Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       FREIHEIT, GLEICHHEIT UND DIE FRAUEN
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       Dominique Godineau
       
       1. Das  weibliche Engagement  in der Revolution - 1.1 Die weibli-
       chen Massen  - 1.2  Die Besonderheit  des  weiblichen  Teils  der
       Volksbewegung - 2. Die Rechte der Frauen - 2.1 Welche Naturrechte
       für die Frauen? - 2.2 Die Republikanerin, eine "freie Frau"
       
       Bei den  revolutionären Ereignissen,  den vielen  gegensätzlichen
       politischen Konzeptionen und verschiedenen Gesellschaftsentwürfen
       fehlten die  Frauen, besonders  die Frauen  des Volkes, nicht. Es
       gab im Gegenteil in den Jahren 1789"1795 eine wichtige revolutio-
       näre Bewegung  von Frauen,  die nicht,  wie so  häufig behauptet,
       eine Randerscheinung der Revolution war, sondern ein wesentlicher
       Teil der Volksbewegung. Diese Frauen bildeten den weiblichen Teil
       der Volksbewegung  und können  nicht isoliert  von ihr betrachtet
       werden.
       Die Frauen  waren keine  homogene Einheit. Wenn sie ihre Lage als
       Frau miteinander  verband, so trennten sie politische und soziale
       Unterschiede. Einige  ergriffen für,  andere gegen die Revolution
       Partei: Jede  Verallgemeinerung wäre  also  irreführend.  Deshalb
       halten wir  uns hier an den weiblichen Bestandteil der Volksbewe-
       gung, der  von Frauen  gebildet wurde, die - in unterschiedlichem
       Maße - für die Revolution eintraten.
       Unter ihnen zeigten einige ein bemerkenswertes Engagement und ein
       ziemlich durchgängiges  Interesse für  die revolutionären  Ziele:
       Diese  Aktivistinnen  (oder  Strickweiber,  wie  man  sie  nennen
       sollte) bildeten  die weibliche  Sansculotterie. Aber auch andere
       Frauen, wenn  sie auch  keine Aktivitäten zeigten, waren doch der
       Revolution und  ihren Zielen  verbunden: Zusammen mit den Aktivi-
       stinnen bildeten sie die weiblichen Volksmassen.
       
       1. Das weibliche Engagement in der Revolution
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       Obwohl immer  Bestandteil der  Volksbewegung, zeigt der weibliche
       Teil doch  zeitweise Eigenheiten. Die Frauen heben sich durch ih-
       ren spezifischen Beitrag im revolutionären Prozeß hervor.
       
       1.1 Die weiblichen Massen
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       Es lassen  sich drei  Phasen hervorheben,  in denen die Aktivität
       der Frauen sich mit Nachdruck zeigt. Im Oktober 1789 begeben sich
       die Pariserinnen zum König nach Versailles und fordern Brot. Kurz
       nach ihnen  trifft die Nationalgarde ein, um die Frauen zu unter-
       stützen. Im  Mai 1793, als die Gironde und die Montagne sich hef-
       tig im Konvent streiten, unterstützen die Aktivistinnen, die sich
       um die  "Gesellschaft der  revolutionären republikanischen Bürge-
       rinnen" gruppieren,  die Montagne  und rufen zum Aufstand auf: Es
       gab also  eine starke weibliche Fraktion innerhalb der Sansculot-
       terie. Schließlich, im Frühjahr des Jahres III (1795), spielt die
       Gesamtheit der  weiblichen Pariser Volksmassen eine entscheidende
       Rolle im  Widerstand der  Bevölkerung gegen  die Thermidor-Regie-
       rung. Der  1. Prairial  (20. Mai 1795) markiert den Höhepunkt der
       weiblichen Volksbewegung:  Der Aufstand beginnt am Morgen mit ei-
       nem Marsch  der Frauen. Nach der gescheiterten Erhebung beschlie-
       ßen die  Deputierten vier  Dekrete, die Repressalien speziell nur
       für Frauen  beinhalten: Ihnen wird fortan untersagt, an irgendei-
       ner politischen Versammlung teilzunehmen oder sich auf der Straße
       zusammenzurotten 1).
       Diese bisher  beispiellosen repressiven  Maßnahmen  spiegeln  die
       entscheidende Rolle  wider, die die Frauen sowohl in den Anfangen
       als auch  im Verlauf des Prairialaufstandes im Jahre III spielen.
       Aber die Repressionen sind wirksam, und der Prairialaufstand mar-
       kiert sowohl  den Höhepunkt  als auch das Ende der revolutionären
       Frauenbewegung.
       
       Die Versorgungsfrage
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       Trotz der  verschiedenen Kontexte lassen sich für die drei Haupt-
       phasen der  Beteiligung von  Frauen gemeinsame Punkte festmachen,
       die die weibliche Aktivität charakterisieren. Zunächst fällt auf,
       daß bei  zweien  dieser  Ereignisse  die  Frauen  Brot  verlangen
       (Oktober 1789,  Mai 1795); in beiden Fällen dominieren die Frauen
       die Ereignisse.  Sie sind  es, die diese Bewegungen auslösen, die
       Männer spielen  nur eine  sekundäre Rolle. Mehrere Historiker der
       Französischen Revolution  haben daher  die Beteiligung der Frauen
       auf diese beiden Ereignisse 2) reduziert, und das Bild der Frauen
       in der  Revolution ist oft beschränkt auf das der Hausfrauen, die
       einzig und  allein von  der Versorgungsfrage  bewegt werden.  Man
       wird feststellen,  daß, wenn  diese Frage  auch von fundamentaler
       Bedeutung ist,  sie nicht die einzige Antriebskraft für die weib-
       liche Intervention  darstellt. Als beispielsweise im Oktober 1789
       ein royalistischer  Provokateur den Frauen zusichert, daß es nach
       Auflösung der  Nationalversammlung und  der Wiederherstellung der
       Allmacht des  Königs auch wieder Brot geben würde, bekommt er von
       den Frauen  zur Antwort, daß sie zwar Brot wollen, "aber nicht um
       den Preis  der Freiheit"  3). Und  im Prairial des Jahres III ist
       die Hauptforderung  der Aufständischen  - sowohl  der Männer  als
       auch der Frauen - "Brot und die Verfassung von 1793". So schreibt
       ein Polizist: "Das Brot ist sozusagen die physische Grundlage ih-
       rer Erhebung,  die Verfassung  dagegen ist  ihre Seele" 4). Unter
       dem Druck der Knappheit und des Hungers formieren sich die Frauen
       zu aufständischen  Massen, doch  werden sie  nicht ausschließlich
       durch die  Wut über den Hunger angetrieben. Diese weiblichen Mas-
       sen haben  in ihrer  Gesamtheit immer ein mehr oder weniger stark
       ausgeprägtes Bewußtsein politischer Probleme. Im Mai 1793, in der
       anderen wichtigen  Phase der  Frauenbewegung, spielt  die Versor-
       gungsfrage in  der Parteinahme der Bürgerinnen gegen die Girondi-
       sten überhaupt keine Rolle. Es muß allerdings hinzugefügt werden,
       daß das Engagement der Frauen 1793 mehr von den Aktivistinnen als
       von der Gesamtheit der weiblichen Volksmassen getragen wird.
       Zu den  Beziehungen zwischen  Frauen und Versorgungsfragen müssen
       folgende Feststellungen  gemacht werden.  Es ist zunächst falsch,
       anzunehmen, daß  die Rolle  der Frauen  nur in den akuten Versor-
       gungskrisen bedeutend sei, während sie bei den politischen Ereig-
       nissen kein wichtiges Element darstellen. So ist am 17. Juli 1791
       auf dem  Marsfeld oder bei den Kundgebungen für die Absetzung des
       Königs im  Frühjahr und Sommer 1792 der weibliche Teil der Volks-
       bewegung präsent, tritt aber nicht besonders hervor. Wenn nun die
       weiblichen Volksmassen   a l s   s o l c h e   dann, wenn die Le-
       bensmittelfrage nur  zweitrangig ist,  nicht in  vorderster Linie
       erscheinen, so  ist das  nicht mit  völliger Abwesenheit  gleich-
       zusetzen. Sie sind nur mit der größeren Gesamtheit der Volksmasse
       verschmolzen, sie  sind nicht  als zu  differenzierende weibliche
       Volksmassen präsent, sondern als individuelle Personen weiblichen
       Geschlechts. Andererseits  ist die  weibliche  Beteiligung  nicht
       völlig von  der Versorgungsfrage abhängig. So taten sich die Bür-
       gerinnen nicht  nur in dieser Frage hervor, wie ihr Engagement im
       Mai 1793 zeigt. Und wenn auch die Versorgungsfrage die Hauptursa-
       che ihres  Hervortretens darstellt,  so ist sie nicht der einzige
       Gegenstand, der  sie beschäftigt.  Die Interventionen der Aktivi-
       stinnen finden  zwar immer  vor dem  Hintergrund der Versorgungs-
       krise statt, doch ihre Standpunkte haben immer eine Verbindung zu
       politischen Themen.  Wohl sind  es Besorgnisse  ökonomischer Art,
       die die  Herausbildung deutlich erkennbarer weiblicher Massen von
       Anfang an  begleiten, aber  das politische Bewußtsein fehlt ihnen
       nie, weil die Aktivistinnen immer auch in den Volksmassen präsent
       sind.
       
       Wechselwirkungen: Männer - Frauen
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       Die Aktivität  der Frauen  weist in diesen verschiedenen Episoden
       Gemeinsamkeiten auf,  sowohl hinsichtlich der Art und Weise ihrer
       Aktionen als auch hinsichtlich ihres Zusammenwirkens mit den Män-
       nern innerhalb der Volksmasse. So belagern in den Wochen, die den
       Erhebungen vorangehen,  die Bürgerinnen die Tribünen des Konvents
       (die der  Öffentlichkeit zugänglich  sind). Durch  ihr  Auftreten
       (Schreien, Lachen  etc.) beeinflussen  sie den Ablauf der Sitzun-
       gen. Im Mai 1793 applaudieren sie den Montagnards und pfeifen die
       Girondisten aus,  die ihrerseits  wiederholt die  Entfernung  der
       Frauen von  den Tribünen fordern. Im Frühjahr des Jahres III wer-
       den die Bürgerinnen nicht müde, die Abgeordneten zu unterbrechen.
       Vor der  Erhebung werden fast täglich Frauen auf den Tribünen des
       Konvents verhaftet, weil sie sich zu heftig beschweren. Am Morgen
       des 1.  Prairial werden sie durch Peitschenhiebe des Saalwächters
       verjagt 5). Und mit den repressiven Dekreten, die nach dem Schei-
       tern des Aufstandes beschlossen werden, wird den Frauen unter an-
       derem der Zugang zu den Tribünen des Konvents untersagt 6).
       Außerdem finden sich sowohl 1793 wie auch im Jahre III Frauen auf
       den Straßen  zu Gruppen zusammen, die der Regierung feindlich ge-
       genüberstehen. Diese  weiblichen Gruppen  rufen die Männer zu Ak-
       tionen auf,  indem sie  sich über  sie lustig  machen und sie als
       Feiglinge behandeln,  besonders im Jahre III. Im Floréal kann man
       jeden Tag  demselben Vorgang  beiwohnen: Die  Frauen fordern  die
       Männer zur Erhebung auf, sie titulieren die Männer als Feiglinge,
       als "Hosenmätze",  als "Dummköpfe", die den Hunger und die Unter-
       drückung erdulden,  ohne darauf zu reagieren 7). Die Frauen lösen
       schließlich die  Erhebungen aus (1789; 1795); sie schlagen Alarm,
       sie läuten  die Glocken  und rufen immer und immer wieder zur Ak-
       tion auf.  Sie stiften  die Erhebungen an, sie sind die Initiato-
       rinnen. So  schreibt ein Pariser Kommissar nach dem Prairial-Auf-
       stand im  Jahre III: "Wir wissen nur zu genau, daß in den stürmi-
       schen Augenblicken, die die Kommune in Aufruhr versetzten, Frauen
       die Anstifterinnen waren" 8). Während der Ereignisse des 3. Prai-
       rial bemerkte  ein anderer  Polizist, daß  die Frauen "ihre ganze
       Raserei auf  die Männer übertragen, sie durch ihr aufrührerisches
       Gerede aufwiegeln und Aufruhr und Gewalt provozieren" 9). So sind
       die Aufrufe  der Frauen  nicht nur  oft Einleitung der Aufstände,
       Vorspiel der  Aktionen, sondern sie bilden auch einen Bestandteil
       der Aktivitäten. Die Bürgerinnen rufen die Männer zur Aktion auf,
       weil sie die Revolte einer nur weiblichen Masse als unvollständig
       empfinden. Dieses  Element erlangt  im Falle der Aufstände beson-
       dere Bedeutung:  Es sind  die Männer, die Waffen besitzen, beson-
       ders die Kanonen, die alles zum Zusammenbruch bringen können.
       Die Frauen  rufen also  zur Aktion  auf, beginnen manchmal selbst
       die Bewegung,  die Männer  folgen ihnen  dann. Das trifft auf die
       Ereignisse 1789  und 1795  zu. Für  1793 greift dieses Schema nur
       für einen  Teil der  Ereignisse, aber  schon vor der Erhebung des
       31. Mai  fürchten die  Zeitgenossen die Möglichkeit eines solchen
       Ablaufs und machen damit deutlich, daß diese Art des Zusammenwir-
       kens zwischen  Männern und  Frauen als  ein grundlegendes Merkmal
       der Volksbewegung angesehen wird: "die Frauen werden die Bewegung
       beginnen (...),  die Männer  werden zur  Unterstützung der Frauen
       hinzukommen", ruft  der  girondistische  Präsident  (Isnard)  des
       Konvents am  18. Mai  1793 vor  seinen Kollegen  aus. "Sie  haben
       selbst die Hoffnung, daß sie von den Männern unterstützt werden",
       wird in einem Polizeibericht vom 13. Mai 1793 festgestellt 10).
       Nachdem die  Bewegung in  Gang  gesetzt  wird,  verschwinden  die
       Frauen nicht. Sie verlieren sich im Schatten der männlichen Akti-
       vitäten, integrieren  sich in  die Gesamtheit  der revolutionären
       Bewegung, von der sie sich nicht mehr abheben. Besonders im Jahre
       III (Germinal und Prairial) laufen bestimmte Aufstände nach iden-
       tischem Muster ab: Die Frauen erheben sich, die Männer folgen ih-
       nen (mit  ihren Waffen!), die Frauen unterstützen fortan die Män-
       ner -  auf ihre  Weise. Die  den jeweiligen Geschlechtern eigenen
       Aktivitäten sind  durch eine  Art Pendelbewegung  zu beschreiben,
       innerhalb derer die Frauen sich am Ende selbst "auslöschen" (aber
       nicht verschwinden),  aber wo  die Wechselbeziehung  zwischen den
       Geschlechtern grundlegend ist.
       
       1.2 Die Besonderheit des weiblichen Teils der Volksbewegung
       -----------------------------------------------------------
       
       Der Status als Bürgerin
       -----------------------
       
       Ebensowenig wie  die Französische  Revolution nicht  nur eine Ab-
       folge von Aufständen ist, reduziert sich die Teilnahme von Frauen
       nicht auf einige Tage der revolutionären Erhebungen. In den ruhi-
       geren Phasen ist eine politische Praxis der Frauen erkennbar, de-
       ren elementare  Aspekte mit  der Wichtigkeit des Begriffes Volks-
       souveränität verbunden  sind. Es  existierte in  der Tat  bei den
       Frauen des  Volkes das  unleugbare Bewußtsein, Teil des Souveräns
       zu sein, und niemand wollte leugnen, daß das Volk, das diese Sou-
       veränität besaß,  aus Bürgern  und Bürgerinnen  bestand. Aber die
       Frauen waren  rechtlich vom  politischen Leben ausgeschlossen und
       besaßen keines  der Attribute  der Souveränität.  Sie besaßen nur
       den widersprüchlichen  Status von  Bürgerinnen ohne  Bürgerrecht.
       Dieser Umstand  sollte ihre  politische Praxis  beeinflussen. Sie
       teilten mit  ihren männlichen  Gefährten das Bewußtsein, Teil des
       souveränen Volkes  zu sein;  für sie  bedeutete das  Prinzip  der
       Volkssouveränität auch die Möglichkeit, aktiv zu handeln. Doch im
       Gegensatz zu  den Männern  konnten die Bürgerinnen diese Vorstel-
       lungen nicht  durch Funktionen  im politischen Leben konkretisie-
       ren, die  sich im Bewußtsein der Bevölkerung mit der Souveränität
       verbanden. Die  Frauen versuchten, diesen Ausschluß vom öffentli-
       chen Leben  zu kompensieren,  indem sie  ein bestimmtes Verhalten
       und bestimmte Praktiken entwickelten.
       Zunächst ist  der Wille  der Aktivistinnen deutlich, als Teil der
       Souveränität anerkannt zu werden. Dieser Wille äußert sich in der
       Einforderung der  mit der  Souveränität verbundenen  Rechte,  die
       während der  Revolution die  Grundlagen des Bürgerstatus darstel-
       len: Das  Recht, Gesetze durch Abstimmung zu sanktionieren, sowie
       jenes, Waffen  zu tragen.  Bis zum  Herbst 1793 ist die Forderung
       nach einer  organisierten Bewaffnung der Frauen eines der wesent-
       lichen und dauerhaftesten Anliegen der weiblichen Sansculotterie,
       besonders der  Revolutionären Republikanischen Bürgerinnen. Dage-
       gen wurde  das Wahlrecht  nur von  einer sehr geringen Anzahl von
       Bürgerinnen gefordert.  Aber während  des Sommers  1793, als  die
       Verfassung vom  Volk angenommen  wird, schreiben viele Frauen aus
       Paris und  aus der Provinz an den Konvent, daß sie, "obwohl ihnen
       das Recht,  die Verfassung  zu wählen, vorenthalten sei", dennoch
       ihre Zustimmung  ausdrücken wollen  11). Sie fügen sogar manchmal
       hinzu, daß sie sich getroffen haben, um über die Verfassung abzu-
       stimmen, die  dem  souveränen  Volk  zur  Genehmigung  vorgelegen
       hatte. Diese  Welle von Initiativen der Frauen ist nicht nur Aus-
       druck ihres politischen Engagements, ihrer Unterstützung der Mon-
       tagnards; sie  spiegelt ihren Willen wider, die Volkssouveränität
       trotz ihres  gesetzlichen Ausschlusses  von der Wählerschaft aus-
       zuüben. Dadurch  zeigen sie  sich als Staatsbürgerinnen; sie üben
       ein Recht aus, das ihnen eigentlich nicht zugestanden wird.
       Auch andere charakteristische Elemente der politischen Praxis der
       Frauen lassen  sich aus  diesem Willen  herleiten - sei er bewußt
       oder unbewußt  -, dem Willen, einen Teil der Souveränität konkret
       wahrzunehmen, und  sei es  auf verschlungenen  Wegen. Wachsamkeit
       und Überwachung,  zwei revolutionäre  Tugenden,  die  die  Frauen
       nicht qua Wahlrecht oder durch das Tragen von Waffen praktizieren
       konnten, äußerten  sich durch  ihre häufige  Anwesenheit auf  den
       Tribünen des Konvents, der Kommune oder des Revolutionstribunals.
       Es handelte sich dabei nicht um eine passive Handlung; den Frauen
       ging es  um die  Kontrolle der  Gewählten, eine Aufgabe, die sich
       aus ihrem  volkstümlichen Verständnis von Souveränität ergab. Ein
       Bürger brüstete  sich im  Jahre II  damit, daß  seine Frau  jeden
       zweiten Tag  im Revolutionstribunal  erschien, denn  "im Tribunal
       müssen immer gute Patrioten sein, um die Richter zu beeindrucken"
       12).
       
       Die Frauenclubs
       ---------------
       
       Die Frauen drängten sich auch in großer Zahl auf den Tribünen der
       Sektionsversammlungen oder der Clubs: Dort erhielten sie ihre po-
       litische Bildung,  aber sie  hatten nicht das Recht, an den Bera-
       tungen teilzunehmen,  außer in  einigen Volksgesellschaften,  die
       sie als vollwertige Mitglieder zuließen und ihnen das Mitsprache-
       recht, das  Wahlrecht sowie  das Recht, Funktionen auszuüben, ge-
       währten 13).  Trotz dieser  zaghaften Öffnung  war der Platz, den
       man den  Bürgerinnen in den revolutionären Organisationen zuwies,
       recht begrenzt.  Da sie  häufiger Zuschauerinnen  als Akteurinnen
       waren, empfanden  sie sehr bald die Notwendigkeit, eigene Organi-
       sationen zu  haben, in denen ihr revolutionärer Eifer nicht durch
       die Männer  begrenzt sein würde. Schon sehr bald, insbesondere in
       der Provinz,  organisierten sich daher die aktiven Bürgerinnen in
       Frauenclubs: In  den ersten  Jahren der  Revolution setzten  sich
       diese Frauengesellschaften (es gab ungefähr 30 in der Provinz und
       eine in  Paris, die  der "Freundinnen der Wahrheit", geleitet von
       Etta Palm  d'Aelders, die  jedoch, wenig erfolgreich, 1791 wieder
       verschwand) im  wesentlichen aus den Ehefrauen der revolutionären
       Notabeln zusammen.  Dort las  man die Menschenrechtserklärung und
       die Sitzungsprotokolle der Nationalversammlung. Das revolutionäre
       Engagement  dieser   Bürgerinnen  beschränkte   sich   noch   auf
       "traditionelle" weibliche  Bereiche: Wohltätigkeit  und  Religion
       (wobei der konstitutionelle Klerus stark unterstützt wurde). Aber
       ab 1792-93, zeitgleich mit dem Erstarken der Volksbewegung, radi-
       kalisierten sich die Clubs, und auch die Aufnahme von Mitgliedern
       erfolgte unter demokratischeren Gesichtspunkten. Von diesem Zeit-
       punkt an  engagierten  sich  die  Clubmitglieder  im  politischen
       Kampf, zumeist  auf der  Seite der Montagnards: Sie nahmen an den
       lokalen politischen  Konflikten teil  und schickten Solidaritäts-
       adressen an  den Konvent.  Nach der  antigirondistischen Erhebung
       von 1793  entfalteten sie ihre Aktivitäten besonders in den föde-
       ralistischen Regionen  14): In  Casteljaloux (Lot-et-Garonne) be-
       schlossen die Einwohnerinnen sogar, eine Gesellschaft zu gründen,
       um ihre  "Verbundenheit mit dem Konvent und ihre Ablehnung gegen-
       über einem  'subversiven', 'desorganisierenden' System" stärkeren
       Ausdruck zu  verleihen. Am 10. Mai 1793 wurde der "Club der Revo-
       lutionären Republikanischen  Bürgerinnen" offiziell  in Paris ge-
       gründet,  mit  der  doppelten  Zielsetzung,  gegen  die  "inneren
       Feinde" (Girondisten, Gemäßigte, Konterrevolutionäre) zu kämpfen,
       die inneren  Angelegenheiten zu  beobachten und die Frauen zu be-
       waffnen 15).
       In ihren Anfängen übertrugen die Revolutionären Republikanerinnen
       somit die  Trennung Frauen-innen/Männer-außen  auf das Gebiet der
       Verteidigung der Revolution, indem sie für jedes Geschlecht einen
       Interventionsbereich festlegten:  Den Männern wurde der Kampf ge-
       gen die  äußeren, den  Frauen der  Kampf gegen die inneren Feinde
       zugewiesen. Die  traditionellen Hüterinnen  des Hauses  wurden zu
       bewaffneten Wächterinnen  des Innenbereichs der Revolution. Ange-
       sichts des  Widerstandes von  Seiten der Männer mußten sie es je-
       doch aufgeben,  sich als  bewaffnete Einheit zu organisieren. Den
       Vorsatz hingegen,  das Vaterland  zu retten,  hielten sie  jedoch
       aufrecht. Im  Mai ging  der Club gegen die Girondisten vor. Seine
       Rolle wurde  von den  revolutionären Verwaltungen  und  den  Män-
       nerclubs, die  die Revolutionären  Republikanerinnen mit viel Lob
       bedachten, anerkannt. Ab Mitte August 1793 jedoch, unter dem Ein-
       fluß von  Pauline Leon und Ciaire Lacombe, stellte sich der Club,
       trotz einiger innerer Widerstände, auf die Seite der Enrages. Von
       nun an  engagierten die Revolutionären Republikanerinnen sich ge-
       gen die Regierung und isolierten sich mehr und mehr von der revo-
       lutionären Bewegung.  Am 30.  Oktober 1793  wurden sie,  wie alle
       Frauenclubs, verboten.
       Der Club  war vor allem politisch orientiert gewesen; die Versor-
       gungsfrage hatte nur eine untergeordnete Rolle gespielt, außer im
       Herbst 1793, als die Aktivistinnen, von allen Seiten angegriffen,
       die Politik  verließen, um  sich hinter  sozialen Fragen  zu ver-
       schanzen. Obgleich  die Gesellschaft  niemals das  Wahlrecht  für
       Frauen gefordert  hat, waren  sich seine Anhängerinnen doch ihres
       spezifisch weiblichen  Beitrages sowohl in der revolutionären Be-
       wegung als  auch in der Gesellschaft bewußt. Eine von ihnen pran-
       gerte z.B. den "ehelichen Despotismus" der Männer an 16). Auch in
       den Clubsitzungen  wurden Reden  über die  soziale und politische
       Gleichheit der Geschlechter gehalten: Eine Revolutionäre Republi-
       kanerin versicherte  z.B. ihren  Kameradinnen, daß die Frauen zum
       Regieren mindestens ebenso befähigt seien wie die Männer 17). Be-
       merkenswert ist,  daß die  Frauen zwar nie das Wahlrecht verlang-
       ten, jedoch  immer wieder  das Recht,  sich zu  bewaffnen;  damit
       klagten sie implizit ein grundlegendes Bürgerrecht ein. Sie waren
       keine Theoretikerinnen  des Frauenrechts, aber hinter der politi-
       schen Sprache der Revolution verborgen, fanden sich auch Gedanken
       und Forderungen "feministischer" Art, die nicht von ihren politi-
       schen Zielen zu trennen waren.
       Am 30. Oktober wurde der Club unter einem fadenscheinigen Vorwand
       verboten. Die  wahren Gründe  sind einerseits  in der politischen
       Position des Clubs (Nähe zu den Enragés), andererseits in dem Um-
       stand, daß  es ein reiner Frauenclub war, zu suchen. Der "Bericht
       Amars" 18),  der dem  Verbot vorausging,  spiegelt die Mentalität
       der Epoche  wider, die  von Männern  und Frauen gleichermaßen ge-
       teilt wurde  und für  die es  zahlreiche Belege  gibt  19).  Amar
       stellt zwei grundlegende Fragen: "1) Können die Frauen politische
       Rechte haben  und sich aktiv an den Regierungsgeschäften beteili-
       gen? 2) Können sie in politischen Vereinigungen oder Volksgesell-
       schaften beraten?"  Die Antwort  auf beide  Fragen fällt  negativ
       aus. Amar  stützt seine  Argumentation auf ein bestimmtes Frauen-
       bild: Von  Natur aus  sanft und schwach (physiologisch und intel-
       lektuell), besitzt die Frau weder die physischen noch die morali-
       schen und  intellektuellen Qualitäten, die für die Ausübung poli-
       tischer Rechte  erforderlich sind.  Aus dieser "natürlichen" Ord-
       nung leitet  Amar eine  soziale Ordnung ab: "Die häuslichen Funk-
       tionen, die  der Frau  von der  Natur auferlegt  sind, machen die
       allgemeine Ordnung  der Gesellschaft  aus": Die  Frau, Mutter und
       Ehegattin, sanft  und schwach,  darf daher  nicht "aus dem Kreise
       der Familie  hinaustreten, um  sich in die Regierungsgeschäfte zu
       mischen". Kurze  Zeit nach diesem Bericht verbot der Konvent alle
       Frauenclubs.
       Es ist  kein Zufall,  daß die  Frage nach den politischen Rechten
       der Frauen  und, weiter  noch, nach  ihrem Platz  in der  Gesell-
       schaft, zu  diesem Zeitpunkt gestellt wurde. Das Verbot der Clubs
       kann auch  nicht darauf  zurückgeführt werden,  wie oft behauptet
       wird, daß  die Montagnards  noch frauenfeindlicher  waren als die
       Girondisten. Man  kann das  starke Hervortreten der Frauen in der
       revolutionären Bewegung  im Frühjahr  und Sommer  1793 sicherlich
       nicht als  einen Erdrutsch in Richtung auf weibliche Emanzipation
       bezeichnen. Aber es wurden viele Fragen gestellt, und es gab eine
       zwar begrenzte,  aber reale  Strömung zugunsten  der Verbesserung
       der sozialen,  politischen und  rechtlichen Stellung  der Frauen.
       Diese Entwicklung  wurde durch  den Bericht Amars erfolgreich un-
       terbunden.
       
       2. Die Rechte der Frauen
       ------------------------
       
       2.1 Welche Naturrechte für die Frauen?
       --------------------------------------
       
       Zwei theoretische Texte
       -----------------------
       
       Man kennt die beiden berühmten Texte von Condorcet ("Über die Zu-
       lassung der  Frauen zum  Bürgerrecht", Juli  1790)  20)  und  von
       Olympe de  Gouges ("Die  Erklärung der Rechte der Frau und Bürge-
       rin", September  1791). Diese  beiden theoretischen Texte stützen
       sich auf  das Naturrecht, das während der gesamten Revolution von
       fundamentaler Bedeutung und auch Kernstück der Auseinandersetzun-
       gen des  Jahres 1793  war. In dieser Hinsicht gibt es keinen Ein-
       schnitt zwischen  1790-91 und  1793: Die  Aktivistinnen  aus  dem
       Volk, auch  wenn sie  keine Theoretikerinnen  wie Condorcet  oder
       Olympe de Gouges waren, befinden sich in der gleichen, vom Natur-
       recht geprägten Denkströmung wie diese beiden Autoren. Beide ver-
       treten die Ansicht, daß Frauen als vernunftbegabte Wesen der men-
       schlichen Gemeinschaft angehören, von der sie aufgrund ihrer phy-
       siologischen Schwäche  nicht ausgeschlossen  werden dürfen.  Denn
       sie werden  mit den gleichen Naturrechten wie die Männer geboren,
       auch wenn  sie sich  dessen nicht  bewußt sind  und daher den Um-
       stand, daß  ihnen diese Rechte vorenthalten werden, nicht als De-
       fizit empfinden.  Condorcet schreibt,  daß von dem Augenblick an,
       wo die Frauen durch das Verbot, "an der Gesetzgebung mitzuwirken"
       (durch das  Wahlrecht), von  den Naturrechten ausgeschlossen wer-
       den, eine  Verletzung der  Rechtsgleichheit und  ein "Akt der Ty-
       rannei" vorliegt.  Für beide  Autoren bedeutet  der Ausschluß der
       Frauen von den politischen Rechten die Nicht-Anwendung des Natur-
       rechtes für  die "Hälfte  der Menschheit"  (Condorcet),  obgleich
       diese ebenso frei und mit den gleichen Rechten wie die andere ge-
       boren wird  (O. de Gouges): Diese Verletzung des Naturrechtes ist
       Quelle von  Despotismus und  Unterdrückung, und die Gesellschaft,
       die dieses  bestätigt, kann  nicht den  Anspruch erheben, frei zu
       sein, genauso  wenig wie  ihre Regierung als legitim gelten kann.
       Der gleiche  Gedankengang, der  zu den gleichen Schlußfolgerungen
       führt, wird 1793 wieder aufgegriffen und auf zweifache Weise pro-
       blematisiert: Die Zugehörigkeit der Frauen zur Gesellschaft; ver-
       sklavtes Volk - versklavte Frauen; freies Volk - freie Frauen.
       
       Die Debatte des Jahres 1793
       ---------------------------
       
       Wenn die  Frauen der  menschlichen Gemeinschaft angehören, müssen
       sie die  gleichen Naturrechte  wie alle ihre Mitglieder besitzen:
       Wie könne  man den  Frauen, es  sei denn,  man bestreite, daß sie
       Teil des  "Menschengeschlechtes" sind,  die  Versammlungsfreiheit
       nehmen, "ein  Recht, das allen denkenden Wesen gemein" sei, fragt
       der Abgeordnete Charlier am 30. Oktober 1793 Amar 21). Die Frauen
       bestehen 1793  darauf, daß  sie nicht  nur dem Menschengeschlecht
       angehören, sondern  auch Mitglieder  der Gesellschaft  sind.  Als
       solche müssen sie (im gesellschaftlichen Bereich) zum Wohle aller
       beitragen, "sich  bei den  öffentlichen Angelegenheiten  nützlich
       machen" 22).  Das aber bedeutet für diese Aktivistinnen, am poli-
       tischen Leben  ihres Landes  teilzunehmen, insbesondere durch den
       Zusammenschluß der  Frauen in Clubs (denn für die Revolutionärin-
       nen ist  es die Assoziation von Individuen, die die größten Wohl-
       taten verspricht). Folglich bekräftigt eine Gruppe von Pariserin-
       nen im  Juli 1793  vor den Revolutionären Republikanischen Bürge-
       rinnen, daß  sie das  Recht, ja  sogar die  Pflicht haben, "ihren
       Platz in  der sozialen  Ordnung anzunehmen"  und zum  allgemeinen
       Nutzen beizutragen. Und sie fragen weiter, "warum es Frauen, aus-
       gestattet mit der Fähigkeit zu empfinden und ihre Gedanken auszu-
       drücken, hinnehmen sollen, daß ihr Ausschluß aus den öffentlichen
       Angelegenheiten vollzogen  wird? Die Erklärung der Menschenrechte
       umfaßt beide Geschlechter" 23).
       Die Forderungen  der Frauen  im Jahre  1793 stützen  sich auf die
       Menschenrechtserklärung. Im  September 1791 verfaßte O. de Gouges
       ihre "Erklärung  der Rechte  der Frau",  um zu  zeigen,  daß  die
       Rechte der Frauen in der Realität stillschweigend übergangen wor-
       den waren.  Dieses Problem  wollte sie  den Frauen ins Bewußtsein
       rufen. Die  wenigen Frauen,  die nach  der Annahme der Verfassung
       von 1793  das Wahlrecht  einklagen, beziehen sich jedoch alle auf
       die  allgemeine   Menschenrechtserklärung  und   nicht  auf   die
       "Frauenrechte" von  de Gouges.  "Die Menschenrechte sind auch un-
       sere Rechte",  verkündet z.B.  der Club  der Republikanerinnen in
       Beaumont (Dordogne).  Noch viel deutlicher erklärt eine Pariserin
       vor dem  Konvent: "Wir (die Frauen) verlangen Urwählerversammlun-
       gen, und  da die Verfassung auf den Menschenrechten basiert, ver-
       langen wir heute deren vollständige Anwendung" 24).
       Das Naturrecht,  in den  Deklarationen von  1789 und 1793 prokla-
       miert, steht im Zentrum dieser Forderungen: Im September 1793 no-
       tieren die  Beobachter der  Pariser Polizei:  "Böswillige  Kräfte
       (...) wecken  in den  Frauen den Wunsch, die gleichen politischen
       Rechte wie  die Männer zu besitzen", und "versuchen die Frauen zu
       überzeugen, daß  sie das gleiche Recht wie die Männer bei der Re-
       gierung des  Landes hätten,  und daß das Wahlrecht ein Naturrecht
       sei, das  sie einklagen  müßten" 25).  Die Debatte  wurde  jedoch
       nicht auf  diese Art und Weise geführt. Das Naturrecht ist in der
       Tat von  universaler Gültigkeit.  Jedes menschliche Wesen besitzt
       von Geburt  an die  gleichen Rechte,  die die  Gesellschaft jedem
       seiner Mitglieder  garantieren muß.  Es war  also den Gegnern der
       politischen Gleichberechtigung  der Frauen  unmöglich, ihre Posi-
       tion zu  einem Zeitpunkt  zu rechtfertigen,  da die Revolutionäre
       gar nicht  daran dachten,  diese Philosophie der Universalität zu
       leugnen: Dieses  hätte bedeutet,  der Erklärung  selbst zu wider-
       sprechen.
       Basire antwortete  Charlier am  30. Oktober  1793, "daß er nichts
       mehr von  Prinzipien" hören  wolle 26):  Die Debatte konnte nicht
       auf der  Ebene der  Prinzipien des  Naturrechtes geführt  werden,
       denn diese  anzuerkennen, hieße  die  Frauenrechte  anzuerkennen.
       Aber in  den meisten  Fällen besaßen  die Gegner  der politischen
       Gleichberechtigung nicht  die Offenheit  Basires; und  in dem Be-
       streben, die  Naturrechte zu  umgehen, verschoben sie die Diskus-
       sion auf  die Vorfrage,  ob Frauen  überhaupt mit Vernunft ausge-
       stattet und  ein vollgültiger  Teil der Gesellschaft seien. Dabei
       war ihr Ausgangspunkt, daß Frauen den Männern physisch, moralisch
       und intellektuell  unterlegen seien  und folgerichtig nicht bean-
       spruchen könnten,  den gleichen  Platz wie  die Männer in der Ge-
       sellschaft einzunehmen.  Dieses Postulat war gleichzeitig ihr Er-
       gebnis und  erlaubte ihnen,  der Frage der Menschenrechte aus dem
       Wege zu  gehen. Die Zweideutigkeit des Status der Bürgerinnen ist
       offenkundig: Auch  wenn sie  keine politischen Bürgerrechte besa-
       ßen, konnten  sie sich  doch auf die Gültigkeit der Erklärung der
       Menschenrechte berufen,  und von dieser Basis aus war es möglich,
       deren vollständige  Anwendung und  somit auch  politische  Rechte
       einzuklagen.
       
       2.2 Die Republikanerin, eine "freie Frau"
       -----------------------------------------
       
       Indem sie  sich gleichermaßen  auf die Tatsache stützten, daß die
       Frauen Mitglieder  eines vom  Despotismus befreiten Volkes waren,
       wiesen einige  Frauen jenes  Bild von  sich, auf das nicht wenige
       Revolutionäre sie  hatten reduzieren  wollen: das  der nutzlosen,
       hirnlosen Frau,  die, ausschließlich  mit ihrer  Körperpflege be-
       schäftigt, nur von dem einen Wunsch, den Männern zu gefallen, be-
       seelt war.  Mit diesem  Bild verbanden die Frauen ein versklavtes
       (dem Despotismus unterworfenes) Volk, dessen Frauen "erniedrigt",
       "entwürdigt" und  "unterwürfig" 27) und nur für das Vergnügen der
       Männer zuständig  seien, die selbst Sklaven seien und sich an der
       Verewigung ihrer  eigenen Versklavung  beteiligten.  Diesem  Bild
       (das heutige Beschreibungen von "Frauen als Objekt" in Erinnerung
       ruft) setzten  sie das  der Frauen  eines freien Volkes entgegen:
       Deren Leben  ist nicht  durch Frivolität,  sondern  durch  Würde,
       nicht durch Schwäche, sondern durch Energie, nicht durch Passivi-
       tät, sondern durch Aktivität gekennzeichnet. Die "freie Frau" en-
       gagiert sich für das allgemeine Interesse und folgt nicht nur ih-
       rem individuellen  Interesse. Ohne  ihre Pflicht  als Mutter  und
       Ehefrau zu  leugnen, ohne  ihre Sanftheit  und  ihren  weiblichen
       Charme zu  verlieren -  die sie  jedoch nicht besonders betont -,
       hat sie  das Verlangen,  sich nicht nur auf ihre häuslichen Funk-
       tionen zu  beschränken, sondern  aktiv zum allgemeinen Nutzen und
       zum Sieg  der Freiheit  der gesamten Menschheit beizutragen. Wenn
       diese Aktivistinnen  das Bild  der "freien  Frau" propagieren, so
       weil für  sie zwei  Bedingungen notwendig  für die  Befreiung der
       Frau sind:  daß sie  Teil eines  freien Volkes sei  u n d  in den
       Genuß der Naturrechte komme.
       Hier gilt  es noch  daran zu erinnern, daß, wäre die erste Bedin-
       gung erfüllt,  dies implizit  Fragen nach der Nicht-Erfüllung der
       zweiten nach sich ziehen würde.
       Die Bezeichnung  "freie Frau"  erlaubt es,  mit diesem Paradox zu
       spielen: Die Frauen sind Mitglieder eines freien Volkes, aber sie
       sind dem  männlichen Despotismus  unterworfen.  Ebenso,  wie  die
       weibliche Freiheit als untrennbar von der Freiheit des Volkes an-
       gesehen wird,  wird in einigen Texten die männliche Unterdrückung
       mit dem  Despotismus des  Ancien Regime  gleichgesetzt: Im  Jahre
       1793 kennzeichnete  z.B. die  Präsidentin des Dijoner Frauenclubs
       den Willen,  die Frauen in einem Zustand der Unterwerfung zu hal-
       ten, als  "ein System, das ebenso despotisch gegenüber den Frauen
       ist, wie  es jenes der Aristokratie gegenüber dem Volk war. Über-
       all, wo  die Frauen  Sklaven sind",  fuhr sie fort, "krümmen sich
       die Männer  unter dem Despotismus" 28). Diese Schlußfolgerung war
       bereits von Condorcet und O. de Gouges gezogen worden: Sobald ein
       Mitglied der Gesellschaft unterdrückt wird (beraubt seiner natür-
       lichen Rechte  und in  Abhängigkeit eines  anderen), sind es alle
       anderen Mitglieder  gleichermaßen (und  somit Unfreie,  Sklaven).
       Eine Frau  ist nur  dann frei,  wenn sie zu einem freien Volk ge-
       hört, aber  ein Volk  kann nur  frei sein, wenn seine Frauen frei
       sind (im familiären und im gesellschaftlichen Bereich).
       Die Aktivistinnen  von 1793  betrachten folglich die Frauenrechte
       als allgemeines  Problem der Organisation einer Gesellschaft, sie
       subsumieren das  Problem der  Ungleichheit der Geschlechter unter
       die Diskussion  um den  Fortschritt und die Freiheit der gesamten
       Menschheit.
       Diese Frauen  waren selbstverständlich  nur eine Minderheit. Aber
       es ist  gleichzeitig notwendig zu zeigen, daß die Frauen des Vol-
       kes nicht  nur wegen Versorgungsfragen in den Gang der Revolution
       eingriffen und daß die Volksbewegung zwei Komponenten besaß, eine
       männliche und  eine weibliche.  Darüber hinaus  ist  es  wichtig,
       daran zu erinnern, daß die "feministischen" Forderungen nicht nur
       das Werk  von isolierten  Theoretikern (Condorcet, O. de Gouges),
       die sich  zu Beginn der Revolution äußerten, waren. Auch ein Teil
       der weiblichen Sansculotterie blieb nicht unberührt von der Frage
       nach dem Platz der Frauen in der Gesellschaft.
       
       Übersetzung aus dem Französischen: Susanne Petersen
       
       _____
       1) Moniteur, XIX, 515, 519, 555-556, 563.
       2) Zum Beispiel  G. Rudé, The Crowd in the French Revolution, Ox-
       ford 1959.
       3) Les Révolutions de Paris, Nr. 13.
       4) A.N., F7 4743 d. Heronx.
       5) Moniteur, XXIV, 502.
       6) Vgl. Anm. 1.
       7) Polizeiberichte, A.N., F1c III Seine 16.
       8) A.N., F7 4584 d. Baillet.
       9) A.N., F1c III Seine 16, Bericht vom 3. Prairial.
       10) Moniteur, XVI,  414, 420,  421; A.N.,  F7 3688 ³, Bericht vom
       13. Mai.
       11) Archives parlementaires,  t. 68, S. 255 (Bürgerinnen der Sek-
       tion Faubourg-Montmartre).
       12) A.N., W 112, Polizeibericht vom 7. Ventôse im Jahre II.
       13) Zwölf in Paris, fünfzehn in der Provinz.
       14) A.N., C 271 d. 665, S. 20, 14. August 1793.
       15) Moniteur, XVI,  362 sowie  Journal des debats et de la corre-
       spondance des Jacobins, Nr. 412, 14. Mai 1793.
       16) Journal des  débats et de la correspondance des Jacobins, Nr.
       302, 3. Oktober 1793.
       17) Proussinale, Le château des Tuileries, Bd. 2, S. 35.
       18) Moniteur, XVIII,  200-300, Sitzung  des Konvents  vom 9. Bru-
       maire im Jahre II.
       19) Vgl. Dominique Godineau, "Vision de la Participation des fem-
       mes à la Révolution française", in: Mouvements populaires et con-
       science sociale, Paris 1985.
       20) Veröffentlicht in Nr. 5 des Journal de la Société de 1789.
       21) Vgl. Anm. 18.
       22) Brief der  Präsidentin des  Frauenclubs von Dijon, veröffent-
       licht in Revolutions de Paris, Nr. 189.
       23) Discours prononce  à la  Société de  Citoyennes Rèpublicaines
       Revolutiormaires par  les citoyennes  de la section des Droits de
       l'Homme; s.d. (Sommer 1793): B.N., Lb 40 2411 microfiche m9478.
       24) A.N., C  262 d.,  631 f. 19 (Beaumont); Archives parlementai-
       res, LXVEI, 254, 4. Juli 1793 (Bürgerin der Pariser Sektion Beau-
       repaire).
       25) A.N., F7  3688 ³,  Berichte von Latour-Lamontagne vom 21. und
       22. September 1793.
       26) Vgl. Anm. 18.
       27) Siehe A.N.,  F1c III  Seine 27,  Rede gehalten  von Joséphine
       Fontanier am  24. Frimaire  im Jahre II, und T 1001 (1-3), Claire
       Lacombe, Les  Autarités constituées  du Département  de Paris, et
       des Commissaires des Sections Aux Républicaines Révolutionnaires,
       30. Juni 1793.
       28) Vgl. Anm. 22.
       

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