Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       GESCHICHTLICHER RAUM UND GESELLSCHAFTLICHE ZEIT DES MARXISMUS -
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       K. MARX, F. ENGELS, MEW, MEGA
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       Hans Jörg Sandkühler
       
       1. Geschichtlichkeit  und Gesellschaftlichkeit  des Werks - 2. K.
       Marx, F.  Engels, MEW,  MEGA - 2.1 Hinweise zur Werk-Geschichte -
       3. Geschichtlichkeit,  Krise und  Kritik - 3.1 "Krise des Marxis-
       mus"
       
       Marx-Engels-Forschung und Marxismus-Diskussion standen und stehen
       in jeder Phase ihrer Entwicklung vor zwei Fragen, deren Beantwor-
       tung zu unterschiedlichen und gegensätzlichen Perspektiven führen
       muß. Die  erste lautet:  Auf welche Gesellschaft, auf welches ge-
       schichtsmächtige Subjekt und auf welches historische Ziel ist der
       wissenschaftliche Sozialismus  als Theoriebildung und als politi-
       sche Praxis  bezogen? Die  zweite stellt  sich grundsätzlich  als
       Folge der  ersten: Was  hat in  einem und von einem theoretischen
       Werk   B e s t a n d,   dessen erste Norm der Bezug zur Wirklich-
       keit ist? Die von Marx und Engels im Kontext der bürgerlichen Ge-
       sellschaft und  der   w i r k l i c h e n  Arbeiterklasse und Ar-
       beiterbewegung entwickelte  Wissenschaft des Sozialismus -Wissen-
       schaft aus  dem Sozialismus, Wissenschaft im Sozialismus, Wissen-
       schaft für  den Sozialismus  - hat  zugleich deskriptive, empiri-
       sche, analytische   u n d   normative, transempirische, syntheti-
       sche Funktionen. Sie konstruiert Vergangenheit, Gegenwart und Zu-
       kunft, Geschichte,  Gesellschaft und  kommunistisches Ziel  nicht
       als spekulatives   M o d e l l,  sondern als jenen wirklichen Ge-
       samtzusammenhang, in  dem das  Einzelne und Besondere der empiri-
       schen Erscheinungen  zum Allgemeinen und Notwendigen, zum Wesent-
       lichen der Struktur und Entwicklung von Natur- und Gesellschafts-
       geschichte vermittelt sind. Zum Neuen, das den Theorie- und Hand-
       lungstypus "Marx" auszeichnet, gehört die Einsicht, daß weder die
       Theorie noch  die Praxis  einen archimedischen  Ort außerhalb der
       realen gesellschaftlichen  Bewegung und  außerhalb der wirklichen
       Widersprüche haben, - ein "Außen" gibt es weder gegenüber der To-
       talität der  geschichtlichen und aktualen gesellschaftlichen Ver-
       hältnisse noch  gegenüber der Klasse und deren Bewegung und Ziel.
       Dies macht  die Geschichtlichkeit  u n d  Allgemeinheit des Marx-
       Engelsschen Werkes  und des Marxismus aus. Nicht erst die Genera-
       tionen von  Marxisten, Sozialisten  und Kommunisten nach Marx und
       Engels haben  deshalb die Frage zu beantworten "Was hat Bestand?"
       Diese Frage  gehört untrennbar  zu Entstehung und Entwicklung des
       Werks, und  Marx und Engels haben sie in jener Weise beantwortet,
       die Maßstab  des Marxismus ist: Weil der wissenschaftliche Sozia-
       lismus nicht  Analyse des Wirklichen mit positivistischer theore-
       tischer und politisch-praktischer Beschränkung auf den Status quo
       der Verhältnisse ist, weil sein Erkenntnisinteresse das Interesse
       an Geschichte,  Wirklichkeit und Zukunft als  O b j e k t-  u n d
       Z i e l d e t e r m i n a t i o n   enthält, ist er umfassend ge-
       schichtlich und  in diesem Sinne mit dem auf bloße Aktualität fi-
       xierten Verständnis von Zeitlichkeit und Vergänglichkeit nicht zu
       erfassen.
       Marx und  Engels haben  ihren Zugriff  auf Geschichte, ihre Wirk-
       lichkeitsanalyse und  ihre Antizipationen  und Prognosen  der Zu-
       kunft immer  wieder überprüft; sie haben Fehler gemacht, erkannt,
       ausgeräumt; dies gilt sowohl für manche Details deskriptiver Ana-
       lyse wie für allgemeine, systematische Theoreme. Das Werk ist ein
       Werk im  Werden und Übergang. Fragt man, was bleibt, liegt so die
       erste Antwort  auf der  Hand: die nicht-positivistische Beziehung
       auf Wirklichkeit, die Entwicklung des Wissens, die Geschichtlich-
       keit der  Theorie. Doch der Marxismus ist, wie jede Wissenschaft,
       kein unendlicher  Prozeß der  Reform durch  Falsifikation.  Gewiß
       trägt eine komplexe, nicht einzelwissenschaftlich begrenzte, son-
       dern multidimensional auf Wirklichkeit gerichtete Theorie mit ih-
       rem Geltungsanspruch und -bereich eine große Last der Überprüfung
       und Geltungsrechtfertigung. Als reine Modelltheorie müßte sie un-
       ter ihr  zusammenbrechen. Der  Marxismus aber  ist  nicht  allein
       neuer Theorietypus,  sondern Repräsentant  eines  neuen    T h e-
       o r i e - P r a x i s - V e r h ä l t n i s s e s.  Die Instanzen
       der Geltungsprüfung sind wirkliche Instanzen der Bewegung selber.
       So  wird  nicht  alles  Bestand  haben,  was  in  Etappen  seiner
       Entwicklung als  "Marxismus" behauptet  worden ist;  nicht alles,
       was mit dem Anspruch auf "Entwicklung" auftrat, kann als Entwick-
       lung gelten.  Auch ist  nicht alles bereits praktisch erprobt und
       überprüft, was das Werk an Wissen und Verhaltensorientierung bie-
       tet. Nicht  trotzdem, sondern deshalb ist eine zweite Antwort ge-
       rechtfertigt: Bestand  hat der  Marxismus in  seinem Prinzip, daß
       seine Prüfung nur Selbstprüfung sein kann; es war und ist die re-
       volutionäre Praxis  des revolutionären Subjekts, im Verhältnis zu
       der er  besteht und  sich entwickelt.  Dies ist der Sinn der Rede
       von Aktualität   a l s   Geschichtlichkeit des wissenschaftlichen
       Sozialismus. Was  nicht Bestand hat, sind die zwei falschen, d.h.
       praktisch dem Wesen des Marxismus widersprechenden Antworten: Re-
       visionismus und  Dogmatismus. Diese Antworten sind weder wechsel-
       seitig noch  durch das  Werk des Marxismus gerechtfertigt. Im Wi-
       derspruch gegen  diese falschen  Antworten zeigt  der  Marxismus,
       worin das  entwickelte Werk  Bestand hat: Es ist die Enzyklopädie
       begreifenden und  eingreifenden Wissens ; es ist das Corpus aktiv
       erworbener gesellschaftlicher  Erfahrung und geschichtlichen Wis-
       sens, auf  d e s s e n  Grundlage neue Erfahrung und neues Wissen
       den Bestand  vermehren. Der  Bestand ist  das Werk der Regeln zur
       Befreiung.
       
       1. Geschichtlichkeit und Gesellschaftlichkeit des Werks
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       Raum und  Zeit sind die Koordinaten des Lebenswerks; sie sind Be-
       dingungen seiner  Möglichkeit und  seiner Entwicklung;  sie  sind
       zugleich die  Dimensionen seiner Wirkung in den Formen der Aneig-
       nung, der Bewährung, der Kritik, der Weiterentwicklung, der Revi-
       sion, also  der Wirkung  in Transformationen.  Raum und Zeit sind
       Koordinaten der  intellektuellen Subjektivität der Biographie wie
       der sozialen  Objektivität der Gesellschaftsgeschichte (vgl. Lam-
       brecht 1985),  in der  das Werk sich im politischen und theoreti-
       schen Prozeß  vom Urheber  löst und sich um neue Raum-Zeit-Erfah-
       rungen erweitert. Was bedeutet es, wenn in historischer Vergewis-
       serung (Aktualisierung)  und zeitgenössischer Fortsetzung (Histo-
       risierung) des  Vorgangs der Entdeckung, den das Werk eingeleitet
       hat, auf  Raum und  Zeit verwiesen  wird? Der  Verweis kann  zwei
       Bedeutungen haben:  die der  Zurückweisung der  Geltungsansprüche
       des im  Werk gegebenen  Wissens  durch  einen  Relativismus,  der
       Geschichtlichkeit mit Vergänglichkeit gleichsetzt und Gegenwart -
       nicht von  Herkunft und  Tradition  überhaupt,  sondern  -  gegen
       d i e s e   bestimmte Herkunft  abriegelt; oder  aber es  spricht
       sich in  ihm das historische Bewußtsein aus, das im Begreifen der
       unumgänglichen Geschichtlichkeit  eines Erbes  die  Überlieferung
       eigener Herkunft zur Aufgabe einer  Ü b e r s e t z u n g  macht:
       Der Anfang wiederholt sich nicht aus eigener Kraft, sondern indem
       verfügbares Wissen im Eingreifen in eine Wirklichkeit geprüft und
       erweitert wird, die wieder nicht  s i c h  verändert, sondern die
       verändert wird.  Beide Varianten  zeigen an:  Die Formen  der Ge-
       schichtlichkeit des  Werkes sind  nicht beliebig und werden nicht
       in erster  Linie vom  Werk selber bestimmt; der Wirkungszusammen-
       hang erweist  sich, wie  der Entstehungszusammenhang, als ein hi-
       storisch bestimmter Gründezusammenhang: Das Interesse von Subjek-
       ten, die  mit dem Werk in Richtung der ursprünglichen Zielsetzung
       oder aber gegen es handeln, verändert zwar nicht den Werkbestand,
       das "Werk-an-sich",  doch es  begründet dessen  Bedeutungen,  den
       Konflikt der  Interpretationen und  Zwecke von Gebrauch oder Miß-
       brauch; so erst entsteht ein "Werk-für-uns".
       Raum und  Zeit sind deshalb nicht irgendwie Dimensionen des Werks
       und  seiner   Historizität.  Als    g e s c h i c h t l i c h e r
       R a u m   und als    g e s e l l s c h a f t l i c h e    Z e i t
       bilden diese Dimensionen eine Einheit, die Einheit einer bestimm-
       ten  B e w e g u n g,  das Netzwerk der  g e s e l l s c h a f t-
       l i c h e n   B e w e g u n g.   Der Hinweis  auf Zeit  und  Raum
       zeigt auf   V e r g e s e l l s c h a f t u n g,   die  das  Werk
       widerspiegelt und  in  deren  bestimmten  Formen  es  wirkt.  Die
       unterschiedlichen  und  gegensätzlichen  Zugänge  zum  Werk  sind
       Momente und  Formen von  Vergesellschaftung. So  ist es sinnvoll,
       zunächst zwischen  sozialistischen und  bürgerlichen Zugängen als
       den  Entsprechungen   der  beiden   Gesellschaftsformationen   zu
       unterscheiden, auf  die das Werk, um das es hier geht, deskriptiv
       und normativ  zielte und in denen bzw. in deren Systemwiderspruch
       das Interesse  an Marx  und Engels und am Marxismus entsteht. Auf
       dieser Ebene  ist eine  weitere Unterscheidung möglich. Wie jedes
       Werk  wird  auch  das  von  Marx  und  Engels  im  gesellschafts-
       geschichtlichen Prozeß verändert. Formen der Veränderung sind die
       philologische Erweiterung  unseres Wissens  über den  Bestand des
       Werks, die  theoretische Durchdringung  einzelner  seiner  Dimen-
       sionen nach  Maßgabe fortschreitenden wissenschaftlichen Interes-
       ses und  Wissens -  ein Beispiel  ist die späte Entdeckung der im
       Marxschen Werk  enthaltenen Dimension  "Naturwissenschaft" -, die
       Weiterentwicklung des  Werks in  Gestalt des  Marxismus  und  die
       Revision.  Zwar   bedeutet  jede   dieser  Veränderungen  in  der
       neutralen Bedeutung  des Worts  eine  Revision,  doch  ist  diese
       Bedeutung kaum  aussagekräftig. Als Revision wird sinnvollerweise
       die  Veränderung   bezeichnet,   die   in   gegen-sozialistischem
       Interesse  und   systematisch  das  Werk  zurichtet,  um  es  als
       Erkenntnismittel der  Bewegung für  Demokratie und Sozialismus zu
       vernichten und  damit aus  der gesellschaftlichen Bewegung auszu-
       sperren. Der  Revisionismus ist  ein intellektueller Streik gegen
       die Arbeiterbewegung;  die Werkrevision ist nur Mittel zum Zweck;
       in ihm  hat das  Werk weder  Bestand noch Entwicklung. Es ist die
       sozialistische Bewegung,  die ihm Bestand verleiht, indem sie Ge-
       schichte und  Wirklichkeit in  Erfahrung, Theorie und politischer
       Praxis vermittelt und es als dieses Werk von Marx und Engels mar-
       xistisch weiterentwickelt.
       Geschichtlicher Raum  und gesellschaftliche  Zeit als Dimensionen
       der gesellschaftlichen Bewegung begründen eine bestimmte Perspek-
       tive auf  das Werk:  die der  D i a l e k t i k  der bürgerlichen
       Gesellschaft als  Entstehungskontext, der sozialistischen Gesell-
       schaft als  wichtigsten Entwicklungskontextes und des Systemanta-
       gonismus von  Sozialismus und  Kapitalismus  als  Auseinanderset-
       zungs- und  Wirkungskontext. Das  Werk wird  formationsspezifisch
       erarbeitet, weiterentwickelt und umkämpft. In der Perspektive der
       gesellschaftlichen Bewegung  als des  Prozesses und der Dialektik
       der Gesellschaftsformation in ihrer Totalität ist weder das Marx-
       Engelssche Werk noch der Marxismus jemals die Widerspiegelung nur
       einer "Seite"; Negation des Kapitals zu sein, ist ihr Status; sie
       fungieren als  Bewußtseins- und  Handlungsraum der  Arbeiterbewe-
       gung, doch  diese bestimmte  ökonomisch,  sozial,  politisch  und
       ideologisch konstituierte  besondere Bewegung  hat auch  mit  dem
       Marxismus teil  am Ganzen  der gesellschaftlichen  Bewegung.  Das
       Werk entsteht  - berücksichtigt man den Zusammenhang von Klassen-
       subjekt und  sozialen Trägern  seiner Herausbildung  - in der ge-
       sellschaftlichen  Zeit   des  Antagonismus  des    Kapital v e r-
       h ä l t n i s s e s   und in  einem geschichtlichem  Raum, dessen
       drei Dimensionen zeitlich eine Folge von Entwicklungsstufen sind:
       1. die  Tradition, Kritik  und Aufhebung  klassischen philosophi-
       schen, modernen  positiv-wissenschaftlichen  und  kritisch-utopi-
       schen gesellschaftstheoretischen Wissens; 2. die deskriptive Ana-
       lyse der  politischen  Ökonomie,  die  immer  auch  präskriptive,
       normative Synthese ist; sie richtet ihr Interesse auf die politi-
       sche Ökonomie  als realen Prozeß der Entwicklung der Produktions-
       weise, auf die theoretischen Widerspiegelungsweisen der National-
       ökonomien und auf beide zusammen als Voraussetzungen der Möglich-
       keit der  Revolution und des Sozialismus; 3. proletarische Erfah-
       rung und  Praxis, die  in der Entwicklung vom Arbeiterkommunismus
       zur autonomen  Klassenpartei und zum wissenschaftlichen Sozialis-
       mus politisch  vergesellschaftet werden.  Das Werk ist Mittel und
       Medium der  Autonomisierung der  Klasse, die auf diese Weise ihre
       Funktion   i n   der gesellschaftlichen Bewegung verwirklicht. So
       ist es  ein Werk  f ü r  die Arbeiterbewegung und die sozialisti-
       sche Revolution, doch weder  d e r  Arbeiterbewegung noch der Re-
       volution allein.
       Die  Perspektive   "gesellschaftliche  Bewegung"   erweitert  den
       scheinbaren Ausdruck  einer besonderen "Ecke" des geschichtlichen
       Raums und  einer besonderen  "Phase" der  gesellschaftlichen Zeit
       mit erheblichen  Folgen. Zum ersten ist das Marx-Engelssche Werk,
       ist der Marxismus kein Besitztitel, den eine Bewegung reklamieren
       sollte, um sich damit als besondere, partikuläre Bewegung zu ver-
       kennen; das  Werk und  der Marxismus zielen im Innersten auf eine
       Klasse und  eine politisch-soziale  Bewegung, deren Bezug auf die
       Wirklichkeit den Bezug auf das Mögliche, die nicht mehr antagoni-
       stische Zukunft,  den Kommunismus  als wirklich freie Assoziation
       der freien  Individuen aktualisiert;  das Werk  und der Marxismus
       sind Momente  der Menschheit; gerade in ihrer Qualität als Mittel
       eines Kampfes  um Befreiung  gegen  menschheitsfremde  Interessen
       nehmen sie Maß am Humanismus; noch sind sie eine Form, in der der
       Widerspruch als  Ganzer sich  vermittelt, und  insofern sind  sie
       niemals Insel  oder exterritoriales  Gelände  im  geschichtlichen
       Raum der  Gesellschaften, in denen sie angeeignet, vermittelt und
       - grundsätzlich  in der  Auseinandersetzung zwischen Interessen -
       entwickelt werden  und umstritten  sind; der  Marxismus, der  das
       Werk von  Marx und  Engels von der Bewährung im Ganzen der Wider-
       sprüche abschotten, ihn als Besonderes einer "Seite" und als pri-
       vaten Besitz  reklamieren wollte, wäre tot. Zum zweiten folgt aus
       der Perspektive  "gesellschaftliche Bewegung",  daß das  Marx-En-
       gelssche Werk  und der  Marxismus nach  Allseitigkeit der Zugänge
       sowohl zum  Werk selber  wie zur Realität, die mit ihm als Mittel
       erkannt und  verändert werden  soll, verlangen. Gesellschaftliche
       Arbeitsteilung in  der Wissenschaft, nicht selten auch in der Po-
       litik, bedroht  das Verständnis der Vieldimensionalität des Werks
       und des  Marxismus; sie können dann nicht mehr als die große Neue
       Enzyklopädie gelesen  und gehandhabt  werden, in der sich Wissen,
       Verhalten und  Handeln zum Integral "wissenschaftlicher Sozialis-
       mus" -  wissenschaftlich so revolutionär wie politisch - verknüp-
       fen: Philosophie,  politische Ökonomie,  Theorie der  Technologie
       und der kognitiven und praktischen Funktionen der Wissenschaften,
       Fertigkeiten und  Künste, Wissenschaft der Geschichte, Geschichte
       der Wissenschaft, Theorie der Revolution und des Staats, Methodo-
       logie theoriegeleiteter  Empirie, Verhalten  in der Arbeiterbewe-
       gung als  Verhalten in  der Gesellschaft als Ganzer, theoretische
       Kritik und  praktische Kritik, Revolutionierung positiver Wissen-
       schaft und  wissenschaftlicher Tätigkeit,  erweitert in  den Raum
       des Politischen,  Übersetzung der  Gegenwart in  Herkunft und Zu-
       kunft, -  vor diesem   I n t e g r a l  ist arbeitsteilige Rekon-
       struktion einzelner Momente - ist sie nicht Bestandteil allseiti-
       ger systematischer  Arbeit -  hilflos und  führt zur  Verzerrung.
       Dieses Werk  und der Marxismus widersetzen sich der reduzierenden
       Zweidimensionalität mancher Sichtweisen: der sinnlosen Frage nach
       theoretischer  o d e r  politischer Prägung und Wirkung; der ver-
       engten Analyse  interner   o d e r  externer, kognitiver  o d e r
       gesellschaftlicher, philosophischer  o d e r  einzelwissenschaft-
       licher Gründezusammenhänge im Werk. Der Zugang zu diesem Werk ist
       nur in  der methodischen  und theoretischen  Einheit möglich, die
       der Einheit  von Biographie,  Gesellschaftsgeschichte (vgl.  Hahn
       1976, S. 77) und Wissenschaftsgeschichte entspricht; auf sie ins-
       gesamt muß sich das Interesse beziehen, das Werk zu erkennen und,
       es nach dem Muster des Werks weiterentwickelnd, mit ihm Wirklich-
       keit zu  erkennen. Dieser  Zugang verbindet  sich mit  Verhalten,
       sucht und  produziert Einsichten, die ein Verhalten ergeben (vgl.
       näher Sandkühler 1984, S. 121-224). In dieser Komplexität des Zu-
       gangs zum  Werk verwirklicht sich ein Marxismus, der dem Beispiel
       dessen, der  den Namen leiht (und nicht gratis schenkt), angemes-
       sen ist.  Theoriebildung, individuelles und kollektives Verhalten
       und politische  Aktion als Momente des Ganzen der gesellschaftli-
       chen Bewegung  zu erfassen, - dies ist der Sinn vernünftiger Rede
       über die Geschichtlichkeit des Werks und des Marxismus.
       
       2. K. Marx, F. Engels, MEW, MEGA
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       Plädiert man  für einen  geschichtlichen Umgang  mit Marx  (Holz/
       Sandkühler  1983,  S.  15-20),  so  wendet  man  sich  gegen  den
       historisierenden Relativismus,  der vom Mißverstehen der Zeit als
       eines bloßen  Rahmens von  Entwicklung auf  die Antiquiertheit  -
       wiederum nicht jeder, sondern, an einer bestimmten Lesart von Ge-
       schichte und Gegenwart interessiert, - dieser historischen Epoche
       menschlicher Bewußtwerdung  schließt. Man entdeckt: "Marx" bedeu-
       tet eine Beziehung auf geschichtliche Wirklichkeit; und: man kann
       deshalb dem  historischen Marx nicht die Rolle unseres Zeitgenos-
       sen zumuten.  Zeitgenössisch dagegen  ist der Marx des Marxismus.
       Zugleich ist  zu entdecken:  der historische Marx wird zum Topos,
       zu "Marx".  Dies bedeutet  in zweifacher  Hinsicht: Das  Werk von
       Marx  und   Engels  ist   ein  Werk   im   Werden   (vgl.   Gold-
       schmidt/Lambrecht 1983; Mader 1985); die Zuschreibung von Klassi-
       zität wäre  ein Verhängnis,  wenn sie  verlangte, den Anfang, die
       Widrigkeiten des  Beginnens, den  Lernprozeß, die selbstkritische
       Überarbeitung, vom  Werk auf seiner letzten Entwicklungsstufe her
       zu verstehen. Werk im Werden, dies heißt, daß das vollendete Werk
       erst entsteht.  Diese Feststellung ist, bezogen auf die individu-
       elle Biographie  von Marx  und Engels,  trivial. Richtig gesehen,
       enthält  sie   aber  die   Entdeckung  eines   Problems:    W a s
       G e n e r a t i o n e n,  w a s  w i r  h e u t e  a l s  W e r k
       v o n   M a r x   u n d   E n g e l s  w a h r n e h m e n  u n d
       w o r ü b e r   m a n   u n t e r   d e m   T i t e l   "W e r k"
       v e r f ü g t ,   i s t   i m    w e s e n t l i c h e n    e i n
       R e s u l t a t   d e s   M a r x i s m u s  a l s  M o m e n t s
       g e s e l l s c h a f t l i c h e r   B e w e g u n g.  Dieses  -
       nicht immer selbstverständliche - Begreifen der besonderen Bedeu-
       tung von  "Historizität des  Werks" führt zur zugespitzten These:
       D a s   e i g e n t l i c h e   W e r k   i m  W e r d e n  i s t
       d i e   M E G A   2,   u n d  e r s t  d i e  n ä c h s t e  G e-
       n e r a t i o n   w i r d   ü b e r  e s  v e r f ü g e n  k ö n-
       n e n.   Mit anderen  Worten:   G e r a d e   d i e  G e s e l l-
       s c h a f t,   d i e   i m   W e r k   n u r    e i n e    P e r-
       s p e k t i v e   a u f   Z u k u n f t   s e i n    k o n n t e,
       v o l l e n d e t   e s,   -   d e r  S o z i a l i s m u s  u n-
       s e r e r  g e s e l l s c h a f t l i c h e n  Z e i t.
       
       2.1 Hinweise zur Werk-Geschichte
       --------------------------------
       
       Debatten über  Marx und  Engels zeigen  häufig die Merkwürdigkeit
       einer geradezu  grotesken Ungeschichtlichkeit. Was ein Lernprozeß
       war, der  zur Frage  veranlassen muß, welche Problemstellung wann
       aufgegriffen oder  aufgedeckt und mit welchen Theorie-Mitteln sie
       bearbeitet wurde  (werden konnte  nach Maßgabe des Eindringens in
       historisches und  aktuelles wissenschaftliches Wissen), erscheint
       als Pfingstwunder. Diese Merkwürdigkeit wiederholt sich in Debat-
       ten über  den Marxismus, der als übergeschichtliche Identität mit
       einem immer  schon Fertigen  erscheinen muß, sobald nicht gefragt
       wird, in welchem Umfang Marxisten einer bestimmten Zeit und eines
       bestimmten Raums  das Werk gekannt haben können. Was bedeutet es,
       daß die MEGA 2 die mit der MEW verfügbaren zwei Drittel des Werks
       eben um ein Drittel an Werkbestand übertreffen wird? Was, daß die
       MEW erstmals  alle überlieferten  Schriften in systematischem Zu-
       sammenhang angeboten  hat, freilich ohne einen Großteil der Manu-
       skripte und  Exzerpte, ohne Marginalien, ohne die Briefe Dritter?
       Welche Folgerungen  sind aus  der Tatsache  zu ziehen, daß in der
       entscheidenden Entwicklungsperiode  des Marxismus, in der II. und
       zu Beginn  der III.  Internationale, wesentliche Bestandteile des
       Werks  wie  die  "Ökonomisch-philosophischen  Manuskripte",  "Die
       deutsche Ideologie",  die "Grundrisse", die 1861763er Manuskripte
       zur politischen  Ökonomie (abgesehen  von den zunächst mangelhaft
       edierten "Theorien  über den  Mehrwert") nicht bekannt waren? Was
       kannten Kautsky  und Mehring,  Labriola und  Plechanow, Luxemburg
       und Lenin?   Und:  mit welchem "Werk" gehen wir heute um? Das den
       Zeitgenossen des  späten Marx  und  des  späten  Engels  bekannte
       "Werk" umfaßte  nur Bruchteile des Werks. Die historische Distanz
       zum Werk im Werden, die von Generation zu Generation größer wird,
       bedeutet - dies ist kein Paradox - eine immer intensivere Annähe-
       rung. Der  Zeitgenosse nimmt  kein "Werk"  wahr,  sondern  Werke,
       Schriften, aktuelle  Eingriffe, und  manches nimmt  er  so  nicht
       wahr. Erst MEW und - in neuer Qualität - MEGA 2  k o n s t i t u-
       i e r e n   das, was als Werk zu bezeichnen uns geläufig ist. Die
       wichtigste Leistung  dieser Editionen  ist: Sie  ermöglichen  den
       Übergang von  der Perspektive  des Zeitgenossen,  in der Zeit als
       Grenze gegenüber  dem Ganzen  wirkt, zur  Synopse aller konstitu-
       tiven Quellen  und Bestandteile,  zur erstmals  synchronen  Sicht
       eines strukturierten  Prozesses. Es  ist kein  Zufall, daß gerade
       die MEGA  2 -  auch hierin  sich von  der MEW unterscheidend - im
       Vorwort zur  Gesamtausgabe und  nicht nur im editorischen Bericht
       zu einzelnen  Schriften an die Geschichte der Marx-Engels-Edition
       erinnert (MEGA  2 I, 1, S. 29*ff.). Eine erste auf zwei Bände ge-
       plante Marx-Ausgabe  scheitert zu Zeiten des "Bundes der Kommuni-
       sten" an  der Verhaftung  des Verlegers.  Die Vorbereitung  einer
       Ausgabe gesammelter Werke endet mit F. Engels' Tod. Nach Sammlung
       und Veröffentlichung  von Marx-  und Engels-Texten  durch Eleanor
       Marx-Aveling um  die Jahrhundertwende macht sich Franz Mehring um
       das Erbe verdient und gibt 1902 in drei Bänden Schriften "Aus dem
       literarischen Nachlass  von Karl  Marx und  Friedrich Engels 1841
       bis 1850  heraus", eine Sammlung von großer Bedeutung bis zur er-
       sten MEGA. In seinem Vorwort bemerkt Mehring: "Eine wissenschaft-
       liche Gesammtausgabe  der Schriften /.../ wäre eine so wünschens-
       werthe Sache,  wie sie  in absehbarer  Zeit eine unmögliche Sache
       ist." Vor  die Notwendigkeit  der Auswahl  gestellt, galt  es für
       Mehring, "sich  ein Herz  zu fassen  und nicht  an den Worten der
       Meister zu  kleben, sondern  aus ihrem Geiste zu entscheiden, was
       sie damals Entscheidendes und Wesentliches veröffentlicht haben."
       Erinnernswert in  Mehrings Vorwort  auch  diese  Passage:  "Diese
       Schriften sind die eigenthümlichen Produkte einer eigenthümlichen
       Zeit, die  sich nicht  so schlankweg  in die Sprache unserer Zeit
       übersetzen lassen  /.../ Dagegen  leben sie von selbst wieder auf
       in ihrem  historischen Milieu". Und: "Die bürgerliche Geschichts-
       schreibung und  ganz besonders  ihr literarhistorischer Zweig ge-
       fällt sich  darin, je  länger je  mehr todtzuschweigen, was einer
       nicht mehr  fernen Zukunft  an der Geschichte der vierziger Jahre
       vor Allem  denkwürdig sein wird." Bemerkenswert schließlich, weil
       Ausdruck einer marxistischen Einschätzung um 1900, Mehrings Über-
       legung zur  Lesbarkeit seiner  Ausgabe: "jede  Rücksicht auf eine
       populäre Massenwirkung  scheidet der  Natur der  Sache  nach  von
       vornherein aus." (Mehring 4 1923, S. VII-XI).
       Räume und  Zeiten der  Marx-Engels-Editionen -  der Kontrast zwi-
       schen dem immer geringeren sozialdemokratischen Interesse und den
       Anstrengungen des  neuen, ersten  Staats des Sozialismus muß auf-
       fallen. 1921  wird mit dem von der KPR(B) eingerichteten Marx-En-
       gels-Institut die  Voraussetzung für eine Edition geschaffen, die
       Mehrings Zweifel  gegenüber Philologie  und  Massenwirkung  nicht
       mehr teilt.  Gleichzeitig wurde an der ersten russischen Werkaus-
       gabe (1928-1941), über lange Jahre die einzige und vollständigste
       Sammlung) und an der MEGA gearbeitet, an der sich ein internatio-
       naler Kreis  von Forschern  beteiligte und in der 1927-1935 zwölf
       Bände, gesondert  "Anti-Dühring" und  "Dialektik der  Natur", er-
       scheinen konnten.  Das Moskauer Institut veröffentlichte erstmals
       "Die  deutsche  Ideologie"  und  die  "Ökonomisch-philosophischen
       Schriften" und  1939-1941 die  "Grundrisse der Kritik der politi-
       schen Ökonomie.  Rohentwurf 1857-1858".  Bis zum  Faschismus  er-
       schien die  MEGA in  Frankfurt/M., dann in Berlin. Faschismus und
       Krieg sind Wegmarken eines Werks, das nicht außerhalb der Dialek-
       tik der  gesellschaftlichen Bewegung  - der  bürgerlichen Gesell-
       schaft, des  realen Sozialismus,  des Antagonismus  der Systeme -
       stehen konnte.  So muß  die Werkgeschichte nicht ausklammern, was
       sie zusätzlich  belastet hat:  Auch die  erste sozialistische Ge-
       sellschaft kennt Unrecht und Leiden, und das Scheitern der ersten
       MEGA steht in einem - wenn auch nicht ursächlichen - Zusammenhang
       mit dem ungerechten Schicksal einiger ihrer Bearbeiter.
       Die zweite Ausgabe in russischer Sprache (1955-1966) enthielt be-
       reits 1000 Dokumente mehr als die erste, und sie wurde zur Grund-
       lage der  in der  Deutschen Demokratischen  Republik von 1956 bis
       1968 herausgegebenen  MEW. Wieder  zeigt der  Vergleich  die  Un-
       gleichzeitigkeit gleicher  gesellschaftlicher Zeit  im  geteilten
       geschichtlichen Raum. In der Bundesrepublik Deutschland erscheint
       im Vergleichszeitraum  S. Landshuts  Ausgabe "Die  Frühschriften"
       (zuerst 1932);  im Vorwort  heißt es: "Für das heute neu erwachte
       Bedürfnis nach  einer Auseinandersetzung  mit dem  Marxismus sind
       gerade diese Dokumente unentbehrlich"; "die sowjet-amtliche Marx-
       Auslegung <habe> von diesen Schriften nie Notiz genommen"; in der
       Phase des Kalten Kriegs erinnert Landshut nicht einmal daran, daß
       eben die Pariser Manuskripte von 1844 in der Sowjetunion erstmals
       veröffentlicht worden  waren. Wer in dieser Zeit in der Bundesre-
       publik Interesse  am Marx-Engelsschen  Werk und am Marxismus ent-
       wickelte und  seine wissenschaftliche  und politische  Bildung in
       den  Institutionen   dieses  Staats  erhielt,  konnte  neben  den
       "Frühschriften" auf  eine obskure  Auswahl "Karl  Marx" von Franz
       Borkenau (1956)  zurückgreifen, d.h. 30 Seiten Einleitung "Praxis
       und Utopie"  und kaum 190 Seiten gekürzte Quellen : "Wer den Mar-
       xismus verstehen  will, muß  sich von  den Entstellungen frei ma-
       chen, die  seinen ursprünglichen  Sinn verschüttet haben /.../ Im
       Grunde haben  die Epigonen  alle nur die Gedanken des alten Marx,
       ehrwürdige Ruinen  eines frühzeitig aufgegebenen Baues, gegen die
       Gedanken des  jungen Marx  ausgespielt." Borkenaus  Zerrbild  der
       Marxschen Theorie  als "fanatisch-revolutionäre  Utopie" gesellte
       sich noch 1966 eine dreibändige Taschenbuchausgabe zu, deren Her-
       ausgeber, Günther  Hillmann, "Zum  Verständnis  der  Texte"  mit-
       teilte: "Marx  ist uns  entfremdet, wenn  er auftritt  als  Vater
       (oder Großvater)  eines  mächtigen,  weltumspannenden,  Millionen
       kontrollierenden Apparats,  mit der  Funktion, zitiert, gedruckt,
       aufgehängt oder  herumgetragen zu  werden -  als nicht  zu  über-
       schreitende Grenze,  als geheimnisvoller  Ursprung, als unnahbare
       und unbegreifbare  Autorität, als  Verkörperung der  Reinheit der
       Lehre."
       Derartige Produkte  antimarxistischer Marxologie  haben in diesen
       Jahren  das  Feld  der  bürgerlichen  Öffentlichkeit  beherrscht.
       Gleichzeitig aber  erschienen in  der Nachkriegszeit Marx-Engels-
       Texte im  Umfeld der  kommunistischen Bewegung.  Bis in  das Jahr
       seiner durch  das KPD-Verbot  verursachten Schließung  konnte der
       Stuttgarter Verlag "Das neue Wort" - meist in Form von Lizenzaus-
       gaben aus  der DDR - zahlreiche Ausgaben veröffentlichen. Mit den
       "Ausgewählten Schriften  von Marx  und  Engels  in  zwei  Bänden"
       (1953) vertrieb er die erste deutschsprachige Sammlung von Haupt-
       werken des  Marxismus, vom  "Manifest der Kommunistischen Partei"
       bis zu  den späten Schriften und Briefen von F. Engels. In diesem
       Verlag erschienen  auch "Ausgewählte Briefe" (1953), "Briefe über
       das Kapital"  (1953) und  "Marx, Engels,  Lenin, Stalin zur deut-
       schen Geschichte" (3 Bde., 1953), in denen sich auch Marx-Engels-
       Schriften aus den 1840er Jahren befanden. In seiner Reihe "Kleine
       Bücherei des Marxismus-Leninismus" vertrieb das "Neue Wort" klei-
       nere Broschüren  mit kürzeren  Texten von  Marx  und  Engels;  er
       setzte so die Tradition vieler kleiner regionaler Verlage der KPD
       in den drei westlichen Besatzungszonen vor Gründung der Bundesre-
       publik fort.  In besonderer  Weise hat  sich der  1969 gegründete
       Verlag "Marxistische  Blätter" um die Verbreitung von Werken ver-
       dient gemacht.  In Lizenzausgaben  veröffentlichte er seit Anfang
       der 70er  Jahre einzelne  Schriften in  der Reihe "Sozialistische
       Klassiker" ;  für breite  Leserkreise boten  darüber  hinaus  die
       sechsbändige Marx-Engels-Ausgabe  "Ausgewählte Werke"  (1970) und
       die dreibändige Edition des "Kapitals" wichtige Möglichkeiten des
       Zugangs zum Werk.
       Es waren die "blauen Bände" der MEW, die der Generation der Mitte
       der 1960er Jahre Zwanzig-Dreißigjährigen das Werk erschlossen ha-
       ben. An  Adressaten primär  in der  DDR gewandt,  unter dem Druck
       ökonomischer, politischer und ideologischer Offensive - nicht zu-
       letzt aus  der Bundesrepublik  - editorisch  besorgt,  haben  sie
       vielen den  Zugang nicht  leicht gemacht.  Der Vergleich der Vor-
       worte in  MEW und  MEGA 2  belegt dies, wie er die Konsolidierung
       sozialistischer Gesellschaft  offensichtlich werden läßt. Die po-
       litische Sprache  vieler MEW-Vorworte  bezeichnet genau  Raum und
       Zeit dieser  ersten deutschen  umfassenden Werkausgabe, einen be-
       drohten geschichtlichen Raum und eine gesellschaftliche Zeit, die
       sich als heroisch verstehen konnte und als Vorbilder Helden benö-
       tigte: benennt  die politische Sprache "das gewaltige Lebenswerk"
       der "genialen  Denker und  glühenden Revolutionäre  Karl Marx und
       Friedrich Engels",  den "Gedankenreichtum  dieser beiden Geistes-
       riesen", so  ist sie  nicht Spiegel subjektiven Unvermögens, son-
       dern des  objektiv erzwungenen  Mangels an  freiem  Entwicklungs-
       spielraum einer Gesellschaft, deren Staat und Bürger einer Offen-
       sive ausgesetzt  sind, die  sich ideologisch auch in den oben be-
       nannten bürgerlichen  Marx-Ausgaben ausdrückt.  So korrespondiert
       der personalisierenden Überhöhung gesellschaftlicher Lernprozesse
       zum "Genialen"  der scheinbare Widerspruch der Forderung, daß das
       "gründliche Studium  der Werke  von Marx  und Engels /.../ helfen
       <wird>, hemmende  Erscheinungen in  der Arbeit  und veraltete An-
       schauungen zu  überwinden, die  ideologische Offensive  gegen die
       reaktionäre bürgerliche  Ideologie zu verstärken und durch eigene
       schöpferische Leistungen  zum weiteren Vormarsch der marxistisch-
       leninistischen Wissenschaft  beizutragen". Das Vorwort zum ersten
       Band der MEW, 1956 im Kalten Krieg und im Jahr des XX. Parteitags
       der KPdSU erschienen, signalisiert, daß trotz des Wortlauts einer
       letztlich unhistorischen  Marx-Engels-Kennzeichnung das  Ziel der
       Edition historisch  begründet werden  kann: "Der  Marxismus  kann
       nicht 'veralten',  denn es  ist kein  starres System endgültiger,
       unveränderlicher Formeln,  sondern eine  Anleitung zum schöpferi-
       schen Forschen und aktiven Handeln." (MEW 1, S. X f.).
       Provoziert die  gesellschaftliche Zeit die Schwäche der Heroisie-
       rung selbst um den Preis, daß Breite und Reichtum in den Anfängen
       der Arbeiterbewegung,  in der  Marx und Engels groß wurden, indem
       sie gegenüber  der Bewegung nicht groß taten, unangemessen in den
       "Hintergrund" (den  der geschichtliche Prozeß nie darstellt) tre-
       ten, wird  die Stabilisierung des gesellschaftlich Erreichten zur
       Voraussetzung einer für die Geschichte in ihrer Komplexität offe-
       nen und  objektiven Perspektive. Kann heute die MEGA 2 als  d a s
       Muster historisch-kritischer  Edition gelten, so nicht allein we-
       gen ihres  philologisch kaum zu übertreffenden Standards. Was be-
       reits die  "Editionsgrundsätze und  Probestücke" (Probeband)  zur
       MEGA 2  1972 an  wissenschaftlicher kommentierender Leistung ver-
       sprachen, lösen die seit 1975 erschienenen 30 Bände der Abteilun-
       gen "I.  Werke, Artikel,  Entwürfe (mit Ausnahme des 'Kapitals');
       II. 'Das  Kapital' und  Vorarbeiten; III.  Briefe; IV.  Exzerpte,
       Konspekte, Notizen, Marginalien" ein.
       Zwar begrenzen  Auflage und Preis den Kreis der Direkt-Nutzer der
       MEGA 2  weitgehend auf  die Wissenschaft,  doch reicht der Nutzen
       dieser Ausgabe, wie bereits Veränderungen der MEW auf ihrer Basis
       zeigen, weit  über die unmittelbare wissenschaftliche Arbeit hin-
       aus. Bereits  im "Probeband"  findet man  die Reflexion,  die dem
       Rechnung trägt:  "Viele Werke,  in denen  Marx  und  Engels  ihre
       grundlegenden theoretischen Entdeckungen erarbeiteten, formulier-
       ten und  begründeten, entstanden  in einem langwährenden, kompli-
       zierten Schaffensprozeß,  der  sich  in  mehreren  Entwürfen  und
       Druckfassungen niederschlug.  Die in  ihnen enthaltenen  Erkennt-
       nisse können um so besser verstanden werden, je klarer ihre Erar-
       beitung zu verfolgen ist. Unablässig haben Marx und Engels an der
       Weiterentwicklung  und   Vervollkommnung  der  wissenschaftlichen
       Theorie der Arbeiterklasse gearbeitet. Es gehört geradezu zum We-
       sen der  von ihnen  begründeten Weltanschauung, ständig die neuen
       Erscheinungen in  der Entwicklung der Produktivkräfte und Produk-
       tionsverhältnisse, die Erfahrungen des Klassenkampfes und die Er-
       kenntnisse der Wissenschaften zu verallgemeinern und in sich auf-
       zunehmen. Und  dieser Prozeß manifestierte sich nicht nur im Ent-
       stehen neuer  Arbeiten, sondern auch in der Überarbeitung bereits
       geschriebener Werke. Die vollständige und übersichtliche Darstel-
       lung dieser  Entwicklungen muß  daher als eine Hauptaufgabe einer
       wissenschaftlichen Marx-Engels-Gesamtausgabe  betrachtet werden."
       (22* f.).
       Hiermit sind  die Normen  nicht allein  für die  Marx-Engels-For-
       schung ausgesprochen;  es handelt sich um Normen für ein histori-
       sches Verständnis  des Marxismus.  Die Nutzung der Möglichkeiten,
       welche die MEGA 2 bietet, ist kein Luxus für wenige, die sich den
       Aufwand der  Philologie leisten  können. Erst die neue MEGA führt
       anschaulich vor  Augen, was "Zeugen" für die Entwicklung des Mar-
       xismus bedeuten.  Es ist  kein Luxus, wenn die MEGA2 den in jedem
       Band gebotenen  Quellen-Bestand um  einen in  der Regel  umfangs-
       gleichen Apparat-Band  erweitert: um  die Zeugenbeschreibung, die
       Darstellung der  Textentstehung und -überlieferung, das Verzeich-
       nis der  im Text-Band  nicht wiedergegebenen  Text-Varianten, die
       jedes Werk  als Werkstatt  erkennbar machen, um ein Korrekturver-
       zeichnis, um  historische und wissenschaftliche Erläuterungen, um
       ein ungemein aufschlußreiches Verzeichnis der von Marx und Engels
       benutzten Quellen  und Literatur,  ein Personenverzeichnis  und -
       besonders wichtig  - ein Sachregister, das zur Erschließung aller
       Dimensionen  eines   Werks  unverzichtbar  ist.  In  der  MEGA  2
       e n t s t e h t  das Werk von Marx und Engels als das, was es war
       und wie  es wurde - ein Werk im Werden. Klassizität erscheint als
       Resultat, nicht als Anfang. Dieses Werk im Werden trägt einem we-
       sentlichen Merkmal  der Arbeiterbewegung  und des Marxismus Rech-
       nung: Die Konstituierung der Arbeiterklasse ist objektiv in ihrer
       ökonomischen und  sozialen Dimension  ein abgeschlossener Prozeß;
       die  politische  und  ideologische  Konstituierung  der  Bewegung
       bleibt die  von Individuen  subjektiv zu verwirklichende Aufgabe.
       In der  MEGA 2 erscheint das Werk in seiner ursprünglichen Inten-
       tion: Es  macht Mut, sich dieser Aufgabe zu stellen. Diese histo-
       risch-kritische Gesamtausgabe  bedeutet kein Ende der Entwicklung
       des Marxismus,  weit eher  die Voraussetzung  für ein reicher be-
       gründetes Beginnen.  Bereits jetzt  aber setzt  sie Maßstäbe: für
       das Begreifen  von Raum  und Zeit des Marxismus; für die Überprü-
       fung und  Kritik der die Entwicklung des Marxismus von jeher kom-
       mentierenden unhistorischen  Rede  von  der    K r i s e    d e s
       M a r x i s m u s;  für die Geltungsansprüche nicht-marxistischer
       Marx-Engels-Forschung, für  die  Konfrontation  mit  bürgerlicher
       Marx-Engels-Kritik, für  die Zurückweisung  gegen-sozialistischer
       Revision und Verfälschung.
       
       3. Geschichtlichkeit, Krise und Kritik
       --------------------------------------
       
       Die internationale  Marx-Engels-Forschung verzeichnet in dem Maße
       Fortschritte und  Leistungen von  Rang, wie  sie sich der Aufgabe
       stellt, das  Werk und  den Marxismus  als historischen Prozeß und
       als Teile des Ensembles der gesellschaftlichen Bewegung zu unter-
       suchen und  darzustellen. Die  Literatur zu Marx und Engels füllt
       Bibliotheken, so  daß jede Nennung einzelner Werke zur ungerecht-
       fertigten Zurücksetzung  anderer führt.  Dennoch seien  Beispiele
       angezeigt: etwa  J. Hoffmans  "Marxism and  the Theory of Praxis"
       (1975), H. Pelgers Edition "Das Elend der Philosophie" (1979), L.
       Sèves "Une  introduction à  la Philosophie marxiste" (1980), Gian
       Mario Bravos  "Ritorno a Marx" (1981), A. Arndts "Karl Marx. Ver-
       such über  den Zusammenhang seiner Theorie" (1985), M. Thoms "Dr.
       Karl Marx. Das Werden der neuen Weltanschauung 1835-1843" (1986),
       S.-E. Liedmanns "Das Spiel der Gegensätze, Friedrich Engels' Phi-
       losophie und die Wissenschaften des 19. Jahrhunderts" (1986), die
       dreibändige Edition  "Der Bund  der Kommunisten" (1970"1984), die
       sechs Bände  der Bremer  "Studien zur Wissenschaftsgeschichte des
       Sozialismus" (1978  f.; zuletzt:  Karl Marx.  Kritik und positive
       Wissenschaft, 1986)  - und  vor allem:  die MEGA 2 und zahlreiche
       der mit  ihr verknüpften  Forschungen, veröffentlicht  z.  B.  im
       "Marx-Engels-Jahrbuch" (1978  f.) und  verschiedenen  "Beiträgen"
       bzw. "Arbeitsblättern" zur Marx-Engels-Forschung (Berlin, Halle).
       Die  Beispiele   sind  heterogen,   Beispiele  für   individuelle
       Leistungen  und   solche,   die   große   Wissenschaftspotentiale
       voraussetzen, für  philologisches Niveau, praktisches Engagement,
       interpretatorische Phantasie, Beispiele auch für unterschiedliche
       kulturelle  Übersetzungen,   Denkstile  und   Praxen.   Wer   sie
       vergleicht,  wird   die  Geschichtlichkeit   auch  des   heutigen
       Marxismus feststellen. Sind sie aber Anlaß, die Leerformel "Krise
       des Marxismus"  zu bemühen?  Was belegen  diese Beispiele,  unter
       denen bewußt solche nicht-marxistischer Herkunft gegeben sind, im
       Vergleich  zum   tristen  Niveau  bürgerlicher  Marx-Engels-  und
       Marxismus-Kritik?
       
       3.1 "Krise des Marxismus"
       -------------------------
       
       Die historische Normalsituation in Entstehung und Entwicklung des
       Werks wie  des Marxismus ist: Er wurde und wird nicht als Katalog
       und "System"  in sich kreisender, selbstgenügsamer, gegenüber dem
       geschichtlichen Prozeß  abgeschlossener Kategorien  und  Theoreme
       konstruiert; der  Marxismus wurde  und wird, will er seinen Namen
       nicht dementieren,  in Offenheit  gegenüber der  Wirklichkeit und
       als mit  der Wirklichkeit  prozessierender Widerspruch  gegen un-
       menschliche Verhältnisse  erarbeitet. Die Vielfalt und der Reich-
       tum seiner Antworten korrespondieren der Vielzahl von Mängeln und
       der Armut  konkurrierender Weltbilder,  wissenschaftlicher Erklä-
       rungen, Handlungsnormen. "Entschieden konkreter Marxismus", so L.
       Sève, existiert  mit dem Bewußtsein : "Was uns als Marxisten aus-
       macht, ist  im Kern  nicht das  Festhalten an schon  k o n s t i-
       t u i e r t e n  T h e s e n,  deren Genauigkeit häufig nur durch
       ruinöse Anachronismen aufrechterhalten werden kann, oder die sich
       - läßt  man in  jeder Etappe  die veralteten  Einzelheiten weg  -
       schließlich auf  zeitlose  Allgemeinheiten  reduzieren;  ganz  im
       Gegensatz zu  dem, was  der Marxismus  von uns fordert. Nein, was
       uns als  Marxisten vor  allem auszeichnet und woran wir bei allem
       und gegen  alle Moden festhalten müssen, das ist ein Ensemble von
       k o n s t i t u i e r e n d e n      O r i e n t i e r u n g e n,
       das gestern  unter bestimmten  Umständen  seine  Richtigkeit  und
       Fruchtbarkeit konkret  bewiesen hat,  und das  wir unter den ganz
       anderen Umständen  heute bearbeiten und wirksam machen müssen, um
       die Fruchtbarkeit  und Richtigkeit  neu zu  produzieren im Wissen
       der Gegenwart  und in  seiner revolutionären  Umwandlung."  (Sève
       1983, S. 37 f.).
       Was kann die Rede von der "Krise des Marxismus" bedeuten, die mit
       dem Anspruch  auftritt, Diagnose einer Krise in Permanenz und des
       Marxismus schlechthin  zu sein?  Ist wirklich "die Geschichte des
       Marxismus nicht  nur die  Entwicklungsgeschichte einer  Tradition
       revolutionärer Wissenschaft,  sondern  in  ihrem  innersten  Kern
       zugleich die  Krisengeschichte des  Marxismus"? (Spohn  1984,  S.
       129; vgl.  Haug 1985a,  b). Ist der Marxismus der Prozeß histori-
       scher Konkretisierungen,  kann das  Wort von einer Krise Aussage-
       kraft haben,  bezieht es sich auf einzelne Positionen, Meinungen,
       Theoreme, die  innerhalb des  Marxismus existieren  und die Krise
       des Ganzen  bedeuteten, gäbe es nicht im Ensemble des Wissens und
       der Orientierungen  Korrektive, deren  Dominanz  garantiert,  daß
       Marxismus Marxismus ist. Die Krise-in-Permanenz-Diagnostiker ste-
       hen als selbsternannte Therapeuten (weniger des Marxismus als so-
       zialistischer Politik, denn um die geht es vorrangig) vor dem Di-
       lemma: Entweder heben sie die Neuartigkeit der Krise in einer be-
       stimmten Phase  des Marxismus hervor; in diesem Fall zerrinnt das
       Motiv der  Permanenz; oder  sie betonen  die Permanenz; in diesem
       Fall entgleitet  ihnen die  Sensation des Neuen. Ohne Zweifel hat
       es die  Gefahr des  Verlusts an Erklärungs- und Veränderungskraft
       im Rahmen  des Marxismus als einer Summe von Leistungen auch Ein-
       zelner immer  gegeben. Er verdankt auch dem Scheitern von Denkex-
       perimenten und  der Produktivität  des Irrtums seine Entwicklung.
       In diesem  Sinne ist  die Geschichte  des Marxismus auch eine Ge-
       schichte innerer  Kritik. Doch  die Krisen-These  hat eine völlig
       andere Bedeutung:  "Die Idee, daß der Marxismus in der Krise sei,
       ist nicht  neu. Das  Besondere an ihr ist heutzutage, daß sie auf
       den Marxismus den Begriff der Krise überträgt, mit dem wir an den
       gegenwärtigen Kapitalismus  denken. Demnach  wäre dies nicht eine
       konjunkturelle oder  begrenzte Krise  in einer weiterhin aufstei-
       genden Entwicklung,  sondern eine dauerhafte und globale Krise in
       einem Prozeß,  der mehr  und mehr  auf unüberwindbare historische
       Schranken trifft." (Sève 1980, S. 518).
       Die Krisen-These  ist ein intellektuelles  V e r h a l t e n  ge-
       genüber dem  Sozialismus   i n   der Krise  des Kapitalismus, dem
       "Unbehagen an  der Kultur" nahe, auf das Freud aufmerksam machte.
       Zu diesem  Verhalten gehört  ein Paradox:  Während  Marxisten  es
       längst gewöhnt  sind, in  ihrem monistischen  Konzept "Marxismus"
       die Integration  unterschiedlicher Übersetzungen  und Kulturen zu
       denken, verlangen  die Krisen-These  und die Rede von "Marxismen"
       (vgl. Favre  1980; Haug  1985a) einen  Pluralismus, der monopoli-
       stisch ist,  weil er ausgrenzt. Die alte Kritik der frühen Arbei-
       terbewegung an  "Geistesmonopolisten" ist  so veraltet nicht; sie
       ging  gegen   Ausschließlichkeits-  und   Führungsansprüche   von
       "Systememachern", und  dieses Wort war keineswegs ein Synonym für
       "Intellektuelle". Der Marxismus galt und gilt als von einer Krise
       befallen oder als Krise schlechthin, läßt er sich nicht mit einem
       ganz bestimmten theoretischen Muster und Modell zur Deckung brin-
       gen. "Krise" ist hier kein empirischer Term, sondern die Metapher
       enttäuschter Monopolansprüche,  die der  Marxismus in seinem Ver-
       ständnis der  inneren Vielfalt  als Reichtum  und Stärke nicht zu
       befriedigen vermag.  Die Krisen-These  enthält als weiteres Para-
       dox, daß  sie dem  Marxismus unbewältigte Vielfalt von Wissen und
       Strategien auf  der Basis  meist eindimensionaler und erklärungs-
       schwacher Modelle vorhält; paradox ist schließlich das individua-
       listische Überraschtsein  von Individualität  in  Entstehung  und
       Entwicklung des Marxismus. Die Krisen-Behauptung verkennt mangels
       historischem Wissen  und methodologischer Komplexität ein wesent-
       liches Merkmal  der Geschichte der Wissenschaft und auch des wis-
       senschaftlichen Sozialismus: In den Vergesellschaftungsformen der
       sozialen Organisation  der Wissenschaft  realisiert sich jene be-
       sondere Vergesellschaftung  des wissenschaftlichen Geistes, theo-
       retischen Verhaltens  und begreifenden  praktischen  Eingreifens,
       die zur  Person gehört: ihr Name ist Individuation, Theorien sind
       immer auch  - gewiß nicht nur - der Ausdruck der Einmaligkeit des
       gesellschaftlichen Individuums.  Die gesellschaftliche Geschichte
       des Marxismus  ist deshalb  auch die  Geschichte der Individuali-
       tätsformen, mit denen die Individuierung von Ideen, Theorien, An-
       tizipationen zum  Unterschied und deren soziale Verallgemeinerung
       zum gemeinsamen Nenner, zum Sozialtypus "Marxismus", in einem ge-
       dacht werden muß.
       Die Krise-des-Marxismus-These  wird so  zur Krise  eines uneinge-
       standenen Historismus,  dessen methodische Individualisierung und
       Atomisierung der  Geschichte des  Marxismus zur Abfolge von immer
       einmaligen und im Ganzen genommen permanenten Krisen-Ereignissen,
       zu einer  Geschichte der  Geschichten ohne innere Entwicklungsge-
       setzmäßigkeit, die  Geschichtlichkeit des  Raums und  die Gesell-
       schaftlichkeit der  Zeit des Marxismus nicht begreifen kann. Die-
       ser Historismus  vergißt, daß  "Geschichte"  im  Marxismus  immer
       zugleich objekt- und metasprachliche Bedeutung hatte und hat: Als
       Herkunft, Gegenwart  und Zukunft  der Klassen  in der Perspektive
       der Befreiung  vom Klassenwiderspruch  ist Geschichte  Gegenstand
       der Analyse;  gleichzeitig ist  der Marxismus Historiographie so-
       zialistischen Verhaltens gegenüber dem geschichtlichen Prozeß. Im
       Begriff "Geschichte"  bilden diese  beiden Dimensionen  ein  Exi-
       stenz- und  Reflexionsverhältnis. In  beiden Dimensionen  verhält
       sich der Marxismus zu den konkreten Gestaltungen des geschichtli-
       chen Raums  und der  gesellschaftlichen Zeit,  und diese sind nie
       homogen. Der  Marxismus ist homogen durch Zwecke und geprüfte Er-
       fahrung, heterogen  durch seine Stellung in Verhältnissen gesell-
       schaftlicher Bewegung,  die Ungleichzeitigkeit  und  ökonomische,
       soziale, politische  und kulturelle  Verschiedenheit aufweist und
       heteronome Mittel und Strategien verlangt.
       Der Marxismus  - in welchem Raum und in welcher Zeit auch immer -
       steht vor der zweifachen Aufgabe der  Ü b e r s e t z u n g:  Die
       besonderen Erscheinungen  geschichtlicher -  natürlicher, gesell-
       schaftlich-praktischer und  kognitiver - Entwicklung sind in all-
       gemeine nomologische  Sätze zu übersetzen, in Theorien mit großer
       Reichweite; das  allgemeine Wissen,  das den Marxismus als "Werk"
       begründet, ist  zugleich in  konkrete Erfahrung und konkretes Be-
       greifen und Eingreifen zu übersetzen, in Theorien mit Erklärungs-
       tiefe und  handhabbare Strategien.  Für die Sprache, die der Mar-
       xismus beim  Übersetzen jeweils  zu entfalten hat, gilt Labriolas
       gegen zu abstrakte Allgemeinheit von Theorie und Praxis gerichte-
       ter Satz: "Die Sprachen sind in Wirklichkeit keine zufälligen Va-
       rianten einer  universalen Weltsprache /.../ Sie sind die Voraus-
       setzungen und  Grenzen unserer inneren Aktivität." (Labriola 1974
       <1897>, S.  304). Weder  veranlaßt die  Besonderheit der Überset-
       zungssprachen zur  Rede von "Marxismen", noch bedeutet die marxi-
       stische Einheit  der Besonderungen,  das Allgemeine  "Marxismus",
       eine Krisenerscheinung.
       In diesem  Zusammenhang kann  auf eine  spezifische Bedeutung des
       Verweises auf die Sprache nur hingewiesen werden: Der moderne So-
       zialismus, der  Marxismus, spricht  die "Sprache"    W i s s e n-
       s c h a f t.   Trägt  die  politisch-kulturelle  Übersetzung  dem
       geschichtlichen Raum  Rechnung, so  ist   W i s s e n s c h a f t
       die Signatur  der gesellschaftlichen Zeit des Sozialismus. Wieder
       kennzeichnet  es   die  Geschichtsvergessenheit   der   "Krisen"-
       Diskurse,  daß   die  Wissenschaftlichkeit  des  Sozialismus  als
       Symptom  für   "die  Unterdrückung  des  proletarischen  Denkens"
       (Schäfer 1979,  S. 177),  als Merkmal eines "Objektivismus" (Mohl
       1979)  genommen   oder  "Wissenschaftlichkeit"  zum  agitatorisch
       nützlichen Schlagwort  erklärt wird (Na'aman 1979). Wie immer der
       Topos "Krise  des Marxismus"  verwandt wird  (vgl. zur Geschichte
       des Topos  Dozekal 1985)  - er  offenbart Schwierigkeiten mit dem
       w i s s e n s c h a f t l i c h e n       Sozialismus.   Zu   den
       Argumenten gegen  die These  (vgl. Peter  1984) muß  auch  dieses
       gehören: Die  Schwierigkeit  mit  der    W i s s e n s c h a f t-
       l i c h k e i t   des Sozialismus  ist eine Schwierigkeit mit der
       W i r k l i c h k e i t   des Kapitalismus.  Mit  Marx:  "Wissen-
       schaftliche  Wahrheit   ist  immer  paradox  vom  Standpunkt  der
       alltäglichen Erfahrung,  die nur den täuschenden Schein der Dinge
       wahrnimmt." (MEW  16, S.  129). Dagegen  ist  es  "ein  Werk  der
       Wissenschaft, die  sichtbare, bloß  erscheinende Bewegung auf die
       innere wirkliche  Bewegung zu  reduzieren" (MEW  25, S.  324). Es
       besteht kein Grund, im Marxschen Wissenschaftstypus - d.h. in der
       empirisch orientierten  Analyse  der  Wirklichkeit  mit  den  Er-
       kenntnismitteln des  Allgemeinen, welches  die empirischen Beson-
       derungen   ü b e r g r e i f t,   und der  das Einzelne zum  G e-
       s a m t z u s a m m e n h a n g     t o t a l i s i e r e n d e n
       Kategorien - Szientismus und Totalitarismus und die Preisgabe von
       Spontaneität und Erfahrung von "Betroffenen" zu vermuten. Wer die
       Wissenschaft als  Mittel verwirft und den Marxismus als totalitär
       verdächtigt, entgeht  der Gefahr  nicht, vor der Labriola warnte:
       d a ß   d i e   T h e o r i e   e i n  P l a g i a t  d e s s e n
       i s t,  w a s  s i e  e x p l i z i e r t.
       
       Bibliographie
       -------------
       
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       Ende der Arbeiterbewegung in Deutschland? Ein Diskussionsband zum
       sechzigsten Geburtstag von Theo Pirker, Opladen.
       

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