Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       DAS HISTORISCHE UND LOGISCHE IN DER METHODOLOGIE VON KARL MARX
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       Wiktor A. Wasjulin
       
       In einer  ersten Annäherung  stellt sich das Problem des Histori-
       schen und des Logischen vom marxistischen Standpunkt aus als Pro-
       blem des  Verhältnisses des Denkens zu der in ihm reproduzierten,
       von ihm  abgebildeten Wirklichkeit, d.h. unter dem Logischen wird
       hier das  Denken und  unter dem Historischen die durch das Denken
       abgebildete Wirklichkeit verstanden. Bei einem solchen Herangehen
       ist das  Problem des  Historischen und  Logischen nicht  von  der
       Grundfrage der  Philosophie über  das Verhältnis  zwischen Denken
       und Materie unterschieden.
       Als besonderes Problem erscheint es nur dann, wenn es sich um die
       Darstellung eines bestimmten Entwicklungsprozesses im Denken han-
       delt, ferner  um seine Stadien, vor allem solcher großer Stadien,
       wie des entwickelten, reifen Stadiums dieses Prozesses und seines
       unentwickelten, unreifen Stadiums, seines Werdens.
       Das Problem des Historischen und Logischen besteht in seinen all-
       gemeinen Aspekten wesentlich in dem Problem des Verhältnisses ei-
       nes bestimmten  Entwicklungsprozesses zu  seiner  logischen  Aus-
       drucksform. Dieses  Problem fällt  schon deshalb  nicht  mit  der
       Grundfrage der  Philosophie zusammen,  weil nicht  jede  Bewegung
       Entwicklung ist.  Entwicklung ist  eine besondere  Bewegungsform,
       die sich  im aufsteigenden  Stadium im  allgemeinen vom Einfachen
       zum Komplizierten,  vom Niederen zum Höheren vollzieht und im ab-
       steigenden Stadium  im allgemeinen  vom Höheren zum Niederen, vom
       Komplizierten zum  Einfachen. Zudem  bezieht sich das Problem des
       Historischen und  Logischen als spezifisches Problem jedesmal auf
       einen   b e s t i m m t e n  Entwicklungsprozeß. Im "Kapital" ist
       dies die Frage nach der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie
       und deren Widerspiegelung im Denken.
       In der sowjetischen philosophischen und insbesondere der ökonomi-
       schen Literatur  dominiert bislang  jene Auffassung  vom Histori-
       schen und Logischen, die sich auf die Aussagen von Engels in sei-
       ner Rezension  zu Marx' "Zur Kritik der politischen Ökonomie" so-
       wie im  Vorwort zum  dritten Band  des "Kapitals" stützt. Die An-
       sichten von Marx zu diesem Problem werden faktisch mit den Aussa-
       gen von  Engels identifiziert. 1) Wenn man jedoch den Kontext der
       Arbeiten von  Marx und Engels berücksichtigt und die unterschied-
       lichen konkreten  Ziele im  Blick behält,  die sich  diese großen
       Denker stellten,  so kann  man gewisse Unterschiede in der Formu-
       lierung und Behandlung dieses Problems durch sie bemerken.
       Betrachten wir zunächst jenen Aspekt des Problems, der von Engels
       hervorgehoben wird.
       Das wichtigste Ziel von Engels in der Rezension zu Marx "Zur Kri-
       tik der  politischen Ökonomie"  bestand - was das Historische und
       Logische angeht  - darin,  zu zeigen, daß von den beiden Methoden
       der Kritik  der bürgerlichen  politischen Ökonomie (der logischen
       und der  historischen) die  logische Methode  für Marx die einzig
       annehmbare war. Wie Engels bemerkt, konnte die Geschichte der po-
       litischen Ökonomie  ohne die  Geschichte der bürgerlichen Gesell-
       schaft nicht geschrieben werden, aber "damit würde die Arbeit un-
       endlich, da alle Vorarbeiten fehlen." 2)
       Folglich war  es nicht möglich, die bürgerliche politische Ökono-
       mie überwiegend  und speziell  durch die  historische Methode  zu
       kritisieren, da  die entsprechenden Untersuchungen zur Geschichte
       der bürgerlichen  Gesellschaft fehlten. Und natürlich legt Engels
       den Akzent  auf den  Nachweis, daß  die logische Behandlungsweise
       "in der  That nichts andres als die historische" ist, d.h. er un-
       terstreicht die  E i n h e i t  der logischen Methode mit der hi-
       storischen: "Womit diese Geschichte anfängt, damit muß der Gedan-
       kengang ebenfalls  anfangen,  und  sein  weiterer  Fortgang  wird
       nichts sein  als das  Spiegelbild, in  abstracter und theoretisch
       consequenter Form,  des historischen  Verlaufs;  ein  corrigirtes
       Spiegelbild, aber  corrigirt nach  Gesetzen die der wirkliche ge-
       schichtliche Verlauf  selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment
       auf dem Entwicklungspunkt seiner vollen Reife, seiner Klassicität
       betrachtet werden kann." 3)
       Engels verneint  nicht den  Unterschied zwischen der historischen
       und der  logischen Untersuchungs-  und Darstellungsweise: die hi-
       storische unterscheidet sich von der logischen durch die histori-
       sche Form  und die  störenden Zufälle, durch die Berücksichtigung
       der Sprünge  und der Zickzackbewegungen der Geschichte; die logi-
       sche unterscheidet  sich von  der historischen  hingegen dadurch,
       daß sie  den historischen  Prozeß in korrigierter Form widerspie-
       gelt (wobei  diese Korrekturen den Gesetzen dieses Prozesses ent-
       sprechen), daß  jedes Moment des Prozesses in seiner vollen Reife
       begriffen wird.  Die historische Methode der Kritik der Literatur
       der politischen  Ökonomie könnte  im Vergleich  zur logischen, so
       meinte Engels, im besten Fall nur populärer sein.
       Somit legt  Engels den  Hauptakzent auf  die Einheit von Histori-
       schem und Logischem.
       Beide Methoden  bringen letztlich den - in Gedankenform fixierten
       - Entwicklungsprozeß zum Ausdruck. Beide Methoden vermitteln eine
       adäquate Darstellung des Entwicklungsprozesses nur dann, wenn sie
       als wechselseitige Einheit angewendet werden. In der Tat benötigt
       die logische  Entwicklung des  Denkens die ständige Berührung mit
       dem wirklichen  Gegenstand -  sonst verwandelt  sie sich  in eine
       bloß scholastische Logik. Ihrerseits verwandelt sich die histori-
       sche Methode,  wenn sie von der logischen abgetrennt wird, im we-
       sentlichen in  eine Kollektion  von reinen  Zufälligkeiten, Zick-
       zackbewegungen usw.
       Im Vorwort  zum dritten  Band des "Kapital" hebt Engels in seiner
       Kritik an  P. Fireman  hervor, daß die logische Betrachtungsweise
       den historischen,  wirklichen Prozeß  der Entwicklung  widerspie-
       gelt.
       Wenden wir uns nun jenem Aspekt des Problems des Historischen und
       Logischen zu, der bei Marx im "Kapital" und in den ihm zugehören-
       den ökonomischen  Manuskripten in  den Vordergrund  tritt; danach
       werden wir den ersten und den zweiten Aspekt miteinander verglei-
       chen.
       Die Periode  der eigentlichen  Niederschrift  der  Varianten  des
       "Kapitals" war  eine Periode,  in der  Marx seinen  Gegenstand in
       seinem inneren  Zusammenhang, als  Ganzheit, schon nicht mehr auf
       dem Niveau  einer wissenschaftlichen  Hypothese, sondern  bereits
       auf  dem  Niveau  einer  wissenschaftlichen  Theorie  aufzufassen
       suchte. Die  dominierende Methode  hierbei konnte nur die Methode
       des Aufsteigens  vom Abstrakten zum Konkreten sein, d.h. zum Kon-
       kreten als  einer Einheit von vielfältigen Bestimmungen, zum Kon-
       kreten im Denken. Das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten hat
       eine Abfolge  von Bestimmungen zur notwendigen Voraussetzung. Das
       Problem des  Historischen und  Logischen interessiert Marx in Zu-
       sammenhang mit  der Frage:  In welcher  Abfolge sind die ökonomi-
       schen Kategorien zu begreifen, von welcher Abfolge der Geschichte
       muß man sich hierbei leiten lassen?
       Mit anderen  Worten stellt sich Marx die Frage: Welche Wechselbe-
       ziehungen existieren  zwischen der  Abfolge der Gedanken über den
       jeweiligen Prozeß,  die durch die Methode des Aufsteigens vom Ab-
       strakten zum Konkreten entwickelt werden, und der Abfolge des hi-
       storischen Prozesses? Sind die ökonomischen Kategorien in der Ab-
       folge zu  betrachten, in der die entsprechenden ökonomischen Ver-
       hältnisse   v o r   dem Kapitalismus existierten? Oder in der Ab-
       folge, in der die den ökonomischen Kategorien entsprechenden Ver-
       hältnisse die  entscheidende Rolle  in der  Epoche  der    E n t-
       s t e h u n g   des Kapitalismus  spielten? Oder  in der Abfolge,
       die durch  den Stellenwert  der ökonomischen  Verhältnisse in dem
       bereits entstandenen,   r e i f e n   Kapitalismus diktiert wird?
       Diese Frage  stellt sich deshalb, weil Marx folgendes voneinander
       unterscheidet:   e r s t e n s   den reifen  Gegenstand, der sich
       auf seiner  eigenen Grundlage entwickelt;  z w e i t e n s  seine
       Entstehung, d.h.  den Prozeß  der durch  diesen  Gegenstand  (den
       Kapitalismus) vorgenommenen   U m g e s t a l t u n g  eines qua-
       litativ von  ihm verschiedenen,  ihm vorausgehenden Gegenstandes,
       einer  vorausgehenden   Totalität  (der   feudalen   ökonomischen
       Gesellschaftsformation);  d r i t t e n s  qualitativ voneinander
       verschiedene Gegenstände  als Stufen  (ökonomische Gesellschafts-
       formationen) im  Prozeß der Entwicklung (der Gesellschaft). Diese
       Frage stellt  sich Marx  auch deshalb, weil er den Einfluß dieser
       U n t e r s c h i e d e     auf   die   Abfolge   der   logischen
       Betrachtungsweise zu  berücksichtigen  sucht.  Für  Marx  war  es
       notwendig, für  die Bestimmung  der  i n n e r e n  Struktur, der
       i n n e r e n   Konstruktion der logischen Methode den Akzent auf
       die Präzisierung  der   S p e z i f i k  der historischen Methode
       gegenüber der logischen zu setzen. Für Engels hingegen war es bei
       der Verfolgung  seiner  Zwecke  nicht  erforderlich,  die  innere
       Struktur der logischen Methode zu betrachten; deshalb hat er auch
       den Unterschied  zwischen  der  logischen  und  der  historischen
       Methode  in   einer  allgemeineren,   weniger  gegliederten  Form
       dargelegt, wie im weiteren gezeigt wird.
       Tatsächlich wird  bei Marx die logische Methode, die logische Ab-
       folge nicht mit der historischen Entwicklung einfach in Parallele
       gesetzt. Marx  unterscheidet in der historischen Entwicklung drei
       Seiten, welche die logische Abfolge bestimmen können.
       Die logische  Abfolge ist  eine solche Abfolge in der Betrachtung
       der Seiten  des Gegenstandes, die durch den Ort und die Bedeutung
       dieser Seiten  in dem bereits entwickelten, reifen Gegenstand be-
       stimmt ist. Hier ist der entwickelte, reife Gegenstand das Histo-
       rische im  Verhältnis zu seiner Abbildung im Denken, d.h. zum Lo-
       gischen. Dieses Logische fällt mit dem so bestimmten Historischen
       zusammen und folgt ihm.
       Jene Abfolge  in der  Betrachtung der Seiten des Gegenstands, die
       durch die  Abfolge bestimmt wird, in der die einzelnen Seiten die
       Hauptrolle  spielten,   durch  jenen   Ort,  den   sie   in   der
       E n t s t e h u n g   des Gegenstands einnahmen, ist die histori-
       sche Abfolge.  Und diese    A b b i l d u n g    des  Gegenstands
       stellt sich  als historische gegenüber der anderen, der logischen
       Abbildung des  Gegenstands dar. Aber zugleich ist diese Abbildung
       im Verhältnis zur abgebildeten Abfolge der Seiten des Gegenstands
       im Prozeß  der Entstehung auch Logisches gegenüber jenem, was sie
       abbildet, welches Historisches ist. Bezeichnen wir diese histori-
       sche Abfolge als historische Abfolge erster Art.
       Die Abfolge  in der  Betrachtung der  Seiten des Gegenstands, die
       durch  jene  Abfolge  bestimmt  ist,  in  der  diese  Seiten  die
       Hauptrolle spielten, durch jenen Ort, den sie in den einander ab-
       lösenden Stufen  (hier in den ökonomischen Gesellschaftsformatio-
       nen) des  Entwicklungsprozesses (hier  der  Gesellschaftsentwick-
       lung) einnahmen,  ist ebenfalls  eine historische Abfolge im Ver-
       hältnis zur  ersten der  betrachteten Abfolgen. Aber zugleich ist
       sie eine  Abbildung der Abfolge von Seiten qualitativ verschiede-
       ner Stufen,  und diese Abbildung stellt sich als Logisches gegen-
       über der  abgebildeten dritten  der betrachteten Abfolgen des re-
       alen historischen  Prozesses dar. Bezeichnen wir diese dritte Ab-
       folge des  realen historischen  Prozesses als historische Abfolge
       zweiter Art.
       Wovon ließ  sich Marx  bei der Auswahl der logischen Abfolge lei-
       ten?
       Gegenstand der Betrachtung von Marx im "Kapital" ist die moderne,
       reife bürgerliche Gesellschaft.
       "Wir haben  es aber  hier mit  der gewordnen,  auf  ihrer  eignen
       Grundlage sich  bewegenden bürgerlichen Gesellschaft zu thun", 4)
       schreibt Marx  in dem  ökonomischen Manuskript von 1857-1858, dem
       Rohentwurf des  "Kapitals". Und  an anderer  Stelle dieses  Manu-
       skripts heißt es: "Wie überhaupt bei jeder historischen, socialen
       Wissenschaft, ist  bei dem Gang der ökonomischen Categorien immer
       festzuhalten, daß,  wie in der Wirklichkeit, so im Kopf, das Sub-
       jekt, hier  die moderne bürgerliche Gesellschaft gegeben ist, und
       daß die Categorien daher Daseinsformen, Existenzbestimmungen, oft
       nur einzelne  Seiten dieser  bestimmten Gesellschaft, dieses Sub-
       jekts ausdrücken,  und daß  sie  daher    a u c h    w i s s e n-
       s c h a f t l i c h   keineswegs da  erst anfängt, wo nun von ihr
       als solcher  die Rede  ist. Dieß ist festzuhalten, weil es gleich
       über die Eintheilung entscheidendes zur Hand giebt." 5)
       Wodurch wird also die Abfolge in der Betrachtung der ökonomischen
       Kategorien bestimmt?  "... ihre  Reihenfolge (ist) bestimmt durch
       die Beziehung,  die sie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft
       auf einander haben ..." 6)
       Marx beweist  im ökonomischen  Manuskript von  1857-1858, daß "es
       unthubar und  falsch (wäre),  die ökonomischen  Categorien in der
       Folge auf  einander folgen  zu lassen,  in der sie historisch die
       bestimmenden waren." 7) Tatsächlich können entwickeltere Verhält-
       nisse historisch  vor der  Bildung einfacherer  Verhältnisse exi-
       stieren. Zum Beispiel können Kooperation, entwickelte Arbeitstei-
       lung auch  dort existieren, wo es kein Geld gibt. 8) Das einfache
       Verhältnis erreicht seine höchste Entwicklung in einer entwickel-
       teren Form  des Prozesses.  So durchdringt  das Geld alle Sphären
       des gesellschaftlichen Lebens erst unter der Herrschaft der kapi-
       talistischen Produktionsweise.  In allen früheren gesellschaftli-
       chen Verhältnissen  erfaßte das  Geldwesen "nie das Ganze der Ar-
       beit". 9) In den angeführten Beispielen figuriert die historische
       Abfolge zweiter  Art. Hierbei  fällt sie  nicht mit der logischen
       Abfolge zusammen,  bei der  die einfacheren  Verhältnisse vor den
       komplizierteren untersucht  werden müssen.  Marx führt  auch Bei-
       spiele für  eine Nichtübereinstimmung  zwischen der  historischen
       Abfolge erster  Art und der logischen Abfolge an. Im Rahmen einer
       im  engeren  Sinne  historischen  Untersuchung  des  Kapitalismus
       (oder, mit  anderen Worten, einer Untersuchung der Entstehung des
       Kapitals) müßten  vor allem seine historischen Vorbedingungen und
       Voraussetzungen charakterisiert  werden, zum  Beispiel die Flucht
       der Leibeigenen  in die Städte. Im bereits existierenden Kapital,
       das durch  seine eigene  Bewegung die Bedingungen seiner Existenz
       setzt, verschwinden  die historischen Voraussetzungen seiner Ent-
       stehung. 10)  In der  von den bürgerlichen Ökonomen vorgenommenen
       Gleichsetzung der Entstehungsbedingungen des Kapitals mit den Be-
       dingungen seiner  Existenz sieht  Marx eine  der methodologischen
       Wurzeln für  die Betrachtung  des Kapitalismus  als einer ewigen,
       unhistorischen Produktionsform. 11)
       Leicht einsichtig  ist der   e n t s c h e i d e n d e   Umstand,
       daß die Abfolge der logischen Betrachtung durch den Platz und die
       Rolle der  Momente gerade  und ausschließlich  des reifen  Gegen-
       stands oder  Prozesses bestimmt wird und keineswegs dadurch, wel-
       chen Ort  diese Momente vor der Bildung des Gegenstands oder Pro-
       zesses, wie er sich auf seiner eigenen Grundlage entwickelt, ein-
       nahmen und  welche Rolle  sie hier spielten. Denn wenn der Gegen-
       stand sich entwickelt und auf jeder Stufe seiner Entwicklung eine
       spezifische innere  Einheit vielfältiger Momente bildet, so nimmt
       jedes dieser  Momente in  den verschiedenen  Stadien einen unter-
       schiedlichen, für  das jeweilige  Stadium spezifischen  Platz ein
       und spielt  eine spezifische Rolle im Vergleich zu jener Rolle in
       anderen Stadien der Entwicklung des Gegenstands oder in einem an-
       deren Gegenstand  oder im  Vergleich zu Rolle und Ort der Momente
       im Prozeß  des Übergangs von einer qualitativ bestimmten Stufe zu
       einer anderen qualitativ bestimmten Stufe.
       Somit gliedert  Marx bei der Betrachtung der inneren Struktur der
       logischen Methode  auch die historische Abfolge in mehrere Abfol-
       gen, während  Engels das Historische in seinem allgemeinen, unge-
       gliederten Aspekt  betrachtet. Das  Ziel, das  er sich in der er-
       wähnten  Rezension  stellte,  rechtfertigte  völlig  ein  solches
       Herangehen.
       Die einfache  Warenproduktion ist  eine Produktion,  die auch vor
       der Entstehung  des Kapitals  existiert. Marx ist der Auffassung,
       daß die Abfolge der Betrachtung der ökonomischen Kategorien durch
       die Beziehung  bestimmt wird,  die sie  "in der   m o d e r n e n
       bürgerlichen Gesellschaft  auf einander  haben", 12)  d.h. in der
       reifen bürgerlichen Gesellschaft.
       Marx geht nicht von den  h i s t o r i s c h e n  Voraussetzungen
       der bürgerlichen Gesellschaft aus, sondern, wie er selbst bemerkt
       (diese Zitate  haben wir bereits angeführt), von der bürgerlichen
       Gesellschaft, wie  sie sich  auf ihrer  eigenen Grundlage entwic-
       kelt, wenn  die  h i s t o r i s c h e n  Voraussetzungen bereits
       verschwunden sind. Tatsächlich beginnt Marx nicht mit der kapita-
       listisch modifizierten  Ware in dem Sinne, daß er zu Beginn nicht
       das Warenkapital,  sondern die  Ware betrachtet.  Aber Marx nimmt
       die kapitalistisch modifizierte Ware in dem Sinne, daß in den er-
       sten Kapiteln des "Kapitals" die Ware, in ihrer Existenz als ein-
       fache Ware,  Ware der kapitalistischen und nicht der vorkapitali-
       stischen Gesellschaft  ist. Marx  fixiert  die    e i n f a c h e
       Ware der   k a p i t a l i s t i s c h e n   Gesellschaft. Gerade
       der Umstand,  daß es  sich um  die einfache Ware der kapitalisti-
       schen Gesellschaft handelt, bestimmt auch den Charakter ihrer Un-
       tersuchung wie ihren Platz im System der ökonomischen Kategorien.
       Marx bemerkt  selbst, daß  er im  "Kapital" mit der Ware beginnt,
       die im  "Detailhandel ...  des   b ü r g e r l i c h e n  Lebens"
       zirkuliert,  in   einer  Bewegung,  die  an  der  Oberfläche  der
       b ü r g e r l i c h e n  Welt vorgeht. 13)
       Ein Zugang, bei dem innerhalb des Historischen nicht zwischen den
       verschiedenen historischen  Abfolgen unterschieden wird, ist aus-
       reichend für  eine allgemeinste  Charakteristik des  Historischen
       und Logischen;  er reicht  jedoch nicht aus, wenn in der Untersu-
       chung und Darstellung die Aufdeckung der inneren Struktur der lo-
       gischen bzw. der historischen Methode wichtig wird.
       Weiter. Die  tiefste Erforschung  des Entwicklungsprozesses  wird
       erreicht, wenn  ein reifes, entwickeltes Stadium dieses Prozesses
       gegeben ist. Wenn bereits der Übergang zur Untersuchung der inne-
       ren Struktur  des reifen  Stadiums eine differenziertere Betrach-
       tung des Historischen erfordert als bei einer allgemeinen Charak-
       teristik des  reifen Stadiums,  so  gewinnen  die  Spezifik,  die
       Struktur der  historischen Methode  eine noch  größere Bedeutung,
       wenn auf der Grundlage der Erkenntnis des reifen Stadiums die Er-
       kenntnis der  Vergangenheit entwickelt wird. Das Studium des Pro-
       zesses, der  das Stadium der Reife erreicht hat, ist mit dem Sta-
       dium der  Reife zu  beginnen. "Die  Anatomie des Menschen ist ein
       Schlüssel zur  Anatomie des  Affen. Die Andeutungen auf Höhres in
       den untergeordnetren  Thierarten können  dagegen  nur  verstanden
       werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist". 14) Die Andeu-
       tungen auf  das Höhere in einem weniger entwickelten Stadium kön-
       nen deshalb  nicht  verstanden  werden,  weil  diese  Andeutungen
       selbst zufälligen  Charakter tragen, noch nicht zur Notwendigkeit
       der Entwicklung geworden sind. Und bei einer Untersuchung der un-
       teren Stufe unter dem Blickwinkel einer höheren Stufe besteht die
       große Gefahr,  daß die vorangegangenen Entwicklungsstufen nur als
       Vorbereitungsetappen gerade  und ausschließlich  für jene  höhere
       Stufe behandelt  werden. In  diesem Falle wird vergessen, daß die
       vorangehenden Stufen sich qualitativ von der höheren Stufe unter-
       scheiden, daß  die Momente dieser Stufen auf der höheren Stufe in
       veränderter Form aufgehoben werden können. Gerade eine solche lo-
       gische Beschränktheit  ist für  bürgerliche Ökonomen  charakteri-
       stisch, die "alle historischen Unterschiede verwischen und in al-
       len Gesellschaftsformen die bürgerlichen sehen". 15)
       Damit die  Gegenwart es erlaubt, die Vergangenheit in ihrer Viel-
       fältigkeit wahrzunehmen  und nicht nur als eine Stufe hin zu sich
       selbst, muß die Gegenwart selbst als transitorisch begriffen wer-
       den. Bei  einer adäquaten  Betrachtung des Gegenstandes, der sich
       auf seiner  eigenen Grundlage  entwickelt, tritt  dieser als sich
       selbst negierender  und als  die historischen Voraussetzungen für
       einen entwickelteren  Gegenstand schaffender  Gegenstand  in  Er-
       scheinung. Die  Untersuchung des  Vergangenen, das vor der gegen-
       wärtigen Stufe  existierte, vom  Standpunkt eines  richtigen Ver-
       ständnisses der Gegenwart aus, stellt eine besondere Arbeit dar -
       "eine Arbeit  für sich,  an die  wir hoffentlich auch noch kommen
       werden", 16) schreibt Marx 1857/1858.
       Was Marx  bei der  Lösung des Problems des Historischen und Logi-
       schen vollbrachte,  ist gewaltig. (In einem kurzen Aufsatz können
       nur die  Konturen des  Beitrags von Marx zur Formulierung und Lö-
       sung dieses  Problems umrissen werden.) In dem Maße, wie sich die
       Gesellschaft und die Anhäufung wissenschaftlicher Kenntnisse ent-
       wickeln, ist  eine weitere Ausarbeitung dieses Problems erforder-
       lich.
       
       Übersetzung: Gert Meyer.
       
       _____
       1) Vgl. ausführlicher:  W.A. Wasjulin, Für einen historischen Zu-
       gang zum  Problem des Historischen und Logischen (russ.), in: Fi-
       losofskie nauki, Jg. 1963, Nr. 2.
       2) MEGA II, 2, S. 253. MEW 13, S. 475.
       3) Ebenda.
       4) MEGA II, 1.1, S. 175. Grundrisse, S. 164.
       5) MEGA II, 1.1, S. 41. Grundrisse, S. 26/27.
       6) MEGA II, 1.1, S. 42. Grundrisse, S. 28.
       7) Ebenda.
       8) MEGA II, 1.1, S. 38. Grundrisse, S. 23.
       9) MEGA II, 1.1, S. 38. Grundrisse, S. 24.
       10) MEGA II, 1.2, S. 368-369. Grundrisse, S. 363-364.
       11) MEGA II, 1.2, S. 369. Grundrisse, S. 364.
       12) MEGA II, 1.1, S. 42. Grundrisse, S. 28 (Herv. v. Verf.).
       13) MEGA II, 1.1, S. 174. Grundrisse, S. 163 (Herv. v. Verf.).
       14) MEGA II, 1.1, S. 40, Grundrisse, S. 26.
       15) Ebenda.
       16) MEGA II, 1.2, S. 369. Grundrisse, S. 365.
       

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