Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       DIE LINKE UND DER FORTSCHRITT
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       Diskussionskonferenz des IMSF
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       Alma Steinberg
       
       1. Zum  Begriff des  Fortschritts - 2. Produktivkraftentwicklung,
       Technik, Fortschritt  im  Mensch-Natur-Verhältnis  -  3.  Wissen-
       schaftsverständnis und  Fortschritt  -  4.  Arbeiterbewegung  und
       technischer Fortschritt - 5. Frieden, sozialer Fortschritt, Revo-
       lution
       
       "'Vernunft wird  Unsinn, Wohltat  Plage...'. Die  Linke  und  der
       Fortschritt".  Unter  diesem  Motto  veranstaltete  das  IMSF  am
       16./17. Mai in Frankfurt/M. eine Diskussionskonferenz. Nicht eine
       streng systematische  Abhandlung der  Gesamtproblematik war ange-
       strebt; aufgegriffen  werden sollten  einige Fragestellungen, die
       sich in  den aktuellen Debatten des linken und alternativen Spek-
       trums herauskristallisiert  haben: Welche  Maßstäbe sind heute an
       Fortschritt anzulegen, wie ist das Verhältnis von technischem und
       sozialem Fortschritt,  welche  gesellschaftlichen  Kräfte  können
       Träger des  sozialen Fortschritts  sein, wie stellt sich das Ver-
       hältnis von Friedenssicherung, Überleben und Revolution dar?
       Die Diskussion sollte der Verständigung marxistischer Kräfte die-
       nen. Zu  Wort kommen  sollten aber  auch Vertreter/innen  aus dem
       sonstigen demokratischen und grün/alternativen Spektrum. Die Vor-
       träge und Debatten fanden durchwegs im Plenum, vor etwa 300 Teil-
       nehmer/inne/n statt. Materialien zur Tagung erscheinen als geson-
       derte Publikation.  1) Daher werden hier - unter thematischen Ge-
       sichtspunkten geordnet  - nur  einige zentrale Themenkomplexe und
       Diskussionsverläufe zusammengefaßt.
       Festzustellen, so  André Leisewitz  (IMSF)  einleitend,  sei  ein
       wachsendes Krisenbewußtsein, für das es in der Realität handfeste
       Anknüpfungspunkte gebe:  die atomare  Bedrohung, die  Dynamik und
       Intensität des  zerstörerischen Eingriffs  in die  Naturprozesse,
       die Risikobehaftetheit  neuer Technologien,  Rationalisierung und
       Massenarbeitslosigkeit. Dies  sei der Kontext, der Skepsis gegen-
       über Wissenschaft und Technik als Erkenntnis- und Handlungsmittel
       wachsen lasse,  der Zweifel  an der  Möglichkeit von  Fortschritt
       nähre. Es  sei ein  Kontext, der  auch Marxisten  zu neuem Denken
       zwinge -  von den  internationalen Beziehungen bis zur Produktiv-
       kraftentwicklung; er  fordere dazu heraus, die Maßstäbe für Fort-
       schritt,  die  Widersprüche  gesellschaftlich/historischen  Fort-
       schritts genauer zu fassen.
       
       1. Zum Begriff des Fortschritts
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       Zu unterschiedlichen  Aspekten des  Fortschrittsbegriffs sprachen
       einleitend Hans  Jörg Sandkühler  (Bremen) und  Hans  Heinz  Holz
       (Groningen).
       Als universelles  Konzept, so  Sandkühler, bezeichne  Fortschritt
       Geschichte, der  die Menschen  in ihren  Zwecken ein  Ziel geben.
       Fortschritt sei  damit nicht  subjektlos, sondern  aufgeladen mit
       der Alternativität  der Geschichte.  Als gesetzmäßige Entwicklung
       habe Fortschritt  bisher nur  für die Gattung, für Klassen, nicht
       aber für die Individuen gegolten.
       Als Bedürfnis nach Selbsttätigkeit und Selbstherrschaft sei Fort-
       schritt vernünftig und wirksam. Solle dieses Bedürfnis die Arbei-
       terbewegung zu  einer Politik des Fortschritts einen, müsse diese
       Politik universell  sein, Natur, Ökonomie, Soziales und Kulturel-
       les umfassen.  Wenn Fortschritt  kein abstraktes  Prinzip bleiben
       solle, dürfe  als Maßstab nicht mehr nur die Entwicklung der Gat-
       tung und der Klassen, sondern auch die der Individuen, ihrer Men-
       schenwürde und ihres Glücks, herangezogen werden.
       Holz arbeitete zunächst formale Bestimmungen und inhaltliche Rah-
       menbedingungen von Fortschritt heraus. In der Konkretisierung sei
       menschlicher Fortschritt  linear zu  beschreiben als  Prozeß  der
       Überwindung von  Mängeln, Abhängigkeiten  und äußeren  Zwängen im
       Stoffwechsel mit der Natur (Produktivkraftentwicklung). Ausgehend
       von der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnis-
       sen, impliziere  die Unangemessenheit der Produktionsverhältnisse
       eine unangemessene  Nutzung der Produktivkräfte. Insbesondere sei
       im Kapitalismus  die Partikularität  der Zwecke  der herrschenden
       Klasse eine  Ursache der  Fehlentwicklung in der Nutzung der Pro-
       duktivkräfte. Als  Perspektive des  Fortschritts bezeichnete Holz
       die Herstellung  gesellschaftlicher Verhältnisse,  in  denen  die
       Menschen frei  von der Herrschaft partikulärer Zwecksetzungen ih-
       ren Stoffwechsel mit der Natur und dessen gesellschaftliche Orga-
       nisation aus Vernunftgründen selbst bestimmen.
       In der Diskussion verwies Johannes H. von Heiseler (IMSF) darauf,
       daß der  frühbürgerliche Fortschrittsbegriff  sowohl die  Einheit
       der Wissenschaften untereinander als auch die Einheit von wissen-
       schaftlichem und gesellschaftlichem Fortschritt umfaßte. Im früh-
       bürgerlichen  Fortschrittsbegriff  sei  der  Kampf  um  Freiheit,
       Gleichheit und  Glück eingeschlossen  gewesen. Erst durch die Ab-
       trennung von  diesen Zielen  konnte Fortschrittsdenken als enges,
       eingleisiges Denken erscheinen. Heute habe sich der verstümmelte,
       nur auf Technikentwicklung bezogene Fortschrittsbegriff mehr denn
       je diskreditiert.  Es komme  darauf an,  die  Einheit  des  Fort-
       schrittsbegriffs wiederzugewinnen.  Dies könne allerdings nur auf
       einer anderen sozialen Grundlage geschehen.
       Alessandro Mazzone  (Rom) bezeichnete als den eigentlichen Gegen-
       stand der  Fortschrittsdiskussion die  Problematik der Verantwor-
       tung des  Menschen. Es  sei ein reales geschichtliches Novum, daß
       Raubbau an  der Natur,  Hunger, Not und Unwissen nicht mehr herr-
       schen müßten.  Dennoch hätten  noch nie so viele Menschen auf der
       Welt gehungert, in Elend und Unwissenheit gelebt. Es sei dies ge-
       genüber früheren Epochen ein Zustand, der systematisch und direkt
       durch die Menschen selbst hergestellt werde. Die Menschheit stehe
       heute an einem Punkt, an dem sie sich selbst eine menschliche Zu-
       kunft oder den eigenen Untergang schaffen könne.
       An Sandkühlers  Forderung, die  Individuen in den Fortschrittsbe-
       griff aufzunehmen, knüpfte sich eine Diskussion zu den Fragen In-
       dividuum -  Naturverhältnis und  Individualität -  Kollektivität.
       Manon Andreas-Grisebach  (Aarbergen-Kettenbach) plädierte  dafür,
       das Bild  einer entwickelten Individualität inhaltlich um den Be-
       zug zur  Natur zu  erweitern, entwickelte Individualität auch als
       Fähigkeit zu  begreifen, sich  in die  Natur gefühlsmäßig, ästhe-
       tisch und rational hineinzuversetzen.
       Christoph Strawe  (Leinfelden) formulierte  als das  ausschlagge-
       bende Kriterium  für menschlichen  Fortschritt das Voranschreiten
       zu gesellschaftlichen  Verhältnissen, die dem einzelnen das Recht
       auf Selbstbestimmung gewährleisteten. Er bezog sich dabei auf Ru-
       dolf Steiners  "soziologisches Grundgesetz".  Daß gegenwärtig  in
       der sozialistischen  Debatte über die Entfaltung des einzelnen zu
       einem initiativreichen,  selbstverantwortlichen Menschen  nachge-
       dacht werde,  sah er  als Bruch  mit der "unseligen Gleichsetzung
       von Individualität und kleinbürgerlichem Individualismus". In al-
       len Bereichen  der Gesellschaft  komme es darauf an, das Institu-
       tionengefüge so zu transformieren, daß ein höheres Maß an Selbst-
       gestaltung möglich werde.
       Robert Steigerwald  (Eschborn) hielt Strawe entgegen, daß der Be-
       griff der  Selbstbestimmung  klassenspezifisch  Unterschiedliches
       bedeute. Vom  Standpunkt der Arbeiterklasse beinhalte er zualler-
       erst die Frage der politischen Macht. Erst in diesem Zusammenhang
       könne es  um Fragen  der realen Gestaltungsmöglichkeiten der ein-
       zelnen gehen.
       Sandkühler unterstrich,  daß es  auch für  das marxistische Fort-
       schrittsverständnis entscheidend  sei, gelungene  Vergesellschaf-
       tung als  Zunahme entwickelter  Individualität zu  begreifen.  Zu
       einem sozialistischen Weltbild gehöre zunehmend ein Eigenbild der
       sozialistischen Individuen.
       Lothar Peter  (Bremen) problematisierte  einen einseitigen  Bezug
       auf die  Kategorie der Individualität und der Individualisierung.
       Damit entstehe  die Gefahr, zu übersehen, daß es in der Arbeiter-
       bewegung gegenwärtig  gerade  an  Kollektivität  und  gemeinsamer
       Handlungsfähigkeit mangele.  Die Entwicklung  kollektiver  Formen
       des Handelns  und der  Kommunikation seien aber unabdingbare Vor-
       aussetzungen, daß  sich unter  kapitalistischen Bedingungen Fort-
       schritt auch nur ansatzweise durchsetzen könne.
       
       2. Produktivkraftentwicklung, Technik, Fortschritt
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       im Mensch-Natur-Verhältnis
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       Aus unterschiedlicher Perspektive bezogen sich Manon Andreas-Gri-
       sebach (Die Grünen, Aarbergen-Kettenbach) und Karl Hermann Tjaden
       (Kassel) auf Fortschritt im Mensch-Natur-Verhältnis.
       Werde, so  Grisebach, technischer Fortschritt zum einen am Krite-
       rium menschliche Gesellschaft, zum anderen am Kriterium Natur ge-
       messen, dann  ergäben sich  daraus  sehr  unterschiedliche  Scha-
       den/Nutzen-Bewertungen. Könne  aus  dem  technischen  Fortschritt
       noch ein  gewisser Nutzen für die menschliche Gesellschaft resul-
       tieren, so  sehe das  Ergebnis gänzlich  anders aus, wenn techni-
       scher Fortschritt  am Kriterium  Natur gemessen werde. Vom Stand-
       punkt des  Subjekts Natur  sei technischer Fortschritt stets Ver-
       derben gewesen.  Bisheriger Fortschritt  könne daher  nur als an-
       thropozentrischer,  als   gattungsbegrenzter  "Binnenfortschritt"
       charakterisiert werden.  Das  Festhalten  an  diesem  Binnenfort-
       schritt habe  langfristig jedoch  auch für  die Menschen negative
       Folgen.
       In einem  zukünftigen, erweiterten  Fortschrittsbegriff müsse der
       Anthropozentrismus überwunden werden, müßten mindestens zwei fun-
       damental andere  Kriterien Aufnahme  finden. 1. das Kriterium der
       Globalität allen  Lebens. Dies setze ein geändertes Mensch-Natur-
       Verhältnis voraus, nötige zur Anerkennung der Natur als gleichbe-
       rechtigtes Subjekt.  2. müsse  das Kriterium  der Langfristigkeit
       gelten.
       Auf Grisebachs  Forderung, der  Mensch müsse  den anthropozentri-
       schen Standpunkt überwinden, erwiderte Josef Schleifstein (IMSF),
       dies sei in den praktischen Lebenszusammenhängen des Menschen un-
       möglich. Der  Mensch sei  Lebewesen der Natur, er könne nicht aus
       den Naturzusammenhängen  heraustreten; er  sei gezwungen, zur Si-
       cherung seines Daseins anderes Leben zu vernichten, er müsse sich
       wie alle  "Tiere" von  der Gattung  her verhalten. Der Mensch sei
       jedoch auf  der philosophischen  Ebene, in  der Erklärung  seines
       Werdens fähig,  seinen Anthropozentrismus zu überwinden; er könne
       auf einer hohen Stufe der Menschheitsentwicklung die Idee der Na-
       turliebe als humane Idee entwickeln.
       Tjaden charakterisierte  die kapitalistische Produktionsweise als
       sozial auf  dem Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital beruhend;
       technisch sei  sie zugeschnitten auf den enormen Verschleiß ener-
       getischer und  stofflicher Ressourcen,  und zwar in einem solchen
       Maß, daß der Widerspruch von Mensch und Natur selbst antagonisti-
       schen Charakter  gewinne. Gesellschaftlicher  Fortschritt bedeute
       die Überwindung  des sozialen  und des Mensch-Natur-Antagonismus,
       die Überwindung des in Jahrtausenden klassenmäßig Geprägten über-
       haupt.
       Die ungenügende Analyse der stofflich-materiellen Basis der kapi-
       talistischen Produktionsweise  bemängelte Tjaden als Schwäche der
       Theorie des  staatsmonopolistischen Kapitalismus  (SMK), die sich
       einseitig mit den späten Formen des Kapitalismus befasse, die ma-
       teriell praktische  Basis, die zur allgemeinen Charakteristik der
       kapitalistischen Produktionsweise  dazugehöre, jedoch vernachläs-
       sige. Ebenso  messe die Konzeption der antimonopolistischen Demo-
       kratie dem  notwendigen stofflichen  Umbau des  Produktivkraftsy-
       stems zu wenig Bedeutung bei.
       Auf die Alternative einer sozialistischen Entwicklung unserer Ge-
       sellschaft eingehend,  verwies Tjaden auf die Erfahrungen der so-
       zialistischen Länder,  die trotz negativer Phänomene aufzugreifen
       seien. Weiter  müßten nicht  nur gesamtgesellschaftlich,  sondern
       auch im  kleinräumigen, regionalen Maßstab konkrete Szenarien ei-
       nes antikapitalistischen Entwicklungsweges ausgearbeitet werden.
       In der Diskussion gingen mehrere Teilnehmer auf Tjadens Kritik am
       Konzept der  antimonopolistischen Demokratie  und der Theorie des
       SMK ein. Steigerwald betonte, daß es beim Konzept der antimonopo-
       listischen Demokratie  zum einen darum gehe, den konkreten Gegner
       in einer bestimmten Kampfetappe zu kennzeichnen; zum anderen wür-
       den mit  diesem Konzept Schritte aufgezeigt zu einer grundsätzli-
       chen gesellschaftlichen  Veränderung. Allerdings sei Tjaden recht
       zu geben,  es bestünde die Aufgabe, den Begriff der antimonopoli-
       stischen Demokratie  in allen Politikfeldern mit Leben zu füllen,
       neue Probleme zu integrieren.
       Heinz Jung (IMSF) erinnerte daran, daß die Theorie des SMK in den
       letzten Jahren  durchaus weiterentwickelt worden sei. Gegenwärtig
       würden gerade die staatsmonopolistischen Komplexe intensiv disku-
       tiert. Das Konzept der Komplexe sei auch darauf ausgerichtet, die
       stofflichen Strukturen der Produktivkraftentwicklung in Zusammen-
       hang zu bringen mit den monopolistischen Strukturen.
       Leisewitz bemerkte,  daß gerade  die Monopole Zentren der Produk-
       tivkraftentwicklung seien.  Wer über  Alternativen der Produktiv-
       kraftentwicklung nachdenke, könne den Zusammenhang zwischen einer
       Veränderung der Produktivkraftentwicklung und einer antimonopoli-
       stischen Stoßrichtung nicht übersehen.
       Hellmuth Lange  (Bremen) verwies  noch einmal  auf die Notwendig-
       keit, stoffliche  Alternativen zu entwickeln. Angesichts der wis-
       senschaftlich-technischen Revolution  (WTR) werde  das System des
       Stoffwechsels mit  der Natur  als Ganzes zu einem Problem. Marxi-
       stische Analyse  müsse nicht nur die polit-ökonomische Bestimmung
       einzelner Etappen  kapitalistischer Entwicklung  leisten, sondern
       gerade gegenwärtig  rationellen Formen  des Stoffwechsels mit der
       Natur besondere Aufmerksamkeit widmen.
       Jörg Goldberg  (IMSF) machte  auf einige Probleme bei der politi-
       schen Rückvermittlung  stofflicher Alternativmodelle  aufmerksam.
       Unter den Bedingungen kapitalistischer Konkurrenz entscheide z.B.
       im Bereich  der Einzelkapitale  der Einsatz  moderner Technologie
       wesentlich über  den Erfolg  der Unternehmen, damit auch über die
       Arbeitsplatzchancen der Belegschaft. Stoffliche Alternativmodelle
       müßten daher nicht nur politisch vermittelt, sondern gleichzeitig
       um Arbeitsplatzalternativen  ergänzt werden. Dies sei wesentliche
       Voraussetzung dafür, die Betriebsbelegschaften in die Bewegung um
       stoffliche Alternativen einzubeziehen.
       Edgar Gärtner  (Besagen) sprach  zum Thema  Ökologie.  Wichtigste
       ökologische Aufgabe  sei die  Stabilisierung der  Biosphäre.  Sie
       müsse global  und lokal  angegangen werden.  Global sei der Stopp
       der Bevölkerungsexplosion  ein zentrales  Moment der  Stabilisie-
       rung. Lokal  bedeute Stabilisierung  der Lebensbedingungen Siche-
       rung von Heimat.
       
       3. Wissenschaftsverständnis und Fortschritt
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       Hellmuth Lange setzte sich mit Gehalt und Aktualität des frühbür-
       gerlichen Wissenschafts-  und Rationalitätsbegriffs  auseinander.
       Daß ein alternatives Naturwissenschaftsverständnis am Typus früh-
       bürgerlicher Rationalität  anknüpfen könne, versuchte er an Fran-
       cis Bacon  zu verdeutlichen.  Klaus Müschen  (Öko-Institut, Frei-
       burg) befaßte  sich mit  der Bedeutung  von Gegenwissenschaft  im
       Kontext der  Ökologiebewegung. Torsten  Bultmann (MSB  Spartakus,
       Bonn) äußerte sich zur Rolle der Intelligenz in den gesellschaft-
       lichen Auseinandersetzungen.
       Müschen bezog  sich bei  der Darstellung  der  gesellschaftlichen
       Entwicklungsdynamik  weitgehend  auf  Ulrich  Becks  Konzept  der
       "Risikogesellschaft". Danach  führe die Entwicklung der industri-
       ellen Produktivkräfte  zunehmend zur  Produktion von  Risiken und
       Gefahrenlagen, die  nur über  die Wahrnehmungsorgane  von Wissen-
       schaft, ihre Theorien, Experimente, Meßinstrumente erkennbar wür-
       den. Im  steigenden Maße  bekämen daher  Wissenschaft und  Medien
       eine Schlüsselposition  im sozialen  Prozeß der Risikodefinition.
       Hier liege  die besondere  Bedeutung der mit der Ökologiebewegung
       entstandenen Gegenwissenschaft.  Denn der Protest gegen die herr-
       schende Natur-  und Technikwissenschaft,  die Kritik ihrer Folgen
       und Nebenwirkungen könne nur in verwissenschaftlichter Form arti-
       kuliert werden, sei abhängig von gegenwissenschaftlicher Vermitt-
       lung.
       In Erwiderung auf Müschen setzte sich Jung kritisch mit der Beck-
       schen Konzeption  der "Risikogesellschaft"  auseinander. Auf  die
       Bedeutung der  Gegenwissenschaft bezogen,  hob Jung ihre wichtige
       und produktive  Rolle im Rahmen des gesamten Wissenschaftssystems
       hervor, betonte aber, daß die Aufkündigung des Technologiekonsen-
       ses  bis   in  die   Gewerkschaften  hinein   nicht  allein   auf
       "innerwissenschaftliche Ursachen",  auf die Herausbildung von Ge-
       genwissenschaft zurückgeführt  werden könne.  Hier spielten  auch
       die sozialen und ökonomischen Krisenprozesse eine Rolle.
       Bultmann verwies  darauf, daß  die Frage nach der gesellschaftli-
       chen Funktion  der Wissenschaft immer auch die Frage nach dem ge-
       sellschaftlichen und  politischen Verhalten  der Intelligenz sei.
       Die Bedeutung der Intelligenz nehme mit der voranschreitenden WTR
       zu. Das  Monopolkapital könne  seine ökonomisch und technologisch
       auf die Ergebnisse der WTR gestützten Ziele nur realisieren, wenn
       es ihm  gelinge, relevante  Teile der Intelligenz als Leistungse-
       lite und  Ideologieträger zu gewinnen und den "Rest" zumindest zu
       neutralisieren. Diesen  Bestrebungen  stünden  eine  Reihe  fort-
       schrittlicher "Basistrends"  entgegen: der  hohe, teilweise  prä-
       gende Anteil  der Intelligenz  in den  neuen sozialen Bewegungen,
       die zunehmende  Politisierung der  Technikentwicklung aus den un-
       mittelbaren betrieblichen  Auseinandersetzungen heraus, die mehr-
       heitlich links  orientierte Studentenschaft als politisch agilste
       Gruppe der Intelligenz.
       
       4. Arbeiterbewegung und technischer Fortschritt
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       Das Fortschrittsverständnis der Arbeiterbewegung stand im Mittel-
       punkt der Statements von Lothar Peter, Detlef Albers (Bremen) und
       Ulrich Briefs (MdB Die Grünen, Posterholt).
       Peter bezeichnete  das gegenwärtige  Fortschrittsverständnis  der
       Arbeiterbewegung als widersprüchlich. Es sei aus der geschichtli-
       chen Tradition  eines kulturellen  Wertsystems zu interpretieren,
       das unlösbar  mit der kapitalistischen Industrialisierung verbun-
       den sei.  Über fast ein Jahrhundert hin habe sich die Arbeiterbe-
       wegung vorwiegend  positiv  auf  die  wissenschaftlich-technische
       Entwicklung bezogen.  Kritik habe  sich auf die Instrumentalisie-
       rung der  Produktivkräfte als  Verwertungsmittel des Kapitals ge-
       richtet; die  stoffliche Dimension  des technischen  Fortschritts
       und seine  prekären Folgen  für die  Regenerierbarkeit der  Natur
       seien dagegen  unproblematisiert geblieben.  Zurückgeführt werden
       könne diese  Haltung auf  die lange  Zeit wenig sichtbaren Folgen
       von Naturzerstörung  und Ressourcenverschleiß. Erst unter dem em-
       pirisch unabweisbaren  Eindruck der Schäden des technischen Fort-
       schritts habe sich seit den 70er Jahren die blinde Identifikation
       mit dem  technischen Fortschritt  gelockert. Dennoch  könnten nur
       Risse im Fortschrittsverständnis der Arbeiterbewegung konstatiert
       werden, nicht  schon ein qualitativ neues Verständnis von Technik
       und Natur.
       Briefs plädierte für ein umfassendes Projekt selektiver, bewußter
       Technikkontrolle. Er  argumentierte gegen die Auffassung, es müß-
       ten nur die gesellschaftlichen Bedingungen verändert werden, dann
       könne mit  der gegebenen  Technik weiter gearbeitet werden. Viel-
       mehr seien  bestimmte Techniken  von vornherein mit inhumanen Im-
       plikationen entwickelt  worden und könnten auch unter veränderten
       gesellschaftlichen Bedingungen nicht im Interesse der Beschäftig-
       ten und  der Gesellschaft eingesetzt werden. Technische Kontrolle
       heiße daher  auch, technische  Systeme zu verhindern, sie gegebe-
       nenfalls abzuschaffen.
       Kritisch bewertete  Briefs das  Verhältnis der Gewerkschaften zur
       Technikentwicklung. Gerade in der Technikauseinandersetzung droh-
       ten die  Gewerkschaften in eine langfristige Schwächephase abzug-
       leiten. Den  neuen sozialen  Bewegungen sei es weit besser gelun-
       gen, betriebliche  und außerbetriebliche Erfahrungen zu problema-
       tisieren, Proteste  gegen die Anwendung neuer Technologien zu mo-
       bilisieren. Die  Gewerkschaften müßten  von diesen Bewegungen vor
       allem lernen,  wie wirkungsvolle,  weiterführende, phantasievolle
       Aktionen des Widerstandes zu entwickeln seien.
       Albers verwies  auf die  sich nur langsam verändernde Haltung der
       internationalen  Arbeiterbewegung  zum  technischen  Fortschritt.
       Erst zögernd werde bisheriges Produzieren ökologisch in Frage ge-
       stellt. Eine  selbstkritische Auseinandersetzung mit Technikopti-
       mismus und -gläubigkeit sei erforderlich. Dennoch sei gegenwärtig
       in der  Bundesrepublik die Debatte um die ökologische Krise rela-
       tiv weit entwickelt.
       Im gesellschaftspolitischen  Spektrum sah  Albers zwei  relevante
       Antworten auf das ökologische Problem: das Umbauprogramm der Grü-
       nen und  den Irseer  Programmentwurf der SPD. Beide bedürften je-
       doch einer  kritischen Auseinandersetzung. Die Grünen versuchten,
       die ökologische  Krise durch  Abkoppelung vom Weltmarkt zu bewäl-
       tigen. Dies  sei ein  illusionärer Versuch,  über einen insularen
       Weg das  Modell westlicher Industriegesellschaften zu überwinden.
       Die SPD schlage dagegen eine ökologische Modernisierung im Rahmen
       des Weltmarktes  vor -  ein Modell,  das unzulänglich  sei, da es
       auch für  die Zukunft  am Weltmarkt  als steuernder Instanz fest-
       halte. Albers  plädierte dagegen  für eine  Orientierung, die die
       notwendigen Zusammenhänge  zwischen globalen ökologischen Krisen-
       auswegen und dem Übergang zu einem weltweiten sozialistischen Um-
       bau aufzeige. Strategisch heiße das, das Reformprojekt einer öko-
       logisch veränderten  Bundesrepublik als  Motor einer europäischen
       Politik der Eurolinken zu begreifen, die wiederum Partner für die
       Dritte Welt werden und den Aufbau einer neuen Weltwirtschaftsord-
       nung unterstützen könne.
       Kritisch setzte  sich Schleifstein  mit Albers' Vorstellung eines
       weltweiten ökologischen  Umbaus auseinander. Wie solle dieser Um-
       bau für die Milliarden Menschen der Dritten Welt aussehen, die in
       erster Linie  nicht an  ökologischem Produzieren,  sondern an der
       Beseitigung des Hungers interessiert seien? Nicht von oben herab,
       so Albers, könne seine Forderung den Ländern der Dritten Welt nur
       dann erscheinen, wenn sie mit globaler Reichtumsumverteilung ver-
       bunden werde.  Hier  müsse  über  weltsozialistische  Regulierung
       nachgedacht werden.
       
       5. Frieden, sozialer Fortschritt, Revolution
       --------------------------------------------
       
       Während sich  die einleitenden  Beiträge von Jürgen Reusch (IMSF)
       und Willi  Gerns (DKP,  Bremen) v.  a. auf die Probleme der Frie-
       denssicherung und  auf das  Verhältnis von Frieden und revolutio-
       närem Fortschritt  bezogen, fragten  Uwe Kremer (Jungsozialisten,
       Bielefeld) und  Elmar Altvater  (Berlin/West) nach Strategien für
       die Lösung globaler Probleme.
       Kremer schlug  vor, "Koalition  der Vernunft"  nicht nur in bezug
       auf die Friedensproblematik, sondern auch im Zusammenhang mit der
       WTR zu  diskutieren. Die WTR bringe neue Anforderungen an das ge-
       sellschaftliche Denken  und Handeln mit sich, hinter denen sowohl
       die Regulierungssysteme  der kapitalistischen als auch der sozia-
       listischen Staaten und das System der internationalen Beziehungen
       zurückblieben. Ausgehend von der Interdependenz der globalen Fra-
       gen, stelle  sich die  Aufgabe, auch  für die weltweiten ökologi-
       schen, ökonomischen  und sozialen  Problemlagen System- und klas-
       senübergreifende Zwischenlösungen zu suchen.
       Diese Perspektive  sei jedoch untrennbar mit den nationalen Regu-
       lierungssystemen verknüpft.  Damit rücke  gerade die Auseinander-
       setzung zwischen verschiedenen Regulierungsvarianten in den kapi-
       talistischen Metropolen ins Blickfeld. Erste Zwischenlösungen für
       neue internationale Beziehungen könnten nur in dem Maße gelingen,
       wie sich in den kapitalistischen Ländern demokratisch-reformisti-
       sche Regulierungsvarianten  durchzusetzen vermöchten.  Hier komme
       der Sozialdemokratie eine Schlüsselrolle zu.
       Altvater fragte  nach den Möglichkeiten weltweiter revolutionärer
       Veränderungen. Er bezweifelte, ob es in der gegenwärtigen welthi-
       storischen Situation angemessen sei, in der Perspektive der Revo-
       lution zu denken - Revolution verstanden als adäquate Lösungsform
       für gesellschaftliche  Problemlagen, als Bruch mit den alten For-
       men. Für das Erkennen und Lösen gesellschaftlicher Probleme müsse
       von mehreren  Etappen der  Problembearbeitung ausgegangen werden,
       von einem  in Phasen  verlaufenden Lernprozeß  des Problemlösens.
       Aus der  Differenz zwischen  dem Tempo  der Lernprozesse  und dem
       weiteren krisenhaften  Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung
       erwachse die Gefahr, daß die eigentliche revolutionäre Phase, die
       Etappe der neuen Problemlösung, zu spät komme.
       Es gelte  daher, vor  allem unter dem Gesichtspunkt der Zeit, die
       zentralen Krisenbereiche  Arbeit, Geldsystem  und Ökologie zu be-
       trachten. Für  keinen der  Bereiche sah  Altvater gegenwärtig die
       Etappe neuer Problemlösungen herangereift. Es komme darauf an, zu
       verhindern, daß sich die Problemlagen weiter zuspitzten. Es komme
       darauf an,  Zeit für  neue Lösungsformen zu finden, alle Anstren-
       gungen auf die Antizipation neuer Lösungen zu konzentrieren. Alt-
       vater bezeichnete  diese Bestrebungen  als "Reformismus  mit  Em-
       phase". So  könne die alte Dialektik von Reform und Revolution am
       ehesten wieder in Gang gesetzt werden.
       In der  Diskussion verwies  Werner Rügemer (Köln) darauf, daß der
       durch die  kapitalistische Gesamtlogik  herbeigeführte Status quo
       in der  Verlängerung auf die Vernichtung der Lebensgrundlagen der
       Menschen hinauslaufe.  Der  Bruch  mit  dieser  Entwicklungslogik
       schließe ein,  die Erde  nicht mehr  in eine  erste,  zweite  und
       dritte Welt  einzuteilen, sondern in der Kategorie der einen Welt
       zu denken.
       Albert Engelhardt  (Frankfurt) trug Überlegungen zum Zusammenhang
       von Fortschritt und Demokratie vor. Demokratie bedeute, die Bewe-
       gungsform gesellschaftlicher  Entwicklung an  humanen Zielen  und
       optimalen Partizipationsmöglichkeiten  zu orientieren. Dies gelte
       auch im  globalen Maßstab. Demokratie habe sich auf die Gattungs-
       interessen, den Menschheitsfortschritt zu beziehen.
       Dieter Kramer  (Frankfurt) machte  auf die  kulturellen Probleme,
       die sich  aus dem  technischen und  sozialen Fortschritt ergeben,
       aufmerksam. Die Fortsetzung unserer bisherigen Lebensweise bringe
       immer mehr  Probleme mit sich und sei weltweit nicht übertragbar.
       Eine Bewältigung  der gegenwärtigen "Krise der Lebensweise" könne
       nur über  die Entwicklung  ihrer inneren  Widersprüche  gelingen.
       Hierbei komme dem kulturellen System eine wichtige Aufgabe zu.
       Aus der  Tatsache, so  führte Gerns aus, daß ein atomar geführter
       Weltkrieg die Gefahr des Untergangs der menschlichen Zivilisation
       heraufbeschwöre, hätten  die Kommunisten weitreichende Schlußfol-
       gerungen für  das Verhältnis  von Friedenskampf  und Klassenkampf
       gezogen. Gesicherter  Frieden könne  weniger denn je an den welt-
       weiten Übergang  zum Sozialismus  gebunden werden. Bereits gegen-
       wärtig müsse  ein System der Friedenssicherung geschaffen werden.
       Historisch seien  die Bedingungen hierfür günstiger geworden. Der
       überragende politische  Widerspruch in der Friedensfrage verlaufe
       heute nicht  mehr pauschal  zwischen Bourgeoisie und Proletariat,
       sondern zwischen  den aggressivsten Kreisen des Imperialismus und
       allen für  Frieden und  Vernunft eintretenden  Kräften. Weder der
       System- noch  der Klassenwiderspruch seien damit aufgehoben; kei-
       neswegs bedeute  "Koalition der Vernunft" Verzicht auf revolutio-
       näre Umgestaltung.  Allerdings müsse  der revolutionäre  Kampf im
       Nuklearzeitalter so  geführt werden, daß die Gefahr einer bewaff-
       neten Auseinandersetzung  insbesondere von Staaten unterschiedli-
       cher Gesellschaftsordnung vermieden werde.
       Reusch charakterisierte  die Friedensfrage  als Klassen-  und als
       Gattungsfrage. Als  Klassenproblem wurzele die Rüstungseskalation
       in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, insbesondere im
       Monopol. Ein  Atomkrieg sei  in seiner  Wirkung zwar klassen- und
       grenzüberschreitend, in  seinen Ursachen  jedoch keineswegs klas-
       senunspezifisch. Letztlich könnten Rüstungseskalation und Kriegs-
       gefahr nur  gebannt werden  durch  die  Schaffung  einer  Gesell-
       schaftsordnung, die den Menschen eine bewußte, planmäßige Organi-
       sation ihrer  Existenz erlaube  und eine  destruktive Entwicklung
       der Produktivkräfte verhindere, sie der Anarchie von privaten und
       Minderheiteninteressen entziehe.  Eine so gestaltete Gesellschaft
       sei ein  Synonym für  Sozialismus. In diesem Sinne seien Überwin-
       dung der  Atomkriegsgefahr, Schaffung einer dauerhaften Friedens-
       ordnung und  Erkämpfung des  Sozialismus zusammengehörende Aufga-
       benstellungen.
       Das Neue an der heutigen Gefahrensituation, die drohende Vernich-
       tung der  Menschheit, gebiete  es aber,  einen Atomkrieg noch vor
       dem Übergang  zum Sozialismus  - hier  und jetzt - zu verhindern.
       Der Wert  Frieden sei  dem Antagonismus der Systeme übergeordnet,
       sei Gattungsfrage.
       Theoretisch und  praktisch stelle  sich damit  die Frage nach der
       Friedensfähigkeit des  Kapitalismus. Auch  der Kapitalismus stehe
       vor einer  historisch neuen  Situation. Ein von ihm angezettelter
       Atomkrieg werde  auch ihn selbst vernichten. Diese Situation hebe
       den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Krieg nicht grundsätz-
       lich auf, erinnere aber daran, daß dieser Zusammenhang als Zusam-
       menhang zwischen Ökonomie und Politik ideologisch vermittelt wer-
       den müsse  und sich  nicht spontan  verwirkliche. Die Politik der
       atomaren Kriegsdrohung  sei nicht die einzig mögliche Politik auf
       kapitalistischer Grundlage.  Auch andere  Politikvarianten  seien
       durchsetzbar. Dies  gebe dem  strategischen Ziel  "Koalition  der
       Vernunft" eine reale Basis.
       In der  Diskussion fragte  Sandkühler, ob die Annahme, daß in der
       gegenwärtigen Gefahrensituation  die Existenz der Gattung auf dem
       Spiel stehe, nicht zu wenig geprüft sei und ob politische Strate-
       gien mit  dieser ungesicherten  Annahme gegenwärtig  zu begründen
       seien. Neue revolutionstheoretische Überlegungen müßten sehr vor-
       sichtig formuliert  werden. Die atomare Kriegsdrohung habe längst
       auch eine  ideologische Dimension  gewonnen, die auf die Dämpfung
       des revolutionären Klassenkampfes abziele.
       Volker Benad  (Frankfurt) verwies auf die Gefahr, daß die von der
       Friedensbewegung und  auch von  den Kommunisten  vorgenommene Zu-
       spitzung "Frieden  oder atomares  Inferno" eine  resignative End-
       zeitstimmung fördere und die Einsicht versperre, daß auch der Im-
       perialismus sich  des Risikos  des atomaren Untergangs bewußt sei
       und versuche,  diese Gefahr  zu reduzieren.  Denkbar sei durchaus
       eine imperialistische Strategie des Umrüstens, bei der die Gefahr
       des atomaren  Untergangs abnehme, die Rüstungslasten aber weiter-
       hin unerträglich hoch blieben.
       Reusch stimmte  Benad zu,  daß es  den imperialistischen Militär-
       strategen schon  seit einiger  Zeit darum  gehe, einen  Atomkrieg
       kalkulierbar und  begrenzbar zu  machen, und daß es innerhalb des
       imperialistischen Lagers  eine Reihe  von Politikvarianten  gebe.
       Dennoch vergrößere  sich durch  die Kumulation verschiedener Kri-
       senprozesse die  Gefahr, daß auch begrenzte Strategien außer Kon-
       trolle gerieten.  Insofern sei es berechtigt, von einer Bedrohung
       der Gattung zu sprechen - ohne dies allerdings absolut zu setzen.
       In der  Tat  gebe  es  mehr  Möglichkeiten  als  die  Alternative
       "friedliche Koexistenz oder atomares Inferno".
       Christoph Butterwegges (Bremen) Überlegungen bezogen sich auf das
       Verhältnis von  Frieden und sozialem Fortschritt. Während Frieden
       und sozialer  Fortschritt früher  nur lose miteinander verbunden,
       in Zeiten  revolutionärer Kriege  sogar Gegensätze gewesen seien,
       bildeten sie  heute eine  untrennbare Einheit.  Im  Atomzeitalter
       avanciere Frieden zum Bedingungsfaktor sozialen Fortschritts.
       In seinen  abschließenden Bemerkungen  führte Kaspar Maase (IMSF)
       aus: Maßstab für Fortschritt sei, daß  a l l e  Menschen ihre na-
       türlichen und  gesellschaftlichen Lebensbedingungen  so gestalten
       könnten, daß sie ihre Entfaltung als gesellschaftliche Naturwesen
       erlauben. Aus dieser Perspektive sei Fortschritt unteilbar, nicht
       mehr  in   der  Mehrzahl,   im   Auseinanderfallen   in   mehrere
       "Fortschritte" denkbar.
       Der entscheidende  Hebel zur  Durchsetzung von Fortschritt heiße:
       gesellschaftliche Kontrolle und Planung von Produktion, Forschung
       und Entwicklung.  Die WTR, die reale Entwicklung  e i n e r  Welt
       als Lebensgrundlage   e i n e r   Menschheit, habe die Dringlich-
       keit der Eigentumsfrage auf die historische Tagesordnung gesetzt.
       Ungeteilter Fortschritt  für 6  oder auch  10 Milliarden Menschen
       sei eine Herausforderung für Wissenschaft, Forschung und Technik.
       Technik müsse  Zeit und Kraft freisetzen für die vernünftige Ein-
       richtung der Welt. Nötig sei eine neue Qualität von Wissenschaft,
       ihre Dialektisierung, das Denken in komplexen Zusammenhängen.
       Daß die   e i n e   Biosphäre nur stabilisiert werden könne, wenn
       sie als  Einheit begriffen  werde, sei Herausforderung an den So-
       zialismus, eine  Herausforderung, die  dieser angenommen  habe in
       seiner Verantwortung für Frieden und Abrüstung, für das Überleben
       der Menschheit.  Gefordert sei aber nicht weniger, als jeden Ein-
       griff in Gesellschaft und Natur zu prüfen und zu berücksichtigen,
       welche Effekte  er im  Gesamtsystem der weltweiten Wechselwirkung
       habe. Dies  sei eine gigantische Aufgabe für den Sozialismus, die
       jede Selbstgerechtigkeit der Betrachtung ins Abseits stelle.
       Auszugehen sei  von der Identität von Fortschritt und Demokratie.
       Demokratie heiße nichts anderes, als das zu schaffen, was den Le-
       bens- und  Entfaltungsinteressen der  Menschheit und der sie bil-
       denden einzelnen  am besten entspreche. Dies rücke die Fragen der
       Eingriffs- und Gestaltungsmöglichkeiten ins Zentrum.
       Die Frage nach dem Fortschritt werfe die Frage nach dem Charakter
       unserer Epoche auf. Sie sei als Übergangsepoche zu charakterisie-
       ren. Die  Menschheit müsse eine höhere, bewußtere, planmäßige Re-
       gelung ihrer  gesellschaftlichen und  natürlichen  Lebensverhält-
       nisse durchsetzen.  Sie sei  zum Fortschritt gezwungen bei Strafe
       langanhaltender Krisen, bei Drohung des kollektiven Untergangs.
       
       _____
       1) IMSF (Hrsg.),  "Vernunft wird  Unsinn, Wohltat  Plage...". Die
       Linke und der Fortschritt, Frankfurt/M. 1987.
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