Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       DIE REZEPTION VON MARX UND ENGELS IN DER DEBATTE
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       UM DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
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       Werner Goldschmidt
       
       Es ist verschiedentlich beklagt worden, daß wir über keine syste-
       matische Untersuchung  von Marx' und Engels' Äußerungen zur Fran-
       zösischen Revolution  verfügen. 1)  Tatsächlich stellen alle, die
       sich mit der Marx-Engelsschen Rezeption der Französischen Revolu-
       tion befassen,  zunächst einmal  fest, daß  es eine  Vielzahl von
       entsprechenden Äußerungen  gibt, von  größeren  zusammenhängenden
       Analysen, zumeist  jedoch bloß einzelner Aspekte, bis hin zu ganz
       kurzen und  dennoch vielfach interessanten Andeutungen, Bewertun-
       gen usw. Der beherrschende Eindruck ist dabei im allgemeinen, daß
       die eigentliche Schwierigkeit einer systematischen Erfassung die-
       ser Äußerungen  nicht allein aus der schieren Fülle, sondern auch
       und vor  allem aus der verwirrenden Unterschiedlichkeit, z.T. so-
       gar Widersprüchlichkeit  der Aussagen  folgt. Dabei  ist man sich
       heute weitgehend  darüber einig,  daß  diese  Unterschiedlichkeit
       nicht auf einen immer wieder behaupteten, nie jedoch nachgewiese-
       nen theoretischen  Dissens von Marx und Engels zurückgeführt wer-
       den kann  2), sondern seine Gründe hat in der objektiven Vieldeu-
       tigkeit  einzelner   Ereignisse,  Prozesse  usw.  der  Revolution
       selbst, aber  auch in dem unterschiedlichen Reifegrad der theore-
       tischen Entwicklung  des Marx-Engelsschen Systems, wie der histo-
       risch-empirischen Kenntnisse  über die  Französische  Revolution,
       über die  beide Autoren  jeweils verfügen,  nicht zuletzt aber in
       der Spezifik der jeweiligen Bezüge (historische oder aktuelle po-
       litische Ereignisse, theoretische Fragestellungen usw.), in denen
       sie die Erfahrungen der Französischen Revolution heranziehen.
       Angesichts dieser Situation wäre es vermessen, in dem hier vorge-
       gebenen Rahmen  eine systematische  Analyse der  Marx-Engelsschen
       Rezeption der  Französischen Revolution  versuchen zu wollen. Die
       bislang hierzu vorliegenden Arbeiten (vgl. FN 1) haben die Thema-
       tik im  wesentlichen von  zwei unterschiedlichen  Gesichtspunkten
       her betrachtet:  Bruhat, Cornu  und Jaeck  stellen die Frage nach
       der Bedeutung  der Französischen  Revolution (und  d.h. hier  des
       Studiums dieser Revolution durch Marx und Engels) für die Entste-
       hung und  Entwicklung des Marxismus (des historischen Materialis-
       mus, seiner  Kategorien und  Methodologie, der  politischen  bzw.
       Staats-Theorie usw).  Bruhat und Jaeck stellen darüber hinaus die
       Frage, ob,  inwieweit und in welchem Sinne die Französische Revo-
       lution als (vierte) "Quelle" des Marxismus angesehen werden kann.
       Furet und  Schmitt/Meyn hingegen  versuchen, die Marx/Engelsschen
       Äußerungen mit  dem Verlauf (einschl. Ursachen und Wirkungen) der
       Revolution selbst sowie mit neueren Forschungsergebnissen und In-
       terpretationen marxistischer  und nicht-marxistischer  Autoren zu
       konfrontieren. Dabei steht, insbesondere bei Furet, aber auch bei
       Schmitt (in  einer späteren Arbeit, vgl. weiter unten), nicht zu-
       letzt die Absicht im Vordergrund, die Äußerungen dieser marxisti-
       schen Klassiker den Analysen und Interpretationen späterer marxi-
       stischer Historiker  entgegenzustellen. Mit  dem paradoxen Resul-
       tat, daß  die Forschungsergebnisse nicht-marxistischer Historiker
       mit den  Äußerungen von  Marx und  Engels  eher  übereinzustimmen
       scheinen als die der meisten marxistischen Revolutionshistoriker.
       Im Zusammenhang  mit dem  Anlaß dieses  Bandes erscheint  es  mir
       wichtiger, diese  zweite, wissenschaftlich-politische  Fragestel-
       lung aufzugreifen,  zumal die  marxistischen Historiker auf diese
       spezifische Herausforderung bisher wenig eingegangen sind. 3)
       
       I
       
       François Furet,  ursprünglich aus  der "Annales"-Schule hervorge-
       gangen, gegenwärtig einer der Wortführer der französischen nicht-
       marxistischen, sog. revisionistischen Revolutionshistoriographie,
       versichert seinen  Lesern zwar,  "die französische Revolution ist
       beendet" 4). Aber er weiß sehr wohl, daß damit nicht nur die wis-
       senschaftliche, sondern  auch die politische Debatte um die Revo-
       lution noch  keineswegs erloschen  ist. Diese  politische Debatte
       entzündete sich  im Frankreich  des 19. Jahrhunderts im Zusammen-
       hang mit  den Revolutionen  von 1830,  1848 und 1871 jeweils neu,
       sie ist,  nach Furet,  erst gegen Ende des Jahrhunderts, "als die
       Dritte  Republik   fest  begründet  war",  auf  der  Basis  eines
       "republikanischen Konsensus"  wenigstens vorübergehend  zur  Ruhe
       gekommen.
       "Alles wird  anders im Jahre 1917." (Furet, 1980, S. 12) Die rus-
       sischen Bolschewisten  hätten sich in der Nachfolge der Französi-
       schen Revolution  gedacht und  die Jakobiner  als  ihre  direkten
       "Vorfahren" betrachtet.  Aber nicht  nur die direkt an einer sol-
       chen Ahnenreihe politisch-ideologisch interessierten Bolschewiki,
       sondern "indirekt  projizieren  auch  die  Historiker  der  Fran-
       zösischen Revolution  ihre Empfindungen  oder ihr Urteil über das
       Jahr 1917  in die  Vergangenheit, und  sie neigen dazu, bei jener
       ersten Revolution  denjenigen Aspekten  Vorrang zu  gewähren, die
       nach ihrer  Meinung die  zweite ankündigen  und vorzeichnen.  I n
       d e m     A u g e n b l i c k ,     d a    R u ß l a n d    a u f
       G e d e i h   u n d   V e r d e r b  d i e  R o l l e  F r a n k-
       r e i c h s   a l s   f ü h r e n d e   N a t i o n   d e r  G e-
       s c h i c h t e     ü b e r n i m m t,    w e i l    e s    v o n
       F r a n k r e i c h   u n d   v o n  d e m  G e d a n k e n g u t
       d e s   1 9.   J a h r h u n d e r t s  d i e  r e v o l u t i o-
       n ä r e   W a h l  e r b t,  s t o ß e n  d i e  h i s t o r i o-
       g r a p h i s c h e n   D i s k u r s e   ü b e r   d i e  b e i-
       d e n   R e v o l u t i o n e n  z u s a m m e n  u n d  i n f i-
       z i e r e n  e i n a n d e r"  (S. 13).
       Diese , "Verseuchung der Vergangenheit durch die Gegenwart" führe
       zu einer  gründlichen Verfälschung  der wirklichen Ereignisse der
       Revolution, ihrer eigentlichen Ursachen und Folgen. An die Stelle
       wissenschaftlicher Forschung  sei ein "Mythos" getreten, der sich
       insbesondere unter  dem Einfluß  der Kommunisten mehr und mehr in
       einen "revolutionären Katechismus" verwandelt habe.
       Dieser "Mythos",  "Kult", oder auch dieses "Heldenlied" der Revo-
       lution beziehe  sich vor allem auf die Periode der Jakobinerherr-
       schaft. "Die  Diktatur der  Bergpartei, die zur populärsten' Epi-
       sode des  Prozesses hochgespielt  wird, wird  auf diese Weise mit
       der Bedeutung  der höchsten  Fortschrittlichkeit' versehen; diese
       besteht darin,  durch den  Krieg und die Schreckensherrschaft die
       Aufgaben 'bis  zum Ende'  ausgeführt zu haben, sowie die noch be-
       vorstehenden Befreiungen anzukündigen, vor allem und speziell die
       Revolution vom  Oktober 1917. So wird der Schwerpunkt der Revolu-
       tion, betrachtet  man ihre  eigentliche chronologische  Realität,
       immer mehr  verschoben; er  verlagert sich  von 1789 auf 1793..."
       (Furet, 1980, S. 104).
       Furets Hauptgegner sind daher die , kommunistischen Historiker 5)
       der Französischen  Revolution" (S. 7), die einen "außerordentlich
       vereinfachte(n) und vereinfachende(n) Marxismus an die Stelle der
       wenigen, zuweilen  widersprüchigen Analysen" gesetzt hätten, "die
       Marx und Engels uns von der Französischen Revolution hinterlassen
       haben." Dieser  Typus des  "'marxistische(n)' Historiker(s)"  sei
       letztlich "weniger  marxistisch als neojakobinisch", er übertrage
       "ein durch  die sowjetische  Revolution gefördertes marxistisches
       (hier ohne  Anführungsstriche -  WG) Schema"  auf die Deutung der
       Französischen Revolution,  mit dem  Resultat, daß  "auf der Ebene
       der Interpretation  der Französischen Revolution eine Art lenini-
       stisch-populistische Vulgata entstanden" sei, für die der 'Abriß'
       von Soboul  6) das  beste Beispiel liefere. Diese Historiographie
       sei beherrscht von einem "manichäischen, sektiererischen und kon-
       servativen Geist",  in ihr  sei "das Werturteil an die Stelle des
       Begriffs, die  Finalität an  die Stelle der Kausalität, das Argu-
       ment der  Autorität an die Stelle der Diskussion" getreten. (Alle
       Zitate S. 104 f.)
       Wie man  sieht, ist  Furets Polemik gegen Albert Soboul nicht ge-
       rade zimperlich. Sie steigert sich freilich noch gegenüber Claude
       Mazauric, der  es gewagt hatte, wie Furet schreibt, "mit schwerem
       Geschütz eine für das breite Publikum 7) bestimmte Geschichte der
       Revolution" anzugreifen,  "die ich  vor fünf Jahren mit Denis Ri-
       chet veröffentlichte"  (S. 97)  8). Mazaurics Stil sei ohne "alle
       Frische", die  "Predigt oder  Kritik" wirke "militant". Der ganze
       Text wird  als "traurige, halb wissenschaftliche, halb politische
       Prosa" bezeichnet.  Mit Mazaurics  "Ontologie" befinde  man  sich
       wieder beim  "Heiligen Thomas", weil er behauptet hatte, "die Re-
       volution ist  nichts anderes  als der Existenzmodus der Struktur-
       krise des  Ancien Regime  in ihrer  Gesamtheit und deren Überwin-
       dung."
       Da es  uns hier  nicht so sehr um den Inhalt der Debatte geht, 9)
       sondern um den Gebrauch, den Furet von Marx und Engels zur Kritik
       an seinen  kommunistischen bzw. marxistischen Gegnern macht, ver-
       weisen wir  zunächst nur noch darauf, daß Furet Mazauric, wie zu-
       vor  schon  Soboul,  vorwirft,  den  Marxismus  "aufzugeben",  zu
       "vereinfachen", zu  "degradieren", zu  "reduzieren" usw.,  so als
       bekenne er  sich seinerseits  selbst zum Marxismus. Dem ist frei-
       lich nicht so. Furet behauptet vielmehr, die "marxistische Frage-
       stellung", und hier denkt er an den seiner Meinung nach authenti-
       schen Marxismus,  "verkomme leicht" zu einem falschen Begriff der
       bürgerlichen Revolution, sie schaffe "Zwänge" (S. 137), die einer
       unbefangenen Erforschung der Tatsachen entgegenwirkten usw. Nicht
       als Marxist  also, sondern  weil er  "seine Klassiker  kenne" (S.
       144) erlaube  er sich  eine  immanente  Kritik  am  marxistischen
       Selbstverständnis verschiedener Autoren. Als "Kenner" des Marxis-
       mus verteilt  er schließlich auch Noten; so z.B. an Régine Robin,
       10) die,  anders als  Mazauric, Soboul usw., den "Marxismus Ernst
       nehme", die  "aus marxistischer Sicht" zu einer "nützlichen Klas-
       sifizierung" der  verschiedenen Schichten  der Bourgeoisie  komme
       usw. 11)
       Worin besteht  nun nach Furet die Abweichung der "marxistischen",
       seiner Meinung  nach in  Wirklichkeit aber "neojakobinischen" Hi-
       storiker vom  authentischen Marxismus,  d.h. von der Marx-Engels-
       schen Rezeption  der Französischen  Revolution? So  heftig Furets
       Polemik auch  ist, so  dürftig sind  die konkreten Belege, die er
       für seine These vorbringt.
       Dies  erscheint   indessen  auch  kaum  verwunderlich,  da  seine
       "Kennerschaft offenbar auf einer eher gelegentlichen Auseinander-
       setzung mit  Marx und Engels beruht. Nach eigener Aussage hat ihn
       die Arbeit  an dem Aufsatz gegen den "revolutionären Katechismus"
       zu einer "erneuten Lektüre von Marx und Engels veranlaßt" (FN 17,
       S. 233).  Obwohl er  in dem  dieser Fußnote  zugehörigen Text be-
       hauptet hatte,  Marx und Engels hätten nur "wenige" und "zuweilen
       widersprüchige (.)  Analysen ... von der Französischen Revolution
       hinterlassen" (S.  104), betont  er gleichzeitig,  "es würde sich
       lohnen, sie  systematisch zu  inventarisieren und zu analysieren,
       was ich  eines Tages mit Hilfe meines Freundes Kostas Papaioannou
       zu tun  hoffe. An  dieser Stelle  beschränke ich mich darauf, auf
       Grund einer  zwangsläufig eklektischen  Verwendung der  Texte von
       Marx und Engels zu zeigen, wie sehr die Deutung, die Mazauric ih-
       nen bietet,  ihnen nicht  gemäß ist."  (FN 17,  S. 233f.)  In den
       seither vergangenen  siebzehn Jahren  hat sich  Furets  Hoffnung,
       diese angeblich wenigen Analysen zu inventarisieren und zu analy-
       sieren, nicht  verwirklichen lassen.  Deshalb sind  auch wir hier
       zunächst 12) auf seine "eklektischen" Belege angewiesen. 13)
       Als Kronzeugen gegen den von ihm identifizierten und zu destruie-
       renden Mythos  beruft sich  Furet auf Karl Marx. Als Motto hat er
       seinem Aufsatz  gegen den  "revolutionären Katechismus"  14)  die
       folgende Stelle  aus einem Brief von Marx an den belgischen Dele-
       gierten der  IAA, César de Paepe, vom 14. September 1870 vorange-
       stellt: "Das  Unglück der Franzosen, sogar der Arbeiter, sind die
       großen Erinnerungen. Es wäre notwendig, daß die Ereignisse diesem
       reaktionären Kult  der Vergangenheit  ein für  allemal  ein  Ende
       machten" (vgl.  MEW 33, 147). Diese Briefstelle erscheint ihm of-
       fenbar so  eindrucksvoll, daß  er sie  zum Abschluß seiner Arbeit
       als autoritative  Bekräftigung seiner  Thesen noch einmal wieder-
       holt (vgl. S. 148).
       Was war der Anlaß für diese Marxschen Formulierungen? Die franzö-
       sischen Sektionen  der IAA  hatten nach  der im deutsch-französi-
       schen Krieg  1870 proklamierten französischen Republik einen Auf-
       ruf "An  das deutsche Volk! An die Sozialdemokraten Deutschlands"
       verfaßt, der im "Volksstaat" veröffentlicht worden war. Darin wa-
       ren "die  Deutschen" u.a.  aufgefordert worden:  "Geht  über  den
       Rhein zurück".  Eine Forderung,  deren chauvinistischer  Grundton
       während  des  andauernden  Kriegszustandes  natürlich,  wie  Marx
       schreibt, "von  den offiziellen  Zeitungen Bismarcks  ausgebeutet
       worden ist!" (MEW 33, 146 f.) Marx wendet sich hier gegen den na-
       tionalistischen Mißbrauch der Erinnerungen an die linksrheinische
       Begeisterung für die Französische Revolution, gegen die Verwechs-
       lung der revolutionären Republik von 1793 mit der durch den preu-
       ßisch-deutschen Sieg herbeigeführten vorläufigen bürgerlichen Re-
       publik von  1870. Nicht um eine Kritik der Revolution, sondern um
       die Kritik einer reaktionären Parodie 15) auf die Revolution han-
       delt es sich bei Marx' Äußerung.
       Der Historiker  Furet weiß  dies natürlich, oder besser: er hätte
       dies wissen  müssen. Stattdessen  behauptet er,  Marx und  Engels
       hätten zwischen  1865 und 1870 insgesamt eine kritischere Haltung
       gegenüber der  Französischen Revolution  und namentlich gegenüber
       dem Jakobinismus  eingenommen als  etwa 1848/49 (S. 241, FN 101).
       Als Beweis für diese These führt er einen Brief von Engels an, in
       dem dieser  sich unter  dem Eindruck einer sich revolutionär dra-
       pierenden chauvinistischen  Phraseologie von einem neuen Konvent,
       einer "levée  en masse"  usw., gegen  die "ewigen kleinen panics"
       der Franzosen  wendet. Man  bekomme dadurch,  schreibt Engels  an
       Marx, "eine  viel bessere  Idee von der Schreckensherrschaft. Wir
       verstehn darunter  die Herrschaft  von Leuten, die Schrecken ein-
       flößen; umgekehrt,  es ist  die Herrschaft von Leuten, die selbst
       erschrocken  sind.     L a    t e r r e u r ,    d a s    s i n d
       g r o ß e n t e i l s     n u t z l o s e    G r a u s a m k e i-
       t e n,   b e g a n g e n  v o n  L e u t e n,  d i e  s e l b s t
       A n g s t   h a b e n,   z u  i h r e r  S e l b s t b e r u h i-
       g u n g.   I c h   b i n    ü b e r z e u g t ,    d a ß    d i e
       S c h u l d  d e r  S c h r e c k e n s h e r r s c h a f t  A n-
       n o   9 3   f a s t   a u s s c h l i e ß l i c h   a u f   d e n
       ü b e r ä n g s t e t e n,   s i c h   a l s  P a t r i o t  g e-
       b a r e n d e n  B o u r g e o i s ,  a u f  d e n  k l e i n e n
       h o s e n s c h e i ß e n d e n    S p i e ß b ü r g e r    u n d
       a u f   d e n   b e i   d e r    t e r r e u r    s e i n    G e-
       s c h ä f t   m a c h e n d e n   L u m p e n m o b  f ä l l t ."
       (Vgl. MEW  33, 53).  Diese  Briefstelle  widerspricht  allerdings
       allen anderen  (früheren wie späteren, öffentlichen wie privaten)
       diesbezüglichen Aussagen  von Marx  und auch von Engels. Schmitt/
       Meyn, die  gewiß nicht als Apologeten von Engels angesehen werden
       können, bemerken  dies ausdrücklich.  (Vgl. Schmitt/Meyn,  S. 637
       f., und hier weiter unten FN 26).
       Furet hält  diese Aussage,  der zahlreiche andere entgegenstehen,
       wohl deshalb  für so  wichtig, weil  sie ihm seine These, daß der
       "Terrorismus" nichts  als eine pathologische "Abweichung" vom ei-
       gentlichen Weg  der Französischen  Revolution gewesen sei, zu be-
       stätigen scheint. Das Engelssche Wort von den "ewigen kleinen pa-
       nics" der Franzosen dient ihm so zur Bekräftigung für die Behaup-
       tung, daß die "große Furcht von 1789", das , Aristokratische Kom-
       plott" von  1792 nur  irrationalistische Massenstimmungen gewesen
       seien, die  zur unnötigen Radikalisierung einer schon siegreichen
       Revolution geführt hätten.
       Das zentrale Marxsche Argument gegen die von ihm so genannte kom-
       munistisch-jakobinische Historik  versucht Furet jedoch aus einer
       bekannten Passage aus der "Heiligen Familie" über die "Illusion",
       die (Selbst-)"Täuschung" des Jakobinismus, abzuleiten. Marx hatte
       dort geschrieben:
       
       "Welche kolossale Täuschung, die moderne bürgerliche Gesellschaft
       ... - in den Menschenrechten anerkennen und sanktionieren zu müs-
       sen und zugleich die Lebensäußerung dieser Gesellschaft hinterher
       an einzelnen  Individuen annullieren und zugleich den politischen
       Kopf dieser  Gesellschaft in  antiker Weise (Marx hatte zuvor die
       Verwechslung der  antiken mit der bürgerlichen Gesellschaft durch
       die Jakobiner  kritisiert -  WG) bilden  zu wollen!...  Nach  dem
       Sturz Robespierres  beginnt die  politische Aufklärung,  die sich
       selbst hatte  überbieten wollen, die überschwenglich gewesen war,
       erst, sich  prosaisch zu  verwirklichen. Unter  der Regierung des
       Direktoriums bricht die bürgerliche Gesellschaft - die Revolution
       selbst hatte  sie von  den feudalen  Banden befreit und offiziell
       anerkannt, ...  - in  gewaltigen Lebensströmungen  hervor...  Die
       bürgerliche Gesellschaft  wird positiv  repräsentiert  durch  die
       Bourgeoisie.  Die   Bourgeoisie  beginnt   also  ihr  Regiment...
       Napoleon war  der letzte Kampf des revolutionären Terrorismus ge-
       gen die gleichfalls durch die Revolution proklamierte bürgerliche
       Gesellschaft und  deren Politik...  Er war  kein  schwärmerischer
       Terrorist. Aber  Napoleon betrachtete zugleich noch den Staat als
       Selbstzweck und  das bürgerliche  Leben nur als Schatzmeister und
       als seinen  Subalternen, der  keinen Eigenwillen  haben dürfe. Er
       vollzog den  Terrorismus, indem  er an die Stelle der permanenten
       Revolution den  permanenten Krieg  setzte."  Aber  auch  Napoleon
       scheitert letzten  Endes an  den profanen  Interessen  der  Bour-
       geoisie. "Wie  der liberalen  Bourgeoisie in Napoleon noch einmal
       der revolutionäre  Terrorismus gegenübertrat,  so trat ihr in der
       Restauration, in  den Bourbonen, noch einmal die Konterrevolution
       gegenüber. Endlich  verwirklichte sie in dem Jahre 1830 ihre Wün-
       sche vom Jahre 1789,..." (MEW 2, 129 ff.).
       
       Furet hält  diese materialistische  Kritik der  "heroischen Illu-
       sion" des  Jakobinismus 16)  für ein  Loblied auf die bürgerliche
       Gesellschaft, auf das Direktorium und das Bürgerkönigtum von 1830
       ff. Nicht  der "Mazauric-Soboulsche(n)  Vulgata"  (147),  sondern
       seiner eigenen,  gemeinsam mit  Richet verfaßten  Darstellung der
       Revolution (vgl.  Furet/D. Richet,  1965/66), in der die demokra-
       tisch-jakobinische Phase  der Revolution  als "Schleuderbewegung"
       und Irrweg  der bürgerlichen Revolution behandelt wird 17), hätte
       daher die  "glänzende Analyse des jungen Marx" als Motto vorange-
       stellt werden können. (S. 146) Auch auf diese Stelle bezieht sich
       Furet mehrfach  und positiv, wobei er sie in ihrem Gehalt (S. 94,
       S. 200) immer weiter verfälscht 18).
       Bei genauer  Lektüre hätte  Furet, ohne auf andere Äußerungen von
       Marx und  Engels, die  er durchaus  kennt (weil er sie an anderer
       Stelle selber  zitiert, etwa MEW 6, 107 oder MEW 19, 534 f.), re-
       kurrieren zu  müssen, bemerken  können, daß Marx auch hier, wo es
       ihm nicht  darum geht,  die "Täuschung der Terroristen geschicht-
       lich zu  rechtfertigen" (MEW 2, 129), mehrfach davon spricht, daß
       die bürgerliche  Gesellschaft  durch  die  vom  Direktorium  usw.
       durchaus unterschiedene "Revolution" oder den "Hammer der Revolu-
       tion" allererst freigesetzt werden mußte; daß also der Jakobinis-
       mus in  der konkreten geschichtlichen Situation, wenngleich gegen
       seine Absichten, den Sieg der französischen liberalen Bourgeoisie
       vorbereitet hat.  Und eine weitere Marxsche Bemerkung "übersieht"
       Furet geflissentlich. Zum Abschluß der ganzen Passage stellt Marx
       unmißverständlich fest:  "Die Lebensgeschichte  der französischen
       Revolution, die  von 1789 her datiert, ist mit dem Jahre 1830, wo
       eines ihrer Momente (d.i. die liberale Bourgeoisie - WG), nun be-
       reichert mit  dem Bewußtsein  seiner sozialen Bedeutung, den Sieg
       davontrug, noch  nicht beendigt."  (MEW 2, 131). Genau das Gegen-
       teil hatten Furet/Richet aber in ihrem Buch behauptet 19). Es mag
       sein, daß  Furet seine  Klassiker kennt,  ob er sie aber auch be-
       griffen hat, muß nach alledem bezweifelt werden 20).
       
       II
       
       Im Unterschied  zu Furet haben Eberhard Schmitt und Matthias Meyn
       eine relativ umfangreiche Analyse der Marx-Engelsschen Äußerungen
       zur Französischen  Revolution vorgelegt.  Im Vorwort zu einer er-
       sten, mehr  oder weniger  "inoffiziellen" Fassung des Textes, 21)
       verweisen die  Autoren auf  den Zusammenhang ihrer Arbeit mit der
       französischen Diskussion  "um eine  'marxistische' Interpretation
       der französischen Revolution". Ihr sollte durch "exakte und voll-
       ständige Kenntnis  der einschlägigen Analysen und Hinweise in den
       Werken von  Marx und  Engels" ein "theoretisch fundierte(.)r Hin-
       tergrund" gegeben  werden. Nach  Angaben der  Verfasser war dabei
       auch an  eine umfangreichere Zusammenarbeit mit Furet und dem An-
       cien-Régime-Forscher   Jean    Meyer   gedacht    gewesen   (vgl.
       Schmitt/Meyn, 1976, Vorwort).
       Schmitt/Meyn gehen  in dem  vorliegenden Text mit den Zitaten der
       Klassiker philologisch wesentlich sorgfältiger um als Furet; ihre
       Bewertungen sind  vorsichtiger, ihr  Ton ist  weniger  polemisch.
       Wenn auch  - wie zu zeigen sein wird - die Analyse der beiden Au-
       toren nicht  frei von Widersprüchen und theoretischen bzw. metho-
       dischen Schwächen  ist, so  kann ihre  Arbeit insgesamt  doch als
       wertvolle Materialsammlung angesehen und benutzt werden.
       Ein Vorzug  der Arbeit  besteht in  diesem Zusammenhang  zunächst
       einmal darin,  daß die Autoren nicht versuchen, einen bedeutsamen
       Dissens zwischen  Marx und  Engels in der Frage der Französischen
       Revolution zu konstruieren, obwohl sie unterschiedliche Bewertun-
       gen im  einzelnen durchaus  vermerken. Im Gegenteil, Schmitt/Meyn
       werfen sogar  der einschlägigen marxistischen Literatur vor, "den
       beträchtlichen Corpus  von Äußerungen  von Friedrich  Engels  zur
       Französischen Revolution  (zu) vernachlässigen." Dies sei keines-
       wegs berechtigt, denn Engels sei sowohl ein "Kenner der französi-
       schen Revolution"  als auch ein "eigenständiger Denker" mit theo-
       retischem Niveau; und schließlich habe sich Engels "weit häufiger
       als Marx zum Thema 'Französische Revolution' geäußert." Sie gehen
       in ihrer  "Zusammenschau der  Aussagen von Marx und Engels" davon
       aus, "daß  im wesentlichen  Übereinstimmung in  den Vorstellungen
       der beiden  Denker vom  Prozeß der  französischen Revolution  be-
       steht." (Alle Zitate Schmitt/Meyn, 1978, S. 589 f.).
       Die Gliederung  der Arbeit  wird aus "den sich aus der Durchsicht
       des Materials  ergebenden Gesichtspunkten"  und  der  methodisch-
       theoretische Ansatz aus der Marx-Engelsschen Methodik abgeleitet:
       "vom Allgemeinen  zum Besonderen,  von den  Problemen der  syste-
       matischen Deutung  des Geschichtsverlaufs über die Einordnung der
       Französischen Revolution in diesen Geschichtsverlauf zur histori-
       schen Kasuistik der Französischen Revolution." Anders als bei Fu-
       ret steht  bei den  beiden deutschen  Autoren nicht  so sehr  die
       "Jakobinerfrage" im  Vordergrund des Interesses, als vielmehr das
       allgemeinere Problem der "Gesamteinschätzung der Revolution durch
       Marx und  Engels" und dabei vor allem die Frage, "in welchem Maße
       die Ereignisse  zwischen 1789 und 1814 nach Auffassung der beiden
       Theoretiker eine  politische, eine  soziale bzw. eine ökonomische
       Revolution bildeten." (Alle Zitate S. 590) 22).
       Die Vorgehensweise  der Verfasser  wirft eine Reihe von Problemen
       auf, deren sie sich offenbar nicht genügend bewußt geworden sind.
       Die Schmitt/Meynsche  Gliederung des  vorgelegten weitverstreuten
       Materials - immerhin werden eine Vielzahl verschiedener Schriften
       von Marx  und Engels aus einer rund fünfzigjährigen Publikations-
       zeit verwendet  - nach  den genannten  Gesichtspunkten suggeriert
       eine originäre  Systematik, die in den Quellen selbst nicht ange-
       legt ist.  Tatsächlich ergibt  sie sich  weitgehend aus dem Stand
       der Debatte  um die  Französische Revolution, wie sie sich im Be-
       wußtsein der  beiden Autoren  zur Zeit ihrer Arbeit wiederfindet.
       Dies wäre  an sich  kein Mangel, wenn sich die Autoren dieses Um-
       standes bewußt  wären. Stattdessen  behandeln sie aber den Korpus
       der Marx-Engelsschen  Äußerungen, als  ob ihm  selbst eine solche
       Systematik zugrunde läge. Was sich in dem für den Wert ihrer Ana-
       lysen fatalen  Umstand zeigt, daß sie das Problem der Entwicklung
       der Marx-Engelsschen Einsichten völlig vernachlässigen, indem sie
       Äußerungen aus  deren Frühzeit  unvermittelt mit  Äußerungen  der
       "Reifezeit" verknüpfen,  konfrontieren usw.,  so  daß  sich  z.T.
       willkürlich konstruierte Zusammenhänge oder auch Widersprüche er-
       geben 23).  Desweiteren verkürzen sie die Problematik der Franzö-
       sischen Revolution  vor allem dadurch, daß sie die Debatte in den
       sozialistischen Ländern, insbesondere die Diskussion um die Theo-
       rie der Gesellschaftsformationen, die international vergleichende
       Revolutionsforschung,  die  Zyklizität  der  Revolution(en)  usw.
       nicht oder  doch nur  völlig unzureichend  zur Kenntnis und damit
       auch nicht in ihre Systematik aufnehmen 24).
       Die zuletzt  benannte Schwäche  wirkt sich vor allem in den Kapi-
       teln I.  bis III.  aus, wo  Themen wie "Periodisierungs- und Ent-
       wicklungsmodelle",   "Dialektik,   Revolution   und   Evolution",
       "Feudalismus",  "Bürgerliche   Gesellschaft  und   Kapitalismus",
       "Sozialstruktur", "Wirtschaftsstruktur", "Überbau" usw. behandelt
       werden. Es erweist sich, daß hier, wo es sich nicht um spezifisch
       mit der Französischen Revolution verknüpfte Aussagen handelt, die
       hierzu vorgelegten  Marx-Engels-Texte nicht nur nicht vollständig
       sind, was  sich angesichts dieser Thematiken fast von selbst ver-
       steht, sondern  daß die Autoren dabei nicht immer die theoretisch
       relevantesten Textstellen zitieren und vor allem, daß ihre Inter-
       pretation keineswegs  dem zum  Zeitpunkt ihrer Arbeit bereits er-
       reichten  wissenschaftlichen   Diskussionsstand  entspricht.  Als
       Folge stellt  sich die  theoretische Unsicherheit  der Autoren in
       diesen Fragen  in der  fast stereotypen Wendung dar, Marx und En-
       gels hätten sich zu dieser oder jener Problematik (etwa der zeit-
       lichen Abgrenzung von Feudalismus und Kapitalismus, der einzelnen
       Entwicklungsstufen von  Feudalismus und Kapitalismus, der einzel-
       nen Entwicklungsstufen des Kapitalismus, des Klassenbegriffs, des
       "Bürgertums" bzw.  der "Bourgeoisie", des "Proletariats", der Ab-
       grenzung  von  "bürgerlicher  Gesellschaft",  "Kapitalismus"  und
       "kapitalistischer Produktionsweise", kurz fast aller hier wichti-
       gen   Kategorien)    "nicht"   oder   "niemals"   ("ausreichend")
       "geäußert", "erklärt",  an keiner  Stelle finde man eine "präzise
       Definition", "zwingende  inhaltliche Abgrenzungen"  der  Begriffe
       o.a.. Hier erweist es sich, daß auch die scheinbar spezielle Fra-
       gestellung der  Autoren nicht mit einer okkasionellen Fleißarbeit
       allein zu  bewältigen ist, sondern daß ihre Beantwortung eine in-
       tensive  Auseinandersetzung   mit  den   methodisch-theoretischen
       Grundlagen der  marxistischen Gesellschaftstheorie zur Vorausset-
       zung hat 25).
       Im Kapitel  "IV. Historischer  Verlauf der  Französischen Revolu-
       tion" finden sich durchaus ähnliche theoretische Mängel (vgl. das
       Beispiel in FN 25). Für uns von besonderem Interesse ist hier je-
       doch die  Behandlung der  demokratischen bzw. jakobinischen Phase
       der Revolution. Abschnitt IVd) behandelt den "Höhepunkt der Fran-
       zösischen Revolution:  die Herrschaft  des Wohlfahrtsausschusses"
       (S. 632  ff.). Das zu dieser Thematik vorgelegte Material ist um-
       fassend.   H i e r  f i n d e t  s i c h  a u c h  e i n e  d e r
       k l a r s t e n    u n d    e i n d e u t i g s t e n    S t e l-
       l u n g n a h m e n   v o n    M a r x    z u m    h i s t o r i-
       s c h e n     B e r u f     d e r      J a k o b i n e r h e r r-
       s c h a f t:    "D i e    S c h r e c k e n s h e r r s c h a f t
       m u ß t e   d a h e r   i n   F r a n k r e i c h  n u r  d a z u
       d i e n e n,   d u r c h   i h r e   g e w a l t i g e n   H a m-
       m e r s c h l ä g e   (vgl. MEW  2, 130  - WG)  d i e  f e u d a-
       l e n   R u i n e n   w i e    v o m    f r a n z ö s i s c h e n
       B o d e n   w e g z u z a u b e r n .  D i e  ä n g s t l i c h -
       r ü c k s i c h t s v o l l e    B o u r g e o i s i e    w ä r e
       i n   D e z e n n i e n   n i c h t   m i t   d i e s e r    A r-
       b e i t   f e r t i g   g e w o r d e n .   D i e   b l u t i g e
       A k t i o n    d e s    V o l k e s    b e r e i t e t e    i h r
       a l s o   n u r   d i e  W e g e."  (MEW 4, 339)  E i n e  g a n-
       z e   R e i h e    w e i t e r e r    e n t s p r e c h e n d e r
       Ä u ß e r u n g e n  z u r  P o l i t i k  d e s  K o n v e n t s
       (MEW 1,  400),   z u r   M o n t a g n e   (MEW  4,  397),    z u
       R o b e s p i e r r e   u n d   S a i n t - J u s t  (MEW 3, 162)
       w e r d e n   d o k u m e n t i e r t,   s o   d a ß  d i e s e r
       g a n z e   A b s c h n i t t  a l s  W i d e r l e g u n g  F u-
       r e t s   g e l e s e n   w e r d e n   k a n n.  Es beweist, wie
       unzulänglich Furets  Marx-Deutung in dieser Frage und damit seine
       ganze Polemik gegen Soboul und Mazauric ist 26).
       Wenn die Stärke der Schmitt/Meynschen Arbeit in der fleißigen und
       unbefangenen Quellensammlung liegt, die zum Verständnis der Marx-
       Engelsschen Position  in Einzelfragen besonders viel beiträgt, so
       zeigt sich  ihre Schwäche  immer dort, wo die Autoren theoretisch
       oder historisch zusammenfassende Gesichtspunkte erörtern. So auch
       in dem  abschließenden Kapitel  "V. Die  Französische Revolution:
       eine politische,  soziale oder ökonomische Revolution". Der theo-
       retische  Hauptmangel   dieses  Kapitels   besteht   darin,   daß
       Schmitt/Meyn den Prozeß des welthistorischen Übergangs vom Feuda-
       lismus zum Kapitalismus, der in einer relativ langen Epoche sozi-
       aler Revolution  sich vollzieht,  in der sich mit der Veränderung
       der ökonomischen Grundlage auch der ganze ungeheure Überbau lang-
       samer oder rascher umwälzt (vgl. MEW 13, 9), mit konkret histori-
       schen Einzelprozessen (wie der englischen, Französischen oder der
       "industriellen" Revolution) verwechseln, die in diesem Gesamtpro-
       zeß nichts  anderes sind  als Knotenpunkte  der  Entwicklung,  in
       denen sich  qualitative Veränderungen  in zeitlich  kurzer Dauer,
       gewissermaßen als  "Ereignis", durchsetzen. Aber darin liegt eben
       auch ihre  Notwendigkeit. Es ist daher falsch, oder besser: unzu-
       reichend, zu  behaupten, nach Marx und Engels seien nicht die po-
       litischen, sondern  die ökonomischen  Revolutionen, oder gar noch
       verkürzt "der Vorgang der industriellen Revolution der einschnei-
       dendste Prozeß,  der in  ihrer Zeit  vor sich ging" (S. 649) 27).
       Beide revolutionären  Prozesse sind  in der  Epoche des Übergangs
       von einer  Gesellschaftsformation zur  anderen in konkreter Wech-
       selwirkung miteinander  verwoben. Daher  ist es  durchaus zutref-
       fend, wenn  die Autoren  abschließend bemerken:  "Marx und Engels
       haben ihre  Sicht niemals  auf ein einziges europäisches Land be-
       schränkt. Aus  dieser Sicht  kommt den  unterschiedlichen Ländern
       Europas jeweils eine besondere Funktion zu. Das Wesen der bürger-
       lichen Revolution  spiegeln sie in ihrer Gesamtheit" (649). Frei-
       lich fordert  diese Abschlußbemerkung gerade dazu auf, die beson-
       dere Funktion,  natürlich nicht einzelner Länder, sondern einzel-
       ner historischer  Prozesse und  Ereignisse, in ihrem regionalsta-
       dialen Status  zu untersuchen, was von der international verglei-
       chenden Revolutionsforschung  zu leisten  ist. Hierzu erfahrt man
       von den  Autoren allerdings  nichts oder zu wenig, so, als hätten
       Marx und Engels hierzu nichts zu sagen gewußt.
       
       III
       
       Die kritische  Betrachtung der  Arbeit von Schmitt/Meyn zur Marx-
       Engelsschen Rezeption  der Französischen  Revolution hat ergeben,
       daß sie  in der für Furet entscheidenden , Jakobinerfrage" zu ei-
       nem gänzlich  entgegengesetzten Resultat  gekommen sind 28). Dies
       hinderte E. Schmitt - zumindest in seinen späteren Arbeiten 29) -
       aber nicht daran, in der Auseinandersetzung mit marxistischen Hi-
       storikern aus  den sozialistischen Ländern 30) zu einem ähnlichen
       Ergebnis wie  Furet zu kommen: Die "marxistisch-leninistische In-
       terpretation" der  Revolution ist von der Marx-Engelsschen Inter-
       pretation nicht  nur zu  unterscheiden, sondern sie weicht in we-
       sentlichen Punkten  davon ab  - darunter  angeblich auch  in  der
       Frage "Jakobinerherrschaft - Höhepunkt der Revolution?" (Schmitt,
       1980, S. 65 ff.).
       Alles änderte  sich mit Lenin, um eine Furetsche Wendung zur Cha-
       rakterisierung der Position von Schmitt aufzugreifen. Tatsächlich
       ändert sich vor allem das Niveau der wissenschaftlichen Auseinan-
       dersetzung von  E. Schmitt.  Die relative  Seriosität des Umgangs
       mit den  Marx-Engelsschen Quellen  macht in  Schmitts Darstellung
       der "marxistisch-leninistischen Interpretation" der Französischen
       Revolution (S.  26 ff.) einer z.T. grotesken Mischung aus Trivia-
       litäten, offenkundigen Widersprüchen, Fehlurteilen und plumpester
       Propaganda Platz 31).
       Die "relativ  nüchterne Beurteilung" der Französischen Revolution
       durch Marx  und Engels sei bei Lenin in eine "hohe Wertschätzung"
       umgeschlagen.   "I m   U n t e r s c h i e d  z u  M a r x  u n d
       E n g e l s   i n t e r e s s i e r t e   L e n i n   v o r  a l-
       l e m   d e r   A k t i v i s m u s   d e r  R e v o l u t i o n,
       s o d a n n  d i e  D y n a m i k ,  d i e  s i c h  a u s  d e r
       B e t e i l i g u n g   d e r   V o l k s m a s s e n  a n  d e n
       v e r s c h i e d e n e n    E r h e b u n g e n    e r g e b e n
       h a t t e "   (S. 29).  Schmitt  ist  von  der  Bedeutung  dieses
       angeblichen Unterschiedes  so überzeugt,  daß er  ihn kurz darauf
       noch  einmal  wiederholt:  "Auch  in  der  modernen  sowjetischen
       Revolutionsgeschichtsschreibung überwiegt  heute - im Unterschied
       zu den  Auffassungen von  Marx und  Engels  -  die  Betonung  des
       aktivistischen Elements der Revolution" (S. 30).
       Die "marxistisch-leninistische  Interpretation der  Französischen
       Revolution" lege  "das größte  Gewicht auf  den Umstand,  daß die
       Französische Revolution  das Ergebnis  eines Klassenkampfes, also
       eines sozialen  Konfliktes, gewesen  sei." Sie  stütze sich dabei
       auf "zahlreiche,  voneinander isolierte  Aussagen  von  K.  Marx,
       gelegentlich F.  Engels", besonders  aber von  V.I. Lenin  und  -
       jedenfalls bis  1953 - von I.V. Stalin, die mit den theoretischen
       Ansätzen der marxistisch-leninistischen Geschichtsauffassung ver-
       knüpft werden. (S. 26). Wenig später hebt Schmitt schließlich die
       zeitliche Einschränkung  des Einflusses  von Stalin  auf und  be-
       hauptet, auch die "heutige(.) marxistisch-leninistische(.) Sicht"
       ziehe zur  Deutung der  Französischen Revolution häufig "Aussagen
       von Marx, Engels, Lenin und Stalin" heran. Worin nun der spezifi-
       sche Beitrag  Stalins zur  Herausbildung der "marxistisch-lenini-
       stischen  Interpretation"   gelegen  haben  soll,  bleibt  offen.
       Zunächst einmal  wird die folgende, kaum überraschende Gemeinsam-
       keit zwischen  Lenin und  Stalin vermerkt: "Wie für Lenin, so be-
       stand auch  für Stalin  zwischen einer bürgerlichen und einer so-
       zialistischen Revolution  ein grundlegender Unterschied" (S. 30).
       Von Stalin  selbst wird  dann lediglich noch die folgende Aussage
       zitiert: "Das Ziel der Französischen Revolution war die Liquidie-
       rung des  Feudalismus zwecks  Festigung des Kapitalismus" (S. 32)
       32).
       Diese globalen  Trivialitäten mag man unter der Rubrik "die Fran-
       zösische Revolution - ein Muster für eine weltanschaulich-ideolo-
       gisch geprägte  Geschichtsschreibung" (S.  11 f.)  ablegen, hätte
       sich dabei  der Autor in diesen Bemühungen nicht in den Schlingen
       seiner eigenen  wissenschaftlichen Arbeit verfangen. Wenige Jahre
       nach seiner philologischen Kärrnerarbeit bemerkt Eberhard Schmitt
       nun zur  sog. Jakobinerfrage:  "Die Marxsche und Engelssche Beur-
       teilung der  Französischen Revolution stützt zwar in einigen iso-
       lierten Einzelpassagen  die marxistisch-leninistische Deutung der
       Terreur, stimmt  aber in  ihrer Grundtendenz  nicht mit ihr über-
       ein."  Er   zitiert  dann   jene  Marxsche  Passage,  wonach  die
       "Schreckensherrschaft" nur  dazu diente, die "feudalen Ruinen wie
       vom französischen  Boden wegzuzaubern".  Dies gehöre, so Schmitt,
       "in einen journalistisch geschickt erfaßten tagespolitischen Kon-
       text, ist  aber theoretisch  nicht reflektiert, sie ist Beschrei-
       bung eines  nicht weiter analysierten Sachverhalts." Marx und En-
       gels  hätten   in  keinem   Fall  davon   gesprochen,   daß   die
       "Schreckensherrschaft" die  Bedingung des Übergangs vom Feudalis-
       mus zum  Kapitalismus oder  des Übergangs zur großen Industrie in
       Frankreich gewesen  sei (alle  Zitate S.  68 f.). Dies ist sicher
       richtig, nur, wer anders als der Autor selbst, der sie zum Zwecke
       ihrer Widerlegung formulierte, hat eine solche Auffassung je ver-
       treten? Das  ganze Problem beruht wiederum auf einer Verwechslung
       der Übergangsproblematik  mit dem  konkret historischen  Ereignis
       der Revolution.  Marx sagt  an dieser  Stelle nichts anderes, als
       daß die  ängstlich-rücksichtsvolle Bourgeoisie,  und gemeint sind
       die Feuillants, Girondins und ihre Anhänger, die Überbleibsel des
       feudalen Regimes  in Frankreich in Jahrzehnten nicht so gründlich
       beseitigt hätten,  als es  in der kurzen Phase der Jakobinerherr-
       schaft geschehen ist. Nicht mehr und nicht weniger haben Marx und
       Engels,  die  meisten  "sozialistischen"  und  die  "marxistisch-
       leninistischen" Interpreten  der Französischen  Revolution je be-
       hauptet -  keinesfalls aber findet man bei Furet oder Schmitt ir-
       gendwelche gegenteiligen  Belege. Man wird sehen ob es ihnen 1989
       gelingt, einen  derartigen Beweis zu fuhren. Für Marxisten sollte
       sich aber  an diesem Beispiel die Notwendigkeit einer gründlichen
       und allseitigen  Erforschung der  Marx-Engelsschen Rezeption  der
       Französischen Revolution erneut erwiesen haben.
       
       _____
       1) Vgl. J. Bruhat, 1966 (urspr. 1939), La révolution française et
       la formation  de la  pensée de Marx, in: Annales historique de la
       révolution française,  No. 38,  Paris; E.  Schmitt/M. Meyn, 1978,
       Ursprung und  Charakter der Französischen Revolution bei Marx und
       Engels, in:  E. Hinrichs/E.  Schmitt/R. Vierhaus (Hg.), 1978, Vom
       Ancien Regime  zur Französischen Revolution. Forschungen und Per-
       spektiven. Göttingen  (als vervielfältigtes  Skriptum  veröffent-
       licht unter  demselben Titel  in Bochum 1976); H. P. Jaeck, 1979,
       Die französische  bürgerliche Revolution von 1789 im Frühwerk von
       Karl Marx,  Berlin/DDR; F.  Furet, 1980,  1789 - Vom Ereignis zum
       Gegenstand der  Geschichtswissenschaft,  Frankfurt,  Berlin/West,
       Wien.
       2) Vgl. E. Schmitt/M. Meyn, a.a.O., S. 590.
       3) Dies gilt  natürlich nicht für die inhaltliche Debatte der Hi-
       storiker um die Revolution, auf die hier nicht eingegangen werden
       kann. Vgl.  einführend Soboul,  A., 1974a,  Im Lichte  von  1789.
       Theoretische Probleme  der bürgerlichen  Revolution, dt. in: Kos-
       sok, M.  (Hg.), 1974,  Studien zur  vergleichenden Revolutionsge-
       schichte 1500"1917, Berlin; Soboul, A., 1974b, Die klassische Ge-
       schichtsschreibung der Französischen Revolution: Aktuelle Kontro-
       versen, dt.  in: Kossok,  M. (Hg.),  1976, Rolle  und Formen  der
       Volksbewegung im bürgerlichen Revolutionszyklus, Berlin; Grab, W.
       (Hg.), 1975, Die Debatte um die Französische Revolution, München;
       Schmitt, E.  (Hg.),  1976,  Die  Französische  Revolution,  Köln;
       Schmitt, E., 1980, Einführung in die Geschichte der Französischen
       Revolution, 2. Aufl., München; sowie Vovelle, M., 1985, Die Fran-
       zösische Revolution.  Soziale Bewegung und Umbruch der Mentalitä-
       ten, Frankfurt.  Allgemeiner auch:  IMSF (Hg.), 1979, Bürgerliche
       Revolutionen. Probleme  des Übergangs vom Feudalismus zum Kapita-
       lismus, Frankfurt.  M. Kossok, 1978, Vergleichende Revolutionsge-
       schichte der  Neuzeit: Forschungsprobleme  und Kontroversen,  in:
       Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG), XXVI. Jg., 1978, S.
       5ff., weist  im Rahmen einer Bilanzierung von Forschungsergebnis-
       sen und Kontroversen der marxistischen , vergleichenden Revoluti-
       onsforschung der  Neuzeit" immerhin  kurz  auf  das  "auffällige"
       "Bemühen der  bürgerlichen Seite zur verstärkten Analyse entspre-
       chender Werke mit dem Ziel, Marx und Engels (mitunter auch Lenin)
       gegen Auffassungen der gegenwärtigen marxistischen Revolutionsge-
       schichtsschreibung zu  stellen" hin und verweist in diesem Zusam-
       menhang auf  die Arbeit  von  Schmitt/Meyn.  In  einer  Rezension
       (Kossok, M.,  1982, Rezension,  François Furet: 1789 (vgl. Furet,
       1980), in  ZfG, 30.  Jg., 1982, S. 171 ff.) der deutschen Ausgabe
       des Furetschen Buches (von 1980) bemerkt derselbe Autor zu Recht,
       daß sich Furet in der Auseinandersetzung mit seinen marxistischen
       Gegnern mit einer gewissen Beliebigkeit auf Aussagen von Marx und
       Engels, bei  Lenin sogar auf fragwürdige Zitate aus zweiter Hand,
       beziehe und  daß daher  Furets  "unbescheidene"  Behauptung  "ich
       kenne meine Klassiker" mit der Frage "ob er sie (auch) verstanden
       hat (?)" zu konfrontieren sei.
       4) Furet 1980, a.a.O., Teil 1, S. 8ff.
       5) Dabei muß Furet aber gestehen, daß die zuvor beschriebene Ver-
       lagerung des  Interesses der  Revolutionshistoriker von  1789 auf
       1793 lange  vor der  russischen Revolution  stattgefunden hat und
       daß der  nicht-kommunistische und  nicht-marxistische  Historiker
       Albert Mathiez  schon 1920 die Perspektiven der französischen und
       der russischen  Revolution ineinander  verschränkt  hatte.  (Vgl.
       a.a.O., 104).  Im übrigen beschränkt sich Furet in seiner Polemik
       weitgehend auf  französische Autoren; in einer Fußnote (FN 15, S.
       233) wird  lediglich die  "englische Schule"  (Hobsbawm, Rüde und
       mit Einschränkungen  Cobb) erwähnt. Man geht sicher nicht fehl in
       der Annahme,  daß die gleichen Argumente von ihm auch gegen Auto-
       ren aus den sozialistischen Ländern vorgebracht würden, sofern er
       sie zur Kenntnis nähme.
       6) Gemeint ist  Soboul, A.,  1973, Die Große Französische Revolu-
       tion. Ein  Abriß ihrer  Geschichte (1789"1799),  2. Aufl., Frank-
       furt.
       7) Furet hebt  hier den  populärwissenschaftlichen Charakter  des
       Buches (vgl.  FN 8)  hervor, nicht  zuletzt wohl, weil Soboul den
       Vorwurf erhoben  hatte, das  Werk sei  "mehr aus  der  Feder  des
       Publizisten als  des Historikers"  geschrieben  und  "von  keiner
       eigenen wissenschaftlichen  Forschung gestützt".  Vgl. A. Soboul,
       1974b, a.a.O., S. 60 f.
       8) Gemeint ist Furet, F./Richet, D., 1965/66 (dt. 1968 und 1980),
       La Révolution française, 2 Bde, Paris.
       9) Vgl. hierzu  die in FN 3 angegebene Literatur und Goldschmidt,
       W., 1988,  Zur politischen Soziologie der Demokratie in der Fran-
       zösischen Revolution, in: DIALEKTIK 15, Köln 1988.
       10) Gemeint ist  Robin, R.,  1970, La  société française en 1789:
       Semur-en-Auxois, Paris.
       11) Auf den kurzfristigen, politisch taktischen Aspekt dieser Fu-
       retschen Differenzierung zwischen der als parteioffiziell angese-
       henen Position Mazaurics und der als parteioppositionell (weil an
       Althusser orientiert)  angesehenen Position  Robins kann hier nur
       hingewiesen werden.
       12) Furet scheint  dieses Vorhaben  nunmehr für die 200-Jahrfeier
       der Revolution  1989 doch  noch realisieren  zu wollen.  Vgl. den
       Prospekt der Pergamon Press, Oxford u.a.: "On the Occasion of the
       Bicentenary of  the Revolution:  The French  Revolution  and  the
       Creation of  Modern Political  Culture" (dort Volume 3, ed. by F.
       Furet), wo  u.a. auch  ein Sonderheft der Zeitschrift "History of
       European Ideas"  mit dem  Thema "Karl Marx and the French Revolu-
       tion" (Heft 3, 1989) angekündigt wird.
       13) Zu diesen  Belegen zählen  einige weithin  bekannte  Passagen
       über den  "Illusionismus" Robespierres, der jakobinischen Terreur
       usw. aus der "Heiligen Familie" (MEW 2, 125-131, vgl. dazu weiter
       unten), verschiedene  (angebliche) Äußerungen von Marx und Engels
       über die  "Unabhängigkeit des  absolutistischen Staates von Bour-
       geoisie und Adel" (vgl. S. 237, FN 55), und schließlich drei kon-
       krete Briefstellen  (MEW 33,  53/33, 147/39,  482f.). Tatsächlich
       werden noch  einige Marxstellen  benannt (so etwa MEW 5, 107-108,
       (FN 99),  muß aber heißen MEW 6, 107 f.), aber nur, um dabei auch
       gegen Marx selbst Einwände zu erheben. Ich habe alle dort gegebe-
       nen Fundstellen  überprüft, an keiner Stelle ist, wie Furet pole-
       misch gegen  Soboul behauptet,  von "Unabhängigkeit des absoluti-
       stischen Staates  von Bourgeoisie  und Adel"  die Rede.  Vielmehr
       heißt es,  "die eigentliche Verwandlung der politischen Stände in
       bürgerliche ging  vor sich  in der absoluten Monarchie. Die Büro-
       kratie machte  die Idee der Einheit gegen die verschiedenen Staa-
       ten (d.h.  der Stande - WG) im Staate geltend" (MEW l, 283 f., im
       folgenden ohne MEW), dann ist die Rede von "scheinbar selbständi-
       ger Macht"  (3, 178),  von einem "naturwüchsige(n) Kompromiß zwi-
       schen Adel und Bourgeoisie" (37, 154), gar nichts speziell hierzu
       in   (37,   493);   schließlich   ist   (17,   624)   von   einer
       "Verselbständigung der  Staatsmacht gegenüber  der  Gesellschaft"
       die Rede,  aber nicht im (französischen) Absolutismus, sondern in
       der amerikanischen Demokratie!
       14) A.a.O., Teil 2, S. 97 ff.
       15) Im Briefwechsel von Marx und Engels im Jahr 1870 wird der aus
       den Jahren  1848 ff. bekannte Vorwurf der "Parodie" auf die Fran-
       zösische Revolution verschiedentlich wieder aufgegriffen!
       16) Vgl. hierzu Kossok, M., 1986, Realität und Utopie des Jakobi-
       nismus. Zur "heroischen Illusion" in der bürgerlichen Revolution,
       in: ZfG, 34. Jg., S. 415 ff., und Holzapfel, K./Zeuske, M., 1986,
       Karl Marx und die "heroische Illusion" in der französischen Revo-
       lution von  1789 und  1830, in: Zeitschrift für Geschichtswissen-
       schaft, 34.  Jg., S. 599 ff., sowie deren Artikel im vorliegenden
       Band.
       17) Vgl. F. Furet/D. Richet, 1965/66, a.a.O., Fünftes bis Sieben-
       tes Kapitel.
       18) In dem  Aufsatz über Augustin Cochins "Theorie des Jakobinis-
       mus" behauptet  er schließlich:  "Der 9.  Thermidor ist, wie Marx
       richtig erkannte,  die Rache der Gesellschaft" (S. 200). Aber daß
       es sich  nach Marx hier gerade um eine bestimmte Form der Gesell-
       schaft, die bürgerliche, handelt, unterschlägt Furet. Nur von ih-
       rem  Standpunkt   aus   waren   die   jakobinischen   Täuschungen
       "kolossal".
       19) Vgl. F. Furet/D. Richet, a.a.O., (dt. Ausg. 1980) S. 204.
       20) Ich beziehe  mich bei  dieser Formulierung auf ein Wortspiel,
       das M.  Kossok mit  einer Soboul-schen Kritik an Furets Revoluti-
       onsverständnis in  seiner Rezension  (vgl. Kossok,  a.a.O., 1978)
       verwendet hat. (Vgl. FN 3)
       21) Vgl. E. Schmitt/M. Meyn, a.a.O., 1978. Der Text des Aufsatzes
       ist auch  als Einzelveröffentlichung  unter  demselben  Titel  in
       Bochum 1976 erschienen.
       22) Tatsächlich stehen  diese Probleme dem "struktur-analytischen
       Ansatz" der  Annales-Schule, dem  sich E.  Schmitt weitgehend an-
       schließt (vgl.  E. Schmitt,  a.a.O., 1980),  und die sich für die
       Revolution  als  bloßes  "Ereignis"  nicht  weiter  interessiert,
       scheinbar wesentlich  näher als  das "Jakobinismus"-Problem. Nach
       Furet gehören  freilich beide  Fragestellungen durchaus zusammen.
       Vgl. hierzu auch die Aufsätze zu Tocqueville und Cochin in ders.,
       1980.
       23) Auch hieran  zeigt sich wieder, wie sehr eine strukturalisti-
       sche Historiographie der Gefahr des Ahistorismus ausgesetzt ist.
       24) Hier deutet  sich ein Mangel an, der in der weiter unten kurz
       zu besprechenden  späteren Arbeit  von E.  Schmitt offen  zu Tage
       tritt.
       25) Für den nicht-marxistischen Historiker, der sich nicht spezi-
       ell der  Marx(ismus)forschung widmet, sind dies gewiß hohe Anfor-
       derungen. Vorwerfen  muß man den beiden Autoren aber, wenn sie in
       dem Abschnitt  "IV.a) Die  Französische Revolution  im Rahmen der
       bürgerlichen Revolutionen  der Neuzeit"  vorgeben, die "neuere(.)
       sozialistische(.) Revolutionshistorie"  (S. 626) zur Kenntnis ge-
       nommen zu  haben und abschließend behaupten, daß für Marx und En-
       gels  "die   Französische  Revolution   nur  eine  unter  anderen
       'bürgerlichen Revolutionen'  war und  daß Marx  und Engels - wenn
       überhaupt -  eine gewisse Führungsrolle im Geschichtsprozeß (!!!)
       der englischen und amerikanischen Mittelklasse (!!!) zuerkannten.
       Dem stehen  allerdings eine Reihe (!) von isolierten (!) Äußerun-
       gen entgegen,..."  (ebd.) Diese  werden im  übrigen in Kapitel V.
       der Arbeit getreulich zitiert. (Vgl. S. 645 ff.)
       26) Tatsächlich wird  hier auch  jenes oben erwähnte Engels-Zitat
       als "ein  Dokument, das  von dieser (von den Frühschriften bis zu
       der späten  Korrespondenz von  Engels fast ein halbes Jahrhundert
       zu verfolgen(den))  Interpretation (des  Jakobinismus -  WG) ent-
       schieden abweicht" (S. 637), erwähnt.
       27) Der dieser  Einschätzung folgende Beleg: "Dampf, Elektrizität
       und Spinnmaschine  waren Revolutionäre  von  viel  gefährlicherem
       Charakter als  selbst die Bürger Barbes, Raspail und Blanqui" und
       der Schmitt/Meynsche  Zusatz -  , Revolutionäre,  denen man Namen
       wie Robespierre  oder Saint-Just ohne Bedenken an die Seite stel-
       len könnte"  beweist freilich  u.a. auch,  daß der Historiker der
       Großen Französischen Revolution nicht auch ein Kenner der franzö-
       sischen 48er Revolution sein muß.
       28) Dies mag  mit einer  der Gründe  dafür sein, daß die geplante
       Zusammenarbeit (vgl. oben zu Beginn von II) mit Furet doch offen-
       bar nicht zustande gekommen ist.
       29) Gemeint ist hier insbesondere E. Schmitt, a.a.O., 1980.
       30) Es ist  interessant zu  sehen, daß E. Schmitt den Hauptgegner
       von Furet,  Albert Soboul,  in einer  Reihe mit  Jaurès, Mathiez,
       Lefebvre und  schließlich Vovelle unter der Rubrik "die französi-
       sche sozialistische  Interpretation" (S. 22ff.) zusammenfasst, um
       ihn damit  von der "marxistischleninistischen Interpretation" ab-
       zugrenzen (obwohl  er und Vovelle "mit der KP Frankreichs liiert"
       seien?).
       31) Ob und  inwieweit dies  auch auf  das Fehlen des Mitarbeiters
       Meyn bei  der hier  kritisierten Arbeit  Schmitts  zurückzuführen
       ist, muß offenbleiben.
       32) Angesichts solch  dürftiger Belege drängt sich die Frage nach
       der politischen  Funktion dieser  Argumentation geradezu auf. Die
       Erwähnung Stalins  in diesem  Zusammenhang dient offenbar bloß zu
       denunziatorischen Zwecken.  Stalin setzt  demnach (auch hier) nur
       das von  Lenin bereits  eingeleitete Werk der Nivellierung diffe-
       renzierter Aussagen von Marx und Engels zur Französischen Revolu-
       tion fort.
       

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