Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       DIE KRISENGENERATION - ZWISCHEN MASSENPROTEST
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       UND KONSERVATIVER HEGEMONIE
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       Klaus Dörre
       
       1. Generationsfolge  und Wandel politischer Kultur - der "Weiter-
       gabemechanismus" -  2. Die politische Kultur der Krisengeneration
       im Spiegel empirischer Jugendstudien - 3. Widersprüche, Subjekte,
       politische Kultur  - 3.1  Globale Widersprüche  - 3.2 Ökonomische
       Stagnation und  Krisenerfahrung -  3.3 Lebensweisekonflikte  - 4.
       Hegemoniekonstellationen, politischer Zyklus, Generationsprofil -
       5. Neue linke politische Kultur? - 6. Generation - Klasse - poli-
       tische Kultur
       
       Das Ergebnis  der Bundestagswahl  1987 zeichnete  sich durch  be-
       trächtliche   a l t e r s-   u n d   g e n e r a t i o n s s p e-
       z i f i s c h e    D i f f e r e n z i e r u n g e n    aus.  Die
       konservativ-liberale Koalition verdankte ihren Wahlsieg vor allem
       den über  45jährigen; in den mittleren Altersgruppen ergab sich -
       im Unterschied zum klaren konservativen Übergewicht bei der 83er-
       Wahl -  eine  Pattsituation;  die  jüngeren  Jahrgänge  votierten
       mehrheitlich für die Oppositionsparteien. 1) Dem demoskopisch ge-
       stützten "Wende-Jugend"-Klischee  zum Trotz entschieden sich über
       50 Prozent  der unter  25jährigen für  SPD  oder  Grüne.  2)  Sie
       setzten damit  den seit der Bundestagswahl 1969 bestehenden Trend
       von  nach   links  abweichenden  Jungwählerergebnissen  fort.  3)
       Bemerkenswert  ist,   daß  sich   diese  "Linksverschiebung"  von
       Parteipräferenzen und  Wahlentscheidungen auch im Alterungsprozeß
       der Generationen  als relativ stabil erwiesen hat und quasi durch
       die Altersgruppen "nach oben gewachsen" ist. 4)
       Altersschichtung des  Wahlverhaltens und  im Wahlakt  selbst  nur
       partiell sichtbar  werdende Veränderungen politischer Einstellun-
       gen, Präferenzen  und Handlungsmuster legen es nahe, nach der Be-
       deutung politischer  Generationsprofile  für  Klassenbildungspro-
       zesse und  kollektives Handeln zu fragen. Damit ist zugleich eine
       Problemstellung  umrissen,  die  eine  Integration  des  Konzepts
       "politische Kultur" in einen marxistischen Analyserahmen sinnvoll
       erscheinen läßt. Ziel der Untersuchung von Generationsbildung und
       -wandel ist  das Aufspüren  von Vermittlungsgliedern zwischen ge-
       sellschaftlicher Klassenstruktur  und politischem Handeln der In-
       dividuen. Dabei  wird ein "weiter" Politikbegriff zugrundegelegt,
       der auf  das gesamte  Spektrum von  im Verhalten sozialer Gruppen
       präsenten Formen bewußter Interessenvertretung bezogen ist. 5)
       Die hier  im Anschluß  an eine knappe Skizze des intergenerativen
       Weitergabemechanismus politischer Traditionsbestände angestellten
       Überlegungen beschränken  sich auf einen Teilaspekt der komplexen
       Beziehungen von Generationsfolge und politischer Kultur; sie zie-
       len auf die Generationsgestalt der Jugend der 80er Jahre, das po-
       litische Profil der  K r i s e n g e n e r a t i o n.  6)
       
       1. Generationsfolge und Wandel politischer Kultur -
       ---------------------------------------------------
       der "Weitergabemechanismus"
       ---------------------------
       
       Politische Kultur als das in "Gesetzen, Gewohnheiten und im poli-
       tischen Bewußtsein  fixierte Gedächtnis  über  die  Vergangenheit
       sowohl der  Gesellschaft insgesamt  als auch ihrer einzelnen Ele-
       mente" 7)  bezeichnet vergleichsweise  träge, nur  schwer modifi-
       zierbare, institutionalisierte  wie nichtinstitutionalisierte po-
       litische Werte,  Normen, Orientierungen  und Verhaltensstandards.
       Die dominante Seite der intergenerativen Übermittlung politischer
       Kultur ist  demnach das   M o m e n t   d e r    K o n t i n u i-
       t ä t,   also die Konservierung politischer Bewußtseins- und Ver-
       haltensmuster. Diese  Kontinuität wird  durch ein  System  "abge-
       leiteter gesellschaftlicher  Verhältnisse" 8)  gesichert,  dessen
       Betätigung es  den Individuen  ermöglicht,  sich  zu  sozial  und
       politisch handlungsfähigen  Persönlichkeiten "auf  der Höhe ihrer
       Zeit" zu  entwickeln. Es handelt sich um ein verzweigtes Netz von
       Sozialbindungen, Institutionen, Erziehungseinrichtungen, "ideolo-
       gischen Apparaten",  formellen und  informellen Gruppen, sozialen
       und politischen  Organisationen, das  die  Individuen  im  Prozeß
       individueller  Vergesellschaftung  durchlaufen,  wobei  sie  sich
       bestimmte  Bedürfnisse,  Fähigkeiten  und  Kompetenzen  aneignen,
       welche ihrerseits  Umfang, Form  und Richtung  der  individuellen
       Teilhabe am politischen Geschehen bedingen.
       Die Internalisierung von Elementen politischer Kultur beginnt mit
       der frühkindlichen  Entwicklungsphase und  der dann  einsetzenden
       Ausprägung  klassen-   und  schichtspezifischer    H a b i t u s-
       f o r m e n.  Der Habitus ist eine sich im Verlauf der Biographie
       konstituierende Struktur,  die über  ein zumeist unbewußt wirksam
       werdendes Kontinuum von Geschmacksurteilen, moralisch-kulturellen
       Orientierungen,  schematisierten  Formen  des  Fühlens,  Denkens,
       Sprechens usw.  individuelles Verhalten steuert. 9) Als nicht nur
       "strukturierende,  die   Praxis  wie  deren  Wahrnehmung  organi-
       sierende", sondern  auch durch  die materiellen Lebensbedingungen
       der Individuen  "strukturierte Struktur",  10) erhält der Habitus
       eine sozial  differenzierte, generationstypische  Ausformung. Die
       Habitusformen sind  nicht Bestandteil des politischen Bewußtseins
       im engeren  Sinne; zur  "zweiten Natur"  der Individuen geworden,
       beeinflussen  sie   aber  gemeinsam  mit  dem  Klassenethos  über
       "feststehende" Gewohnheiten  und  Lebensregeln  Auswahl  und  An-
       eignung politischer  Erfahrungen, Wertungen und Verhaltensstrate-
       gien. Sie  stellen eine  Art inneres  Regulativ dar, das in jeder
       neuauftretenden Situation  externe Zwänge  wie selbstverständlich
       in subjektiv gewollte Handlungen transformiert und so klassenspe-
       zifische Formen  politisch-kultureller Ausgrenzung und Selbstaus-
       grenzung reproduziert. 11)
       Die eigentliche  Aneignung komplexer  politischer  Grundhaltungen
       erfolgt in  der "zukunftsoffenen" Jugendphase. Der Aneignungspro-
       zeß wird durch die Habitusformen vorstrukturiert, ist aber in er-
       ster Linie Resultat der bewußten Verarbeitung von über die Verge-
       sellschaftungsinstanzen vermittelten  historisch-politischen  Er-
       eignissen und Erfahrungen.
       Erste "Mosaiksteine"  politischer Grundüberzeugeungen,  etwa Par-
       teibindungen und  -präferenzen, werden z.T. schon im Kindesalter,
       zwischen dem 9. und 15. Lebensjahr, über "latentes Lernen" im Fa-
       milienzusammenhang erworben. In der Regel ist die politische Kom-
       munikation in  den Familien  jedoch gering entwickelt und ihr un-
       mittelbarer Einfluß  auf politisch-ideologische Überzeugungen Ju-
       gendlicher begrenzt.  Mit wachsendem  Alter steigt  die Bedeutung
       außerfamilialer "Vergesellschaftungsinstanzen";  politische Lern-
       prozesse Jugendlicher  werden zunehmend durch Bildungseinrichtun-
       gen, Gleichaltrigengruppe  und Medien  gesteuert. Schulen vermit-
       teln ein  Minimum an systematisch-politischem Wissen; sie fungie-
       ren als  Umschlagplätze politisch-kultureller  Orientierungen und
       sind Orte selbsttätiger Interessenwahrnehmung mittels Schülerver-
       tretungen, politischen  Jugendorganisationen, Zeitungen  etc.  In
       späteren Abschnitten der Biographie treten - je nach sozialer Po-
       sition  -   Betrieb  oder   Hochschule  an   die  Stelle   dieser
       "Sozialisationsinstanz".
       Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen fördern die Entstehung von
       Gleichaltrigengruppen, die  politischen Informationsaustausch er-
       möglichen, kollektive  Deutungen politischer Ereignisse vornehmen
       und einen  eigenen Stil  des Umgangs  mit Politik entwickeln. Bei
       der Stabilisierung  eigenständiger politischer Grundüberzeugungen
       sind Bindungen  an solche zumeist sozial homogenen Gruppen häufig
       von ausschlaggebender Bedeutung. Der Einfluß von Massenmedien be-
       steht wesentlich  in der  Präsentation und Selektion von Informa-
       tionen und  Ereignissen, die dann Gegenstand der politischen Kom-
       munikation werden.
       Insgesamt fällt  den, sicher noch um Vereine, Freizeiteinrichtun-
       gen usw.  zu ergänzenden  "Sozialisationsagenten" lediglich  eine
       sozial differenzierende,  entwicklungsverstärkende oder -hemmende
       Funktion zu.  Wichtigste Quelle des individuellen politischen Be-
       wußtseins ist das sich während der Jugendphase häufig in raschen,
       sprunghaften, Wendepunkte  in den  Biographien markierenden  Ent-
       wicklungsschüben vollziehende Lernen aufgrund persönlicher Erleb-
       nisse und  Erfahrungen. 12) Die im Jugendalter erworbenen politi-
       schen  Grundorientierungen  besitzen  eine  relative  Persistenz;
       d.h., sie  determinieren als  akkumulierte Erfahrungen  künftiges
       politisches Verhalten,  ohne dessen  Inhalt und Richtung a priori
       festzulegen. 13)  In ihrer  zeittypischen Ausformung  sind  diese
       elementaren Orientierungen  die Basis  der Genese    p o l i t i-
       s c h e r  G e n e r a t i o n e n.
       Der Generationsbegriff  reflektiert die konkret-historischen öko-
       nomischen, sozialen  und politisch-ideologischen Bedingungen, un-
       ter denen  sich der  massenhafte Erwerb individueller Erfahrungen
       und Kompetenzen  vollzieht. 14)  Generationen beruhen  auf  einer
       "verwandten Lagerung"  der ihnen zurechenbaren Individuen "im so-
       zialen  Räume".   15)  Derartige   im  Geschichtsprozeß  gesetzte
       G e n e r a t i o n s l a g e n   synchronisieren die Biographien
       ihrer Träger, indem sie die handelnden Subjekte auf der Basis ei-
       nes historisch  vorgefundenen Niveaus  materieller Lebensverhält-
       nisse am  gleichen "Abschnitt des kollektiven Geschehens" teilha-
       ben lassen  und somit individuelle wie kollektive Erfahrungs- und
       Handlungsräume begrenzen. 16)
       G e n e r a t i o n s z u s a m m e n h ä n g e    entstehen  als
       Produkt der  tätigen Auseinandersetzung nachwachsender Jahrgangs-
       kohorten mit von älteren Generationen geschaffenen und hinterlas-
       senen sozialen und politischen Verhältnissen. Politisches Genera-
       tionsbewußtsein  ist   verdichtetes  Substrat   der   durch   die
       "Sozialisationsinstanzen"  gefilterten  Wahrnehmung  von  gesell-
       schaftlich-politischen Widersprüchen,  Kräfteverhältnissen,  Kon-
       fliktlinien  und  Ereignissen,  welche  den  generationstypischen
       "Zeithorizont" für  die Übermittlung und Modifikation politischer
       Kultur bilden.
       Der Generationsbegriff  synthetisiert also  subjektive und objek-
       tive (politische)  Entwicklungsprozesse. Er  bildet das  Resultat
       der individuellen  Aneignung politischer Orientierungen und Hand-
       lungsmuster ab, indem er von der biographischen Einmaligkeit die-
       ser Prozesse  abstrahiert und  das die Individuen einer Generati-
       onsgruppe miteinander Verbindende - von epochalen Erfahrungen ge-
       formte Biographiemuster, Werthierarchien und Anspruchshaltungen -
       in seiner  sozialen Differenziertheit beschreibt. Im Hinblick auf
       die Beziehung  von Klassenstruktur,  Generationsfolge und politi-
       schem Bewußtsein sind einige weitere Konkretionen von Bedeutung:
       1. Generationen besitzen  keine von  der gesellschaftlichen Klas-
       sen- und Sozialstruktur gesonderte Existenz; sie tragen zur inne-
       ren Differenzierung  von Klassen und Klassenfraktionen bei, moti-
       vieren gegebenenfalls neue Entwicklungen innerhalb der Klassenzu-
       sammenhänge und sozialen Gruppen. 17) "Politisches Generationsbe-
       wußtsein" darf  deshalb nicht  als in sich homogener, harmonisie-
       render Bewußtseinstyp gedacht werden. Die den Trägern eines Gene-
       rationszusammenhangs gemeinsamen  Erfahrungen werden  immer schon
       durch das  Prisma  von  Schicht-  und  Klassenzugehörigkeit,  Ge-
       schlechterverhältnissen, ethnischen  und regionalen  Besonderhei-
       ten, politisch-ideologischen  Positionen,  Sozialbeziehungen  und
       Organisationsbindungen zerlegt  und folglich  von den  Individuen
       unterschiedlich verarbeitet und interpretiert. Eine scharf kontu-
       rierte Generationsgestalt  kann daher  durchaus mit  zugespitzten
       politisch-ideologischen Polarisierungen  innerhalb des  Generati-
       onszusammenhangs zusammenfallen. 18) Mehr noch: Die individuellen
       und  kollektiven  Widerspruchserfahrungen  sind  der  eigentliche
       "soziale Kitt"  der Generationsbildung,  denn das eine Generation
       prägende Verhältnis  von Altem  und Neuem  setzt sich  wesentlich
       über die an den zeittypischen Konfliktlinien aufbrechenden Gegen-
       sätze, Bewegungen und politischen Auseinandersetzungen durch. 19)
       2. Die Klassen  und Schichten  überlagernde soziale  Realität von
       Generationen entsteht  also aus der kollektiven Epochenerfahrung,
       deren sozial  differenzierte Verarbeitung  wiederum durch  Verge-
       sellschaftungsbedingungen, Habitusformen  und  Wertorientierungen
       bestimmt wird, in denen sich ein konkret-historisches Reprodukti-
       onsniveau materialisiert  hat. Sozioökonomisch-politische  K r i-
       s e n   und   S t r u k t u r b r ü c h e   bezeichnen die  wich-
       tigsten  Schichten     g e n e r a t i o n s k o n s t i t u t i-
       v e r   E r e i g n i s s e.   Die mit  ihnen verbundenen polari-
       sierenden Erfahrungen  zwingen die  nachwachsenden  Kohorten  zur
       Überprüfung tradierter  Orientierungen und motivieren zur Heraus-
       bildung neuer  politischer Wertmuster und Handlungsdispositionen.
       20)
       Damit erklärt  sich die unterschiedliche Intensität von Generati-
       onszusammenhängen: In  geschichtlichen Perioden  mit relativ kon-
       stant bleibenden ökonomischen, sozialen und politischen Rahmenbe-
       dingungen verschwimmen die Unterschiede zwischen den Generations-
       gruppen,  die  Generationszusammenhänge  bleiben  vergleichsweise
       locker, und  Veränderungen der politischen Kultur vollziehen sich
       wenig spektakulär  und oft  kaum wahrnehmbar.  Anders dagegen  in
       Phasen des  krisenhaften Umbruchs mit zugespitzten Konflikten und
       rasch wechselnden  Kräftekonstellationen. Solche Generationslagen
       lassen die  Unterschiede zwischen  den Generationsgruppen hervor-
       treten, führen zu Brüchen im politischen Bewußtsein und schweißen
       die in  sich möglicherweise stark polarisierten Generationszusam-
       menhänge regelrecht zusammen. 21)
       3. Generationen sind  nicht einfach  passiver Reflex  äußerer Um-
       stände, sie  werden - innerhalb eines gegebenen historischen Rah-
       mens -  von handelnden  Subjekten erzeugt und geformt. Allerdings
       haben nicht  alle einer Generationslage zuzurechnenden Individuen
       gleichermaßen Anteil  an der  Genese politischer  Generationspro-
       file. Im Prozeß der Generationsbildung fällt den politisch aktiv-
       sten  Jugendlichen  verschiedener    G e n e r a t i o n s e i n-
       h e i t e n   eine Schlüsselrolle  zu. 22)  Sie treiben die Über-
       prüfung tradierter  Bewußtseinsinhalte  und  Verhaltensstrategien
       voran, passen  sie den  neuen Gegebenheiten  an  und  entscheiden
       darüber,  welche  gesellschaftlichen  Widerspruchskomplexe  hand-
       lungsrelevant werden.  Es  sind  diese  Minderheiten,  denen  die
       Politisierung der kollektiven Generationserfahrung obliegt.
       4. In Generationskonflikten artikuliert sich das Aufeinanderpral-
       len von auf verschiedenen gesellschaftlichen Reproduktionsniveaus
       angeeigneten Habitusformen,  Anspruchshaltungen und  Lebenserfah-
       rungen. Der Habitus wird zwar durch die soziale Erfahrung modifi-
       ziert, als "inkorporierte Struktur" tendiert er jedoch dazu, auch
       dann seinen  Erzeugungsbedingungen gemäß  zu funktionieren,  wenn
       die materiellen  Lebensverhältnisse sich  längst gewandelt haben.
       23) Die hierin angelegten Ungleichzeitigkeiten von objektiven Le-
       bensbedingungen und  kognitiven Dispositionen  erklären,  weshalb
       gesellschaftliche Ereignisse  und Konflikte immer aus einer gene-
       rationsspezifischen Perspektive heraus wahrgenommen und verarbei-
       tet werden.
       Verstärkt wird dieser "Hysteresiseffekt" (Bourdieu) durch Systeme
       verfestigter Ansprüche  und Erwartungen, die in unterschiedlichen
       historischen Epochen erzeugt wurden, aber in der Gesellschaft, in
       Klassen und  sozialen Gruppen  nebeneinander existieren.  Was der
       einen Generation  von Lohnarbeitern  noch als Resultat mühevoller
       Bestrebungen und  Kämpfe gilt,  bezieht der Lohnarbeiternachwuchs
       bereits wie  selbstverständlich in  seine Lebensführung ein. Hier
       liegt eine  wesentliche Ursache der alters- und generationsspezi-
       fischen Differenzierungen  und Fragmentierungen von Klassenzusam-
       menhängen.
       5. Die während  eines  generationsformenden  Geschichtsabschnitts
       erworbenen Erfahrungen lagern sich im "kollektiven Gedächtnis" ab
       und gehen so in den Vergesellschaftungsprozeß nachfolgender Gene-
       rationsgruppen ein.  Insofern kann  davon gesprochen  werden, daß
       jede Generation ihre eigene politische Kultur hervorbringt.
       
       2. Die politische Kultur der Krisengeneration
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       im Spiegel empirischer Jugendstudien
       ------------------------------------
       
       Die während der zurückliegenden Umbruch- und Krisenperiode aufge-
       wachsenen  Jugendlichen  haben  eine    e i g e n s t ä n d i g e
       G e n e r a t i o n s g e s t a l t   ausgebildet, in  deren Zen-
       trum -  so jedenfalls der Tenor des umfangreichen empirischen Ma-
       terials - ein zeittypisch polarisierter demokratisch-partizipato-
       rischer Bewußtseinsschub  steht: Im  Vergleich zu den 50er Jahren
       hat das  allgemeine politische  Interesse Jugendlicher, insbeson-
       dere junger  Frauen, erkennbar zugenommen. Politik wird kaum noch
       als pflichtgemäße  Privatsache verstanden;  statt dessen  gründet
       sich Interesse  auf den  Wunsch, mitreden  und mitentscheiden  zu
       können. 24)  Der Wahlakt gilt nicht mehr als einzig legitimer Weg
       politischer Einflußnahme;  Unterschriftenlisten,  Demonstrationen
       und Ausübung  gewerkschaftlicher Rechte  sind zu mehrheitlich ak-
       zeptierten  Formen   politischer  Interessenvertretung  geworden.
       Blockaden, Besetzungen  und spontane Streiks werden zumindest von
       relevanten Minderheiten für sinnvoll gehalten. 25)
       Der Schwerpunkt des Engagements Jugendlicher hat sich von den po-
       litischen Jugendorganisationen  in lockere  Zusammenschlüsse, In-
       itiativen und Selbsthilfegruppen verlagert. 26) Autoritär-konser-
       vative Einstellungen - etwa die Befürwortung eines Einparteiensy-
       stems mit  einem "starken Mann an der Spitze" 27) - stoßen im Un-
       terschied zur  Nachkriegsgeneration bei Jugendlichen nur noch auf
       geringe Zustimmung.  28) Ein, wenngleich diffuser, Antifaschismus
       ist zum  Massenbewußtsein geworden.  29) Die Zustimmung zu parla-
       mentarischer Demokratie  und ihren Institutionen wird in der jun-
       gen Generation stärker denn je von den Möglichkeiten zur direkten
       Beeinflussung und  von der Transparenz politischer Entscheidungen
       abhängig gemacht.
       Was in  empirischen Generationsvergleichen  häufig  als  linearer
       Übergang von  postfaschistischen  zu  partizipatorisch-demokrati-
       schen Bewußtseinsformen  erscheint, entpuppt sich freilich in der
       Realität als  widersprüchlicher, keineswegs automatisch zugunsten
       der politischen Linken wirkender Prozeß. Trotz eindeutiger Ableh-
       nung des  historischen Nationalsozialismus  und des organisierten
       Neonazismus haben  sich mit Ausländerfeindlichkeit und nationali-
       stischen Einstellungen  neue "Einfallstore" für extrem rechte Po-
       litikvarianten etabliert.  30) Aber auch demokratische Wertorien-
       tierungen können, sofern sie an grundsätzliche Zustimmung zum be-
       stehenden Herrschaftssystem  gebunden bleiben, in neokonservative
       Politikkonzepte überführt  werden. 31)  Für sich genommen ist der
       partizipatorisch-demokratische Bewußtseinsschub  daher kein  hin-
       reichender Indikator  für Protest-  und Widerstandspotentiale; er
       ist primär  Reflex der  "Bildungsexpansion" -  einer mit der Höhe
       des formalen  Bildungsniveaus wachsenden  Neigung,  politisch  zu
       werten und  zu diskutieren,  eine "eigene"  politische Meinung zu
       haben und zu artikulieren. 32)
       Allerdings ist  die das  Bewußtsein der Krisengeneration prägende
       inhaltliche Ausrichtung demokratischer Wertorientierungen maßgeb-
       lich durch  den Ende der 70er Jahre einsetzenden Zyklus außerpar-
       lamentarischer Massenbewegungen  beeinflußt worden.  Hohe  Sympa-
       thiewerte für  Umwelt-, Friedens-  und Anti-AKW-Bewegung,  ein im
       Vergleich zur Gesamtbevölkerung unterdurchschnittliches Vertrauen
       zu den das politische System tragenden Institutionen und die zwi-
       schen 1979  und 1983 sprunghaft angestiegene Demonstrationsbetei-
       ligung Jugendlicher 33) verweisen auf die Verknüpfung von politi-
       schen Partizipationsbedürfnissen  und oppositionellem politischem
       Engagement.
       Folgt man  den Befunden  der Shell-Studien  von 1981 und 1985, so
       hat sich  das politische  Bewußtsein der Krisengeneration entlang
       einer "quer"  zu den  sozialen Klassengrenzen  verlaufenden  Kon-
       fliktachse polarisiert.  Träger und Anhänger der neuen Protestbe-
       wegungen -  zumeist Jugendliche mit hohem Bildungsstatus, Neigung
       zu Selbstentfaltungswerten und unkonventionellen Lebensentwürfen,
       pessimistischer Zukunftssicht  und Affinitäten  zu den  Grünen  -
       gelten als dominante, das "Meinungsklima" innerhalb des Generati-
       onszusammenhangs bestimmende  Gruppe. Ihnen  werden die  eher zu-
       kunftsoptimistischen, an unpolitischen Fan- und Modestilen orien-
       tierten, in  den unteren  Bildungsgruppen und  dem Arbeitermilieu
       überdurchschnittlich repräsentierten "konservativen" Jugendlichen
       gegenübergestellt. 34)
       Problematisch an  dieser Interpretation  ist, daß  sie aus  einer
       verengten Optik  heraus erfolgt.  Die Produktionssphäre  und  die
       durch sieresignativer "Konformismus" Lohnarbeiterjugendlicher er-
       scheint.
       Der knappe  Rekurs auf  empirische Jugendstudien  vermag Hinweise
       auf die  politische Kultur  der Krisengeneration  zu liefern; die
       z.T. gravierenden  Unterschiede und Diskontinuitäten zwischen den
       Jugendgenerationen der zurückliegenden zwei Jahrzehnte sind damit
       aber weder  umfassend dargestellt  noch hinreichend  erklärt.  Im
       weiteren soll  darum versucht  werden, den  zeittypischen  Erfah-
       rungshorizont der Jugendlichen und damit die Triebkräfte des Wan-
       dels politischer Kultur genauer zu erfassen.
       
       3. Widersprüche, Subjekte, politische Kultur
       --------------------------------------------
       
       Generationskonstitutive Ereignisse  und Erfahrungen  waren im für
       die politische Formierung der Krisengeneration entscheidenden Ge-
       schichtsabschnitt eng  mit dem Auftreten neuer gesellschaftlicher
       Widerspruchskomplexe 35)  und Konfliktfelder verbunden. Zu nennen
       sind:   G l o b a l e  W i d e r s p r ü c h e  mit ihren mensch-
       heitsbedrohenden Gefahrenpotentialen, verschärfte  Q u a l i f i-
       z i e r u n g s-,   B e s c h ä f t i g u n g s-   u n d   V e r-
       t e i l u n g s k ä m p f e     sowie  aus  der  kapitalistischen
       Vergesellschaftung der  Individuen  resultierende    L e b e n s-
       w e i s e k o n f l i k t e.
       Historisch neu  ist nicht nur die Interdependenz, das wechselsei-
       tige Aufeinanderwirken  der verschiedenen Konfliktlinien, sondern
       auch der  die subjektive Verarbeitung von Widerspruchserfahrungen
       regulierende Typ  kapitalistischer Vergesellschaftung von Jugend.
       Kernstruktur dieses Vergesellschaftungsmodus, 36) der sich in den
       Jahren der Nachkriegsprosperität herausgebildet und seither seine
       Konturen weiter  ausgeprägt hat, ist ein expandierender Bildungs-
       und Ausbildungssektor  und darauf basierend eine sozial verallge-
       meinerte, verschulte,  häufig bis  in das  dritte Lebensjahrzehnt
       hinein verlängerte  Jugendphase. In  Verbindung mit  Umbrüchen in
       der Lebensweise schwächt die "verschulte" Jugendphase den Einfluß
       schichtspezifischer Sozialmilieus,  betrieblicher Normen  und ge-
       werkschaftlicher Organisationsnetze  auf die  "zweite Geburt  der
       Persönlichkeit" (A.N.  Leontjew) und verlagert die Genese indivi-
       duellen politischen  Bewußtseins in  einen vornehmlich durch Bil-
       dungs- und  Freizeiteinrichtungen, Medien, Gleichaltrigengruppen,
       Vereine etc. strukturierten Erfahrungsraum. 37)
       
       3.1 Globale Widersprüche
       ------------------------
       
       In der Formierungsphase der Krisengeneration fiel die verlängerte
       biographische Freisetzung  von Lohnarbeit mit der durch die wach-
       sende Brisanz  globaler Widersprüche  verursachten  Politisierung
       der gesellschaftlichen  Reproduktionssphäre zusammen. Die Bewußt-
       werdung globaler Gefährdungslagen ließ eine eigentümliche politi-
       sche Dynamik  entstehen, machte den alltäglichen Lebensprozeß der
       Individuen, die  stoffliche Seite  des Produzierens und Konsumie-
       rens, zum  politischen Konfliktfeld.  "Risikobewußtsein", wie  U.
       Beck die gedankliche Vorwegnahme möglicherweise irreversibler ge-
       sellschaftlicher Fehlentwicklungen nennt, 38) wurde zur subjekti-
       ven Triebkraft sozialer Massenbewegungen.
       Obgleich häufig  in der Verdinglichung von Bedrohungsursachen be-
       fangen bleibend, entspricht das in der Krisengeneration vermasste
       "politische Katastrophenbewußtsein"  nicht einfach vorindustriel-
       len, romantisch-idealistischen  Protesthaltungen; 39)  es ist  im
       Kern rationale  Artikulation elementarer  Gattungsinteressen.  Da
       kaum durch  sinnliche Erfahrungen  gestützt, bedarf diese Bewußt-
       seinsform beständiger  argumentativer  Erneuerung  durch  "Gegen-
       wissenschaft"  und   soziale  Bewegungen,   ansonsten  droht  die
       Allgegenwart der  in jede  Faser der  individuellen  Reproduktion
       hineinreichenden Gefährdungen  in Ohmacht  und  Fatalismus  umzu-
       schlagen. Schon weil ein Leben im permanenten Ausnahmezustand un-
       möglich ist, werden Verdrängungsmechanismen in Gang gesetzt. Dro-
       hende Katastrophen  sind zu  ignorieren, solange sie nicht statt-
       finden oder  ihre Folgen  unsichtbar bleiben. Die politische Ent-
       schärfung von  "Risikobewußtsein", seine  Begrenzung auf  sich in
       der Wahl des "richtigen", umweltbewußten Lebensstils erschöpfende
       Vorbeugehaltungen oder  auch der  Zukunftsängste bewußt konterka-
       rierende Yuppie-Stil finden so eine sozialpsychologische Basis.
       
       3.2 Ökonomische Stagnation und Krisenerfahrung
       ----------------------------------------------
       
       Die Reaktualisierung "gewöhnlicher" kapitalistischer Krisenphäno-
       mene läßt  an  "inkorporierte  Bildungskapitale"  (Bourdieu)  ge-
       knüpfte Ansprüche  und Erwartungen Jugendlicher mit einer drasti-
       schen Einschränkung  von Berufs- und Lebensperspektiven kollidie-
       ren. Erfahrungen  mit Arbeitslosigkeit  und ihren sozialen Folgen
       gehen bei den Jugendlichen in ein Arbeitsbewußtsein ein, das sich
       gerade durch  die hohe Wertschätzung qualitativer Anspruchsdimen-
       sionen von den Wertorientierungen früherer Lohnarbeitergeneratio-
       nen unterscheidet. 40) Die Auswirkungen auf die politische Kultur
       sind zwiespältig:  Innere Fragmentierung  und  Segmentierung  des
       Lohnarbeiternachwuchses sowie  mangelnde Präsenz  aktiv-solidari-
       scher Formen  von Krisenbewältigung  im "kollektiven  Gedächtnis"
       der Arbeiterklasse  41) haben  bewirkt, daß die im Klassenhandeln
       enthaltenen individuellen  Optionen 42) zur "Normalform" der Ver-
       arbeitung von  Krisenerfahrungen geworden  sind. Ein Großteil der
       Jugendlichen hat  sich gezwungenermaßen mit der Krise arrangiert;
       Phasen der Arbeitslosigkeit, befristete und ungeschützte Beschäf-
       tigungsverhältnisse, Aufgabe  von Berufswünschen usw. werden ein-
       geplant und  individuell verarbeitet.  Da relevanten  Gruppen der
       jungen Generation  noch immer  relativ  krisensichere  Beschäfti-
       gungssegmente offenstehen, lassen sich materielle wie qualitative
       Arbeitsansprüche in  konservative  Leistungsideologeme  einbinden
       und in  individualistische  Aufstiegs-  und  Konsumorientierungen
       überführen. Die  - allerdings wachsende - Minderheit der von dau-
       erhafter Marginalisierung bedrohten, in die neuentstehenden urba-
       nen Ghettos  abgedrängten Jugendlichen konnte bislang - vom mili-
       tanten Protest autonomer Gruppen abgesehen - politisch weitgehend
       "ruhiggestellt" werden. 43)
       Latente Unzufriedenheit  ist vor  allem in  den Protestbewegungen
       von Schülern und Studenten, aber auch in betrieblichen Übernahme-
       kämpfen aktiviert  worden. 44)  Eher unterschwellig  hat sie sich
       (z.B.) im  Wahlverhalten Jugendlicher  niedergeschlagen. Von  den
       bis 21jährigen  Arbeitslosen bekundeten immerhin ca. 40% ihre Be-
       reitschaft, grün  zu wählen  - und das ohne genauere Kenntnis der
       programmatischen Positionen dieser Partei. 45)
       
       3.3 Lebensweisekonflikte
       ------------------------
       
       Lebensweisekonflikte entfalten  sich in  erster Linie im sozialen
       Nahbereich der  Individuen; sie  betreffen u.a. die Geschlechter-
       verhältnisse, Möglichkeiten  und Grenzen individueller Lebenspla-
       nung, das  Verhältnis von  Arbeit und Freizeit und die Gestaltung
       von Familien-, Partnerschafts- und Sozialbeziehungen. Ihre Quelle
       ist die  im kapitalistischen  Vergesellschaftungsprozeß angelegte
       potentielle Erweiterung von Individuationschancen bei sukzessiver
       Unterwerfung der  Individuen unter  die  fremdbestimmte  Entwick-
       lungslogik des Kapitals.
       Produktivkraftentwicklung und  Veränderung der  Reproduktionsver-
       hältnisse haben,  vermittelt über  die Erhöhung der Durchschnitt-
       seinkommen, sozialstaatliche Sicherung, Arbeitszeitverkürzung und
       Anhebung des  Bildungs- und  Qualifikationsniveaus, zu einer kul-
       turellen Evolution  der Lebensformen  geführt. 46) Die damit ein-
       hergehende allmähliche  Erosion von  tradierten Wohnmilieus,  Le-
       bensstilen und Wertsystemen schafft Raum für neue kulturelle Pra-
       xen und  Wertvorstellungen Jugendlicher,  bedeutet aber  auch den
       Verlust allgemein  akzeptierter Handlungsorientierungen  und  hat
       Züge einer  akuten "Wertekrise"  angenommen.  Ansätze  einer  auf
       Selbstentfaltungwerten, partnerschaftlichen  Formen des Zusammen-
       lebens  und   Partizipationsansprüchen  basierenden   "Ethik  der
       Pflichten gegenüber  sich selbst" (Beck) mischen sich in der Kri-
       sengeneration mit  der Remobilisierung von traditionellen, trüge-
       rische Verbindlichkeit  verheißenden, konservativen  Tugenden und
       Pflichtwerten.
       
       4. Hegemoniekonstellationen, politischer Zyklus,
       ------------------------------------------------
       Generationsprofil
       -----------------
       
       Eine zweite  generationskonstitutive Erlebnisschicht  umfaßt  der
       durch den Vormarsch bürgerlich-konservativer Formationen signali-
       sierte  p o l i t i s c h e  S t r u k t u r b r u c h.  Die öko-
       nomischen Krisenprozesse leiteten eine Periode der Schwächung von
       Arbeiterbewegung und Reformkräften ein. 47) In der Bundesrepublik
       lösten das Scheitern der etatistisch-reformistischen Politikvari-
       ante und der Regierungswechsel bei vielen Jugendlichen und jungen
       Erwachsenen politische  Schlüsselerlebnisse aus. Interessenkämpfe
       in Betrieben, an Schulen und Hochschulen wurden zunehmend aus ei-
       ner defensiven Position geführt, sollten "das Schlimmste" verhin-
       dern. Selbst  große Massenbewegungen konnten kaum noch politische
       Zugeständnisse erreichen.  Bei vielen Linken der APO- und Reform-
       generation war  dies mit  einschneidenden Desillusionierungs- und
       Frustrationserlebnissen verbunden.  Teile der  linken Intelligenz
       erklärten ihren  "Abschied vom  Proletariat"; die Anfang der 70er
       Jahre ansatzweise  gelungene Thematisierung von Marxismus und Ar-
       beiterbewegung in den Bildungsinstitutionen ging stark zurück.
       Mit den  äußeren Rahmenbedingungen wandelten sich die subjektiven
       Antriebskräfte des oppositionellen politischen Handelns Jugendli-
       cher. Anstelle von Aufbruchstimmung und Reformeuphorie der späten
       60er und  frühen 70er  Jahre traten existentielle Ängste, das Ge-
       fühl, "mit  dem  Rücken  zur  Wand  zu  stehen".  Sozialistisches
       "Überschußbewußtsein" und  dezidiert antikapitalistische  Begrün-
       dungen politischer  Strategien, wie  sie die  aktiven Gruppen der
       APO- und  der Reformgeneration  teilweise  ausgezeichnet  hatten,
       spielten als  handlungsleitende Motive  nur  eine  untergeordnete
       Rolle. 48)
       Zugleich wurden  betont optimistische,  systemkonforme  Haltungen
       bei einem  Teil der  Jugendlichen auf neue Weise hoffähig. Obwohl
       dieser Trend  bisher nicht in einen großen Aufschwung des organi-
       sierten Konservatismus  mündete - die CDU-Nachwuchsorganisationen
       sind profillos  und wenig  ausstrahlungskräftig 49) -, erweiterte
       er doch  die politische Basis des Rechtsblocks innerhalb der jun-
       gen Generation. 50)
       Die krisenhafte  Zuspitzung gesellschaftlicher  Widersprüche  und
       der Hegemonieverlust des sozialdemokratisch geführten Regierungs-
       blocks leiteten  einen neuen Kampfzyklus ein, der zunächst primär
       von den  neuen sozialen Bewegungen getragen wurde. Nicht nur auf-
       grund der  Brisanz ihrer  Themen, sondern  auch wegen ihrer mora-
       lisch-politischen Radikalität,  ihren Symbolen  und Aktionsformen
       gelang es  diesen Bewegungen,  heterogene  Unzufriedenheitspoten-
       tiale politisch  zu bündeln, ihnen in Forderungen und politischen
       Mobilisierungen einen adäquaten Ausdruck zu verleihen.
       Der außerparlamentarische  Massenprotest eröffnete klassenautono-
       men Kräften  innerhalb der  Gewerkschaften Ansatzpunkte  für eine
       kämpferische Interessenpolitik.  51) Teile der Gewerkschaftsbewe-
       gung begannen sich unter dem Eindruck neuer Kapitalstrategien aus
       korporatistischer Konfliktregulierung  zu lösen.  Nach dem  Höhe-
       punkt der  Raketenauseinandersetzung 1983  bestimmten sie mit Ar-
       beitszeitverkürzung und dem Kampf gegen den § 116 die wichtigsten
       politischen Konfliktfelder  und Mobilisierungsschwerpunkte. Akti-
       viert wurden  in diesen  Kämpfen vor allem Auszubildende und jün-
       gere Lohnarbeiter in den gewerkschaftlich hochorganisierten Groß-
       betrieben der  Metall- und Druckindustrie; auf die Gesamtheit der
       Krisengeneration bezogen  blieb ihr  Einfluß begrenzt. Anders als
       die spontane  Streikbewegung der 60er bewirkten die ungleich grö-
       ßeren und  zugespitzteren Klassenkämpfe  der 80er  Jahre aufgrund
       der politisch-gesellschaftlichen  Gesamtkonstellation und der De-
       fensivposition der  Arbeiterbewegung auch bei den politisch agil-
       sten Jugendlichen keine Initialzündung.
       
       5. Neue linke politische Kultur?
       --------------------------------
       
       Das politische  Profil der  Krisengeneration stützt  die u.a. von
       Jerusalimskij vertretene These, wonach sich in der Bundesrepublik
       - unter  wachsendem, z.  T. dominantem  Einfluß der Intelligenz -
       eine "neue  linke politische  Kultur" herauszukristallisieren be-
       ginnt. Allerdings  ist Jerusalimskijs weite Fassung des "Neuen" -
       er addiert quasi die gesamte gewerkschaftliche und politische Ar-
       beiterbewegung samt  ihrer Wählerschaft  sowie ein  Großteil  der
       Überlebens- und Alternativbewegung - problematisch. 52) Zwar gibt
       es bei  Themen, Konfliktfeldern,  Wertorientierungen und Interes-
       senlagen viele  Überschneidungen von  Arbeiterbewegung und  neuen
       sozialen Bewegungen; es darf aber nicht übersehen werden, daß der
       politisch-kulturelle Wandel  wesentlich durch oppositionelle Zen-
       tren außerhalb der Arbeiterbewegung vorangetrieben worden ist und
       zu brisanten  Differenzierungsprozessen innerhalb  des Klassenzu-
       sammenhangs und  der Klassenorganisationen  geführt hat. Um nicht
       den Blick  für bereits  manifeste oder  noch zu erwartende Brüche
       innerhalb des linken politischen Lagers zu verstellen, scheint es
       angebracht, die Elemente der neuen oppositionellen Kultur genauer
       zu bestimmen.
       Krisenerfahrungen, politisches  "Katastrophenbewußtsein", Selbst-
       entfaltungswerte,   Partizipationsansprüche   und   radikal-demo-
       kratische Einstellungen  sind bei  einem Teil der Jugendlichen zu
       einer stabilen    l i n k s - a l t e r n a t i v e n    W e r t-
       o r i e n t i e r u n g   verschmolzen. Nicht  ein  sich  verall-
       gemeinernder  "Postmaterialismus",   sondern  gerade   das  gene-
       rationstypische Zusammenfallen  der Blockierung  von Berufs-  und
       Lebensperspektiven  mit  neuen  Widerspruchserfahrungen  und  An-
       spruchssystemen hat ein sich vorwiegend aus Abiturienten, Studen-
       ten, jungen Akademikern und Kopfarbeitern zusammensetzendes Gene-
       rationssegment zum  wichtigsten sozialen Träger dieser systemkri-
       tischen Bewußtseinsform  werden lassen.  Die Formen der Aneignung
       und Ausprägung links-alternativer Wertorientierungen weisen viele
       Züge einer  labilen Umbruchsituation  auf. Deutlich  wird dies an
       einem verbreiteten  "individualisierten Politikverständnis":  dem
       Mißtrauen gegenüber  umfassenden ideologischen  Systemen und kom-
       plex-hierarchischen Organisationsstrukturen  sowie  der  Betonung
       von Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung beim politischen
       Handeln. In  einer historischen  Periode, die umfassenden Gesell-
       schaftsentwürfen und Utopien scheinbar ihre Tragfähigkeilt genom-
       men hat, soll der radikale Bezug auf die eigene Person, ihre Mög-
       lichkeiten und Grenzen, Gewißheit darüber verschaffen, für welche
       Ziele es sich zu engagieren lohnt. 53)
       Das innere  Gerüst der  neuen oppositionellen Kultur wird von dem
       im Umfeld der Protestbewegungen entstandenen Geflecht loser Akti-
       onsbündnisse, Initiativen,  Ein-Punkt-Koalitionen und gegenkultu-
       rellen Zentren  gebildet. Diese  B e w e g u n g s m i l i e u s,
       54) welche  vornehmlich von  gemeinsamen  Grundüberzeugungen  und
       nicht so  sehr durch sozialräumlich bestimmbare Wohn- und Lebens-
       zusammenhänge zusammengehalten  werden, wirken  als Katalysatoren
       links-alternativer Wertorientierungen.  Mit dem Einzug der Grünen
       in die Parlamente erhielt die neu formierte oppositionelle Kultur
       auch auf  der Ebene  des politisch-parlamentarischen Systems eine
       Entsprechung.  Die  Ausstrahlungskraft  links-alternativer  Wert-
       muster geht aber weit über die grüne Wählerschaft 55) hinaus; sie
       reicht  bis   in  aktive   Teile  der  Sozialdemokratie  und  der
       Gewerkschaften hinein  56) und  äußert sich auf spezifische Weise
       auch bei den verschiedenen "bunten" und autonomen Gruppierungen.
       Generationstypisch ist  also sowohl  die Ausbreitung als auch die
       politische Ausdifferenzierung  links-alternativer  Bwußtseinsfor-
       men. Die  vorwiegend aus Mittelschichten und Intelligenz stammen-
       den Aktivgruppen  der neuen sozialen Bewegungen verkörpern gewis-
       sermaßen  die   "inhärierende  Tendenz"   ihrer   Generationslage
       (Mannheim); sie  haben einem  "Epochengefühl" Ausdruck  verliehen
       und sind  so auch  zu "Meinungsführern" von nicht in links-alter-
       nati-ven Milieus  eingebundenen Jugendlichen  geworden.  Für  den
       eher konservativ  orientierten Teil  der Krisengeneration stellen
       sie den  Antipoden dar,  gegenüber dem politisch-ideologische Ab-
       grenzungen vollzogen werden.
       
       6. Generation - Klasse - politische Kultur
       ------------------------------------------
       
       Klassen- und  schichtspezifische Wahrnehmungs- und Verarbeitungs-
       formen gleicher Generationserfahrungen sind bislang kaum systema-
       tisch untersucht  worden. Studien aus dem Umfeld des CCCS (Centre
       for Contemporary  Cultural Studies)  Birmingham 57)  machten  den
       Versuch, die  Vermittlung von  Lebensalter und  Klasse  über  das
       "Lesen" subkultureller  Stile zu  erschließen. Dabei  gelang zwar
       die Zerstörung der Fiktion einer homogenen, klassen- und schicht-
       übergreifenden Jugendkultur,  doch beschränkten sich die Analysen
       zumeist auf  expressive Stilbildungen von Minderheiten des Arbei-
       terklasse-Nachwuchses. 58)  Generationswandel und  Modifikationen
       politischer Kultur sind für Klassenbildungsprozesse aber in einem
       umfassenderen Sinne  relevant als es der CCCS-Ansatz reflektiert.
       Dazu abschließend  einige - aufgrund der Forschungslage notwendig
       vorläufige - Überlegungen.
       1. Die Radikalisierung  der Generationsproblematik  durch verlän-
       gerte Jugendphase  und kapitalistische  Umbruchkrise bedingt eine
       altersgruppenspezifische Differenzierung innerhalb der Lohnarbei-
       terschaft. Bis in den gewerkschaftlich organisierten Kern der Ar-
       beiterklasse hinein  ist die Zugehörigkeit zu politischen Genera-
       tionen ein Filter für die Wahrnehmung und Verarbeitung politisch-
       gewerkschaftlicher Konflikte.  So ist  z.B. das  Lebensalter noch
       vor dem  Bildungsgrad die  aussagekräftigste  soziodemographische
       Variable für  das  Verhältnis  von  Gewerkschaftsmitgliedern  zur
       Friedensbewegung. 59)  Anders ausgedrückt:  Die den  Formierungs-
       zeitraum einer  Generationsgruppe bestimmenden Konfliktfelder und
       -themen gehen  in die  kollektive Erfahrung des Lohnarbeiternach-
       wuchses ein und bedingen eine zeittypische Ausformung politischer
       Wertorientierungen und Handlungsmotive.
       2. In welchem Maß generationskonstitutive Widerspruchserfahrungen
       in verallgemeinertes  Klassenhandeln umgesetzt werden, hängt ent-
       scheidend von  der gewerkschaftlichen  Organisierung und Aktivie-
       rung des Lohnarbeiternachwuchses ab. M. Steinrücke hat anhand be-
       trieblicher Fallstudien gezeigt, wie generationsspezifische Konf-
       kliktverarbeitungsmuster in  den Prozeß der Klassenbildung einge-
       hen. 60)  Als Merkmale  der unter den jüngsten befragten Druckar-
       beitern verbreiteten  Einstellungen und Wertmuster nennt sie u.a.
       die zum  "Interessenbrennpunkt" gewordenen kommunikativen Aspekte
       des  Arbeitsverhältnisses,  quasi  intellektuelle  Praktiken  des
       Sich-Informierens, Diskutierens und Aufklärens, universalistische
       Haltung zu  betrieblichen und  überbetrieblichen Konflikten,  die
       Wertung   eines    Streikergebnisses    als    politischen    und
       "Kommunikationserfolg" sowie grundsätzliche Kritik an der Gewerk-
       schaftsorganisation bei  zu langem Zögern mit Kampfmaßnahmen. 61)
       Die Studie  belegt, daß  häufig als  "Antiinstitutionalismus" und
       "Abwendung von  anonymen Großorganisationen" gedeutete partizipa-
       torisch-demokratische Bewußtseinsformen  durchaus Grundlage einer
       "kollektiven und  egalitären Konfliktbereitschaft"  sein  können,
       "die sich auch in einer vollen Unterstützung zumal kommunikativer
       und kämpferischer  gewerkschaftlicher Aktivitäten niederschlägt."
       62)
       Dieser empirische  Befund trifft  natürlich nur  auf Minderheiten
       des gewerkschaftlich  organisierten  Lohnarbeiternachwuchses  zu.
       Zwar sind gewerkschaftliche Wertorientierungen in der Krisengene-
       ration verbreitet  63), aktivieren  lassen sie  sich in der Regel
       aber erst dann, wenn Jugendliche die Nützlichkeit gewerkschaftli-
       cher und  betrieblicher Interessenvertretung  selbst erleben. 64)
       Wo dies  nicht gewährleistet ist, entfalten sich spontane gewerk-
       schaftliche Orientierungen  - das  Bewußtsein eines strukturellen
       Interessengegensatzes zwischen  Kapital und  Arbeit, die hohe Ak-
       zeptanz von  Streiks, Betriebsbesetzungen  und Blockaden  und die
       große Bereitschaft,  von Lohnarbeiterinteressen  ausgehend an be-
       trieblichen Entscheidungen  mitzuarbeiten - außerhalb der Gewerk-
       schaftsorganisation; sie  bleiben weitgehend  "passives"  Bewußt-
       sein. 65)
       3. Neben dem Typus des jungen Facharbeiters mit langem Aufenthalt
       in den  Bildungsinstitutionen, entwickelten Partizipationsansprü-
       chen und  "intellektuellem" Politikverständnis,  finden sich nach
       wie vor  Gruppen von  Lohnarbeiterjugendlichen, deren  politische
       Orientierungen durch  intakte ländlichkonfessionelle  oder tradi-
       tionelle Industriearbeiter-Milieus  bestimmt werden. Die interge-
       nerativen Wandlungen  politischer Kultur  vollziehen sich  in den
       einzelnen Klassenfraktionen in unterschiedlicher Intensität. Dies
       verstärkt die sozialkulturelle und politische Differenzierung des
       Lohnarbeiternachwuchses. Oftmals sind es primär gewerkschaftliche
       Aktivgruppen, die  eine sich  in  Betrieben  und  Lehrwerkstätten
       spontan reproduzierende  Tendenz zur  Beschränkung auf  ein enges
       Verständnis von gewerkschaftlicher Interessenvertretung durchbre-
       chen und überbetrieblich-politische Konfliktfelder thematisieren.
       
       Herausforderung für die organisierte Arbeiterbewegung
       -----------------------------------------------------
       
       Die sich  auf vermehrte Bildungsbeteiligung gründenden Formen in-
       dividualisierter Vergesellschaftung  von Jugend  und die Vielfäl-
       tigkeit gesellschaftlicher Konfliktfelder verlangen von den poli-
       tischen und gewerkschaftlichen Arbeiter(jugend)organisationen die
       Fähigkeit zu  raschen, flexiblen  Neueinstellungsprozessen.  Dies
       betrifft nicht allein die Ebenen von Programmatik und politischer
       Strategie. Viel  wird davon  abhängen, ob es künftig gelingt, die
       Seismographenfunktion von Jugend- und Studentenbewegungen und den
       damit einhergehenden  politisch-kulturellen Veränderungen richtig
       zu  deuten.  Eine  wesentliche  Voraussetzung  für  die  stärkere
       Aktivierung Jugendlicher  in Gewerkschaften  und  sozialistischen
       Verbänden ist,  daß Ansprüchen  an  selbstbestimmtes  politisches
       Engagement sowie  demokratische und durchschaubare Entscheidungs-
       und  Organisationsstrukturen   adäquat  Rechnung  getragen  wird.
       Geschieht dies  nicht, so  kann  der  Generationswandel  in  eine
       altersspezifische,  aber   auch  politische   Fragmentierung  der
       Lohnarbeiterschaft umschlagen,  die sich  äußerst negativ auf die
       politische Ausstrahlung  und  Mobilisierungsfähigkeit  der  orga-
       nisierten Arbeiterbewegung auswirken dürfte.
       
       _____
       1) Zum Jungwählerverhalten  bei der  Bundestagswahl  1987  siehe:
       Dörre, K.:  Jungwähler '87: Keine Mehrheit für die Wende, in: De-
       mokratische Erziehung  3/1987, S. 26 ff.; Bick, W. u. J. Hofmann-
       Göttig: "Die  Wahlurne übt  auf junge  Frauen nur  geringen  Reiz
       aus", in: FR, 5.2.1987, S. 12.
       2) "Wie die  Arbeitnehmer stimmten",  in: FR, 11.2.1987, S. 4; es
       handelt sich  um die Analyse ausgewählter Wahlkreise sowie reprä-
       sentativer Umfrageergebnisse kurz vor der Wahl.
       3) Dazu u.a.: Hofmann-Göttig, J.: Die jungen Wähler, Frankfurt/M.
       1984.
       4) Bick/Hofmann-Göttig, a.a.O.
       5) Der Analyseansatz  unterscheidet sich  damit von Konzeptionen,
       die sich hauptsächlich auf Parteipräferenzen und Wahlentscheidun-
       gen konzentrieren.  Es geht darum, Veränderungen politischer Kul-
       tur innerhalb  des politischen  Systems der Bundesrepublik zu un-
       tersuchen. Eine  solche  Fragestellung  ist  mit  Galkins  norma-
       tivwertendem Stufenmodell politischer Kultur nicht adäquat zu be-
       arbeiten. Vgl.:  Galkin, A.A.: Herrschaftselite. Politisches Ver-
       halten. Politische Kultur, Frankfurt/M. 1986, S. 169 ff.
       6) Zur  Krisengeneration   gehören  in  etwa  die  1985  15-  bis
       25jährigen.  Da  Generationen  ein  historisch-soziales  Phänomen
       sind, ist das Lebensalter jedoch nur ein unzureichender Indikator
       für die Zugehörigkeit zu einem Generationszusammenhang. Zur Klas-
       sifizierung von  Generationen in  der Bundesrepublik siehe: Jung,
       H.: Zur  Arbeiterklasse der 80er Jahre, in: Marxistische Studien.
       Jahrbuch des IMSF 6, Frankfurt/M. 1983, S. 63 ff.
       7) Galkin: a.a.O., S. 156.
       8) Dölling, L:  Individuum und  Kultur, Berlin/DDR 1986, S. 29 f.
       u. S. 31.
       9) Bourdieu, P.:  Die feinen  Unterschiede, Frankfurt/M. 1982, S.
       277 ff.
       10) Ebd., S. 279.
       11) Maase, K.:  Lebensweise der  Lohnarbeiter  in  der  Freizeit,
       Frankfurt/M. 1984, S. 244 f.
       12) Zur "politischen  Sozialisation" als  Grundlage der Generati-
       onsbildung siehe:  Fogt,  H.:  Politische  Generationen,  Opladen
       1982, S. 55 ff.; sowie: Galkin, a.a.O., S. 165 ff.
       13) Politisches Lernen dauert prinzipiell lebenslänglich. Die ak-
       kumulierten  Erfahrungen  und  die  spezifischen  Entwicklungsbe-
       schränkungen im  Kapitalismus lassen individuelle politische Umo-
       rientierungen mit zunehmendem Alter jedoch zu einem schmerzhaften
       Prozeß werden.  Siehe dazu auch: Sève, L.: Historische Individua-
       litätsformen und  Persönlichkeit, in: Marxistische Studien. Jahr-
       buch des IMSF 10, Frankfurt/M. 1986, S. 17 ff.; Holzkamp, K.: Ju-
       gend ohne  Orientierung, in: Forum Kritische Psychologie 6, 1980,
       S. 196 ff.
       14) Nach Marx  ist die  den biologischen Reproduktionszyklus vor-
       aussetzende Generationsfolge als soziales Phänomen die elementar-
       ste Bewegungsform  der Geschichte: "Die Geschichte ist nichts als
       die Aufeinanderfolge  der einzelnen  Generationen, von denen jede
       die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapita-
       lien, Produktionskräfte  exploitiert, daher also einerseits unter
       ganz veränderten  Umständen die  überkommene Tätigkeit  fortsetzt
       und andererseits  mit einer  ganz veränderten Tätigkeit die alten
       Umstände modifiziert..."  (Marx, K.  u. F.  Engels: Die  deutsche
       Ideologie, MEW 3, S. 45).
       15) Mannheim K.:  Das Problem  der Generationen,  in: ders.: Wis-
       senssoziologie, Neuwied  1964, S. 509 ff., hier S. 526. Mannheims
       "formalsoziologische" Analyse  ist in  vielerlei Hinsicht  erhel-
       lend. Im Unterschied zu seinem Ansatz wird hier jedoch davon aus-
       gegangen, daß  die Klassenanalyse eine allgemeinere, über die Ka-
       tegorie "politische Generation" hinausgehende Erklärungskraft be-
       sitzt.
       16) Ebd., S. 528.
       17) Vester, M.:  Solidarisierung als historischer Lernprozeß, in:
       Krebs, D.  (Hrsg.): Die  hedonistische Linke,  Neuwied, 1971,  S.
       149. Siehe  auch: Cohen,  Phil.: Die  Jugendfrage überdenken, in:
       Verborgen im  Licht. Neues zur Jugendfrage, Frankfurt/M. 1986, S.
       22 ff.
       18) Der Gedanke klingt auch bei Mannheim an, wird aber nicht kon-
       sequent weitergeführt:  "Im Rahmen desselben Generationszusammen-
       hangs können  sich also mehrere, polar sich bekämpfende Generati-
       onseinheiten bilden. Sie werden gerade dadurch, daß sie aufeinan-
       der, wenn auch kämpfend, abgestimmt sind..." (Mannheim, a. a. O.,
       S. 547).
       19) Dies ist  ein wesentlicher  Unterschied zu  Fogts Konzept der
       politischen Generation. Während Fogt vermutet, daß das eine Gene-
       ration Verbindende  um so  stärker relativiert  wird, je schärfer
       die  Unterschiede  zwischen  den  Generationseinheiten  ausfallen
       (a.a.O., S. 100), wird hier das Gemeinsame gerade aus den genera-
       tionstypischen Widersprüchen erklärt. Eine solche Sichtweise wird
       indirekt auch  durch Fogt nahegelegt, wenn er z. B. gesellschaft-
       lich-politischen Krisen mit ihrer polarisierenden Wirkung genera-
       tionskonstitutive Kraft zuspricht.
       20) Nach Fogt werden epochale Erfahrungen über einen generations-
       typischen Lernmodus angeeignet. Bestimmte Schlüsselerlebnisse lö-
       sen danach eine Art "Wahrnehmungsschock" aus und führen dann über
       intensivierte Informationssuche  zu einer  Änderung individueller
       politischer Orientierungsmuster  (a.a.O., S. 80 ff.; S. 90). Vgl.
       dazu auch Galkin, a.a.O., S. 164.
       Eine weitere Differenzierung besteht in der unterschiedlichen In-
       tensität politischer Lernprozesse. Galkin unterscheidet drei For-
       men des  Verschmelzens von politischer Kultur und Persönlichkeit:
       die typologische,  die identifikatorische  und die  solidarische.
       Für letztere  bedarf es  eines Systems von Vorstellungen über In-
       teressen und Ziele der eigenen Gruppe (a.a.O., S. 165). Das Enga-
       gement in  sozialen Bewegungen würde z.B. diesem Typus intensiven
       politischen Lernens entsprechen.
       21) Vgl.: Mannheim, a.a.O., S. 551.
       22) Generationseinheiten sind im marxistischen Sinne wohl alters-
       spezifische Segmente  von Klassenfraktionen;  mit  Begriffen  wie
       "Milieu", "politische  Formation" und "Meinungsführer" können sie
       weiter differenziert werden.
       23) Bourdieu, P.:  Questions de  Sociologie, Paris  1980, S. 151,
       zit. n.:  Steinrücke, M.:  Generationen im  Betrieb, Frankfurt/M.
       1986, S. 50.
       24) Zinnecker, J.:  Politik, Parteien,  Nationalsozialismus,  in:
       Jugendliche u.  Erwachsene '85, hrsg. v. Jugendwerk d. dt. Shell,
       Opladen 1985, Bd. 3, S. 321 ff, hier: S. 366 ff.
       25) SINUS: Die  verunsicherte Generation. Jugend und Wertewandel,
       Opladen 1983, S. 54 f.
       26) Ebd.
       27) Noch 1952 ermittelte eine vom amerikanischen Oberkommissariat
       durchgeführte Umfrage  die Vorliebe von 56% der befragten Jugend-
       lichen für  "eine einzige  starke und  nationale  Partei".  Vgl.:
       Schelsky,  H.:   Die  skeptische  Generation,  Frankfurt/M.  1984
       (Neuauflage), S. 341.
       28) Zinnecker, a.a.O., S. 397 ff.
       29) Ebd.; sowie:  Allerbeck, K. u. W. Hoag: Jugend ohne Zukunft?,
       München 1985, S. 135.
       30) Allerbeck/Hoag, a.a.O.,  S. 138 ff.; siehe auch die hohen Zu-
       stimmungsquoten zu  nationalistischen "Wandsprüchen",  in: Jugend
       '81, hrsg.  v. Jugendwerk  d. dt.  Shell, Hamburg 1981, Bd. l, S.
       509.
       31) Bestes Beispiel sind die USA, wo politische Partizipationsbe-
       dürfnisse der  Mittelschichten nahtlos  in  "Ein-Punkt-Kampagnen"
       des konservativen  Lagers umgeleitet wurden. Vgl. dazu Davis, M.:
       Phoenix im Sturzflug, Berlin/West, 1986, S. 43 f.
       32) Bourdieu 1982, a.a.O., S. 632 ff.
       33) Zur Verdeutlichung  der Dimensionen:  Nach dem  Höhepunkt der
       Raketenauseinandersetzung 1983  gaben 20% der 14- bis 21-jährigen
       an, bereits  an einer  Demonstration teilgenommen  zu haben (1979
       8%), weitere  46% erklärten,  sie könnten  sich eine Teilnahme in
       näherer Zukunft  vorstellen. Veen,  H.J.: Lebensperspektiven, Ar-
       beitsorientierungen und  politische Kultur  Jugendlicher, in:  v.
       Voss, R. u. K.F. Friedrich: Die Jungwähler, Bonn 1986, S. 35 ff.
       34) Jugend '81, a.a.O., S. 501.
       35) Zum Widerspruchsbegriff  siehe: Klein, D.: Ökonomische Wider-
       sprüche im  Kapitalismus, Frankfurt/M.  1976. Im Kontext des Kon-
       zepts "politische  Kultur" interessiert wesentlich die subjektive
       Seite von gesellschaftlichen Widersprüchen.
       36) Ausführlicher dazu: Dörre, K.: Die neuen Unberechenbaren, in:
       Demokratische Erziehung  l /1987,  S. 5  ff. Um die innere Wider-
       sprüchlichkeit dieses  Vergesellschaftungstyps zu  betonen,  habe
       ich -  anknüpfend an  U. Beck  und K.  Maase - vorgeschlagen, von
       "individualisierter Vergesellschaftung" zu sprechen.
       37) Ebd.
       38) Beck, U.: Risikogesellschaft, Frankfurt/M. 1986.
       39) So z.B.: Bürklin, W.P.: Grüne Politik, Opladen 1984, S. 10 f.
       40) Siehe dazu: Baethge, M. u.a.: Arbeit und Gewerkschaften, Göt-
       tingen 1985, S. 30 ff.
       41) Zoll, R.  (Hrsg.): "Die Arbeitslosen könnt' ich alle erschie-
       ßen", Köln 1984.
       42) Zur Typologie  des Klassenhandelns  siehe: Therborn,  G.: Auf
       der Suche nach dem Handeln. Geschichte und Verteidigung der Klas-
       senanalyse, in: PROKLA 66, 1987, S. 128 ff., bes.: 149 ff.
       43) Zur subjektiven  Verarbeitung von  Arbeitslosigkeit und  Kri-
       senerfahrungen siehe:  Alheit, P. u. C. Glaß: Beschädigtes Leben,
       Frankfurt/M. 1986.
       44) Zur jüngsten  Protestwelle von  Schülern und  Studenten siehe
       die Beiträge in: Marxistische Blätter 7/1987.
       45) Angaben nach:  Brand, K.W. u. H. Honolka: Ökologische Betrof-
       fenheit, Lebenswelt und Wahlentscheidung, Opladen 1987, S. 46.
       46) Vgl.: Maase, Lebensweise, a.a.O.
       47) Deppe, F.:  Arbeiterbewegung in Westeuropa 1945 bis 1985. Von
       der Bewegung  zur Stagnation,  in: Marxistische Studien. Jahrbuch
       des IMSF 8, Frankfurt/M. 1985, S. 58 ff.
       48) Siehe dazu  Beiträge in:  Preuss-Lausitz, U. u.a.: Kriegskin-
       der, Konsumkinder, Krisenkinder, Weinheim 1983.
       49) Grafe, P.J.: Schwarze Visionen, Hamburg 1986, S. 33 ff.
       50) Zur organisierten politischen Rechten: Farin, K. u. L.A. Mül-
       ler: Die Wende-Jugend, Hamburg 1984.
       51) Pickshaus, K.: Die Gewerkschaften und der Arbeitskampf um die
       35-Stunden-Woche, in:  IMSF (Hrsg.): Zur Zukunft der Gewerkschaf-
       ten, Frankfurt/M. 1985, S. 25.
       52) Jerusalimskij, W.P.:  Neue linke politische Kultur als Kampf-
       feld für  die Hegemonie der Arbeiterklasse, in: IMSF (Hrsg.): In-
       telligenz,  Intellektuelle   &  Arbeiterbewegung  in  Westeuropa,
       Frankfurt/M. 1985, S. 254 ff.
       53) In dieser Haltung offenbart sich ganz offensichtlich auch das
       Bewußtsein einer  politischen Minderheitenposition  - ein Aspekt,
       der durch die z.T. gewollte, z.T. erzwungene Abgrenzung gegenüber
       der Arbeiterbewegung  noch zusätzlich  Gewicht erhält.  Von daher
       scheint es  voreilig, die Politikform der neuen sozialen Bewegun-
       gen bereits  als "den" Widerstandtyp eines "postfordistischen Ka-
       pitalismus" zu deuten. Vorsichtige Überlegungen in diese Richtung
       finden sich bei: Hirsch, J. u. Roth, R.: Das neue Gesicht des Ka-
       pitalismus, Hamburg 1986, S. 193 ff.
       54) Vgl.: Maase,  K.: Betriebe ohne Hinterland?, in: Marxistische
       Studien. Jahrbuch  des IMSF  7, Frankfurt/M. 1984, S. 256 ff. Zum
       Begriff "Bewegungsmilieu" siehe auch: Hirsch/Roth, a.a.O.
       55) Für den  engen Zusammenhang  von Bewegungsmilieus  und grüner
       Parteipräferenz spricht  z.B., daß  1982 zwischen  60 und 70% der
       Grünwähler in  Bis, Umwelt-  oder  Anti-AKW-Gruppen  aktiv  waren
       (Brand, a. a. O., S. 47).
       56) Siehe dazu:  Milke, G.:  Die Arbeitermasse  als SPD-Basis ist
       Nostalgie, in: FR, 24.3. 1987
       57) Einen guten  Überblick bietet:  Clarke, J. u.a.: Jugendkultur
       als Widerstand, Frankfurt/M. 1979.
       58) Vgl.: Murdock, G. u. R. McCron: Klassenbewußtsein und Genera-
       tionsbewußtsein, in: Ebd., S. 15 ff.
       59) Armingeon, K.  u. R.  Schmitt: Wie  "friedensbewegt" sind die
       Gewerkschafter?, in:  Politische Vierteljahresschrift 4/ 1986, S.
       423 ff.
       60) Steinrücke, a.a.O.  Die  Generationeneinteilung  der  Autorin
       entspricht nicht  der diesem Aufsatz zugrunde liegenden Klassifi-
       zierung. Dennoch  treffen die  empirischen Befunde auch auf Teile
       des zur Krisengeneration gehörenden Lohnarbeiternachwuchses zu.
       61) Ebd., S. 267 ff.
       62) Ebd., S. 271.
       63) INFAS: Jugendliche  und Gewerkschaften:  Zwischen "Programma-
       tischem Konsens" und "Institutioneller Kritik", Bonn, o.J.
       64) Baethge u.a., a.a.O., S. 53 ff.
       65) Arbeiterjugendliche heute  - vom Mythos zur Realität; hsg. v.
       Arbeitsgemeinschaft außerschulische  Bildung  e.V.,  Frankfurt/M.
       1986, S. 32 ff.
       

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