Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       TECHNISCHER FORTSCHRITT - UMBRUCH IM WELTBILD?
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       Zur Diskussion über die Notwendigkeit "alternativer Weltbilder"
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       Alexander von Pechmann
       
       1. Das  "ganzheitliche Weltbild"  (Capra, Roszak,  Jantsch) - 1.1
       Die Kritik des "mechanistischen Paradigmas" der Neuzeit - 1.2 Die
       Wirklichkeit als  "dynamisches System"  -  1.3  Die  Technik  als
       "Medium des Systemaustausches" - 1.3.1 System-disfunktionale... -
       1.3.2 ...und  systemfunktionale Technologien - 1.4 Das "biokyber-
       netische Modell"  als Paradigma  der Zukunft?  - 1.4.1 "Technizi-
       stische Romantik" - 1.4.2 Der Verlust humanistischer Grundlagen -
       2. Das "Prinzip Verantwortung" (Jonas, Spaemann) - 2.1 Die globa-
       le Dimension  des technischen  Fortschritts -  2.2 Jonas'  Kritik
       traditioneller Orientierungsmuster  - 2.3 Verantwortung als Prin-
       zip einer  "Notstandsethik" -  2.4 Jonas'  Grundlagen einer  "Zu-
       kunftsethik" -  2.4.1 Die "Heuristik der Furcht" - 2.4.2 Überwin-
       dung des  "anthropozentrischen Weltbildes"  - 3. Die marxistische
       Diskussion über  das "neue  Denken" - 3.1 "Globalistik" als neuer
       Wissenschaftstyp- 3.2  Auf dem  Weg zur "Computergesellschaft"? -
       3.3 Der Mensch als "Konstrukteur der Natur"
       
       Die kultursoziologischen  Untersuchungen haben sich bislang weit-
       gehend mit  den Veränderungen  der Lebensweise  sozialer  Klassen
       oder mit dem stattfindenden "Wertewandel" befaßt. Genauere Analy-
       sen über  die Stabilität  bzw. Veränderungen  von  W e l t b i l-
       d e r n  hingegen stehen noch aus. Dies dürfte insbesondere daran
       liegen, daß  solch globale  Orientierungsrahmen und übergeordnete
       "Sinnstiftungsmuster"  nur  schwer  der  sozialwissenschaftlichen
       Erhebung und  Analyse zugänglich  sind. Betrachtet man jedoch die
       häufig  konstatierte   Distanzierung  weiter   Kreise   von   den
       traditionellen  Institutionen,   die  zunehmende  Kritik  an  der
       "Expertokratie" sowie  das wachsende  Interesse an "Esoterischem"
       als vorläufige  Indizien, so läßt sich mit einiger Sicherheit an-
       nehmen, daß  auch die Verbindlichkeit der traditionellen Weltbil-
       der, ihrer Deutungs- und Orientierungsmuster sowohl im Alltagsle-
       ben als  auch in  den Wissenschaften  nachläßt, daß sie mit neuen
       Erfahrungen und  Erkenntnissen angereichert  und damit komplexer,
       aber auch zunehmend diffuser geworden sind.
       Auch die  noch undeutlich gebliebenen Begriffe, wie "Postmoderne"
       oder "Post-Histoire",  die der  kulturwissenschaftlichen  Diskus-
       sion, besonders  in Frankreich, entstammen, oder die der amerika-
       nischen Soziologie  entnommenen, ebenso  verschwommenen  Begriffe
       einer zukünftigen  "post-" oder "superindustriellen Informations-
       gesellschaft" spiegeln  im Bereich  der Sozialwissenschaften  das
       Bedürfnis nach  einem veränderten  Gesellschafts- und  Kulturver-
       ständnis wider  und nehmen zum Teil, soweit sie nicht einfach nur
       Fortschreibungen  der   alten  Paradigmen   mittels  semantischer
       Neuschöpfungen sind,  das auf, was seither an "alternativen Welt-
       bildern" formuliert wurde.
       Die Diskussion über "alternative Weltbilder", die als in sich ge-
       schlossene und  begründete Konzepte  die  traditionellen  ablösen
       könnten, findet  derzeit überwiegend in außerinstitutionellen und
       informellen Kreisen,  in der  "Unübersichtlichkeit" der öffentli-
       chen Meinung  statt, so daß sich ein Urteil über ihre Wirksamkeit
       und Nachhaltigkeit  schwer bilden  läßt. Im folgenden soll es mir
       vor allem darum gehen, die beiden derzeit öffentlichkeitswirksam-
       sten Konzeptionen  vorzustellen und  zu diskutieren, die sich ex-
       plizit als  neue Antworten  auf die Herausforderungen des techni-
       schen Fortschritts  verstehen: das  eine Konzept  läßt sich unter
       dem Stichwort  der "Ganzheitlichkeit", das andere unter dem einer
       neu geforderten "Verantwortung" zusammenfassen.
       
       1. Das "ganzheitliche Weltbild" (Capra, Roszak, Jantsch)
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       Das Konzept  des "ganzheitlichen  Weltbildes" -  mittlerweile zum
       attraktiven Schlagwort  geronnen -  verdankt seine Entstehung an-
       fangs durchaus heterogenen Strömungen. Es ist einmal das Resultat
       vorwiegend US-amerikanischer  Diskussionen, die  in der Spätphase
       der Studentenbewegung  über Fragen  alternativer Lebensformen und
       religiös-ethischer Sinnstiftungen geführt wurden. Sie griffen da-
       bei -  an christlichen  Traditionen vorbei  - auf  alte mystische
       Überlieferungen der  ostasiatischen Kulturen zurück, in denen die
       Erfahrung der "Ganzheitlichkeit", die Überwindung von individuel-
       len und  endlichen Bewußtseinsformen  und die "Verschmelzung" des
       menschlichen mit  dem kosmischen  Bewußtsein im  Mittelpunkt  der
       Ethik und  Religion gestanden hatten. Eines der Ergebnisse dieser
       Diskussion war  das Konzept  der "transpersonalen"  bzw. "humani-
       stischen Psychologie",  wie  es  Ende  der  60er  Jahre  von  den
       Psychologen Abraham Maslow, Ronald Laing, Stanislaw Grof und Carl
       Rogers erarbeitet  wurde. 1) Im Unterschied dazu ging dieser Vor-
       gang in  der Bundesrepublik überwiegend von der Rezeption der zi-
       vilisationskritischen Arbeiten Ivan Illichs, E.F. Schumachers und
       - später  - Rudolf  Steiners aus, die jedoch auch auf diese Weise
       den Weg zu den östlich inspirierten "Ganzheitsmustern" fanden.
       Eine weitere Quelle dieses "neuen Denkens" bildeten die naturwis-
       senschaftlichen Forschungen über die dynamischen Prozesse materi-
       eller Systeme  in den  60er und  70er Jahren. Die Ergebnisse über
       dissipative Strukturen  in der  Thermodynamik (Ilya Prigogine und
       Isabelle Stengers) und über die Autopoiesis lebendiger Strukturen
       (Francisco Varela, Manfred Eigen) führten zu der These der evolu-
       tiven  S e l b s t o r g a n i s a t i o n  d e r  M a t e r i e,
       in der  sich der einheitliche und dynamische Charakter des Kosmos
       offenbaren würde. 2)
       Der dritte  Baustein schließlich  war das  Ergebnis der  internen
       Diskussionen über  die Grundlagen  der  S y s t e m t h e o r i e
       und der   K y b e r n e t i k,  die sich schon in den 60er Jahren
       den Fragen  der Funktionsweise sich selbst steuernder Systeme zu-
       gewandt hatten,  und die mit den Namen Norbert Wiener, Ludwig von
       Bertalanffy und Ervin Laszlo verbunden sind. 3)
       Diese unterschiedliche  Herkunft des  "neuen Weltbildes",  das in
       den 80er  Jahren vor  allem durch die Veröffentlichungen von Gre-
       gory Bateson (Ökologie des Geistes, Frankfurt 1981; Geist und Na-
       tur. Eine  notwendige Einheit,  Frankfurt  1982),  Fritjof  Capra
       (Wendezeit. Bausteine  für ein neues Weltbild, Bern 1982; Das Tao
       der Physik. Die Konvergenz von westlicher Wissenschaft und östli-
       cher Philosophie,  Bern 1983)  und Marilyn  Ferguson (Die  sanfte
       Verschwörung. Persönliche und gesellschaftliche Transformation im
       Zeitalter des  Wassermanns, Basel  1982), in  der  Bundesrepublik
       u.a. von  Frederic Vester  (Neuland des Denkens. Vom technokrati-
       schen zum  kybernetischen  Zeitalter,  München  1984)  und  Erich
       Jantsch (Die  Selbstorganisation des  Universums. Vom Urknall zum
       menschlichen Geist, München 1982) populär gemacht wurde, verleiht
       ihm, wie  im folgenden  noch gezeigt werden soll, durchaus schil-
       lernd, sowohl mystisch-romantische Züge, als auch eminent techno-
       kratische Aspekte.
       
       1.1 Die Kritik des "mechanistischen Paradigmas" der Neuzeit
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       Ausgangspunkt der  Begründung der "neuen Sichtweise", die vor al-
       lem von  Fritjof Capra  in seinem  Buch "Wendezeit" ausformuliert
       wurde, ist die These vom Zusammenbruch des vorherrschenden Ratio-
       nalitätsparadigmas, das einseitig auf kausale und lineare Abläufe
       in der  Natur und der Gesellschaft orientiert gewesen sei und da-
       mit den  Systemcharakter der  Wirklichkeit verfehlt  habe. Dieses
       traditionelle  Denk-  und  Wissenschaftsschema  sei  zutiefst  im
       "europäischen" Prozeß  der Rationalisierung und Technisierung der
       Lebensbereiche verwurzelt  und habe  seine philosophische Begrün-
       dung in  der Anfangsphase  durch den Franzosen Rene Descartes und
       die Engländer  Isaac Newton  und Francis Bacon gefunden. Von Des-
       cartes stamme  das Prinzip  der substantiellen Trennung von Geist
       und Materie, das dazu geführt habe, strikt zwischen dem denkenden
       Subjekt des Wissenschaftlers auf der einen und seinem als leblos-
       materiell aufgefaßten Objekt auf der anderen Seite zu unterschei-
       den; Newton  habe mit  seiner mechanischen  Physik die Auffassung
       von  der   Welt  als   einer  nach  festen  Gesetzen  ablaufenden
       "Weltmaschine" beigesteuert; und von Bacon schließlich stamme der
       folgenreiche Satz,  daß "Wissen  Macht", daß  die Erforschung der
       Natur ihrer  (rücksichtslosen) Beherrschung  durch  den  Menschen
       diene. 4) Die enormen Erfolge der Wissenschaften auf dem Wege der
       technischen Beherrschung  der außermenschlichen wie der menschli-
       chen Natur  gründeten also letztlich in einer Sichtweise, die Na-
       tur als aus komplizierten mechanischen Apparaturen bestehend auf-
       zufassen, deren  Wirkungs- und  Funktionsweisen im einzelnen stu-
       diert und  erkannt werden könnten. Das Leitbild der neuzeitlichen
       Industriegesellschaft sei  der sich  rational  und  diszipliniert
       verhaltende "homo  faber", der  durch den zielgerichteten Einsatz
       von technischem Wissen die Natur zu seinen Zwecken umformt.
       Dieses  traditionelle,   mit  der  Industrialisierung  verbundene
       "mechanistische Paradigma" stoße heute auf praktische und theore-
       tische Grenzen.  Die ursprünglich  positiven  bzw.  unschädlichen
       Folgen dieses  vorwiegend technisch-praktischen Verhaltens hätten
       sich längst  in ihr Gegenteil verkehrt; es sei zu einem aggressi-
       ven Verhalten  gegen die  Natur und damit zu einer selbstmörderi-
       schen Handlungsweise  der Menschen  gegen sich  selbst  geworden.
       Diese Gefährlichkeit  des gegenwärtigen  Industrie- und Technolo-
       giesystems, dessen  exemplarischer Ausdruck die atomare Technolo-
       gie sei,  korrespondiere mit  der Ratlosigkeit der Wissenschaften
       angesichts der  neuen weltweiten  ökologischen, ökonomischen, so-
       zialen und internationalen Probleme.
       "Unser bisheriges  Verständnis der Wirklichkeit", so Frederic Ve-
       sters Schlußfolgerung, "reicht offenbar nicht aus, um die richti-
       gen Entscheidungshilfen  zu finden.  Da ist  einmal die mangelnde
       Erkenntnis der  Zusammenhänge ..., daß wir uns zwar ausgiebig mit
       Einzelmechanismen und  Einzelstrukturen befassen,  aber praktisch
       nie mit Systemen. Die Realität, in der sich alles Leben abspielt,
       ist jedoch nicht das, als was sie uns die Schulen und Universitä-
       ten präsentieren: ein Sammelsurium von getrennten Einzelbereichen
       wie Agrarwirtschaft, Verkehrswesen, Chemie, Geographie, Betriebs-
       wirtschaft, Abfallbeseitigung und Bauwesen - alles schön geordnet
       nach Ressorts und Fachbereichen und damit zu Bruchstücken ausein-
       andergerissen, sondern  diese Realität ist ein vernetztes System,
       in dem es oft weniger auf jene Einzelbereiche ankommt als auf die
       Beziehung zwischen ihnen." 5)
       
       1.2 Die Wirklichkeit als "dynamisches System"
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       Die Alternative  zu diesem  "mechanistischen Weltbild" und zu der
       analytischen  und   linearen  Denkweise   sei  das   Konzept  der
       "Ganzheitlichkeit" oder eben des  S y s t e m c h a r a k t e r s
       der Wirklichkeit.  Das ganzheitliche  Weltbild geht dabei erstens
       von der  unauflöslichen strukturellen Einheit des Kosmos, von der
       nicht nur äußerlich-mechanischen Verknüpfung, sondern der inneren
       Verbundenheit der Teile im Ganzen, zweitens von der in sich dyna-
       mischen Struktur  der Materie und ihrer evolutionären Selbstorga-
       nisationsfähigkeit, und  damit drittens auch von der substantiel-
       len Einheit  von Mensch  und Natur  aus. "Der Mensch", formuliert
       Paul Feyerabend diese "neue Rolle des Menschen in der Welt", "ist
       nicht mehr  ein Fremdling  im Universum, der sich durch zielloses
       Herumprobieren allmählich  von Irrtümern  befreit und  eine reni-
       tente Natur  durch Gewalt für seine Zwecke verändern muß, sondern
       er ist  ein Teil dieser Natur, in Harmonie mit ihr, zur Erhaltung
       dieser Harmonie  entstanden und  verpflichtet".  6)  Dieses  neue
       Weltbild stehe  damit konträr  zu jenem  traditionellen cartesia-
       nisch-newtonschen der Industriegesellschaft, das den Menschen als
       außerhalb des natürlichen Zusammenhangs stehend betrachtet habe.
       
       1.3 Die Technik als "Medium des Systemaustausches"
       --------------------------------------------------
       
       Wichtig für  unseren Zusammenhang  ist dabei ein verändertes Ver-
       ständnis der  Technik, das sich aus diesem integrierenden Konzept
       ergibt. Die Technik wird hier nicht im Sinne eines verlängerten -
       produktiven oder  destruktiven -  Organs, nicht  als Werkzeug der
       Umgestaltung der Natur durch den Menschen verstanden, sondern als
       ein bewußt eingesetztes Instrument, das die  H a r m o n i e  und
       den   d y n a m i s c h e n   S y s t e m a u s t a u s c h   des
       Menschen mit  seiner Umwelt  koordiniert. Der Begriff der Technik
       erfährt dabei eine Erweiterung insofern, als er nicht nur die ma-
       teriellen Werkzeuge  der Produktion umfaßt, sondern auch diejeni-
       gen Kenntnisse und Fertigkeiten, die sich auf den psychischen und
       geistigen Bereich beziehen. 7) In diesem Sinne gilt "Technik" als
       der Inbegriff  der Methoden,  die Ganzheitlichkeit,  den harmoni-
       schen Austausch  zwischen  den  Systemteilen  aufrechtzuerhalten,
       herzustellen und  zu befördern, also alles das, was der Ökologie,
       oder -  besser -  der "Gesundheit"  in  einem  umfassenden  Sinne
       dient. 8)
       
       1.3.1 System-disfunktionale...
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       Von diesem  integralen Technikbegriff aus werden die traditionel-
       len Technologien einer Beurteilung und Kritik unterzogen. Negativ
       beurteilt werden dabei alle die "harten Technologien", die eindi-
       mensional auf  die Produktion  von Gebrauchsgütern  bezogen sind,
       ohne die  Folgen und Wechselwirkungen solcher Produktionsprozesse
       im Gesamtsystem  zu berücksichtigen.  Dies betrifft  die mechani-
       sche, vor  allem metallverarbeitende, sowie die chemische Techno-
       logie aufgrund  ihres hohen  Energieein- und  Umsatzes, sowie die
       chemische und  pharmazeutische Industrie, die aufgrund der Dislo-
       zierung ihrer  Produkte und Abfälle zu langfristigen Vergiftungen
       der Biosphäre  und der Menschen führt; vor allem jedoch die Atom-
       industrie, die  zugunsten der Energieversorgung dieses Industrie-
       systems unverantwortbare  Folgeschäden in Kauf nimmt. Diese Tech-
       nologiestruktur sei nur verständlich aufgrund einer Denkstruktur,
       die "blind" gegenüber dem Systemcharakter der Umwelt gewesen sei.
       
       1.3.2 ...und systemfunktionale Technologien
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       Nicht die  Technik als  solche wird also abgelehnt - wie dies der
       überwiegende Standpunkt der "Protestbewegung" war und ist -, son-
       dern eine  veraltete, eindimensional  der Naturbeherrschung durch
       den Menschen dienende Technik; demgegenüber wird der Einsatz sol-
       cher "sanften  Technologien" ausdrücklich  befürwortet,  der  die
       Harmonie und  Dynamik des Systemaustauschs zwischen den Subsyste-
       men Mensch und Umwelt aufrechterhält, und die entscheidend Anteil
       am Übergang  in ein "neues Zeitalter" haben sollen. Dies betrifft
       insbesondere die Zukunftstechnologien der Mirkoelektronik und der
       Biotechnologie, da diese aufgrund ihrer energiearmen, aber infor-
       mationsreichen Prozesse  elegante und entwicklungsfähige Methoden
       darstellen, die  sich zugleich  dem Energie- und Informationsaus-
       tausch der Biosphäre eher einpassen; sowie der Solartechnologien,
       die die  vorhandene Sonnenenergie  effektiv und umweltverträglich
       nutzen sollen. Mit dieser Orientierung auf die neuen Technologien
       geht ergänzend  die Kritik  an den  "heutigen ungesunden und ver-
       schwenderischen Produktions- und Konsumtionsstrukturen" 9) einher
       und -  daraus folgend - die Ausrichtung auf eine weitgehende Kon-
       sumeinschränkung zugunsten der Verwirklichung neuer geistig-krea-
       tiver Bedürfnisse.
       Trotz dieser Option für die Zukunftstechnologien zu Ungunsten der
       materiellen Gebrauchsgüterproduktion  wäre es  verfehlt,  in  der
       "New-Age"-Bewegung vorwiegend  einen neuen "spirituellen Asketis-
       mus" von  Computer- und  Öko-Freaks zu  sehen. Das  entscheidende
       Kriterium ihrer  Beurteilung der  Technologie und  Produktion ist
       nicht die  Art der  Technik (ob  mechanisch, chemisch, biologisch
       oder mikroelektronisch)  oder der  Produkte als  solche,  sondern
       ihre Integrations- und Entwicklungsfähigkeit im Rahmen des allge-
       meinen ökologischen  Systemaustauschs. So  wird etwa  der Einsatz
       der modernen  mikroelektronischen  Technologien  dann  abgelehnt,
       wenn er  nur den Zweck verfolgt, bestehende Produktionsstrukturen
       zu rationalisieren, oder in Gestalt der "künstlichen Intelligenz"
       geistige Kreativität verhindert. Ziel der Technik müsse die Stei-
       gerung der  allgemein-biologischen sowie der sozialen und indivi-
       duellen Entwicklungsfähigkeit sein. Darauf verweist Theodore Ros-
       zak, einer der Hauptkritiker des "alten Denkens" in den USA: "Ich
       will aber  nachdrücklich betonen,  daß Informationen, selbst wenn
       sie mit  Lichtgeschwindigkeit übermittelt werden, nicht mehr sind
       als jemals  zuvor: einzelne  kleine Tatsachenbündel, die manchmal
       nützlich, manchmal  trivial sind,  die aber  niemals die Substanz
       des Denkens  sein können  ... (denn)  der Geist  denkt in  Ideen,
       nicht in  Informationen ...  Ein Überfluß  an Informationen  kann
       Ideen sogar  verdrängen und  den Geist  mit  sterilen,  zusammen-
       hanglosen Fakten  derart verwirren,  daß er sich am Ende in einem
       Wust an  Fakten verliert." 10) Das Leitbild des "New-Age-Denkens"
       ist also  nicht mehr  der "cartesische",  in Körper und Geist ge-
       trennt lebende,  sondern der  "ganzheitliche Mensch",  der in der
       Entwicklung seiner physischen und geistigen Bedürfnisse "den har-
       monischen Zusammenhängen,  die wir  in der Natur beobachten", 11)
       Rechnung trägt und sich die dafür geeigneten Techniken schafft.
       
       1.4 Das "biokybernetische Modell" als Paradigma der Zukunft?
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       Abgesehen von  manchen sektiererhaft  erscheinenden Vorlieben des
       einen oder  anderen Vertreters  bietet diese  Konzeption durchaus
       ernstzunehmende und  interessante Aspekte. So entspricht die Ori-
       entierung an  den "lebenden  Systemen" der modernen Biologie, die
       das "mechanistische  Paradigma" der  Physik als  Leitwissenschaft
       abzulösen habe,  nicht nur  der Notwendigkeit  einer vertiefteren
       Einsicht in die komplexen und dialektischen Zusammenhänge der Na-
       turprozesse und  -systeme - und hilft damit, die schon von Engels
       kritisierte sogenannte  "metaphysische Denkweise" 12) in den Wis-
       senschaften abzulösen -, sondern sie entspricht auch den Anforde-
       rungen sowohl einer umweltverträglichen Produktion als auch denen
       der neuen  Technologien, in  deren Mittelpunkt  zunehmend weniger
       monokausale und  hochenergetische Umformungsprozesse, sondern in-
       formationsreiche katalytische  Verarbeitungs- und Veredelungsvor-
       gänge stehen,  die eher  den Abläufen  in biotischen Systemen als
       rein mechanischen  Prozessen ähneln.  Darüberhinaus dürfte  diese
       Ausrichtung an  den Funktionsweisen  von    "b i o k y b e r n e-
       t i s c h e n   S y s t e m e n"  (Vester) neue, interessante und
       weiterführende Aufgabenstellungen  auch für  die Analyse  und die
       Organisation  von   sozialen   und   politischen   Systemen   und
       "Vernetzungen" bieten.
       Die Kritik  an dieser "neuen Sichtweise" hat allerdings da einzu-
       setzen, wo  das "biokybernetische  Modell" in  unzulässiger Weise
       verallgemeinert und  unter dem  Prinzip der "Ganzheitlichkeit" zu
       einem universellen  Weltverständnis erweitert  wird. Zwei Aspekte
       möchte ich  hier nur  benennen, ohne  die Auseinandersetzung hier
       hinreichend führen zu können.
       
       1.4.1 "Technizistische Romantik"
       --------------------------------
       
       Die ausschließliche  Bemessung menschlicher Handlungen nach ihrer
       Funktionalität im  ökologischen Gesamtsystem  führt letztlich er-
       neut zu  einem "Reduktionismus",  der mit der systemtheoretischen
       Betrachtungsweise   gerade    überwunden   werden   sollte.   Das
       "ganzheitliche Weltbild"  bietet keine  vernünftige Erklärung da-
       für, warum  die Menschen  sich faktisch  nicht wie "Systemteile",
       sondern im Gegenteil oft äußerst disfunktional verhalten. Die Ur-
       sache hierfür entweder im neuzeitlichen Industrialisierungsprozeß
       oder im  sog. "Cartesianisch-Newtonschen  Weltbild" zu sehen, ist
       wenig überzeugend und bleibt nur an den Oberflächenphänomenen der
       Geschichtsentwicklung hängen.  Es fehlt diesem Weltbild eine kon-
       sistente Gesellschafts- und Geschichtstheorie, die die Formen der
       gesellschaftlichen Praxis  und ihrer  Veränderungen zu  verstehen
       erlaubt.
       Die politische  Konsequenz dieses  Defizites ist entweder die my-
       stisch-romantische Hoffnung  der -  New-Age-Vertreter" auf eine -
       irgendwie kosmische  - "Wendezeit",  auf eine "stille Revolution"
       oder "sanfte  Verschwörung", die das gesellschaftliche Denken und
       die gesellschaftliche Praxis weltweit umkehren würde, wie sie von
       Fritjof Capra,  Ronald Inglehart  und Marilyn  Ferguson eher  be-
       schworen als  begründet werden.  Oder aber  die politische Konse-
       quenz ist, Einfluß auf die politischen und ökonomischen Eliten zu
       nehmen, um  quasi durch eine "Revolution von oben" Öko-funktiona-
       les Verhalten  in der  Gesellschaft technokratisch durchzusetzen,
       wie dies  insbesondere von  Erich Jantsch  oder auch von Frederic
       Vester betrieben wird.
       Diese "Doppelgestalt  der technizistischen Romantik" ist auch bei
       Vertretern der  "Grünen" zu  erkennen. So  hebt etwa E. Becker in
       seiner Auseinandersetzung mit Manon Maren-Grisebachs "Philosophie
       der Grünen"  hervor, daß  ihre Argumentationsstruktur "einerseits
       für ein  ganzheitliches, lebensphilosophisches  und manchmal auch
       existentialistisch eingefärbtes  Denken (steht); andererseits er-
       schließt sie die Vernetzungswissenschaft und das Bild der selbst-
       regulierten   biokybernetischen    Weltmaschine.   Die    Chiffre
       (Ökologie) überdeckt  die Doppelgestalt  der technizistischen Ro-
       mantik". 13)  Das "neue Denken" steht so in Gefahr, seine gesell-
       schaftstheoretischen Defizite  durch dogmatische  Berufungen  auf
       das Gefühl  einer Wende, auf die innere Erfahrung der Umkehr oder
       - technokratisch - auf "Sachnotwendigkeiten" zu kompensieren.
       
       1.4.2 Der Verlust humanistischer Grundlagen
       -------------------------------------------
       
       Die  Übertragung   des  aus   biologischen  Abläufen   gewonnenen
       "biokybernetischen Modells"  auf die  Materie und  den Kosmos als
       Ganzen hat  letztlich, auch entgegen der eigenen Absicht, antihu-
       manistische Konsequenzen.  Wird nämlich  das ganze  Universum als
       eine Art  sich selbst  organisierendes "Lebewesen" aufgefaßt, dem
       die biologischen  Eigenschaften der Autopoiesis und Evolution zu-
       kommen, so  wird die  menschliche Gattung innerhalb dieses kosmi-
       schen Gesamtorganismus  zu einem  "Subsystem" degradiert,  dessen
       Funktionalität oder Disfunktionalität für das Ganze sich der men-
       schlichen Erkenntnisfähigkeit entzieht. Erich Jantschs fatalisti-
       sche Schlußfolgerungen  dieser allgemeinen Systembetrachtung ent-
       behren deshalb nicht der inneren Logik: "Dieses Gefühl des Einge-
       bettetseins in  eine universale,  zusammenhängende Dynamik sollte
       uns nicht nur die Furcht vor dem eigenen biologischen Tod nehmen,
       sondern auch  jene Furcht,  die das  'Überleben der  Gattung' als
       höchsten Wert  verteidigt. In  der Selbsttranszendenz  können wir
       nicht nur  über uns  selbst als Individuen, sondern auch über die
       Menschheit hinausgelangen. Die Faszination, die die Evolution der
       Menschheit ausübt,  verblaßt gegenüber der Faszination einer uni-
       versalen Evolution,  deren integraler  Aspekt  wir  selbst  sind"
       (oder eben auch nicht). 14)
       Die ursprüngliche  Intention, das Überleben der menschlichen Gat-
       tung angesichts  der möglichen Katastrophen und der neuen techni-
       schen Möglichkeiten  durch ein  Konzept der  ganzheitlich-dynami-
       schen Weltsicht  zu gewährleisten,  verkehrt sich  zur fatalisti-
       schen Hinnahme  eines möglichen  Endes der  menschlichen Gattung,
       dem dann auch noch ein religiös-mystischer "Sinn" zuerkannt wird.
       
       2. Das "Prinzip Verantwortung" (Jonas, Spaemann)
       ------------------------------------------------
       
       Was dem  "ganzheitlichen Weltbild"  fehlt, nämlich eine fundierte
       Begründung dafür, warum eigentlich die Menschheit angesichts mög-
       licher Katastrophen als Gattung überleben solle, und wie dies ge-
       schehen könne, steht im Zentrum des Versuchs einer ethischen Neu-
       begründung des Verhältnisses Mensch - Natur, das mit dem "Prinzip
       Verantwortung" verbunden ist.
       Anders als  das ganzheitliche  ist dieses  Konzept nicht  mit der
       Protest- und Ökologiebewegung verbunden, sondern entstammt Teilen
       des konservativen  Bürgertums, die  angesichts des  Atomprogramms
       der Bundesregierung, der Bedrohung Mitteleuropas durch einen mög-
       lichen Nuklearkrieg  sowie der  Erweiterung der  technischen Mög-
       lichkeiten vor  allem im Bereich der Gentechnologie seit den 70er
       Jahren in  Distanz zur  dominierenden Wissenschaftspraxis und zum
       vorherrschenden Technikverständnis  gegangen sind und nach Grund-
       sätzen einer  neuen politischen  Ethik suchen. Initiator des Kon-
       zepts, das  bislang vor  allem in  die kirchlichen Institutionen,
       aber auch  in die  bürgerlichen Parteien  und in  die SPD gewirkt
       hat, ist der in die USA emigrierte Philosoph Hans Jonas.
       
       2.1 Die globale Dimension des technischen Fortschritts
       ------------------------------------------------------
       
       Als Begründung  für seine  neue "politische Ethik" geht Jonas von
       der These aus, daß der technischen Entwicklung heute eine "innere
       Dynamik" "eingebaut"  sei, die  gestoppt werden müsse, um vorher-
       seh- und  vorhersagbare Katastrophen zu verhindern. Ursprünglich,
       so Jonas, sei die Technik in den Zusammenhang menschlicher Zwecke
       einbezogen gewesen,  diente sie sowohl in Form technischer Kennt-
       nisse und  Fertigkeiten als  auch in  Gestalt von  Werkzeugen dem
       Handwerker als  "Machtmittel" zur Beherrschung der äußeren Natur.
       Dieses Verhältnis  habe sich  geändert; die  Technik sei zu einer
       v e r s e l b s t ä n d i g t e n   M a c h t   geworden, in  der
       jeder technische  Fortschritt den nächsten "automatisch" mit sich
       bringe: "Mit jedem Schritt (= 'Fortschritt') der Großtechnik set-
       zen wir uns schon unter den Zwang zum nächsten und vermachen den-
       selben Zwang  der Nachwelt."  15) Das  kumulative Wachstum dieser
       entfesselten Technik  aber habe zu bislang unbekannten Eingriffs-
       möglichkeiten in  Raum und Zeit geführt; es habe Verhältnisse ge-
       schaffen, die zum ersten globale Dimensionen angenommen haben und
       nicht mehr  regional Steuer- und verantwortbar sind, in denen zum
       zweiten heutige Handlungen und Entscheidungen weit in die Zukunft
       reichen und u.U. irreversible Folgen für die künftigen Generatio-
       nen haben,  und in  denen schließlich die Vernichtung der Mensch-
       heit und  ihrer Umwelt  zur realen Möglichkeit geworden ist. "Der
       springende Punkt  hier ist", faßt Jonas die neue Situation zusam-
       men, "daß  das Eindringen ferner, zukünftiger und globaler Dimen-
       sionen in  unsere alltäglichen, weltlich-praktischen Entscheidun-
       gen ein ethisches Novum ist, das die Technik uns aufgeladen hat".
       16)
       
       2.2 Jonas' Kritik traditioneller Orientierungsmuster
       ----------------------------------------------------
       
       Angesichts dieser  neuen Dimensionen des wissenschaftlich-techni-
       schen Fortschritts,  so Jonas,  versagen die herkömmlichen Orien-
       tierungsmuster. Alle  traditionellen bürgerlichen  Ethiken  -  so
       verschieden sie  auch inhaltlich  waren -  gingen stillschweigend
       davon aus,  daß bei  allen menschlichen  Aktivitäten die Existenz
       der Menschheit und der Biosphäre insgesamt unversehrt bleibe, daß
       also die  Reichweite der Handlungen räumlich und zeitlich eng be-
       grenzt sei.  Gerade diese  Voraussetzung aber  gelte heute  nicht
       mehr. Der  Träger der relevanten Handlungen und damit das morali-
       sche Subjekt  der Zurechenbarkeit  sei nicht mehr ein Individuum,
       sondern sei  das   K o l l e k t i v   geworden. "Nicht  ihr oder
       ich: es  ist der  kollektive Täter  und die kollektive Tat, nicht
       der individuelle  Täter und  die individuelle  Tat, die hier eine
       Rolle spielen;  und es  ist die  unbestimmte Zukunft vielmehr als
       der zeitgenössische  Raum der  Handlung, die den relevanten Hori-
       zont der Verantwortung abgibt." 17)
       Jonas räumt  ein, daß  diese Kritik am Ungenügen des bürgerlichen
       Individualismus in  bestimmtem Maße mit der marxistischen Theorie
       übereinstimmt, die ebenfalls vom gesellschaftlichen Kollektiv als
       Handlungssubjekt ausgeht  und eine Individualethik auch als unge-
       nügend erachtet.  Allerdings sieht  er im Marxismus den entschei-
       denden - und für die gegenwärtige Situation mitverantwortlichen -
       'Fehler' darin,  daß dieser  nicht nur die weitere Entfaltung der
       Produktivkräfte befürworte,  sondern daß  er diese  auch noch mit
       der Zukunftsvision  einer besseren  und gerechteren  klassenlosen
       Gesellschaft verbinde,  ja daß  der Marxismus die Erweiterung der
       menschlichen Handlungsmöglichkeiten durch die Technik zur Voraus-
       setzung der  menschlichen Freiheit  mache. Die soziale Revolution
       sei im Marxismus daraufhin angelegt, die Produktivkräfte erst von
       ihren Fesseln  zu befreien,  statt sie  ihnen anzulegen. Aufgrund
       seines "Kults  der Technik"  sowie seiner  Utopie  des  befreiten
       "eigentlichen Menschen"  in der  kommunistischen Gesellschaft sei
       der Marxismus  als Orientierungsmuster kollektiven Handelns unfä-
       hig, dem  "galoppierenden Vorwärts" 18) der Technik die notwendig
       gewordenen Zügel anzulegen.
       
       2.3 Verantwortung als Prinzip einer "Notstandsethik"
       ----------------------------------------------------
       
       Jonas' Antwort  auf diese ungebremste Dynamik der Technikentwick-
       lung ist  - jenseits  des marxistischen "Prinzips Hoffnung" - die
       V e r a n t w o r t u n g   als Grundbegriff  einer neuen politi-
       schen Ethik. Diese "Ethik der technologischen Zivilisation" könne
       nur eine  "Notstandsethik" sein,  die aus  eben der Verantwortung
       entstamme, die  Existenz und  das Überleben der Menschheit zu si-
       chern. Auf  der Suche nach derjenigen politischen Macht und Orga-
       nisationsstruktur, die  in der Lage wäre, die entfesselte Technik
       wieder unter  Kontrolle zu  bringen, orientiert sich Jonas am Mo-
       dell eines  Kommunismus, der  jedoch nicht der der Freiheit, son-
       dern der  der bitteren  Not sein werde: "Da aber die 'freie Wirt-
       schaft' der  westlichen Industriegesellschaften  gerade der  Herd
       der Dynamik  ist, die  der Todesgefahr  zutreibt, so richtet sich
       der Blick  natürlicherweise auf  die Alternative des Kommunismus"
       19); aber nur, "wenn er seine Rolle vom Bringer des Heils zum Ab-
       wender des  Unheils umdeutet,  also mit Verzicht auf ... die Uto-
       pie". 20)
       
       2.4 Jonas' Grundlagen einer "Zukunftsethik"
       -------------------------------------------
       
       Den Inhalt  seiner neuen - in der Tradition des "Fürstenspiegels"
       deutlich an  die politischen  Eliten gerichteten - Ethik der Ver-
       antwortung  versucht   Jonas  am   Beispiel  der    E l t e r n -
       K i n d - B e z i e h u n g,  dem "Archetyp aller Verantwortung",
       21) zu  erläutern. Die  in diesem  "nicht-reziproken  Verhältnis"
       zwischen Eltern  und Kindern  enthaltene Machtstruktur  sei  der-
       gestalt, daß  hier die Eltern gerade aufgrund ihrer - den Kindern
       überlegenen - Macht dazu verpflichtet seien, diese zum Schutz und
       zur Zukunftsvorsorge  für  ihre  eigene  Nachkommenschaft  einzu-
       setzen. Auf  die Ebene der Gesellschaft übertragen bedeutet dies,
       daß die heutige Generation aufgrund der der Menschheit als Ganzer
       durch  die  moderne  Technologie  zugewachsenen  Macht  und  Ver-
       fügungsgewalt über  die künftigen  Generationen verpflichtet sei,
       diese Macht  zu deren  Schutz einzusetzen. Eine solche Verpflich-
       tung heutiger  Politik gegenüber  der Zukunft  sei nicht ohne den
       "kategorischen Imperativ"  zu denken,  daß die Menschheit auch in
       Zukunft existieren  müsse; und diese Forderung zwinge schon heute
       dazu, sich konkretere Vorstellungen über die zumutbaren Lebensbe-
       dingungen der künftigen Generationen zu machen, die durch die ge-
       genwärtigen Technologien determiniert werden.
       
       2.4.1 Die "Heuristik der Furcht"
       --------------------------------
       
       Wegweiser zur  Ausfüllung und zur Anwendung des "Prinzips Verant-
       wortung" ist für Jonas die sog. "Heuristik der Furcht". Diese be-
       messe die Technologien und Handlungsmöglichkeiten nicht weiterhin
       an einer positiven Zielvorstellung, sondern im Gegenteil an ihren
       möglichen negativen,  'fürchterlichen' Konsequenzen.  Erst  diese
       Orientierung erlaube  es, sich des Unverzichtbaren und Erhaltens-
       werten bewußt  zu werden. "Was wir  n i c h t  wollen, wissen wir
       viel eher  als was wir wollen. Darum muß die Moralphilosophie un-
       ser Fürchten  vor unserem Wünschen konsultieren, um zu ermitteln,
       was wir wirklich schätzen." 22)
       Auf Grundlage  dieser "Heuristik  der Furcht" seien die einzelnen
       Technologien in Hinblick auf ihren Eingriff in die Zukunft zu be-
       urteilen. So  lehnt etwa  Robert Spaemann  in Übereinstimmung mit
       Jonas die  friedliche Nutzung  der  A t o m e n e r g i e  ab mit
       dem Argument, daß die Folgen einer - heute wirtschafts- und sozi-
       alpolitisch durchaus  gut begründbaren - Atomwirtschaft den künf-
       tigen, noch  nicht lebenden  Generationen nicht  zuzumuten seien.
       23) Und  für diejenigen,  die in  dieser Nutzung der Kernspaltung
       aufgrund ihrer möglichen Gefahren einen "Angriff auf die Integri-
       tät des  menschlichen Lebens"  24) sehen,  stelle  sich  gar  die
       Loyalitätsfrage in bezug auf die staatliche Politik.
       Noch deutlicher  aber stelle  sich dieser Konflikt im Bereich der
       h u m a n g e n e t i s c h e n   T e c h n o l o g i e n    dar.
       Die Abwägung  zwischen den  wissenschafts- und forschungsimmanen-
       ten, den  medizinischen und  vielleicht auch  eugenischen Gründen
       eines Eingriffs in die genetische Ausstattung des Menschen einer-
       seits und  der Moralität des Eingriffs in dessen genetische Iden-
       tität andererseits  gelinge nicht ohne eine solche "Heuristik der
       Furcht", die auch das Erschauern vor solchen Handlungen zu spüren
       lerne, "bei  dem so  uralte vergessene  Begriffe wie 'Frevel' und
       'Greuel' sich regen". 25)
       
       2.4.2 Überwindung des "anthropozentrischen Weltbildes"
       ------------------------------------------------------
       
       Hier -  am Problem  der Humangenetik  - wird spätestens deutlich,
       daß dieses neue ethische Prinzip der Verantwortung für die Unver-
       sehrtheit der  menschlichen Gattung letztlich auf ein neues Welt-
       bild verweist.  Ein Weltbild,  das nicht mehr das anthropozentri-
       sche der  Neuzeit ist, in dem der Mensch im Mittelpunkt gestanden
       habe, und  "das   m e n s c h l i c h e  Gut (es war), das geför-
       dert werden  sollte", 26) sondern das den Menschen als Naturwesen
       eingebunden  sieht  in  einen  übergeordneten    Z u s a m m e n-
       h a n g   a l l e s   B i o l o g i s c h e n,   den die  jeweils
       lebende Generation  zu erhalten  habe. 27)  "Nur wenn  der Mensch
       heute die  anthropozentrische Perspektive  überschreitet und  den
       Reichtum des  Lebendigen als  einen Wert  an sich zu respektieren
       lernt", faßt  Robert Spaemann  diese Position  zusammen, "nur  in
       einem wie  immer begründeten religiösen Verhältnis zur Natur wird
       er imstande  sein, auf  lange  Sicht  die  Basis  für  eine  men-
       schenwürdige Existenz  des Menschen zu sichern. Der anthropologi-
       sche Funktionalismus zerstört am Ende den Menschen selbst." 28)
       Die neu  entstandene Verantwortung  gegenüber der  Integrität der
       künftig Lebenden  und damit der menschlichen Gattung  z w i n g e
       also die  jetzt Lebenden,  den Menschen  nicht als eigenes Wesen,
       sondern als Glied in einem umgreifenden organischen Ganzen zu se-
       hen. Dabei  ist klar  ausgesprochen, daß dieser Zwang schließlich
       nur mit den diktatorischen Mitteln einer politischen Technik- und
       damit allerdings auch Bedürfnisbegrenzung zu realisieren ist.
       Trotz dieser  Flucht in  die "Tyrannis", die Jonas als das letzte
       Mittel sieht,  das "Unheil" der Menschheit zu verhindern, und die
       auf einem  äußerst undifferenzierten  Verständnis der Technik und
       deren Möglichkeiten zur Überwindung der sozialen und ökologischen
       Probleme beruht,  ist dennoch  insbesondere sein  Hinweis auf die
       kollektive Verantwortung  der Menschheit,  sowie deren Begründung
       durch die  weitreichende Bedeutung  heutiger  Entscheidungen  für
       künftige Generationen  auch für  Marxisten  ein  ernstzunehmender
       Faktor der sozialen Ethik.
       
       3. Die marxistische Diskussion über das "neue Denken"
       -----------------------------------------------------
       
       Selten in  der Geschichte  des Marxismus ist seine Theorie so un-
       terschiedlichen Beurteilungen  ausgesetzt gewesen wie heute: wäh-
       rend sie  für viele Nicht-Marxisten noch immer als Prototyp eines
       traditionellen, sterilen, ja gefährlich gewordenen "Fortschritts-
       denkens" gilt,  führen die  Marxisten selbst  auf der einen Seite
       den Nachweis, daß das vermeintlich Neue des "neuen Denkens" schon
       von den  Klassikern des  Marxismus formuliert worden ist, 29) und
       fordern doch  gleichzeitig zum  "Umdenken" auf, zu einem, den Ge-
       genwartsproblemen angemessenen, "neuen Denken".
       Eine der Ursachen für diese Differenz zwischen der Fremd- und der
       Eigenbeurteilung des Marxismus ist nicht zuletzt die gegenwärtige
       Phase einer  Selbstkritik an den Erstarrungstendenzen der Vergan-
       genheit: "Wir  sowjetischen Philosophen",  beschreibt Theodor  I.
       Oiserman diesen  Vorgang, "haben mit der Entwicklung der soziali-
       stischen Gesellschaft  nicht Schritt gehalten, nicht gesehen, daß
       das Leben selbst ein neues Herangehen an die Analyse des sozialen
       Fortschritts, an die Erforschung der Dialektik von Produktivkräf-
       ten und  Produktionsverhältnissen, des Wesens des sozialistischen
       Eigentums usw.  erfordert. Alle diese Fragen schienen uns von den
       Begründern des  Marxismus ein  für allemal  gelöst. Wir haben sie
       wie elementare  Wahrheiten behandelt, die keiner weiteren theore-
       tischen Entwicklung  und keinerlei Veränderung unterliegen. Dabei
       bleiben vom Standpunkt des dialektischen Materialismus alle - so-
       gar die  abstraktesten - Kategorien nicht unveränderlich: Sie er-
       langen im  Verlaufe der  historischen Entwicklung einen neuen In-
       halt." 30)
       In der  Tat hat  die marxistisch-leninistische  Forschung auf die
       neuen Probleme  der Technikentwicklung, die neuen Ansprüche einer
       ökologisch orientierten  Produktion, auf  die  Bedürfnisse  einer
       "ganzheitlichen Lebensweise"  und die Herausforderungen einer neu
       entstandenen Verantwortung gegenüber der Menschheit spät reagiert
       und allzulang  alte Antworten auf neue Fragen gegeben. Diese man-
       gelnde Sensibilität  und Offenheit  mußte denn auch ihrem eigenen
       Urteil zufolge  mit einem  Attraktivitätsschwund des Marxismus in
       den kapitalistischen Ländern Westeuropas seit den 70er Jahren so-
       wie mit  Stagnationserscheinungen in  den sozialistischen Ländern
       bezahlt werden.
       Einer der  Gründe für diese Mißachtung war eine im Marxismus vor-
       herrschende Tendenz  zum "politisch-ökonomischen Reduktionismus",
       der die  positive Entwicklung  der Produktivkräfte  innerhalb der
       sozialistischen Produktionsverhältnisse als einen quasi automati-
       schen Prozeß  verstanden hat.  So berechtigt  diese Sicht während
       der Aufbauphase  der sozialistischen Ökonomie auch war, so führte
       sie in  den 70er  Jahren dazu,  den ernstzunehmenden Berechnungen
       über die  globalen Nahrungsmittel, Ressourcen- und Umweltprobleme
       zunächst mit  einer Art "hypothetischem Optimismus" 31) zu begeg-
       nen, der  die Lösung  der neuen  Fragen  a l l e i n  von den Ge-
       sellschaftsverhältnissen abhängig machte, und brachte die Haltung
       mit sich,  die Stagnationserscheinungen  im Sozialismus allzulang
       zu verdrängen.
       
       3.1 "Globalistik" als neuer Wissenschaftstyp
       --------------------------------------------
       
       Dieser Reduktionismus  wurde -  spät, wie 1983 auf dem Allunions-
       symposium der  UdSSR zu  diesen Fragen  selbstkritisch eingeräumt
       wurde -  Anfang der 80er Jahre mit dem Konzept der "globalen Pro-
       bleme" 32)  überwunden. An  die  Stelle  naiv-optimistischer  Zu-
       kunftsvisionen traten  jetzt die  "akuten Gegenwartsprobleme" (I.
       Frolow), die  gelöst werden  müssen, um  den Bestand und die For-
       tentwicklung der  Menschheit zu  sichern.  Diese  "globalen  Pro-
       bleme", so die Studien, haben zwar ihre hauptsächliche Ursache im
       Bestehen des zunehmend labileren kapitalistischen Weltsystems und
       finden ihre  endgültige Lösung  nur auf der Basis des Sozialismus
       und Kommunismus  im Weltmaßstab;  sie  entstammen  aber  auch  "-
       innerhalb des  damit gesetzten Rahmens - wissenschaftlich-techni-
       schen Entwicklungssprüngen"  33) und  haben unter  ihrem  Einfluß
       globalen, systemübergreifenden  Charakter angenommen.  Die Bedro-
       hung der Menschheit durch einen thermonuklearen Weltkrieg und die
       weltweite Aufrüstung, die Probleme der Unterentwicklung vor allem
       in der  3. Welt  (Bevölkerungswachstum, Ernährung,  Analphabetis-
       mus), sowie die globalen Fragen der Ressourcenbeschaffung und des
       Umweltschutzes sind  Aufgaben, die  nur von  der Menschheit  ins-
       gesamt gelöst werden können. 34)
       Seither hat  sich in  den sozialistischen Ländern unter dem Namen
       "Globalistik" ein  neuer Wissenschaftsansatz  herausgebildet, der
       sich die  Integration der  verschiedenartigen Problemfelder,  die
       Untersuchung der  Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den
       internationalen, technologischen,  ökonomischen und  ökologischen
       Prozessen, als Aufgabe gestellt hat. 35) Die praktisch-politische
       Folge dieses Konzepts ist die Verstärkung der internationalen Zu-
       sammenarbeit; "Herzstück"  dieser Strategie,  so Iwan Frolow, ist
       die "Vereinigung  der Anstrengungen der ganzen Menschheit bei der
       Lösung der  globalen Probleme"  36) auf  der Grundlage der Koexi-
       stenz und des Wettbewerbs von Sozialismus und Kapitalismus.
       
       3.2 Auf dem Weg zur "Computergesellschaft"?
       -------------------------------------------
       
       Über diese  Fragen der  globalen Verantwortung für den Erhalt der
       Menschheit hinaus  sind in  den letzten  Jahren weitere,  aus der
       wissenschaftlich-technischen  Revolution   selbst  hervorgehende,
       Probleme entstanden,  die an die marxistische Theorie neue Anfor-
       derungen stellen. Sie betreffen zum einen die zukünftige Stellung
       des Subjekts Mensch zur Computertechnologie, zum anderen die sich
       durch die  Gentechnik wandelnde Beziehung des Menschen zur natür-
       lichen Evolution.
       Die Informationstechnologie  ersetzt durch die Übernahme von Pla-
       nungs-, Steuerungs-  und Kontrollfunktionen  nicht nur  in vielen
       Bereichen die  menschliche Arbeitskraft, sondern auch weitere Tä-
       tigkeiten, die  traditionell der  menschlichen Intelligenz  zuge-
       sprochen wurden.  Neben die  computergestützten und -integrierten
       Planungs- und  Produktionsverfahren werden  in  Zukunft  vermehrt
       sog. "Expertensysteme"  treten, die die wissenschaftlichen Tätig-
       keiten der Beratung, Analyse, Diagnose und Prognose formalisieren
       und übernehmen  werden. Dieser  Trend wird  sich im Zuge der Ent-
       wicklung der  "5. Computer-Generation" fortsetzen und verstärken.
       37) Mit  dieser Fortentwicklung von "Denkzeugen" sind neue Frage-
       stellungen über  das Wesen  der menschlichen Intelligenz entstan-
       den, die auch unter marxistischen Technik-und Sozialwissenschaft-
       lern und Philosophen kontroverse Diskussionen ausgelöst haben. So
       vertritt z.  B. der DDR-Wissenschaftler K. Römer die Ansicht, daß
       es zwischen  den Tätigkeiten der menschlichen Intelligenz und den
       logischen Operationen künstlicher Informationsverarbeitungssyste-
       men   k e i n e n  q u a l i t a t i v e n,  zeitlos gültigen Un-
       terschied geben  könne. "Mit  der Schaffung einer anderen Art von
       Intelligenz, deren  meßbare Leistungen  die des  menschlichen Ge-
       hirns übertreffen,  wird der  Beweis dafür  geliefert, daß höhere
       Intelligenz prinzipiell  in verschiedenen  Varianten möglich  und
       wissenschaftlich erklärbar ist." 38)
       Dieser Auffassung steht die, u.a. vom sowjetischen Sozialphiloso-
       phen G.  L. Smoljan vorgetragene These entgegen, daß zwischen den
       elektronischen Prozessen  des Computers und den geistigen Aktivi-
       täten  des   menschlichen  Gehirns  eine    w e s e n t l i c h e
       D i f f e r e n z  besteht: "Denken, Vernunft, Intelligenz, Krea-
       tivität, also  die höheren Ebenen der psychischen Aktivität, sind
       das Produkt  menschlicher Tätigkeit, die zwar auch biologisch, in
       erster Linie  aber sozial  determiniert ist. Die logischen Fähig-
       keiten des Computers dagegen, wie entwickelt sie auch sein mögen,
       sind immer das Ergebnis der wissenschaftlich-technischen Entwick-
       lung, der spezialisierten Ingenieurstätigkeit der Menschen." 39)
       Als Versuch,  beide Standpunkte  zu vermitteln, vertritt schließ-
       lich der  sowjetische Soziologe Igor Bestushew-Lada die Position,
       daß die  Übernahme bisheriger  Denktätigkeiten des Menschen durch
       den Computer  die Möglichkeit,  aber auch die Notwendigkeit frei-
       setze, neue  höhere,   k r e a t i v e  F o r m e n  menschlicher
       Intelligenzleistungen zu entwickeln. 40)
       Diese Diskussion  über das Verhältnis von menschlicher und künst-
       licher Intelligenz  dürfte sich  in dem  Maße noch verstärken, in
       dem durch  neue "Wissens- und Expertensysteme" traditionelle Wis-
       senschaftsleistungen des  Menschen "entwertet"  werden.  Auf  der
       theoretischen Ebene  wird  dies  zur  Präzisierung  des  Begriffs
       "Intelligenz", und  auf der praktischen Ebene zur Konkretisierung
       dessen führen,  was Bestushew-Lada  emphatisch die Bereitstellung
       eines "uneingeschränkten  Spielraums für  begeistertes  Schaffen"
       41) genannt hat. Dabei wird es für Marxisten darauf ankommen, die
       Schnittstelle zwischen "Effektivität und Humanität", 42) zwischen
       der Entwicklung  der Produktivkräfte durch die neue Informations-
       technologie und der Entfaltung des Gestaltungs- und Freiraums der
       menschlichen Persönlichkeit,  zu finden  und die Konsequenzen für
       den Qualifikations- und Bildungsbereich sowie für die Organisati-
       onsstruktur von  Produktion und  Reproduktion  in  der  künftigen
       "computerisierten Gesellschaft"  zu erkennen. Bei diesen Entwick-
       lungen wird  die Warnung zu beherzigen sein: "Gefordert sind Ein-
       sichten in  die neuen Möglichkeiten der Entwicklung der menschli-
       chen Persönlichkeit und in die Fähigkeit, diese in einer Welt, in
       der die  Roboter den Menschen mehr und mehr aus der unmittelbaren
       Teilnahme an  der Produktion 'verdrängen', so zu realisieren, daß
       die menschliche  Existenz in  dieser Welt  nicht ihren  Sinn ver-
       liert." 43)
       
       3.3 Der Mensch als "Konstrukteur der Natur"
       -------------------------------------------
       
       Das zweite  Problemfeld ist  durch die  Entwicklung der  modernen
       gentechnischen Verfahren  und damit  durch die neue Fähigkeit des
       Menschen gekennzeichnet, in die Gesetzmäßigkeiten der natürlichen
       Evolution einzugreifen und künstliche Evolutionsvorgänge auszulö-
       sen. Die Reichweite der - bislang noch in den Anfängen steckenden
       - Möglichkeiten  erstreckt sich  vom Einsatz gentechnisch manipu-
       lierter Mikroorganismen  in der  Landwirtschaft, dem Umweltschutz
       und der  Medizin über den Einbau biomolekularer Strukturen in mi-
       kroelektronische Systeme  bis hin zu gentechnischen Veränderungen
       von pflanzlichen, tierischen und menschlichen Keimbahnen.
       Auf diesem  Bereich der  Zukunftstechnologie hat  die  Diskussion
       über die  Möglichkeiten und  die Grenzen - bei einhelliger Ableh-
       nung ihres kapitalistischen Mißbrauchs - unter Marxisten erst be-
       gonnen; neben  den Befürwortern  der Gentechnologie  erheben sich
       auch warnende  Stimmen. Karin  Zänker erkennt  mit Blick  auf die
       weltanschaulichen Grundlagen der neuen Technikwissenschaften zwar
       die Risiken der Gentechnik an und will die mit den biotechnischen
       Prozessen verbundene  "Zufallsdeterminiertheit als Moment der Be-
       herrschbarkeit problematisieren";  sie ist  dennoch  davon  über-
       zeugt, daß das "gegebene Erkenntnis- und Beherrschungsproblem ...
       nicht zu  prinzipiellen Zweifeln an der Beherrschbarkeit derarti-
       ger technischer  Lösungen oder  gar Vorbehalten  gegenüber  einer
       t e c h n i s c h e n    A u s s c h ö p f u n g    d e s    N a-
       t u r - M ö g l i c h e n   ü b e r h a u p t  (berechtigt)"; 44)
       die neuen  Möglichkeiten seien  vielmehr "als  humanistische  Al-
       ternativen zu einer Vielzahl heute noch existierender, Umwelt und
       Gesundheit des  Menschen belastender  Technologien zu  erkennen".
       45) Doch  an jenem Punkt der "technischen Ausschöpfung des Natur-
       Möglichen" formulieren  sich auch marxistischerseits Einwände. So
       hat erst vor kurzem Robert Steigerwald ein "ethisches Erhaltungs-
       gesetz" postuliert, aus dem folgt, daß nichts getan werden dürfe,
       was der Erhaltung der menschlichen Gattung und ihrer "Exemplare",
       der Persönlichkeit,  widerspricht: "was  zwar (technisch, A.v.P.)
       möglich ist,  wovon wir aber noch nicht sicher wissen, ob es die-
       sem 'ethischen  Erhaltungsgesetz' widerspricht,  ist zu unterlas-
       sen". 46)  Und Igor  Bestushew-Lada geht in seinem Buch "Die Welt
       im Jahr 2000" noch weiter und will auch den Artenschutz allgemein
       in diese Erhaltungspflicht des Menschen miteinbeziehen. 47)
       Diese neu  aufgeworfenen Fragen  einer Ethik  der  Wissenschaften
       werden die  Grundprobleme des Verhältnisses von theoretischer Er-
       kennbarkeit der  Natur und ihrer technisch-praktischen Beherrsch-
       barkeit 48)  sowie der  moralischen Grenzen bestimmter technisch-
       möglicher Handlungsweisen  zu klären haben. Die Fragen, was über-
       haupt ein  "menschenwürdiges Leben"  sei, woran sich sinnvoll die
       wissenschaftlich-technischen Entwicklungen  bemessen lassen,  und
       worin die Kriterien des historischen Fortschritts liegen, stellen
       neue Aufgaben an die marxistische Philosophie und Wissenschaften.
       Die derzeit  lebendige Diskussion  zeigt, daß der Standpunkt, die
       mit dem raschen technischen-industriellen Fortschritt verbundenen
       Fragen schematisch zu lösen, weitgehend überwunden ist.
       
       _____
       1) Abraham Maslow,  Psychologie des Sein, München 1973; Stanislaw
       Grof, Topographie des Unbewußten, Stuttgart 1978.
       2) Ilya Prigogine/Isabelle  Stengers, Dialog  mit der Natur. Neue
       Wege naturwissenschaftlichen  Denkens, München  1981; Manfred Ei-
       gen, Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall, München 1975.
       3) Ervin Laszlo,  Introduction to  Systems Philosophy,  New  York
       1972.
       4) Theodore Roszak,  Der Verlust des Denkens. Über die Mythen des
       Computerzeitalters, München  1986, S.  170 f.:  "Fast die gesamte
       moderne Wissenschaft wurde aus einem kleinen Bestand von metaphy-
       sischen, ja  sogar ästhetischen  Ideen wie den folgenden abgelei-
       tet: Das  Universum besteht  aus Materie in Bewegung (Descartes),
       Die Natur wird von universellen Gesetzen regiert (Newton), Wissen
       ist Macht (Bacon)."
       5) Frederic Vester, Neuland des Denkens. Vom technokratischen zum
       kybernetischen Zeitalter, München 1984, S. 18 f.
       6) Paul Feyerabend,  Vorwort in: Erich Jantsch, Die Selbstorgani-
       sation des  Universums. Vom  Urknall zum menschlichen Geist, Mün-
       chen 1982, S. 14.
       7) In diesen  Bereich gehören alle die psychischen und spirituel-
       len Techniken, die vor allem Marilyn Ferguson in "Die sanfte Ver-
       schwörung", a.a.O. beschrieben hat.
       8) "Unter den Wissenschaften", nennt F. Capra die Adressaten sei-
       ner Konzeption, "werde ich mich auf diejenigen konzentrieren, die
       sich mit der Gesundheit im weitesten ökologischen Sinne befassen:
       von der  Biologie und  medizinischen Wissenschaft zur Psychologie
       und Psychotherapie,  Soziologie, Volkswirtschaft  und Politischen
       Wissenschaft." (Fritjof Capra, Wendezeit, a.a.O., S. 48).
       9) Fritjof Capra, Wendezeit, a.a.O., S. 453.
       10) Theodore Roszak,  a.a.O., S.  134 f. - vgl. auch Frederic Ve-
       sters Unterscheidung zwischen dem Digital- und dem Analogrechner;
       a.a.O., S. 109 f.
       11) Capra, Wendezeit, a.a.O., S. 12.
       12) Friedrich Engels,  Anti-Dühring: "Die Natur ist die Probe auf
       die Dialektik,  und wir  müssen es der modernen Naturwissenschaft
       nachsagen, daß  sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich
       täglich häufendes  Material geliefert und damit bewiesen hat, daß
       es in  der Natur,  in letzter Instanz dialektisch und nicht meta-
       physisch hergeht,  daß sie  sich nicht  im ewigen  Einerlei eines
       stets wiederholten  Kreises bewegt,  sondern eine  wirkliche  Ge-
       schichte durchmacht...  Da aber  die Naturforscher  bis jetzt  zu
       zählen sind,  die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt
       sich aus  diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der herge-
       brachten Denkweise  die grenzenlose  Verwirrung, die jetzt in der
       theoretischen Naturwissenschaft  herrscht und Lehrer wie Schüler,
       Schriftsteller wie  Leser zur  Verzweiflung bringt."  (MEW 20, S.
       22)
       13) E. Becker,  Natur als Politik?, in: Thomas Kluge (Hg.), Grüne
       Politik. Der  Stand der Auseinandersetzung, Frankfurt/M. 1984, S.
       121. Vgl. auch zur philosophischen Kritik der "Grünen": Hans Mit-
       termüller, Ideologie  und Theorie der Ökologiebewegung - Zur Kon-
       zeption einer "ökologischen Philosophie", Frankfurt/Main 1987, S.
       131-168.
       14) Erich Jantsch, Die Selbstorganisation der Materie, a.a.O., S.
       414.
       15) Hans Jonas,  Technik, Ethik und Biogenetische Kunst. Betrach-
       tungen zur  neuen Schöpferrolle  des Menschen,  in: Rainer Flöhl,
       Genforschung - Flucht oder Segen?, München 1985, S. 7.
       16) Ebd., S. 3.
       17) Hans Jonas,  Das Prinzip  Verantwortung. Versuch  einer Ethik
       für die technologische Zivilisation, Frankfurt/M. 1982, S. 32.
       18) Ebd., S. 388.
       19) Ebd., S. 254.
       20) Ebd., S. 259.
       21) Ebd., S. 189.
       22) Ebd., S. 64.
       23) "Um in den nächsten 30 Jahren nicht unseren Konsum einschrän-
       ken oder unser Gesellschaftssystem modifizieren zu müssen, unter-
       werfen wir für Jahrtausende die kommenden Generationen dem Zwang,
       ihr Gesellschaftssystem  so zu  gestalten, daß es die von uns ge-
       schaffenen neuen  Gefahrenquellen unter  Kontrolle zu halten ver-
       mag. Diese  Zumutung kann auf keine Weise gerechtfertigt werden."
       (Robert Spaemann,  Technische Eingriffe  in die Natur als Problem
       der politischen  Ethik, in: Dieter Birnbacher [Hg.], Ökologie und
       Ethik, Stuttgart 1980, S. 201).
       24) Ebd., S. 203.
       25) Hans Jonas,  Technik, Ethik  und Biogenetische Kunst, a.a.O.,
       S. 15.
       26) Ebd., S. 3.
       27) "Gegenstand menschlicher  Pflicht waren  Menschen, äußersten-
       falls: die  Menschheit, und sonst nichts auf dieser Erde ... Aber
       jetzt beansprucht  die ganze Biosphäre des Planeten mit all ihrer
       Fülle von  Arten, in  ihrer neu enthüllten Verletzlichkeit gegen-
       über den  exzessiven Eingriffen des Menschen, ihren Anteil an der
       Achtung, die allem gebührt, das seinen Zweck in sich selbst trägt
       - d.h. allem Lebendigen" (Hans Jonas, ebd., S. 4).
       28) Robert Spaemann, a.a.O., S. 198.
       29) So stimmt  Marxens Diktum, die Gesellschaften seien nicht Ei-
       gentümer, sondern  Nutznießer der  Erde, die sie als "boni patres
       familias" (MEW 25, S. 784) den nachfolgenden Generationen verbes-
       sert zu  hinterlassen haben, bis in die Wortwahl mit Jonas' Ethik
       der Verantwortung  überein; und  für Friedrich  Engels  galt  die
       "Dialektik" als  "Wissenschaft des  Gesamtzusammenhangs" (MEW 20,
       S. 307)  der Dinge. Vgl. dazu A. v. Pechmann, Der Aufbruch in den
       Sonnenstaat -  zu Fritjof  Capras Kultbuch "Wendezeit", in: Demo-
       kratische Erziehung 7-8, Köln 1984, S. 52 ff.
       30) Theodor I.  Oiserman, Aktuelle  Probleme der  philosophischen
       und soziologischen  Forschung in  der Sowjetunion,  in:  Deutsche
       Zeitschrift für Philosophie 1/1987, S. 6.
       31) Hermann Bömer,  Marxistische Autoren  über globale  Probleme,
       in: Dialektik 9, Köln 1984, S. 169.
       32) W. Sagladin/I. Frolow, Globale Probleme der Gegenwart, Berlin
       1982; M.  Maximowa, Globale  Probleme und  Völkerfrieden,  Moskau
       1982.
       33) Hellmuth Lange,  Globale Probleme  und Arbeiterbewegung,  in:
       Marxistische Studien,  Jahrbuch des  IMSF 6, Frankfurt/Main 1983,
       S. 434.
       34) Vgl. dazu  aus der  neueren marxistischen  Literatur der BRD,
       die zur  Überwindung der  theoretischen Defizite beigetragen hat:
       Edgar Gärtner,  Arbeiterklasse und  Ökologie, Frankfurt/M.  1979;
       Hans Heinz  Holz, Grundsätzliches zu Naturverhältnis und ökologi-
       scher Krise,  in: IMSF  (Hg.), "...  einen großen  Hebel der  Ge-
       schichte", Marxistische  Studien, Sonderband  I zum 100. Todestag
       von Karl  Marx, Frankfurt/Main  1982, S.  155-171; ders. Histori-
       scher Materialismus  und ökologische Krise, in: Dialektik 9, Köln
       1984, S.  37; ders.,  Menschheit,  Natur  und  gesellschaftlicher
       Fortschritt. Überlegungen  zu Gegenwart und Zukunft, Marxistische
       Studien, Jahrbuch  des IMSF 9, II, Frankfurt/Main 1985, S. 46-60;
       Robert Steigerwald,  Protestbewegung. Streitfragen und Gemeinsam-
       keiten, Frankfurt/Main 1982, S. 107-119.
       35) Siehe Günter Klimaszewsky, Globale Probleme - ein internatio-
       nales und  interdisziplinäres  Forschungsvorhaben,  in:  Deutsche
       Zeitschrift für Philosophie 1/84, S. 70 ff.
       36) Iwan Frolow,  Die Konzeption  der globalen Probleme, in: Dia-
       lektik 9, Köln 1984, S. 53.
       37) Siehe G.L.  Simons, Die  Fünfte Computer-Generation. Konzepte
       und Wege, München 1986.
       38) Siehe Herbert  Meyer, Computer und Gesellschaft, in: Deutsche
       Zeitschrift für Philosophie 8/1985, S. 748. Vgl. auch Georg Klaus
       / Manfred  Buhr (Hg.), Philosophisches Wörterbuch, Stichwort: In-
       telligenz, Leipzig  1975, S. 579 f: "Der Versuch, ... einen prin-
       zipiellen Unterschied  zwischen dem  intelligenten Verhalten  des
       Menschen und den Leistungen elektronischer Rechenmaschinen zu ma-
       chen, hält  der Kritik nicht stand. Es läßt sich zeigen, daß jede
       der angeführten Komponenten der Intelligenz grundsätzlich maschi-
       nell imitiert  werden kann... Es besteht kein vernünftiger Grund,
       anzunehmen, daß  Maschinen der  Zukunft nicht  in der  Lage  sein
       sollten, die  höchsten menschlichen Denkleistungen zu vollbringen
       und zu übertreffen." Siehe ferner: Gero von Randow (Hg.), Das an-
       dere Computerbuch, Dortmund 1985, S. 67.
       39) G.L. Smoljan, Sozialphilosophische Probleme der Computerisie-
       rung, in: Marxistische Blätter 5/1985, S. 42.
       40) "Soll sich  der Mensch  gekränkt fühlen, wenn er die potenti-
       elle Überlegenheit  des Computers über sein heutiges Denkvermögen
       sieht? Unseres  Erachtens sollte er das nicht tun. Er sollte dar-
       aus vielmehr  die nötigen Konsequenzen ziehen und sein Denkvermö-
       gen weit  über das  heutige Niveau  hinaus entwickeln,  um wieder
       Herr der  Lage zu  sein, der  für den Computer die Programme auf-
       stellt." (Igor Bestushew-Lada, Die Welt im Jahr 2000. Eine sowje-
       tische Prognose für unsere Zukunft, Freiburg 1984, S. 109).
       41) Ebd., S. 114.
       42) G. Banse/H.  Hörz, Wissenschaftliche Revolution - Schöpfertum
       - Verantwortung,  in: Deutsche  Zeitschrift  für  Philosophie  8-
       9/1984, S. 787.
       43) I. Frolow  / Galina  Belkina, Kulturelle  Aspekte der wissen-
       schaftlich-technischen Entwicklung,  in: Deutsche Zeitschrift für
       Philosophie 8/1985, S. 707.
       44) Karin Zänker,  Biologie -  Technik - humanistische Verantwor-
       tung, in:  Deutsche Zeitschrift  für Philosophie  5/1984, S.  453
       (Hervorhebung A.v.P.).
       45) Ebd., S. 455.
       46) Robert Steigerwald,  Forschung -  Anwendung -  Verantwortung,
       in: Marxistische  Blätter 2/1986, S. 84; ders., Stellungnahme zur
       Ethik der Gentechnik, in: Widerspruch - Münchener Zeitschrift für
       Philosophie 1/86, S. 30 ff.
       47) Igor Bestushew-Lada, a.a.O., S. Ulf.
       48) Vgl. dazu  die Diskussion  zwischen Willi Gerns, Klaus Peters
       und Willi Mayer-Buer in: Marxistische Blätter 4 und 6/1986.
       

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