Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       VORWORT
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       Tiefgreifende Veränderungen  und bedrohliche  Entwicklungen,  die
       sich in weiten Bereichen unserer Welt und unseres Lebens vollzie-
       hen, legen  es offensichtlich quer durch alle politisch-theoreti-
       schen Lager  nahe, die  Situation der Gegenwart mit Begriffen wie
       "Umbruch" zu  kennzeichnen. Um  so dringlicher  ist es für Marxi-
       sten, zu  einem tieferen  materialistischen und historischen Ver-
       ständnis vorzudringen.  Band 9  der Marxistischen Studien fragte,
       ob sich  die wesentlichen  Entwicklungslinien der  Bundesrepublik
       bis zum  Jahr 2000  als Momente  einer "Umbruchperiode" verstehen
       lassen; Band  11 analysierte vor allem die Wandlungen in den öko-
       nomischen Existenzbedingungen  der kapitalistischen  Staaten  und
       erörterte imperialistische Entwicklungsvarianten sowie Alternati-
       ven der  Arbeiterbewegung. Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes
       stehen Fragen,  die sich  mit der  neuen Qualität  der Produktiv-
       kraftentwicklung in  der wissenschaftlich-technischen  Revolution
       ergeben: als  Problem und  Notwendigkeit,  diese  Kräfte  gesell-
       schaftlich zu beherrschen, wie als kapitalbestimmte Umwälzung von
       Technik und Arbeit, die Gegenmacht und Alternativkonzeptionen der
       Arbeiterbewegung herausfordert.
       Wissenschaftliche Erkenntnis und menschliche Einflußnahme auf Na-
       tur und  Gesellschaft erreichen gegenwärtig neue Dimensionen. Of-
       fensichtlich ist,  daß expandierende Veränderung der gesamten Um-
       welt und  komplexe Erkenntnis  der globalen  Folgen dieser Praxis
       auseinanderfallen, während  die Diskussion über verantwortungsbe-
       wußte Konsequenzen  aus diesem  Widerspruch unentwickelt und ein-
       flußlos ist. Die Beiträge des ersten Blocks beschäftigen sich aus
       gesellschaftswissenschaftlicher wie aus mathematisch-naturwissen-
       schaftlicher Sicht  mit Aspekten dieses Problemkreises. Um zu be-
       stimmen, was  Regulierung  oder  Beherrschung  des  Stoffwechsels
       Mensch-Natur zukünftig  sinnvoll nur  sein kann,  bedarf  es  ge-
       nauerer Analyse  der neuen  Qualität der wissenschaftlich-techni-
       schen Produktivkräfte,  ihrer spezifischen Entwicklung und Defor-
       mation im  Ergebnis der kapitalbestimmten Herausbildung sowie ih-
       rer Widerspiegelung  im Weltbild. Es bedarf gleichermaßen sachli-
       cher Information  über die  gegenwärtigen Möglichkeiten, komplexe
       Systeme in  Natur und  Technik wissenschaftlich  zu erkennen  und
       technisch zu  regeln. In  diesem Zusammenhang  ist auch der unter
       der Rubrik  "Diskussionen" plazierte  Bericht von einer Konferenz
       zum Thema "Fortschritt" zu lesen.
       Die zwei  folgenden Beiträge  versuchen, in der Analyse konkreter
       Komplexe von Forschung, Technik, Produktion und Infrastruktur Wi-
       dersprüche und Deformationstendenzen aktueller Produktivkraftent-
       wicklung in der Bundesrepublik zu erfassen.
       Gestützt auf  die elektronischen informationsverarbeitenden Tech-
       nologien, halten  die Systeme "neuer Technik" an den Arbeitsplät-
       zen Einzug.  Konzipiert und  realisiert im unternehmerischen Ver-
       wertungsinteresse, dienen  sie dem  Übergang zu  neuen Formen der
       Rationalisierung. Diesen Prozeß, seine Durchsetzung und seine Wi-
       dersprüche auf  verschiedenen Feldern der Arbeit und der Beschäf-
       tigten erörtern die Beiträge des dritten Themenblocks. Sie werden
       ergänzt durch den Bericht von einem Kolloquium über wissenschaft-
       lich-technische Revolution  und Krise  des staatsmonopolistischen
       Kapitalismus (unter "Diskussionen").
       Unter den  Bedingungen von  Krise, Massenarbeitslosigkeit und zu-
       nehmender Segmentierung der Arbeiterklasse bilden die neuen Tech-
       nologien Grundlage und Legitimation einer weitgespannten Flexibi-
       lisierungsoffensive des  Kapitals. Ungehemmte  Verfügbarkeit  der
       lebendigen Arbeit und Brechung autonomer Gegenmachtpotentiale der
       Arbeiterbewegung werden als Mittel im Kampf um die Weltmärkte an-
       gestrebt. Im  vierten Themenblock  wird das unternehmerische Kon-
       zept in  seinen gesellschaftlichen  und betrieblichen Dimensionen
       analysiert. "Kann  der Kampf  um das Normalarbeitsverhältnis eine
       vereinheitlichende und politisierende Perspektive gewerkschaftli-
       cher Strategie  werden?" und "Wie sind Stand, Probleme und Anfor-
       derungen an technologiepolitische Positionen der Arbeiterbewegung
       in der  Umbruchperiode zu bestimmen?" lauten die zentralen Frage-
       stellungen.
       Einen weiteren  Schwerpunkt bilden Beiträge zu Aspekten der poli-
       tischen Entwicklung  in der Bundesrepublik. Angeregt durch neuere
       sowjetische Arbeiten,  wird die  Frage gestellt,  ob das  Konzept
       "politische Kultur"  der marxistischen Analyse eine weitere wich-
       tige Dimension  erschließt. Sachlich  stehen im Zentrum neue Ten-
       denzen politischen  Bewußtseins und  Verhaltens (v.a.  der Jugend
       und der Wähler), die mit den Umbrüchen in der Sozial- und Genera-
       tionenstruktur verbunden sind, sowie Untersuchungen zu Strategien
       und Potentialen im Bereich von Konservatismus und Neofaschismus.
       Zu einigen  Thesen, die  in Band  12  der  Marxistischen  Studien
       "Internationale Marx-Engels-Forschung"  entwickelt wurden, veröf-
       fentlichen wir eine kritische Replik.
       Der aufmerksame  Leser der  Rubrik "IMSF 1987" wird bemerken, daß
       sich aus  der Arbeitsrichtung  Marxistische Friedensforschung ein
       "Zentrum für Marxistische Friedensforschung" (ZMF) beim IMSF ent-
       wickelt hat;  wir hoffen,  daß seine  Ergebnisse demnächst in den
       Marxistischen Studien  vorgestellt werden  können.  Band  14  er-
       scheint im  Frühjahr 1988 und wird aus Anlaß des 200. Jahrestages
       ausschließlich dem  Thema "Die Französische Revolution 1789-1989.
       Revolutionstheorie heute"  gewidmet sein. Die Fragestellungen der
       Gegenwart sollen dabei den gebührenden Platz einnehmen.
       Gernot Kiefer  ist zu danken für die redaktionelle und technische
       Mitarbeit bei der Fertigstellung des vorliegenden Bandes.
       
       Frankfurt am Main September 1987
       Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF)
       

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