Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       WISSENSCHAFTLICH-TECHNISCHE REVOLUTION UND KRISE
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       DES STAATSMONOPOLISTISCHEN KAPITALISMUS
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       Tagungsbericht
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       Ulrich Dolata
       
       1. Neuer  Techniktyp und veränderte Reproduktionsbedingungen - 2.
       Wissenschaftlich-technischer Umbruch  und Krise der staatsmonopo-
       listischen Regulierung  - 3.  Neue Widersprüche  und Konflikte in
       den Klassenbeziehungen und im staatlich-politischen System
       
       Die schnelle Entwicklung der neuen Informations- und Kommunikati-
       onstechnologien und  ihr sukzessives  Eindringen in Büro, Verwal-
       tung und Produktion sind zu einem bestimmenden Merkmal des ökono-
       mischen und  sozialen Strukturwandels geworden. Der wissenschaft-
       lich-technische Umbruch  hat alle  Ebenen des ökonomischen Repro-
       duktionsprozesses erfaßt, entwickelt sich zu einer entscheidenden
       Triebkraft der  internationalen Konkurrenz und bestimmt heute die
       staatliche Wissenschaftspolitik  ebenso wie  die Geschäftspolitik
       der Unternehmen.  Er hat  damit eine Reihe theoretischer wie auch
       praktisch-politischer Probleme  aufgeworfen, die in marxistischen
       Diskussionen  über   Krise,  Anpassungsspielräume   und  Entwick-
       lungsperspektiven des staatsmonopolistischen Kapitalismus bereits
       seit geraumer  Zeit eine  zentrale Rolle  spielen. Hierzu  zählen
       etwa die  Abschätzung des  technologischen  Innovationspotentials
       bzw. -tempos  und seiner möglichen Wirkungen auf das Wirtschafts-
       wachstum und  die Beschäftigungsentwicklung,  Fragen der ökonomi-
       schen Regulierung  und sozialen  Beherrschbarkeit des Umbruchpro-
       zesses, Untersuchungen über Veränderungen im Qualifikationsprofil
       und in den Klassenbeziehungen oder Überlegungen zur Notwendigkeit
       strategischer Neuorientierungen  in der Politik der Arbeiter- und
       Gewerkschaftsbewegung.
       Mit Blick  auf diese  Umbruchprozesse und  aktuellen Diskussionen
       fand am  2. und 3. Juni 1987 in Frankfurt/M. eine gemeinsame wis-
       senschaftliche Konferenz  des "Instituts  für Weltwirtschaft  und
       internationale Beziehungen  der Akademie  der Wissenschaften  der
       UdSSR" (IMEMO, Moskau), des "Instituts für Internationale Politik
       und Wirtschaft  der DDR" (IPW, Berlin/DDR) und des IMSF zum Thema
       "Wissenschaftlich-technische Revolution und Krise des staatsmono-
       polistischen Kapitalismus" statt. Diese Tagung war die vierte ge-
       meinsam von den genannten Instituten seit 1981 veranstaltete Kon-
       ferenz zu aktuellen Problemen der Kapitalismusanalyse.
       Diskutiert wurde  in drei Themenblöcken auf der Grundlage von Ma-
       terialien und  Referaten, die  jeweils eines der Institute vorbe-
       reitet hatte;  dazu kamen Korreferate seitens der anderen Mitver-
       anstalter. Folgende  Referate lagen  der Tagung vor: "Die wissen-
       schaftlich-technische Revolution  und ihre  Auswirkungen auf  den
       kapitalistischen Reproduktionsprozeß"  (IMEMO);  "Die  Krise  der
       staatsmonopolistischen Regulierung  unter den Bedingungen der ge-
       genwärtigen Etappe  der wissenschaftlich-technischen  Revolution"
       (IPW); "Wissenschaftlich-technische  Revolution und staatsmonopo-
       listischer Kapitalismus  der BRD:  Aktuelle Widersprüche und Kon-
       flikte in den Klassenbeziehungen und im staatlich-politischen Sy-
       stem" (IMSF).  Mit diesen  Themen sind  zugleich die Schwerpunkte
       der Tagungsdiskussion benannt. Im folgenden kann es nur darum ge-
       hen, einige wichtigere Diskussionslinien wiederzugeben. Die Mate-
       rialien der  Konferenz werden (wie dies auch für die vorhergehen-
       den gemeinsamen Tagungen gilt) veröffentlicht. 1)
       
       1. Neuer Techniktyp und veränderte Reproduktionsbedingungen
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       Im Vordergrund  der ersten  Diskussionsrunde stand die Verständi-
       gung über  wissenschaftlich-technische und  ökonomische Grundpro-
       zesse der  aktuellen Umbruchperiode. Referate und Diskussion kon-
       zentrierten sich  auf drei  Problemkomplexe:   e r s t e n s  auf
       die nähere Bestimmung der stofflichen und ökonomischen Qualitäten
       des sich herausbildenden neuen Techniktyps,  z w e i t e n s  auf
       die Analyse seiner Wirkungen auf den kapitalistischen Reprodukti-
       ons- und  Akkumulationsprozeß und  d r i t t e n s  auf die Frage
       nach dem  Tempo, der  Tiefe und  den Perspektiven  des Produktiv-
       kraftumbruchs.
       Im Mittelpunkt  des einleitenden  Referats "Die wissenschaftlich-
       technische Revolution  und ihre Auswirkungen auf den kapitalisti-
       schen Reproduktionsprozeß"  von W.N.  Schenajew und W.S. Tsirent-
       schikow (IMEMO) stand das Problem der historischen Einordnung des
       Umbruchprozesses und seiner Wirkungen auf die ökonomischen Repro-
       duktionsbedingungen. Sie  vertraten die  Auffassung, daß  bis zum
       Beginn der  siebziger Jahre in Westeuropa ein extensiver Typ öko-
       nomischer Entwicklung,  für den  eine hohe  Material-, Arbeitsund
       Energieintensität charakteristisch  war, dominierte. Das verhält-
       nismäßig hohe  Wirtschaftswachstum der  50er und 60er Jahre wurde
       in erster  Linie durch  die Einbeziehung  zusätzlicher Ressourcen
       der lebendigen  und vergegenständlichten  Arbeit in den Produkti-
       onsprozeß  erreicht,  der  überwiegende  Teil  der  Investitionen
       schlug als  Zuwachs von fixem Kapital zu Buche, die Kapitalinten-
       sität nahm  in dieser Zeit stetig zu. Dem entsprach eine Form des
       wissenschaftlich-technischen Fortschritts,  die sich  vornehmlich
       durch die Weiterentwicklung und Vervollkommnung bereits vorhande-
       ner Technologien auszeichnete.
       Die Beschränkungen  dieses extensiven  Modells ökonomischer  Ent-
       wicklung wurden  bereits in den sechziger Jahren spürbar und bra-
       chen zu  Beginn der  siebziger Jahre  krisenhaft und eruptiv auf:
       Die Kapitalinvestitionen  nahmen im  Vergleich zur Profitentwick-
       lung wesentlich  stärker zu,  so daß sich die Schwierigkeiten bei
       der Aufrechterhaltung  bzw. Stabilisierung  der Profitrate erhöh-
       ten; die  Entwicklung der  zahlungsfähigen Nachfrage  blieb immer
       deutlicher hinter dem zur erweiterten Kapitalreproduktion notwen-
       digen Akkumulationstempo  zurück; die  schlagartige Erhöhung  der
       Energie- und  Rohstoffpreise führte vor dem Hintergrund der hohen
       Material- und Energieintensität der Produktion zu einschneidenden
       Veränderungen in  den stofflichen  und wertmäßigen Reproduktions-
       grundlagen; die Synchronisierung der internationalen Wirtschafts-
       entwicklung blockierte  überdies nun die Möglichkeit einer inter-
       nationalen Kompensation  bzw. Abschwächung nationaler oder regio-
       naler Krisen.
       Die Krisenperiode  der Jahre  1974/75  und  1980-82  betrachteten
       Schenajew/Tsirentschikow folgerichtig  als Phase des Übergangs zu
       einem vorwiegend  intensiven Produktionstyp  - eine  Entwicklung,
       die ihrer Meinung nach in den USA bereits in den fünfziger Jahren
       einsetzte. Einen zentralen Stellenwert in diesem krisenhaften Um-
       bruchprozeß wiesen  sie der in diesen Jahren einsetzenden zweiten
       Welle der  wissenschaftlich-technischen Revolution, der schnellen
       und umfassenden  Entwicklung der Mikroelektronik, Biotechnologien
       und neuartiger  Werkstoffe, zu. "In dieser Übergangsperiode tritt
       der wissenschaftlich-technische  Fortschritt als wichtigster Kom-
       pensator einer  objektiven  Nichtübereinstimmung  der  extensiven
       Struktur des  Kapitals und  seines Reproduktionsprozesses mit den
       neuen Anforderungen  an die  ökonomische Entwicklung  in Erschei-
       nung." Die  Entwicklung und Verbreitung prinzipiell neuer Techno-
       logien und  die qualitative  Erneuerung der Produktionsbasis wird
       zum bestimmenden Merkmal des neuen ökonomischen Entwicklungstyps.
       Seit Mitte der achtziger Jahre sei ein dynamischer Umrüstungspro-
       zeß des  Produktionsapparates festzustellen,  der bestimmt  werde
       von einer  tiefen Erneuerung  des Grundkapitals  und  bedeutenden
       qualitativen Verbesserungen  in seiner  materiell-stofflichen Zu-
       sammensetzung. Im Zuge dieser Umrüstung komme es schließlich auch
       zu einer Aktivierung des Integrationsprozesses in Westeuropa, der
       heute insbesondere  im Bereich  der  wissenschaftlich-technischen
       Zusammenarbeit deutliche Fortschritte mache.
       R. Kowalski  (IPW) bezeichnete  in seinem Korreferat die aktuelle
       Umbruchperiode als  revolutionären Übergang  zu einem neuen Tech-
       niktyp, dessen zentrale Merkmale die Verbindung des Stoffwechsel-
       prozesses der Produktion mit den neuen Informations- und Kommuni-
       kationstechnologien sowie sein arbeits- und kapitalsparender Cha-
       rakter seien. Er vertrat ähnlich wie Schenajew/Tsirentschikow die
       Auffassung, daß  der alte  Techniktyp, den er als elektromechani-
       sche Automatisierung kennzeichnete, an natürliche, technische und
       ökonomische Grenzen gestoßen sei, die mit der weiteren Ausprägung
       des neuen  Techniktyps überwunden werden könnten und der intensiv
       erweiterten Reproduktion  qualitativ neue  Möglichkeiten eröffne-
       ten.
       Kowalski erläuterte  diese These am Beispiel der Investitionsent-
       wicklung, deren Struktur und Effektivität vor dem Hintergrund des
       Vordringens der  neuen Technologien wichtige Veränderungen erfüh-
       ren:  E r s t e n s  sinke der Bauanteil an den gesamten Investi-
       tionen.  Z w e i t e n s  verschiebe sich die Gebrauchswertstruk-
       tur der  Ausrüstungsinvestitionen mehr  und  mehr  zugunsten  der
       elektronischen Kontroll- und Steuerungselemente, deren Preis-Lei-
       stungs-Verhält-nis sich  rasch verbessere.   D r i t t e n s  er-
       höhe sich  mit dem verstärkten Einsatz der neuen Technologien die
       Flexibilität des  Anlagekapitals, so daß sich der spezifische In-
       vestitionsaufwand etwa  im Fall  eines Modellwechsels vermindere.
       V i e r t e n s  schließlich wirkten unter diesen Bedingungen zu-
       nehmend auch die Ersatzinvestitionen kapazitätserweiternd. Insge-
       samt ergebe  sich hieraus eine deutliche Tendenz zur Verbilligung
       des Kapazitätseffekts von Investitionen.
       Die absehbaren Wirkungen, die sich mit der Ausbreitung des neuen,
       kapital- und ressourcensparenden Techniktyps auf die Kapitalakku-
       mulation ergeben, schätzte Kowalski als sehr widersprüchlich ein.
       Er hielt  eine verhältnismäßig schleppende und labile Akkumulati-
       onsbewegung auch  in Zukunft  für wahrscheinlich - vor allem auf-
       grund der  weiteren drastischen Verbesserung des Preis-Leistungs-
       Verhältnisses von  Anlageinvestitionen und der auch weiterhin en-
       gen Anbindung  der Investitionsentwicklung  an den Wirtschaftszy-
       klus. Zugleich  unterstellte er  jedoch einen enormen Akkumulati-
       onsbedarf im  Zuge der  Umsetzung alternativer Wirtschaftsstrate-
       gien und -programme beispielsweise im Umweltschutz, in der sozia-
       len Infrastruktur  oder der  Energieversorgung und  verwies damit
       auf den  wachsenden Einfluß politischer Faktoren auf die künftige
       Investitions- und Akkumulationsentwicklung.
       Im zweiten Korreferat setzte sich J. Huffschmid (Universität Bre-
       men) mit  einigen Thesen der sowjetischen Referenten auseinander.
       Gegen die  Einschätzung, die  ökonomische Entwicklung  in den USA
       sei bereits  seit Mitte  der fünfziger  Jahre durch eine intensiv
       erweiterte Reproduktion  im Sinne  einer breiten Durchsetzung der
       neuen Technologien  gekennzeichnet, führte  er als  Einwände u.a.
       die langfristig  niedrigen Wachstumsraten  und den  ausgesprochen
       verschwenderischen Umgang  mit Energieressourcen  an. Er  verwies
       auf gravierende  Deformationen des  US-amerikanischen Reprodukti-
       onstyps infolge  der ausgeprägten  Militarisierung  der  US-Wirt-
       schaft.
       Z w e i t e n s   problematisierte Huffschmid die These vom Über-
       gang zu  einem neuen  Reproduktionstyp in Westeuropa im Laufe der
       siebziger Jahre.  Er hielt  dagegen, daß die schnelle Entwicklung
       neuer technologischer  Potentiale zunächst  noch wenig  über ihre
       tatsächliche Nutzung  aussage und  betonte, daß  der  Anteil  des
       "alten" Produktionsapparates auch heute noch hoch sei. Er vertrat
       dementsprechend die  These, daß  wir noch "am Anfang des Anfangs"
       bei der  Durchsetzung der  neuen Technologien  stünden und folge-
       richtig von  einer weitreichenden  Herausbildung eines neuen Typs
       ökonomischer Entwicklung bislang noch nicht die Rede sein könne.
       D r i t t e n s  verwies Huffschmid darauf, daß der wissenschaft-
       lich-technische  Fortschritt  zwar  eine  wesentliche  Grundlage,
       nicht jedoch die zentrale Determinante der künftigen ökonomischen
       Entwicklung sei. Wesentlich hierfür sei vielmehr die konkrete Art
       der Verfügung  und politischen Steuerung des Umbruchprozesses. Er
       hielt die  breite, schnelle  Durchsetzung eines neuen Reprodukti-
       onstyps für  unwahrscheinlich und  vertrat die  Ansicht, daß  die
       Etablierung einer  neuen Qualität  der ökonomischen  Reproduktion
       nur auf  der Grundlage  einer deutlichen Aufwertung etatistischer
       Steuerungsinstrumente denkbar sei.
       In der  Diskussion zu  diesem Themenblock,  die hier nur begrenzt
       wiedergegeben werden  kann, spielte  die Einschätzung des Standes
       und der Perspektiven des Umbruchprozesses eine zentrale Rolle.
       J. Priewe  (FH Darmstadt)  wandte gegen  die Referenten  aus  der
       UdSSR und  der DDR ein, sie überschätzten das Tempo des technolo-
       gischen Wandels.  Auch er  charakterisierte das Aufkommen und die
       Verbreitung der  neuen Technologien als schrittweisen Übergang zu
       einer neuen  Stufe der  Produktivkraftentwicklung. Priewe betonte
       jedoch, daß  ein qualitativer Bruch, eine revolutionäre Umsetzung
       des neuen  Produktivkrafttyps in der realen ökonomischen Bewegung
       bislang nicht  nachgewiesen werden  könne. Er verwies darauf, daß
       sich im  langfristigen Entwicklungstrend der Kapitalproduktivität
       bislang keine nennenswerten Brüche ausmachen ließen, und erklärte
       die Restabilisierung  der Profitrate  im vergangenen Jahrzehnt im
       wesentlichen aus  Umverteilungsprozessen und  weniger  aus  einer
       Senkung der  organischen Kapitalzusammensetzung  im Zuge der Ein-
       führung neuer  technologischer Systeme  und Anlagen.  Schließlich
       vermerkte er,  daß auch die krisenhafte Entwicklung der siebziger
       Jahre sich  seines Erachtens  nur marginal  aus dem Auslaufen des
       alten Technik- und Reproduktionstyps erklären ließe. Ausschlagge-
       bend hierfür  sei vielmehr die anhaltende Nachfrageschwäche gewe-
       sen.
       Auch Huffschmid warf das Problem der empirischen Belegbarkeit des
       Umbruchs auf. Ein Trendbruch sei bislang nur im Bereich der Ener-
       gieintensität festzustellen;  bei der  langfristigen  Entwicklung
       der Kennziffern  Arbeits- und Kapitalproduktivität sowie Kapital-
       intensität überwiege hingegen auch weiterhin Kontinuität.
       H. Jung (IMSF) plädierte dafür, den Blick für Umbruch- und Anpas-
       sungsprozesse gerade  dann zu  schärfen, wenn sie nicht ohne wei-
       teres über  globale ökonomische Kennziffern empirisch zu erkennen
       seien. Eine solche enge ökonomische Betrachtung könne der Komple-
       xität der  Umbruchsituation nicht  gerecht werden,  die sich erst
       als Verzahnung von neuem Produktivkrafttyp, seinen Akkumulations-
       wirkungen und neuen Formen der ökonomischen und sozialen Regulie-
       rung dieses  Prozesses wirklich  erfassen ließe. Ähnlich argumen-
       tierte auch L. Maier (IPW), der sich dafür aussprach, den Umbruch
       im Produktivkraftsystem  und neue  Entwicklungen  im  System  der
       staatsmonopolistischen Produktionsverhältnisse  als engen  Zusam-
       menhang zu  begreifen. J.  Judanow verwies  auf  unterschiedliche
       Formen und  Richtungen des  technischen Fortschritts im Sinne von
       neuen Technologien  und Produkten  und auf  die z.T. gegenläufige
       Entwicklung in  den drei imperialistischen Rivalitätszentren. Ein
       wesentlicher Aspekt  des Umbruchs  ist heute auch die rasche Ent-
       wicklung der  Dienstleistungsfunktionen und  -sphäre, die z.T. in
       engem Zusammenhang  mit den  neuen Technologien  steht (M.  Kohl,
       IPW).
       
       2. Wissenschaftlich-technischer Umbruch
       ---------------------------------------
       und Krise der staatsmonopolistischen Regulierung
       ------------------------------------------------
       
       Damit war  der Bogen  zum zweiten Diskussionskomplex gespannt, in
       dessen Zentrum  die Frage  nach den Ursachen und Perspektiven der
       nunmehr bereits  15jährigen Krisenperiode und die Auseinanderset-
       zung um  Veränderungen und  Anpassungsrichtungen im  ökonomischen
       Regulierungsmechanismus standen.
       H.-J. Höhme  (IPW) verwies  in seinem  einführenden Referat ("Die
       Krise der  staatsmonopolistischen Regulierung unter den Bedingun-
       gen der gegenwärtigen Etappe der wissenschaftlich-technischen Re-
       volution") zunächst darauf, daß sich die gegenwärtige Krisenphase
       nicht monokausal erklären lasse, sondern durch eine Vielfalt kon-
       kreter Krisen-  und Labilitätsprozesse gekennzeichnet sei. Hierzu
       zählte er  vor allem  das Auslaufen struktureller, akkumulations-
       fördernder Sonderfaktoren  der Nachkriegszeit,  die  überzyklisch
       aufgestaute Überakkumulation,  das zyklusübergreifende  Realisie-
       rungsproblem, den  zunehmenden  Wirkungsverlust  der  staatlichen
       Wirtschaftslenkung und  die  mit  der  Internationalisierung  des
       Wirtschaftslebens zunehmende  Interdependenz nationaler  und  in-
       ternationaler Krisenfaktoren,  die ökonomischen  Belastungen  der
       Hochrüstung sowie  das Auslaufen des alten Produktivkraft-und Re-
       produktionstyps.
       Kernproblem all dieser Krisenprozesse sei eine akute Verschärfung
       des Regulierungsproblems  im staatsmonopolistischen Kapitalismus.
       Einerseits verlange  die auch  nur zeitweilige  Lösung  bzw.  Ab-
       schwächung der  langfristigen Krisenfaktoren nach einer Umwälzung
       in den  stofflichen und wertmäßigen Grundstrukturen des Reproduk-
       tionsprozesses, nach einer neuartigen qualitativen Gliederung und
       quantitativen Proportionalität  der gesellschaftlichen Gesamtpro-
       duktion, wenn  das Kapital  verwertungs-  und  akkumulationsfähig
       bleiben soll.  Andererseits überfordere  dies den Regulierungsme-
       chanismus, der  heute wesentlich  durch das weitgehend unkontrol-
       lierte Agieren  der  internationalen  Konzerne  und  flankierende
       wirtschaftspolitische  Einflußnahmen   imperialistischer  Staaten
       bzw.  internationaler  Wirtschaftsorganisationen  charakterisiert
       sei. Diese strukturelle Nichtentsprechung habe zu einer umfassen-
       den Funktionsstörung  und Blockierung des Regulierungsmechanismus
       geführt und  sei in  eine akute  Regulierungskrise gemündet. Ihre
       wichtigsten Symptome  seien eine massive Überakkumulation von Ka-
       pital und  eine zyklisch  nicht mehr  überwindbare Anhäufung ein-
       schneidender volkswirtschaftlicher Disproportionen.
       In Reaktion  auf die Entfaltung der Regulierungskrise komme es zu
       Anpassungen in  den staatsmonopolistischen Produktionsverhältnis-
       sen und  Reproduktionsstrukturen und  damit zu  Veränderungen  im
       ökonomischen   Regulierungsmechanismus.    Höhme   nannte    drei
       Hauptrichtungen, in  denen sich dieser Anpassungsprozeß gegenwär-
       tig entfaltet:  e r s t e n s  eine Zunahme internationaler Regu-
       lierungs- und  Koordinierungsaktivitäten,   z w e i t e n s   den
       Übergang  zu   einem  neuen  Typ  der  Produktivkraftentwicklung,
       d r i t t e n s   die Anpassung  des  Arbeitskräftepotentials  an
       veränderte Verwertungsbedürfnisse (etwa über die Durchsetzung von
       Flexibilisierungsstrategien). Insgesamt  schätzte er das aktuelle
       Anpassungsvermögen der staatsmonopolistischen Produktionsverhält-
       nisse an  veränderte Reproduktionserfordernisse  als  vergleichs-
       weise gering  ein. Die Herausbildung eines konsistenten neuen Re-
       gulierungstyps sei bisher nicht in Sicht, die Krise der staatsmo-
       nopolistischen Regulierung  sei ein  Prozeß, der sich weit in die
       neunziger Jahre erstrecken dürfte.
       In seinem  Korreferat ging  J. Priewe  ebenfalls den Ursachen der
       Krisenentwicklung seit Mitte der siebziger Jahre nach. Im Zentrum
       seiner Krisenerklärung  stand die anhaltende strukturelle Überak-
       kumulation und  Nachfrageschwäche, der seines Erachtens in erster
       Linie ein  Strategiewechsel des  Monopolkapitals zugrunde  liegt:
       Der reale  Fall der  Profitrate sollte  spätestens seit der Krise
       1974/75 vor  allem durch eine einschneidende Umverteilungspolitik
       zu Lasten  der Löhne  (und damit  zu Lasten  der Massenkaufkraft)
       aufgehalten werden. Parallel dazu wurde - als zweites Element der
       Kapitalstrategie -  die weltmarktorientierte  Modernisierung  des
       Kapitalstocks auf der Basis der neuen Technologien forciert - ein
       Entwicklungstrend, der vor dem Hintergrund des arbeits- und kapi-
       talsparenden Charakters  der neuen Produktions- und Steuerungssy-
       steme ebenfalls  als produktionsbedingte Nachfrageschwäche zu Bu-
       che schlagen  mußte und  insgesamt wachstumshemmend gewirkt habe.
       Gleichwohl sei es den international agierenden Monopolen und Ban-
       ken in  den vergangenen  zehn Jahren  gelungen, auf der Grundlage
       dieses neuen  Akkumulationstyps mit  geringen gesamtwirtschaftli-
       chen Wachstumsraten eine erstaunlich günstige Kapitalrentabilität
       wiederherzustellen.
       Gegen den  Begriff der  Regulierungskrise wandte  Priewe ein,  er
       gehe von  einer "objektivistischen Entwicklungslogik" in Richtung
       einer neuen  Phase des  Kapitalismus aus und vernachlässige damit
       die Möglichkeit  unterschiedlicher Entwicklungsvarianten und Kri-
       senüberwindungsstrategien. Insbesondere  wandte er sich gegen die
       These, im  Zuge der  Regulierungskrise sei es zu einer deutlichen
       Aufwertung der  internationalen Regulierung  gekommen. Er  warnte
       vor einer  Überschätzung der internationalen Regulierungsintensi-
       tät und  -fähigkeit und  fragte, ob  nicht auch ein minimal regu-
       lierter internationaler  Kapitalismus, der lediglich zu punktuel-
       len Feuerwehr-Aktionen in der Lage sei, überlebensfähig sei.
       W.S. Pankow (IMEMO) ging in seinem Beitrag auf verschiedene Vari-
       anten staatlicher Regulierung ein und unterschied dabei eine neo-
       konservative und eine dirigistisch-sozialreformistische Richtung.
       Er formulierte  die These,  daß die historische Tendenz einer an-
       steigenden Bedeutung  staatlicher Interventionen in den Reproduk-
       tionsprozeß mit dem Aufkommen neokonservativer Wirtschaftsdoktri-
       nen und  Deregulierungsmaßnahmen abgebremst worden sei. Insbeson-
       dere im  Bereich der Konjunkturpolitik sei der staatliche Einfluß
       in den  letzten Jahren  zurückgenommen worden,  während er  aller
       Marktwirtschaftspropaganda zum  Trotz im  Bereich der  selektiven
       Strukturpolitik und der Förderung von Hochtechnologien auch unter
       konservativer Ägide an Bedeutung gewonnen habe.
       Aus der  Diskussion sollen  hier zwei Probleme hervorgehoben wer-
       den:  z u m  e i n e n  die Auseinandersetzung um die Internatio-
       nalisierungsthese und   z u m   a n d e r e n  die Frage nach den
       Anpassungsleistungen des  Regulierungssystems vor dem Hintergrund
       des wissenschaftlich-technischen Umbruchs.
       In einem  längeren Beitrag  faßte L.  Maier (IPW) noch einmal die
       Kerngedanken der  These von  der Internationalisierung  als einer
       neuen Stufe des staatsmonopolistischen Kapitalismus zusammen. Die
       Basis für  die beschleunigte  Entwicklung des  Internationalisie-
       rungsprozesses seit den siebziger Jahren sah er in der Herausbil-
       dung einer neuen Qualität der internationalen Arbeitsteilung, de-
       ren Kern  er als umfassende intraindustrielle Handelsverflechtung
       charakterisierte, und  in der  engen internationalen Produktions-
       und Kapitalverflechtung,  deren zentrale Träger die transnationa-
       len Konzerne sind. Damit sei die Widerspruchsentfaltung des Kapi-
       talismus endgültig  in internationale Dimensionen hineingewachsen
       und mache  sich als objektiver Zwang zu neuen Formen der interna-
       tionalen Regulierung  geltend. In Reaktion auf diese Widerspruch-
       sentfaltung und  unter dem  Druck vielfältiger  Krisenprozesse in
       der kapitalistischen Weltwirtschaft hätten sich, so Maier, in den
       l e t z t e n   Jahren neue  internationale Regulierungsansätze -
       wie etwa  ein dichtes Netz internationaler Konsultationen und re-
       gelmäßige  Wirtschaftsgipfeltreffen   oder  internationale  Wirt-
       schaftsorganisationen mit erweiterten Handlungskompetenzen - her-
       ausgebildet. Die  Sprengkraft für die weitere Entwicklung des in-
       ternationalen Kapitalismus  liege darin,  daß diese  neuen Formen
       der zwischenstaatlichen  Regulierung deutlich hinter dem erreich-
       ten Grad  der Internationalisierung  der privaten Kapitalbewegung
       zurückblieben.
       In direkter Anknüpfung unterstrich J. Goldberg (IMSF), daß inten-
       sive Bemühungen zur Begrenzung internationaler Krisenprozesse und
       Disproportionen im  zwischenstaatlichen Bereich  zunähmen und  es
       tatsächlich immer wieder gelänge, in Feuerwehr-Aktionen weltwirt-
       schaftliche Katastrophen  zu vermeiden.  Andererseits sei die in-
       ternationale Abstimmung  und Koordinierung  jedoch nicht  in  der
       Lage, die  Ursachen der  Krisenprozesse zu  beseitigen und in die
       weltwirtschaftliche Entwicklung gestaltend einzugreifen. Vorherr-
       schend seien  Ad-hoc-Maßnahmen, um  akutes Ausbrechen schwelender
       Krisenherde zu vermeiden.
       U. Dolata  (Universität Bremen)  warf die Frage, über welche kon-
       kreten Regulierungsformen  sich  der  wissenschaftlich-technische
       Umbruch durchsetze,  auf. Er nannte drei zentrale Grundmuster der
       Regulierung:    E r s t e n s    privatmonopolistisch  dominierte
       Durchsetzungsformen  des   wissenschaftlich-technischen  Umbruchs
       etwa in  der Automobilindustrie oder im Stahlbereich, die sich in
       großangelegten Modernisierungs-  und  Rationalisierungsprogrammen
       sowie in einer gezielten Diversifikationspolitik in High-Tech-Be-
       reiche äußerten.   Z w e i t e n s   Produktivkraftentwicklung in
       enger Koordination  und Abstimmung  zwischen privaten  Konzernen,
       Banken und staatlichen Gremien bzw. Unternehmen im Rahmen staats-
       monopolistischer Komplexe (z.B. in der Informations- und Kommuni-
       kationstechnik  oder   in  der   Luft-  und  Raumfahrtindustrie).
       D r i t t e n s  wachsende Monopolisierung und staatsmonopolisti-
       sche Regulierung  des Wissenschaftssystems über die Schaffung von
       Verbundsystemen zwischen Wissenschaft und Produktion, die Konzen-
       tration von  Wissenschaftspotential bei  führenden Konzernen  und
       die Zunahme  internationaler Forschungskooperationen. Dolata ver-
       trat die  Auffassung, daß  das Schwergewicht dieser Regulierungs-
       formen im  privatmonopolistischen Bereich liege, eine internatio-
       nale staatsmonopolistische  Kontrolle und Regulierung des wissen-
       schaftlich-technischen Umbruchs hingegen nicht in Sicht sei.
       Abschließend ging H.-J. Höhme auf einige in der Diskussion aufge-
       tretene Probleme  ein. Er entgegnete zunächst auf Priewes Vorwurf
       einer "objektivistischen  Entwicklungslogik", daß  es in  der Tat
       objektive Anpassungszwänge  des  staatsmonopolistischen  Regulie-
       rungssystems gebe. Dies schließe jedoch keine Entwicklungsautoma-
       tik in  eine konkrete  Anpassungsrichtung ein,  sondern beinhalte
       durchaus die Möglichkeit unterschiedlicher Entwicklungsvarianten,
       etwa sozialreaktionär-privatmonopolistischer oder reformistischer
       Reaktionen auf  die Anpassungszwänge.  Des  weiteren  unterstrich
       Höhme noch  einmal die Auffassung, daß sich die deutlichsten Ver-
       änderungen im Regulierungsmechanismus auch im internationalen Be-
       reich auf  der privatmonopolistischen Ebene vollzogen hätten. Dem
       internationalen Wirken  der Konzerne sei auf der staatlichen bzw.
       zwischenstaatlichen Ebene auch heute kaum etwas entgegenzusetzen.
       Dies spräche  für die voraussichtlich noch lange Dauer der gegen-
       wärtigen Regulierungskrise.
       
       3. Neue Widersprüche und Konflikte in den Klassenbeziehungen
       ------------------------------------------------------------
       und im staatlich-politischen System
       -----------------------------------
       
       Der Frage nach aktuellen Widersprüchen und Konfliktfeldern in den
       Klassenbeziehungen, Veränderungen  in der  Struktur der Arbeiter-
       klasse und  neuen politischen  Bewegungen und Konstellationen vor
       dem Hintergrund  der Umbruchphase war der abschließende Diskussi-
       onsblock gewidmet. In den Referaten und Diskussionen spielte ins-
       besondere das Problem einer strategischen Neuorientierung gewerk-
       schaftlicher Politik eine wichtige Rolle.
       In dem  zu diesem  Themenkomplex vom  IMSF  vorgelegten  Material
       (Autorengruppe: A.  Leisewitz, K.  Pickshaus, H.  Jung, L.  Peter
       [Universität  Bremen],  F.  Deppe  [Universität  Marburg])  wurde
       zunächst im  Rahmen einer  Bestandsaufnahme darauf verwiesen, daß
       unter den  Bedingungen des  wissenschaftlich-technischen Umbruchs
       und der  durch ihn  induzierten Strukturveränderungen  im gesell-
       schaftlichen Arbeitsprozeß  eine tiefgreifende soziale Umstruktu-
       rierung und  Neuformierung der  Arbeiterklasse eingeleitet worden
       sei. Die  Vergesellschaftung der  Arbeit habe  - trotz vieler An-
       gleichungsprozesse -  nicht zu  einer  Nivellierung  und  Verein-
       heitlichung der sozialen Struktur der Arbeiterklasse geführt. Ihr
       spezifisches Merkmal sei im Gegenteil eine facettenreiche soziale
       Differenzierung und Segmentierung, wie sie sich etwa im Aufkommen
       hochqualifizierter Betriebseliten  bei  gleichzeitig  zunehmender
       Arbeitszergliederung, Leistungsverdichtung  und repetitiver Teil-
       arbeit für einen wachsenden Teil der Beschäftigten äußere.
       Im zweiten  Teil ging es um aktuelle Kapitalstrategien und Kampf-
       bedingungen der  Gewerkschaften. Als  zentraler Bestandteil einer
       langfristig angelegten Strategie zur intensiveren Nutzung der le-
       bendigen Arbeit  wurde das  unternehmerische Konzept der Arbeits-
       zeitflexibilisierung analysiert.  Sein politischer Kern ziele auf
       die Entsolidarisierung  und Spaltung  der Belegschaften und damit
       auf die  Schwächung der  betrieblichen Interessenvertretung.  Als
       eine weitere zentrale Orientierung des Kapitals wurden die Versu-
       che, arbeitskampfsichere  Betriebe und Bereiche zu schaffen, her-
       ausgestellt. Überall  dort, wo  sich aufgrund von technologischen
       bzw. arbeitsorganisatorischen  Entwicklungen die Störanfälligkeit
       der Produktion  erhöht habe, versuchten die Unternehmen im Verein
       mit der  konservativen Bundesregierung, die rechtlichen Rahmenbe-
       dingungen für  Streiks zu  verschärfen. Damit würde der Druck auf
       die Gewerkschaften, Verhandlungskompromissen in Tarifauseinander-
       setzungen zuzustimmen, enorm verstärkt.
       Obwohl sich  in  der  gewerkschaftlichen  Rationalisierungs-  und
       Technologiepolitik in den vergangenen Jahren weitreichende Verän-
       derungen vollzogen  hätten und  es in  mehreren Gewerkschaften zu
       konkreten Aktions-  und Handlungsprogrammen auf diesem Gebiet ge-
       kommen sei,  blieben die  Handlungspotentiale und -spielräume der
       betrieblichen Interessenvertretung unter den gegebenen Kräftekon-
       stellationen sehr  begrenzt. Hinzu  käme, daß  in vielen  Gewerk-
       schaften auch heute noch eine verhältnismäßig bruchlose Akzeptanz
       der kapitalorientierten  Modernisierungspolitik vorherrsche.  Der
       Offensive  des  Neokonservatismus  im  politisch-staatlichen  und
       ideologischen Bereich  stünden die  Gewerkschaften und die Arbei-
       terbewegung in  vielen Ländern  bislang ohnmächtig gegenüber. Ob-
       wohl die  konservativen Kräfte  den Boden des bisherigen Klassen-
       kompromisses verlassen  hätten, seien  sie in der Lage, mit ihrer
       gesellschaftlichen Programmatik auch in Teilen der Arbeiterklasse
       Konsens zu mobilisieren. Insgesamt konstatierte die Autorengruppe
       für die  Bundesrepublik nach  wie vor eine beachtliche Breite und
       Stabilität der  sozialen und  politischen Basis der konservativen
       Modernisierungs- und Herrschafts Variante.
       Gleichwohl dürfe  die Formierung  neuer politischer  und sozialer
       Konfliktfelder nicht  übersehen werden.  Die Autoren  nannten als
       Beispiele die  Massenarbeitslosigkeit und  das sich  ausbreitende
       Massenelend, die  wachsende Sensibilität  für  die  Probleme  der
       Dritten Welt, den Kampf gegen Hochrüstung und Militarisierung so-
       wie die  Umwelt- und Energieproblematik. Insbesondere die letzten
       beiden Problemfelder  hätten in  den vergangenen Jahren neben der
       Massenarbeitslosigkeit und der Kriegsgefahr zentrale Bedeutung im
       öffentlichen Bewußtsein  bekommen. Sowohl  in der  Ökologie-  als
       auch in der Energieproblematik reflektiere sich der Charakter des
       technologischen Umbruchs und der wachsende Drang breiter Bevölke-
       rungskreise, in politische Entscheidungsprozesse einzugreifen und
       sie zu demokratisieren.
       In ihrem  Korreferat ging M. Bernien (IPW) auf die charakteristi-
       schen Merkmale  des Umbruchs  in der Arbeit und auf seine Auswir-
       kungen auf  die Klassenbeziehungen  zwischen Kapital  und Gewerk-
       schaften ein.  Den gegenwärtigen  Umbruchprozeß in der Arbeit be-
       zeichnete sie  als einen  Prozeß, der  die prinzipielle Aufhebung
       der Unterordnung der Arbeitskraft unter das Maschinensystem bein-
       halte. Integratives  Wissen und  individuelle  Initiativen,  Ein-
       blicke in  Systemzusammenhänge und  Mitverantwortung  der  Beleg-
       schaften, kurzum  die Entfaltung  der produktiven  und  kreativen
       Kräfte der  Arbeiterklasse würden  zunehmend zu  einer objektiven
       Notwendigkeit der  Produktion. Dies  stünde jedoch im Widerspruch
       zur Aufrechterhaltung  kapitalistischer Mechanismen der Abhängig-
       keit und Disziplinierung. Das Kapital wird unter diesen Bedingun-
       gen, so  Bernien, zu  einem Kompromiß  gezwungen: Autoritäre  und
       konfrontative Züge der Betriebsorganisation müßten in zunehmendem
       Maße durch  konsensuale, auf  Mitverantwortung der  Belegschaften
       ausgerichtete Züge ergänzt werden.
       Dieser Zwang zum Kompromiß, den das Kapital unter den Bedingungen
       des Umbruchs  der Arbeit  eingehen müsse, bedeute für die Gewerk-
       schaften in  der ständigen  Konfrontation mit  der Frage nach dem
       "konkret Machbaren" zugleich die Chance, vor Ort an der konkreten
       Gestaltung des  technologischen Umbruchs und der Arbeitsorganisa-
       tion mitzuwirken.  Forderungen nach  Mitbestimmung schon  in  der
       Phase der  Planung, Vetorechte  der Gewerkschaften bei Einführung
       neuer Technologien  seien unter  den gegebenen Machtverhältnissen
       ebenso wie  ihre Absicherung  über tarifrechtliche  Verträge kaum
       durchsetzbar. Wichtiger  Ausgangspunkt gewerkschaftlicher Politik
       müßten daher  die inneren,  sich aus den Verwertungszwängen erge-
       benden Widersprüche  sein (Zwang  zur "Aufwertung  der lebendigen
       Arbeit" vs.  traditionelle Arbeitsteilung, -organisation und Dis-
       ziplinierungsmechanismen des  Kapitals).  Insofern  seien  -  bei
       deutlicher Betonung  des antagonistischen Grundkonflikts zwischen
       Lohnarbeit und Kapital - doch auch Ansatzpunkte für partielle In-
       teressenübereinstimmungen zu  sehen, die  die Gewerkschaften aus-
       schöpfen könnten. Das zeige sich zum Beispiel auch bei der Flexi-
       bilisierung der Arbeitsprozesse. Diese Konstellation schließe die
       Notwendigkeit ein,  den Umbruch in der Arbeit nicht in erster Li-
       nie aus der Sicht der "Rationalisierungsopfer" zu erklären; viel-
       mehr müsse man sich vor allem jener Seite zuwenden, die die inne-
       ren Widersprüche  vorantreibe, d.h. den Entwicklungsprozessen der
       Entfaltung kreativer schöpferischer, disponibler und qualifikato-
       rischer Komponenten  der Arbeiterklasse  und  den  sie  tragenden
       Gruppen und Schichten.
       A. Zimajlo  (IMEMO) wies  im zweiten  Korreferat auf Aspekte hin,
       die im Referat des IMSF nicht berücksichtigt worden waren.  Z u m
       e i n e n   sei dies  die zunehmende  Militarisierung  der  Wirt-
       schaft, die  sich nicht nur deformierend auf die Struktur des Ar-
       beitsmarktes und  des gesellschaftlichen Qualifikationspotentials
       auswirke, sondern  überdies mehr  und mehr  auch neue ökonomische
       Möglichkeiten zur  Lösung sozialer  Fragen absorbiere  und unter-
       grabe.   Z u m  a n d e r e n  sei dies die Internationalisierung
       der Produktion,  die unter  den Bedingungen des wissenschaftlich-
       technischen Umbruchs  nicht nur  zu einer  Internationalisierung,
       sondern auch zu einer Intensivierung der Ausbeutung geführt habe.
       Die Diskussion  zur Vorlage  des IMSF  bezog sich in starkem Maße
       auf die  Beurteilung aktueller politischer Grundprozesse und Fra-
       gen der  Strategiebestimmung der Arbeiterbewegung im Zusammenhang
       mit neuem Techniktyp und Umbruch in der Arbeit. H.-H. Angermüller
       (IPW) warnte vor einer Überschätzung der Stabilität und Dauerhaf-
       tigkeit der  konservativen Herrschaftsvariante. Wichtige Faktoren
       anhaltender politischer  Labilität auch vor dem Hintergrund eines
       konservativ geprägten  Konsensus seien  die Unsicherheiten in der
       kapitalistischen Weltwirtschaft  und die nach wie vor große Hete-
       rogenität in der konservativen Wählerbasis.
       Eine lebhafte Diskussion entwickelte sich im Zusammenhang mit dem
       Korreferat von  M. Bernien.  Dazu sprachen u.a. J. Hund (HWP Ham-
       burg), U.  Schumm-Garling (Universität  Dortmund),  W.  Petschick
       (Red. "Nachrichten"), F. Deppe, K. Pickshaus, A. Leisewitz und W.
       Stürmann. Drei zentrale Gedanken dieser Beiträge sollen abschlie-
       ßend hervorgehoben werden:
       Z u m   e i n e n  wurde auf die Frage der Qualifikationsentwick-
       lung im Zuge der Einführung neuer Technologien eingegangen. Dabei
       wurde betont, daß sich unter den Bedingungen der kapitalistischen
       Durchsetzung dieses  Prozesses der  Sektor im  eigentlichen Sinne
       kreativer Arbeit  quantitativ eher  einschränke und  die Zahl der
       Niedrigqualifizierten bzw.  gänzlich  aus  dem  Produktionsprozeß
       Ausgeschlossenen zunehme.  Dies schloß  die Frage nach den Haupt-
       adressaten eines  alternativen Technologie-  und  Gestaltungskon-
       zepts ein.
       Z w e i t e n s  wurde zum Flexibilisierungsproblem darauf hinge-
       wiesen, daß  die Flexibilisierungsstrategie  des Kapitals im Kern
       auf eine  Erweiterung der  Verfügbarkeit der  Arbeitskräfte und -
       etwa über die Ausdehnung nichttariflicher Arbeitsverhältnisse und
       von Teilzeitarbeiten  - auf  eine massive  Senkung des Wertes der
       Arbeitskraft hinauslaufe.  Natürlich müsse  dem ein Flexibilisie-
       rungsbegriff der Arbeiterbewegung entgegengehalten werden; dieser
       Flexibilisierungsbegriff sei  demjenigen der  Unternehmer  jedoch
       diametral entgegengesetzt  und böte  wenig Spielraum für Klassen-
       kompromisse und gemeinsame Gestaltungskonzepte.
       Mit Blick  auf das Problem der Kompromißorientierung und -bereit-
       schaft der  Unternehmerverbände und  des Monopolkapitals als Ele-
       ment der  Regulierung  von  Klassenbeziehungen  wurde    d r i t-
       t e n s   unterstrichen,  daß  das  keynesianische  Politikmodell
       einer  Sozialpartnerschaft   auf  der   Grundlage  einer  starken
       Gewerkschaftsbewegung aufgegeben  worden sei zugunsten eines kon-
       servativen Modells, in dem starke Gewerkschaften keinen Platz ha-
       ben. Unter diesen Bedingungen komme es besonders darauf an, auto-
       nome Handlungsspielräume  der Arbeiterbewegung aufrechtzuerhalten
       und die Durchsetzungsbedingungen gewerkschaftlicher Gegenentwürfe
       auf den verschiedenen Politikfeldern durch Stärkung klassenorien-
       tierter Kräfte und Bewegungen zu verbessern.
       
       _____
       1) Wissenschaftlich-technische Revolution und Krise des staatsmo-
       nopolistischen Kapitalismus.  Arbeitsmaterialien des IMSF, Frank-
       furt/M. 1987.
       An der  Tagung nahmen  für das IMEMO teil: W.N. Schenajew, Leiter
       des Zentrums  für Westeuropa-Studien des IMEMO; W.S. Pankow, Lei-
       ter des  Sektors für BRD-Forschung; W.S. Tsirentschikow, A. Zima-
       jlo, J. Judanow; für das IPW: L. Maier, stellv. Direktor des IPW;
       H.J. Höhme,  R. Kowalski, H.-H. Angermüller, M. Bernien, M. Kohl;
       für das  IMSF: H.  Jung, F. Deppe, J. Goldberg, J. Huffschmid, A.
       Leisewitz, K. Pickshaus, J. Priewe. Darüber hinaus war eine Reihe
       weiterer Experten aus der Bundesrepublik an der Diskussion betei-
       ligt.
       

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