Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       VERÄNDERUNGEN IM SOZIALISMUSBILD DER BEVÖLKERUNG
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       DER BUNDESREPUBLIK
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       Friedemann Schuster
       
       1. Veränderte  Einstellungen im Spiegel demoskopischer Umfragen -
       2. Antikommunismus oder politische Entspannung? - Der Einfluß der
       Friedensbewegung -  3. Sozialistische Orientierungen aus "archäo-
       logischen Ablagerungen"?
       
       Die Veränderungen  des Sozialismusbildes der Bevölkerung der Bun-
       desrepublik, die  sich seit einigen Jahren vollziehen, sind nicht
       zu übersehen. Sie treten zu unterschiedlichen Anlässen, Ereignis-
       sen, Situationen  zumeist als Meinungen, aber auch in politischen
       Aktionen hervor.
       
       1. Veränderte Einstellungen im Spiegel demoskopischer Umfragen
       --------------------------------------------------------------
       
       Die deutlichsten Veränderungen sind in der Beurteilung der sozia-
       listischen Friedens-,  Sicherheits- und Abrüstungspolitik festzu-
       stellen. Im  März 1987  wurden die  Ergebnisse einer  Repräsenta-
       tivumfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen veröffentlicht.
       Danach genießt der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der
       Sowjetunion, Michail  Gorbatschow, bei  den Bundesbürgern höheres
       Ansehen als  USA-Präsident Ronald  Reagan. 60 Prozent halten Gor-
       batschow für  einen Mann, dem man vertrauen kann, 45 Prozent hal-
       ten Reagan  für vertrauenswürdig. 52 Prozent sind vom Abrüstungs-
       willen der UdSSR überzeugt, 45 Prozent glauben an die Aufrichtig-
       keit des Abrüstungswillens Washingtons. Damit wurde erstmals seit
       Gründung der  Bundesrepublik die  UdSSR in dieser Frage positiver
       bewertet als die USA. 1)
       Ebenfalls im  März 1987  hatte das  Dortmunder Forsa-Institut die
       Ergebnisse einer  Stern-Umfrage zu  den sowjetischen  Vorschlägen
       für den  Abzug der  sowjetischen und amerikanischen atomaren Mit-
       telstrecken-Raketen aus  Europa veröffentlicht.  92  Prozent  be-
       zeichneten diese Vorschläge als "sehr gut bis gut". Die Skala der
       positiven Beurteilung  reichte von  91 Prozent  der  CDU-Anhänger
       über 94 Prozent der SPD-Anhänger bis zu 98 Prozent der Grünen-An-
       hänger.
       Auch bei  dieser Umfrage  war die Frage gestellt worden: "Wer ist
       Ihrer Meinung  nach gegenwärtig  mehr um die Sicherheit des Frie-
       dens und  Abrüstung bemüht: Präsident Reagan oder Generalsekretär
       Gorbatschow?" Die  Antworten verteilten  sich so:  Gorbatschow 49
       Prozent; Reagan  9 Prozent;  beide gleich  30 Prozent. Aufschluß-
       reich sind  auch die  Antworten auf  die Frage:  "Sind die  Abrü-
       stungsvorschläge Gorbatschows  Ihrer Meinung nach ehrlich gemeint
       oder nicht?"  Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) sagten: "Ehrlich
       gemeint." 2)
       Mit diesen Meinungen korrespondiert die Entwicklung der Antworten
       auf die  Frage nach  dem Willen der Sowjetunion zur Verständigung
       mit dem  "Westen"; wurde  sie 1959  von 17 Prozent bejaht, so er-
       höhte sich dieser Anteil 1981 auf 36 Prozent und 1983 auf 45 Pro-
       zent. Man  kann annehmen,  daß sich  dieser Trend bis 1987 weiter
       verstärkt hat.  Die Wandlung  in der Beurteilung der Ernsthaftig-
       keit sozialistischer Friedens- und Abrüstungspolitik läßt sich an
       der Beantwortung  der über  mehrere Jahre entsprechend gestellten
       Frage von Allensbach ablesen (siehe Tabelle 1).
       
       Tabelle 1:
       Meinungen zum Abrüstungsinteresse "des Ostens" (1956-1983)
       Frage: "Haben  Sie den  Eindruck, daß  der Osten ernsthaft an der
       Abrüstung interessiert ist?"
       
                             1956   1964   1981   1981   1982   1983
                             April  April  Juli   Dez.   Juni   Febr.
                               %      %      %      %      %      %
       
       Ja, bestimmt            8      6     13     17     17     19
       Vielleicht             16     16     26     37     39     36
       Bestimmt nicht         57     53     44     30     30     34
       Unmöglich zu sagen     19     25     17     16     14     11
                             100    100    100    100    100    100
       _____
       Quelle: Allensbacher  Jahrbuch der  Demoskopie  1978-83,  München
       1983, S. 639.
       
       Der Eindruck  der Ernsthaftigkeit  verstärkte sich über die Jahr-
       zehnte nur  langsam. Der  eigentliche Sprung  ist wegen der Lücke
       von 17  Jahren nicht  zu belegen; es ist aber wahrscheinlich, daß
       er zusammenhängt  mit den  seit 1979 anwachsenden Auseinanderset-
       zungen um  die NATO-Nachrüstung  und mit dem neuen Herangehen der
       sowjetischen Politik an das Rüstungsproblem. 3)
       1985 hatten  Meinungsforschungsinstitute nach  dem Genfer Gipfel-
       treffen bereits  ermittelt, eine  Mehrheit der  Bundesbürger habe
       Gorbatschow als  einen besseren  Staatsmann  denn  Reagan  einge-
       schätzt. 4) Welche Wandlungen sich im öffentlichen Bewußtsein al-
       lein seit  Beginn der  achtziger Jahre  vollzogen haben, geht aus
       einem Vergleich  mit den  Allensbach-Umfragen 4008  und 4018  des
       Jahres 1982  hervor: Damals  waren lediglich  13 Prozent der Mei-
       nung, man  könne dem "Osten" vertrauen; 48 Prozent erklärten, sie
       könnten dem "Osten" nicht vertrauen. Die CDU-Anhänger waren zu 59
       Prozent von  Mißtrauen gegenüber  den sozialistischen Ländern er-
       füllt, die SPD-Anhänger zu 41 Prozent und die Anhänger der Grünen
       zu 29  Prozent. Aber  auch schon  damals gingen 49 Prozent derer,
       die sich  als aktive  Anhänger der Friedensbewegung bezeichneten,
       davon aus, man könne dem "Osten" vertrauen.
       Ein Vergleich  von Umfrage-Ergebnissen  der 50er,  60er und  70er
       Jahre zeigt,  daß sich  immer weniger- 59 Prozent, 42 Prozent und
       40 Prozent  - durch die Sowjetunion bedroht fühlten. 5) Eine ähn-
       liche Tendenz  zum Abbau  des antisowjetischen  Feindbildes  läßt
       sich an  der Veränderung  der Einstellung  gegenüber  dem  sowje-
       tisch-westlichen  Verhältnis  ablesen.  Auf  die  Frage,  ob  man
       glaube, daß  der "Westen" und die Sowjetunion auf Dauer friedlich
       miteinander auskommen  könnten, sagten  im Jahre  1954 20 Prozent
       "Ja". Dieser Anteil erhöhte sich in den 70er Jahren, als die neue
       Politik der Entspannung wirkte, auf annähernd die Hälfte der Bun-
       desbürger (1976:  49 Prozent), um sich dann anfangs der achtziger
       Jahre bei über 50 Prozent zu stabilisieren (siehe Tabelle 2).
       
       Tabelle 2: Einstellung zur friedlichen Koexistenz (1954-1980)
       Frage: "Glauben  Sie, daß  die westlichen  Länder und Rußland auf
       die Dauer  friedlich miteinander  auskommen können,  oder glauben
       Sie das nicht?"
                         1954   1956   1962   1976   1979   1980
                         Dez.   Nov.   Juni   Juli   Sept.  Feb.
                           %      %      %      %      %      %
       Können friedlich   20     36     36     49     56     51
       auskommen
       Glaube ich nicht   66     54     51     33     27     38
       Keine Meinung      14     10     13     18     17     11
                         100    100    100    100    100    100
       _____
       Quelle: Allensbacher  Jahrbuch der Demoskopie 1978-83, a.a.O., S.
       637.
       
       Zusammenfassend kann  man sagen:  Waren Ende der 40er, Anfang der
       50er Jahre die meisten Menschen in der Bundesrepublik Deutschland
       der Meinung, vom "Osten", von den "Russen", vom Kommunismus drohe
       die Gefahr  eines militärischen Überfalls, vor dem man sich unter
       allen Umständen  schützen müsse  und weshalb man NATO, Bundeswehr
       und schließlich  auch Atomwaffen  brauche, so hat sich diese Ein-
       stellung seit  Ende der  60er und wahrend der 70er Jahre schritt-
       weise verändert. Nur 1980 wuchs das Bedrohungsgefühl nochmals an,
       als die  kapitalistischen Medien  wegen eines vermuteten sowjeti-
       schen Eingreifens  in Polen  und wegen des tatsächlichen sowjeti-
       schen Eingreifens in Afghanistan einen hysterischen Antisowjetis-
       mus entfachten
       Dem  folgte   jedoch  Ernüchterung   in  dem  Maße,  in  dem  die
       NATO-Stauten die Atomraketen-Stationierung in der BRD durchzuset-
       zen begannen. Zu diesem Zeitpunkt war bei der Mehrheit der Bevöl-
       kerung eine gewisse Äquidistanz zu den "Supermächten" festzustel-
       len, die  Annahme, Friedensbedrohung  gehe gleichermaßen  von den
       USA und  der UdSSR  aus. Heute ist die Sowjetunion zu "derjenigen
       Blockmacht" geworden,  "die von den Grünen im Bundestag mehr denn
       je als Hoffnungsträger für einen Ausstieg aus der Rüstungsspirale
       angesehen wird". 6)
       Während der  Ostermärsche 1987  sprach ein  Vertreter kirchlicher
       Friedensgruppen aus,  was viele  Menschen heute denken: "Der böse
       Satz, 'Geht  doch nach drüben', hat sich auf andere Weise bewahr-
       heitet. Unsere Träume und Wünsche haben drüben einen Platz gefun-
       den. Wir  sind nicht  die 5.  Kolonne Moskaus, umgekehrt wird ein
       Schuh daraus:  Moskau ist  der verlängerte Arm unserer Sehnsüchte
       und Hoffnungen für eine atomwaffenfreie Welt." 7)
       Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die Stellungnahmen
       bundesdeutscher Teilnehmer  am Moskauer  Forum im  März 1987. Der
       Präsident des  Deutschen Industrie-  und Handelstages, Otto Wolff
       von Amerongen,  stellte fest: "Das war keine Propaganda. Auch die
       Amerikaner waren vertreten. Es war eine Unterhaltung der interna-
       tionalen Geschäftswelt mit maßgeblichen Leuten, die hier tatsäch-
       lich eisern  an den  Reformen arbeiten.  Natürlich fiel  das Wort
       'Handel ist  gleich Frieden'.  Aber warum  soll man das nicht sa-
       gen?"
       Der Psychoanalytiker  Horst-Eberhard Richter  äußerte: "Die wich-
       tigste Aufgabe  ist heute  die Erziehung zum Frieden. Ich glaube,
       Gorbatschow hat  das verstanden." Der Schriftsteller Bernt Engel-
       mann sagte:  "Das Friedensforum  in Moskau  war ein  Beitrag, die
       Hoffnung auf das Überleben der Menschheit zu stärken." Und Fried-
       rich Wilhelm  Christians, Sprecher  der Deutschen Bank, bekannte:
       "Es ist  für mich  erregend, diese,  wie ich  meine,  historische
       Wandlung zum Ende dieses Jahrhunderts mitzuerleben." 8)
       Diese Kommentare beziehen sich auf das Bemühen der Sowjetunion um
       neues Denken  und neues  Handeln angesichts  der Möglichkeit  der
       Selbstzerstörung der  Menschheit. "Es gibt heute in der Welt eine
       solche wechselseitige  Abhängigkeit, daß  alle  Völker  wie  eine
       Gruppe von Alpinisten an der Wand eines Berges hängen. Sie können
       sich entweder  gemeinsam zum  Gipfel durchschlagen oder gemeinsam
       in den Abgrund stürzen." 9)
       Die Veränderungen  in den Einstellungen gegenüber dem Sozialismus
       hängen anscheinend  zusammen mit der Haltung zur Menschheitsfrage
       Nr. 1,  der Frage  nach Krieg  oder Frieden.  Es stellt  sich die
       Frage, ob  hier eine  Seite des Sozialismus gesehen wird, der man
       zustimmen kann, ohne den anderen gesellschaftlichen Merkmalen des
       Sozialismus zustimmen  zu müssen.  In diesem Falle wäre weiter zu
       fragen: Öffnet  die Zustimmung  zur heutigen  Friedenspolitik des
       Sozialismus die  Tür zum besseren Verständnis auch seiner bislang
       noch fremd  oder unakzeptabel erscheinenden Realitäten? Zumindest
       scheinen sich  die geistigen Horizonte der Menschen zu öffnen hin
       zu den  Fragen nach den gesellschaftlichen Ursachen der Friedens-
       bereitschaft   und    der   Friedensfähigkeit    des    Sozialis-
       mus/Kommunismus. Wenn die Sowjetunion heute in den Augen nichtso-
       zialistischer Politiker  zum Hoffnungsträger  für die  Vermeidung
       des atomaren  Holocaust geworden ist, so ist damit auch die Frage
       aufgeworfen, unter  welchen Bedingungen  die  demokratische,  die
       ökonomische, die  soziale, die  geistige Dynamik  des Sozialismus
       Einfluß gewinnen kann auf die Vorstellungen von neuen Formen men-
       schlichen Zusammenlebens in anderen gesellschaftlichen Bereichen.
       
       2. Antikommunismus oder politische Entspannung? -
       -------------------------------------------------
       Der Einfluß der Friedensbewegung
       --------------------------------
       
       Indirekt sind Bewußtseinsveränderungen gegenüber dem Sozialismus,
       insbesondere gegenüber  der Sowjetunion  und der  DDR, im Bundes-
       tagswahlkampf 1986/87  deutlich geworden.  Als Bundeskanzler Kohl
       in der  kaum verhüllten Absicht, sich antikommunistisch und anti-
       sowjetisch zu  profilieren, den KPdSU-Generalsekretär Gorbatschow
       mit dem  faschistischen Chefpropagandisten Goebbels und anschlie-
       ßend die Gefängnisse der DDR mit faschistischen Konzentrationsla-
       gern verglich,  da fand dies nicht wie früher Beifall; eine Mehr-
       heit der  Bevölkerung, der  Parteien und  der bürgerlichen Medien
       äußerte Ablehnung.
       Das Bielefelder  Emnid-Institut fragte  im November  1986, ob  es
       richtig oder  falsch von  Kohl gewesen sei, Gorbatschow mit Goeb-
       bels zu  vergleichen. 90  Prozent erklärten: "Es war falsch, sich
       so zu  äußern." Nur  9 Prozent  hielten eine  solche Äußerung für
       richtig. Den  Befragten, die  Kohls Vergleich für falsch hielten,
       wurden zwei  weitere Meinungen vorgelegt. Es entschieden sich für
       die Antwort: "Der Vergleich ist nicht gerechtfertigt" 64 Prozent.
       "Der Vergleich  ist zwar  berechtigt, aber als Bundeskanzler darf
       man sich  nicht so äußern" - dem stimmten 26 Prozent zu. Nur eine
       Minderheit erklärte  also die  Äußerung Kohls lediglich für inop-
       portun; die  große Mehrheit blieb bei der sachlichen Verurteilung
       als nicht gerechtfertigt. 10)
       Der Spiegel  kommentierte zutreffend: "Kohl hinkt mit der antiso-
       wjetischen Einstellung,  die aus  seiner Passage über Gorbatschow
       und Goebbels  spricht, hinter  der Zeit  her. Er  hat einen Trend
       nicht wahrgenommen  (oder will  ihn nicht wahrhaben), der sich in
       den letzten Jahren entwickelt hat. Die Einstellung der Bundesbür-
       ger zu  Moskau im  Allgemeinen und zu der oft beschworenen Gefahr
       aus dem Osten im Besonderen hat sich gewandelt." 11) Belegt wurde
       diese Einschätzung  mit Hinweisen  auf Umfragen.  Der neue  Trend
       zeigte sich  laut Spiegel  "insbesondere, als EMNID einige Fragen
       wiederholte,  die  das  Institut  vor  fünf  Jahren,  im  Septem-
       ber/Oktober 1981,  gestellt hatte. In einer wichtigen Frage wech-
       selte die  Mehrheit. Damals  machten sich 55 Prozent 'Sorgen, daß
       wir vom  Osten bedroht werden', nun - im November '86 - vertreten
       59 Prozent die Gegenmeinung: 'Ich mache mir keine Sorgen, daß wir
       vom Osten bedroht werden.'" 12)
       Natürlich dürfen diese Tendenzen nicht überschätzt werden. Zu er-
       innern ist an das Wort von Marx und Engels über die "Gedanken der
       herrschenden Klassen, die in jeder Epoche die herrschenden Gedan-
       ken sind."  13) Ganz  ohne Zweifel  sind die den Herrschenden der
       Bundesrepublik dienlichen,  dem Sozialismus/Kommunismus  feindli-
       chen oder  ablehnenden "Gedanken"  nach wie vor am weitesten ver-
       breitet. Die  bürgerlichen Medien schüren Tag für Tag, offen, un-
       verblümt, plump,  aggressiv oder verdeckt, verbrämt, geschmeidig,
       "aufgeklärt" Antikommunismus.  Manche Realitäten,  vor allem  auf
       jenen Feldern des Lebensstandards, die vom Konsumgüterangebot ge-
       prägt sind,  scheinen die  Vorbehalte  gegenüber  sozialistischen
       Ländern zu  rechtfertigen. Ähnliches gilt für die Felder Demokra-
       tie und  Menschenrechte, wenn  Intoleranz gegenüber  Kritik, wenn
       überflüssige und schädliche Einengungen praktiziert werden.
       Jedoch sind  den "herrschenden  Gedanken" des  Großkapitals heute
       mit Blick  auf die  sozialistischen Länder  Grenzen gezogen. Denn
       wir leben,  im Unterschied  zu Marx'  Zeiten, in  der Epoche  des
       weltweiten Übergangs  vom Kapitalismus  zum Sozialismus. Seit der
       ersten siegreichen  sozialistischen Revolution  von 1917 herrscht
       der Imperialismus  nicht mehr  uneingeschränkt im Weltmaßstab und
       ist angesichts  der verdichteten Kommunikation im eigenen Bereich
       nicht mehr in der Lage, die Köpfe von sachgerechten Informationen
       aus der  Welt des  Sozialismus völlig frei zu halten. Das gilt um
       so mehr,  je offener der Sozialismus seine Probleme darstellt und
       so Spekulationen und "Enthüllungen" den Boden entzieht. Friedens-
       vorschläge beispielsweise,  die von  dort kommen, sind heute nach
       wenigen Stunden in den Wohnstuben der Menschen hierzulande.
       Damit stellen  sich zwei  weitere Fragen: Wie und in welchem Maße
       hat die  Ausstrahlungskraft des  Sozialismus in der Friedensfrage
       zur Entfaltung  der Friedensbewegung in der Bundesrepublik beige-
       tragen? Und  umgekehrt: Stimmt die These, daß eine wichtige Ursa-
       che für  die Veränderungen  im Bewußtsein der bundesdeutschen Be-
       völkerung gegenüber  dem Sozialismus  im Wirken der Friedensbewe-
       gung liegt?
       1982 verstanden  sich 32 Prozent der Bevölkerung als Anhänger der
       Friedensbewegung; unter  den jungen  Menschen zwischen  16 und 29
       Jahren bezeichnete  sich jeder zweite (51 Prozent) so. Noch jeder
       Dritte in  der Altersgruppe zwischen 30 und 44 Jahren war bereit,
       sich mit  dieser Bewegung zu identifizieren, in den Altersgruppen
       von 45 bis 59 Jahren und von 60 und mehr Jahren jeder Fünfte. 14)
       Die Friedensbewegung  hat als  ein wesentliches Anliegen die Her-
       ausbildung des Massenbewußtseins, daß im Atomzeitalter Krieg kein
       Mittel der Politik mehr sein kann. Und an der Nahtstelle der bei-
       den Weltsysteme  konnte  eine  besondere  Sensibilität  gegenüber
       Friedens- oder  Kriegspolitik entstehen, wie auch eine schärfere,
       weil direktere Beobachtung dessen, was die beiden Systeme tun, um
       die Kriegsgefahr  abzuwenden und Abrüstung tatsächlich zu betrei-
       ben. Das  Mitwirken der  Kommunisten in  der Friedensbewegung hat
       nicht wenig  zur Herausbildung  von Bewußtsein über den engen Zu-
       sammenhang von Frieden und Sozialismus beigetragen; daher muß auf
       das Wirken  der Deutschen Kommunistischen Partei hingewiesen wer-
       den, die  als einzige  Partei der  BRD sozialistische Politik und
       Programmatik verficht,  und damit  an bestimmten  Punkten der ge-
       sellschaftlichen Bewegung  Wirkungen auslöst.  Schon 1981  fragte
       Allensbach, ob  die Bundesbürger  dafür seien, daß Friedensdemon-
       strationen, Unterschriftensammlungen  und andere Friedensaktionen
       auch unter  Teilnahme "kommunistischer Gruppen" stattfänden (vgl.
       Tabelle 3).
       
       Tabelle 3:
       Meinungen zur  Beteiligung "kommunistischer Gruppen" an der Frie-
       densbewegung (1981)
       
       "Auch mit kommunistischer
       Beteiligung"                Dafür   Dagegen   Unentschieden
       
       Bevölkerung insgesamt        35%      38%          27%
       SPD-Anhänger                 44%      35%          21%
       CDU-Anhänger                 26%      29%          25%
       FDP-Anhänger                 35%      32%          33%
       Grünen-Anhänger;             95%       -            5%
       _____
       Quelle: Allensbacher  Jahrbuch der Demoskopie 1978-83, a.a.O., S.
       644.
       
       Diese relativ  hohe Akzeptanz kommunistischer Mitwirkung an Frie-
       densaktivitäten wäre  zu früheren  Zeiten undenkbar  gewesen. Sie
       verweist auf  jene Seiten der politischen Kultur, die sich in den
       letzten Jahren in der Bundesrepublik neu herausgebildet haben und
       der Kalten-Kriegs-Ausgrenzung der Kommunisten entgegenstehen.
       
       3. Sozialistische Orientierungen aus
       ------------------------------------
       "archäologischen Ablagerungen"?
       -------------------------------
       
       Wichtig im  Zusammenhang der  Ursachenforschung für  den Einstel-
       lungswandel ist  Galkins Hinweis auf die "archäologischen Ablage-
       rungen" im  gesellschaftlichen Bewußtsein,  aus welchen unter be-
       stimmten  Bedingungen  grundlegende  gesellschaftliche,  darunter
       auch politische  Orientierungen erwachsen  können. 15) Galkin er-
       läutert: "Es  gibt Ereignisse,  deren  Wirkungen  während  vieler
       Jahrzehnte und  sogar im  Verlauf von  Jahrhunderten zu  bemerken
       sind... Tief  geprägt wurde die Entwicklung von Wertvorstellungen
       und politischen  Orientierungen von Massengruppen der Bevölkerung
       durch die  Weltkriege, insbesondere durch den Zweiten Weltkrieg."
       16)
       Es ist nicht zu bestreiten, daß sich der Zweite Weltkrieg tief in
       das Bewußtsein  der Deutschen eingeprägt hat; nicht nur wegen der
       millionenfachen persönlichen und materiellen Opfer, der Schrecken
       der Bombennächte, des leidvollen Getrenntseins, des Verlustes an-
       gestammter Heimat; sondern auch - wenngleich zunächst nur zögernd
       - was  die Verarbeitung  der faschistischen  und militaristischen
       Verbrechen betrifft, die Schuldhaftigkeit gegenüber unseren Nach-
       barvölkern, insbesondere  gegenüber dem polnischen Volk, den Völ-
       kern der Sowjetunion und gegenüber den Juden.
       Heute fragt  man sich,  welche "Ablagerungen"  im Bewußtsein  die
       Tatsache hinterlassen hat, daß die Erfahrungen mit Faschismus und
       Krieg in den Jahren nach 1945 nicht nur zu antimilitaristisch-an-
       tifaschistisch-demokratischen Neu-Orientierungen führten, sondern
       darüber hinaus  antikapitalistisch-sozialistische Wertvorstellun-
       gen zur  Geltung kamen. Entsprechende Positionen wurden nicht nur
       von der  Kommunistischen Partei  Deutschlands und der Sozialdemo-
       kratischen Partei  Deutschlands vertreten.  Sie fanden sogar Ein-
       gang in  die Programmatik der Christlich-Demokratischen Union mit
       der Feststellung: "Die neue Struktur der deutschen Wirtschaft muß
       davon ausgehen,  daß die  Zeit der  unumschränkten Herrschaft des
       privaten Kapitalismus  vorbei ist."  17) Diese kapitalismuskriti-
       schen Positionen fanden damals massenhafte Zustimmung in Volksab-
       stimmungen für  die Enteignung  monopolistischer  Großunternehmen
       und für die Überführung in gesellschaftliches Eigentum. 18)
       Man kann  solche "archäologischen  Ablagerungen" noch  weiter zu-
       rückverfolgen, um  die  These  aufzustellen,  daß  sozialistische
       Ideen gerade in Deutschland historisch tief verwurzelt sind. Sol-
       che "archäologischen  Ablagerungen" im gesellschaftlichen Bewußt-
       sein gehen  zurück auch auf die Glanzzeiten deutscher Sozialdemo-
       kratie, die  auf den theoretischen Grundlagen von Marx und Engels
       mit ihrem Erfurter Programm "für die Abschaffung der Klassenherr-
       schaft", für  den Sozialismus,  Arbeitermassen  gewann,  stärkste
       Wählerpartei wurde  (im Jahre  1893 23,3  Prozent der Stimmen und
       1912 34,8 Prozent erreichte). Die Sozialdemokratie ist, bei allem
       Auf und Ab, bei allen Drehungen und Wendungen, für viele Menschen
       bis in diese Tage Hoffnungsträger für eine wie auch immer gestal-
       tete sozialistische Zukunft geblieben. 19)
       Vor diesem  Hintergrund ist ein in der Öffentlichkeit kaum beach-
       tetes, aber in bestimmten konservativen Kreisen mit Erstaunen und
       Betroffenheit aufgenommenes  Allensbacher Umfrage-Ergebnis zu be-
       trachten. Anfang 1986, zu einem Zeitpunkt, da sich die rechtskon-
       servative Regierung  in Bonn  alles in  allem  recht  erfolgreich
       wähnte, wurde  in einer repräsentativen Umfrage nach den vier po-
       litischen Attributen  "liberal",  "sozialistisch",  "christlich",
       "konservativ" und  ihrer Resonanz  in der Bevölkerung gefragt. Am
       schlechtesten wurde  der  Begriff  "konservativ"  beurteilt,  der
       "sogar noch  schlechter wegkommt  als  die  Bezeichnung  'christ-
       lich'", wie  Allensbach  sein  Umfrageergebnis  kommentiert.  Die
       eigentliche Überraschung war das Ergebnis für "sozialistisch". 41
       Prozent   der    Befragten   befanden,    daß   die   Bezeichnung
       "sozialistisch" für  eine Partei  spricht. Wiederum der Kommentar
       von Allensbach:  "60  Prozent  der  SPD-Wähler  sagten,  daß  das
       politische Attribut  sozialistisch' bei  einer Partei  auf  etwas
       Positives hinweist. Bei den Grünen, die ja unter anderem auch je-
       nen eine neue Heimat geboten haben, die am mangelnden Sozialismus
       der deutschen Sozialdemokratie verzweifelt sind, gibt es sogar 64
       Prozent, die  aus der Bezeichnung 'sozialistisch' Gutes heraushö-
       ren... Überraschend  ist sicherlich, daß das Wort 'sozialistisch'
       als Kennzeichen für eine Partei auch bei den FDP-Wählern auf eine
       doch noch  recht hohe  Sympathie stößt. 47 Prozent stehen dem Be-
       griff freundlich  gegenüber. Und  selbst bei  den CDU/CSU-Wählern
       gibt es immerhin 26 Prozent, für die das Attribut 'sozialistisch'
       einen guten Klang hat." 20)
       Welche Vorstellungen im einzelnen damit auch verbunden sein mögen
       - der  Wert "Sozialismus"  scheint tief  verankert,  tiefer,  als
       Linke und  Rechte zuweilen vermuten. Er konnte in den Nachkriegs-
       jahren zurückgedrängt  werden, als der Antikommunismus Staatsdok-
       trin war. Aber eine Tendenz zur Befreiung aus diesen reaktionären
       Fesseln scheint  begonnen zu  haben, als "in den späten fünfziger
       Jahren der  selbstkritische Umgang  mit der  älteren und jüngeren
       deutschen Geschichte"  einsetzte und damit "eines der besten Ele-
       mente politischer Gesittung (entstand), das in diesem Staatswesen
       entwickelt worden  ist." So Martin Broszat in der "Historiker-De-
       batte". 21)
       Es wäre wichtig, den Linien nachzugehen, die von hier zu den heu-
       tigen Veränderungen  im Bewußtsein führen. Ihre Tendenz läßt sich
       vielleicht so  zusammenfassen: Zur politischen Kultur dieses Lan-
       des soll ein offenes, vernünftiges, friedliches Verhältnis zu den
       sozialistischen Ländern gehören.
       
       _____
       1) Forschungsgruppe  Wahlen,  Repräsentative  Bevölkerungsumfrage
       März 1987. ZDF-Politbarometer, vervielf. Ms., S. 71, 63.
       2) STERN, 12.3.1987, S. 38.
       3) Vgl. Karl-Heinz  Gensicke, Friedensbewußtsein  in der  BRD und
       konservative "geistige Wende", in: IPW-Berichte 2/1987, S. 17ff.
       4) STERN, 20.11.1985. S. 84.
       5) Siehe Kurt Steinhaus, Zu einigen Entwicklungstendenzen des po-
       litischen Klimas in der Bundesrepublik, in: Marxistische Studien.
       Jahrbuch des IMSF 4, Frankfurt/M. 1981, S. 143-155.
       6) Aus einem  Brief der  Grünen-Bundestagsabgeordneten  Annemarie
       Borgmann an  ihre Parteifreunde,  veröffentlicht im  SPIEGEL, Nr.
       51/1986.
       7) Hans-Jürgen Benedict,  Hamburg, zitiert nach: UNSERE ZEIT, 22.
       April 1987.
       8) Alle Zitate  zum Moskauer Friedensforum aus: STERN, 9/1987, S.
       36.
       9) M.   Gorbatschow,    zitiert    nach:    NEUES    DEUTSCHLAND,
       11./12.4.1987.
       10) Siehe SPIEGEL, Nr. 46/1986, S. 28.
       11) Ebenda, S. 29.
       12) Ebenda.
       13) Karl Marx,  Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW Bd.
       3, S. 46.
       14) Allensbacher Jahrbuch  der Demoskopie  1978-83, München 1983,
       S. 645.
       15) Alexander A. Galkin, Herrschaftselite. Politisches Verhalten.
       Politische Kultur, Frankfurt/M. 1986, S. 99.
       16) Ebenda, S. 105.
       17) Ahlener Programm  der CDU vom 3.2.1947, in: Die Programme der
       CDU, Bonn 1980, S. 11.
       18) Siehe: IMSF (Hrsg.), Die Auseinandersetzung um die Länderver-
       fassungen in  Hessen und  Bayern  1946.  Dokumente,  Frankfurt/M.
       1978.
       19) Zu den  SPD-Wahlergebnissen siehe: Kleine Geschichte der SPD,
       Bonn 1981.
       20) Allensbacher Berichte, 1986, Nr. 18, S. 2-3.
       21) DIE ZEIT, Nr. 41/1986.
       

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