Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       VORWORT
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       Das Werk von Karl Marx und Friedrich Engels bildet in seinem wis-
       senschaftlichen Gehalt  und in seiner praktisch-materialistischen
       Orientierung die  Grundlage des  wissenschaftlichen  Sozialismus.
       Seit seiner  Entstehung und  mit seiner  in Wissenschaft, Politik
       und sozialen  Bewegungen wirkenden Geschichte hat es menschliches
       Wissen erweitert und gesellschaftliche Praxis durch neue Maßstäbe
       geprägt. Ob  Stein des Anstoßes für Gegner oder Vorbild für Gene-
       rationen von  Sozialisten, - es gehört zur wissenschaftlichen und
       politischen Kultur unserer Zeit.
       Im Rahmen  der praktischen  und theoretischen Aneignung des Werks
       ist die historische und systematische Forschung zu seiner Entste-
       hung und  Entwicklung von  großer Bedeutung. In dem Maße, wie die
       Werke, Schriften, Äußerungen und Briefe zum "Werk" vereinigt wer-
       den konnten,  haben sich für die Marx-Engels-Forschung immer wie-
       der neue Aufgabenstellungen ergeben. Mit dem Erscheinen eines be-
       reits heute  beträchtlichen Teils der neuen, erstmals historisch-
       kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe  (MEGA) steht  die Forschung
       erneut vor  erweiterten Möglichkeiten  und Aufgaben, das Werk als
       Gegenstand der Gesellschafts- und Wissenschaftsgeschichte und für
       die Gegenwart  zu erschließen.  Die Forschungslage hat sich durch
       die Veröffentlichung  zahlreicher bisher  nicht bekannter Quellen
       und von  Quellen-Varianten, die den Entstehungsprozeß der Theorie
       genauer nachvollziehbar  machen, verändert.  Die historische  und
       systematische Forschung beginnt sich darauf einzustellen. Für den
       politisch und  wissenschaftlich  Interessierten  sind  die  Fülle
       neuer  Forschungsresultate   und  umfassenden  oder  Details  be-
       leuchtenden Studien und die unterschiedlichen Linien der Beschäf-
       tigung mit dem Marx-Engelsschen Werk in der ganzen Welt kaum mehr
       überschaubar. Unsere  Dokumentation von Forschungsergebnissen und
       zum internationalen Diskussionsstand verfolgt das Ziel, in ausge-
       wählten Schwerpunkten  eine Bilanz zu ermöglichen und zu verdeut-
       lichen, wie  wichtig die  MEGA 2  als Grundlage  eines intensiven
       Studiums des Marx-Engelsschen Werks ist.
       Das vorliegende  Jahrbuch des IMSF setzt einen eindeutigen Akzent
       bei der  Marx-Engels-Forschung; auch  die Geschichte  des wissen-
       schaftlichen Sozialismus muß mit wissenschaftlichen Methoden stu-
       diert werden.  Treten in  diesem Band  praktisch-weltanschauliche
       und politische  Aspekte des  Marxismus hinter solche der histori-
       schen und systematischen Forschung zurück, so bedeutet dies alles
       andere als  ein Dementi  der Notwendigkeit  des Marxismus als Er-
       kenntnis- und  Orientierungsmittel für  die revolutionäre  Praxis
       der Arbeiterklasse  und für  das Überleben  der menschlichen Gat-
       tung. Der  Marxismus ist  Begreifen und  Eingreifen  in  die  ge-
       schichtliche Wirklichkeit. Zu seiner Identität gehört deshalb die
       ständige Offenheit  gegenüber den  neuen Erscheinungen der Reali-
       tät, eine  Offenheit, die  mit der heute vermeintlich notwendigen
       Pluralisierung des  Marxismus zu  "Marxismen" nichts  gemein hat.
       Marx-Engels-Forschung begreift  sich in  diesem Zusammenhang  als
       eine Art  Grundlagenforschung mit  der Aufgabe, durch tiefes gei-
       stiges Durchdringen  aller Seiten  des Werks  den  Marxismus  als
       W i s s e n s c h a f t   der Emanzipation  fundieren zu  helfen.
       Historische Forschung  und systematische  Entfaltung der  Gehalte
       des Werks  sind Voraussetzungen für eine Offenheit für die Anfor-
       derungen unserer  Zeit, die  es nicht  zulassen, auf mit dem Werk
       gegebene Erkenntnismittel zu verzichten.
       Diesem Anspruch widerspricht das zurückgegangene Interesse in un-
       serem Land, und oft wird mit wehem Blick an das Jahrzehnt zurück-
       gedacht, das  auf das  Jahr 1968  folgte. In  der Tat hat die Be-
       schäftigung mit  Marx und Engels - wie in vielen kapitalistischen
       Ländern auch - nicht mehr den gleichen Rückenwind; in intellektu-
       ellen Gruppierungen  und in  der akademischen  Wissenschaft haben
       andere Interessen,  oft nur Moden, heute Vorrang. Und doch meldet
       sich unübersehbar ein neues Interesse am Marxismus und dessen Ge-
       schichte, das  quantitativ geringer, zugleich aber qualitativ so-
       lider nach  Entstehung, Entwicklung und systematischem Gehalt der
       Marx-Engelsschen Theorie fragt. Was Bestand hatte und nachgewach-
       sen ist,  muß sich  am allerwenigsten  wegen  mangelnder  Wissen-
       schaftlichkeit verbergen. Die Forschung hat in der Bundesrepublik
       auf einigen Gebieten hohes Niveau erreicht, nicht zuletzt deshalb
       und in dem Maße, wie sie die wissenschaftlichen Ergebnisse außer-
       halb der  Landesgrenzen wahrnahm  und sich von Voreingenommenheit
       gegenüber Forschungsergebnissen  aus den  sozialistischen Ländern
       freizuhalten vermochte.
       Mit Band  12 der  "Marxistischen Studien"  will das IMSF mehreren
       Bedürfnissen nachkommen:  Es will  einen Beitrag  leisten zur Er-
       schließung der neuen MEGA und zur Vertiefung der Marx-Engels-For-
       schung in  der Bundesrepublik. Dem dienen zahlreiche Aufsätze von
       Forschern aus  der UdSSR und der DDR, dem dienen Arbeiten aus der
       Bundesrepublik zu ausgewählten Bereichen, die eine lebendige Aus-
       einandersetzung mit  Marx und  Engels in unserem Land dokumentie-
       ren. Schließlich  will es  über Tendenzen  der Befassung mit Marx
       und Engels  und mit  dem Marxismus in einigen anderen Ländern in-
       formieren.
       Die 31 Beiträge zur Marx-Engels-Forschung sind zur Hauptsache un-
       ter dem  Titel "Karl  Marx und  Friedrich Engels - Entwicklungen,
       Übergänge, Resultate" zusammengefaßte Spezialarbeiten zur Heraus-
       bildung des  wissenschaftlichen Sozialismus  in der frühen Arbei-
       terbewegung und zur Entwicklung der politischen Ökonomie von Karl
       Marx vom  Jahre 1845 an. Im ersten Teil bilden Aufsätze zur poli-
       tischen Tätigkeit  und zur  philosophisch-weltanschaulichen  Ent-
       wicklung von  Marx und Engels den Schwerpunkt, während im zweiten
       Teil das  Hauptwerk, nämlich das "Kapital" und seine Vorarbeiten,
       das beherrschende Thema ist.
       Den zweiten  Themenblock bilden  unter  der  Rubrik  "Karl  Marx,
       Friedrich Engels, Marxismus - Berichte international" sechs über-
       blickartig abgefaßte  Beiträge über  die Tendenzen der Beschäfti-
       gung mit  Marx, Engels  und dem  Marxismus in Japan, Spanien, Me-
       xiko, Frankreich  und in der Bundesrepublik - verfaßt von Autoren
       aus den jeweiligen Ländern.
       Schließlich werden  unter dem Titel "Biographische Miszellen" das
       wiederentdeckte Archiv der Firma Ermen & Engels sowie ein neuauf-
       gefundener Brief von Karl Marx vorgestellt.
       Außerdem  kann   sich  der   Leser  außerhalb  der  Themensetzung
       "Internationale Marx-Engels-Forschung" über die Arbeit des bulga-
       rischen "Instituts für Sozialtheorien der Gegenwart" informieren.
       Das IMSF  dankt allen  Autoren aus  dem In-  und Ausland für ihre
       Mitarbeit. Von  den Institutionen,  die sich  am Entstehen und an
       Aufsätzen dieses  Bandes beteiligt  haben, gebührt Dank der Marx-
       Engels-Stiftung in  Wuppertal, dem  Karl-Marx-Haus in  Trier, dem
       Engels-Haus in  Wuppertal, dem Amsterdamer Institut für Sozialge-
       schichte und ganz besonders den Instituten für Marxismus-Leninis-
       mus beim  ZK der  KPdSU in  Moskau und  beim ZK  der SED  in Ber-
       lin/DDR.
       Die Planung  für die  beiden nächsten  Jahrbücher sieht  folgende
       Schwerpunkte vor: Bd. 13 (Herbst 1987) "Produktivkraftentwicklung
       - Technik  - Arbeit / Aspekte politischer Kultur in der BRD"; Bd.
       14 (Frühjahr  1988) "Die Französische Revolution. 1789-1989 - Re-
       volutionstheorie heute".
       Eine wichtige Arbeit bei der Fertigstellung des vorliegenden Ban-
       des übernahm  Manuela Jatsch.  Sie führte  umfangreiche redaktio-
       nelle und  technische Arbeiten  durch, die ein solcher Sammelband
       verlangt. Für  die Konzipierung und die Fachredaktion dieses Ban-
       des waren  Hans Jörg  Sandkühler und Winfried Schwarz verantwort-
       lich.
       Benutzungshinweis: Wegen  der größeren  Verbreitung der  Marx-En-
       gels-Werke (MEW) wurden in den Anmerkungen alle MEGA-Veröffentli-
       chungen, die in den MEW bereits enthalten sind, doppelt ausgewie-
       sen. Das "Grundrisse"-Manuskript von 1857/58 wurde außer nach der
       MEGA II,  1.1. und  1.2 nicht nach dem 1985 erschienenen MEW-Band
       42 zitiert,  sondern der größeren Verbreitung wegen unter den ab-
       kürzenden Titel  "Grundrisse" nach  den auf  die Moskauer Ausgabe
       von 1939  und 1941 zurückgehenden Nachdrucken Berlin 1953, Frank-
       furt und  Wien 1967 und Berlin 1974, die alle in den Seitenzahlen
       übereinstimmen.
       
       Frankfurt am Main
       Februar 1987
       
       Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF)
       

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