Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       DIE GELDFORM IN DER 1. UND 2. AUFLAGE DES "KAPITAL"
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       Zur Diskussion um die "Historisierung" der Wertformanalyse
       
       Winfried Schwarz
       
       1. Vulgarisierung der Werttheorie durch Marx selber? (Backhaus) -
       2. "Wertform"  und "Austauschprozeß"  in der  Begriffsentwicklung
       des Geldes - 3. Die angebliche Reduktion der Dialektik (Göhler) -
       4. Der  Gegensatz von  dialektischer Schärfe und Verständlichkeit
       im Abschnitt über die Wertform.
       
       Der Beitrag  greift in  die seit Jahren in der Bundesrepublik ge-
       führte Debatte  um die  Marxsche Werttheorie ein, und zwar in die
       Problematik Logisches - Historisches.
       
       1. Vulgarisierung der Werttheorie durch Marx selber? (Backhaus)
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       Friedrich Engels habe das erste Kapitel des "Kapital" mißverstan-
       den, indem  er die Marxsche begrifflich-logische Analyse der Ware
       und des Geldes zur vorkapitalistischen Entwicklungsgeschichte ei-
       ner sog.  einfachen Warenproduktion  "historizistisch"  interpre-
       tierte. Dies war bis 1978 nahezu Allgemeingut der bundesdeutschen
       akademischen Marx-Engels-Beschäftigung geworden. Hans-Georg Back-
       haus, bis  dahin einer  der schärfsten  Grenzzieher zwischen Marx
       und seinen  "marxistischen" Mißdeutern (Engels bis hin zu zeitge-
       nössischen sowjetischen  und DDR-Lehrbuchautoren  der Politischen
       Ökonomie) überraschte  in jenem Jahr die Fachwelt, die - nebenbei
       bemerkt - zu dieser Zeit hierzulande gerade zu schrumpfen begann:
       Er behauptete,  die Lehrbuch-"Fabeleien" über steinzeitlichen Na-
       turalaustausch  von   Steinbeilen  gegen   Schafe  (von  ihm  als
       "prämonetäre Werttheorien"  kritisiert), welche die Marxsche Ana-
       lyse der  einfachen Wertform  im 3. Abschnitt des ersten Kapitels
       erläutern wollen,  seien nicht ganz aus der Luft gegriffen. Nicht
       nur sei verwunderlich, daß Marx gegen Engels' Interpretationen 1)
       niemals vorgegangen  sei. Sondern er selbst habe das Warenkapitel
       in der 2. Auflage des "Kapital" 1872 gegenüber der 1. Auflage von
       1867 "historizistisch  gewendet". 2) Engels und marxistische Epi-
       gonen beriefen  sich daher  mit gewissem  Recht auf eine bei Marx
       vorfindliche "Historisierung des Logischen" 3) - auf entstellende
       Umarbeitungen und  geschichtliche Einfügungen  in der 2. Auflage.
       Wenn aber  Marx selber  einer historischen Interpretation der Ab-
       folge der  Wertformen in  "einzelne", "entfaltete",  "allgemeine"
       und "Geldform"  Vorschub geleistet  habe, dann  komme darin seine
       eigene "Unsicherheit"  zum Ausdruck,  ja  vielleicht  sogar  eine
       vollständige Veränderung  seines "ursprünglichen methodologischen
       Konzepts". 4)  Mit anderen Worten: In den historisierenden Verän-
       derungen der  2. gegenüber  der 1. Auflage bezüglich der Entwick-
       lung von  Ware und  Geld zeige sich Marx' ungenügendes Bewußtsein
       über  seine   eigene  Methode,  was  die  seit  1872  einsetzende
       "Vulgarisierung" der  Formanalyse von  Ware und Geld zur histori-
       sierenden Abtrennung  der Wert-  von der  Geldtheorie  verursacht
       habe. 5)
       Strenggenommen hat  Marx nicht erst für die 2. Auflage die Waren-
       analyse und darin vor allem den Abschnitt über die Wertform umge-
       arbeitet. Noch im Erscheinungsjahr der 1. Auflage verfaßte er für
       den "nicht  durchaus in  dialektisches Denken eingewohnten Leser"
       6) einen  Text "Die  Werthform", und  zwar auf Anraten von Ludwig
       Kugelmann und  Friedrich Engels.  Letzterer hatte empfohlen, "das
       hier dialektisch  Gewonnene etwas weitläufiger historisch nachzu-
       weisen, sozusagen  aus der Geschichte die Probe darauf zu machen,
       ... dem  Philister auf  historischem Wege  die Notwendigkeit  der
       Geldbildung" aufzuzeigen.  7) Der  Text erschien gleichzeitig mit
       dem "Haupttext"  als Anhang  am Schluß des ersten Bandes 1867. Am
       Anhang orientierte  sich Marx  weitgehend, als  er "jene doppelte
       Darstellung" für  die 2. Auflage beseitigte, 8) so daß der Unter-
       schied nicht  so sehr zwischen 1. und 2. Auflage besteht, sondern
       bereits innerhalb der 1. Auflage - zwischen Haupttext und Anhang.
       (Dennoch werde ich der Kürze wegen die 2. mit der 1. Auflage ver-
       gleichen und auch die 2. Auflage nach der verbreiteten, in dieser
       Hinsicht nicht  mehr geänderten,  4. deutschen Auflage in Band 23
       der MEW zitieren).
       Bei der  hier diskutierten  Differenz zwischen  1. und 2. Auflage
       geht es  im Kern darum, wie jeweils das Verhältnis zwischen Wert-
       formanalyse (1.  Kapitel, 3.  Abschnitt) und  Austauschprozeß (2.
       Kapitel) anders  dargestellt ist  und warum.  Die 1. Auflage hält
       strenger die zwei verschiedenen Abstraktionsebenen der beiden Ka-
       pitel auseinander,  und zwar wesentlich dadurch, daß sie das Geld
       noch nicht  im ersten Kapitel bei der "Wertform" untersucht, son-
       dern erst  im zweiten Kapitel beim Austauschprozeß. Änderungen in
       der Reihenfolge  der Kategorien  sind bei  Marx kein  Zufall, sie
       müssen erklärt  werden. Der  Unterschied  in  der  Erklärung  des
       Geldes zwischen 1. und 2. Auflage ist es durchaus wert, in größe-
       rer Breite  untersucht zu werden als von wenigen akribischen Ein-
       zelforschern wie  etwa Backhaus  in der  Bundesrepublik  oder  W.
       Schkredow in  der UdSSR,  9) zumal gegenwärtig die MEGA-Editionen
       der einzelnen "Kapital"-Auflagen, die zu Marx' Lebzeiten erschie-
       nen, herausgebracht  werden. 10) Will man die Erklärung von Back-
       haus, daß  Marx seit  der 2. Auflage methodologisch hinter seinen
       eigenen Stand in der 1. Auflage zurückgefallen sei, nicht teilen,
       muß eine  stichhaltigere Begründung  dafür her als die Redeweise,
       daß Marx  seine Theorie eben ständig "weiterentwickelt" habe. 11)
       Meine These, um dies vorweg zu sagen, ist diejenige, daß Marx be-
       wußt mit historisch-empirischen Momenten die begrifflich-logische
       Analyse verständlicher, d.h. wirkungsvoller machen wollte.
       
       2. "Wertform" und "Austauschprozeß"
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       in der Begriffsentwicklung des Geldes
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       Die Wertformanalyse  fängt in  der 1. wie in der 2. Auflage glei-
       chermaßen mit  dem einfachen  Wertverhältnis einer aus der Waren-
       welt herausgegriffenen einzelnen Ware zu einer beliebigen anderen
       an: Die  erste, in relativer Wertform befindliche Ware drückt ih-
       ren Wert  im Gebrauchswert  einer anderen,  in Äquivalentform be-
       findlichen Ware  aus. Diese  Form I  geht in  beiden Auflagen zur
       zweiten, entfalteten  Wertform über,  dem Wertausdruck einer ein-
       zelnen Ware  in der endlosen Reihe sämtlicher anderen. Im dritten
       Schritt kehrt  Marx -  in beiden Auflagen gleich - die Form II um
       und erhält  die allgemeine  Wertform, bzw.  die Konstellation der
       Form III, worin die gesamte Warenwelt den Wert einheitlich in ei-
       ner einzigen  Ware ausdrückt. Diese Ware ist ihrerseits, obgleich
       selber Ware  wie alle  übrigen, vom relativen Wertausdruck ausge-
       schlossen und  funktioniert gegenüber der Warenwelt als allgemei-
       nes Äquivalent.
       Form I und II sind insofern unvollkommen, als sie den in der ein-
       zelnen Ware eingehüllten Widerspruch (Gegensatz) von Wert und Ge-
       brauchswert zwar lösen, indem sie ihn äußerlich darstellen (durch
       Verteilung der beiden Gegensatzpole auf verschiedene Waren). Doch
       diese Lösungsform  ist nur  beschränkt. Der Wert ist seiner Natur
       nach ein  Allgemeines. Seine  Darstellung in  einem einzelnen Ge-
       brauchswert (Form  I) ist seinem allgemeinen Wesen nicht adäquat,
       auch nicht  die Form II, wo er in einer endlosen Kette besonderer
       Waren ausgedrückt  wird. Erst  in der  allgemeinen Äquivalentform
       hat er  eine begrifflich  angemessene Erscheinungsweise  bzw. hat
       der Widerspruch  des Werts mit seinem stofflichen Dasein in einer
       bestimmten Ware  eine vorläufige  Lösung auf höherer Stufe gefun-
       den. Der  Gebrauchswert der  allgemeinen Äquivalentware  ist zwar
       auch nur  ein einzelner, ihre Naturalform repräsentiert jedoch an
       sich selbst unmittelbar die Allgemeinheit des Werts.
       Um sich  "als Werth  ... aufeinander zu beziehen", 12) müssen die
       Waren   e i n e   Ware ihresgleichen  als allgemeines  Äquivalent
       ausschließen, vermittelst derer sich ihre Austauschbarkeit unter-
       einander ergibt.  Mit dieser  theoretischen Erkenntnis,  daß  der
       allgemeine Wertbezug  der Waren  untereinander nicht  direkt  von
       Ware zu  Ware vonstatten  gehen kann,  sondern nur  indirekt über
       eine ausgeschlossene  dritte, schließt  die einheitliche Darstel-
       lung der  Wertform in beiden Auflagen ab. Der nächste Schritt ist
       in der 2. Auflage ein ganz anderer als in der ersten.
       Als vierte  Wertform folgt in der 2. Auflage (wie schon im Anhang
       zur 1.  Auflage) die  Geldform. Diese  ist das allgemeine Äquiva-
       lent, aber sofern es gesellschaftlich gültig geworden ist; dieje-
       nige Ware,  "mit deren  Naturalform  die  Äquivalentform  gesell-
       schaftlich verwächst" (MEW 23, S. 83). Das "Monopol dieser Stelle
       im Wertausdruck  der Warenwelt" hat das Gold "historisch erobert"
       (ebd., S. 84). Der Fortschritt dieser Form IV gegenüber Form III,
       wo eine beliebige Ware (Leinwand) allgemeines Äquivalent war, ist
       kein  analytischer   in  dem   Sinne,  daß  sie  vom  Autor  Marx
       "theoretisch" (MEW  13, S.  32) oder  begrifflich-logisch aus dem
       einfachen Wertverhältnis  abgeleitet würde. Marx betont ausdrück-
       lich die  historischen und  gesellschaftlichen Prozesse  als aus-
       schlaggebend für das Zustandekommen der Geldform. Der Fortschritt
       besteht darin,  daß die  allgemeine Äquivalentform  jetzt  sozial
       verfestigt ist  und nicht  mehr jeder  beliebigen  Ware  zukommen
       kann. Rein  begrifflich ist dieses Resultat nicht zu gewinnen. In
       die Konstitution  der Geldform spielen historische und empirische
       Momente hinein.  Die rein  logische Formanalyse  endete schon mit
       Form III,  wo das  allgemeine Äquivalent,  wie  Marx  in  der  I.
       Auflage sagt,  noch "keineswegs  verknöchert" war (MEGA II, 5, S.
       42).
       Aufmerksamer Lektüre  des Abschnitts  über die Wertform in der 2.
       Auflage kann  dieser wesentliche  Unterschied zwischen der Ablei-
       tung der  Formen I bis III als logischer und der Geldform als hi-
       storischer eigentlich  nicht entgehen.  Vom bisherigen Abstrakti-
       onsniveau der  Wertformanalyse aus  (bis Form  III) ist die Geld-
       form, nach  einem Ausdruck von Schkredow, ein gewisser "Vorgriff,
       13) den  die 1.  Auflage, eben  weil sie  in der Folgerichtigkeit
       strenger argumentiert, nicht macht. Dazu komme ich jetzt.
       Auch in  der 1. Auflage ist die Wertformanalyse mit Form III noch
       nicht abgeschlossen.  Aber die  folgende Form  IV ist  nicht  die
       Geldform, sondern  hat einen  ganz spezifischen  Gehalt. Sie ent-
       steht nicht  durch historischen  Prozeß, sondern  wie die  ersten
       drei durch  gedankliche Konstitution. Marx "kehrt" analytisch die
       Form III  noch einmal  "um": Es kommt dabei die "spezifisch rela-
       tive Werthform  des allgemeinen Aequivalents" (MEGA II, 5, S. 43)
       heraus. Die  in Form III als allgemeines Äquivalent figurierenden
       Waren sind bekanntlich noch beliebig. Leinwand, Rock, Kaffee, Tee
       läßt Marx  daher von der Äquivalentseite auf die Position der re-
       lativen Wertform herüberwechseln, so daß sie dann alle ihrerseits
       ihren Wert  in der  übrigen Warenwelt ausdrücken. Diese theoreti-
       sche Konstruktion  der Form  IV soll m.E. zweierlei beweisen: Er-
       stens daß  auf dem jetzigen Standpunkt die allgemeine Äquivalent-
       form noch  jeder Ware  zukommen kann. In dieser Hinsicht ist Form
       IV der  1. Auflage  gerade das  Gegenteil der  historisch-gesell-
       schaftlich verfestigten  Form IV  der 2.  Auflage. Zweitens zieht
       Marx aus der in Form IV enthaltenen Ersetzbarkeit des allgemeinen
       Äquivalents durch  alle möglichen  Waren den Schluß auf die reale
       Unmöglichkeit  dieser   Form.  Folgende   paradoxe   Formulierung
       schließt in  der 1.  Auflage die Wertformanalyse ab: "Stellt aber
       jeder Waare  ihre eigne Naturalform allen ändern Waaren gegenüber
       als allgemeine Aequivalentform, so schließen alle Waaren alle von
       der allgemeinen Aequivalentform aus und daher sich selbst von der
       gesellschaftlich gültigen  Darstellung ihrer Werthgrössen." (MEGA
       II, 5, S. 43)
       Die begriffliche  Wertformanalyse endet mit dem Resultat, daß das
       allgemeine Äquivalent  zwar jeder Ware zukommen kann, daß aber in
       diesem Falle  die Waren  ihre Werte gar nicht darstellen könnten,
       sich daher  nicht austauschen  und gar  nicht als Waren verhalten
       könnten. Dieses  negative Ergebnis  der Wertformanalyse in der l.
       Auflage erhärtet  indessen noch einmal das positive der Form III,
       daß die  Warenwelt eine   e i n z i g e  Ware zu ihrer einheitli-
       chen und allgemeinen Wertdarstellung isolieren muß.
       Die bisherige  rein logische  Analyse der  Wertform behandelt nur
       ideelle Wertformen  und kann die Frage nicht beantworten, aufwei-
       che Weise sich das gesellschaftlich gültige allgemeine Äquivalent
       (Geld) herausbildet  und welche  Ware das ist. Hierbei handelt es
       sich nämlich  um  eine  real-historische  Wertform  oder  um  die
       "wirkliche Wertform".  Als solche  aber ist  sie erst das Produkt
       des wirklichen  Austauschprozesses. Dieser  wird eben  deshalb in
       der 1.  Auflage als "die  w i r k l i c h e  Beziehung der Waaren
       aufeinander"  (MEGA   II,  5,   S.  51)  von  der  vorausgehenden
       "analytischen" Wertformentwicklung  abgesetzt. In  der  dialekti-
       schen Erklärung  des Geldes  folgt daher  auf die Wertformanalyse
       als systematisch nächster Schritt die Untersuchung des Austausch-
       prozesses. (Der  dazwischenliegende 4.  Abschnitt des 1. Kapitels
       über den  Fetischcharakter der  Ware stellt  keine neue  Entwick-
       lungsstufe gegenüber  der Wertformanalyse dar, da er seinem Wesen
       nach dort miterklärt wird, worauf Marx übrigens selbst verweist -
       in MEW 23, S. 87). 14)
       Beim Austauschprozeß geht es nicht um den Tausch zweier Waren und
       auch nicht  um den  Austausch einer bestimmten Ware mit den übri-
       gen. Sondern  der Austauschprozeß ist Austausch aller vorhandenen
       Waren untereinander  - Austausch der Warenwelt. Die vorausgehende
       Wertformanalyse war  insofern abstrakt,  nicht nur  weil von  den
       tatsächlichen Warenbesitzern  abgesehen, sondern  vor allem, weil
       nur immer  e i n s e i t i g  betrachtet wurde, wie eine einzelne
       Ware oder  (in Form III) die Warenwelt einlinig ihren Wert im Ge-
       brauchswert anderer  Ware, der  sie wertgrößengleich  waren, aus-
       drückten. Eine  gleichzeitige Rückbeziehung von der anderen Seite
       her war ausgeschlossen. (Wenn rückbezogen wurde, änderte sich die
       Form als  ganze, so  von Form  II nach  III und von Form III nach
       Form IV).  Niemals war  eine Ware  in relativer  Wertform und  in
       Äquivalentform zugleich,  denn Marx  behandelt die  Wertform mit-
       nichten als  Tauschakt. Die  Ware, die sich in relativer Wertform
       befand,  befand  sich  nicht  in  Äquivalentform,  und  umgekehrt
       drückte die  Äquivalentware ihren  Wert nicht aus. Der Austausch-
       prozeß hebt  jene Abstraktionen  auf, indem  er die Warenbesitzer
       als Akteure  einführt, und indem er alle Waren wirklich als ganze
       aufeinandertreffen läßt,  damit sie untereinander sich sowohl als
       Gebrauchswert als  auch als  Wert realisieren. Letzteres geht al-
       lerdings, wie  wir bereits  wissen, nicht unmittelbar von Ware zu
       Ware. Und   d a ß  wir dies bereits wissen, wird zu einem Spring-
       punkt der Erklärung des Geldes. Was ist damit gemeint?
       Marx kommt sehr schnell auf die Verlegenheit der Warenbesitzer zu
       sprechen, in  die sie  geraten, wenn  ihnen für  den "allseitigen
       Händewechsel" ihrer  Waren kein  gültiges allgemeines  Äquivalent
       zur Verfügung  steht. "Sehn  wir näher zu, so gilt jedem Warenbe-
       sitzer jede  fremde Ware  als besondres  Äquivalent seiner  Ware,
       seine Ware  daher als allgemeines Äquivalent aller andren Waren."
       So heißt es in beiden Auflagen gleich. 15) Wir erinnern uns: Eben
       diese Konstellation beschrieb die Wertform IV der l. Auflage, und
       zwar als  eine Konstellation  des Scheiterns. Sie wird hier quasi
       wiederholt im Verhältnis zwischen den personifizierten Waren: "Da
       aber alle  Warenbesitzer dasselbe tun, ist keine Ware allgemeines
       Äquivalent und besitzen die Waren daher auch keine allgemeine re-
       lative Wertform,  worin sie  sich als  Werte gleichsetzen und als
       Wertgrößen vergleichen." 16)
       Ohne die  Möglichkeit, sich mittels eines allgemeinen Äquivalents
       als Werte  gleichzusetzen und als Wertgrößen zu vergleichen - das
       wird hier  vorbereitet -,  muß der  Austausch scheitern.  Wie der
       Austausch gelingen  kann, das beantwortet Marx zunächst scheinbar
       rein praktizistisch: "Im Anfang war die Tat. Sie (die Warenbesit-
       zer; d.V.)  haben daher schon gehandelt, bevor sie gedacht haben.
       Die Gesetze  der Warennatur  betätigen sich  im Naturinstinkt der
       Warenbesitzer." 17)
       Praktizistisch ist  Marx' Antwort  aber keineswegs, denn er argu-
       mentiert nicht  von der  reinen "Tat" der Warenbesitzer aus, son-
       dern von den "Gesetzen der Warennatur", die sich in der "Tat" ob-
       jektiv durchsetzen.  Und diese  Gesetze sind  eben nichts anderes
       als das,  was am  Ende der Wertformanalyse anhand der allgemeinen
       Wertformen III und IV (1. Auflage) erörtert wurde: die Notwendig-
       keit eines  allgemeinen Äquivalents für den allgemeinen Wertbezug
       der Warenwelt  untereinander. Dieses Resultat der Wertformanalyse
       zieht Marx  jetzt zur Begründung der Geldbildung im Austauschpro-
       zeß heran:  "Sie (die  Warenbesitzer; d.V.) können ihre Waren nur
       als Werte  und darum nur als Waren aufeinander beziehn, indem sie
       dieselben gegensätzlich auf irgendeine andre Ware als allgemeines
       Äquivalent beziehn.   D a s   e r g a b    d i e    A n a l y s e
       d e r  W a r e."  18)
       Auf dem  herübergenommenen Ergebnis  der Waren- bzw. Wertformana-
       lyse aufbauend, ohne das Werden des Resultats zu wiederholen (die
       Warenanalyse ist  hier nur bis zur allgemeinen Wertform relevant,
       nicht bis zur Geldform, die in der 2. Auflage als Vorgriff mitbe-
       handelt wird!),  kann Marx  jetzt das  Geld erklären. Nun kann er
       begründen,   w a r u m   der Austauschprozeß  eine bestimmte Ware
       für die  Übernahme der Geldrolle ausschließt, ohne, wie etwa Adam
       Smith tautologisch an die äußeren Schwierigkeiten eines geldlosen
       Warentauschs appellieren  zu müssen.  Nicht weil  der -  auch von
       Marx beschriebene  - geldlose  Austausch scheitert,  ist das Geld
       schon erklärt. Nicht "pfiffig ausgedacht" rettet es die in Verle-
       genheit geratenen Warenbesitzer. Sondern weil der Austauschprozeß
       die Waren   r e a l  als Werte qualitativ und quantitativ aufein-
       ander bezieht,  treibt er das allgemeine Äquivalent  r e a l  aus
       der Warenwelt  hervor -  als die  reale Bedingung der allgemeinen
       Austauschbarkeit. Hierbei  muß man  sich vor Augen halten, daß im
       Austauschprozeß nur  das praktisch  wahr wird,  was zuvor  im Ab-
       schnitt "Wertform"   i d e e l l   analysiert  wurde, daß nämlich
       der allgemeine  Wertbezug der  Waren untereinander  nur  indirekt
       über den Bezug auf den Gebrauchswert der ausgeschlossenen dritten
       Ware möglich  ist. Wird  der ideelle  Wertbezug realer Wertbezug,
       wird das ideelle allgemeine Äquivalent zum realen - zu Geld.
       Die  Weiterentwicklung   vom  ersten   zum  zweiten  Kapitel  des
       "Kapital" ist  daher wesentlich  der Schritt vom "gedachten" (MEW
       13, S.  29) allgemeinen  Äquivalent zum realen oder gesellschaft-
       lich gültigen infolge des Austauschprozesses. 19) Die Analyse der
       Wertform im strengen Sinne der 1. Auflage kann nicht zur Geldform
       führen. Diese ist erst erklärt, wenn die Analyse der Wertform und
       des Austauschprozesses  in der oben beschriebenen Weise zusammen-
       genommen werden. Wenn schon von "Einheit von Logischem und Histo-
       rischem" bei  der Gelderklärung  durch Marx  die Rede  sein soll,
       dann in  jenem Sinne der spezifischen Einheit von begrifflich-lo-
       gischer Wertformanalyse  und  Betrachtung  des  real-historischen
       Austauschprozesses.
       Doch gerade das Verständnis dafür, daß das Geld nur als zusammen-
       genommenes Resultat  von Wertformanalyse und Austauschprozeß dia-
       lektisch erklärt  werden kann,  wird in der 2. Auflage erschwert:
       hauptsächlich dadurch, daß die Geldform schon im Rahmen der Wert-
       formanalyse mitbehandelt  wird. Die  innere dialektische Struktur
       der Geldentwicklung im "Kapital" bleibt dadurch zwar unverändert.
       Aber der  "äußere" Vorgriff auf die Geldform verstellt zweifellos
       eben für  sie den Blick. Das ist der rationale Kern von Backhaus'
       These der  Vulgarisierung der  Marxschen Geldtheorie  durch  Marx
       selber  und  dem  behaupteten  Nebeneinander  "esoterischer"  und
       "exoterischer"  Partien   in  der   überarbeiteten  Fassung   des
       "Kapital". 20)  Wenn die  Geldform quasi als linearer Schlußpunkt
       einer einheitlichen  Reihe von  nur verschieden weit entwickelten
       Wertformen dasteht,  wird in der Tat die historisierende Vorstel-
       lung sehr befördert und erleichtert, als ob es sich bei der Wert-
       formanalyse um einen geschichtlichen "Exkurs" (W. Liebknecht) zur
       Geldbildung handele,  der zeitlich nacheinander vier selbständige
       Etappen der mehrtausendjährigen Entwicklungsgeschichte der Waren-
       produktion aus  der einfachen  Tauschwirtschaft  abfolgen  lasse.
       Dazu kommt,  daß die  Rolle des Kapitels über den Austauschprozeß
       dann nicht  mehr recht  verstanden werden  kann. Entweder wird es
       als eine  Wiederholung der  Geldentstehung interpretiert oder als
       zweite Erklärung  von einem  anderen Ansatz  her. Die  Rolle  der
       Wertformanalyse und  ihre Herübernahme  in das  Kapitel vom  Aus-
       tauschprozeß wird in beiden Fällen übersehen.
       
       3. Die angebliche Reduktion der Dialektik (Göhler)
       --------------------------------------------------
       
       Daß das  Geld als  "fertige Gestalt  des allgemeinen Äquivalents"
       erst Resultat des Austauschprozesses ist, heißt nicht, daß es nur
       aus ihm  - ohne  vorherige Wertformanalyse  -  entwickelt  werden
       kann. Exakt  dies verlangt G. Göhler von einer "emphatischen Dia-
       lektik". 21)
       Für Göhler  ist die  Hereinnahme der Geldform in die Wertforment-
       wicklung nur  Abschluß einer  seit der  1. Auflage  des "Kapital"
       eingesetzten Gewichtsverlagerung  zugunsten  der  Wertformanalyse
       auf Kosten  des Austauschprozesses.  Ein  grundsätzlicher  Unter-
       schied in der Entwicklung der Ware zum Geld besteht für ihn nicht
       zwischen den  verschiedenen "Kapital"-Auflagen,  sondern zwischen
       diesen und  der 1859 erschienenen Schrift "Zur Kritik der politi-
       schen Ökonomie" ("Kritik"). Dort mache Marx noch den Versuch, das
       Geld nicht  über die "logisch unbedenkliche" Abfolge der Wertfor-
       men, sondern  unmittelbar als  Lösung der realen Widersprüche des
       Austauschprozesses abzuleiten. "Die 'Kritik' enthält die Trennung
       von Wertform-Analyse  und Entwicklung des Austauschprozesses noch
       nicht; daß  sie gegenüber  dem 'Kapital' vielmehr beide zusammen-
       nimmt, ist gerade der Clou ..." (Göhler, S. 45).
       So "faszinierend" Göhler jene gemeinsame Entwicklung von Geld und
       Austauschprozeß findet,  für so  wenig aussichtsreich  war seiner
       Meinung nach das Marxsche Unterfangen von vorneherein: das allge-
       meine Äquivalent  sei nicht  aus den Widersprüchen den Austausch-
       prozesses zu  gewinnen, sondern  nur aus der Wertformabfolge, die
       allerdings "in  keiner Hinsicht  als Widerspruch  formuliert" sei
       (Göhler, S.  167). Diesem  Sachverhalt trage  die veränderte Dar-
       stellung im "Kapital" Rechnung, womit Marx aber auch den Anspruch
       auf "emphatische Dialektik" preisgebe, da er auf jede Entwicklung
       aus realen Widersprüchen heraus verzichte (Göhler, S. 113).
       Abgesehen davon,  daß die  Wertformanalyse gründlich mißversteht,
       wer sie nicht wesentlich gerade als Entfaltung des der Ware imma-
       nenten Widerspruchs zwischen Gebrauchswert und Wert begreift, 22)
       ist Göhlers  Versuch merkwürdig genug, das Marxsche Scheitern ei-
       ner Geldentwicklung  aus der Zusammennähme von Wertform- und Aus-
       tauschstruktur "strukturtheoretisch" zu erklären.
       Der Mangel  der Wertform  sei, keine  wirkliche  Tauschbeziehung,
       sondern eine  bloß "einlinige" Beziehung zu sein, worin eine Ware
       ihren Wert  im Gebrauchswert  einer anderen  ausdrückt aber nicht
       zugleich umgekehrt.  Diesen Mangel  behebt Göhler. Er bildet eine
       Austauschstruktur, indem  er einfach  denselben Wertausdruck  um-
       kehrt. Dieser  muß nur  sowohl von links nach rechts als auch von
       rechts nach  links gelesen werden, damit die dem Tausch eigentüm-
       liche (aber  der Wertform  abgehende) "Äquivalenzrelation" (damit
       meint Göhler  die Gleichsetzung  der Waren  als Werte)  entsteht.
       Ware A  drückt nun ihren Wert in Ware B aus, Ware B umgekehrt ih-
       ren Wert im Gebrauchswert A, und durch diesen doppelseitigen Wer-
       tausdruck seien  beide Waren auch als Werte miteinander gleichge-
       setzt, will sagen austauschbar. Damit glaubt Göhler, Wertform und
       Austauschstruktur "gemäß  der Intention von Marx" (Göhler, S. 84)
       zusammengebracht zu haben.
       Indem er dann diese aus zwei gleichartigen umgekehrten Wertformen
       zusammengesetzte überkreuzte "Austauschstruktur" hin- und herwen-
       det, stößt  er auf  allerlei logische  Widersprüche und ungelöste
       Schwierigkeiten. Die  schwerwiegendste davon  ist diejenige,  daß
       das Geld aus der so gewonnenen Austauschstruktur nicht zu begrün-
       den ist.  So ist  sich Göhler gewiß, die Marxsche Intention einer
       emphatischen Dialektik der Geldableitung aus der in den Austausch
       unmittelbar integrierten  Wertformentwicklung auf Herz und Nieren
       geprüft und ihr zwangsläufiges Scheitern streng logisch begründet
       zu haben.  Stimmt das?  Göhlers  Irrtum  beginnt  schon  bei  der
       falschen Entgegensetzung  von Wertform und Austausch. Nicht durch
       die Umkehrung von Wertausdrücken entsteht eine Wertgleichung zwi-
       schen den Waren. Göhler übersieht, daß in der Wertform x Ware A =
       y Ware  B nicht  einfach die erste Ware ihren Wert in der zweiten
       "darstellt", sondern  daß diese Ausdrucksweise überhaupt nur dar-
       auf gründet,  daß die beiden als Werte qualitativ identisch sind.
       Beim       W e r t a u s d r u c k       entgeht    Göhler    die
       W e r t g l e i c h u n g.  23) Diese bastelt er, weil er für den
       Austausch irgendeine  Art von  Gleichsetzung  braucht,  aus  zwei
       Wertformen zusammen  - ein  begriffsloses Unterfangen, ganz gewiß
       nicht "gemäß der Intention von Marx."
       Doch wichtiger: Göhler mißversteht die Wertform vollends, wenn er
       sie bloß  als "halbierte  Austauschstruktur" sieht. Wäre sie das,
       dann müßte  im Wertausdruck  x Ware  A = y Ware B die zweite Ware
       als besonderer  Gebrauchswert zählen,  den  der  Warenbesitzer  A
       durch Austausch  erwerben will.  Doch solange  bei Marx  von  der
       Wertform die  Rede ist,  gilt der  Gebrauchswert der zweiten Ware
       niemals in  seiner stofflichen  Besonderheit, sondern ausschließ-
       lich als "Wertding". Er ist unmittelbar Wertkörper für die Ware A
       und gilt  ihr gegenüber als nichts anderes. Diese naturale Belie-
       bigkeit hört  erst auf,  sobald es  um den  Austausch geht - aber
       erst dann.
       Von der Wertform führt bei Marx der Weg zum Austauschprozeß nicht
       auf die  simple Weise  der Zusammensetzung. Ich versuchte zu zei-
       gen, daß  Marx im  Zuge der Geldentwicklung die Wertform der Ware
       bis zur  allgemeinen Äquivalentform  der Warenwelt  (Form III) in
       bewußter Absonderung  vom realen Austausch entwickelt und das Re-
       sultat in  die Betrachtung  des Austauschprozesses  der Warenwelt
       einbezieht, um  die reale Austauschbarkeit der Waren zu erklären.
       Bewußt untersucht  Marx  den  Austauschprozeß  nicht  zuerst  als
       "einfachen" und  dann als  "entfalteten", sondern sofort als all-
       seitige Aneignung  und Entäußerung der Waren durch ihre Besitzer,
       wo das   a l l g e m e i n e  Äquivalent (kein einzelnes und kein
       besonderes) als  Bedingung des  allseitigen Austauschs  praktisch
       entsteht und sich zu Geld verfestigt.
       In der  "Kritik" geht  Marx zwar  grundsätzlich  genauso  wie  im
       "Kapital" vor, daß er für den allseitigen Austausch der Waren un-
       tereinander die  Notwendigkeit eines  allgemeinen Äquivalents und
       der "Geldbildung" begründet. Doch durch das Fehlen einer ideellen
       Ableitung der  allgemeinen Wertform  aus der einfachen unabhängig
       vom Austauschprozeß  ist dort  der Ursprung  der Geldform aus der
       "einfachsten Warenform" 24) längst nicht so klar, wenngleich Marx
       auch in  der "Kritik"  die Wertform  im Sinne  des Ausdrucks  des
       Tauschwerts einer Ware im Gebrauchswert anderer Waren untersucht.
       In einem  Brief an  Engels (der von Göhler nicht zur Kenntnis ge-
       nommen wird)  räumt er  allerdings selbst ein, daß das allgemeine
       Äquivalent bzw.  das Geld in der "Kritik" zu schnell da ist: "Die
       Schwierigkeit der  Entwicklung (der  Geldform aus der einfachsten
       Warenform; d.V.) habe ich in der ersten Darstellung (Duncker) da-
       durch  vermieden,   daß   ich   die   eigentliche   Analyse   des
       W e r t a u s d r u c k s   erst gebe,  sobald er entwickelt, als
       Geldausdruck, erscheint." 25)
       Tatsächlich wird  der Wertausdruck  in der  Kritik erst beim Geld
       als Maß  der Werte und im Zusammenhang mit der Preisform ausführ-
       licher betrachtet (MEW 13, S. 50-52) und ist vorher meist mit der
       Rolle des  allgemeinen Äquivalents  im Austauschprozeß verknüpft.
       Insofern hat  Göhler natürlich  recht, daß  Marx im "Kapital" den
       engen Zusammenhang  zwischen Austauschprozeß  und Wertform  löst.
       Doch was  Göhler Reduktion  der Dialektik nennt, ist für Marx ein
       Zuwachs an "dialektischer Schärfe".
       
       4. Der Gegensatz von dialektischer Schärfe und Verständlichkeit
       ---------------------------------------------------------------
       im Abschnitt über die Wertform
       ------------------------------
       
       Die Frage  ist noch  nicht beantwortet, warum Marx in der 2. Auf-
       lage jene folgenschwere Änderung überhaupt vorgenommen hat. Um es
       klarzustellen: Marx  hat seit  dem "Anhang" die dialektische Ent-
       wicklung des Geldes aus der einfachen Wertform im "Kapital" durch
       eine Entwicklungsgeschichte von Waren- und Geldbildung  n i c h t
       e r s e t z t.   Historisch   e r g ä n z t,   was etwas  anderes
       ist, hatte  er die  begriffliche Entwicklung schon in der 1. Auf-
       lage, und zwar durch einen knappen geschichtlichen Abriß des Aus-
       tauschprozesses vom  Beginn des Warenaustauschs (wo das quantita-
       tive Austauschverhältnis zwischen den Artikeln "zunächst ganz zu-
       fällig" ist  - MEGA  II, 5,  S. 54) bis zum Übergang der Geldform
       auf die  edlen Metalle. Diese historische Skizze bildet gleichsam
       den zweiten  Teil des  Kapitels über den Austauschprozeß; sie un-
       terscheidet sich  in der  2. Auflage  nur stilistisch von der er-
       sten. 26)  Worüber sich  die Interpreten  streiten, ist  aber die
       ganz andere  Frage, ob Marx auch die unmittelbare Wertformanalyse
       historisiert hat.
       Diese These  scheint durch  den Umstand  erhärtet zu  werden, daß
       Marx persönlich  eine ganz  und gar  historisierende Wertformdar-
       stellung verfaßt hat und veröffentlichen ließ. 1875 überarbeitete
       er auf  Bitten W.  Liebknechts den  von dem  sozialdemokratischen
       Agitatoren Johann  Most angefertigten  "populären Auszug aus 'Das
       Kapital' von Karl Marx" für eine zweite Auflage und schrieb dafür
       das erste  Kapitel "Waare und Geld" vollständig um. 27) In seiner
       eigenen Fassung  (Chemnitz 1873) hatte Most, dem das "Kapital" in
       der 1.  Auflage vorlag, den Zusammenhang des Geldes mit den Wert-
       formen überhaupt  nicht -  auch nicht  historistisch - verstanden
       und die  Geldbildung auf eine rein subjektive Tat der Warenbesit-
       zer reduziert:  "Um diesen  Abschätzungsmodus (!) zu vereinfachen
       und in  eine bestimmte  Regel zu  bringen, schließt  man (!) Eine
       Waarenart von  allen anderen  aus, macht dieselbe zum allgemeinen
       Werthmesser, zu Geld." 28)
       Marx schreibt  einen ganz neuen Text und geht dabei weit über die
       Historisierung der  2. "Kapital"-Auflage  (Vorgriff auf die Geld-
       form) hinaus.  Er nimmt  die historische Skizze des Austauschpro-
       zesses aus  dem 2.  Kapitel des  "Kapital" zum  Ausgangspunkt und
       fügt darin  der Sache  (nicht dem Namen nach) die vier Wertformen
       ein, und  zwar ganz  bewußt  als  geschichtliche  Stufen:  "Diese
       Werthform entwickelt  sich nach  und nach aus und mit dem Produc-
       tenaustausch." 29)  Dem zufälligen  Austausch zwischen Tierfellen
       und Salz folgt als "nächst höhere Stufe" der Eintausch aller mög-
       lichen Waren  durch Tierfelle,  die das einzige Tauschprodukt von
       (Marx wird  ganz plastisch)  sibirischen Jägerstämmen sind. Deren
       Tierfelle werden dann im Rahmen des Tauschgebiets zum allgemeinen
       Äquivalent für  diejenigen,  welche  mit  ihnen  Handel  treiben.
       Schließlich geht mit der "Verallgemeinerung des Waarenaustauschs"
       die Rolle des allgemeinen Äquivalents auf Gold über.
       Daraus wie  Backhaus, der diesen Text ebenfalls beurteilt hat, zu
       schließen, daß  "Marx mit  einer solchen  Popularisierung ... den
       Weg zu  einem tieferen  Verständnis seiner  Analyse  hoffnungslos
       versperrt hat",  30) liegt  zumindest nahe; denn vom Geld als dem
       zusammengenommenen Resultat von Entwicklung von Wertform und Aus-
       tauschprozeß ist  nun keine  Spur mehr übrig. 31) Dennoch ist die
       Marxkritik unberechtigt.  Denn sie  stellt nicht in Rechnung, daß
       Marx einen  wesentlichen Unterschied  macht zwischen  s t r e n g
       w i s s e n s c h a f t l i c h e r  und  p o p u l ä r e r  Dar-
       stellung, und zwar eines und desselben Gegenstandes.
       In einem Briefentwurf von 1879 an den nach Most zweiten Populari-
       sator des  "Kapital", Carlo Cafiero, erläutert Marx den Hauptman-
       gel der  Mostschen Auszüge (gemeint ist deren erste Auflage) fol-
       gendermaßen: Die  Auszüge "machen den Fehler, daß sie einen kurz-
       gefaßten und  populären Abriß  des 'Kapitals'  geben wollen, sich
       aber gleichzeitig zu pedantisch an die wissenschaftliche  F o r m
       der Darstellung  halten. Dadurch",  so fährt Marx fort, "scheinen
       sie mir mehr oder weniger ihr Hauptziel zu verfehlen, nämlich auf
       die Öffentlichkeit  einzuwirken, für  die diese  Abrisse bestimmt
       sind." 32)
       In der Popularisierung verlangt derselbe wissenschaftliche Inhalt
       eine verständlichere  Form. Daraus folgt zwangsläufig, daß ihret-
       willen ein  Verlust "dialektischer Schärfe" in Kauf genommen wer-
       den muß.  Um auf die "Öffentlichkeit einzuwirken", hält Marx hin-
       sichtlich der  Wertformentwicklung Engels' Forderung von 1867 für
       berechtigt, "auf  historischem Weg die Notwendigkeit der Geldbil-
       dung" nachzuweisen.  Ihr kommt  er in  den "Auszügen" vollständig
       nach.
       Was er  auf diesem Weg nicht erreicht, ist, das Geld aus der Ent-
       faltung der  inneren Widersprüche  der Ware  in Wertform und Aus-
       tauschprozeß begrifflich  zu begründen.  Was er  aber durch seine
       historisch-illustrative Argumentation  im Unterschied  zu  Johann
       Most zu  verdeutlichen vermag,  ist das,  was auch in der wissen-
       schaftlichen Darstellung  des "Kapital"  das  Haupterkenntnisziel
       der Gelderklärung ist: nämlich der innere notwendige Zusammenhang
       zwischen der  Ware und  dem Geld.  Dieser Kerngedanke  wird  auch
       durch die nichtwissenschaftliche Präsentation dem Leser noch klar
       vermittelt.
       Im  Lichte   dieser  extrem  weit  durchgeführten  Historisierung
       scheint mir die Textveränderung der 2. Auflage des "Kapital" nun-
       mehr erklärbar.  Auf die  "Öffentlichkeit einzuwirken"  war nicht
       nur das  Ziel jenes  populären Auszugs,  sondern auch der wissen-
       schaftlichen Darstellung  des Marxschen Hauptwerks selber. Obwohl
       d e s s e n   angestrebte Öffentlichkeit  nicht die breite Arbei-
       terleserschaft sein  konnte, erforderten  doch gerade  seine  An-
       fangspartien auch  bei stärker  vorgebildeten Lesern  enorme Ver-
       ständnisanstrengungen. Das  sah Marx  1867 voraus, als er sich im
       Vorwort zur  1. Auflage bezüglich des "Abschnitts über die Werth-
       form" vorweg  wegen möglicher  "Schwerverständlichkeit" entschul-
       digte. (MEGA  II, 5,  S. 12)  Sein damaliges Zugeständnis war der
       "Anhang". Er behielt es in der 2. Auflage in Form der Veränderung
       des Haupttextes bei.
       Der wichtigste Schritt war die Mitbehandlung der Geldform bei der
       "Wertform". Offenbar wollte Marx den Stellenwert der Wertformana-
       lyse dem Leser verständlicher machen, indem er sie von Anfang an,
       und das heißt  v o r  dem "Austauschprozeß", als das bezeichnete,
       was sie  - wenn  auch nur indirekt - tatsächlich ist: ein Schritt
       zur Lösung des "Geldrätsels" (MEW 23, S. 62), eine Etappe auf dem
       Weg zur  Erklärung der  Geldform. Den drei ideellen Wertformen im
       gleichen Abschnitt die Geldform folgen zu lassen, ist ja sachlich
       nicht falsch,  zumal die Geldform eine Wertform  i s t.  Unterbe-
       lichtet wurde  durch diesen  Vorgriff notgedrungen,  daß sie real
       erst vom Austauschprozeß hervorgebracht wird. Doch diese Unterbe-
       lichtung ist  notwendiges Opfer  der Marxschen  Verschiebung  auf
       verbesserte Verständlichkeit bzw. erhöhte Wirksamkeit hin. Anders
       gesagt: Die Textänderung im Abschnitt über die Wertform trägt dem
       Umstand Rechnung,  daß "Schärfe  der Dialektik" und Verständlich-
       keit dort nicht deckungsgleich sind. 33)
       Weder innertheoretische  Neueinsichten noch methodologische Unsi-
       cherheit sind  die Gründe  für die  - zweifellos mit viel Bedacht
       vorgenommene - "Historisierung" gegenüber der 1. Auflage. Sondern
       es ging  Marx einzig  um erhöhte  Wirkung seines  Werkes. Wenn in
       diesem Zusammenhang  die 2.  Auflage des "Kapital" öfter als eine
       Marxsche "Weiterentwicklung" bezeichnet wird, sollte genau beach-
       tet werden, worin sie besteht. Ihr Innentitel trägt zwar den Auf-
       druck "Zweite  verbesserte Auflage".  Doch verbessert  oder  wei-
       terentwickelt wurde  nicht -  etwa  infolge  neuer  Forschungser-
       kenntmsse -  die Theorie,  sondern allenfalls  ihre Darstellung -
       die Darstellung in Richtung auf erhöhte Wirkung.
       
       _____
       1) Vgl. zu Engels den Beitrag von W.A. Wasjulin in diesem Band.
       2) Hans-Georg Backhaus,  Materialien zur Rekonstruktion der Marx-
       schen Werttheorie  3, in:  Gesellschaft. Beiträge  zur  Marxschen
       Theorie, Heft 11, 1978, S. 16-117, hier S. 43.
       3) Ebenda, S. 43.
       4) Ebenda, S. 19, 43.
       5) Im vierten Teil der "Materialien" von 1980 formuliert Backhaus
       diese Gedanken  noch weiter  aus. Leider  liegt dieser Text nicht
       gedruckt, sondern  nur in Fotokopie vor. Backhaus' jüngste Publi-
       kationen in  Mehrwert (Heft  25, 1984)  und in  Prokla (Heft  63,
       1986) lassen keinen Schluß auf veränderte Positionen zu.
       6) MEGA II, 5, S. 12.
       7) Engels an Marx, 16. 6. 1867, in: MEW 31, S. 303.
       8) Zum -  bisher unveröffentlichten - Zwischenmanuskript vgl. den
       Beitrag von B. Lietz in diesem Band.
       202
       9) W.P. Schkredow,  Die Wertformanalyse im 1. Band des "Kapital",
       in: Umrisse  zur Geschichte  des "Kapitals", hrsg. v. IML-Moskau,
       Moskau 1983,  S. 249-310  (russ.). Die Gedanken Schkredows führte
       in die  deutschsprachige Literatur  Rolf Hecker  in der  DDR ein.
       Vgl. Rolf  Hecker, Einige  Probleme der  Wertformanalyse  in  der
       Erstausgabe des  "Kapitals" von Karl Marx, in: Arbeitsblätter zur
       Marx-Engels-Forschung 8, Halle (Saale) 1979, S. 76-94.
       10) Vgl. dazu den Beitrag von Kundel/Malysch in diesem Band.
       11) Erfreulicherweise  wird   gerade  das   Verhältnis   zwischen
       "Wertform" und  "Austauschprozeß" mittlerweile in internationaler
       Breite debattiert.  Unvollständig seien als Beispiele nur genannt
       die Arbeiten  von A.  Barreda und B. Gutierrez Z. aus Mexiko, von
       J. Bidet  aus Frankreich,  von G. Göhler und D. Wolf aus der Bun-
       desrepublik (s.u.).  In Japan ist seit dem Abschluß der hervorra-
       genden Quellensammlung  im 15-bändigen  Marx-Lexikon zur  Politi-
       schen Ökonomie  (hrsg. v.  Samezo Kuruma),  darunter 5  Bände zum
       Thema "Geld",  die Fachliteratur dazu, selbst soweit sie ins Eng-
       lische oder Deutsche übersetzt ist, schon unübersehbar geworden.
       12) MEGA II, 5, S. 40.
       13) W.P. Schkredow, a.a.O., S. 263 ("Zabeganije wperjod").
       14) Dieter Wolf ist in seiner Monografie "Ware und Geld" (Hamburg
       1985, S.  208) anderer  Meinung. Ihm  zufolge vermittelt  der Ab-
       schnitt über  den Fetischcharakter zum unbewußten Handeln der Wa-
       renbesitzer hin, die im Austauschprozeß-Kapitel auftreten.
       15) MEW 23, S. 101. MEGA II, 5, S. 53.
       16) Ebenda.
       17) Ebenda.
       18) Ebenda. (Hervorhebung durch d. V.).
       19) Schkredow drückt den Sachverhalt so aus: "Das Verhältnis zwi-
       schen der  Ware in  Kapitel l  und der  Ware in Kapitel 2 ist das
       Verhältnis zwischen  der Ware  als unmittelbare Voraussetzung des
       Austauschprozesses und  der Ware  als Resultat  dieses Prozesses,
       der ideellen  Ware (der  die Geldform  fehlt) und der realen Ware
       (die Geldform angenommen hat)." a.a.O., S. 292 (russ.).
       Nicht zuzustimmen ist allerdings seinem Bild von der Wertformana-
       lyse, wo  sich die  Waren im Zustand der Ruhe befinden, im Unter-
       schied zum  Austauschprozeß, wo sie wechselseitig in Bewegung ge-
       raten sind.  Das Bild  ist für  den Austauschprozeß auf der Stufe
       des zweiten  Kapitels des  "Kapital" unzutreffend. Denn die Geld-
       bildung ist  "nur der erste notwendige Akt dieses Prozesses" oder
       "vorbereitender Prozeß  für die  wirkliche Zirkulation", wie sich
       Marx in  "Zur Kritik"  von 1859 ausdrückt (MEW 13, S. 49). Bisher
       haben wir  mit dem  Geld erst  die reale Austauschbarkeit entwic-
       kelt, aber  noch nicht  den realen Austausch. Dieser ist, wenn er
       als Bewegung  betrachtet wird, immer schon durch Geld vermittelte
       Warenzirkulation (W-G-W), der Gegenstand des 3. Kapitels.
       20) H.-G. Backhaus, Materialien ... 4, a.a.O., S. 64.
       21) Gerhard Göhler,  Die  Reduktion  der  Dialektik  durch  Marx.
       Strukturveränderungen der dialektischen Entwicklung in der Kritik
       der politischen Ökonomie, Stuttgart 1980.
       22) Den Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert der Ware ver-
       sucht D.  Wolf mit  seiner Monografie "Ware und Geld" in der m.E.
       bislang überzeugendsten Weise als durchgängiges Entwicklungsprin-
       zip für  die ersten  drei Kapitel  des "Kapital" nachzuweisen. In
       dieser Hinsicht  muß es als das vorläufig letzte Wort der bundes-
       deutschen Wertdebatte  gelten. Es  nimmt in  meinem Beitrag nicht
       größeren Raum  ein, weil  die Hereinnahme  der Geldform in die 2.
       "Kapital"-Auflage bei Wolf nur eine untergeordnete Rolle spielt.
       23) Vgl. dazu auch D. Wolf, a.a.O., S. 189/190.
       24) Marx an Engels, 22.6.1867, in: MEW 31, S. 306.
       25) Ebenda.
       26) MEGA II, 5, S. 54-56. MEW 23, S. 102-104.
       27) Einzelheiten darüber  führe ich  in dem Kommentar zum Reprint
       des neuaufgefundenen Handexemplars von Karl Marx auf: Kapital und
       Arbeit. Ein  populärer Auszug aus "Das Kapital" von Karl Marx von
       Johann Most. Zweite verbesserte Auflage. Reprint der Originalaus-
       gabe und Kommentar. Hrsg.: Marx-Engels-Stiftung, Wuppertal 1985.
       28) Kapital und Arbeit ..., 1. Auflage, Chemnitz 1873, S. 9.
       29) Kapital und Arbeit ..., Reprint der 2. Auflage, a.a.O., S. 9.
       30) H.-G. Backhaus, Materialien, ... 4, a.a.O., S. 66.
       31) Backhaus geht  an Marx' Intention vorbei, wenn er ihm die ge-
       schilderten Verhältnisse  bei den sibirischen Pelzjägern als eth-
       nologisch und geschichtswissenschaftlich unabgesichert vorwirft.
       32) MEW  34, S.  181. Zum Unterschied zwischen wissenschaftlicher
       und populärer Darstellung vgl. auch den Kommentar zum Reprint von
       "Kapital und Arbeit", a.a.O., S. 20.
       33) Die Bemerkung über die Analyse der Wertform: "Sie ist schwer-
       verständlich, weil die Dialektik viel schärfer ist als in der er-
       sten Darstellung"  (MEGA II,  5, S. 11/12) aus dem Vorwort zur 1.
       Auflage (mit  erster Darstellung  ist die  "Kritik" von  1859 ge-
       meint) strich  Marx nach  ihrer Überarbeitung  in der  2. Auflage
       weg.
       

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