Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       ELEMENTARE MÄNGEL IN DER TRADITIONELLEN REZEPTION
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       DER MARXSCHEN FORM-ANALYSE
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       Bemerkungen anläßlich von Band 12 der Marxistischen Studien
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       "Internationale Marx-Engels-Forschung"
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       Hans-Georg Backhaus
       
       Die Marxsche  These, daß, wenn "selbst gute Köpfe die Sache nicht
       ganz richtig  begriffen" -  hier seine Werttheorie in der Fassung
       von 1859  -  "etwas  Mangelhaftes  an  der  ...Darstellung  sein"
       (31/534) *)  müsse, blieb  in der  marxistischen  Orthodoxie  bis
       heute durchweg  unbeachtet; statt dessen tendierte man zu der An-
       sicht, daß  Marx bei  seinen wiederholten  Bearbeitungen zu immer
       präziseren Darstellungen des Wertphänomens gelangt sei. Diese Un-
       terstellung führte  folgerichtig dazu, daß sich die traditionelle
       Rezeption und  Kritik nahezu ausschließlich an den Text der zwei-
       ten, im  1. Kapitel  historisierten, Ausgabe  des   K a p i t a l
       gehalten hat.
       Die intensive  Beschäftigung mit  dem   R o h e n t w u r f  seit
       Mitte der  60er Jahre führte bekanntlich zu der wohl erstmals von
       Helmut Reichert  angedeuteten Auffassung, daß das Verständnis der
       "einfachen   Z i r k u l a t i o n"   als "einfache  Waren p r o-
       d u k t i o n"   durch den späten Engels als eine verhängnisvolle
       Fehlinterpretation  zu   beurteilen  sei;  man  gelangte  zu  der
       Überzeugung, daß nicht bloß nach einem halben, sondern sogar nach
       einem ganzen  Jahrhundert im Hinblick auf das erste Kapitel, aber
       auch auf  die Methode  generell, "keiner  von den  Marxisten Marx
       begriffen" hatte.
       Tatsächlich zeichnet  sich die traditionelle Rezeption nicht bloß
       durch eine historistische Fehldeutung der "logischen Entwicklung"
       aus, sondern  ebenso durch  eine Reihe innermarxistischer Kontro-
       versen über  Grundbegriffe und  vor allem über das Verhältnis von
       Wert- und  Geldtheorie; so  erwies sich  die Orthodoxie als unzu-
       länglich gerüstet,  die grundbegriffliche, insbesondere werttheo-
       retische Haltlosigkeit des geldtheoretischen Nominalismus, wie er
       im Anschluß  an Hilferding  und Varga  auch heute  noch vertreten
       wird, umfassend darzulegen.
       Die mangelhafte Verteidigung verweist auf eine mangelhafte Aneig-
       nung der  Marxschen Texte  durch die  Orthodoxie. So  mußte  sich
       diese seitens eines nicht-marxistischen Interpreten die Feststel-
       lung gefallen lassen, daß die "dialektische Entwicklung" des Aus-
       tauschprozesses -  "fast schon  ein Paradigma  von  Dialektik"  -
       "noch  nicht  einmal  in  Ansätzen"  1)  untersucht  worden  ist;
       tatsächlich klafft in den orthodoxen Lehrbüchern hinsichtlich des
       einschlägigen Textes,  des 2.  Kapitels, gähnende  Leere, es wird
       schlicht übergangen;  referiert werden Theoreme des 1. und 3. Ka-
       pitels, das 2. scheint nicht zu existieren: Orthodoxe Interpreten
       selektieren Marxsche  Texte demnach kaum minder als revisionisti-
       sche; Orthodoxie  ist in  der 120jährigen  Wirkungsgeschichte des
       K a p i t a l   hinsichtlich der  Marxschen Wert- und Geldtheorie
       immer nur  Anspruch geblieben;  so bleibt sie bis heute eine Ant-
       wort auf die Frage schuldig, was es mit den "dialektischen Sachen
       aus der  Geldtheorie pp." (32/252) und generell mit dem Marxschen
       Versuch auf sich hat "at applying the dialectic method to Politi-
       cal Economy" (31/379).
       Wenn aber  selbst Engels  jene "dialektischen Sachen" wieder ver-
       gaß, die  er, wie aus seinem  K o n s p e k t  zum  K a p i t a l
       hervorgeht, zumindest  ansatzweise begriffen haben mußte, so wird
       klar, daß  die mangelhafte  Aneignung und  Verteidigung durch die
       "guten Köpfe"  auf "etwas  Mangelhaftes an  der Darstellung" ver-
       weist -  nicht bloß in der ersten Darstellung der Werttheorie von
       1859, sondern auch in der letzten von 1872/73.
       Die mangelhafte  Aneignung der  Texte erschwerte  aber nicht bloß
       die  innermarxistische  Klärung  der  werttheoretischen  Grundbe-
       griffe, sie  schwächte auch den offensiven Anspruch der Marxschen
       Theorie als  einer "Kritik  der politischen  Ökonomie": Nirgendwo
       ist gezeigt  worden, inwiefern  das 1.  Kapitel als  eine  K r i-
       t i k   "der" Werttheorien bürgerlicher Observanz konzipiert wor-
       den ist:  nicht bloß  der klassischen,  sondern auch  der vulgär-
       ökonomischen, d.h.  der  subjektiven  Werttheorie.  Die  Marxsche
       Theorie vermag  ihren Anspruch  als Kritik  "der" Ökonomie,  also
       auch der  heutigen, nur gerecht zu werden, wenn sich zeigen läßt,
       daß schon  die Form-Analyse der einfachen Zirkulation eine Kritik
       der neoklassischen  und  neoricardianischen  Preistheorie  impli-
       ziert; ihre  Bedeutung reduzierte  sich sonst auf eine Kritik der
       vor-"modernen" Werttheorie  und Ökonomie überhaupt. Inwiefern ist
       nun aber  in der  Marxschen Werttheorie  eine Kritik selbst jener
       Preistheorie vorweggenommen,  die  sich  als  "wertbegriffsfreie"
       scheinbar apriori  jeder  werttheoretischen  Thematisierung  ent-
       zieht? Die orthodoxen Verteidiger halten auch hier keine überzeu-
       gende Antwort  parat. Man wird daher folgern müssen: Entweder ist
       die Marxsche  Theorie tatsächlich  überfordert,  diese  kritische
       Leistung erbringen  zu können;  oder das  kritische Potential ist
       vorhanden, aber der "Darstellung" haftet auch hier "etwas Mangel-
       haftes" an;  in dem einen wie in dem ändern Fall ist die Position
       der traditionellen Orthodoxie nicht mehr haltbar.
       Tatsächlich läßt  sich ihr  auch hier  ein gewichtiges Versäumnis
       nachweisen; freilich ist nicht bloß in der orthodoxen, sondern in
       der traditionellen  Rezeption und Kritik überhaupt dies übersehen
       worden,  daß   die  Marxsche   Wert-und  Geldtheorie   als   eine
       "K r i t i k     d e r    ö k o n o m i s c h e n    K a t e g o-
       r i e n"   (29/550) konzipiert  worden ist.  Dem  Unvermögen  der
       Orthodoxie, die  Werttheorie als  eine Kritik der klassischen und
       subjektiven  Werttheorie  zu  rezipieren,  liegt  ihre  mangelnde
       Einsicht zugrunde,  daß eine  solche  in  der  "Kritik  der  öko-
       nomischen Kategorien"  zu fundieren  ist. Werttheorie  qua Kritik
       unterscheidet sich  also prinzipiell  von der  bürgerlichen Wert-
       theorie qua  Preistheorie. Es  müßte sich dann zeigen lassen, wie
       letztere in  der ersteren "aufgehoben", nämlich in ihren unklaren
       Intentionen  und   unreflektierten  "Voraussetzungen"  über  sich
       selbst aufgeklärt  wird; allein  so ließe  sich der  überzeugende
       Nachweis führen, daß sich die Marxsche Werttheorie immer schon im
       Rücken ihres  Gegners befindet und ungeachtet alles "Mangelhaften
       an der  Darstellung" eine  Alternative gar  nicht zur  Diskussion
       stehen kann, vielmehr alle Bemühungen um eine solche, wie im Fall
       des Neoricardianismus,  hinter das  von Marx erreichte Niveau der
       Problemstellung und Argumentation zurückfallen müssen.
       Voraussetzung für die volle Ausschöpfung des Marxschen Argumenta-
       tionspotentials im Kontext einer umfassenden Rekonstruktion - sie
       ist nur  als Resultat einer kollektiven Anstrengung vorstellbar -
       ist die wissenschaftliche Distanzierung der Marxschen Texte, die,
       wie  Alexander   N.  Jakowlew   trefflich   konstatierte,   einer
       "Kanonisierung" unterlagen  und eine "religiöse Ehrfurcht vor den
       Dogmen" 2)  auch die theoretische Entwicklung lahmte. Eine Rekon-
       struktion fordert  freilich zunächst einmal ein Auseinandernehmen
       der Texte,  eine Destruktion der Theorie, bevor sie sich in neuer
       Form wieder  zusammensetzen läßt;  es versteht  sich, daß mit der
       MEGA-Edition eine solche Arbeit auf die Tagesordnung gesetzt ist.
       In  dem  jüngsten  Beitrag  von  Winfried  Schwarz,  3)  der  der
       "Diskussion um die 'Historisierung' der Wertformanalyse" gewidmet
       ist, akzeptiert  der Autor eine meiner Grundthesen über den - wie
       ich formulierte  - "esoterischen"  Gehalt  der  Formanalyse,  der
       durch die "exoterische" Historisierung in der 2. Ausgabe unkennt-
       lich geworden  ist; dabei suchte ich mit einer freilich problema-
       tischen Formulierung  den kritischen  Gehalt der  Marxschen Wert-
       theorie als  "Kritik prämonetärer  Werttheorien" zu kennzeichnen:
       Eine wesentliche  Konsequenz der ursprünglichen Fassung der Form-
       Analyse in  der 1.  Ausgabe des  Kapital bestünde nämlich in dem,
       was ich  das   "S c h e i t e r n   des prämonetären  Austauschs"
       nannte; sofern  nun der "prämonetäre" Produktentausch den bürger-
       lichen Naturaltauschmodellen als Paradigma bürgerlicher Wert- und
       Geldtheorie zugrundeliegt,  ist mit dem Nachweis des "Scheiterns"
       dieses Austauschs  jene Theorie  formanalytisch  destruiert;  man
       könnte  auch   so  formulieren,   daß  in  der  Form-Analyse  der
       "prämonetäre" Austausch  sich als  ein "prävalorer" enthüllt: die
       "prämonetären" Waren  "stehn sich daher überhaupt nicht gegenüber
       als  Waren,   sondern  nur   als  Produkte  oder  Gebrauchswerte"
       (23/101); die  Konstruktion der  bürgerlichen  oder  prämonetären
       Tauschtheorie muß also scheitern.
       Es war  aber nicht  bloß zu zeigen, daß und wie die Wertform-Ana-
       lyse unreflektierte  Voraussetzungen der  bürgerlichen Wert-  und
       Geldtheorie aufdeckt  und destruiert;  meine 1979 verfaßte Arbeit
       wollte vielmehr  ähnlich der  fast gleichzeitig entstandenen Göh-
       lerschen Untersuchung einen ersten Beitrag zur Klärung des 2. Ka-
       pitels leisten; es war daran zu erinnern, daß das Verständnis des
       1. Abschnitts als ein "dialektisch Gegliedertes" (31/132) und da-
       mit generell der "dialektischen Entwicklungsmethode" (31/313) des
       Kapital sich  wesentlich in  dem Versuch bewähren muß, den weißen
       Fleck der orthodoxen Rezeption, die Lücke zwischen dem 1. und dem
       3. Kapitel füllen zu können. Tatsächlich weist das 1. Kapitel der
       2. Ausgabe  nicht mehr über sich hinaus; es erscheint als ein ab-
       geschlossenes Ganzes;  so können  denn auch  "Einführungen in das
       Kapital" geschrieben werden, die sich ausschließlich dem 1. Kapi-
       tel zuwenden,  das in  der 1.  Ausgabe noch  gar  nicht  als  ein
       scheinbar separat  verständliches Kapitel  konzipiert worden war,
       sondern bloß  als 1. Teil des  ü b e r g r e i f e n d e n  Kapi-
       tels "Ware und (!) Geld". Aus dem 1. Teil wurde in der 2. Ausgabe
       das l.  Kapitel  "Die  Ware"  und  aus  dem  1.  Kapitel  der  1.
       A b s c h n i t t  "Ware und Geld" der 2. Ausgabe.
       Damit waren  schon von der veränderten Gliederung her der Fehlin-
       terpretation Tür  und Tor geöffnet. Wie sehr hingegen von der ur-
       sprünglichen Gliederung her ein adäquates, ein dialektisches Ver-
       ständnis der  Werttheorie nahegelegt  wurde, zeigt  das 1867 ver-
       faßte Engelssche   K o n s p e k t  zum Kapital: jenem Stoff, der
       später den  Inhalt des  1. Kapitels ausmachen sollte, gibt Engels
       eigenwillig  die   treffliche  Überschrift  "I.    W a r e    a n
       s i c h"  (16/245).
       Hier wurde schon am Eingang der Marxschen Waren-Analyse gleichsam
       ein Warnzeichen aufgerichtet, den Inhalt des späteren 1. Kapitels
       keinesfalls als  einen in  sich  abgeschlossenen  mißzuverstehen:
       Vielmehr ist  das, was  bloß "an sich" existiert, "noch nicht ge-
       setzt"; die  bloß "an  sich" seiende Ware ist eine unfertige, be-
       grifflich unterbestimmte,  die so  nicht "wirklich"  ist. Es wird
       klar, daß  sie einer  "Fortbestimmung" bedarf, also auch die Kon-
       struktion eines  "Austauschprozesses" solch  "an sich"  seiender,
       prämonetärer Waren  Widersprüche  implizieren,  "scheitern"  muß.
       Bloß an  sich seiende  Bestimmungen sind auch nicht im Bewußtsein
       der Tauschpartner;  die "Substanz" des Werts ist folglich als "an
       sich oder  bloß für  uns" qua  Analytiker existierende Bestimmung
       lediglich ein "immanentes Maß", das den Austauschenden nur in ei-
       ner fortbestimmten, nämlich "verkehrten" Form bewußt wird. Es war
       ein Warnschild  nicht allein  gegen eine historizistische Fehlin-
       terpretation errichtet  worden, sondern auch dagegen, das Kommen-
       surabilitätsargument als  ein subjektives  Raisonnement mißzuver-
       stehen -  man denke  nur an die Fehlinterpretation Werner Beckers
       und anderer analytisch orientierter Marx-Kritiker.
       Der tiefere  Grund dafür, daß das 1. Kapitel nicht mehr über sich
       hinausweist und  sich daher  nicht mehr  als Darstellung bloß "an
       sich oder  für uns"  seiender Bestimmungen  der Ware  zu erkennen
       gibt, besteht  in der  Ersetzung des  Abschnitts "Form  IV" (MEGA
       II/5, S.  43) durch "D) Geldform" (23/84). Die "Form IV" ist eine
       paradoxe, nämlich sich selbst aufhebende Form: Diese Verallgemei-
       nerung der  Form II  führt dazu,  daß alle Waren "sich selbst von
       der  gesellschaftlich  gültigen  Darstellung  ihrer  Werthgrößen"
       (MEGA, a.a.O.)  ausschließen; was  kann dies  anderes heißen  als
       dies, daß  - wie  es auf der 3. Seite des 2. Kapitels auch der 2.
       Ausgabe heißen  sollte -  die Waren  sich nicht  mehr als solche,
       sondern bloß  als "Produkte"  gegenüberstehn. Mit der Tilgung der
       paradoxen Form  IV in  der Zweitausgabe  war der  Anschluß dieser
       Überlegung des  2. Kapitels  an die logische Konsequenz der Form-
       Analyse des 1. Kapitels, nämlich die Selbstaufhebung der prämone-
       tären Wertform, uneinsichtig geworden.
       Will  man  nun  den  Versuch  unternehmen,  die  von  Göhler  als
       "emphatische Dialektik" charakterisierte Darstellung der aporeti-
       schen Struktur  des prämonetären  "Austauschprozesses" zu  rekon-
       struieren, damit  die "dialektische  Entwicklungsmethode" des  1.
       Abschnitts, so  hat man  damit zu  beginnen, sich zunächst einmal
       über die  Eigentümlichkeit des  Beweisziele der  Form-Analyse  zu
       verständigen,  sowie   über  den   Kerngedanken  der      Beweis-
       s t r u k t u r;   nur von  der Bestimmung  des  Beweis z i e l s
       her läßt  sich auch  die umstrittene  Frage diskutieren,  ob  die
       Neufassung der  Form-Analyse in  der 2.  Ausgabe als Verbesserung
       oder vielmehr als Vulgarisierung zu begreifen ist.
       Winfried Schwarz  verneint nun  meine These,  daß mit der Vertau-
       schung von  "Form IV" und "Geldform" sowie mit der Historisierung
       der Form-Entwicklung  Marx  ein  Mißgriff  unterlaufen  ist:  das
       "Haupterkenntnisziel der  Gelderklärung ...  nämlich  der  innere
       notwendige Zusammenhang  zwischen der  Ware und dem Geld", dieser
       "Kerngedanke" bliebe  "dem Leser  noch klar vermittelt" 4) - eine
       erstaunliche Behauptung  angesichts  der  wirkungsgeschichtlichen
       Tatsache, daß die Hilferding-Varga-Schule diesen Zusammenhang als
       akzidentell begreift;  erstaunlich auch hinsichtlich des Unvermö-
       gens der  Orthodoxie, die "emphatische Dialektik" des 2. Kapitels
       herauszuarbeiten; erstaunlich schließlich im Hinblick darauf, daß
       die durch die Veränderung hervorgerufene  V e r w e c h s l u n g
       von  "an   sich  oder   für  uns"   seienden   Bestimmungen   mit
       "g e s e t z t e n",   "w i r k l i c h e n"  nicht bloß die ana-
       lytischen Fehlinterpretationen der Wert-Ableitung zu verantworten
       hat, sondern vermutlich auch das Vergessen dessen, was Engels als
       die "dialektischen  Sachen aus  der Geldtheorie  pp."  bezeichnet
       hatte, womit  er zu  jenem Zeitpunkt,  also 1869, zumindest ober-
       flächlich vertraut gewesen sein mußte.
       Tatsächlich ist  der Überarbeitung  selbst die  Charakterisierung
       des Zusammenhangs von Form und Substanz als "innerer notwendiger"
       (MEGA II/5,  S. 43) zum Opfer gefallen, die in der traditionellen
       Rezeption denn  auch niemals thematisiert worden ist. Es ist auch
       nicht eindeutig  auszumachen,  was  die  traditionelle  Rezeption
       sachlich darunter  verstanden  hat;  etwa  das,  was  Engels  als
       "Notwendigkeit der  Geldbildung" begriffen wissen wollte, die dem
       "Philister auf  historischem  Wege"  (31/303)  vermittelt  werden
       könne? Hierunter verstand man allerdings immer nur höchst Trivia-
       les. Und welchem Beweiszweck sollte der Nachweis dieses Zusammen-
       hangs dienen?  Der Widerlegung  des Proudhonismus? Dann vermöchte
       er heute  bloß noch  dogmengeschichtliches Interesse zu beanspru-
       chen. Die  Frage nach  dem Beweisziel  der Form-Analyse verlagert
       sich demnach  auf die  Frage nach  dem Beweisziel und der Beweis-
       struktur der Analyse des "notwendigen inneren Zusammenhangs". Man
       wird zugeben, daß in der 120jährigen Rezeptionsgeschichte des Ka-
       pital eine  klärende Diskussion  hierüber ausgeblieben  ist;  und
       zwar selbst im Rahmen der innermarxistischen Nominalismus-Kontro-
       verse.
       Mit der  Formel vom  nicht bloß  notwendigen, sondern auch "inne-
       ren", also  v e r b o r g e n e n  Zusammenhang resümiert Marx in
       der  1.   Ausgabe  den   Ertrag  der   Wertform-Analyse  -  einer
       Untersuchung also,  die, von  der ansatzweisen Thematisierung bei
       Rubin abgesehen,  bekanntlich kaum  Beachtung fand  und  erstmals
       Ende der  60er Jahre  aufgegriffen wurde;  doch selbst damals war
       m.W. von  einer Verborgenheit  des  Zusammenhangs  nirgendwo  die
       Rede. Im  Text der  1. Ausgabe  heißt es  aber, das "entscheidend
       Wichtige" sei  gewesen, den  Zusammenhang zwischen Form, Substanz
       und Größe des Werts "zu entdecken" ; eine Entdeckung bezieht sich
       aber immer  nur auf etwas Verborgenes. Dies wird noch deutlicher,
       wenn man bedenkt, daß das "entscheidend Wichtige" (!!) dem Beweis
       gleichgesetzt  wird,   daß  "die      Wert f o r m      aus   dem
       Wert b e g r i f f  entspringt". 5)
       Wird man nun behaupten wollen, daß dies so formulierte Beweisziel
       der Form-Analyse  "auch" in  der 2.  Ausgabe "dem Leser noch klar
       vermittelt" worden  ist? Dies  gilt nicht  einmal für die 1. Aus-
       gabe, denn  es blieb  völlig unklar, wogegen der Beweis gerichtet
       war, welche  Autoren und  Positionen attackiert  werden  sollten;
       warum dies  "Entspringen"  etwas  "entscheidend  Wichtiges"  dar-
       stellt, und  zwar auch jenseits der Polemik gegen die heute obso-
       lete Programmatik  des Proudhonismus - all dies schien die tradi-
       tionelle Rezeption wenig zu kümmern.
       Man findet  nämlich eine  parallele Formulierung  auch in  der 2.
       Ausgabe: "Unsere  Analyse bewies, daß die Wertform oder der Wert-
       ausdruck der  Ware aus  der Natur des Warenwerts entspringt, ..."
       (23/75). Ist  nun etwa hier und in der Fortsetzung des Satzes die
       Quintessenz der Wertform-Analyse klar vermittelt worden? Man wird
       vielmehr bezweifeln,  ob dem  Kundigen sogleich das "entscheidend
       Wichtige" einfällt,  würde man ihn auffordern, die Bedeutung die-
       ser die  Form-Analyse resümierenden These zu entwickeln, also den
       Satz sinngemäß  fortzusetzen und  zu aktualisieren. Und doch wird
       hier die Anti-These zur Marxschen Wertform-Theorie vorgestellt: -
       ... nicht  umgekehrt Wert  und Wertgröße aus ihrer Ausdrucksweise
       als Tauschwert.  Dies ist  jedoch der Wahn der Merkantilisten ...
       wie Ganilh usw., als auch ihrer Antipoden ... wie Bastiat ... Die
       Merkantilisten legen  das Hauptgewicht ... auf die Äquivalentform
       ..., die  Freihandelshausierer ... auf die relative Wertform. Für
       sie existiert  folglich weder  Wert noch Wertgröße der Ware außer
       in dem ... Austauschverhältnis" (23/75).
       Es wird  klar, daß  die Form-Analyse  sich gegen  eine  bestimmte
       V e r k e h r u n g   von Wertform und Wertbegriff wendet, in der
       die Wertform  - ein "Entsprungenes", also Abgeleitetes und Sekun-
       däres -  sich als ihr Gegenteil, als ein Unmittelbares und Primä-
       res darstellt;  diese "Verkehrung"  soll sich objektiv vollziehen
       und der mit ihr gesetzte  "n o t w e n d i g e  S c h e i n"  das
       Bewußtsein der  Vulgärökonomie determinieren.  Daß sich die Marx-
       sche Kritik  verallgemeinern und  aktualisieren läßt,  zeigt  der
       letzte Satz  mit seiner  zusammenfassenden Charakterisierung  der
       Anti-These: Der  Wert der Ware ist relativer Wert. Ganilh und Ba-
       stiat etc. sind Anti-Ricardianer und Verfechter einer subjektiven
       Werttheorie, die sich damals wie heute durch jene Anti-Thesis zur
       Marxschen Form-Analyse  charakterisieren  läßt;  hierbei  ist  es
       gleichgültig, ob  es sich um eine ihrer primitiven Fassungen han-
       delt oder  um die hochformalisierte moderner Gleichgewichtsökono-
       mie.
       Marx hat die anti-thetische Position vor allem auch dort im Auge,
       wo er  Ökonomen vorwerfen  kann, daß  sie "Wert und Wertform ver-
       wechseln" (23/64);  etwa Samuel  Bailey. So findet sich denn auch
       die klarste  Erläuterung der  allein wertform-analytisch faßbaren
       Voraussetzungen der subjektiven oder auch wertbegriffsfreien Öko-
       nomie in  der Marxschen  Bailey-Kritik: "Bailey ... schließt ...:
       Der   W e r t b e g r i f f   wird nur  gebildet - daher der Wert
       aus bloß  quantitativem Verhältnis  ... in  etwas von diesem Ver-
       hältnis Unabhängiges  verwandelt ...,   w e i l   außer den Waren
       G e l d  existiert ... Bei Bailey ist es nicht die Bestimmung des
       Produkts als Wert, das zur Geldbildung treibt ..., sondern es ist
       das Dasein  des Geldes,  das zur  Fiktion des Wertbegriffs treibt
       ..." (26.3/143).
       Diese Passage charakterisiert keineswegs bloß einen Autor des 19.
       Jahrhunderts, der  dem modernen Ökonomen kaum noch dem Namen nach
       geläufig ist,  sondern den  Standpunkt  der  "modernen"  Ökonomie
       überhaupt, insbesondere  die "wertbegriffsfreie",  also neoricar-
       dianische: Am  logischen Anfang  steht das Geld, genauer der sog.
       numeraire, seine 1. Funktion; schon in dieser "Funktion" gerät es
       zum "Fetisch", sofern die "moderne" Ökonomie es den "Dienst" ver-
       richten läßt,  das Ungleiche  gleich zu  machen, also Produkte in
       Waren, d.h.  Natürliches in  Gesellschaftliches zu verwandeln. Es
       fungiert demnach  als   K o n s t i t u e n s  abstrakter Wertge-
       genständlichkeit: die  inhomogenen  Gebrauchswerte  stellen  sich
       jetzt dar  als "Wertmassen",  "Wertquanta", "Wertmengen",  "Wert-
       volumina" - von Menschen produzierte "Sachen außer dem Menschen",
       d.h. "Fetische".
       Spricht Marx  von der Wertform, näher der Geldform, daß "der Men-
       schengeist sie  seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergründen
       gesucht (hat)"  (23/12), so  hat er  hierbei Geld in genau dieser
       mysteriösen Funktion oder "verrückten Form" (23/90) im Auge: "Das
       Geld macht,  einem Maße gleich, ... die Dinge kommensurabel", zi-
       tiert Marx Aristoteles, und ähnlich steht es denn 2200 Jahre spä-
       ter in  jedem Lehrbuch "moderner" akademischer Ökonomie. Marx ge-
       steht zu, daß der  o b j e k t i v e  - Schein" des Zirkulations-
       prozesses eine solche "Verrücktheit" vorspiegelt; es ist wiederum
       auch "bloßer"   S c h e i n,   daß  solcherlei geschieht: Es "ist
       bloßer Schein des Zirkulationsprozesses als ob das Geld die Waren
       kommensurabel mache.  Es ist  vielmehr nur  die Kommensurabilität
       der Waren ..., die das Gold zu Geld macht" (13/52). Die Priorität
       der Ware  gegenüber dem  Geld bedeutet also die Priorität der den
       Waren qua  überindividueller Arbeitszeit eigentümlichen Kommensu-
       rabilität, die freilich nur "an sich oder für uns" als Analytiker
       gegeben ist.  Jener "Schein"  bewirkt, daß  der wahre Sachverhalt
       den Austauschenden  "verkehrt" erscheint; ihnen sind quasi-aprio-
       risch die  inkommensurablen Produkte  in Preisform, also in einer
       monetären Form  vorgegeben. Das Untersuchungsobjekt der Marxschen
       Werttheorie sind  also nicht  wie in der bürgerlichen Tauschhand-
       lungen und  intentionale Akte  der Gleichsetzung,  sondern das je
       schon gleichgesetzte,  nämlich in  monetärer Form sich präsentie-
       rende Tauschobjekt;  das Untersuchungsziel  ist die  Klärung  der
       "Genesis" dieses Objekts, seiner quasi-apriorisch gegebenen, näm-
       lich monetären  Kommensurabilität oder  der Daseinsweise  der Ge-
       brauchswerte als "Mengen", "Massen", "Volumina" etc. von Wert.
       Dieser mehrdeutige Begriff meint hier "wirtschaftliche Dimension"
       der Dinge,  das also, was die Qualität der beständig vom Ökonomen
       berechneten Quantitäten ausmacht; aufgefordert, die Qualität die-
       ser Quantitäten  zu bestimmen,  muß der  Neoricardianer oder Neo-
       klassiker sich paradoxer Prädikate bedienen, die nicht bloß meta-
       physischer Herkunft  sind, sondern  das zu beschreibende Substrat
       negieren;  spricht  er  doch  von  den  ökonomischen  Größen  als
       "abstrakten",   "reinen",    "ideellen",   "idealen"   -   kurzum
       "qualitäts l o s e n"  Größen; solcherlei Größen sind Pseudo-Grö-
       ßen und der immer wieder erhobene Vorwurf, die akademische Ökono-
       mie habe  sich zu  einer "mathematizistischen Pseudowissenschaft"
       entwickelt, ist letztlich hierin gegründet.
       Wert als  Inbegriff ökonomischer, genauer makroökonomischer Quan-
       tität wird "abstrakter Wert" genannt; da er sich weder auf die im
       Kontext schulökonomischer  Begrifflichkeit allein legitimierbaren
       Kategorien Gebrauchswert  und Tauschwert reduzieren läßt, ist der
       "abstrakte Wert"   d a s  Mysterium neoklassischer oder neoricar-
       dianischer Ökonomie.  Subjektive  Werttheorie  erweist  sich  als
       hoffnungslos  überfordert,   die  Objektivität,   d.h.  aber  die
       "Gegenständlichkeit" des  "abstrakten Werts" auch nur zu themati-
       sieren, geschweige  denn abzuleiten;  wie der Sprachphilosoph das
       Medium seiner  Existenz, die  Sprache, immer  schon  voraussetzen
       muß, so der subjektive Werttheoretiker den "abstrakten Wert". Die
       Geld-"Mengen" der Ökonomie sind Mengen abstrakten Werts, doch der
       Schulökonom sieht  sich  außerstande,  die  Mengenhaftigkeit  der
       ökonomischen Mengen, ihre Seinsweise und Genesis zu hinterfragen;
       da sie  als umlaufende Geldmengen ihre abstrakte Natur behaupten,
       nämlich sinnlicher Wahrnehmung sich entziehen, andererseits nicht
       bloß im  je individuellen Bewußtsein existieren können - bekannt-
       lich wird  ihnen eine  Eigengesetzlichkeit zugeschrieben - muß es
       sich um  existierende Abstrakta  handeln oder eben um "reelle My-
       stifikation(en)" (13/35),  von  Marx  auch  als  "Verkehrung(en)"
       (ebd.) gekennzeichnet.
       Der "abstrakte  Wert" tritt in der akademischen Ökonomie stets in
       zwei Gestalten auf: als das "Wertvolumen" sowohl der Ware wie des
       Geldes; in der Gestalt des letzteren gewinnt der "abstrakte Wert"
       noch einen  zweiten Charakter,  er gilt  als "absoluter", nämlich
       vom Dasein der Waren  l o s g e l ö s t e r,  "verselbständigter"
       Wert oder  befindet sich in "absoluter Wertform" (24/313). Bis in
       die 50er Jahre hinein war sich ein erheblicher Teil der deutschen
       Ökonomie der  "Rätsel" von  Wert und  Geld  durchaus  bewußt;  im
       Anschluß an  Knapp und  Gottl tendierte  die bürgerliche Ökonomie
       immer mehr  dazu, ihn  als ein "Apriori" auszugeben. Georg Simmel
       wurde sich während der Ausarbeitung seiner  P h i l o s o p h i e
       d e s   G e l d e s   bewußt,  daß  hier  "das  Allerelementarste
       bisher  unüberwundene   Schwierigkeiten"  6)   bereitet  und  das
       Nachdenken auf  einen "toten  Punkt" gelangt; er durchschlägt den
       gordischen Knoten  eines ganzen Nests aufgezeigter Aporien, indem
       er  kurzerhand   den  Wert   als  ein   rationell   unableitbares
       "U r p h ä n o m e n   7", als  ein metaphysisch Erstes behandelt
       wissen  will;  die  Möglichkeit  von  subjektiver  Wertlehre  als
       Wissenschaft ist damit im Grunde negiert.
       Da die  Einsichten Simmels  und der  deutschen Ökonomie  der 20er
       Jahre von  der heutigen  niemals widerlegt, sondern nur verdrängt
       worden sind, kommt als Alternative zum verschwiegenen Agnostizis-
       mus der  akademischen Wert-  und Geldtheorie  allein die Marxsche
       Form-Analyse in  Betracht; liegt  doch schon  ihr die erst wieder
       von Simmel  und Gottl thematisierte Problematik zugrunde, daß das
       Verhältnis von  Ware und  Geld ein  mysteriöses  "Verhältnis  der
       Dinge unter sich" (26.3/127) darstellt, dessen Glieder sich wech-
       selseitig voraussetzen und negieren - somit nicht als Dinge, son-
       dern bloß  als "Momente"  eines Zusammenhangs  gelten, den  Gottl
       treffend als  "wirtschaftlichen Zirkel"  beschrieben  hat.  Dinge
       existieren hier  auch als  soziale, und es muß also darauf ankom-
       men, das  "Füreinanderdasein"  der  Dinge,  d.  h.  ihre  soziale
       "Form",  als  Resultat  einer  "Verkehrung"  zu  begreifen,  weil
       "jedes, selbst  das einfachste Element, wie z. B. die Ware, schon
       eine Verkehrung" (26.3/498), nämlich "Träger" von abstraktem Wert
       ist.
       Daß die  Schulökonomie in  einem unendlichen  Regreß ein Wertding
       auf ein  anderes zurückführt und schließlich auf ein "Urphänomen"
       oder "Apriori"  verwiesen ist, diese Einsicht ist keineswegs erst
       von Simmel  gewonnen worden,  sondern liegt  schon der  Marxschen
       Form-Analyse zugrunde.  So wirft  Marx Ricardo vor, daß dieser in
       die "Flachheit  der Vulgärökonomie  (fällt), die  den Wert  einer
       Ware ...  voraussetzt, um  dadurch hinterher  den Wert der andren
       Waren zu  bestimmen." (23/94);  in Gestalt des Geldes oder zumin-
       dest des  numeraire ist  der "abstrakte"  und "absolute" Wert qua
       "Urphänomen" auch  in die  sog. moderne Ökonomie eingegangen, die
       inclusive des  Neoricardianismus als formalisierte Vulgärökonomie
       zu charakterisieren ist.
       Der numéraire  soll die  natürlichen Sachen  oder inhomogenen Ge-
       brauchswerte als "gesellschaftliche Dinge" oder "Wertdinge", d.h.
       als Daseinsweisen  abstrakter "Wertvolumina" konstituieren, womit
       das Problem  des Werts  doch lediglich  auf den  numeraire selbst
       verlagert worden  ist. Schumpeter  zufolge ist  James Steuart die
       "Entdeckung" jenes  für Walras und Sraffa unentbehrlichen Instru-
       ments zuzuschreiben;  die Marxsche  Kritik hieran destruiert also
       einen Grundpfeiler  sog. moderner  Ökonomie. In dieser oder jener
       Variante impliziert  nämlich die Lehre vom numeraire oder von der
       "idealen Maßeinheit  des Geldes"  (13/59) die absurde Behauptung,
       daß unter  dem Namen  DM, Dollar  etc.  Geld  "ideale  Wertatome"
       (13/60) darstellt, also jede gegen es eingetauschte Ware solcher-
       lei Atome  "einsaugt oder  abgibt" (13/66).  Als Darstellung  von
       Geld, d.h.  als "Wertquantum"  oder "Wertmasse"  etc. ist so jede
       Ware Daseinsweise einer "Masse", "Menge" etc. von "idealen Werta-
       tomen" genannt DM, Dollar etc., kurzum ein "Fetisch".
       Insistiert man  darauf, daß die ökonomischen Quantitäten wie jede
       Quantität eine   Q u a l i t ä t  ausdrücken, immer Quantität von
       e t w a s   sind, so kommt der Walrasianer oder Sraffaianer nicht
       an der absurden Konsequenz vorbei, daß das, was er tagtäglich be-
       rechnet, Massen  von  "idealen  Wertatomen"  sind  -  eben  seine
       "reinen", "idealen" etc. Größen.
       Es hieße nun den Sinn der Marxschen Form-Analyse gänzlich mißver-
       stehen, wollte  man die damit implizierte Kritik der Ökonomie als
       eine Persiflage  begreifen; dieser liegt vielmehr eine Kritik der
       Kategorien dergestalt  zugrunde, daß  die "Verkehrungen" als Aus-
       druck einer  "wirklichen Verkehrung"  (26.3/445) begriffen werden
       müssen; hinzu  tritt, daß  sie sich "im Bewußtsein sehr verkehrt"
       (26.3/163) widerspiegeln; doch vor allem geht es um den Nachweis,
       daß sich  "notwendig ... der Wert ... zu dieser begriffslos sach-
       lichen ... Form fortentwickle." (23/116)
       Stellt man  das Problem  des Modellbegriffs  numeraire einmal zu-
       rück, so  bleibt das Problem des Geldes als "abstrakte Rechenein-
       heit"; wie  jede Maßzahl  bezeichnen auch  DM, Dollar  etc.  eine
       D i m e n s i o n,   die  die  Unterscheidung  der  verschiedenen
       Quantitätsträger ermöglichen  soll; die  Formeln der  Realwissen-
       schaft "enthalten  nie reine,  sondern immer benannte Zahlen; ihr
       empirischer Charakter  hängt gerade  davon ab,  daß sie für einen
       bestimmten Phänomenbereich  gelten und  für einen anderen nicht".
       Wollte man  dies leugnen, so käme das etwa im Fall der Physik ih-
       rer "Auflösung  in Mathematik gleich". 8) Demselben Dilemma sieht
       sich aber  die "moderne"  Ökonomie ausgesetzt. Da der Sraffaianer
       die "unquantitativen  Grundbedeutungen der  Symbole" nicht zu be-
       stimmen vermag,  so berechnet  er tatsächlich eine "Quantität von
       nichts, ein inhaltloses Größenverhältnis ohne Realität" 9) - Öko-
       nomie löst  sich in  Mathematik auf; der Neoricardianismus vermag
       seinen realwissenschaftlichen  Anspruch nicht  mehr  länger  auf-
       rechtzuerhalten, sondern  entpuppt sich als eine potenzierte Form
       des Modellplatonismus.
       Will er  aber nun beginnen, die "abstrakte Recheneinheit" als das
       zu   charakterisieren,    was   sie   ist,   nämlich   als   eine
       "W e r t"-Einheit,   so gerät er nur in eine andere Verlegenheit:
       Da ein  relativer Wert  (Preis) hier nicht in Frage kommt, vermag
       er unmöglich  zu bestimmen,  was  in  dieser  Wortzusammensetzung
       "Wert" bedeuten  könnte. Gleiches gilt für den subjektivistischen
       Allokationsökonomen. In ihrer Summierung heben sich nämlich Rela-
       tionen, folglich  auch relative  Werte wechselseitig  auf -  eine
       Schwierigkeit, die  dazu führt,  daß beide Schulen der "modernen"
       Ökonomie Begriffe  wie Sozialprodukt  und Wertschöpfung  nur  als
       Fiktionen gelten  lassen können; das Problem der "Substrate" oder
       "Dimensionen, in  denen sich  eine Quantitätsbestimmung  bewegt",
       läßt jedoch  eine solche Ausflucht nicht mehr zu: Die "Dimension"
       ökonomische Größe qua "Dimension" Wert setzt die Existenz von re-
       alen sowie homogenen und damit addierbaren Wertgrößen voraus, so-
       mit den  Wert als  "abstrakten" und  "absoluten". Würde  sich die
       Schulökonomie zu dem Eingeständnis durchringen, daß sie es in Ge-
       stalt der  "Werteinheit" Geld  mit einem abstrakten und absoluten
       Wert zu  tun hat, so bliebe ihr keine andere Wahl, als diesen me-
       taphysisch zu  deuten: als  Urphänomen -  womit sich Ökonomie als
       "exakte" Disziplin  aufgeben und  einer irrationalistischen Meta-
       physik etwa Simmelscher Provenienz ausliefern müßte.
       Die einzig  denkbare Alternative  bietet die Marxsche Theorie des
       Fetischismus: Die obskure Größe "abstrakter" und "absoluter" Wert
       existiert, freilich  nur als  objektiver,  als  "gegenständlicher
       Schein" (23/97). Der "Mystizismus" der Warenwelt, das als "Rätsel
       des Geldfetischs"  sichtbar gewordene "Rätsel des Warenfetischs",
       besteht genau  darin,  daß  sich  der  Wert  notwendig  zu  einer
       "begriffslosen Form"  fortentwickelt und der Schulökonom de facto
       "Massen", "Volumina"  etc. von "idealen Wertatomen" berechnet; er
       weiß  es   nicht,  aber   er  tut   es.  Konstatiert  Marx  einen
       "Fetischismus" selbst  der "klassischen  Ökonomie", so hat dieser
       genau hier  seinen Ursprung;  es gehört  für Marx  zur Definition
       "der" Ökonomie, daß sie kritiklos mit "Fetischen" operiert, fort-
       während rationelle  und irrationelle  Formen von  Preis und  Wert
       kontaminiert, statt ihrer Verwendung eine "Kritik der Kategorien"
       vorauszuschicken.
       Will man  sich nicht damit abfinden, den Wert als Urphänomen oder
       Apriori hinzunehmen,  muß es  daher auf das ankommen, was Marx im
       Unterschied zur  traditionellen Werttheorie  "Genesis der  Werte"
       nennt - eine Genesis aus einer nichtvaloren Struktur: Es darf der
       Grund "der  Werte nicht  selbst wieder ... Wert sein ... vielmehr
       etwas, was  den Wert konstituiert", also "außer der Kategorie des
       Werts stehn muß" (26.3/154 f.).
       Marx entdeckte  mit der  abstrakten "Wertgegenständlichkeit" eine
       Realität  sui   generis;  der   Aufweis  ihres   Charakters   als
       "gegenständlicher Schein"  forderte die  Ausarbeitung einer Theo-
       rie, die mit der traditionellen Werttheorie qua Tausch-Handlungs-
       theorie nichts mehr gemein hat, sondern als eine qua-si-ontologi-
       sche oder  besser   K o n s t i t u t i o n s t h e o r i e   des
       Werts charakterisiert werden muß. Tauschtheorie bewegt sich immer
       schon im Medium des Werts, behandelt ihn als Apriori, die Analyse
       seiner "Genesis"  fragt hingegen,  "was den  Wert  konstituiert",
       sucht also nach seinem  K o n s t i t u e n s.
       Die Marxsche  "Genesis" ist  demnach eine "logische Entwicklung",
       würde somit als "historische" gänzlich mißverstanden. Das schwer-
       wiegendere  Mißverständnis   freilich  ist  das  "ökonomistische"
       (13/42): Hier  wird der "Wert" einseitig als Bestimmungsgrund der
       Preise verstanden  und die  "Genesis" als Modell; die Verwandlung
       des natürlichen  Produkts in  das soziale Wertding "versteht sich
       von selbst".
       "Genesis des  Werts" und  "Genesis (der)  Geldform" (23/62)  sind
       identisch, da  der Wert  eben notwendig  zu seiner "begriffslosen
       Form" sich  fortentwickeln muß: Hier erscheint er dann jedermann,
       also dem  scheinbar "wertbegriffsfrei"  konstruierenden Neoricar-
       dianer ebenso  als "abstrakter" und "absoluter" wie dem subjekti-
       ven Werttheoretiker;  sie leugnen  ihn in seiner Gestalt als Ware
       und hypostasieren ihn in seiner Gestalt als Geld und Kapital. Ge-
       lingt es also, seinen  l o g i s c h e n  "Ursprung aus der Ware"
       (13/49)  nachzuweisen,   das  Geld   nämlich  als  "zweite"  oder
       "verwandelte Form"  der Ware  zu dechiffrieren, so ist nicht bloß
       das "Fundamentalgesetz"  (42/681) der  Banking-Theorie formanaly-
       tisch begründet,  sondern auch der "absolute Wert" Ricardos, d.h.
       die Arbeitswerttheorie  - man  wollte denn leugnen, daß Geld exi-
       stiert. Dies, sowie die hiermit gesetzte Kritik des Fetischismus,
       der der subjektiven Wertlehre und dem Neoricardianismus notwendig
       korreliert, schließlich  die Begründung  des Unterschieds von ra-
       tionellen und  irrationellen Formen  von Wert  und Preis sind die
       B e w e i s z i e l e  der Form-Analyse.
       Resümiert man  nun ihre   Beweis s t r u k t u r,    so  hat  man
       zunächst einmal  die von Marx aufgewiesene   A p o r e t i k  der
       bürgerlichen  Theorie   zu  nennen  -  der  erste  Schritt  jeder
       "dialektischen  Entwicklungsmethode";   der  eigentliche   Beweis
       besteht nun  darin, die "Unmittelbarkeit" des Werts als Geld, das
       scheinbar Erste,  als  Resultat  einer  "vermittelnden  Bewegung"
       aufzuzeigen, die  in ihm  "verschwindet" (23/107); diese wiederum
       ist aus  "dem Widerspruch  des Werts  und seinem  Dasein in einer
       besonderen Ware" zu entfalten.
       Es scheint  nun, daß 1867 Engels diese "dialektischen Sachen" zu-
       mindest ansatzweise  verstanden hat;  heißt es  doch im    K o n-
       s p e k t   nicht bloß,  daß am  Anfang der  Analyse die Ware als
       "Ware  an   sich"  zu  begreifen  ist,  sondern  in  konsequenter
       Fortsetzung dieser  These, daß  erst   a l s   G e l d  "die Ware
       vollständig Ware" (16/246) ist.
       Dieser  Kerngedanke   einer  keineswegs   "reduzierten",  sondern
       "emphatischen Dialektik"  findet sich  aber auch  noch in  der 2.
       Ausgabe des  Kapital: es  "projektieren sich  ... alle Wertformen
       der Ware  als Formen  des Geldes" (23/634). Derselbe Gedanke wird
       aber auch als Kern der Beweisstruktur der ersten Darstellung her-
       ausgestellt: die  "allgemeinen Charaktere des Werts ... sind die-
       selben, die später (!!) im Geld erscheinen (!!)" (13/315). Und im
       ersten Entwurf  von 1857  heißt es  kurz und bündig: "alle Eigen-
       schaften, die  als besondere  Eigenschaften des Geldes aufgezählt
       werden, sind Eigenschaften der Ware als Tauschwert" (42/77). Mehr
       noch, dieser  Gedanke, der  die Problematik der "Verkehrung" ein-
       schließt, ist  keimhaft schon in den Mill-Exzerpten von 1844 ent-
       halten: Marx sieht eine "Umkehrung des ursprünglichen Verhältnis-
       ses" von Waren und Geld darin, daß die ersteren Wert nur insofern
       besitzen, als sie Geld "repräsentieren" (Erg. Bd. I, 446).
       Wenn Marx in der 2. Ausgabe des Kapital ferner daran festgehalten
       hat, daß  der "Austauschprozeß  der Waren widersprechende ... Be-
       ziehungen einschließt",  "Widersprüche" (23/118),  so wird  deut-
       lich, daß  er auch dort die Konzeption des 1.Abschnitts "Ware und
       Geld" -  in der  1. Ausgabe das 1. Kapitel - als ein "dialektisch
       Gegliedertes" nicht  aufgegeben haben  kann. Dies  bedeutet aber,
       daß der sog. "Austauschprozeß" des 2. Kapitels gar nichts anderes
       ist als die  f o r m - u n t e r b e s t i m m t e  "Zirkulation"
       des 3.  Kapitels, die  jene "Widersprüche" des Austauschprozesses
       zu "lösen"  hat, der  als prämonetärer  "scheitern" muß. Erst die
       Formen der  Zirkulation sind  die "wirklichen Bewegungsformen des
       Austauschprozesses" (23/119).
       Auch hier  ist ein theorie-kritisches Moment mitgesetzt. Es kenn-
       zeichnet nämlich die bürgerliche Tauschtheorie, daß sie am unmit-
       telbaren "Tauschhandel  als adäquate  Form des Austauschprozesses
       der Waren  fest(hält)" (13/36),  während es  sich hierbei  nur um
       seine "naturwüchsige Form" (13/35) handeln kann.
       Im zweiten  Entwurf von  1861/63 wird  der "Austauschprozeß" aus-
       drücklich von  seinen "Formen" unterschieden: es ist die Rede von
       der "besondre(n)  Form des  Austauschs, die im Cirkulationsprozeß
       stattfindet" (MEGA II/3.1, S. 19); der "Austausch" vollzieht sich
       historisch gesehen in zwei Formen, "in der Form des unmittelbaren
       Tauschhandels" oder "in der Form der Circulation" (ebd., S. 22).
       Der "wirkliche  Austausch" (13/68)  der "Waren"  ist die Zirkula-
       tion, die  "wesentlich vom  unmittelbaren Produktentausch  unter-
       schieden"  (23/126)   ist;  dies   ist  der   Grund,  warum   der
       "Waarenaustausch oder  weiterbestimmt  (U)  die  Cirkulation  der
       Waare, die  die Geldcirkulation  einschließt" (MEGA  a. a. O., S.
       241), im 1. Kapitel bloß "an sich" thematisiert werden kann; auch
       der "Austauschprozeß"  des 2.  Kapitels ist  ein solcher  nur "an
       sich", muß folglich "weiterbestimmt" werden; die Bestimmungen des
       3.Kapitels sind  die   "w e i t e r bestimmten"  des 1., die dort
       nur noch   u n t e r bestimmt   auftreten, also noch nicht "wirk-
       lich" sind, vielmehr bloß "an sich".
       Jenseits einer  "dialektischen Entwicklung"  von  Ware  und  Geld
       bleibt schließlich  auch undurchsichtig, daß und warum der Zirku-
       lationsprozeß nur  s c h e i n b a r  als ein "durch Geld vermit-
       telter Tauschhandel"  (13/77) zu  gelten hat;  dieser Schein  ist
       freilich ein  notwendiger  und  ruft  die  quantitätstheoretische
       Fehldeutung  der   Zirkulation  hervor.   Obgleich  nämlich   die
       "Geldbewegung nur  Ausdruck der Warenzirkulation, erscheint umge-
       kehrt die  Warenzirkulation nur  als Resultat  der  Geldbewegung"
       (23/130); die  Quantitätstheorie ist also zu kritisieren als Pro-
       dukt jener  objektiven  V e r k e h r u n g,  die ein Entsprunge-
       nes und  Sekundäres, nämlich  das Geld und seine Zirkulation, als
       ein Unmittelbares und Primäres erscheinen läßt.
       Die Rekonstruktion  mannigfaltiger Verkehrungen  steht so im Zen-
       trum der  Marxschen Form-Analyse;  wenn der "innere Zusammenhang"
       dieser Verkehrungen  nicht rezipiert worden ist, wird man hierfür
       die popularisierenden  Zwecken dienende Überarbeitung der 1. Aus-
       gabe verantwortlich  machen müssen; sie ist auch ein wesentlicher
       Grund dafür,  daß der  späte Engels  seine "dialektischen Sachen"
       von 1867 vergaß und den verhängnisvollen Weg jener Historisierung
       einschlug, die  definitiv das  Verständnis des  1. Abschnitts als
       ein "dialektisch Gegliedertes" versperren mußte.
       
       _____
       *) Zitate werden  - wo  nicht anders vermerkt - nach der Marx-En-
       gels-Werkausgabe, Berlin/DDR, (MEW) wiedergegeben: Die erste Zahl
       nennt den Band, die zweite die Seite.
       1) Gerhard Göhler, Die Reduktion der Dialektik durch Marx, Stutt-
       gart 1980, S. 87.
       2) Alexander  N.   Jakowlew,  Interview  mit  der  Neuen  Gesell-
       schaft/Frankfurter Hefte,  "Die Dialektik  der Entwicklung  wurde
       ersetzt durch  religiöse Ehrfurcht vor den Dogmen", 34. Jg. 1987,
       S. 400.
       3) W. Schwarz,  Die  Geldform  in  der  1.  und  2.  Auflage  des
       "Kapital", in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 12, Frank-
       furt/M. 1987, S. 200-213.
       4) W. Schwarz, a.a.O., S. 212.
       5) Erster Abschnitt  der Erstausgabe des  K a p i t a l;  wieder-
       abgedruckt in:  Karl Marx/Friedrich Engels, Studienausgabe, hrsg.
       von I. Fetscher, Frankfurt 1966, II. Bd., S. 240. Siehe auch MEGA
       II/5, S. 43.
       6) Brief Simmels  an Heinrich Rickert, in: Buch des Dankes an Ge-
       org Simmel, hrsg. v. K. Gassen, Westberlin 1958, S. 96.
       7) G. Simmel,  Philosophie des Geldes, 7. Aufl., Westberlin 1977,
       S. 6.
       8) H. Schnädelbach,  Erfahrung, Begründung  und Reflexion, Frank-
       furt 1971, S. 92.
       9) N. Hartmann, Philosophie der Natur, Westberlin 1980, S. 21.
       

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