Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       DER WEG DER BUNDESREPUBLIK IN DIE "INFORMATIONSGESELLSCHAFT" -
       ==============================================================
       ZU WESSEN GUNSTEN, AUF WESSEN KOSTEN
       ====================================
       
       Horst Holzer
       
       1. Ausgangspunkt  - 2.  Die  Grundlage  der  "Informationsgesell-
       schaft": die  telekommunikative Vernetzung - 3. Telekommunikation
       in staatsmonopolistischer Form - 4. Konzern- und Staatsinteressen
       - 5.  Konsequenzen für  die Lebensweise der Werktätigen und ihrer
       Familien - 5.1 Arbeitsplatz - 5.2 Haushalt - 5.3 Staatliche Büro-
       kratie - 6. Ebenen der politischen Auseinandersetzung
       
       1. Ausgangspunkt
       ----------------
       
       Das Gerede von der "Informationsgesellschaft", das diese als eine
       arbeitskräfte- und  umweltschonende,  rohstoff-  und  energiespa-
       rende, kommunikations-  und wissensdemokratische  Lebensform ver-
       klärt, 1)  hüllt mit  Absicht in Nebel, was sich mit dem Auf- und
       Ausbau des  gesamtgesellschaftlich  dimensionierten  "technischen
       Kommunikationssystems" gegenwärtig und künftig in der Bundesrepu-
       blik vollzieht.  Ein solches  Verschleierungsgehabe hat  nach wie
       vor Erfolg, obwohl spätestens seit 1976 - zu dem Zeitpunkt veröf-
       fentlichte  die   damals  vom  SPD/FDP-Bundeskabinett  initiierte
       "Kommission  zum  Ausbau  des  technischen  Kommunikationssystems
       (KtK)" ihren Abschlußbericht - klar ist, daß die Qualitäten jener
       "Informationsgesellschaft" offensichtlich  nicht ein Kommunikati-
       onsparadies garantieren,  sondern in  ihrer Form und in ihrem In-
       halt von den herrschenden kapitalökonomischen und staatlich-büro-
       kratischen Imperativen bestimmt werden.
       
       2. Die Grundlage der "Informationsgesellschaft":
       ------------------------------------------------
       die telekommunikative Vernetzung
       --------------------------------
       
       Der wahre  Kern, der  in  der  Formel  "Informationsgesellschaft"
       steckt, verweist auf die besondere Form, in der zur Zeit die wis-
       senschaftlich-technische Basis  des kapitalistischen Produktions-
       und Reproduktionsprozesses  reorganisiert wird. "Setzte die erste
       wissenschaftlich-technische Revolution  bei der  manuellen Kompo-
       nente menschlichen Arbeitsvermögens an und maschinisierte sie zu-
       sehends, ergreift die im Moment stattfindende zweite industrielle
       Revolution die geistige Arbeit, d.h. die Steuerung und Verwaltung
       des Produktions-  und Reproduktionsprozesses.  Im Mittelpunkt des
       technischen Zugriffs  steht der Informationsprozeß in seinen drei
       Phasenprozessen, der  Speicherung, Verarbeitung  und Übermittlung
       von Informationen".  2) Die sich in Gestalt dieses Zugriffs voll-
       ziehende (und außerordentlich intensiv von der Militärtechnik be-
       einflußte) "Übertragung geistig-intellektueller, informationsver-
       arbeitender oder  logischer Arbeitsfunktionen  des  Menschen  auf
       technische Arbeitsmittel"  3) ist damit zu einem wesentlichen Be-
       standteil der aktuellen profitökonomischen Rationalisierungs- und
       Arbeitsintensivierungsstrategie geworden.  Unter technischen  Ge-
       sichtspunkten basiert diese Strategie einerseits auf der Informa-
       tions-(Mikroelektronik/Computer),    andererseits     auf     der
       (Tele-)Kommunikationstechnologie   4)   (Nachrichtenübertragung).
       "Diese Verbindung  zwischen zwei  bisher  getrennten  technischen
       Entwicklungen ist  das technisch  Neue und  rechtfertigt es,  von
       'Neuen Informations-  und Kommunikationstechniken'  zu sprechen".
       5)
       Die Kombination von Informations- und Kommunikationstechniken zur
       T e l e m a t i k   (Tefekommunikation und   I n f o r m a t i k)
       ist somit  der  materielle  Gehalt,  auf  den  sich  die  Vokabel
       "Informationsgesellschaft" bezieht.  Damit wird gleichzeitig ver-
       deutlicht, daß  die  entscheidende  Qualität  der  "Informations-
       gesellschaft"  vor  allem  von  einem  abhängt:  von  dem  Ausmaß
       nämlich, in  dem die  in  den  Betrieben,  Behörden  und  anderen
       Einrichtungen computertechnisch  aufbereiteten Informationen über
       ein leistungsfähiges,  gesamtgesellschaftlich ausgelegtes und auf
       die  (schnelle)  Beförderung  von  Computersignalen  abgestimmtes
       Transportnetz ausgetauscht  werden können.  Auf diese Problematik
       der telekommunikativen  Vernetzung, verstanden als den ausschlag-
       gebenden Indikator der "Informationsgesellschaft", werde ich mich
       im folgenden vor allem beziehen.
       
       3. Telekommunikation in staatsmonopolistischer Form 6)
       ------------------------------------------------------
       
       Eine solche  "flächendeckende Infrastruktur aus Informationstech-
       nologien" 7)  wird in der Bundesrepublik seit kurzem mit Vehemenz
       etabliert. Auf  Basis dieser  Infrastruktur soll  langfristig die
       massenhafte Übertragung  von Daten,  Text, Sprache und (bewegtem)
       Bild in einem einheitlichen, äußerst kapazitäts- und geschwindig-
       keitsstarken Netz  vonstatten gehen.  Der zuvor erwähnte Auf- und
       Ausbau des  "technischen Kommunikationssystems"  gilt also  allen
       Aktivitäten, mit denen jetzt und in den kommenden Jahren jene In-
       frastruktur für  eine   u m f a s s e n d e    E l e k t r o n i-
       s i e r u n g     d e r      I n f o r m a t i o n s p r o d u k-
       t i o n,    -d i s t r i b u t i o n    u n d    v e r a r b e i-
       t u n g  geschaffen werden soll. Es handelt sich hierbei um einen
       - dem Jargon der "Technikfolgenabschätzer" entlehnten - Implemen-
       tationsprozeß, der alle gesellschaftlichen Bereiche gleichermaßen
       betrifft. Der  Vorgang dürfte (falls er wie von Kapital und Staat
       geplant zustandekommt)  den nationalen  wie transnationalen,  den
       individuell wie  massenmedial betriebenen Informationsfluß grund-
       legend verändern  und insbesondere  bei jenen  zu einschneidenden
       Konsequenzen führen,  denen - als werktätige Klasse - diese Kapi-
       tal- und Staatsaktion aufgeherrscht wird.
       Schaut man sich das Unterfangen an, mit dem in der Bundesrepublik
       die telekommunikationstechnische Infrastruktur durchgesetzt wird,
       springt einem  die praktische Widerlegung der These in die Augen,
       die Telekommunikationsgesellschaft  verwirkliche einen "hohen De-
       mokratie- und  Freiheitsanspruch" 8) und schaffe für die Mehrheit
       der Bevölkerung, damit vor allem für die werktätigen Menschen und
       ihre Familien, eine "gerechtere Gesellschaft". 9) Denn die fakti-
       sche Existenz,  Form und  Anwendung der  Techniken werden  offen-
       sichtlich durch die Absichten des großen Kapitals und des Staates
       geprägt. Solche Zielstellungen sind vor allem:
       - den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozeß auf
       Basis der bereits akkumulierten Computer- und Informationstechnik
       sozusagen   übertragungstechnisch   zu   rationalisieren,   seine
       (internationale) Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und nicht zu-
       letzt die "Chancen" seiner (militärischen) Verteidigung zu heben;
       - die Arbeitsproduktivität  zu steigern, Arbeitsplätze massenhaft
       zu vernichten  und die  (noch)  tätige  menschliche  Arbeitskraft
       durch rücksichtslose  Steigerung der  Arbeitsintensität und unter
       Androhung möglicher Arbeitslosigkeit gezielter auszubeuten;
       - die  durch   Kapital  und   Staat  begründete   politische  und
       "kommunikative" Herrschaft in ihrem (Daten und Personen) kontrol-
       lierenden, ideologisieren-den  und auch  kommerzialisierenden Zu-
       griff zu effektivieren;
       - damit insgesamt  profitabwerfende Anlagemöglichkeiten  für  das
       technikanbietende Kapital zu schaffen.
       Aufgrund dieser  Zielstellungen werden den Telekommunikationsnet-
       zen die  folgenden  k o n k r e t e n,  a u f  F a b r i k,  B ü-
       r o,  B e h ö r d e  u n d  P r i v a t h a u s h a l t  b e z o-
       g e n e n   F u n k t i o n e n   z u g e w i e s e n:  Die Netze
       sollen
       - die so  bezeichnete Geschäfts- und Behördenkommunikation in ih-
       rer Informationskapazität,  Geschwindigkeit und  (nationalen  wie
       internationalen)  Reichweite  um  ein  Vielfaches  ausweiten  und
       gleichzeitig arbeitsplatz- und kostensparend organisieren helfen;
       - die Privathaushalte  elektronisch an  die Betriebe und Behörden
       koppeln, um  dadurch eine  ebenfalls arbeitsplatz- und kostenspa-
       rende Telearbeit und Kundenversorgung zu ermöglichen;
       - der massenhaften  Verbreitung und  dem individuellen  Abruf von
       Hörfunk-und Fernsehprogrammen  kommerziell nutzbare Übertragungs-
       möglichkeiten zur Verfügung stellen;
       - im "Verteidigungsfall" den militärischen Aktivitäten (die nach-
       richtentechnisch gesehen  weitgehend über  eigenständige  Systeme
       übertragen werden) die gebührende Unterstützung gewähren;
       - sich schließlich  für das technikanbietende Kapital gewinnbrin-
       gend absetzen lassen.
       Dieser Funktionszuweisung  und damit der Qualifizierung der Tele-
       kommunikationsnetze  als   der  entscheidenden  Mittel,  die  die
       R a t i o n a l i s i e r u n g s-,          I n t e n s i v i e-
       r u n g s-,   K o n t r o l l-   u n d   Ü b e r w a c h u n g s-
       p o t e n t i a l e   der Informations-  und Computertechnik erst
       "voll" zum  Zuge kommen lassen, haben sowohl CDU/CSU/FDP wie auch
       die SPD  zugestimmt: Letztere  allerdings zögernd (obwohl bekann-
       termaßen der  Ausbau der  Telekommunikation unter der Schirmherr-
       schaft der  Forschungs- und  Postminister  Ehmke,  Matthöfer  und
       Gscheidle begann)  und zumindest  formal immer  um die Frage nach
       der sozialen  Beherrschbarkeit des "technischen Kommunikationssy-
       stems" besorgt. Insbesondere von seiten der CDU/CSU liegen inzwi-
       schen zahlreiche  Dokumente vor,  die einerseits die kapital- und
       staatspolitische Bedeutung der telekommunikativen Vernetzung her-
       ausstellen, andererseits - das vor allem seit der 1982/83 vollzo-
       genen "Wende"  - eine  Fülle von  Aktivitäten begründen,  die den
       Telekommunikationsausbau vorantreiben sollen. Nachzulesen ist das
       in dem 1983 publizierten, noch von der sozial-liberalen Koalition
       angeregten Bericht  der Bundestags-Kommission "Neue Informations-
       und Kommunikationstechniken"; in den Empfehlungen der drei Exper-
       tenkommissionen, die von der baden-württembergischen Landesregie-
       rung ab 1982 eingesetzt worden sind; in dem 1984 veröffentlichten
       Bundesregierungsbericht "Informationstechnik".
       Umgesetzt werden die in den Dokumenten enthaltenen Vorhaben durch
       die Bundespost,  die sich  seit  ihrer  Inbesitznahme  durch  die
       Rechtskoalition  sehr   dezidiert  um   den  zügigen  Ausbau  des
       "technischen Kommunikationssystems" kümmert. Der Post ist gesetz-
       lich die  Kompetenz zuerteilt  worden, im  Rahmen der staatlichen
       Aktivitäten die  - öffentlich  zugänglichen - Telekommunikations-
       oder Fernmeldenetze  und die darin betriebenen Dienste als allge-
       meine Bedingungen  des gesellschaftlichen Produktions- und Repro-
       duktionsprozesses zu organisieren und zu betreiben. (Die Postkom-
       petenz  reicht   jeweils  bis   zu  den   "Schnittstellen"   oder
       "Übergabepunkten"; das  sind die Stellen, an denen sich der Netz-
       teilnehmer mit  seinen Endgeräten  dem Netz  anschließt. Im Fern-
       sprech- und  Fernschreibbereich erstreckt  sich  diese  Kompetenz
       auch auf die Endgeräte.)
       Im Hinblick  auf den weiteren Telekommunikationsausbau orientiert
       sich das  Postmanagement - in Abstimmung mit dem äußerst kapital-
       freundlichen Postverwaltungsrat und der sonstigen Kapital-Lobby -
       an zwei  (langfristig zu  lösenden) Aufgaben.  Diese ergeben sich
       aus dem Verhältnis der Informations- und Computer- zur Telekommu-
       nikationstechnik und aus deren Bedeutung für die adäquate Nutzung
       der betrieblich  und behördlich  realisierten  informations-  und
       computertechnischen Potentiale.  "Die Ausbaupläne  der Bundespost
       sind darauf  gerichtet, die  bislang getrennten  technischen Ent-
       wicklungslinien der  elektronischen Daten-,  Text-,  Sprach-  und
       Bildverarbeitung zu  kombinieren und  mit der  Nachrichtentechnik
       (Digitalisierung und  optoelektronische Übertragung mittels Glas-
       faserkabeln) zusammenzuführen."  10) Um  verdeutlichen zu können,
       was dieser postalische "Ansatz" beinhaltet, in welchem zeitlichen
       Ablauf er  verwirklicht werden soll und welche Konsequenzen seine
       Realisierung für  die telekommunikative Vernetzung und deren oben
       skizzierte Funktionen  hat, gehe  ich zunächst  von der aktuellen
       Situation aus.  Ein Telekommunikationsnetz  11) besteht  aus drei
       Hauptkomponenten: der  Übertragungstechnik  (Kabel,  Verstärker),
       der Steuerungs-  und Vermittlungstechnik und den über beide Tech-
       niken definierten  Schnittstellen der  Endgeräte, die an das Netz
       angeschlossen werden.  Über ein  solches Netz können verschiedene
       Dienste abgewickelt werden, die "Nachrichtenformen" 12) (Sprache,
       Texte, Stand-  und Bewegtbilder)  in standardisierter Fassung be-
       fördern. In  der Bundesrepublik  gibt es zur Zeit drei Netztypen:
       das (analoge)  Fernsprechwählnetz, das Digitale Integrierte Fern-
       schreib-  und   Datennetz  (IDN)  und  das  Breitband-Verteilnetz
       (Gemeinschaftsantennenanlagen). Über  das    a n a l o g e    13)
       T e l e f o n n e t z   laufen  Fernsprechverkehr  und  langsame,
       über ein  Modem bewerkstelligte Computerdatenübertragung. Die Da-
       tenübertragung erfordert  dabei die Umwandlung der digitalen Com-
       putersignale in  analoge, dem  Fernsprechwählnetz  angepaßte  Si-
       gnale. Zum  Fernsprechnetz zählten 1985 rund 6300 Orts- und Fern-
       vermittlungsstellen sowie  22 Mio.  Haupt- und  8  Mio.  Nebenan-
       schlüsse (Nebenstellenanlagen).  Das IDN ermöglicht mit Hilfe der
       Datex-Dienste schnelle Datenfernübertragung und ist die Grundlage
       für Teletex  (Fernschreiben) und Telefax (Fernkopieren). Auch das
       IDN wird  über die  Schmalbandkabel des  Telefonnetzes befördert,
       verfügt aber  über eine  andere Vermittlungstechnik als das Fern-
       sprechwählnetz, eben  über die  digitale Vermittlungstechnik. Der
       Vorteil   des    IDN   liegt   darin,   daß   hier   keine   Ana-
       log-/Digitalumwandlung erforderlich  und dadurch eine computerge-
       rechte Übertragung  mit hoher Vermittlungsgeschwindigkeit möglich
       ist. Dem  IDN waren  1985 knapp 400 000 Teilnehmer angeschlossen.
       Das Breitband-Verteilnetz  (auf Basis von Kupferkoaxialkabeln und
       ergänzt durch postalisch gemietete Fernmeldesatellitenkanäle) ist
       von den  beiden zuvor  genannten Netztypen  völlig unabhängig und
       dient allein  zur Übertragung von Hörfunk- und Fernsehprogrammen.
       An Breitbandverteilnetze waren Anfang 1987 1,8 Mio. Haushalte an-
       geschlossen.
       Von diesen  Netztypen ausgehend  verfolgt die Bundespost  z w e i
       L i n i e n.     Sie  richtet   erstens     z u s ä t z l i c h e
       D i e n s t e   a u f   d e n  b e s t e h e n d e n  N e t z e n
       ein (insbesondere  auf dem  analogen Fernsprechnetz unter Einsatz
       von Analog-/Digitalum-wandlern);  sie entwickelt zweitens - unter
       Anknüpfung an  die bestehenden  Netze -  eine   n e u e  N e t z-
       k o n f i g u r a t i o n,   in die  alte, zusätzliche  und  neue
       Dienste integriert werden.
       Zusätzliche Dienste,  die zur  Zeit installiert oder erprobt wer-
       den, sind  Telemetric Exchange  (Temex), Telebox, Sprachspeicher-
       dienste und  Bildschirmtext. Das  momentan  im  Test  befindliche
       T e m e x,  das nicht benötigte Übertragungskapazitäten des Fern-
       sprechnetzes nützt,  ist ein  Fernwirk- und  -meßsystem. Es  soll
       insbesondere zum  Ablesen von  Zählerständen und zum Fernschalten
       (Ampeln, Beleuchtungen, Heizungen) herangezogen werden.  T e l e-
       b o x,   ebenfalls in  der Erprobung, ist ein computergesteuertes
       Textübertragungs- und -speichersystem, das - vermittelt über eine
       Zentralstelle  -  jeder  (angemeldeten)  Dateneingabestation  die
       Zwischenspeicherung  von  Texten  in  einem  "persönlichen  elek-
       tronischen Briefkasten"  (Originalton Bundespost)  und den  Abruf
       von Nachrichten aus anderen "Briefkästen" gestattet. S p r a c h-
       s p e i c h e r d i e n s t e  übertragen das Telebox-Prinzip auf
       den Bereich  der Sprache  und dienen  zum  Zwischenspeichern  und
       Abrufen gesprochener  und  dann  digitalisierter  Wörter,  Sätze,
       Passagen. Diese  Dienste werden  als Ersatz  für Anrufbeantworter
       angeboten.  Das     B i l d s c h i r m t e x t v e r f a h r e n
       ermöglicht (mit  Hilfe eines  Telefons, eines  Modems, eines  TV-
       Gerätes, einer  Fernbedienung oder alphanumerischen Tastatur) den
       Abruf von  Daten, Texten  und Graphiken  aus der Btx-Zentrale und
       (mit  Hilfe  eines  Kassettenrecorders)  deren  Speicherung.  Die
       besondere Qualität des Btx-Systems besteht darin, daß es aufgrund
       der Koppelung  seines Großcomputers  (und seiner Nebenstellen) an
       das IDN  als Rechnerverbund  arbeitet und  dadurch vor allem eine
       Brücke zwischen  den  (privaten)  Fernsprechteilnehmern  und  den
       (überwiegend   betrieblich   und   behördlich   genutzten)   IDN-
       Datexdiensten herstellen  kann.  Ende  1986  gab  es  50000  Btx-
       Anschlüsse.
       Bedeutender als  die skizzierte  Einrichtung zusätzlicher Dienste
       dürfte das  Vorhaben der  Bundespost sein,  das bestehende  Fern-
       sprechnetz in  eine vollintegrierte computerkompatible Informati-
       onsinfrastruktur umzugestalten: mit dem "strategischen Ziel", 14)
       a l l e   Dienste /  Nachrichtenformen  (Daten,  Texte,  Sprache,
       Stand- und  bewegte Farbfernsehbilder)  über   e i n    Netz  und
       e i n e  (Digital-)Vermittlungsstelle laufen zu lassen sowie über
       e i n e n   Anschluß und  e i n  Multifunktionsterminal den Teil-
       nehmern verfügbar  zu machen. In welcher Konstruktionsform und in
       welchem zeitlichen  Rahmen ein solches  U n i v e r s a l n e t z
       realisiert werden soll, zeigt das Schaubild.
       
       Schaubild:
       Entwicklung der Netze und Dienste der Deutschen Bundespost 15)
       
                                       Dienste
                +---------+   +---------+   +-------+   +--------------+
                ¦Hörfunk  ¦   ¦Bildfern-¦   ¦Telex  ¦   ¦Fernsprechen  ¦
                ¦Fernsehen¦   ¦sprechen ¦   ¦Datex L¦   ¦Datenüber-    ¦
                ¦         ¦   +---------+   ¦Teletex¦   ¦tragung       ¦
                ¦         ¦   ¦Video-   ¦   ¦Datex P¦   ¦im Fern-      ¦
                ¦         ¦   ¦konferenz¦   ¦Telefax¦   ¦sprechnetz    ¦
                ¦         ¦   ¦         ¦   ¦       ¦   ¦Telefax       ¦
                ¦         ¦   ¦         ¦   ¦       ¦   ¦Bildschirmtext¦
                +---------+   +---------+   +-------+   +--------------+
                     v              v   Netze    v              v
                +---------+   +-----------+ +----------+ +-------------+
                ¦Gemein-  ¦   ¦Breit-     ¦ ¦Integrier-¦ ¦             ¦
                ¦schafts- ¦   ¦bandiges   ¦ ¦tes Fern- ¦ ¦             ¦
       Heute    ¦antennen-¦   ¦integrier- ¦ ¦schreib   ¦ ¦Fernsprech-  ¦
                ¦anlagen  ¦   ¦tes Glas-  ¦ ¦und       ¦ ¦netz         ¦
                ¦         ¦   ¦faser-Orts-¦ ¦Daten-    ¦ ¦             ¦
                ¦         ¦   ¦Netz       ¦ ¦netz (IDN)¦ ¦             ¦
                +---------+   +-----------+ +----------¦ +-------------+
                     v              v            v              v
                +----------+  +-----------+ +--------------------------+
                ¦Breitband-¦  ¦Viedeo-    ¦ ¦                          ¦
       1988     ¦kommunika-¦  ¦konferenz- ¦ ¦    Schmalband ISDN *)    ¦
                ¦tionsnetz ¦  ¦Versuchs-  ¦ ¦                          ¦
                ¦          ¦  ¦netz       ¦ ¦                          ¦
                +----------¦  +-----------+ +--------------------------+
                     v              v                    v
                +----------+  +----------------------------------------+
                ¦Breitband-¦  ¦                                        ¦
       1990     ¦kommunika-¦  ¦    Schmalband und Breitband-ISDN       ¦
                ¦tionsnetz ¦  ¦                                        ¦
                +----------+  +----------------------------------------+
       
                +------------------------------------------------------+
       1993     ¦                 Universalnetz                        ¦
                +------------------------------------------------------+
       _____
       *) ohne Teletex
       Quelle: Deutsche Bundespost
       
       Die in  dem Schaubild dokumentierte Netze- und Diensteintegration
       soll sich  stufenförmig vollziehen. Grundlage der Integration ist
       die   D i g i t a l i s i e r u n g   d e s  F e r n s p r e c h-
       n e t z e s,   die in zwei Schritten erfolgt. Zunächst werden die
       Orts- und  Fernvermittlungsstellen mit  d i g i t a l e r  V e r-
       m i t t l u n g s t e c h n i k  ausgestattet und zwischen ausge-
       wählten Vermittlungsstellen auch  d i g i t a l e  Ü b e r t r a-
       g u n g s w e g e   geschaffen.  Durch  letzteres  wird    z w i-
       s c h e n   diesen Vermittlungsstellen  die digitalisierte  Fern-
       übertragung, das  heißt: die  Übertragung  von  (digitalisierten)
       Daten, Texten  und Sprache  über   e i n e   Leitung möglich. Die
       Verbindung   zwischen    den   Teilnehmeranschlüssen    und   den
       Ortsvermittlungsstellen  basiert  allerdings  weiterhin  auf  der
       analogen Übertragungstechnik.
       In der  zweiten Phase  der Digitalisierung  des  Fernsprechnetzes
       sollen dann  alle schmalbandigen  Dienste (also Telefon, Btx, IDN
       mit Teletex,  Telefax und  Datex sowie Temex, Telebox und Sprach-
       speicherdienste) in  jenem Netzkonzept zusammengefaßt werden, das
       in der  ersten Phase als digitalisierter Übertragungsweg zwischen
       ausgewählten Vermittlungsstellen erprobt wurde und das jetzt - in
       der zweiten Phase - bis zum Teilnehmeranschluß weitergeführt wer-
       den soll. Über dieses  n e u e  N e t z k o n z e p t  werden je-
       dem Teilnehmer,  vorausgesetzt er hat sich den entsprechenden An-
       schluß montieren  lassen, zwei leistungsfähige Übertragungskanäle
       (Kapazität: 64000  bits/sek) und ein Steuer- und Signalisierungs-
       kanal  zugeführt.   Das  Netzkonzept  firmiert  unter  dem  Titel
       "ISDN/Integriertes Schmalbandiges  Digitales Netz".  Seine Haupt-
       attraktion  kommt   durch  den  Anschluß  an  die  zwei  Übertra-
       gungskanäle zustande:  Das läßt zu, daß der Teilnehmer, bewaffnet
       mit dem  nötigen Multifunktionsterminal,  g l e i c h z e i t i g
       unterschiedliche Dienste nutzen kann (z.B. Telefon und Btx, Tele-
       fon und Dateneingabe).
       Die erste  Phase der Digitalisierung des Fernsprechnetzes hat ge-
       rade mit  dem Umbau  von Vermittlungsstellen und zwei ISDN-Pilot-
       projekten in  Mannheim und  Stuttgart begonnen.  Die zweite Phase
       soll ab 1988 angeschlossen werden. In der Post-Planung wird davon
       ausgegangen,  bis  1990  50%  der  bundesdeutschen  Fernsprechan-
       schlüsse auf  ISDN-taugliches Niveau  zu heben. "Zusammenfassend:
       mit ISDN  können alle gegenwärtig angebotenen Vermittlungsdienste
       für Sprache,  Text, Daten und Festbilder auf der Basis der gegen-
       wärtigen (schmalbandigen  - H.H.) Kupferkabel zusammengeschlossen
       werden. Nur  die Übertragung  von (farbfernsehtüchtigen  - H. H.)
       Bewegtbildern ist  nicht möglich,  da  sie  höhere,  breitbandge-
       stützte Übertragungsgeschwindigkeiten erforderlich macht". 16)
       Für das  Post-Management ist  das ISDN-Netz  allerdings  nur  ein
       Übergang. Denn  dort wird  mit der Unterstellung operiert, im be-
       trieblichen, im  behördlichen und  auch im  privaten Bereich  be-
       stünde  ein   großes  Interesse   an    b r e i t b a n d i g e n
       V e r m i t t l u n g s d i e n s t e n   (Bildfernsprechen,  Vi-
       deokonferenzen, individuell  vorzunehmender Abruf von Fernsehpro-
       grammen). Da  solche Dienste aber nicht über schmal-, sondern nur
       über  b r e i t b a n d i g e  Kabel transportiert werden können,
       sollen  ab   1990  erstere   durch    G l a s f a s e r k a b e l
       e r s e t z t   werden. Das  hätte zur Folge, daß - nach der Zwi-
       schenstufe eines Breitband-ISDN (Bildfernsprechen, Videokonferen-
       zen) - über das  e i n e  Glasfasernetz  a l l e  Nachrichtenfor-
       men übertragen  und dann  auch Fernseh-  (und  Hörfunk-)programme
       nicht mehr  nur von  einem Sender  v e r t e i l t  würden: diese
       wären vielmehr  von der  jeweiligen Vermittlungsstelle   i n d i-
       v i d u e l l  a b r u f b a r  - vorausgesetzt, das entsprechen-
       de Endgerät ist zur Hand.
       Da die  Organisation eines solchen vollintegrierten Universalnet-
       zes mit  erheblichen Kosten verbunden ist, werden die Möglichkei-
       ten dieser  Netzkonstruktion seit 1983 in den sogenannten BIGFON-
       Versuchen getestet  (BIGFON =  Breitbandiges Integriertes Glasfa-
       serfernmeldeortsnetz; die Projekte finden - mit geringer Teilneh-
       merzahl -  in sieben  Großstädten statt; ein BIGFON-Anschluß ver-
       fügt über  zwei digitale Fernsprech-, Daten- und Textkanäle, zwei
       Kanäle für  die Vermittlung  von Fernsehprogrammen,  mehrere Hör-
       funkkanäle und  einen Bildtelefonkanal). Interessant ist, daß die
       Post den Aufbau des Glasfaser-Universalnetzes nicht erst nach der
       Beendigung der  zweiten ISDN-Phase  beginnen, sondern  diesen be-
       reits parallel  zur ISDN-Installation  anlaufen lassen  will. Das
       heißt im  Hinblick auf die unmittelbar anstehenden Post-Aktionen:
       1. Neben  der Einrichtung  des ISDN  baut die  Post mit Hilfe von
       Glasfaserkabeln  und   Fernmeldesatelliten  (u.a.  mit  dem  1988
       startenden BRD-Satelliten  "Kopernikus") ein grobmaschiges (Over-
       lay-)Netz  zwischen   städtischen  Ballungsräumen  auf,  das  Vi-
       deokonferenzen und  schnellste Datenfernübertragung gewährleisten
       soll. 2.  Ab 1990  fängt der Austausch der schmalbandigen Kupfer-
       durch die  Glasfaserkabel und  der Aufbau  des Breitband-ISDN  an
       (inklusive der  Zusatzdienste Bildfernsprechen und Videokonferen-
       zen). 3. 1992 soll die Hörfunk- und Fernsehübertragung in das bis
       dahin realisierte  Breitband-ISDN einbezogen  und dieses dann mit
       Volldampf in  das Glasfaser-Universalnetz, das Integrierte Breit-
       bandfernmeldenetz (IBFN) transformiert werden.
       
       4. Konzern- und Staatsinteressen
       --------------------------------
       
       Daß der  Kapital /  Post-Verbund darauf aus ist, jeden Widerstand
       vor allem  von selten  der arbeitenden Bevölkerung zu überrollen,
       ist augenfällig. Erwartet wird von ihr allein, daß sie zur Bezah-
       lung der  Telekommunikationsnetze und  -dienste Erhebliches  bei-
       trägt. Denn  die Netze- und Diensteeinrichtung wird, da die ande-
       ren Dienstleistungen  der  Post  keine  überschüssigen  Einnahmen
       bringen, weitestgehend  durch die  sehr gewinnträchtigen,  haupt-
       sächlich von den Werktätigen beigebrachten Fernsprechgebühren und
       durch Kapitalanleihen finanziert, die vor allem auf die künftigen
       Erträge aus  diesen Gebühreneinnahmen  (ISDN, IBFN)  ausgerichtet
       sind. (Das  Satellitenübertragungsnetz wird  zudem  über  Steuer-
       gelder aus  dem BMFT-Etat mitgetragen.) Wenn also die Werktätigen
       und ihre  Familien schon nichts bei der Installation des Telekom-
       munikationssystems zu  vermelden haben, sollen sie zumindest maß-
       geblich an  dessen Kosten  beteiligt werden:  an den 300 Mrd. DM,
       die die  Digitalisierung des  Fernsprechsystems sowie  der Aufbau
       von ISDN,  IBFN und der Fernmeldesatellitenübertragung verschlin-
       gen; an  den 50 Mrd. DM, die das Breitbandverteilnetz, die Kabel-
       rundfunktechnik und  die  (Rundfunk-)Direktsatellitenausstrahlung
       erfordern.
       Solche Summen  sollen in  den kommenden 15 bis 20 Jahren über den
       postalischen Investitionshaushalt  bereitgestellt  werden  (1986:
       Gewinn 3,4 Mrd., Gesamtverschuldung 60 Mrd., Investitionssumme im
       Fernmeldebereich 14 Mrd.). Am Umfang jenes Haushaltes sind insbe-
       sondere zwei  Gruppen interessiert:  die technik-anbietenden  und
       die technik-anwendenden  Kapitale (wobei  die technik-anbietenden
       Kapitale oft  in  sehr  intensivem  Maße  auch  technik-anwendend
       sind). Die  eine Gruppe  versucht, die  Planungs- und Organisati-
       onstätigkeit der Post auf ihre Produktions- und Absatzkalkulatio-
       nen auszurichten;  die andere  Gruppe versucht, jene Tätigkeit in
       den Dienst ihrer inner-, zwischen- und überbetrieblichen Rationa-
       lisierungs-, Kontroll- und Programmverwertungsstrategien zu stel-
       len. Zu  diesen beiden  Interessentengruppen kommen dann noch als
       wichtige Anwender  die staatlichen Behörden hinzu, die die posta-
       lischen Leistungen  für ihre  Rationalisierungs-,  Kontroll-  und
       Überwachungsabsichten nutzen wollen.
       
       Der Telekommunikations-Industrie-Komplex (T.I.K.)
       -------------------------------------------------
       
       Die zuvor  erwähnte Verzahnung  von technikanbietenden  Kapitalen
       und Post  formt deren  Verhältnis zu einem staatsmonopolistischen
       Komplex. "Die  Entstehung staatsmonopolistischer  Komplexe  hängt
       sehr eng mit der durch die Produktivkraftentwicklung stimulierten
       Ausbildung neuer  (Verwertungs-) Bedürfnisse und Reproduktionser-
       fordernisse zusammen, die sich maßgeblich über die Interessen des
       Monopolkapitals definieren,  jedoch weder  unter stofflichen noch
       unter Verwertungsgesichtspunkten allein über die private Kapital-
       bewegung befriedigt werden können. Dies trifft beispielsweise für
       den Ausbau  der  Kommunikationsinfrastruktur  ...  zu."  17)  Zum
       Zwecke der  Herstellung der (Tele-)Kommumkationsinfrastruktur als
       einer allgemeinen  Grundlage der staatsmonopolistisch organisier-
       ten Produktion  und Reproduktion leisten Technik-Kapital und Post
       dabei in  spezifischer Weise ihren Beitrag, der sowohl den poten-
       tiellen Technik-Anwendern  wie  vor  allem  ihnen  selbst  zugute
       kommt: In Absprache mit dem Kapital (Postverwaltungsrat, Fernmel-
       dekommissionen) schafft die Post als Hauptnachfrager den Technik-
       Markt -  oder stimuliert ihn, wenn sie dort nicht selbst als Käu-
       fer tätig  ist; auf diesen Markt wiederum richtet das technik-an-
       bietende Kapital seine entsprechenden Kapitalverwertungs- und Ab-
       satzstrategien aus.
       Den   i n d u s t r i e l l e n   Sektor des  T.I.K. bestimmt der
       monopolistische Kern,  der im  wesentlichen aus den "alteingeses-
       senen"  Konzernen  Siemens,  SEL/  ITT,  Philips  Kommunikations-
       industrie und  Bosch /ANT  besteht. Flankiert werden diese Unter-
       nehmen durch  einige Konzerne,  die in  jüngster  Zeit  im  Tele-
       kommunikationsbereich Fuß  gefaßt haben  (MBB,  Wacker/AT&T,  IBM
       Deutschland, Nixdorf,  Dornier), und  von einer  Reihe  mittlerer
       (Fuba,  Krone,   Kabelmetall)  und   kleinerer  Unternehmen.  Zum
       s t a a t l i c h e n   Sektor des  T.I.K. gehören neben der Bun-
       despost (und  dem Ministerium  für das  Post- und Fernmeldewesen)
       das Fernmeldetechnische  Zentralamt (FTZ)  als  Exekutionsbehörde
       der Post, das Bundesministerium für Forschung und Technologie so-
       wie jene  universitären und außeruniversitären nachrichtentechni-
       schen Institute,  in denen  die Grundlagenforschung  konzentriert
       ist.
       Auf Basis der Kapital / Post-Verflechtung setzen sich bei Planung
       und Realisierung der Kommunikationsinfrastruktur die Verwertungs-
       interessen des  Technik-Kapitals ohne  Schwierigkeiten durch. 18)
       Gerade das  Konzept der Post, eine glasfasergetragene Integration
       der Netze und Dienste zu verwirklichen, verdeutlicht anschaulich,
       wie sich  jene Interessen Raum verschaffen. Denn die von der Post
       propagierte tiefgreifende Umstellung der Netz- und Dienstetechnik
       resultiert zweifellos aus dem Verlangen der Kapitale, langfristig
       mit umfangreichen  und vielfältigen Absatzmöglichkeiten kalkulie-
       ren zu können. Diese sollen, so hofft das Kapital-Management, ga-
       rantiert  werden:  durch  die  Kupfer-  und  Glasfaserverkabelung
       (Siemens, SEL, Philips, Wacker/AT&T, Kabelmetall); durch den Auf-
       bau der Digitalisierungs- und Vermittlungstechnik (Siemens, SEL);
       durch die Einführung von ISDN-Anschlüssen und -Systemen (Siemens,
       IBM Deutschland, SEL, ANT); durch die Satellitenanlagen (Siemens,
       MBB, SEL,  ANT und  Dornier); durch die für Kabel-und Satelliten-
       rundfunk erforderliche  Sende-  und  Empfangstechnik  (ANT,  SEL,
       Philips, Fuba/Nixdorf);  durch die Endgeräte, die vom Datensicht-
       gerät über  den kabel-  und satellitentatiglichen  TV-Apparat bis
       zum Bildtelefon  mit Multifunktionsterminal  reichen  (Siemens  /
       Bosch, SEL, Philips / Grundig, Fuba/Nixdorf, Blaupunkt, IBM, Com-
       modore, Apple); schließlich durch die Software, die als Betriebs-
       und Steuerungsmittel  integraler Bestandteil  der Computertechnik
       ist (IBM, Ashton, Microsoft, Micropro, Lotus).
       In diesem  Zusammenhang möchte ich an dreierlei erinnern. Erstens
       handelt es sich vordringlich um die Planungen und Erwartungen ei-
       ner hochkonzentrierten Kapitalfraktion, die nicht nur im Telekom-
       munikations-, sondern auch im Militär-Industrie-Komplex fest ver-
       ankert ist.  Zweitens ist die Post nicht nur von hart miteinander
       konkurrierenden Konzernen  umstellt; sie  hängt zudem von wenigen
       "Verbundsystemen"  ab   (Daimler/AEG/Dornier;  Siemens/Bosch/ANT/
       Philips). Drittens  kann die  skizzierte Funktionsaufteilung zwi-
       schen Technik-Kapital  und Post  im Rahmen  des  T.I.K.  durchaus
       verändert werden,  insbesondere dann,  wenn die Konzernwünsche in
       den organisatorischen  Tätigkeiten der  Post  nicht  entsprechend
       "aufgehoben" sind  (siehe die  Privatisierungsdiskussion und  die
       Kommerzialisierungsmodelle im Breitbandverteilnetz).
       
       Betriebe und Staat als dominante Anwender 19)
       ---------------------------------------------
       
       Im folgenden  möchte ich  die an  früherer Stelle  allgemein  be-
       stimmte Konstellation  der betrieblichen und staatlichen Telekom-
       munikationsnutzer etwas  konkretisieren. Hauptanwender der in der
       Bundesrepublik  bereits  vorhandenen  Telekommunikationsverfahren
       wie auch  des geplanten  Schmalband-ISDN (Telefon,  Btx, Teletex,
       Telefax, Datex), Breitband-ISDN (Bildtelefon, Videokonferenz) und
       IBFN sind zunächst jene (nicht nur Groß-)Unternehmen, die die bei
       ihnen installierte  Informations- und  Computertechnik in  umfas-
       sende Übermittlungs- und Austauschsysteme integrieren wollen. Da-
       durch soll der Rationalisierungs- und Kontrolleffekt dieser Tech-
       nik gleichermaßen  innerbetrieblich (Ziel:  Inhouse-Systeme  oder
       Local Area  Networks/LAN) und  im nationalen  wie internationalen
       Verkehr mit  Filialen, anderen Betrieben, Behörden, sozialen Ein-
       richtungen und Privathaushalten (Fernarbeit, Kundenklientel) voll
       ausgeschöpft werden. Es geht hierbei insbesondere um
       - die (interne und zwischenbetriebliche) Vernetzung von Computern
       und Computerteilsystemen zum schnellen Datenaustausch;
       - den (internen und zwischenbetrieblichen) Verbund von Textverar-
       beitungs-, Fernschreib- und Fernkopiersystemen;
       - den Zusammenschluß personaldatenverarbeitender Systeme;
       - den Anschluß  an Datenbanken,  Rechenzentren, Behörden und spe-
       zielle Dienstleistungs- und Überwachungsunternehmen;
       - den Kundenservice  vor allem  in den  Bereichen Handel, Banken,
       Versicherungen, Touristik ("elektronische Selbstbedienung");
       - die Einrichtung  von Telearbeitsplätzen ("Nachbarschaftsbüros")
       für Schreibtätigkeit,  Sachbearbeitung, Planung, Konstruktion und
       andere Fabrikationsvorbereitungen ("elektronische Fernarbeit").
       Indem die  telekommunikative Vernetzung die betriebsübergreifende
       Verflechtung der  Computer(teil)systeme realisiert,  soll sie  zu
       dreierlei beitragen:  Sie soll erstens die informationeile Syste-
       matisierung, Rationalisierung und Kontrolle der gesamten Arbeits-
       organisation wesentlich  verbessern; dadurch  zweitens die profi-
       tabwerfende Arbeitsintensität  und -produktivität  steigern;  und
       auf diese  Weise drittens  zu einer  massenhaften Vernichtung von
       Arbeitsplätzen, insbesondere  in personal- und lohnintensiven Tä-
       tigkeitsfeldern beitragen  (vor allem  durch "dezentrale"  Daten-
       und Textverarbeitung,  computerisierte Sachbearbeitung, Videokon-
       ferenzen und  - das  gilt insbesondere für Handel, Banken, Versi-
       cherungen - Kundenbetreuung per ISDN-Btx).
       Laut aktuellen  Berechnungen ist  davon auszugehen, daß durch das
       Wirksamwerden allein  schon des  ISDN-Rationalisierungspotentials
       in der  Fabrikationsvorbereitung, in Büro und Verwaltung sowie im
       Banken-, Versicherungs- und Handelssektor 10 bis 15% der dortigen
       13   Mio.    "informationsverarbeitenden"    Arbeitsplätze    zur
       "Wegrationalisierung" oder  mindestens zur "Flexibilisierung" an-
       stehen. (In  der Bundesrepublik gibt es zur Zeit rund 25 Mio. Ar-
       beitsplätze. 20))  Gemessen an solchen Konsequenzen des ISDN-Ein-
       satzes fällt die geringfügige Anzahl von Arbeitsplätzen nicht ins
       Gewicht, die  angeblich im (gesamtwirtschaftlich gesehen: kleinen
       und für  sein "jobless  growth" bekannten)  Herstellerbereich ge-
       schaffen werden sollen.
       Eine weitere  Gruppe von Unternehmen, die sich allerdings nur für
       spezielle telekommunikative  Verfahren (Btx,  speziell  ISDN-Btx,
       Breitbandverteilnetz, Satelliten, Glasfaser-Universalnetz) inter-
       essieren,  sind   jene,  die  publizistische  und/oder  werbliche
       Dienste und  Programme absetzen wollen. Hierzu zählen die kommer-
       ziellen Bildschirmtextanbieter  (Datenbanken, Verlage, Werbeagen-
       turen) und  die privaten  Veranstalter von Kabel- und Satelliten-
       rundfunk. Während  sich um die Bildschirmtextübertragung eine re-
       lativ breite  Vielfalt von Interessenten schart, von denen aller-
       dings einige  - insbesondere die großen Verlage (Springer) - eine
       starke Position innehaben, sieht es im Kabel- und Satellitenrund-
       funk anders aus. Hier beherrscht eine kleine Anzahl großkapitali-
       stischer und  international  verzweigter  Konzerne  (insbesondere
       Bertelsmann, Leo  Kirch, Springer)  die Szene mit den werbefinan-
       zierten "Massenunterhaltungsprogrammen"  SAT 1,  RTL Plus und mu-
       sicbox.
       Ebenfalls ausgiebige  Nutzer der Telekommunikationsverfahren sind
       die bundes-  und landesstaatlichen sowie die kommunalen Behörden.
       Basierend auf  der behördlich eingesetzten Informations- und Com-
       putertechnik gehen  hier Rationalisierungs-,  Kontroll-,  Überwa-
       chungs- und "Mobilisierungs"absichten Hand in Hand. Das zeigt die
       Anwendung von Telekommunikationsverfahren bei
       - der Herstellung  von Daten-  und Text"schnellstraßen"  zwischen
       Bundes-,  Landes-   und  Kommunalbehörden   (aktuelles  Beispiel:
       Schleppnetzfahndung; "Abfragen"  des maschinenlesbaren  Personal-
       ausweises);
       - der Integration  nationaler Behörden  in "grenzüberschreitende"
       nachrichtendienstliche und militärische Zusammenhänge;
       - dem Anschluß von Behörden an Datenbanken und Rechenzentren;
       - dem Informations-  und Serviceverkehr zwischen (kommunalen) Be-
       hörden und Klientel;
       - der Einrichtung von Fernmeß- und -alarmdiensten durch kommunale
       Behörden;
       - der Integration  staatlicher Leistungs- und Verwaltungsbereiche
       auf Basis von (automatisierter) Daten- und Textverarbeitung.
       Daß Bundes- und Landesstaat sowie Kommunen in dieser Weise an den
       Telekommunikationsverfahren hängen,  resultiert vor allem aus dem
       ordnungspolitischen Interesse,  die Bürger systematisch mit einem
       Geflecht  elektronisch  gestützter  Verwaltungs-,  Kontroll-  und
       Überwachungsaktivitäten  zu  überziehen.  Mittlerweile  erstreckt
       sich das Netz, mit dem Daten für solche Aktivitäten gesammelt und
       telekommunikativ ausgetauscht  werden sollen,  von den Einwohner-
       melde- und Finanzämtern über die Sozial- und Rentenversicherungs-
       anstalten (Sozialdatenbank/Ministerium  für Arbeit und Sozialord-
       nung), das  Kraftfahrzeugbundesamt (System ZEVIS) und die Polizei
       (System INPOL)  bis zu  den Nachrichten-  und  Verfassungsschutz-
       diensten (System  NADIS) und  zur Bundeswehr/NATO  (System NICS).
       21) Prägnante  Ausgeburten dieser "Beherrschungs-Großtechnologie"
       22) sind  die Schleppnetzfahndung und der maschinenlesbare Perso-
       nalausweis.
       
       5. Konsequenzen für die Lebensweise der Werktätigen
       ---------------------------------------------------
       und ihrer Familien
       ------------------
       
       Bekanntermaßen bestimmen  unter kapitalistischen Gesellschaftsbe-
       dingun-gen die  Profitproduktion und das zu deren Absicherung nö-
       tige staatliche  Handeln die  Form und damit die Qualität der ge-
       sellschaftlichen Verhältnisse  - gebrochen  allerdings durch  den
       jeweiligen Stand  der Klassenauseinandersetzungen.  Das gilt  für
       die  gesellschaftliche  Anwendung  der  Telekommunikationstechnik
       ebenso. Auch  hier werden die werktätigen Menschen Entscheidungs-
       prozessen unterworfen,  deren  Zielstellung,  Zustandekommen  und
       Auswirkung zu beeinflussen sie nur die Gelegenheit haben, die sie
       sich erkämpfen.
       Das hat  mit Maschinenstürmerei  nichts zu tun. Denn dieser Kampf
       orientiert sich keineswegs an der Vorstellung einer prinzipiellen
       Technikverweigerung. Das  kann auch  gar nicht  anders  sein,  da
       stofflich die  Entwicklung der Telekommunikationstechnik Teil der
       Produktivkraftentfaltung, der  Entfaltung  des  menschlichen  Ar-
       beitsvermögens in  Auseinandersetzung mit  dessen natürlichen und
       gesellschaftlichen Bedingungen  ist. Anzugehen ist vielmehr gegen
       das spezifische  Wie, Was und Warum einer Telekommunikationstech-
       nik, über  die nicht die menschliche Arbeitskraft, also die Werk-
       tätigen gemäß  ihren Bedürfnissen und Perspektiven verfügen, son-
       dern das (monopolistische) Kapital und der kapitalistische Staat.
       Denn aufgrund dieser kapitalistischen Formbestimmung richtet sich
       die Technik  gegen die  Werktätigen (und  ihre Familien) und wird
       diesen als  das aufgeherrscht,  was für  den  (staatsmonopolisti-
       schen) Kapitalismus und seine "Lebensqualität" typisch ist:
       - Sie werden  - in  Betrieb und  Gesellschaft - nahezu mitbestim-
       mungslos  einem   zugunsten  von  Kapital  und  Staat  angelegten
       "Implementationsprozeß" unterworfen.
       - Sie müssen dazu herhalten, einen Großteil der Kosten zu zahlen,
       die die Installation der Telekommunikationstechnik erfordert.
       - Sie werden teils genötigt, teils durch Verlockungen ("Jeder Te-
       lefonanschluß eine  Breitbanddose", "individuell  abrufbare Rund-
       funkprogramme") dazu  gebracht, die  Telekommunikationstechnik im
       Rahmen ihres  Privathaushalts zu  nutzen und  damit nicht nur zum
       Teleklientel der  Anwender (Fernarbeit, Fernbestellung, Buchungs-
       verkehr, Kundenbetreuung),  sondern auch zum Absatzmarkt der End-
       gerätehersteller zu werden.
       - Und schließlich  sind sie  dazu ausersehen,  die tiefgreifenden
       Folgen, die  der Einsatz  der Telekommunikationstechnik  für ihre
       gesamten Lebens-  und Arbeitsbedingungen  hat, als ihre ureigenen
       "Risiken" zu  bewältigen. Gerade durch letzteres werden die Werk-
       tätigen und ihre Familien in eine
       Situation gedrängt,  die nachzuvollziehen und praktisch zu beein-
       flussen einen  präzisen Durchblick und ein enormes (arbeitsplatz-
       und gesellschaftspolitisches) Stehvermögen erfordert. Beides wird
       - trotz  der bereits  realisierten und der künftig zu erwartenden
       Anstrengungen der  gewerkschaftlichen Organisationen  - nur unter
       großen Schwierigkeiten  aufzubauen sein.  Beides  muß  allerdings
       hergestellt werden: Allein dann kann es den Werktätigen und ihren
       Familien gelingen,  jene Folgen in Grenzen zu halten und Offensi-
       ven zu  starten, die  - veränderte  gesellschaftliche Bedingungen
       vorausgesetzt - auf eine alternative Techniknutzung verweisen.
       Anschließend möchte ich einige schwerwiegende Konsequenzen benen-
       nen, die  die Anwendung  der Telekommunikationstechnik in den Be-
       reichen "Arbeitsplatz",  "Haushalt" und  "Staatliche  Bürokratie"
       für die Werktätigen und ihre Familien mit sich bringt.
       
       5.1 Arbeitsplatz
       ----------------
       
       Das gravierendste  Problem, das die inner- und zwischenbetriebli-
       che  (und  -behördliche)  Nutzung  der  Telekommunikationstechnik
       großen Gruppen  der Werktätigen beschert, besteht in der Arbeits-
       platzvernichtung.  Das  räumt  selbst  die  Bundestags-Kommission
       "Neue Informations-  und Kommunikationstechniken" ein - vor allem
       mit dem Hinweis auf die Qualitäten und die "Anwendungsbreite" der
       jetzt einsetzbaren  Verfahrensweisen: "Erstens  sind bis 1980 nur
       solche I  + K-Techniken zum Einsatz gelangt, die hinsichtlich ih-
       rer Beschäftigungswirkungen  relativ harmlos  sind (z.B. zentrale
       EDV-Großanlagen, 1. und 2. Generation von Textverarbeitungssyste-
       men) im  Vergleich zu den I + K-Techniken, die in den 80er Jahren
       zur Anwendung gelangen werden (z.B. dezentrale Online-Datenverar-
       beitung, Kleincomputer,  computerunterstützte und kommunikations-
       fähige Textverarbeitungssysteme,  Teletex, Btx), und zweitens ist
       zu erwarten,  daß infolge  der Preisentwicklung  die  Anwendungs-
       breite dieser Techniken erheblich zunimmt." 23)
       Geht man  davon aus, daß bis 1990  10% bis 15% der in der Bundes-
       republik vorhandenen  13  Mio.  "informationsverarbeitenden"  Ar-
       beitsplätze demontiert werden ("ISDN-Rationalisierungspotential")
       und zu diesem Zeitpunkt das gegenwärtige Ausmaß der Arbeitslosig-
       keit noch gilt, wäre am Ende der 80er Jahre mit einer beträchtli-
       chen Steigerung  der  Arbeitslosenquote  zu  rechnen.  Der  erste
       Schritt gegen  eine solche  Arbeitsplatzvernichtung kann  für die
       Werktätigen nur  darin bestehen,  eine erhebliche Arbeitszeitver-
       kürzung (bei  vollem  Lohnausgleich)  durchzusetzen.  Der  zweite
       Schritt muß sich dann darauf richten, effektive Informations- und
       Mitbestimmungsrechte zu  verankern, mit deren Hilfe die Anwendung
       der  Telekommunikationstechnik  arbeitsplatz-  und  lohnpolitisch
       (Investitionskontrolle, "Umverteilung"  von  Rationalisierungsge-
       winnen) beeinflußt werden kann.
       Informations- und  Mitbestimmungsrechte dieser  Art, die  im  Be-
       triebsverfassungs- oder  Personalvertretungsgesetz, in  Tarifver-
       trägen, in  Betriebsvereinbarungen, Rationalisierungsschutzabkom-
       men, Lohngruppierungsklauseln  oder Umschulungsforderungen zu fi-
       xieren sind,  haben außerdem weiteres zu leisten: Sie müssen dazu
       tauglich sein,  der telekommunikationstechnisch  erzwungenen  Ar-
       beitsintensivierung und  Umstrukturierung der Arbeitsorganisation
       (personelle "Ausdünnung", Isolierung und "Individualisierung" der
       Arbeitenden; Entwertung von Qualifikationen) Widerstand entgegen-
       zusetzen. Beides führt nicht nur zu einer gesteigerten Ausbeutung
       der Arbeitenden,  sondern auch zu erheblichen physischen, psychi-
       schen und  intellektuellen (Über-)Belastungen und zu einer ebenso
       nachdrücklichen Beschädigung  der Sozialbeziehungen.  Die  Konse-
       quenzen, die die telekommunikationstechnisch bedingte Veränderung
       von Arbeitsweise und Arbeitsorganisation für die Mehrheit der da-
       von betroffenen  Werktätigen bringt  (und  die  keineswegs  durch
       "Rationalisierungsgewinne" auf  seiten einer  sehr kleinen, größ-
       tenteils bisher  auch schon privilegierten Gruppe von Arbeitenden
       kompensiert werden),  lassen sich  verkürzt folgendermaßen zusam-
       menfassen:
       - Diese Veränderung produziert außergewöhnliche Ermüdungserschei-
       nungen und beträchtlichen physischen Verschleiß.
       - Sie setzt  die Arbeitenden  unter massiven, ständige Konzentra-
       tion fordernden Zeitdruck.
       - Sie fixiert  die Arbeitenden  und ihren  Arbeitsinhalt auf  die
       Technik und  verschleiert den Herrschaftscharakter der Arbeit mit
       dem Hinweis  auf die telekommunikationstechnische "Sachrationali-
       tät".
       - Sie reduziert  die Informations-  und Kommunikationsbeziehungen
       tendenziell auf das telekommunikationstechnisch und das heißt vor
       allem: auf  das formalisiert  und standardisiert Mach- und Trans-
       portierbare und entwertet dadurch telekommunikationstechnisch er-
       setzbare, abrufbare  oder kostenreich zu integrierende Qualifika-
       tionen (insbesondere  in den Bereichen "Planung", "Konstruktion",
       "Sachbearbeitung" und "Schriftverkehr").
       - Sie verstärkt  die Abhängigkeit  der Arbeitenden, indem sie (im
       Rahmen scheinbar  dezentralisiert tätiger  Arbeitsstationen)  den
       internen und externen Informations- und Kommunikationsverkehr von
       Betrieb und  Behörde über  eine entscheidungskompetente,  mit den
       relevanten "essentials" bestückte Computerzentrale zu steuern er-
       laubt.
       - Sie untergräbt die alltägliche Interaktion und Kommunikation am
       Arbeitsplatz und  beschädigt damit  das politische  Interesse und
       die praktisch-sozialen Kompetenzen der Betroffenen.
       - Sie bringt  diese schließlich  - aufgrund der mit der Anwendung
       der Informations- und Kommunikationstechnik gegebenen umfassenden
       Protokollierung aller Ein- und Ausgaben - in eine Situation stän-
       digen Kontrolliertseins. (Dieser Zustand wird noch dadurch beson-
       ders verschärft,  daß die elektronische Überwachung mit Hilfe von
       Personalinformations-  und  -dispositionssystemen  ein  wichtiges
       Element der  betrieblichen und  behördlichen Rationalisierung und
       Arbeitsintensivierung ist.)
       Ein besonderes Verfahren, das die eben genannten Auswirkungen den
       Werktätigen und ihren Familien in spezieller Weise auflastet, ist
       die telekommunikativ betriebene Fernarbeit, die - rückgebunden an
       Betrieb oder Behörde - in Privathaushalte oder in Nachbarschafts-
       büros ausgegliedert  wird.  Diese  Fernarbeit  (Textverarbeitung,
       Sachbearbeitung) dürfte  in dem Maße expandieren, in dem sich der
       früher erwähnte ISDN-Doppelanschluß - kombiniert mit dem entspre-
       chenden multifunktionalen Endgerät - verbreitet. Mit Hilfe dieses
       Anschlusses / Endgeräts ist beispielsweise gleichzeitig Fernspre-
       chen /  Bildschirmtextdialog /  Datenfernübertragung  oder  Fern-
       schreiben-Teletex / Fernkopieren-Telefax und damit ein effektiver
       Austausch zwischen  der auftragserteilenden Zentrale und den auf-
       tragsbearbeitenden De-Zentralen  ("Heimarbeitsplätzen")  möglich.
       Zur Zeit  gibt es  für Betriebe und Behörden drei Varianten, eine
       solche  Fernarbeit  zu  organisieren:  die  Auslagerung  von  Ar-
       beitsplätzen unter  Beibehaltung des  sogenannten  "Arbeitnehmer-
       status" der  Beschäftigten; die  Fernarbeit  als  Beschäftigungs-
       verhältnis auf  Basis des Heimarbeitsgesetzes; die Fernarbeit auf
       Basis von Werkverträgen.
       Die letztgenannte  Variante ist  profitwirtschaftlich am interes-
       santesten: Ist  bei Lösung  l die Anbindung der Fernarbeit an die
       gesetzlich garantierten, von Betriebs- oder Personalrat sowie der
       gewerkschaftlichen Interessenvertretung  überwachten Schutzrechte
       ein großer  und bei  Lösung 2  das Heimarbeitsgesetz  ein kleiner
       Stein des Anstoßes, so bietet Lösung 3 den vogelfreien Tele-Selb-
       ständigen, der entsprechend eines Werkvertrages und für individu-
       elles Entgelt  arbeitet, keinen  Schutz durch  das kollektive Ar-
       beitsrecht erhält,  seine soziale  Sicherung allein zu gewährlei-
       sten hat und für die Ausstattung seiner Fernarbeitsstation selbst
       aufkommen muß.  Die mit Lösung 3 mögliche Ausgestaltung der Fern-
       arbeit als  besonders recht-  und schutzlose  Form der Ausbeutung
       (die offensichtlich  vor allem  Frauen  angedient  werden  soll),
       wiegt noch  dadurch um  so schwerer,  als sie - den bisher publi-
       zierten Untersuchungen folgend 24) - mit erheblichen Folgeproble-
       men verbunden ist. Solche Folgeprobleme sind:
       - Vernichtung von  Vollarbeitsplätzen durch zeitflexible Arbeits-
       formen;
       - Reduzierung arbeitsinhaltlicher  Anforderungen und von Qualifi-
       kationsmöglichkeiten;
       - extreme Gefährdung  der Gesundheit  (monotone Tätigkeit, Arbeit
       an ergonomisch untauglichen Billig-Geraten, Leistungsdruck);
       - soziale Isolierung;
       - permanente Leistungs- und Verhaltenskontrolle;
       - Vermischung beruflicher und nicht-beruflicher, von Erwerbs- und
       familialen Tätigkeiten.
       Daß angesichts der geschilderten Attribute insbesondere die Stufe
       3 der  "elektronischen Heimarbeit" in den Gewerkschaften, vor al-
       lem in  der HBV,  auf konsequente  Ablehnung stößt  und - wie die
       Personalinformationssysteme
       - die  Prädikatisierung "Nein  danke" erhält,  kann nicht verwun-
       dern.
       
       5.2 Haushalt
       ------------
       
       Die Möglichkeit,  künftig Arbeitsplätze  in  die  Privathaushalte
       auszulagern und  diese elektronisch  an Betrieb  oder Behörde  zu
       koppeln, hängt  logischerweise vor allem von der Bereitschaft der
       Beschäftigten ab,  sich zuhause  - und  zwar unter entsprechender
       Kostenbeteiligung -  einen ISDN-Anschluß  legen und  ein entspre-
       chendes Endgerät  montieren zu lassen. Damit sich eine solche Be-
       reitschaft nicht  nur bei  jenen herstellt, die in der Fernarbeit
       eine  günstige   Beschäftigungschance  erhoffen   (beispielsweise
       Frauen mit  Kleinkindern), lockt  die Post  damit, daß  über  die
       ISDN-Anlage zusätzlich  Fernbestellen, Fernbuchen,  Fernauskunft,
       Fernberatung, Telespielen  sowie Fernmeß- und -alarmdienste abge-
       wickelt werden können.
       Daß der  Mehrheit der  Werktätigen hier  etwas vorgegaukelt wird,
       braucht nicht  besonders betont zu werden. Denn erstens haben nur
       wenige dieser  telekommunikativen Aktivitäten einen Gebrauchswert
       für  die   Werktätigen;  zweitens  verursacht  die  elektronische
       Selbstbedienung beträchtliche Kosten; drittens werden in die Pri-
       vathaushalte Tätigkeiten  verlagert, für  die zuvor  Beschäftigte
       bei der Bank, dem Reisebüro, dem Handel, der Versicherung bezahlt
       wurden; viertens werden die Privathaushalte, also die Beschäftig-
       ten, gerade mit dieser "Selbstbetätigung" in die Arbeitsplatzver-
       nichtung sozusagen als "treibende Faktoren" miteinbezogen. Gerade
       letzteres  macht  deutlich,  daß  die  Einführung  elektronischer
       Selbstbedienungsverfahren die betrieblich/behördlich organisierte
       Interessenvertretung der Arbeitenden und die Gewerkschaften inso-
       fern vor  schwierige Probleme stellt, als die mit jener Selbstbe-
       dienung einhergehenden  Folgen (Arbeitsplatzabbau)  nur zu  einem
       Teil als  innerbetriebliche/innerbehördliche Probleme  gehandhabt
       werden können, weil sie zum anderen Teil außerhalb des Betriebes,
       der Behörde  "verursacht" werden  (ISDN-"Anschlußwilligkeit"  der
       Privathaushalte).
       Sollte die  Anschlußbereitschaft der  Privathaushalte im Hinblick
       auf ISDN  mäßig bleiben (davon ist realistischerweise wohl auszu-
       gehen), vertraut  die Post  auf weitere  Lockmittel, die  mit dem
       Ausbau des  Schmalband- zum  Breitband-ISDN und zum Glasfaseruni-
       versalnetz verbunden sind: das mit der Einrichtung des Breitband-
       ISDN angebotene  Bildtelefon und den auf Basis des Glasfaser-Uni-
       versalnetzes möglichen  individuellen Abruf  von Rundfunkprogram-
       men. Besonders  mit letzterem soll das zusammengetrommelt werden,
       was Post  und Kapital "Massenpublikum" nennen - ein Publikum, das
       allerdings keineswegs  nur als  Abnehmer  von  Rundfunkprogrammen
       dienen soll,  sondern auch  - vermittelt über die dann alle Nach-
       richtenformen ausspuckende  Breitbanddose -  als Telearbeiter und
       Telespieler,  als  Teilnehmer  von  Fernbestellung,  Fernbuchung,
       Fernauskunft und  Fernberatung sowie  als Kunden von Fernmeß- und
       -alarmdiensten. Daß  die in  Aussicht gestellte individuelle Ver-
       mittlung von Rundfunkprogrammen von Post und interessiertem Kapi-
       tal nicht als Basis für eine am Prinzip "Rundfunkfreiheit" orien-
       tierte Programm-,  Kommunikations- und Meinungsvielfalt angesehen
       wird, sondern  als profitversprechende  Stärkung des Kommerzfunks
       und effektives  Instrument gegen  das öffentlich-rechtliche Rund-
       funksystem, versteht sich von selbst.
       Die hiermit angesagte Ausweitung der Rundfunkkapitalisierung - zu
       sehen im  Rahmen der verabschiedeten Landesmediengesetze, des ge-
       rade vereinbarten  Rundfunkstaatsvertrags und des kürzlich ergan-
       genen Bundesverfassungsgerichtsurteils  - stellt somit einen wei-
       teren Tatbestand  dar, gegen den und dessen Konsequenzen 25) sich
       die Werktätigen  und ihre  gewerkschaftlichen Organisationen  zur
       Wehr zu setzen haben. Erschwert wird eine solche Abwehr nicht nur
       dadurch, daß  der weitere  Ausbau des  Kommerzfunks in den Händen
       einer selbstherrlich agierenden Großkapital / Post-Allianz liegt.
       Erschwert wird  eine Gegenwehr auch dadurch, daß die Gewerkschaf-
       ten (und der DGB-Bundesvorstand) - im Gegensatz zu ihrem mittler-
       weile eindeutigen  Engagement gegen  die der  Telekommunikations-
       technik zu  verdankenden Rationalisierungs-, Intensivierungs- und
       Überwachungsverfahren - in Sachen Kommerzfunk nur eine programma-
       tische, aber keine aktionsorientierte Gegnerschaft demonstrieren.
       Zu hoffen  ist hier  vor allem auf die künftige politische Praxis
       der IG Medien.
       
       5.3 Staatliche Bürokratie
       -------------------------
       
       Die Konsequenzen, die die Anwendung der Telekommunikationstechnik
       für die  Bereiche "Arbeitsplatz"/"(Privat-)Haushalt" bringt, wer-
       den durch  das wirkungsvoll  ergänzt, was sich auf den Ebenen der
       staatlichen Verwaltung  mit dem dort eingerichteten Kontroll- und
       Überwachungspotential vollzieht.  In dem  hierauf basierenden Da-
       tennetz sind die Bürger als "Datenschatten" gehortet, deren Merk-
       male per  Amtshilfe telekommunikativ  weitervermittelt, anläßlich
       unterschiedlicher Zwecke  "rekombiniert" und  insofern  zu  einer
       weder zeit-  noch ortsgebundenen Dauerdurchleuchtung herangezogen
       werden können. 26)
       Es ist  nicht zu bestreiten, daß eine solche Datennutzung derzeit
       noch an einige technische Grenzen stößt: Doch diese sind mit ISDN
       und Glasfasernetz  leicht zu  überwinden. Zu bestreiten ist eben-
       falls nicht,  daß der  ausgemalten Datennutzung sogenannte Daten-
       schutzgesetze entgegenstehen:  Doch auch diese stellen weder eine
       konsequente Barriere  gegen den Datenmißbrauch dar; noch sind sie
       der expandierenden telekommunikativen Vernetzung gewachsen, deren
       Ausdehnung schon  jetzt für  die Bürger  nicht zu überschauen und
       nachzuvollziehen ist.
       In welche  Richtung die staatlichen Ordnungs- und Überwachungsam-
       bitionen weisen,  demonstrieren aktuell  die  Projekte  "Schlepp-
       netzfahndung"  und  "elektronische  Ausweiskontrolle"  sowie  die
       beabsichtigte "flächendeckende" Auswertung der (erhofften, aller-
       dings noch nicht vorhandenen) Volksaushorchungsergebnisse. Solche
       Ambitionen, gegen  die nicht  genug Dampf  gemacht  werden  kann,
       haben allerdings  eine noch  weiterreichende, geradezu totalitäre
       Perspektive,  wenn   man  sie   auf  das  angestrebte  Glasfaser-
       Universalnetz (IBFN)  bezieht. "Wenn  alle Nachrichtenformen über
       ein einziges  Netz und  von einer  einzigen Vermittlungsstelle an
       die Teilnehmer vermittelt werden, so erfolgt in dem Vermittlungs-
       rechner eine  totale Protokollierung  aller Nutzungen  ... In der
       ... Zentrale  würde die permanente 'Kommunikationszählung' statt-
       finden." 27)
       
       6. Ebenen der politischen Auseinandersetzung
       --------------------------------------------
       
       Der Versuch,  sich mit der bereits verwirklichten und für die Zu-
       kunft geplanten Telekommunikationspolitik auseinanderzusetzen und
       gezielt Ausformung und Anwendung der Telekommunikationstechnik zu
       beeinflussen, stellt die Werktätigen und ihre wichtigsten Vertre-
       ter,  die   gewerkschaftlichen  Organisationen,   vor  erhebliche
       Schwierigkeiten. Deren  Hauptgrund liegt darin, daß die Auseinan-
       dersetzung  mit   der  Telekommunikationspolitik     g l e i c h-
       z e i t i g   auf vier  Ebenen erfolgen  muß, die den Werktätigen
       und den  gewerkschaftlichen Organisationen  sehr unterschiedliche
       und teilweise  schwer zu  realisierende Aktionsmöglichkeiten auf-
       zwingen:
       - auf der  Ebene, in  der die  Allianz aus  Kapital und  Post die
       Richtlinien für die Realisation der kommunikationstechnischen In-
       frastruktur setzt;
       - auf der  Ebene des  Telekommunikations-Industrie-Komplexes, der
       die Einrichtung  der kommunikationstechnischen  Infrastruktur be-
       treibt;
       - auf der  Ebene der Betriebe und Behörden, in denen diese Infra-
       struktur  zum   Zwecke  der   Rationalisierung,  (elektronischen)
       Selbstbedienung, Telearbeit,  Leistungs- und  Verhaltenskontrolle
       sowie zum Rundfunkprogrammvertrieb genutzt wird;
       - auf der  Ebene der privaten Haushalte, die erstens das Gros der
       Telefongebührenzahler (der  Hauptfinanciers von  ISDN und  IBFN),
       zweitens das  wichtigste Potential  des angepeilten  Selbstbedie-
       nungs-, Telearbeits-  und Rundfunkklientels  und  damit  drittens
       eine Massenkundschaft für Endgeräte stellen.
       In der  ersten Ebene  werden die  auf Ebene 2 und 3 artikulierten
       Interessen gebündelt  und zu  entsprechenden Entscheidungen  ver-
       dichtet. Das  Gremium hierfür ist der Postverwaltungsrat (24 Mit-
       glieder:  je   5  aus   Bundestag  und   Bundesrat,  5   aus  der
       "Gesamtwirtschaft", 7  Vertreter der Postbeschäftigten, 2 wissen-
       schaftliche Experten  für Nachrichten-  und Finanzwesen).  Gerade
       auf den Postverwaltungsrat, dessen Mehrheitsverhältnisse und Ent-
       scheidungen, muß künftig von selten der Gewerkschaften nachhaltig
       eingewirkt werden.  Das würde die Gewerkschaften in die Lage ver-
       setzen, öffentlichkeits-  und breitenwirksam  die  Technikpolitik
       der Post  und die  diese antreibenden  Kapitalinteressen  (insbe-
       sondere die  des  Telekommunikations-Industrie-Komplexes)  aufzu-
       decken und  drei Fragen  zu Themen  eines "technologiepolitischen
       Bürgerdialogs"28 zu machen:
       - Welche Möglichkeiten  gibt es, die von der Post teils schon re-
       alisierte, teils  geplante Telekommunikationspolitik so zu beein-
       flussen, daß die Werktätigen nicht Verfahren (mit-)fmanzieren und
       in ihren  sozialen und physisch-psychischen Konsequenzen erleiden
       müssen, die  ausschließlich der  Profitproduktion und den Prinzi-
       pien staatlich-kapitalistischer Organisation untergeordnet sind?
       - Was beispielsweise  konkret heißen  würde: Kann  die bisher  in
       Richtung "Schmalband-ISDN"  gelaufene  Entwicklung  so  umgelenkt
       werden, daß  deren Fortführung zur folgenschweren Integration der
       schmalbandigen Dienste,  zum Breitband-ISDN und zu dem alle Über-
       tragungsformen zentralisierenden Glasfaseruniversalnetz unterbun-
       den wird?
       - Was  wiederum konkret heißen würde: Kann diese Umlenkung Grund-
       lage für  eine Kampagne  sein, die  statt der Universal-Strategie
       der Post einerseits die begrenzte Nutzung der (glasfaser- und di-
       gitalisierungs-)technischen Möglichkeiten, andererseits drei von-
       einander getrennte  Netzbereiche fordert: nämlich das öffentliche
       Fernsprechnetz (mit  Btx  und  langsamer  Datenübertragung),  das
       (satellitengestützte) Breitbandverteilnetz  für Hörfunk und Fern-
       sehen und ein (ebenfalls satellitengestütztes) Netz für die soge-
       nannte Geschäftskommunikation (siehe das heutige IDN), dessen Ko-
       sten allein die kommerziellen Interessenten zu tragen haben - was
       deren Rationalisierungs-  und Kontroll-"Lust" erheblich tangieren
       dürfte? Solche Klärungsprozesse 29) könnten einen geeigneten Rah-
       men für  die Mitbestimmungsdiskussionen  (Betriebsvereinbarungen;
       Rationalisierungsschutzabkommen; Regeln  für  den  Personaldaten-
       schutz; Forderungen  nach alternativer,  an den  Bedürfnissen der
       Beschäftigten ausgerichteter  Technikanwendung) abgeben,  die auf
       der Ebene der anwendungsorientierten Betriebe und Behörden um die
       dort organisierte  oder vorgesehene  Nutzung der Telekommunikati-
       onstechnik stattfinden.  30) Die besondere Bedeutung solcher Dis-
       kussionen resultiert  daraus, daß  in ihnen  entschieden wird, ob
       und wie  die auf Ebene l ablaufenden Auseinandersetzungen mit ge-
       werkschaftspolitischem Leben gefüllt werden.
       In die  Aktivitäten der  Gewerkschaften müssen aber auch die Ent-
       scheidungen miteinbezogen  werden, die die Privathaushalte gegen-
       über der  Telekommunikationstechnik und deren Anwendung im außer-
       betrieblichen und -behördlichen Bereich fällen. Das deshalb, weil
       die Entschlüsse  der Privathaushalte  - zu verstehen als künftige
       Telearbeits-, Selbstbedienungs-  und Programmabrufklientel - ganz
       wesentlich die  weitere Entwicklung  der  informationstechnischen
       Rationalisierung und  Verdatung in Betrieb und Behörde beeinflus-
       sen. Wenn  es auch  vielen Führungen  und Gremien  in den Gewerk-
       schaften immer  noch schwerfällt,  über den Arbeitsplatz als zen-
       tralen Ort  der Auseinandersetzung hinauszuagieren, muß eine sol-
       che  Orientierung   unter  den   Bedingungen  der  "Informations-
       gesellschaft" und  deren  spezifischer  kommunikationstechnischer
       Verkettung von Arbeit und arbeitsfreier Zeit aufgegeben werden.
       Ob solche von Werktätigen und Gewerkschaften getragenen Aktivitä-
       ten zum Erfolg gebracht werden können, hängt entscheidend von ei-
       nem ab:  von der  Eindämmung jener Imperative, denen die Entwick-
       lung und Anwendung der Telekommunikationstechnik unter den Bedin-
       gungen staatsmonopolistischer  Klassenherrschaft zu gehorchen ha-
       ben. "An  diesen Macht-  und Eigentumsverhältnissen  vorbei  läßt
       sich kein  gesellschaftliches Problem  lösen." 31)  Insofern kann
       eine Einflußnahme  auf das  von Kapital  und Post  durchgedrückte
       Telekommunikationsvorhaben nur  in dem Maße zugunsten der Werktä-
       tigen und  ihrer Familien verwirklicht werden, in dem die Zurück-
       drängung der  Profitproduktion und  der diese sichernden staatli-
       chen  Verwaltung  gelingt.  Nur  dann  kann  -  gemessen  an  den
       (naturbewußten) Entfaltungsbedürfnissen  der werktätigen Menschen
       und  ihrer  Familien  und  orientiert  an  deren  Entwicklung  zu
       "eigenschafts-  und   beziehungsreichen  Wesen"   (Marx)  -   das
       "Vorwärtsweisende" in  der  Telekommunikationstechnik  konsequent
       verwirklicht werden:  die Verkürzung der gesellschaftlich notwen-
       digen Arbeitszeit,  die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und -
       Organisation, der  Umgang mit  Informations- und Wissensvielfalt,
       die Vermehrung der Lebenschancen, die Schonung der Umwelt und der
       Energieressourcen, die Stimulierung kreativer Möglichkeiten.
       
       _____
       1) Vgl. dazu  stellvertretend C. Schwarz-Schilling/D. Weirich, 10
       Thesen zum Thema "Neue Medien", in: G.E. Hoffmann (Hg.), Der ver-
       kabelte Mensch, Braunschweig 1983, S. 56 ff.
       2) H. Ebinger, Neue Medien, Frankfurt/Main 1983, S. 15.
       3) A. Leisewitz, Neue Technologien und Arbeiterklasse, in: Marxi-
       stische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, Frankfurt/Main 1983, S. 91.
       4) Zum Bereich  der Telekommunikation wird im vorliegenden Zusam-
       menhang nicht  die drahtlose  terrestrische Hörfunk- und Fernseh-
       übertragung gerechnet.
       5) H. Kubicek/A. Rolf, Mikropolis, Hamburg 1985, S. 17.
       6) Vgl. dazu H. Holzer, Technik zwischen Kapital und Staatsinter-
       esse: Grundlagen  der Telekommunikationspolitik  in der  BRD, in:
       Hochschule der Künste Berlin/DGB Landesbezirk Berlin (Hg.), Tech-
       nik, Kultur, Gesellschaft, Berlin (West) 1985, S. 116 ff.
       7) U. Briefs,  Alternativen zur Rationalisierungstechnologie, in:
       O. Ullrich  (Hg.), Die  Informationsgesellschaft als Herausforde-
       rung an den Menschen, Frankfurt/Main 1984, S. 79.
       8) C. Schwarz-Schilling, Die künftige Kommunikationsgesellschaft,
       in: Der Landkreis 8/9-1983, S. 370.
       9) Ebenda.
       10) D. Sträter/R.  Fischer-Krippendorf/H. Häbler/K.  Irle/S. Köh-
       ler, Sozialräumliche  Auswirkungen der  neuen  Informations-  und
       Kommunikationstechniken, München 1986, S. 25.
       11) Die drahtlose  Hörfunk- und  Fernsehübertragung  bleibt  hier
       ausgeklammert.
       12) H. Kubicek/A. Rolf, a.a.O., S. 79.
       13) "Analoge Netze:  Hier entsprechen  bei der  Sprachübertragung
       die Schwingungen  des Stroms  den  akustischen  Schwingungen  des
       Schalls... Digitale  Netze: Hier nimmt das Signal nur zwei physi-
       kalische Zustände  an (bit = binary digit). Die Übertragungskapa-
       zität wird  in bit/Sekunde  gemessen. Signale  aus Datenverarbei-
       tungsanlagen liegen in dieser Form vor. Sprache und Bilder müssen
       erst in  bits aufgelöst  werden (digitalisiert werden)" (H. Kubi-
       cek/A. Rolf,  a.a.O., S. 83). Das "analoge" bzw. "digitale" Prin-
       zip wird sowohl in der Vermittlungs- wie in der Übertragungstech-
       nik verwendet.
       14) Bundesminister für  Forschung und Technologie (Hg.), Informa-
       tionstechnik. Konzeption  der Bundesregierung  zur Förderung  der
       Entwicklung der Mikroelektronik, der Informations- und Kommunika-
       tionstechniken, Bonn 1984, S. 59.
       15) Wirtschaftswoche v. 31.1.1986, S. 64.
       16) D. Sträter u.a., a.a.O., S. 31.
       17) U. Dolata/A.  Gottschalk/J. Huffschmid, Staatsmonopolistische
       Komplexe als  neue Organisationsform  des Kapitals, in: Marxisti-
       sche Studien.  Jahrbuch des IMSF 11, Frankfurt/Main 1986, S. 227;
       vgl. dazu  IMSF (Hg.), Staatsmonopolistische Komplexe in der Bun-
       desrepublik, Köln 1986.
       18) Vgl. dazu  K. Betz/H. Ebinger/B. Goergens/H. Holzer, Die Post
       im Griff der Konzerne 1, Frankfurt/Main 1986, S. 32 ff.
       19) Vgl. dazu H. Holzer, a.a.O., S. 136 ff.
       20) Vgl. dazu  A. Zerdick,  Die Auswirkung  der Informations- und
       Kommunikationstechniken auf  die wirtschaftliche  Entwicklung der
       Bundesrepublik Deutschland, in: Deutsche Postgewerkschaft, Kommu-
       nikation und  Gesellschaft -  Verantwortung der Deutschen Bundes-
       post, Fachtagung Bonn 1984.
       21) Zum Interesse  von Bundeswehr/NATO  (deren entscheidende Kom-
       munikationsaktivitäten nicht  über zivile,  sondern  über  eigene
       Netze laufen)  am Glasfaser-Universalnetz  siehe: K. Betz, BIGFON
       als elektronischer Totalitarismus?, in: H. Holzer (Hg.), Orwell &
       Bundesrepublik, Frankfurt/Main 1984, S. 262 ff.
       22) W. Steinmüller, Informationstechnologien, Menschenrechte, de-
       mokratische Bewegung, in: Forum Wissenschaft 2/1984, S. 13.
       23) Zwischenbericht der  Enquete-Kommission  "Neue  Informations-
       und Kommunikationstechniken", BT-Drucksache 9/2442 (28. 3. 1983),
       S. 99.
       24) Vgl. dazu  A. Bahl-Benker,  Elektronische  Heimarbeit  -  die
       "schöne neue Arbeitswelt"?, in: Die Mitbestimmung 12/1983, S. 572
       ff.
       25) Vgl. dazu  J. Prott,  Die zerstörte Öffentlichkeit, Göttingen
       1986.
       26) Vgl. dazu  P. Dippoldsmann/H.  Genrich, Informatik im Dienste
       der Sicherheit, in: Forum Wissenschaft 3/1986, S. 9 ff.
       27) H. Kubicek/A. Rolf, a.a.O., S. 235.
       28) H. Kubicek/A. Rolf, a.a.O., S. 299.
       29) Vgl. dazu B. Mettler-Meibom, Soziale Kosten der Informations-
       gesellschaft, Frankfurt/Main 1987, S. 85 ff.
       30) Vgl. dazu U. Briefs, Informationstechnologien und Zukunft der
       Arbeit, Köln  1985 (2.  Auflage), und U. Briefs, Ansatzpunkte für
       Alternativproduktion  bei  informationstechnologischen  Systemen,
       in: U.  Briefs (Hg.), Anders produzieren, anders arbeiten, anders
       leben, Köln 1986, S. 166 ff.
       31) Kommunisten und  Neue Technologien. Stellungnahme der DKP zur
       Technologiepolitik, Düsseldorf 1985, S. 8.
       

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