Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       NEUE TECHNIK UND RATIONALISIERUNG VON ANGESTELLTENARBEIT
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       Ursula Schumm-Garling
       
       1. Auf  dem Weg  in die Dienstleistungsgesellschaft? - 2. Zur Zu-
       kunft der  Angestelltenarbeit - 2.1 Der neue Rationalisierungstyp
       - 2.2 Ende des Taylorismus? - 2.3 Qualifizierte Sachbearbeitung -
       neue Technik  und Intensivierungsstrategien - 2.4 Zunehmende Ver-
       fügbarkeit der  Arbeitskraft - 3. Rationalisierung und Angestell-
       tenbewußtsein -  4. Klassengebundenheit sozialer Strukturverände-
       rungen und  neuer Technik  - Ansatzpunkte  für  gewerkschaftliche
       Orientierung von Angestellten
       
       In der  Diskussion um  die Zukunft  der Angestellten  spielt  die
       Frage nach  der Entwicklung  der Dienstleistungsgesellschaft eine
       zentrale Rolle.  Waren bisherige  kapitalistisch-industrielle Ge-
       sellschaften in  erster Linie  gekennzeichnet von den sogenannten
       sekundären Sektoren,  d.h. der Industrieproduktion, und durch die
       gewerkschaftlichen Organisationen  als Interventionsmacht der Ar-
       beiterschaft, so  scheinen sich heutzutage zentrale Veränderungen
       abzuzeichnen. Der  Dienstleistungsbereich nimmt  zu und damit die
       Zahl der Angestellten. Über die Auswirkungen der Rationalisierung
       auf ihre  Arbeitssituation gibt es widersprüchliche Auffassungen.
       Die Konsequenzen  für Politik und gewerkschaftliche Angestellten-
       arbeit werden lebhaft diskutiert. Im folgenden soll zu einigen in
       diesem Zusammenhang  wichtigen Fragestellungen und neueren Publi-
       kationen Stellung genommen werden.
       
       1. Auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft?
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       Die Diskussion  um die  Zukunft der Angestellten hat eine gewisse
       Tradition. Schon Mitte der 50er Jahre, als in sozialwissenschaft-
       lichen Untersuchungen  über die  Folgen sektoraler Verschiebungen
       für die  ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung diskutiert
       wurde, verwiesen  Autoren (wie z.B. Fourastie) auf die Angestell-
       ten als  eine immer  bedeutender werdende Gruppe der Lohnabhängi-
       gen. Nach  diesen Auffassungen verlagern sich die Beschäftigungs-
       schwerpunkte im  Verlaufe  der  Industrialisierung  vom  primären
       (Agrikultur) zum  sekundären (industrielle  Warenproduktion)  und
       anschließend zum  tertiären Sektor, den Dienstleistungen. In die-
       sem Bereich  sind nahezu  ausschließlich Angestellte beschäftigt.
       Diese Entwicklung  wird mit  Zahlen belegt, aus denen hervorgeht,
       daß in den Dienstleistungssektoren und den entsprechenden Berufen
       die Zahl der Beschäftigten ständig steigt. Tiefgreifende Verände-
       rungen der Arbeits- und Sozialverhältnisse liegen den Veränderun-
       gen der Beschäftigungsstruktur zugrunde. Von Baethge und Oberbeck
       wird dieser  Prozeß folgendermaßen  beschrieben: "Dem  Wandel der
       Beschäftigungsstruktur liegen  säkulare, irreversible  Vergesell-
       schaftungsprozesse der  Arbeits- und Verkehrsformen zugrunde, die
       ein Resultat  fortschreitender Industrialisierung  sind  und  die
       sich in  einer Verallgemeinerung der Monetarisierung und Mediati-
       sierung von Austauschbeziehungen sowie in einer flankierenden öf-
       fentlichen Gewährleistung  privater Daseinsvorsorge  und privaten
       Wirtschaftshandelns ausdrücken."  1) Folge  dieses Prozesses ist,
       daß die  privaten und öffentlichen Dienstleistungsunternehmen wie
       beispielsweise Banken,  Versicherungen oder Handelsbetriebe sowie
       auch die öffentlichen Verwaltungen und Sozialversicherungen stän-
       dig wachsen.
       Angesichts der Tatsache, daß der Expansion des Dienstleistungsbe-
       reichs und  zeitweilig auch  dem Anwachsen  der Zahl der hier Be-
       schäftigten ein Rückgang der Beschäftigung im produzierenden Sek-
       tor gegenübersteht,  ist die  These von der "spätbürgerlichen Ge-
       sellschaft" (Spätkapitalismus)  entwickelt worden. Sozialstruktu-
       relle Verschiebungen  zugunsten der  Angestellten haben  dazu ge-
       führt, sich von Theorien zu verabschieden, die die Struktur kapi-
       talistischer Klassengesellschaft  vor allem an der Existenz einer
       Arbeiterklasse festgemacht  haben. Bei  diesen sehr  pauschal ge-
       führten Diskussionen um Produktion versus Dienstleistung oder Ar-
       beiter versus  Angestellte und daraus abgeleiteten gesellschafts-
       theoretischen Spekulationen werden die Arbeitsbedingungen und die
       Stellung der  Beschäftigten im  Herstellungsprozeß von  Produkten
       wie Dienstleistungen  zuwenig berücksichtigt.  Das Paradigma  der
       Dienstleistungsgesellschaft liegt  auch der  These vom  "Ende der
       Arbeitsteilung" zugrunde.
       Bei genauerer  Betrachtung zeigt  sich, daß  die Entwicklung  zur
       Dienstleistungsgesellschaft einer differenzierten Betrachtung be-
       darf. Franz  Josef Bade untersucht die Beschäftigungsexpansion im
       Bereich der  Dienstleistungen. Er  vertritt folgende  These:  "Im
       Mittelpunkt des  Interesses steht  die Beschäftigungsexpansion im
       Bereich der  Dienstleistungen. Ihre  Zunahme kommt aber nicht al-
       lein in  dem sektoralen  Strukturwandel, also in der Verschiebung
       der Anteile  einzelner Wirtschaftszweige zum Ausdruck. Noch stär-
       ker ist die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft, wenn die
       Tätigkeit der  Beschäftigten - also die Art des Arbeitseinsatzes,
       mit dem  die Waren  und Dienstleistungen hergestellt werden - zu-
       grunde gelegt wird." 2) Aus diesem Grunde untersucht er nicht nur
       sektorale, sondern  auch funktionale  Besonderheiten.  Er  unter-
       scheidet Personen-  und Konsumdienste,  Dienstleistungen  in  der
       Distribution und  Dienstleistungen in der Produktion und der Fer-
       tigung. Er  unterteilt grob in haushaltsorientierte und produkti-
       onsorientierte Dienste.  Diese Differenzierung wird ergänzt durch
       regionalspezifische Entwicklungen.  Bade kommt zu dem Schluß, daß
       die Produktionsdienste in den Verdichtungszentren den größten Zu-
       wachs aufweisen.  "Vergleicht man  die einzelnen  Agglomerationen
       untereinander, so liegen die Kerne von Stuttgart, München und des
       Rhein-Main-Gebietes eindeutig  an der  Spitze. Sie  besaßen nicht
       nur 1976  einen sehr  hohen Anteil  an Produktionsdiensten - rund
       40% aller  Beschäftigten waren  in diesem Funktionsbereich tätig.
       Auch ihre Zunahme gerade an den höherwertigen Produktionsdiensten
       liegt weit  über dem Durchschnitt, gemessen sowohl als Anteilszu-
       wachs  wie   auch  als  Veränderungsrate  der  Beschäftigtenzahl.
       Schließlich erreichen  auch die  Ränder die höchsten Anteils- und
       Veränderungswerte (im  Vergleich zu  den übrigen  Randgebieten) -
       ein Zeichen  dafür, daß  inzwischen in diesen Agglomerationen, in
       denen die  Spezialisierung  auf  die  höherwertigen  Produktions-
       dienste am  weitesten fortgeschritten ist, der funktionale Struk-
       turwandel auch auf Randgebiete übergreift." 3)
       Daraus  kann  der  Schluß  gezogen  werden,  daß  produktionsnahe
       Dienstleistungen im  besonderen Maße  angestiegen sind.  Die  Um-
       strukturierung der  Beschäftigten im  industriellen Sektor zugun-
       sten technischer  und kaufmännischer  Funktionen übt  auf den Zu-
       wachs an  Angestelltenarbeitsplätzen gesamtwirtschaftlich gesehen
       dagegen nur  wenig Einfluß aus. Bei der Differenzierung von funk-
       tionaler und regionaler Betrachtung wird deutlich, daß das Wachs-
       tum von  Dienstleistungen nicht allein auf personen- und konsumo-
       rientierte Dienste  zurückgeführt werden  kann. Von  den 4,1 Mio.
       Erwerbstätigen, um  die sich  der Dienstleistungsbereich zwischen
       1961 und 1982 ausgedehnt hat, entfielen 1,9 Mio. auf Funktionsbe-
       reiche, die zum großen Teil vom Staat angeboten werden, also z.B.
       Bildung oder  Gesundheit. Umfangreicher ist jedoch der Zuwachs in
       den produktionsorientierten  Diensten, die um 2,6 Mio. Erwerbstä-
       tige zugenommen  haben. "Bei  diesen Dienstleistungen  handelt es
       sich um  Aktivitäten, die  der eigentlichen  Produktion vor-  und
       nachgelagert sind  und deshalb  viel stärker  über die  einzelnen
       Wirtschaftszweige  gestreut  sind.  Verwaltungs-  und  technische
       Funktionen werden  zwar auch von Dienstleistungsunternehmen ange-
       boten, zu  einem erheblichen  Teil aber  werden sie innerhalb des
       warenproduzierenden Gewerbes selbst durchgeführt. 1982 z.B. (...)
       war ungefähr  ein Drittel  (30%) aller Personen, die Verwaltungs-
       funktionen ausübten,  im warenproduzierenden Gewerbe beschäftigt.
       Von den  Beschäftigten im  technischen Dienst  waren  sogar  zwei
       Drittel (66%) in Unternehmen des sekundären Sektors tätig." 4)
       Obwohl im  warenproduzierenden Gewerbe zwischen 1961 und 1982 die
       Zahl der  Beschäftigten um  rund 1,9 Mio. abgenommen hat, ist der
       Umfang der  Produktionsdienste in  diesem Sektor  um 800.000  Er-
       werbstätige angestiegen.  Damit trägt  das warenproduzierende Ge-
       werbe mit  fast ein  Drittel zum gesamten Zuwachs an Produktions-
       diensten bei. Betrachtet man allein die technischen Dienste, dann
       liegt der Beitrag sogar bei fast zwei Drittel. 5)
       "So ist  gerade in schrumpfenden Branchen mit starker internatio-
       naler Konkurrenz  wie in der Stahl- und Bekleidungs- oder Textil-
       industrie häufig zu beobachten, daß Unternehmen die eigene Ferti-
       gung einschränken  und statt  dessen  Produkte  der  Konkurrenten
       übernehmen. So  gewinnt in diesen Unternehmen die Handelsfunktion
       an Gewicht,  auch wenn  sie noch  als Industriebetrieb eingestuft
       werden." 6)
       Die Umstrukturierung der abhängig Beschäftigten zugunsten von An-
       gestelltentätigkeiten ist auch darauf zurückzuführen, daß der Ab-
       bau von  Arbeitsplätzen im Bereich der Arbeiter erheblich schnel-
       ler vonstatten  ging als  im Bereich der Angestellten. Allerdings
       hat sich  dieser Trend  seit 1980 nur noch verhalten fortgesetzt,
       was nicht  darauf zurückzuführen  ist, daß im Angestelltenbereich
       neue Arbeitsplätze  geschaffen würden.  "Die Gesamtzahl der Indu-
       striebeschäftigten ging  zurück, die  der  Arbeiter  jedoch  noch
       stärker als die der Angestellten." 7) Metzner/Rohde vertreten die
       These, daß  gegenwärtig Tätigkeiten von Arbeitern nicht oder noch
       nicht von  eher theoretisch  geschulten technischen  Angestellten
       übernommen werden  können. Als  Beweis weisen sie darauf hin, daß
       nur in  ganz wenigen  Fällen im  Fertigungsbereich Angestellte in
       der Lage  seien, die Produktion eine Zeitlang aufrechtzuerhalten,
       wenn die  Arbeiter ihre  Mitwirkung verweigerten.  Funktionen der
       Prozeßüberwachung und der Instandhaltung verbleiben auch in hoch-
       automatisierten Fertigungsbereichen  in den Händen von Arbeitern.
       8)
       Es ist  davon auszugehen,  daß sich  der Dienstleistungssektor in
       Zukunft nicht  in dem  Maße ausdehnen wird wie in den vergangenen
       20 Jahren.  Bei einer differenzierten Betrachtung zeigt sich, daß
       im Handel von 1970 bis 1980 die Zahl der Beschäftigten abgenommen
       hat. Eine  Zunahme an  Arbeitsplätzen fand im privatwirtschaftli-
       chen Dienstleistungsbereich  bei Banken  und Versicherungen statt
       und bei privaten Dienstleistungen, wie z. B. bei der Wirtschafts-
       und Rechtsberatung,  den Architektur-  oder Ingenieurbüros.  Neue
       Arbeitsplätze wurden  in verschiedenen  staatlichen Bereichen ge-
       schaffen; rund  60 % der Zunahme an Arbeitsplätzen im Tertiärsek-
       tor ist  auf staatliche  Nachfrage zurückzuführen. 9) Die Zunahme
       der Arbeitsplätze  in den Dienstleistungsbereichen hat nie ausge-
       reicht, den  Verlust an  Arbeitsplätzen in  der  Produktion  aus-
       zugleichen. Insofern  ist das Argument, Arbeitsplätze in der Pro-
       duktion würden durch Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich sub-
       stituiert, schon immer falsch gewesen.
       Aufgrund verstärkter  Rationalisierungsbemühungen in öffentlichen
       und privaten  Dienstleistungsbetrieben und aufgrund des Rückzuges
       des Staates  aus der  Beschäftigungspolitik wird sich die Zunahme
       der Arbeitsplätze  im Dienstleistungsbetrieb  in Zukunft nur noch
       gebrochen fortsetzen.  Diejenigen, die  weder beim  Staat noch in
       der privaten Wirtschaft einen Arbeitsplatz erhalten, werden "ihre
       Dienste" auf  dem sogenannten  freien Markt  anbieten - vom Bröt-
       chenaustragen bis zu Ingenieurbüros. Diese "privaten Unternehmen"
       werden keine  soziale Absicherung haben wie Beschäftigte in einem
       normalen Arbeitsverhältnis. Die meisten von ihnen können aufgrund
       der zunehmenden  Konkurrenz auch  keine längerfristige berufliche
       Perspektive entwickeln.  Generell gilt hier: In der Diskussion um
       die Zukunft  der Dienstleistungsgesellschaft  und um  die Zukunft
       der Angestellten  werden die  angedeuteten  Entwicklungstendenzen
       der Arbeitsbedingungen  zu wenig  berücksichtigt. Dies zu tun ist
       allerdings ein  schwieriges Unterfangen, weil der Bereich der An-
       gestelltenarbeit sehr breit gefächert ist und einer differenzier-
       ten Betrachtung bedarf. Beispiele und Analysen sowie Konzepte der
       Arbeitsbedingungen, ihrer  Veränderung und  der Konsequenzen  für
       die Beschäftigten  werden im folgenden am Beispiel der Angestell-
       ten in  privaten Dienstleistungsbetrieben  erläutert. Die Ausfüh-
       rungen konzentrieren  sich auf die Einführung computerunterstütz-
       ter Sachbearbeitung.  Mit  der  Einführung  computerunterstützter
       Sachbearbeitung werden zugleich Arbeitseinsatz und Arbeitsorgani-
       sation verändert.
       
       2. Zur Zukunft der Angestelltenarbeit
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       Die Studie  über die  "Zukunft der  Angestellten" von Baethge und
       Oberbeck ist  eingebunden in  die Diskussion  um  die  Dienstlei-
       stungsgesellschaft. Die Autoren machen die Antwort auf die Frage,
       inwiefern neue Technologien und berufliche Perspektiven von Ange-
       stellten miteinander  verbunden sind,  von zwei Implikationen ab-
       hängig: Erstens  wird unterstellt,  daß der  bisherige  Trend  zu
       Dienstleistungen anhält,  und zweitens,  daß die  Nachfrage  nach
       Dienstleistungen und  damit ihr Wachstum größer bleiben als deren
       Rationalisierbarkeit. Bei  der Beurteilung dieser Trends und Mög-
       lichkeiten spielt  sowohl der  Gesichtspunkt eine Rolle, daß Lei-
       stungen für  eine bestimmte  Klientel durch Rationalisierungsmaß-
       nahmen ganz  wegfallen oder  sich durch  Standardisierung verrin-
       gern, als auch der andere Gesichtspunkt, wie die Rationalisierung
       den Arbeitsprozeß  der Beschäftigten  verändert, die  mit der Er-
       bringung dieser Leistungen befaßt sind.
       Im folgenden  werden Wandlungen der Rationalisierung in den Büros
       analysiert, die der These von der besonderen Rationalisierungsre-
       sistenz der  Dienstleistungsarbeit weitestgehend  die  empirische
       Basis entziehen.  In neuerer Zeit wird diese These beispielsweise
       von Ulrike  Berger 10)  vertreten. Sie  geht davon  aus,  daß  im
       Dienstleistungssektor ein  im Vergleich zur industriellen Produk-
       tion bedeutend  geringeres  Rationalisierungspotential  vorhanden
       sei, weil  sich die spezifischen Dienstleistungstätigkeiten einem
       weitgehenden  Technikeinsatz  widersetzen.  "Effizienzorientierte
       Rationalisierung, d.h.  Organisierung und Technisierung ein/einer
       Produktionsprozesse unter  der Maxime, ihre Wirtschaftlichkeit zu
       steigern, setzt  sachliche und  zeitliche Sicherheit  voraus.  Im
       Maße, wie  die Produktionsprozesse  von Dienstleistungen mit Kom-
       plexität und Unsicherheit zu tun haben, läuft die Orientierung am
       Wirtschaftlichkeitsprinzip Gefahr, disfunktional zu werden." 11)
       
       2.1 Der neue Rationalisierungstyp
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       Traditionelle Formen  der Rationalisierung  von Verwaltungs-  und
       Dienstleistungstätigkeiten bestärken einmal die Trennung von aus-
       führenden und  dispositiven Tätigkeiten;  zum anderen  zielen sie
       auf einzelne  Funktions- oder Arbeitsabläufe. So werden vor allem
       die ausführenden  Tätigkeiten durch  Einsatz von Technologien ra-
       tionalisiert.
       Mit der  Einführung mikroelektronischer  Datenverarbeitung,  also
       von Informations-  und Kommunikationstechnologien, verändern sich
       die Rationalisierungsstrategien  grundlegend. "Systemische Ratio-
       nalisierungsprozesse sind  dadurch gekennzeichnet, daß unter Nut-
       zung neuer,  mikroelektronisch basierter  Datenverarbeitungs- und
       Kommunikationstechnik der  betriebliche und  überbetriebliche In-
       formationsfluß, die  Kommunikation über  und die  Kombination von
       Daten, die Organisation der Betriebsabläufe und die Steuerung der
       unterschiedlichen Funktionsbereiche  in einer  Verwaltung bzw. in
       einem Unternehmen  in einem  Zug neu  gestaltet werden." 12) Nach
       Baethge/Oberbeck ist  für die von ihnen so genannte "systemische"
       Rationalisierung entscheidend, daß unter Berücksichtigung der Be-
       sonderheit qualifizierter  Angestelltenarbeit die Ebene der Sach-
       bearbeitung, die  auf die Organisierung von Markt- und Austausch-
       prozessen gerichtet  ist, in den Griff zu bekommen sein muß; Ziel
       der systemischen  Rationalisierung ist die Antizipation von Mark-
       tentwicklungen und  - soweit möglich - die Erhöhung der Kapazitä-
       ten zur Marktsteuerung. Sekundär erscheinen demgegenüber die Wei-
       terentwicklung und  der Einsatz  neuer Technologien zur Kompensa-
       tion  menschlicher   Arbeit.  Wurden   -  so   konstatieren  Bae-
       thge/Oberbeck -  die bisherigen  Rationalisierungsmaßnahmen  eher
       von unten  und vom Arbeitsmittel her, also auf die einzelne Funk-
       tion hin  bezogen durchgeführt, so werden die systemischen Ratio-
       nalisierungskonzepte eher  von oben  unter Einbeziehung  der  ge-
       samten Funktionen eingeführt.
       Die technischen  Rationalisierungspotentiale, die durch die neuen
       Informations- und  Kommunikationstechnologien vorhanden  sind und
       weiterentwickelt werden, können in verschiedener Weise zur Verän-
       derung der  Angestelltenarbeit genutzt werden. So ist schon heute
       technisch die vollständige Automatisierung einzelner Funktionsab-
       läufe denkbar.  Ebenso ist  es möglich, die Datenverarbeitung als
       bloßes Auskunftssystem zu verwenden (computerunterstützte Sachbe-
       arbeitung)  oder   als  Steuerungssystem  ganzer  Arbeitsprozesse
       (computergesteuerte Vorgangssachbearbeitung).  Bei der  Wahl  von
       konkreten Technikeinsatzkonzepten  und der Auswahl von Rationali-
       sierungspotentialen lassen  sich die  Unternehmen -  so eine zen-
       trale These  von Baethge/Oberbeck  - von der Antizipation der Ra-
       tionalisierungsfolgen für die Gestaltung der Markt- und Kundenbe-
       ziehungen leiten.  Anstöße für eine Zunahme der betrieblichen Ra-
       tionalisierungsmaßnahmen, wie  sie von  Baethge und  Oberbeck ge-
       schildert werden,  kommen eindeutig aus äußeren Veränderungen der
       Verwertungsbedingungen. Sie resultieren aus der Einsicht, daß die
       Marktantizipation und die Marktsteuerung optimiert werden müssen.
       
       2.2 Ende des Taylorismus?
       -------------------------
       
       Im Zusammenhang  mit der  systemischen Rationalisierung  wird von
       Baethge/Oberbeck auch  von einem Richtungswechsel in der Arbeits-
       organisation gesprochen. Ein Problem, das sich generell durch die
       Diskussion um  die Analyse und die Perspektiven von Arbeitsbedin-
       gungen zieht,  ist die  Frage, ob  diese Entwicklung nach wie vor
       durch die von Taylor entwickelten Prinzipien des Scientific-Mana-
       gement gekennzeichnet  ist, oder ob eine geradezu antitayloristi-
       sche Entwicklung  in  Zukunft  die  Arbeitsbedingungen  bestimmen
       wird.
       Der Begriff des Taylorismus steht für Ausformungen der Arbeitsor-
       ganisation, deren Kennzeichen in der Ablösung des Wissens der Ar-
       beiter vom  Produktionsprozeß, in  verschärfter Kontrolle und Ar-
       beitsintensivierung, d.  h. im  Ersetzen lebendiger  Arbeit durch
       Maschinenarbeit und  in Differenzierungsprozessen der Arbeitstei-
       lung  zu   sehen  sind.   Baethge/Oberbeck   sprechen   von   der
       "Entmythologisierung" geistiger  Arbeit. Danach  können sich  mit
       dem Einsatz neuer Technologien "eine Aufgabenerweiterung und/oder
       Erhöhung der Komplexität oder des Schwierigkeitsgrades der Aufga-
       benzumessung" ergeben.  13) Darin erschöpfen sich die Veränderun-
       gen nach  ihrer Auffassung jedoch nicht. "Das unauflösbar und en-
       ger werdende  Zusammenspiel von forciertem Technologieeinsatz und
       Modifikationen in den Geschäftspolitiken führt langfristig zu ei-
       nem qualifikatorisch  folgenreichen Wandel im Habitus, im alltäg-
       lichen Verhaltensstil in der Dienstleistungsarbeit." 14)
       Folgenreich ist  dieser Wandel deswegen, weil eine Verhaltenssti-
       länderung in  der Dienstleistung mit einer veränderten Geschäfts-
       politik verbunden  ist, "die  sich stichwortartig mit höherer Ag-
       gressivität am  Markt und  Radikalisierung des innerbetrieblichen
       Ertragsdenkens umreißen läßt". 15) Ergänzt werden diese veränder-
       ten Anforderungen  durch einen  neuen Arbeitshabitus, der aus dem
       Umgang mit  neuen Technologien entsteht. "Die Interaktion mit dem
       EDV-System verlangt  demgegenüber einen  Arbeitsstil,  der  durch
       eine Verbindung  von  Reaktionsschnelligkeit,  Abstraktionsfähig-
       keit,  Konzentrationsfähigkeit   und  Genauigkeit  gekennzeichnet
       ist." 16)  Fachliche und inhaltliche Anforderungen treten dement-
       sprechend in  den Hintergrund.  Rationalisierungsstrategien  sind
       geradezu darauf  angelegt, diese Qualifikationen von den Beschäf-
       tigten abzulösen;  die Angestelltenarbeit  wird für die Unterneh-
       mensleitungen verfügbarer,  und die Angestellten werden zunehmend
       austauschbar. Das  Scientific-Management  umfaßt  nicht  nur  die
       Trennung von ausführenden und dispositiven Aufgaben, sondern auch
       die Ablösung  des Wissens der Arbeiter bzw. hier der Angestellten
       vom Arbeitsprozeß.  Bei den  Banken geschieht  dies z.B. dadurch,
       daß geschäftspolitische Aufgaben an zentrale Stäbe delegiert wer-
       den, oder  durch den  Aufbau von  Informationssystemen, mit deren
       Hilfe Daten  von Kunden und von Personal als Wissen auf der Mana-
       gementebene zentralisiert  werden. 17)  Das ist auch das Ergebnis
       der Recherche  von Baethge/Oberbeck.  Dazu zwei  Beispiele: "Faßt
       man das  Verhältnis von Zentralisierung und Dezentralisierung be-
       trieblicher Entscheidungsstrukturen nicht nur als Verhältnis for-
       maler Kompetenzverteilung,  sondern in der Perspektive prozessua-
       ler Teilhabe  an und  Kontrolle von unternehmensstrategischen und
       geschäftspolitischen Entscheidungsprozessen, so ist heute bereits
       deutlich erkennbar,  daß die  Unternehmensleitungen  ihre  Steue-
       rungspotentiale in den Unternehmen auf der Basis von integrierten
       EDV-Systemen haben  ausbauen können.  Die Möglichkeiten, Arbeits-
       prozesse in den Fachabteilungen entlang festgelegter unternehmen-
       spolitischer Handlungsoptionen  am Markt  zentral steuern zu kön-
       nen, sind  aus der  Perspektive der  Unternehmensleitungen größer
       geworden, d.h.,  sie haben  ihre innerbetriebliche  Machtposition
       gegenüber den Fachabteilungen stärken können." 18)
       Auch an  einer anderen  Stelle betonen  Baethge und Oberbeck, daß
       als die markanteste Neuerung innerbetrieblicher Machtverhältnisse
       die nunmehr  in nahezu  allen Dienstleistungsunternehmen zu beob-
       achtende Herauslösung  von Leitungs-  und Planungsfunktionen  aus
       den Fachabteilungen zu bezeichnen sei. Der Technikeinsatz, so muß
       interpretiert werden,  hat dazu  geführt, daß  stärker als bisher
       Kompetenzen an  den Führungsspitzen konzentriert werden. Betrieb-
       liche Herrschaft  und Wissen  lassen sich  nicht mehr voneinander
       trennen: Die  Herrschaft durch  Informationen einerseits  und die
       Bereitstellung der  Informationen an  die  Herrschenden  bedingen
       sich wechselseitig  und schließen  andere systematisch aus diesem
       Prozeß aus.
       
       2.3 Qualifizierte Sachbearbeitung -
       -----------------------------------
       neue Technik und Intensivierungsstrategien
       ------------------------------------------
       
       Interpretiert man  die verschiedenen  Ergebnisse der Untersuchung
       von Baethge/Oberbeck  zur  Rationalisierungsentwicklung,  so  ist
       nicht eindeutig  ausgemacht, in  welche Richtung diese tendieren.
       Dies gilt  besonders für  die qualifizierten Sachbearbeiter. Wäh-
       rend für  die ausführenden  Sachbearbeiter ebenso  wie  für  alle
       Hilfs- und  Routinetätigkeiten festzustehen scheint, daß entweder
       ihr völliger Wegfall droht oder Reste von qualifizierten Funktio-
       nen auf  EDV-Systeme übertragen  werden, so verhält sich dies auf
       nähere Sicht für die qualifizierten Sachbearbeitertätigkeiten an-
       ders. Für diese Gruppe von Beschäftigten stellt sich die Entwick-
       lung nach  bisher vorliegenden Erkenntnissen widersprüchlich dar.
       19) Beispielsweise  im Bankenbereich  haben sich durch technische
       und organisatorische  Veränderungen für  die  Kundenberater  oder
       Kreditsachbearbeiter erhöhte  Anforderungen an ihre Qualifikation
       ergeben. Gerade  diese Gruppen  werden auch herangezogen, wenn es
       darum geht,  die These vom Abschied vom Taylorismus zu begründen.
       So trifft  es zu, daß für die einfachen dispositiven Sachbearbei-
       ter, also  beispielsweise für  Universalkundenberater in  Banken,
       sich Verbesserungen  der Arbeitssituation ergeben können. Zu nen-
       nen ist  hier die  Zunahme kognitiver Anforderungen durch erhöhte
       Fachkenntnisse; außerdem  wachsen fachübergreifende Anforderungen
       wie z.B.  Initiative, Flexibilität, Innovationsfähigkeit oder Ab-
       straktionsfähigkeit. Die Lernchancen im Arbeitsprozeß werden aus-
       geweitet. Diese  Sachbearbeiter können in der Unternehmenshierar-
       chie aufsteigen  und damit  in der Regel Verbesserungen ihrer Be-
       zahlung oder  eine höhere  tarifliche Eingruppierung durchsetzen.
       Außerdem vergrößern  sich ihre  Arbeitsplatzsicherheit  und  Auf-
       stiegschancen sowie  außerbetrieblichen  Mobilitätsmöglichkeiten.
       Aber schon  heute wird  deutlich, daß  diese positiven Momente im
       Zuge von  verstärkten, nach  innen und außen gerichteten Intensi-
       vierungsstrategien bedroht sein können. So werden Funktionen iso-
       liert und  von zentralisierten  Stabsabteilungen übernommen.  Die
       maschinelle Bearbeitung wird ausgeweitet, so z.B. durch computer-
       unterstützte Beratungsprogramme.  Rationalisierungseffekte werden
       weiterhin erreicht  durch eine  fortschreitende  Standardisierung
       der Verkaufsangebote, eine zunehmende Differenzierung der Kunden-
       gruppen, die  Abspaltung des qualitativen Wertpapiergeschäfts vom
       einfachen Geschäft  sowie durch  vermehrte Vergabe  von Verkaufs-
       schwerpunkten.
       Auch für  den  Arbeitsbereich  der  spezialisierten  dispositiven
       Sachbearbeiter zielt  der Technikeinsatz  primär darauf, die Kun-
       denbeziehungen zu  intensivieren und  das Geschäft  zu erweitern.
       Das Terminal  wird hauptsächlich zur Abfrage von Daten und Infor-
       mationen z.  B. aus  Kunden-  und  Wertpapierinformationssystemen
       oder zu  verschiedenen Berechnungen herangezogen. Da z.B. vor al-
       lem in Sparkassen und Genossenschaftsbanken, im gehobenen Wertpa-
       piergeschäft und im Auslandsgeschäft noch Expansionsmöglichkeiten
       gesehen und  angestrebt werden, ist mittelfristig ein Personalzu-
       wachs in  diesem Bereich zu erwarten, so daß diese Beschäftigten-
       gruppen für  die nähere Zukunft keine Problemgruppen des Arbeits-
       marktes darstellen.
       Obwohl die betriebliche Stellung dieser Sachbearbeiter viele Vor-
       teile aufweist, werden infolge von betrieblichen Intensivierungs-
       strategien auch  für  spezialisierte  dispositive  Sachbearbeiter
       spezifische Problembereiche  sichtbar. Dazu gehören: eine erhöhte
       Arbeitsintensivierung, zunehmende  Vorbestimmung der  Arbeitslei-
       stung und  zunehmende Orientierung  auf aktiven Verkauf sowie die
       Vorgabe von  Leistungszielen, erhöhte Transparenz des Arbeitshan-
       delns, verstärkte  Kontrolle der Ergebnisse als Folge der Zentra-
       lisierung und  Maschinisierung von  Fach- und Kundeninformationen
       sowie der  Vergleich und  die Kontrolle  von Verkaufs-  und  Lei-
       stungsergebnissen.
       Die Konzentration  auf qualifizierte  Spezialaufgaben kann  nicht
       nur als  Vorteil für  die Beschäftigten interpretiert werden. Die
       organisatorische und  technische Entwicklung verstärkt Tendenzen,
       qualifizierte Tätigkeiten zu konzentrieren, und zwar durch Orien-
       tierung auf den aktiven Verkauf und die Segmentierung von Kunden-
       gruppen. Dies  setzt eine  permanent hohe  Konzentration und hohe
       Anforderungen im  kognitiven und  intellektuellen Bereich voraus.
       Die Intensivierung  ist eine weitere herausragende Komponente der
       Rationalisierung auch  bei den  Tätigkeiten von Angestellten. Die
       Arbeitsintensivierung wird dadurch vorangetrieben, daß Routinetä-
       tigkeiten auf  EDV übertragen  und die Sachbearbeiter so zwar ei-
       nerseits entlastet,  andererseits aber  intensiver für  ein brei-
       teres Aufgabenspektrum oder für andere anspruchsvolle Tätigkeiten
       eingesetzt werden. Gerade weil Routinetätigkeiten im Zusammenhang
       mit dispositiver  Sachbearbeitung stehen, muß in Zukunft hier ge-
       nauer untersucht  werden, inwiefern Routine nicht auch Entlastung
       bedeutet. Routine  kann auch  ein Teil der Qualifikation darstel-
       len. Dafür, daß die Rationalisierungsstrategien auf Arbeitsinten-
       sivierung gerichtet sind, spricht auch der empirische Befund, daß
       die zu bearbeitenden Fallzahlen in der Regel steigen.
       Um die  vornehmlich aus qualitativer wie quantitativer Überforde-
       rung resultierenden  Risikomomente zu  verringern, bietet es sich
       an, die  Aufgaben der spezialisierten dispositiven Sachbearbeiter
       in andere dispositive und ausführende Aufgabenbereiche zu reinte-
       grieren. Befürchtungen einer allgemeinen Abwertung der Funktionen
       der spezialisierten  dispositiven Sachbearbeiter  würden nur dann
       zutreffen, wenn  die Beschäftigten  keine  neuen  qualitativ  an-
       spruchsvollen Tätigkeiten  übertragen bekommen.  Diese können bei
       der Bildung von Arbeitsgruppen beispielsweise aus der Dezentrali-
       sierung von bereichs- und unternehmensbezogenen Planungs-, Steue-
       rungs- und Koordinierungsaufgaben erwachsen.
       
       2.4 Zunehmende Verfügbarkeit der Arbeitskraft
       ---------------------------------------------
       
       Der Gesichtspunkt  der Kontrolle  und der zunehmenden Transparenz
       des Arbeitsprozesses wird in allen empirischen Untersuchungen als
       besondere Gefahr  hervorgehoben. Baethge/Oberbeck  sprechen gera-
       dezu von  einem epochalen  Wandel, der sich in bezug auf die Kon-
       trolle vollzogen  hat, nämlich  dadurch, "daß durch die neue EDV-
       Technologie nicht nur das  A r b e i t s e r g e b n i s  schnel-
       ler, sondern vor allem auch der  Arbeits a b b l a u f  fast lüc-
       kenlos in seinen einzelnen Schritten transparent wird". 20)
       Die Argumente,  die demgegenüber gegen eine tayloristische Inter-
       pretation eingewendet werden, beziehen sich auf verschiedene Ebe-
       nen. Eine  Ebene ist  die Auseinandersetzung  um die Frage, ob es
       sich bei  der Angestelltenarbeit  im Gegensatz zu Tätigkeiten der
       Arbeiter um  geistige Arbeit  handelt. In  dieser Schärfe hat der
       Gegensatz von  geistiger und körperlicher Arbeit auch in früheren
       Zeiten jedoch  nicht bestanden. Aufgrund der Arbeitssituation und
       der Tätigkeitsinhalte  konnten Arbeiter  und Angestellte systema-
       tisch noch  nie voneinander  getrennt werden.  Aus der These, daß
       sich die  Arbeitsbedingungen weiterhin nach tayloristischen Prin-
       zipien entwickeln,  kann nicht geschlossen werden, die Angestell-
       ten würden sich auch in ihren Bewußtseinsstrukturen der Arbeiter-
       schaft angleichen.  Das Argument von der Exklusivität der Kopfar-
       beit hatte  schon immer auch ideologischen Charakter. Bedrohungen
       wie Arbeitsplatzverlust oder Entqualifizierung machen aus den An-
       gestellten noch keine klassenbewußten Proletarier.
       Die Entwicklungsdynamik  der Arbeit im Angestelltenbereich trifft
       auf andere Voraussetzungen als im Produktionsbereich. Selbst wenn
       die Arbeitsbedingungen bei den Angestellten sich tendenziell den-
       jenigen der  Arbeiter im Produktionsbereich angleichen (und umge-
       kehrt), entsteht nicht automatisch ein Handlungsdruck in Richtung
       auf gewerkschaftliche Organisierung und kollektive Gegenwehr. Ob-
       jektive und  subjektive Voraussetzungen unterscheiden sich erheb-
       lich. So  werden bei  der Rationalisierung  der Verwaltungsarbeit
       Stufen der Mechanisierung übersprungen, die im Produktionsbereich
       vollzogen worden  sind. Das heißt, die Erfahrungen der Angestell-
       ten mit  Rationalisierung sind bei weitem nicht so ausgeprägt wie
       die Erfahrungen der Arbeiter.
       Ein zweiter Gesichtspunkt ist die vieldiskutierte Bewußtseinslage
       der Angestellten. Hier lautet die allgemeine These, das traditio-
       nelle Bewußtsein von Angestellten sei dadurch gekennzeichnet, daß
       sie an individueller Qualifizierung und Leistung orientiert sind.
       Ihre Lebensperspektive liege im beruflichen Aufstieg. Auftretende
       Konflikte würden individuell verarbeitet und personalisiert. Ent-
       sprechend dieser  Auffassung müssen die Probleme auch individuell
       gelöst werden.
       Die Begründungen für einen Richtungswechsel in der Arbeitsorgani-
       sation -  also der Aufgabenerweiterung, einer Veränderung des Ha-
       bitus und des Verhaltensstils von Angestellten und einer Qualifi-
       kationsentwicklung, die  durch Reaktionsschnelligkeit, Abstrakti-
       onsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit gekennzeichnet ist - wi-
       dersprechen andere  Resultate, die  Baethge/Oberbeck in ihrer Un-
       tersuchung anführen. So verweisen sie auf die Zentralisierung von
       Informationen, auf  verstärkte Kontrolle  und auf Arbeitsintensi-
       vierung. Letztlich  bleibt ein Vertrauen darauf, daß geistige Ar-
       beit im  Grunde doch  nicht computerisierbar  sei. So nehmen sich
       die Begründungen  für das Ende der Arbeitsteilung vergleichsweise
       hilflos aus,  wenn beispielsweise  gefragt wird:  "Was ... bliebe
       von gedanklicher Arbeit eigentlich übrig, wenn man sie immer wei-
       ter zerlegte?" 21) oder wenn die Hoffnung darauf gelegt wird, daß
       eine strikte  Technisierung sich in den marktbezogenen Fachabtei-
       lungen u.U.  sogar kontraproduktiv zu spezifischen geschäftspoli-
       tischen Zielen verhalten könnte. "Noch wirkt jedenfalls der fach-
       lich versierte und von Computeraussagen unabhängige kaufmännische
       Berater vertrauenswürdiger  als ein  durch Programmsteuerung  zum
       bloßen Verbalisierer  von Systementscheidungen degradierter Sach-
       bearbeiter." 22) Rationalisierungsprozesse wären nach der Konzep-
       tion von  Baethge/Oberbeck nicht durch innerbetriebliche Interes-
       sen  und   Strukturen  bestimmt,   sondern  ausschließlich  durch
       Marktanforderungen und Kundeninteressen.
       Schließlich erweist  sich die  These von  der Höherqualifizierung
       bestenfalls als  Ausdruck einer  für gegenwärtige  Zeiträume auf-
       rechtzuerhaltenden Notwendigkeit,  um gerade  die systemische Ra-
       tionalisierung des  Arbeitsprozesses voranzutreiben. Die systemi-
       sche Rationalisierung umfaßt nicht nur den gesamten Arbeitsprozeß
       in seiner  traditionell-tayloristischen Form, sondern sie bezieht
       sich auch auf die zusammengefaßten und kognitiven Aufgaben. Damit
       tun sich  neue Horizonte  der Rationalisierung auf: Die Verfügung
       über die  Arbeitskräfte - auch die Angestellten - vergrößert sich
       zusehends.
       
       3. Rationalisierung und Angestelltenbewußtsein
       ----------------------------------------------
       
       Die subjektive Verarbeitung der Rationalisierung und ihrer Folgen
       ist im Angestelltenbereich nur zu einem geringen Teil aufgearbei-
       tet. Es  ist wichtig  dabei zu beachten, daß die Vielfalt der be-
       ruflichen Ausgangslagen  berücksichtigt und nicht vorschnell all-
       gemeine Tendenzaussagen abgeleitet werden. Ulf Kadritzke vertritt
       die These,  daß die  individuelle Grundausstattung  des einzelnen
       Angestellten sehr  weitgehend darüber entscheidet, wie Rationali-
       sierungsmaßnahmen einer konkreten Arbeitssituation empfunden wer-
       den und welche beruflichen Perspektiven daran geknüpft sind.
       "In dieser  genauen Rekonstruktion,  die spezifische Ausprägungen
       des Rationalisierungsprozesses  nicht vorschnell  in  allgemeinen
       Tendenzaussagen beerdigt, wird gegenüber den Meinungsumfragen die
       Vielfalt der beruflichen  A u s g a n g s l a g e n  deutlich, in
       die betriebliche  Rationalisierungsmaßnahmen folgenreich eingrei-
       fen. Damit  entscheidet - und das wird für die Entwicklungsformen
       des Bewußtseins  von Bedeutung  sein - die persönliche berufliche
       'Grundausstattung' der  einzelnen Angestellten, das fachliche Ni-
       veau und  der Zuschnitt  ihrer Qualifikation ein gutes Stück weit
       darüber, in  welchem Maße  ihre konkrete Tätigkeit, ihre Position
       und Berufsperspektive  durch betriebliche Veränderungen aufgewer-
       tet oder  degradiert, verschont oder weitgehend erfaßt wird." 23)
       Mit dieser  auf einer objektiven Basis beruhenden Individualisie-
       rung haben  sich die  Gewerkschaften  auseinanderzusetzen.  Diese
       Entwicklung gilt  nicht nur für Angestellte, sondern auch für Ar-
       beiter in  den Produktionsbereichen.  Nach Ergebnissen  von  Bae-
       thge/Oberbeck ist  gerade diese berufliche Orientierung für Teile
       der Angestellten in Frage gestellt. Das Bewußtsein von Angestell-
       ten ist,  bezogen auf  die Wahrnehmung  von Veränderungen der Ar-
       beitssituation, stark  durch die  realen Erfahrungen geprägt. Für
       die Mehrzahl der qualifizierten Sachbearbeiter in Banken und Ver-
       sicherungen gilt,  daß bisher  Ängste vor  Arbeitslosigkeit  kaum
       ausgeprägt vorhanden  sind -  anders als bei Arbeitern oder Ange-
       stellten, die einfache Arbeiten verrichten und die in der Vergan-
       genheit auch von Entlassungen betroffen wurden. Die Arbeitsmarkt-
       situation und das Risiko des Arbeitsplatzverlustes gerät bei bis-
       her in  qualifizierten Berufen beschäftigten Angestellten weniger
       in den Blick.
       Nach wie  vor ungebrochen,  so stellen Baethge/Oberbeck fest, ist
       die Orientierung  auf beruflichen  Aufstieg und  Karriere als we-
       sentlicher Bestandteil  des beruflichen  Selbstverständnisses der
       Angestellten. "Nach  unseren Gesprächen  mit den Angestellten be-
       sitzt das,  zumindest dem  männlichen qualifizierten Angestellten
       seit langem  nachgesagte Berufsbewußtsein, das in einem individu-
       ellen Leistungs-  und Karrieredenken  mit stark arbeitsinhaltlich
       geprägten Zügen  und einer hohen Identifikation mit dem Unterneh-
       men sein  Zentrum hat (...), in seiner normativen Kraft ein selt-
       sam stabiles Beharrungsvermögen. Allenfalls die Loyalitätsbindung
       an das  Unternehmen beginnt  sich zu lockern." 24) Die Aufstiegs-
       und Karriereerwartungen sind jedoch nicht illusionär, sondern die
       Angestellten entwickeln Perspektiven, die sich auf ihre konkreten
       Möglichkeiten beziehen.  Sie orientieren  sich an  einem größeren
       Aufgabenspektrum, an  mehr Selbständigkeit  und an  einem angese-
       henen betrieblichen  Status. Bei  der Frage,  ob die Angestellten
       bereit sind, mehr Verantwortung zu übernehmen, antworten immerhin
       70% der  Frauen und 85% der Männer mit "Ja". Bei näherer Betrach-
       tung zeigt  sich, daß  vor allem  die kaufmännischen Angestellten
       damit eine  Auffassung von Arbeit verbinden, die es ihnen gestat-
       tet, fachlich  qualifizierte und  inhaltsreiche Aufgaben zu bear-
       beiten und sich mit ihnen zu identifizieren. In der Arbeit wollen
       die Angestellten  ihre Fähigkeiten  und ihre  Persönlichkeit wei-
       terentwickeln.
       Vor dem Hintergrund dieser Orientierung auf inhaltsreiche und an-
       spruchsvolle Arbeit  und der ungebrochen vorhandenen Aufstiegser-
       wartungen werden  betriebliche Rationalisierungsmaßnahmen und die
       Einführung von  EDV interpretiert.  So ausgeprägt  die Hoffnungen
       des beruflichen  Aufstiegs sind, so skeptisch werden deren Reali-
       sierungschancen eingeschätzt.  Insbesondere die Frauen beurteilen
       die Chancen  ihres beruflichen  Fortkommens sehr skeptisch. Diese
       Einschätzung der  weiblichen Angestellten, vor allem in Kreditin-
       stituten und Versicherungen, beruht offensichtlich auf realen Er-
       fahrungen. Sie haben häufig hierarchisch untergeordnete Sachbear-
       beiterpositionen mit geringen Entscheidungskompetenzen und Quali-
       fikationsanforderungen. Die  Aufstiegschancen sind  entweder  aus
       Gründen der  formalen Qualifikation (z.B. der beruflichen Weiter-
       bildung) oder  durch die  Personalpolitik, Vorgesetztenpositionen
       mit Männern zu besetzen, blockiert.
       Die Identifikation mit der Arbeit beruht auf der Vorstellung, er-
       worbenes Wissen und gesammelte Erfahrungen, die aufgrund betrieb-
       licher Besonderheiten  und individueller  Arbeitsstile entwickelt
       und geprägt  sind, wären weder durch eine andere Arbeitskraft und
       schon gar nicht durch Computer zu ersetzen. Diese Auffassung ver-
       schaffte den  Angestellten  in  der  Vergangenheit  eine  relativ
       starke innerbetriebliche Verhandlungsposition.
       Viele Angestellte  erleben nun den Einsatz neuer Technologien und
       organisatorischer Rationalisierungsmaßnahmen  als Bedrohung ihrer
       betrieblichen Stellung.  Insbesondere bei  den Arbeitsplätzen, an
       denen vielfältige Funktionen durch den EDV-Einsatz übernommen und
       die in  ein zentralisiertes System eingebunden werden, beurteilen
       die Angestellten  sich selbst  als leicht  zu ersetzende Arbeits-
       kräfte. Der  Verlust der  Fachqualifikationen durch organisatori-
       sche und  technische Rationalisierung  führt zur Befürchtung, den
       Expertenstatus einzubüßen.  So ist beispielsweise durch die Stan-
       dardisierung der Korrespondenz (Textbausteine) der Sachbearbeiter
       um eine wesentliche Dimension seines Arbeitshandelns beraubt wor-
       den. Durch  solche Vorgaben wird die Arbeit standardisiert, scha-
       blonenhafter, und  Entscheidungs- und  Handlungsspielräume werden
       beschnitten.
       Die Berufsfachlichkeit, der individuelle Arbeitsstil und die hohe
       Bewertung geistiger  Arbeit -  für große  Teile der  Angestellten
       schon immer  Ideologie -  verlieren damit zunehmend an realer Ba-
       sis. Die  Individualität im Arbeitsprozeß als Moment der Berufsi-
       deologie der  Angestellten gilt heute nur noch für eine begrenzte
       Minderheit. Mit  dem Schwinden dieser objektiven Grundlage bleibt
       die Frage,  welche Entwicklungen  die Berufsideologie  der  Ange-
       stellten in  Zukunft nehmen  wird. Die  als "Arbeitsorientierung"
       charakterisierten Bedürfnisse  der Angestellten können aufgegrif-
       fen und  als Forderungen  an die  Gestaltung der  Arbeit  gewerk-
       schaftlich genutzt  werden. Solange der Anspruch an Beruflichkeit
       und Entfaltung  der  Persönlichkeit  von  den  Angestellten  auf-
       rechterhalten bleibt, so lange können diese Ansprüche nicht durch
       Arbeitsmotivations- und  Managementstrategien  eingelöst  werden.
       Die Überprüfung  solcher Motivationsstrategien  in  der  Realität
       zeigt in  der Regel, daß keine realen Verbesserungen der Arbeits-
       gestaltung und  der Stellung  der Angestellten  in der Hierarchie
       mit ihrer Einführung verbunden sind.
       
       4. Klassengebundenheit sozialer Strukturveränderungen
       -----------------------------------------------------
       und neuer Technik - Ansatzpunkte für gewerkschaftliche
       ------------------------------------------------------
       Orientierung von Angestellten
       -----------------------------
       
       Der Topos  "Dienstleistungsgesellschaft" legt  den Eindruck nahe,
       es gehe  bei ihrer Herausbildung in erster Linie darum, individu-
       elle oder  gesellschaftliche Problemlagen durch Hilfen zu mildern
       oder  abzuschaffen.  Die  Analyse  der  mit  der  Ausweitung  der
       "Dienste" verbundenen Veränderungen der Arbeitsprozesse macht je-
       doch deutlich,  daß dies keineswegs der Fall ist. Sogenannte Ser-
       viceleistungen wie  die persönliche Bedienung beim Einkaufen oder
       der Schaffner  in der  Straßenbahn werden  wegrationalisiert. Die
       Organisationsformen der  Dienstleistungsgesellschaft drücken sich
       vielmehr darin  aus, daß in den Betrieben die unterschiedlichsten
       Abteilungen oder  Funktionen als  Dienstleistungen definiert wer-
       den, wie  beispielsweise die  EDV-Abteilung, die  Reparatur- oder
       Instandhaltung, Hausdruckereien,  Werkstätten zur  Betreuung  von
       Elektroinstallationen  oder  Forschungsabteilungen,  Laboratorien
       etc. Völlig  willkürlich werden solche Differenzierungen bei Rei-
       nigungsarbeiten oder  Kantinentätigkeiten, bei Fahrern, Portiers,
       Pförtnern oder  der Bewachung  von Betrieben. Sobald sie als Lei-
       stung von  außen in  Anspruch genommen  werden,  gelten  sie  als
       Dienstleistungsarbeiten, sonst  fallen sie in den Bereich der ge-
       werblichen Arbeit.
       Aus dem  Labyrinth der  konkreten Vielfalt der Einzelphänomene im
       gesamten Bereich  der Dienstleistungstätigkeiten unterschiedlich-
       ster Art  gelangt man  erst dann,  wenn man die gesellschaftliche
       Formbestimmtheit der  kapitalistischen und industriellen Struktur
       aller organisierten  Arbeitsbereiche ins Auge faßt. Gesellschaft-
       liche Strukturveränderungen, wie sie mit der Ausweitung der Ange-
       stelltenarbeit verbunden  sind, setzen  nicht die Logik kapitali-
       stischer Vergesellschaftung  außer Kraft. Die Kapitalisierung und
       Kommerzialisierung großer Bereiche außerhalb der materiellen Pro-
       duktionssphäre bewirken  Form- und  Strukturveränderungen,  denen
       kaufmännische, technische  oder wissenschaftliche Arbeiten unter-
       worfen werden.  Wenn auch  die umfassende und systematische, d.h.
       die ökonomisch durchstrukturierte und technisch geformte Rationa-
       lisierung kaufmännischer und technischer Tätigkeiten noch relativ
       neu ist,  so ist  doch deutlich geworden, daß sogenannte geistige
       Arbeiten industrialisierbar  geworden sind.  Ihre Durchrationali-
       sierung erfolgt einerseits nach Vorgaben aus der erprobten Ratio-
       nalisierung materieller  Produktionsprozesse, andererseits  unter
       Berücksichtigung des  grundlegenden Unterschieds zwischen materi-
       ellen Produkten,  wie Autos  oder Kühlschränken,  auf  der  einen
       Seite und  Informationen und  Wissen auf der anderen. Das Muster,
       Informationen zu  gewinnen, zu verarbeiten und zu speichern, ent-
       spricht dem  der materiellen  Güterproduktion. Gleichzeitig  wird
       deutlich, daß  sich Informationen  als immaterielle  Güter  durch
       einen Grad  an Abstraktion  auszeichnen, der  beispielsweise ihre
       beliebig häufige Wiederverwertbarkeit zuläßt. Die Differenzierung
       liegt also eindeutig auf der stofflichen Seite.
       Wir haben  es also mit einer Situation zu tun, in der die kapita-
       listische Industrialisierung  und Vergesellschaftung  der  Arbeit
       rasch voranschreitet,  ein Schlüsselgesichtspunkt  gerade für die
       Entwicklung gewerkschaftlicher  Angestelltenpolitik in  Auseinan-
       dersetzung mit  dem neuen Rationalisierungstyp 25); aber zugleich
       werden die sozialen Klassen mancherorts theoretisch wegdefiniert,
       so daß  beispielsweise in  der Individualisierung der sogenannten
       Risikogesellschaft sich  die Klassenstrukturen verlieren. 26) Ein
       wesentliches Merkmal  der gegenwärtigen  Periode des Kapitalismus
       ist der  beschleunigte Umschlag  beruflichen Wissens und berufli-
       cher Fähigkeiten.  Maxime des Handels ist, daß jeder einzelne für
       die Aufrechterhaltung bzw. Erneuerung seiner Arbeitskraft indivi-
       duell verantwortlich ist. Das hat in der Tat Auswirkungen auf ge-
       sellschaftlich bedingte Individuierung und Vereinzelung. Dies be-
       deutet jedoch nicht, daß die Überwindung von Klassenverhältnissen
       vorangeschritten ist,  sondern ist  deren historisch spezifischer
       Ausdruck.
       Der gegenwärtige Stand der Entwicklung der kapitalistischen Indu-
       striegesellschaft, der durch die Industrialisierung immaterieller
       Produktionsprozesse und  durch die Verwissenschaftlichung von Ar-
       beits- und  Lebensprozessen gekennzeichnet  ist, hat auch den ge-
       sellschaftlichen Strukturkonflikt  zwischen  Kapital  und  Arbeit
       nicht unberührt  gelassen. Er  ist abstrakter,  undurchschaubarer
       und weniger  faßbar geworden.  In vieler Hinsicht scheint er sich
       durch diese  Differenziertheit seiner  Substanz dem theoretischen
       Zugriff zu entziehen.
       Es gibt im Rahmen und Umfeld der Arbeiterklasse immer weniger An-
       satzpunkte für  die Abgrenzung  zwischen Arbeitern und Angestell-
       ten. Bedeutend  sind gegenüber  diesen arbeitsrechtlichen Abgren-
       zungen nach  wie vor die Unterschiede in den Einkommenniveaus und
       damit den  Lebenschancen. Wird  zusätzlich berücksichtigt,  unter
       welchen konkreten  Arbeitsbedingungen das jeweilige Einkommen er-
       zielt wird,  so lassen  sich die sozialen Schichtungen und Diffe-
       renzierungen bis  in die alltägliche Arbeits- und Lebenssituation
       hinein verfolgen;  unabhängig davon,  ob es sich um Arbeiter oder
       Angestellte handelt.
       In der 1987 erschienenen Infas-Untersuchung über die Gewerkschaf-
       ten vor den Herausforderungen der 90er Jahre wird als ein zentra-
       les Ergebnis  festgehalten, daß  eine Annäherung, wenn nicht völ-
       lige Angleichung,  bei Facharbeitern  und Angestellten mit einfa-
       chen Tätigkeiten im Hinblick auf Problemsensibilisierung und Vor-
       stellungen über  die Steuerung der Technik stattgefunden hat. 27)
       Auch zwischen  Sachbearbeitern und Facharbeitern ergeben sich An-
       näherungen in  ihrer Beurteilung  der Folgen  der technologischen
       Entwicklung. Unterschiede  ergeben sich  allerdings in  ihren An-
       sichten über  das Ausmaß  der negativen  Arbeitsplatzeffekte. "32
       Prozent der  Facharbeiter und  nur 23  Prozent der Sachbearbeiter
       sehen eine  große Gefahr  im Hinblick auf die Vernichtung von Ar-
       beitsplätzen." 28)
       In diesem  Zusammenhang fällt ein innerer Widerspruch bei der Be-
       urteilung der  Folgen der  technischen Entwicklung  auf. Über die
       Hälfte der  befragten Berufstätigen beurteilt die globalen Folgen
       des Technikeinsatzes ausschließlich negativ, nur 9% der Befragten
       sehen überhaupt keine negativen Auswirkungen. Bezogen auf die Si-
       tuation am  eigenen Arbeitsplatz, überwiegen jedoch die positiven
       Erwartungen. "Faßt man die zahlreichen Einzelergebnisse zusammen,
       so läßt  sich insgesamt  eine positive  Erwartungshaltung der Ar-
       beitnehmer gegenüber  den Auswirkungen technischer Neuerungen auf
       den eigenen  Arbeitsplatz feststellen.  Insbesondere in den High-
       Tech-Bereichen des  sekundären Sektors und in zentralen Bereichen
       des Dienstleistungssektors  ist die Zahl der Optimisten drei- bis
       viermal so  groß wie  die Zahl  der Pessimisten.  Dieses Ergebnis
       kann durchaus  als hohe Akzeptanz technischer Neuerungen am eige-
       nen Arbeitsplatz in hochtechnologieintensiven Bereichen interpre-
       tiert werden.  Die Akzeptanz  wird jedoch begleitet bzw. erst er-
       zeugt von der Forderung nach einer sozialverträglichen Gestaltung
       dieser Technologien." 29) Mit den positiven Erwartungen verbunden
       ist offensichtlich  die Vorstellung,  daß die Gewerkschaften sich
       an der  gesellschaftlichen Steuerung  des technischen Wandels be-
       teiligen. Dies  wünscht sich  jedenfalls mehr  als die Hälfte der
       Befragten. "Die  Arbeitnehmer  wünschen  keine  gewerkschaftliche
       Verweigerungsstrategie gegenüber  dem technischen Wandel, sondern
       eine Strategie, die konstruktive Antworten auf ihre komplexe Pro-
       blemsituation liefert." 30)
       Nach den  Ergebnissen dieser Untersuchung sind zwar weitreichende
       allgemeine Befürchtungen  bei den  Beschäftigten im  Zusammenhang
       mit neuen Technologien vorhanden, aber die Forderung nach Sozial-
       verträglichkeit der  Technikeinführung wirkt  gleichsam  als  ein
       Versprechen und trägt sogar zur Akzeptanz bei. Die kritische Hal-
       tung gegenüber  neuen Technologien kann als Ansatzpunkt einer ge-
       werkschaftlichen Politik auch im Angestelltenbereich gelten, aber
       die konkrete  Ausfüllung der  damit verbundenen  Forderungen  ist
       noch nicht  besonders weit  fortgeschritten. Hier bedarf es trotz
       aller Differenziertheit,  Abstraktheit und  Kompliziertheit  erst
       der Einsicht in die Klassengebundenheit des Einsatzes von Techno-
       logien als Rationalisierungsinstrument. Alle Forderungen nach so-
       zialverträglicher Gestaltung stoßen im Zweifel an die Grenzen des
       Verwertungsinteresses. Deswegen  bedarf es  zweitens sehr detail-
       lierter Vorstellungen über die Organisation von Arbeit, um humane
       Arbeitsbedingungen zu  realisieren. Diese  Aufgabe kann nicht als
       abstrakte Forderung  an die  Gewerkschaften gestellt werden, son-
       dern es  bedarf der  gemeinsamen Anstrengung von Gewerkschaftern,
       Wissenschaftlern und  vor allem der Mitarbeit der betroffenen An-
       gestellten, die  das Wissen  um den  Arbeitsprozeß besitzen. Hier
       kann an  die Beruflichkeit  als wesentliches  Indiz für das Ange-
       stelltenbewußtsein ideologisch angeknüpft werden.
       
       _____
       1) Martin Baethge,  Herbert Oberbeck,  Die Zukunft der Angestell-
       ten, Frankfurt/New York 1986, S. 15.
       2) Franz-Josef Bade, Regionale Beschäftigungsentwicklung und pro-
       duktionsorientierte Dienstleistungen,  DIW Sonderheft  143,  Ber-
       lin/West 1987, S. 11.
       3) Ebd., S. 143.
       4) Franz-Josef Bade, Funktionale Arbeitsteilung und regionale Be-
       schäftigungsentwicklung, in:  Informationen zur  Raumentwicklung,
       H. 9/10, 1986, S. 697.
       5) Ebd.
       6) Franz-Josef Bade, Produktionsorientierte Dienste - Gewinner im
       wirtschaftlichen  Strukturwandel,  in:  DIW-Wochenbericht  16/85,
       S.205.
       7) Ulrike Metzner,  Gerhard Rohde, Widersprüchliche Entwicklungen
       im  Arbeitnehmerdasein  von  Angestellten,  in:  WSI-Mitteilungen
       8/1985, S. 440.
       8) Ebd.
       9) Ebd.
       10) Ulrike Berger,  Wachstum und Rationalisierung der industriel-
       len Dienstleistungsarbeit, Frankfurt/New York 1984.
       11) Ebd., S. 198.
       12) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 22.
       13) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 32/33.
       14) Ebd., S. 33.
       15) Ebd.
       16) Ebd.
       17) Vgl. Dieter  Czech, Ursula  Schumm-Garling, Gerhard Weiß, Ra-
       tionalisierung der  Sachbearbeitung im  Bankgewerbe  (Manuskript,
       Dortmund 1987), Frankfurt/M., New York, im Erscheinen.
       18) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 172.
       19) Vgl. dazu Dieter Czech; Gerhard Weiß, Technologische Entwick-
       lung und Arbeitsgestaltung im Bankenbereich, in: WSI-Mitteilungen
       3/1985.
       20) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 37.
       21) Ebd., S. 32.
       22) Ebd., S. 68.
       23) Ulf Kadritzke, "Angestelltenbewußtsein" und Anknüpfungspunkte
       für die  gewerkschaftliche Angestelltenarbeit, in: WSI-Mitteilun-
       gen 8/1985, S. 452.
       24) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 351.
       25) Vgl. auch Siegfried Bleicher, Gemeinsame und solidarische In-
       teressenvertretung aller  Arbeiter und  Angestellten (Interview),
       in: Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, 6/1987.
       26) Siehe etwa  Ulrich Beck,  Risikogesellschaft. Auf  dem Weg in
       eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
       27) Vgl. Infas, Gewerkschaften vor den Herausforderungen der 90er
       Jahre, Forschungsbericht, Bad Godesberg 1987, S. 78.
       28) Ebd., S. 86.
       29) Ebd., S. 69.
       30) Ebd., S. 70.
       

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