auseinandersetzung  mit den  "wahren Sozialisten" gehören
       auch zwei Aufsätze von Engels, die für den Band II der "Deutschen
       Ideologie" geplant waren. Vgl. MEW 4, S. 207-290.
       15) Engels' "Ein Fragment Fouriers über den Handel" wurde 1846 im
       2. Band von H. Püttmanns "Deutsches Bürgerbuch" (Mannheim), S. 1-
       56, abgedruckt.  In: MEW 2, S. 604-610, befinden sich nur Engels'
       Einleitung und  Nachwort; die  Übersetzung des Fourier-Textes ist
       nicht abgedruckt. Zugänglich ist der vollständige Artikel Engels'
       in der  - ersten  - MEGA  I, 4,  Berlin 1932.  S. 409-453 und in:
       Charles Fourier,  Ökonomisch-philosophische Schriften. Eine Text-
       auswahl, übersetzt  und mit  einer Einleitung  hg. v.  Lola Zahn,
       Berlin 1980, S. 122-170.
       16) Vgl. Joachim  Höppner/Waltraud Seidel-Höppner, Von Babeuf bis
       Blanqui, Bd. I, Leipzig 1975, S. 189 ff.
       "Die mittelbaren  fourieristischen Niederschläge in der deutschen
       Vormärzpublizistik sowie  die fourieristische Vereinstätigkeit im
       Vormärzdeutschland sind  bis heute noch nicht erforscht. Wir lin-
       den sie  keineswegs nur  im sozialistischen  und  kommunistischen
       Denken." (Ebd., S. 190).
       Einflüsse Fouriers  lassen sich anscheinend bei Max Stirner nach-
       weisen. Vgl.  Wolfgang Eßbach,  Gegenzüge. Der  Materialismus des
       Selbst und seine Ausgrenzung aus dem Marxismus - eine Studie über
       die Kontroverse  zwischen Max Stirner und Karl Marx, Frankfurt/M.
       1982, S. 241, Fußn. 93. Eßbach beruft sich dabei auf eine Passage
       in der "Deutschen Ideologie" (s. MEW 3, 401), in der Marx und En-
       gels Stirners  Konzept der Auflösung der Gesellschaft in freiwil-
       lige Gruppen  Fourier zuschreiben.  Er verschweigt allerdings den
       folgenden Satz,  in dem Marx und Engels darauf hinweisen, daß die
       Auflösung bei  Fourier im  Gegensatz zu  Stirner auf "eine(r) to-
       tale(n) Umgestaltung der Gesellschaft" und "der Kritik der beste-
       henden" beruht;  Fourier wird  für Marx und Engels nicht in glei-
       cher Weise  wirksam wie  für Stirner.  Sätze wie: "Sowohl Stirner
       wie Marx  standen vermutlich  weitgehend unter  dem  Einfluß  der
       Ideen von  Fourier" erzeugen  deshalb nur Konfusion (David McLel-
       lan, Die Junghegelianer und Marx, München 1974, S. 157).
       Die Wirksamkeit  Fourierscher Ideen  läßt sich  aber vor allem im
       französischen   Neobabouvismus    (vgl.   Höppner/Seidel-Höppner,
       a.a.O.,  S.  191)  und  bei  Wilhelm  Weitling  nachweisen  (vgl.
       Waltraud Seidel-Höppner, Wilhelm Weitling - der erste Theoretiker
       und Agitator des Kommunismus, Berlin 1961, S. 85, 90, 97, 129).
       17) Höppner/Seidel-Höppner, ebd.,  S. 191. Erscheint der Egoismus
       bei den "wahren Sozialisten" als dem wahren Menschsein widerspre-
       chende individuelle  Verhaltensweise und  kann er  durch Bildung,
       allgemeine Menschenliebe  und Reform des Bewußtseins durchbrochen
       werden, so  begreift Fourier  den Egoismus als vorherrschende Er-
       scheinung der  Zivilisation (= bürgerliche Gesellschaft), die mit
       der Reorganisation der Gesellschaft verschwindet. Er überläßt die
       moralische Attitüde gegen den Egoismus den Moralisten und Ideolo-
       gen. S. Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen und der all-
       gemeinen Bestimmungen,  hg. v.  Th. W.  Adorno, eingeleitet v. E.
       Lenk, Frankfurt/M. 1966, S. 133.
       18) Charles Fourier, ebd., S. 46.
       19) Fouriers Philosophie-  und Philosophenkritik  ist nicht  ver-
       gleichbar mit  der restaurativen  Revolutionskritik Maistres, Bo-
       naids oder Burkes.
       20) Vgl. Johanson  Zilberfarb, Charles  Fourier und die Französi-
       sche Revolution,  in: Manfred Hahn (Hg.), Vormarxistischer Sozia-
       lismus, Frankfurt/M. 1974, S. 179.
       21) Charles Fourier, Theorie ..., a.a.O., S. 48/49.
       22) Vgl. Jochen  Schlobach, Das Bild des "philosphe" in der fran-
       zösischen  Aufklärung,  in:  Manfred  Hahn/Hans  Jörg  Sandkühler
       (Hg.), Die Teilung der Vernunft. Philosophie und empirisches Wis-
       sen im  18. und 19. Jahrhundert, Köln 1982, S. 62-73, und Artikel
       "Philosoph", in:  Artikel aus der von Diderot und D'Alembert her-
       ausgegebenen Enzyklopädie,  hg. v.  Manfred Naumann, Frankfurt/M.
       1972, S. 841-848.
       23) Charles Fourier, Theorie ..., a.a.O., S. 113/14.
       24) Charles Fourier, Ökonomisch ..., a.a.O., S. 42.
       25) Charles Fourier, Theorie ..., a.a.O., S. 297.
       26) Charles Fourier, Ökonomisch ..., a.a.O., S. 53, S. 42.
       27) Zu Destutt  de Tracy  vgl. Hans  Jörg Sandkühler,  Aufklärung
       über Ideologie.  Destutt de  Tracy und  Marx -  Entwicklung eines
       wissenschaftlichen Konzepts,  in: Ideologie - Aufklärung über Be-
       wußtsein, Dialektik 10, Köln 1985, S. 21-43.
       28) Ulrich Dierse,  Ideologie, in:  Geschichtliche Grundbegriffe.
       Historisches Lexikon  zur politisch-sozialen  Sprache in Deutsch-
       land, hg. v. O. Brunner u. a., Bd. 3, Stuttgart 1982, S. 137.
       29) Charles Fourier,  Theorie ..., a.a.O., S. 256. Auch eine Pas-
       sage in  dem von  Engels übersetzten Fragment belegt, daß Fourier
       die französische  Ideologie-Schule wahrgenommen  hat. S.  Charles
       Fourier, Ökonomisch ..., a.a.O., S. 126.
       30) Joachim Höppner,  Fourier und  das Problem  'Subjekt der  Ge-
       schichte', in:  Manfred Hahn/Hans  Jörg Sandkühler (Hg.), Subjekt
       der Geschichte.  Theorien  gesellschaftlicher  Veränderung,  Köln
       1980, S. 52.
       31) Charles Fourier, Ökonomisch ..., a.a.O., S. 126.
       

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