Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       POLITIK UND TECHNOLOGIE
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       Zu Ausgangspunkten technologiepolitischer Alternativen
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       und Strategien der Arbeiterbewegung
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       Werner Stürmann / Stephan Voets
       
       1. Ansprüche  - 2.  Umrisse von Alternativen - 2.1 Internationale
       Kooperation statt Konfrontation, Abrüstung statt Aufrüstung - 2.2
       Anders arbeiten  und produzieren  - alternativ wirtschaften - 2.3
       Wende zu  einer neuen Richtung der Produktivkraftentwicklung - 3.
       Anforderungen an organisiertes Handeln
       
       1. Ansprüche
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       Alle gesellschaftlichen  Kräfte sind im Begriff, sich auf die ge-
       genwärtige Umbruchsituation  einzustellen. Eine der Ursachen die-
       ses Umbruchs  und zugleich  eine entscheidende Schlüsselfrage ist
       heute die  wissenschaftlich-technische Revolution (WTR). Offenbar
       kann den  radikal veränderten  nationalen und internationalen Be-
       dingungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung
       nicht zureichend  im Rahmen  bisheriger Politikkonzepte  begegnet
       werden, sondern  erst mit entsprechend radikal verändertem Heran-
       gehen. Dieses  neue Herangehen an neue Herausforderungen verlangt
       von der  Arbeiterbewegung beträchtliche  Lernprozesse, die längst
       noch nicht bewältigt sind. Deswegen lassen sich heute auch Alter-
       nativen zur  herrschenden Technologiepolitik  nicht ohne weiteres
       entwickeln. Gegenüber  den "Modernisierungsstrategien"  von Staat
       und Monopolen  überwiegt auf der Linken das Suchen nach Orientie-
       rungen und  Lösungen. Hiervon  zeugt die mit recht unterschiedli-
       chen Akzenten  geführte Diskussion  in  den  Gewerkschaften,  die
       technologiepolitische Auseinandersetzung  unter und  zwischen den
       verschiedenen politischen Kräften - bei Sozialdemokraten und Grü-
       nen, Kommunisten  und sozialistischen Gruppen, im Rahmen von Bür-
       gerinitiativen, Alternativbewegung, progressiven Wissenschaftler-
       Initiativen, -Organisationen und -Zeitschriften.
       Wie ist umzugehen mit einem überlasteten Weltzustand, in dem Ver-
       nichtung und  Verbesserung, Erschwerung und Erleichterung des Le-
       bens dicht beieinander liegen? Wie läßt sich unter solchen Bedin-
       gungen eine mit tiefen Krisen verbundene wissenschaftlich-techni-
       sche Umwälzung meistern, zumal, wenn - jedenfalls gegenwärtig un-
       ter dem  Kapitalismus -  Verständnis, Kontroll- und Eingriffsmög-
       lichkeiten der Bevölkerung zurückbleiben hinter Tempo, Folgen und
       Reichweite dieser Umwälzung?
       Die Dynamik, mit der immer wieder neue Fragen, Probleme und Chan-
       cen entstehen, zwingt bei Strafe des völligen Zurückfallens dazu,
       ständig dazuzulernen,  wissenschaftlich zu denken und zu handeln.
       Diskussion und offene, breite Einbeziehung der Betroffenen werden
       zunehmend zu  einer notwendigen  Voraussetzung gesellschaftlicher
       Entwicklung, der der staatsmonopolistische Kapitalismus durch in-
       tegrative Beteiligungs- und Kooperationsstrategien entgegenzukom-
       men sucht,  die aber  zugleich zum Ausgangspunkt immer neuer Kon-
       flikte und demokratischer Ansprüche und Bewegungen werden.
       Michail Gorbatschow kennzeichnete auf dem 27. Parteitag der KPdSU
       die neuen  Anforderungen, vor  denen die Kommunisten stehen, fol-
       gendermaßen: "In den letzten Jahren sieht sich die kommunistische
       Bewegung vielen  neuen Realitäten,  Aufgaben und Problemen gegen-
       über. Alles  zeugt davon,  daß sie in eine qualitativ andere Ent-
       wicklungsetappe eingetreten ist. Die internationalen Bedingungen,
       unter denen  die Kommunisten  wirken, verändern  sich  rasch  und
       gründlich. In  der sozialen  Struktur  der  bürgerlichen  Gesell-
       schaft, darunter in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse, kommt
       es zu  einem wesentlichen Wandel. Die wissenschaftlich-technische
       Revolution wirkt  sich auf die materielle Lage und das Bewußtsein
       der Werktätigen  in der nichtsozialistischen Welt widersprüchlich
       aus. All  das erfordert  die Fähigkeit,  vieles zu überdenken und
       auf der  Grundlage der unvergänglichen Lehre von Marx, Engels und
       Lenin kühn und schöpferisch an neue Realitäten heranzugehen." 1)
       Die Kommunisten  der Bundesrepublik  befinden sich  mit Blick auf
       diese neue Fragen nicht am Nullpunkt; sie können in der Technolo-
       giepolitik auf  relativ weit  ausgearbeitete Aussagen  und  erste
       praktische Ansätze  vor allem in der Betriebsarbeit verweisen. 2)
       Aber niemand,  der Tempo und Tragweite der wissenschaftlich-tech-
       nischen Revolution  kennt, wird sich damit zufriedengeben können.
       Gefordert sind  beträchtliche und ständige Fortschritte sowohl in
       der theoretischen  Aufarbeitung wie  in der  praktischen Politik.
       Dieses Problem  haben die  Kommunisten mit allen Linkskräften, im
       Grunde mit  der ganzen lohn- und sozialabhängigen Bevölkerung ge-
       meinsam, und  in dieser Gemeinsamkeit steckt auch eine Chance des
       Vorankommens.
       In der  Entwicklung von  Alternativen  stehen  die  marxistischen
       Kräfte unter  den herrschenden  gesellschaftlichen  Verhältnissen
       vor der  Aufgabe, die  ideologischen Spinnweben zu zerstören, die
       der demokratischen  und Arbeiterbewegung  den Ausblick  auf  ihre
       Perspektiven versperren  sollen. Ohne  aufklärende  Aktionen  und
       massenwirksame Bewegungen,  die die  gesellschaftlichen  Ursachen
       und Lösungsmöglichkeiten der Probleme, die sich mit der WTR unter
       kapitalistischen Bedingungen  verbinden, zum  Gegenstand  breiter
       gesellschaftlicher und  betrieblicher Diskussionen  und Auseinan-
       dersetzungen machen,  ist kein  Alternativkonzept auf  den Weg zu
       bringen.
       Dabei besteht  eine  entscheidende  ideologische  Herausforderung
       darin, technikdeterministischen  oder technokratischen Auffassun-
       gen entgegenzuwirken.  Die  bürgerliche  Ideologie  vorn  wissen-
       schaftlich-technischen "Sachzwang"  ist massenwirksam. Unstreitig
       gibt es  auch andere  Tendenzen, solche  der  Technikbegeisterung
       ebenso wie  der -verweigerung. Aber sieht sich nicht die Mehrheit
       der Bevölkerung gegenüber den wissenschaftlich-technischen Umwäl-
       zungen als  Objekt, als Opfer und "Anhängsel", nicht aber als Ge-
       stalter und  Subjekt? Führen  nicht wachsende  Risiken,  fehlende
       Kenntnisse und  Einflußmöglichkeiten vor allem zu Angst und Resi-
       gnation? Passivität  und Ohnmachtsgefühle  sind weit  verbreitet;
       sie widerspiegeln  die Realität  der benachteiligten Stellung der
       Arbeiterklasse und anderer lohnabhängiger Kräfte.
       Im ideologischen  Konzept der  regierenden  Rechtskräfte  spielen
       Wissenschaft und  Technik eine Schlüsselrolle bei der Zukunftsbe-
       wältigung. Unter  vorgeblichen Sachzwängen soll nicht mehr disku-
       tiert werden,   w i e    Arbeit  und  Leben  zu  gestalten  sind,
       w o z u   die modernen  Produktivkräfte dienen  sollen - und wozu
       nicht. Es bleibt sozusagen nur noch die Anpassung an "High-Tech".
       Der aus  der kapitalistischen  Konkurrenz erwachsende Anpassungs-
       und Modernisierungszwang  wird sowohl zur Drohung gegenüber allen
       "Modernisierungsverweigerern" (mit  den bekannten  Argumenten wie
       Rückfall in  der internationalen Konkurrenzfähigkeit, technologi-
       sche Lücke,  wachsende Arbeitslosigkeit  als Folge von Widerstand
       gegen Rationalisierung  und  Arbeitsintensivierung  und  von  "zu
       viel" gewerkschaftlichen Rechten), aber auch zum Angebot: techno-
       logischer Umbruch als - wenn auch mit Belastungen und Krisen ver-
       bundene -  Form der Zukunftsbewältigung und als individuelle Auf-
       stiegschance besonders  für die mit der neuen Technik verbundenen
       betrieblichen und  gesellschaftlichen Gruppen. Daß solche Auffas-
       sungen heute  bis weit  in die  Arbeiterbewegung  hinein  wirksam
       sind, ist bekannt.
       Es liegt  auf der  Hand, daß  Alternativen erst dann im Massenbe-
       wußtsein als  sinnvoll und  durchsetzbar erscheinen  können, wenn
       dieser Glaube  an den  Sachzwang abgelöst  wird durch  Kenntnisse
       über  gesellschaftliche  Ursachen  und  Lösungsmöglichkeiten  und
       durch das Vertrauen in die eigene Kraft - wenn also Lebensansprü-
       che und Interessen, persönliche und soziale Ziele der scheinbaren
       Logik der  Dinge übergeordnet  werden. Blinde Technikgläubigkeit,
       technokratische, unpolitische Denkweisen müssen überwunden werden
       durch Aufklärung über ökonomische und politische Ursachen und In-
       teressen, über  Macht und  Strategien der  Konzerne und  über die
       Möglichkeit von Gegenwehr und Alternativen, über die Berechtigung
       eigener Ansprüche.
       Auf den  ersten Blick scheint die wachsende Wissenschafts-, Tech-
       nik- und  Fortschrittskritik unserer  Tage das gleiche Herangehen
       zum Ausdruck zu bringen wie die Technikgläubigkeit - nur spiegel-
       bildlich verkehrt.  Beides, Technikkritik und Technikgläubigkeit,
       geht in  der Tat von der "Verselbständigung" der modernen Produk-
       tivkraftentwicklung aus,  die  von  den  Produktionsverhältnissen
       losgelöst erscheint.  Nur so  ist die  Vorstellung erklärbar, daß
       die Produktivkräfte uneinholbar "davonzulaufen" scheinen, daß sie
       von Menschen nicht mehr Steuer- und beeinflußbar sind.
       Trotzdem muß  ein wesentlicher  Unterschied festgehalten  werden:
       Die Kritik fragt oft danach, wo der Mensch bleibt, formuliert Le-
       bensansprüche. Auch Kritik an zunächst nicht begriffenen Fehlent-
       wicklungen kann  den Zugang zur Auseinandersetzung öffnen, ebenso
       den Anspruch fördern, Alternativen zu erarbeiten. Insofern ist es
       verständlich, wenn bürgerliche Ideologen skeptisch gegenüber pro-
       duktivkraftkritischen Tendenzen  bleiben. Progressive  Politisie-
       rungstendenzen können - gefördert durch das Eingreifen demokrati-
       scher Bewegungen und die Tätigkeit marxistischer Kräfte - den ge-
       wünschten Konsens  und die  Akzeptanz kapitalistisch  betriebener
       Technikentwicklung und -anwendung stören.
       Zum Beispiel  verdrängen nach der scheinbaren Logik der Dinge die
       stark arbeitssparenden  computerisierten  Anlagen  zunehmend  den
       Menschen; die  Arbeit scheint  "auszugehen". Aber  die Sichtweise
       wird radikal  anders, wenn der Anspruch entsteht, daß es qualifi-
       ziertere, kürzere,  belastungsärmere Arbeit  für alle geben muß -
       und daß Wirtschaft, Produktion, Arbeit, Technik diesen Interessen
       anzupassen sind und nicht umgekehrt.
       Grundvoraussetzung demokratischer  Alternativen ist  der Anspruch
       auf ein  reicheres Leben,  auf schöpferischere, vielseitigere Ar-
       beit, auf freiere persönliche Entfaltung. Nichts wäre unsinniger,
       als nur  nach abstrakten  "Erfordernissen der  WTR" zu suchen und
       sich daran anzupassen.
       Alternative Technologiepolitik  muß  daher  jede  technokratische
       Tendenz vermeiden  - was  keineswegs bedeutet,  daß  ideologische
       Auseinandersetzung unter  Demokraten zu Verketzerung und Ausgren-
       zung führt. Prinzipielle Diskussionen über Differenzen und Wider-
       sprüche können  auch Solidarität zur Voraussetzung und zum Ergeb-
       nis haben.
       Alternative Technologiepolitik nutzt zwar technische Gestaltungs-
       möglichkeiten, aber  sie geht  vor allem  aus von  sozialen, kul-
       turellen, ökologischen  und demokratischen Ansprüchen der Lohnab-
       hängigen. Sie braucht zwar viel Sachverstand, aber noch viel mehr
       Besinnung auf  die eigenen  Interessen, auf Humanismus und Moral.
       Ein neues  Herangehen an die mit der wissenschaftlich-technischen
       Revolution verbundenen  Probleme heißt  also vor allem: ein neues
       Denken und Handeln im Interesse einer progressiven Entfaltung ge-
       sellschaftlicher und persönlicher Potenzen.
       Daraus ergeben sich unter anderem folgende Schlußfolgerungen. Er-
       stens: Demokratische  Alternativen der  Technologiepolitik können
       nicht einfach das bestehende System von Forschung und Technologie
       abbilden, die  vorgefundenen Maßstäbe und Bezugspunkte nicht ein-
       fach übernehmen.  Sie benötigen  einen eigenen,  alternativen ge-
       sellschaftlichen  Gegenentwurf  zur  herrschenden  Ordnung,  eine
       neue, über  die Profitordnung  hinausweisende  Entwicklungslogik.
       Mit anderen  Worten: Technologiepolitik  der Arbeiterbewegung muß
       als Teil  der politischen  Ökonomie der Arbeiterklasse entwickelt
       werden. Das  bedeutet ein  aktives, gesellschaftsveränderndes und
       der persönlichen  Entfaltung dienendes Herangehen und verläßt das
       Terrain der  fortwährenden Technikdiskussion  ohne reale  Gestal-
       tungsmöglichkeiten. Diese  neue Logik  und dieses neue Herangehen
       haben nicht  bloßes Wunschdenken  zur Basis, sondern die Entwick-
       lung der  Produktivkräfte, das  Wachstum  des  gesellschaftlichen
       Reichtums und der Bedürfnisse.
       Zweitens: Entwicklung  und Durchsetzung alternativer Technologie-
       politik können nur in einem demokratischen Prozeß vorankommen. In
       Betrieb, Hochschule,  Forschungsstätte, in  allen gesellschaftli-
       chen Bereichen und bei allen Themen können die Arbeiterklasse und
       alle nichtmonopolistischen  Kräfte nicht bloß als Objekt der wis-
       senschaftlich-technischen Umwälzung  gelten. Ihre  Meinung,  ihre
       Sorgen und Bedürfnisse, ihre Vorschläge und vor allem ihre schöp-
       ferischen Fähigkeiten müssen gefragt und einbezogen sein. Es kann
       kein Zufall sein, daß Unruhe und Protest gerade dort immer wieder
       massiv aufbrechen,  wo autoritäre, Demokratie und Entfaltungsmög-
       lichkeiten zerstörende  Tendenzen wirksam sind, also bei elektro-
       nisch automatisierter  Schnüffelei durch  Personalinformationssy-
       steme, bei  der Volkszählung  usw. Ebenso  prägt der Anspruch auf
       Gestaltung, Bestimmung  der eigenen Lebenschancen wesentlich auch
       die Friedens-  und andere soziale Bewegungen. Die moderne Wissen-
       schaft und  Technik ermöglicht  und erfordert  eine neue Stellung
       der Hauptproduktivkraft, der arbeitenden Menschen, in der Produk-
       tion wie  in der  Gesellschaft. Dementsprechend  wachsen objektiv
       Notwendigkeit und Chancen umfassender Demokratisierung.
       Vor diesem  Hintergrund läßt  sich auch bestimmen, worin die ent-
       scheidende politische  Zuspitzung bei  der Entwicklung und Durch-
       setzung technologiepolitischer  Alternativen bestehen müßte. Nach
       unserem Dafürhalten  besteht sie  im radikalen Anspruch auf demo-
       kratische Kontrolle,  auf Demokratisierung, auf Mitbestimmung und
       Öffentlichkeit. Wirkliche  Alternativen müssen demnach inmmer zum
       Inhalt haben,  daß das  Schöpfertum, das  Wissen, die Fähigkeiten
       und Meinungen  der abhängig Beschäftigten gefragt sind. Weder die
       enormen Risiken noch die großen Chancen zur Erhaltung des Lebens,
       die die moderne Wissenschaft und Technik hervorbringt, dürfen der
       Hauptkraft der Produktion und Gesellschaft unbekannt und unbeein-
       flußbar bleiben.
       Auch hier  geht es  also zunächst  um Aufklärung  und Enthüllung,
       Aufdecken von  Gefahren, Abwehr und Gestaltungsmöglichkeiten, An-
       gebote zur  Diskussion, Aktivität,  Engagement. Ein  großes neues
       Feld der  Politik muß von den Fortschrittskräften erarbeitet, be-
       setzt und  gestaltet werden. Uns scheint das die wesentliche Her-
       ausforderung bei  der Entwicklung  einer demokratischen Technolo-
       giepolitik zu sein.
       Technologiepolitische Alternativen bedürfen so der Massenpolitik,
       der breiten Diskussion, Initiative und Bewegung. Niemand, der un-
       ser Land  und das  Ausmaß der  Probleme kennt, wird erwarten, daß
       dieses Ziel ohne Schwierigkeiten erreicht werden kann. Aber einen
       erfolgversprechenderen Weg  gibt es nicht - und hierzu zeigt sich
       in den  demokratischen Bewegungen  unseres  Landes  bereits  eine
       Fülle von Anknüpfungspunkten, Erfahrungen und (wenn auch begrenz-
       ten) Erfolgen.
       
       2. Umrisse von Alternativen
       ---------------------------
       
       Demokratische Alternativen  zur kapitalistisch  entwickelten bzw.
       angewandten Technik  und Wissenschaft  sind nicht  gleichzusetzen
       mit einer  alternativen Gestaltung   d e r   Technik  oder  d e r
       Wissenschaft. Zu ändern, zu gestalten sind vielmehr vor allem die
       Funktion und  der soziale Inhalt der angewandten Wissenschaft und
       Technik. Dies  schließt grundlegende  Veränderungen  der  Schwer-
       punkte und  Ziele bei  der Entwicklung von Wissenschaft und Tech-
       nik, im  System der Forschung etc. ebenso ein wie bei ihrer Mate-
       rialisierung als  gesellschaftliche Produktivkräfte, als komplexe
       technologische Systeme im Betrieb, in einer Region, im Rahmen von
       gesellschaftlichen Infrastruktureinrichtungen  und im Maßstab der
       ganzen Volkswirtschaft.
       Fortschritte der  Gesellschaft oder  gar  der  Menschheit  können
       nicht auf  wissenschaftlich-technischem Wege zustande kommen. Die
       sachlichen und  ideellen Produktivkräfte  bringen Potentiale  zur
       Gestaltung der  Verhältnisse hervor,  nicht aber  die  Gestaltung
       selbst. Genau  deshalb ist eine generelle Umorientierung von Wis-
       senschaft und Technik erforderlich: weg von der Vertiefung inter-
       nationaler, sozialer,  ökologischer und  anderer Probleme, hin zu
       deren Lösung.  Wirksamkeit, Reichweite  und Entwicklungstempo der
       modernen Produktivkräfte müssen so gestaltet werden, daß sie ent-
       weder keine neuen Gefahren, Risiken und Belastungen hervorbringen
       (bzw. bestehende  zementieren), oder  daß diese  eingegrenzt  und
       möglichst sicher  gesellschaftlich beherrschbar  gemacht  werden.
       Sie müssen  dazu beitragen, Existenzbedingungen der Menschheit zu
       sichern, die  Arbeits-, Lebens-  und Umweltqualität  zu  erhöhen.
       "Wir beurteilen die neuen Technologien und die Produktivkraftent-
       wicklung insgesamt  danach, inwieweit  sie den Interessen des ar-
       beitenden Menschen,  der zugleich  die  Hauptproduktivkraft  ist,
       nutzen." 3)
       Dies sind  Kriterien für  alle  gesellschaftlichen  Bereiche  und
       Sphären. Eine demokratische Technologiepolitik verbindet sich vor
       allem mit  Wirtschafts-, Wissenschafts-  und Bildungspolitik. Sie
       ist als  Teil und im Rahmen einer alternativen Friedens- und Öko-
       logiepolitik zu  entwickeln. Besonders  in der Wirtschaftspolitik
       spitzt sich  dabei heute  die Konfrontation  zwischen einer  aus-
       schließlich profit-  und herrschaftssichernden Politik einerseits
       und einer die großen sozialen Probleme und besonders die Überwin-
       dung der  Massenarbeitslosigkeit in  Angriff nehmenden,  die  Ar-
       beits-, Lebens-  und ökologischen Bedingungen verbessernden Poli-
       tik andererseits zu.
       Neu sind  in der  wissenschaftlich-technischen Revolution die Di-
       mensionen, in  denen das  Leben gefährdet oder erleichtert werden
       kann, die  Anforderungen an  Erkenntnis und  Handeln: Es  geht um
       "eine neue Qualität von Voraussicht, Planmäßigkeit und Verantwor-
       tung sowie  entsprechende Sicherheitsmaßnahmen  und demokratische
       Kontrolle auf allen Ebenen, was letztlich nur unter den Bedingun-
       gen des gesellschaftlichen Eigentums an allen wichtigen Produkti-
       onsmitteln zu gewährleisten ist." 4)
       Alternative Technologiepolitik führt deshalb an die Notwendigkeit
       einer grundlegenden  Umgestaltung der internationalen Beziehungen
       und der  gesellschaftlichen Verhältnisse,  also auch  an  prinzi-
       pielle Kapitalismuskritik und die Diskussion um Notwendigkeit und
       Überlegenheit des  Sozialismus heran.  Sie führt auch an die Dis-
       kussion jener Fragen heran, die mit der Durchsetzung jeder alter-
       nativen Politik  unter den  gegebenen internationalen Bedingungen
       und gesellschaftlichen  Verhältnissen verbunden  sind. Gerade auf
       dem Felde  einer alternativen  Technologiepolitik wird  sichtbar,
       welche Aufgaben  und Chancen sich mit einer anderen Entwicklungs-
       variante des  staatsmonopolistischen Kapitalismus  ergeben,  also
       der schrittweisen  Durchsetzung einer  Reformkonzeption, die  die
       aggressivsten und  reaktionärsten Kräfte  und  Tendenzen  zurück-
       drängt und  zugleich Ansatzpunkte  zu sozialem und demokratischem
       Fortschritt schafft.  Für die  so  charakterisierte  gegenwärtige
       Kampfetappe muß auch eine ihr angemessene demokratische Technolo-
       giepolitik entwickelt  werden. Insofern ist hier die Zukunftsdis-
       kussion über unser Land unmittelbar berührt.
       Unter den  gegebenen gesellschaftlichen  und  Kräfteverhältnissen
       erwachsen Alternativen  vorrangig aus der Abwehr realer Gefahren,
       Belastungen, Risiken,  Mißbräuche. Es  scheint sich  auch auf dem
       Feld der Technologiepolitik zu bestätigen, was im Mannheimer Pro-
       gramm der  DKP als  Grundgedanke für  alle zukunftsentscheidenden
       Konflikte formuliert wurde: In der Abwehr von Verschlechterungen,
       in der  Verteidigung des  Erreichten treten  die Kräfte  auf  den
       Plan, die,  wenn sie sich formieren, eine Wende zu demokratischem
       und sozialem Fortschritt erkämpfen können. 5) Zwischen Abwehr und
       Gestaltung, Protest und Reform bestehen keine Schranken. Wer kri-
       tisiert, etwas  nicht will,  tut bereits  den ersten  Schritt zur
       Klärung dessen,  was er  will, wie die Alternativen aussehen kön-
       nen. Technologiepolitische  Alternativen beinhalten  eine  wider-
       spruchsvolle Einheit  von konsequenter  Verteidigung  bestehender
       Errungenschaften bzw. Rechte und in die Zukunft weisenden Reform-
       vorstellungen, die  ein anderes Kräfteverhältnis voraussetzen. Es
       geht immer zunächst um die Abwehr noch reaktionärerer Entwicklun-
       gen und  weltweiter Bedrohungen,  davon ausgehend um den Übergang
       zu einer  friedlichen, demokratischen,  ökologischen Politik. Wie
       lassen sich  vor diesem Hintergrund Alternativen der Technologie-
       politik umreißen?
       
       2.1 Internationale Kooperation statt Konfrontation,
       ---------------------------------------------------
       Abrüstung statt Aufrüstung
       --------------------------
       
       Die wissenschaftlich-technische  Revolution beeinflußt massiv die
       Entwicklung und  Auseinandersetzung der  beiden entgegengesetzten
       Gesellschaftssysteme. Die  enormen Potentiale  führen  einerseits
       vor Augen, daß wichtige Voraussetzungen gegeben sind, um die glo-
       balen Probleme zu lösen; die gewaltigen Destruktivkraftpotentiale
       unterstreichen zugleich,  daß der  Wettstreit der  beiden Systeme
       nur friedlich  ausgetragen werden  darf, wenn  die Welt überhaupt
       eine Zukunft  haben soll.  Die moderne  Wissenschaft und  Technik
       darf bei Strafe des Untergangs kein Mittel der Konfrontation mehr
       sein. Stopp und Zurückdrängung von Rüstungsforschung und -produk-
       tion erweisen  sich als  zentrale Frage  jeder  fortschrittlichen
       Neuorientierung in der Technologiepolitik.
       Eine solche  Friedensorientierung muß die militärisch vergeudeten
       wissen-schaftlichen-technischen  Kapazitäten  endlich  freisetzen
       für ihren  notwendigen Beitrag  zur Lösung der globalen Probleme.
       Schutz und  Wiederherstellung der  natürlichen  Lebensgrundlagen,
       die Erschließung  regenerativer  Energiequellen,  Ressourcenscho-
       nung, neue  ökologisch verträgliche Produktionsverfahren, Sicher-
       stellung der  Ernährungsgrundlagen der  Menschheit fordern  große
       Anstrengungen, die  nur über nationale Grenzen hinaus zu bewälti-
       gen sind.  Sie erfordern internationale Kooperation und Projekte,
       die  ihrerseits   dazu  beitragen   können,   Konfrontation   und
       "Steinzeitmentalität" abzubauen.
       In diesem  Sinne kann  man davon  sprechen, daß die wissenschaft-
       lich-technische Revolution  selbst Teil der globalen Probleme ge-
       worden ist und damit zu weltweiter Kooperation zwingt. Die Reali-
       tät sieht allerdings heute noch anders aus. Mit der Internationa-
       lisierung des Kapitals verbindet sich eine Vertiefung seiner Kri-
       senprozesse; die  globalen sozialen ("Schuldenkrise"!) und ökolo-
       gischen Probleme nehmen heute dramatische Formen an; nach wie vor
       herrscht eine gespannte internationale Atmosphäre unter dem Druck
       imperialistischer Hochrüstung  und des damit verbundenen Konfron-
       tationsstrebens.  Trotz  verschiedenster  Formen  internationalen
       Krisenmanagements und  supranationaler Kooperation  auch  in  den
       Ost-West-Beziehungen kann  insofern kaum von einer vorausschauen-
       den und  dem Problemdruck  gerecht werdenden  Politik zur  Lösung
       dieser globalen  Probleme gesprochen  werden. Im  Gegenteil.  Die
       Einbeziehung der  Wissenschafts- und  Technologiepolitik  in  den
       Konfrontations- und Hochrüstungskurs, ihre Ausrichtung an der ka-
       pitalistischen Weltmarktkonkurrenz  binden gewaltige  Ressourcen,
       führen zu  vielfältigen Deformationen  der Produktivkraftentwick-
       lung und  schließen zugleich  wachsende neue  Risiken ein,  die -
       etwa bei der Kernenergie, der Großchemie, wahrscheinlich auch der
       Gentechnik -  andere Länder und kommende Generationen, möglicher-
       weise auch  die Zukunft  der Erde  überhaupt betreffen. Auch hier
       ist internationale  Kooperation dringend  gefordert,  um  Risiken
       verringern und die Abhängigkeit von zu riskanten Verfahren, Anla-
       gen und Stoffen vermindern zu können.
       
       2.2 Anders arbeiten und produzieren - alternativ wirtschaften
       -------------------------------------------------------------
       
       Mit dem  Vordringen der  elektronischen  Informationsverarbeitung
       und generell  der neuen  Technologien wachsen in erheblichem Maße
       technische Möglichkeiten,  Arbeitsorganisation und  Funktionstei-
       lungen zwischen  Mensch und  Technik flexibler zu gestalten. Dies
       ist freilich ein langfristiger Prozeß, bei dem nicht einfach alle
       technischen Restriktionen  der Arbeit aufgehoben werden, aber sie
       werden doch  "lockerer". Gegensätzliche  Interessen  hinsichtlich
       der Organisation der Arbeit prägen sich damit stärker auch in ih-
       rer konkreten  technischen Gestaltung  aus. Im  Prinzip werden an
       jedem Arbeitsplatz  radikale Verbesserungen im Sinne der Arbeits-
       erleichterung und  -anreicherung  oder  Verschlechterungen  durch
       steigende Intensität,  Belastungen, Kontrollen  und Einengung von
       Spielräumen möglich.  Unbestreitbar ist  auch, daß mit wachsender
       Komplexität der  Produktions- und Arbeitsmittel auch die Anforde-
       rungen an  Qualifikation und Kenntnisse der Arbeitenden wachsen -
       auch wenn  dies heute  gleichfalls sich  nur als  ein sehr wider-
       sprüchlicher Prozeß durchsetzt. Die neuen Technologien schreiben,
       was die Gestaltung der Arbeitstechnik und -organisation betrifft,
       keine Lösung  vor, aber der Zwang wächst, auf sie Einfluß zu neh-
       men, mitzuplanen,  auszuwählen, zu gestalten. Das aber heißt: Was
       den arbeitenden Menschen zugute kommen soll, muß erkämpft werden.
       Unter der  Vorherrschaft des Großkapitals stehen Wissenschaft und
       Technik vorrangig im Dienst der Schwächung der gewerkschaftlichen
       wie der  politischen Arbeiterbewegung.  Der Strategiewechsel  der
       herrschenden Klasse  unter Ausnutzung  der Krise  - die Kündigung
       der bisherigen  Variante sozialintegrativer  Politik und  der An-
       griff zur Zurückdrängung der Machtpositionen und Errungenschaften
       der Arbeiterbewegung - ist auch durch den technologischen Umbruch
       in den Betrieben erleichtert worden.
       Flexibilisierung, "Deregulierung",  Einschränkung der kollektiven
       Gegenwehrmöglichkeiten, Druck  durch  Massenarbeitslosigkeit  auf
       den gesellschaftlichen  Gesamtarbeiter  -  das  sind  wesentliche
       Stichworte, die  die Richtung der Nutzung neuer Technik unter den
       gegenwärtigen Kräfteverhältnissen  durch die Unternehmer deutlich
       machen. Ihr  Ziel ist  es dabei  auch, einen "neuen sozialen Kon-
       sens" -  allerdings auf  wesentlich erniedrigtem  Niveau - zu er-
       zwingen, nicht zuletzt die soziale Akzeptanz der kapitalistischen
       Nutzung neuer Technologien.
       Eine zentrale  Forderung alternativer  Technologiepolitik  lautet
       daher ausgehend  von den  Gestaltungsmöglichkeiten neuer Technik:
       Kürzere, qualifiziertere,  belastungsärmere Arbeit für alle, Auf-
       gabenbereicherung und soziale Kontakte statt Arbeitsplatzvernich-
       tung, Intensivierung, Vereinseitigung, Entqualifizierung und Iso-
       lation. Alternative  Technologiepolitik ist  beschäftigungsorien-
       tiert, sie  zielt auf  menschengerechte Arbeitsgestaltung,  wach-
       sende Qualifikation in der Arbeit für alle.
       Mit einer  bloßen  Arbeitsplatzorientierung  kann  es  allerdings
       nicht sein  Bewenden haben.  Demokratische  Beschäftigungspolitik
       und Arbeitsgestaltung  führen zwangsläufig zu bildungs- und wirt-
       schaftspolitischen Forderungen  und Initiativen.  Es geht um eine
       aktive, offensive  Bildungspolitik, die  sich gegen alte und neue
       Benachteiligungen wendet,  "Auslese" und  "Eliten" ersetzen  soll
       durch qualifiziertere,  breitere  Allgemein-  und  Berufsbildung,
       ständige, sozial gesicherte Weiterbildung.
       Das Feld  politischer und  sozialer Interessenvertretung wird für
       die Arbeiterklasse  breiter. Hinsichtlich  der gewerkschaftlichen
       Tarifpolitik wird (so zum Beispiel auf dem letzten Gewerkschafts-
       tag der  IG Metall) zunehmend diskutiert, daß es nicht alternativ
       um Forderungen nach höheren Löhnen, kürzerer Arbeitszeit oder we-
       niger Belastung  gehen kann, sondern daß diese Forderungen im Zu-
       sammenhang und  unter Einschluß der Arbeits-, Technik- und Quali-
       fikationsgestaltung zu  stellen sind.  Die Zuspitzung  in der Ar-
       beitszeitfrage, im  Kampf um die Verkürzung der Wochenarbeitszeit
       steht dem  nicht entgegen,  sondern sie bündelt die verschiedenen
       Ansprüche.
       Alternative Technologiepolitik  bezieht sich  nicht  nur  darauf,
       w i e   produziert wird,  sondern hängt  untrennbar auch  mit der
       Frage zusammen,   w a s   produziert wird. Zukunftssichere, sinn-
       volle Arbeit  läßt sich  nur für  gesellschaftlich nützliche Pro-
       dukte leisten. Exportorientierte Modernisierung, "High-Tech"-Kon-
       kurrenz, zunehmende  Rüstungsproduktion führen zu Vereinseitigun-
       gen der  Wirtschaft, provozieren  und verschärfen Strukturkrisen.
       Gleichzeitig bleiben  Bedürfnisse oft  unbefriedigt, zum Beispiel
       weil Massenkaufkraft fehlt, vor allem bei Arbeitslosen und in die
       "neue Armut"  Gedrängten. Technologiepolitische Alternativen müs-
       sen daher im Rahmen von wirtschaftspolitischen Alternativprogram-
       men entwickelt  werden. Ein  sozial-ökologisch orientiertes  100-
       Milliarden-Beschäftigungsprogramm würde  nicht nur die Arbeitslo-
       sigkeit verringern,  sondern auch vernachlässigte Problembereiche
       wie Umwelt,  Gesundheit, Wohnungs-  und Verkehrswesen  in Angriff
       nehmen. Daraus  ergeben sich  zugleich neue  Schwerpunkte für die
       Forschungs- und  Technologieentwicklung, eine tendenzielle Abkehr
       von der bisherigen profitorientierten Ausrichtung.
       Wirtschafts-  und  technologiepolitische  Alternativen  benötigen
       bundesweite Programme.  Auf dieser  Basis können regionale struk-
       turpolitische Alternativen besser greifen. Die Einheit von regio-
       nalen Lösungsansätzen  dort, wo  sich Strukturprobleme zuspitzen,
       und gesamtgesellschaftlichen Alternativen wird zum drängenden Er-
       fordernis für realistische Kampfperspektiven.
       
       2.3 Wende zu einer neuen Richtung der Produktivkraftentwicklung
       ---------------------------------------------------------------
       
       Mit dem Vergesellschaftungsschub der wissenschaftlich-technischen
       Revolution wird der Übergang zu planmäßiger, sozialer, ökologisch
       ausgerichteter und demokratisch geplanter Produktion objektiv im-
       mer dringender.  Der staatsmonopolistische Kapitalismus kann die-
       sen Anforderungen  im Prinzip  zwar nicht gerecht werden, aber er
       verfügt über  beachtliche und  durch die  WTR gesteigerte  Anpas-
       sungsfähigkeiten zur Schaffung neuer Bewegungsformen der privaten
       Kapitalverwertung. Die  Verwertungslogik stößt hierbei immer wie-
       der auf  Grenzen, die  das Kapital  nur um den Preis neuer Wider-
       sprüche hinausschieben, aber nicht grundsätzlich überwinden kann.
       Arbeitskräfte sollen  einerseits verdrängt  werden,  andererseits
       aber stellt  sich zunehmend heraus, daß in erheblichem Umfang mo-
       tivierte und  qualifizierte Kräfte  benötigt werden, zum Beispiel
       bei CIM-Strategien.  Massiv geraten kurz- und langfristige Inter-
       essen beim  Schutz und Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen in
       Konflikt.    Die     Durchsetzung    der    weltmarktorientierten
       "Modernisierung" im  Interesse des Monopolkapitals wird mit wach-
       senden inneren Struktur-und Regionalkrisen bezahlt.
       Richtung und  Inhalt der  Produktivkraftentwicklung werden zuneh-
       mend zum  Gegenstand von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.
       Gesellschaftlichen Fortschritt durchzusetzen, ja die Existenz der
       Menschheit zu sichern, bedeutet heute mehr denn je, gesellschaft-
       liche Bedürfnisse von einem prinzipiell gegen die monopolistische
       Kapitalverwertung gerichteten Interessenstandpunkt zu definieren.
       Der Antagonismus  von Lohnarbeit  und Kapital  ist und bleibt die
       Grundachse der  sozialen Konflikte;  die Interessen der Arbeiter-
       klasse und die Massen der Lohnabhängigen müssen insofern der zen-
       trale Bezugspunkt jeder langfristig erfolgversprechenden Alterna-
       tivkonzeption sein.  Von hier  aus sind heute in der Auseinander-
       setzung um die Orientierung von Wissenschaft und Technik auch An-
       forderungen an  die Produktivkraftentwicklung  zu stellen. Stich-
       worte sind in diesem Zusammenhang:
       - Aufbau und  Nutzung größerer  Kapazitäten für den Umweltschutz,
       die sozialen  Dienste, das  Bildungswesen, ein  neues Verkehrssy-
       stem;
       - Ökologisierung der Produktion durch drastische Verminderung der
       Schadstoffemission, zunehmend  abproduktfreie Verfahren, Ressour-
       censchonung, Schutz und Wiederherstellung der natürlichen Lebens-
       grundlagen;
       - Umstellung der  Landwirtschaft auf  gesundheits- und umweltver-
       trägliche Produktionen;
       - Verwissenschaftlichung und Demokratisierung der Entwicklung und
       Anwendung neuer Technologien.
       Wirkungs- und  Sicherheitsforschung, Folgeabschätzungen  und Ver-
       träglichkeitsprüfungen müssen  zum untrennbaren  Bestandteil  der
       Produktivkraftentwicklung gemacht  werden. Es ist möglich und er-
       forderlich, neue Verfahren und Produkte grundsätzlich in Alterna-
       tiven und  Varianten zu  entwickeln, um  Auswahlmöglichkeiten  zu
       vergrößern, insbesondere  in Risikobereichen  (Energie-, Chemie-,
       Ernährungswirtschaft z.B.).
       Die Entscheidung  über Forschungs-  und Entwicklungsschwerpunkte,
       Risiken und  Chancen der  Produktivkraftentwicklung dürfen  nicht
       länger den  Großkonzernen und von ihnen abhängigen Experten über-
       lassen bleiben. Das erfordert größtmögliche Öffentlichkeit, stän-
       dige Aufklärung,  wachsende Prüfungs-  und Kontrollmöglichkeiten.
       Die arbeitenden Menschen dürfen nicht bevormundetes, überwachtes,
       in Existenzunsicherheit gehaltenes "Anhängsel" moderner Maschine-
       rien sein.  Die modernen Produktivkräfte müssen für sie real ver-
       stehbar, beeinflußbar,  kontrollierbar und nützlich sein. Deshalb
       sind heute  aller Ideenreichtum,  alles Engagement  gefordert, um
       Kenntnisse und  Einflußmöglichkeiten der  arbeitenden Menschen zu
       vergrößern: mehr  Veto- und Mitbestimmungsrechte, Schaffung eines
       Systems von  Verträglichkeits- und Sicherheitsprüfungen, ständige
       Aufklärung durch  Wissenschaftler und Gewerkschaften. Dementspre-
       chend sind gesetzliche und tarifvertragliche Regelungen zu schaf-
       fen oder auszubauen.
       
       3. Anforderungen an organisiertes Handeln
       -----------------------------------------
       
       Der Kampf um die Durchsetzung einer alternativen Technologiepoli-
       tik erfordert angesichts der zunehmenden Differenzierungen in der
       Sozialstruktur und  speziell der Arbeiterklasse viele Anstrengun-
       gen zur Klärung und Formulierung der gemeinsamen Interessen, For-
       derungen und  Prioritäten. Hegemoniefähig  wird nur,  wer in  der
       Lage ist,  die verschiedenen  sozialen, politischen und geistigen
       Vorstellungen der Arbeiterklasse in ein schlüssiges Gesamtkonzept
       zu integrieren und mit den Interessen benachbarter nichtmonopoli-
       stischer Schichten  zu verbinden.  Niemand sollte  annehmen,  daß
       dies ein  leichter Prozeß  wäre und  das Gemeinsame schon auf der
       Hand liegen könnte.
       Sogenannte "Rationalisierungsverlierer" und "Rationalisierungsge-
       winner", qualifizierte  und weniger  qualifizierte Arbeitskräfte,
       Frauen und Männer, Arbeiter ausländischer oder deutscher Herkunft
       - sie  alle müssen  bereit sein, für gemeinsame Ziele zu kämpfen.
       Hinzu kommt,  daß auch  die Verschärfung  der Strukturprobleme in
       einigen  Regionen  hohe  Anforderungen  an  die  Solidarität  der
       Arbeiterklasse  stellt,   ebenso  an  ihre  Fähigkeit,  sich  auf
       gemeinsame  Positionen  für  eine  diesem  Problem  entsprechende
       Wirtschafts- und Technologiepolitik zu einigen.
       Eine tragfähige  Alternative zu den großkapitalistischen Moderni-
       sierungskonzeptionen kann  sich nur  als Annäherung von Zukunfts-
       vorstellungen, als  konzeptionelle Übereinkunft  gerade der demo-
       kratischen Kräfte entwickeln. Ein breiter Verständigungsprozeß in
       der politischen  und gewerkschaftlichen  Arbeiterbewegung,  unter
       Wissenschaftlern wie  Arbeitern, Jugendlichen  wie Älteren  steht
       an, nicht  nur im Interesse gemeinsamer Forderungen, sondern auch
       gemeinsamer Aktivitäten.
       Einige Gesichtspunkte  für diese Alternativen haben wir aus unse-
       rer Sicht  oben dargelegt.  Hinzu kommen nicht oder nur unzuläng-
       lich geklärte Fragen, auf die noch in breiter demokratischer Dis-
       kussion Antworten gefunden werden müssen. Wir möchten einige die-
       ser Fragen kurz benennen:
       - Liegt es  im wesentlichen am gegenwärtig ungünstigen Kräftever-
       hältnis, wenn  die arbeitenden Menschen im allgemeinen, die demo-
       kratische und  Arbeiterbewegung im besonderen von den technologi-
       schen Umwälzungen  sozusagen überrollt  werden? Oder  übersteigen
       Tempo, Wirksamkeit  und Reichweite  dieser Umwälzungen allmählich
       jedes menschliche  Maß? Fehlt es nur an Einflußmöglichkeiten oder
       stellt die  Einflußnahme zumindest derzeit eine Überforderung dar
       (wer kann  zum Beispiel  verantwortlich entscheiden,  welche gen-
       technischen Entwicklungen und Anwendungen es geben soll)?
       Nach unserer  Überzeugung läßt  sich diese Frage nicht spekulativ
       beantworten, sondern erst auf der Grundlage reicherer praktischer
       Erfahrungen und  intensiverer theoretischer Diskussionen. Aber es
       bleibt zu beachten: Angesichts der Dimension vieler neuer Risiken
       können bestimmte  Gefahren nicht  mehr einfach "ausprobiert" wer-
       den, müssen Grundsatzentscheidungen unter Umständen im voraus ge-
       troffen werden.  Hieraus ergeben  sich auch für die Arbeiterbewe-
       gung ganz  neue Probleme der "Technologiebewertung", zum Beispiel
       im Sinne einer stärkeren Orientierung am Prinzip der Vorsicht.
       - Bleibt vor  diesem Hintergrund  die Aussage richtig, daß es we-
       sentlich um  einen Gestaltungsprozeß  geht, in dessen Verlauf zur
       Durchsetzung eigener  Interessen auch Protest- und Blockadeorien-
       tierungen sinnvoll  sind? Oder  gewinnt die  Blockierung der Ent-
       wicklung und  Anwendung neuer  Technologien einen  herausragenden
       Stellenwert?
       Aus jahrzehntelangen Erfahrungen weiß die Arbeiterbewegung um den
       Zusammenhang von  Verweigerungen einerseits,  dem Durchsetzen von
       Verbesserungen andererseits.  Jeder Streik ist eine Verweigerung,
       zielt aber  auf Verbesserungen  der eigenen Lage. Diese Erfahrung
       kann jedoch nicht einfach auf die wissenschaftlich-technische Re-
       volution übertragen werden.
       Das neue  Problem, das  sich stellt,  besteht darin,  daß Gestal-
       tungs- und  Mitbestimmungsansprüche bislang  in der Regel zu spät
       kamen, also  den Charakter nachträglicher Korrektur hatten. Heute
       geht es  aber zunehmend  darum, Folgen  vorauszusehen, schädliche
       oder riskante  Wege gar  nicht erst  einzuschlagen.  Erforderlich
       wird vorausschauende Gestaltung, das heißt auch Auswahl.
       Nach unserer  Überzeugung stellt  dies nicht prinzipiell Reformen
       in Frage,  wohl aber ihr verbreitetes Verständnis in der demokra-
       tischen und  Arbeiterbewegung.  Reformkonzeptionen  können  nicht
       mehr für  isolierte Bereiche  entwickelt werden, sie können nicht
       mehr nur auf lokale oder regionale Gegebenheiten zielen. Reformen
       müssen eingebettet  sein in  ein gesellschaftliches Gesamtkonzept
       "neuer Politik" und antimonopolistischer Orientierung, Vorausset-
       zungen und  Folgen in  verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen
       mit einbeziehen, Entscheidungen auf nationaler Ebene und interna-
       tionale Kooperation abfordern.
       - Gibt es  überhaupt eine  einheitliche Problemstellung  für alle
       neuen Technologien?  Bestimmte Grundprobleme  - etwa: ungünstiges
       Kräfteverhältnis, militärischer  Mißbrauch, Gestaltungs- und Qua-
       lifizierungszwang -  erscheinen  relativ  gleich.  Ist  es  nicht
       trotzdem notwendig,  stärker zu  unterscheiden zwischen verschie-
       denen Hauptrichtungen des technologischen Umbruchs?
       Ein Schlüsselprozeß,  vermutlich der  langfristig  entscheidende,
       besteht in  der Durchsetzung  eines grundsätzlich  neuen Typs von
       Arbeitsmitteln: der  "intelligenten" Anlage, auf die geistige Ar-
       beitsfunktionen übertragen  werden können.  In  dieser  Umwälzung
       entsteht eine  Fülle neuer Fragen, Probleme und Chancen. Trotzdem
       verhält es sich offenbar so, daß in einem recht hohen Maße Erfah-
       rungen aus  der betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeit ange-
       wandt werden können. Tarifpolitik und Betriebsvereinbarungen kön-
       nen Rationalisierungsschutz,  Arbeitszeitverkürzung,  progressive
       Arbeitsinhalte durchsetzen.  Die - wenn auch unzulänglichen - In-
       formations- und  Mitbestimmungsrechte  nach  dem  Betriebsverfas-
       sungsgesetz können offensiv genutzt, ihre Ausweitung kann auf die
       Tagesordnung gesetzt werden.
       Bei einem anderen Schlüsselprozeß, der neuartigen Nutzung von Na-
       turkräften, scheinen  die Bedingungen und Probleme wesentlich an-
       ders zu  sein. Bei  Kernenergie, Großchemie,  möglicherweise auch
       Gentechnik, sind  derart  gefährliche  Stoffe  und  Verfahren  im
       Spiel, daß  den Risiken  nicht mit den "konventionellen" Methoden
       des "Abfederns"  und Abmilderns  sozialer Folgen  begegnet werden
       kann. Das  Entstehen der  Ökologiebewegung signalisiert in diesem
       Zusammenhang eine  neue Qualität  der Anforderungen  an  Politik,
       Ökonomie und Ideologie.
       Nach unserer Überzeugung bleiben schematische Gleichsetzungen der
       verschiedenen Hauptrichtungen des technologischen Umbruchs unpro-
       duktiv. ISDN-Netze und Kernkraftwerke bringen jeweils spezifische
       Probleme und  Risiken mit sich, auch wenn es bei diesen großtech-
       nischen Einrichtungen  wichtige Parallelen  gibt. Umgekehrt  kann
       den Risiken  durch die Freisetzung gentechnisch veränderter Lebe-
       wesen auf  traditionellen Entscheidungswegen nur absolut unzurei-
       chend begegnet  werden -  sowohl im parlamentarischen wie auch im
       betrieblichen Raum.
       Eine andere Verzahnung von Wissenschaft und Politik, ein intensi-
       verer Meinungsaustausch  zwischen verschiedenen Massenbewegungen,
       besonders zwischen Arbeiterbewegung, demokratischen Wissenschaft-
       lern und  Bürgerinitiativen, scheint  ebenso erforderlich wie die
       Entwicklung neuer politischer Instrumentarien, seien es neue Kon-
       trollgremien oder zum Beispiel Volksentscheide.
       Die Diskussion dieser - und anderer - offener Fragen wie die Ent-
       wicklung von Alternativen erweisen sich als demokratische Heraus-
       forderung: Wer  im Bevölkerungsinteresse handeln und mehrheitsfä-
       hig werden  will, muß  aufklärend wirken,  massenhaft Bedürfnisse
       aufgreifen, verschiedenartige  Meinungen einbeziehen,  Gemeinsam-
       keiten entwickeln.  Erst so  kann Gegenmacht  möglich und wirksam
       werden.
       Eine demokratische  Technologiepolitik erfordert  einerseits gün-
       stigere politische Kräfteverhältnisse, andererseits muß sie diese
       auf ihren  Feldern wesentlich  mit herbeiführen. Dazu gehört vor-
       rangig:
       - die Stärkung  und Dynamik  außerparlamentarischer Bewegung, be-
       sonders der Arbeiterbewegung;
       - die Festigung  von Aktionseinheits- und Bündnisbeziehungen zwi-
       schen allen  sozialen und  politischen Kräften,  die objektiv ein
       Interesse an demokratischen Veränderungen haben;
       - Fortschritte  in der  Verständigung der  oppositionellen Kräfte
       über Alternativen zur herrschenden Politik;
       - Stärke, Organisiertheit  und Ausstrahlungskraft der Linken, be-
       sonders der marxistischen Kräfte.
       Von diesen Faktoren hängen sehr direkt Stärke und Einfluß der Ar-
       beiterbewegung, ihre  Politik- und Handlungsfähigkeit ab. Erfolge
       haben zur Voraussetzung, daß es gelingt, alle Teile der Arbeiter-
       klasse, die Arbeitenden wie die Arbeitslosen, die gegenwärtig Be-
       schäftigten und die Nachwachsenden, Frauen und Männer zusammenzu-
       führen. Diese Integration und Solidarisierung muß untrennbar ver-
       bunden sein mit der konsequenten Hinwendung zu den qualifizierten
       Teilen der  Arbeiterklasse und  zur  wissenschaftlich-technischen
       Intelligenz. Ohne  diese  Schlüsselgruppierungen  und  -schichten
       kann nicht genug Durchschlagskraft entwickelt werden.
       Nach unserer Überzeugung bedarf es bei allen demokratischen Kräf-
       ten einer  gründlichen Diskussion  über  ihre  Integrations-  und
       Bündnisfähigkeit, gerade  auch gegenüber diesen wachsenden Teilen
       der lohnabhängig  Beschäftigten. Es erscheint auch deshalb beson-
       ders dringlich,  derartige Fähigkeiten  weiterzuentwickeln,  weil
       diese Gruppierungen nicht im luftleeren Raum leben, sondern poli-
       tisch und geistig stark umkämpft sind. In den qualifizierten Tei-
       len der  Arbeiterklasse sind  reformistische Einflüsse  besonders
       stark, in  der wissenschaftlich-technischen  Intelligenz wirken -
       bei noch geringem gewerkschaftlichen Organisationsgrad - vielfäl-
       tige konservative Einflüsse.
       Was in  diesem Zusammenhang  Siegfried Bleicher für die IG Metall
       feststellt, sollte  alle Kräfte  der Arbeiterbewegung anregen. Er
       geht in  seinem Papier "Solidarität 2000" davon aus, daß die Mit-
       gliederstruktur der  IG Metall  die Veränderungen in der Beschäf-
       tigtenstruktur ungenügend widerspiegelt, vor allem die starke An-
       teilszunahme der Angestellten in den Betrieben. Nach seiner Über-
       zeugung muß das auch zu neuen Überlegungen hinsichtlich der Ziel-
       gruppen  und   der  Anlage   gewerkschaftlicher  Arbeit   führen:
       "Umfragen unter  Arbeitnehmern machen ... deutlich, daß die poli-
       tischen Auffassungen  und Einstellungen von Facharbeitern und An-
       gestellten größere  Gemeinsamkeiten und größere Übereinstimmungen
       aufweisen, als  dies beispielsweise in den Auffassungen von Fach-
       arbeitern und  an- und  ungelernten Arbeitern  der Fall ist." Be-
       wußtsein und  Handeln dieser  entscheidenden Zielgruppen entsteht
       nach Bleicher  "nicht mechanisch oder wie eine chemische Reaktion
       dadurch, daß sich die Arbeits- und Lebensumstände verschlechtern.
       Kritische Denkpotentiale  entwickeln sich an glaubwürdigen, nach-
       vollziehbaren Alternativen."  Es gelte, "die über den Tag hinaus-
       weisenden gesellschaftspolitischen  Alternativen und  Utopien der
       Arbeiterbewegung wieder  aufzugreifen". 6)  Mit Blick  auf  diese
       Zielgruppen sprach  Klaus Zwickel auf dem Gewerkschaftstag der IG
       Metall von  einem "neuen Belegschaftstypus", der gewohnt ist, "im
       Team zu  arbeiten, sich auch ständig mit verschiedenen Lösungswe-
       gen auseinanderzusetzen. Er will keine Formeln, sondern individu-
       ell überzeugt  werden. Er  will nicht glauben, sondern wissen, er
       ist es  aber nicht gewohnt, seine Meinung erst dann einbringen zu
       können, wenn  er einen  bestimmten Status  erreicht hat, zum Bei-
       spiel als  Vertrauensmann. ...  Es wird  darauf ankommen, gewerk-
       schaftliche Arbeitsformen  zu entwickeln bzw. weiterzuentwickeln,
       wo nicht erst langweilige Formalien abgewickelt werden müssen, um
       zu inhaltlichen Diskussionen, gerade mit diesem Personenkreis, zu
       kommen." 7)
       Es geht  nach diesen  Vorstellungen also  nicht nur  um die Suche
       nach neuen  kampfstarken Teilen  der  Arbeiterbewegung.  Es  geht
       ebenso um  neue Chancen  zur Entwicklung der Identität der Arbei-
       terklasse, die heute immer weniger durch kollektive Arbeitserfah-
       rungen und immer mehr durch Überzeugungsarbeit entsteht.
       Die gegenwärtige  Umbruchperiode und  speziell die  wissenschaft-
       lich-technische Revolution erfordern offenbar ein erweitertes und
       vertieftes Verständnis  von Arbeiterpolitik,  vor allem ein stär-
       keres Anknüpfen  an geistigen  Prozessen und  Bedürfnissen in der
       Arbeiterklasse. Damit stellen sich in der politischen und gewerk-
       schaftlichen Arbeiterbewegung auch neue Anforderungen an Qualifi-
       kationen und  Kompetenz, geistige  Beweglichkeit, Aufgeschlossen-
       heit und konsequentes, ehrliches Vertreten der eigenen Position.
       
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       1) Michail Gorbatschow,  Bericht  an  den  XXVII.  Parteitag  der
       KPdSU, in: Sowjetunion zu neuen Ufern?, Düsseldorf 1986, S. 128.
       2) Siehe dazu:  Kommunisten und  neue Technologien. Stellungnahme
       der DKP zur Technologiepolitik. Hrg. Parteivorstand der DKP, Düs-
       seldorf 1985; Thesen des 8. Parteitags der DKP, Düsseldorf 1986.
       3) Thesen des 8. Parteitages der DKP, a.a.O., S. 47.
       4) Ebd., S. 48.
       5) Vgl. Programm der DKP, Düsseldorf 1978, S. 33 f.
       6) IG Metall,  Abtlg. Angestellte,  Solidarität 2000, Manuskript,
       Frankfurt/M. 1987, S. 5 ff.
       7) 15. ord.  Gewerkschaftstag der  IG Metall, Protokoll d. 3. Ta-
       ges, Frankfurt/M. 1986, S. 279.
       

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