Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       REFLEXIONEN ZUR FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
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       IM POLITISCHEN DENKEN LENINS
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       Josef Schleifstein
       
       Lenin hat  sich mit  der großen  Revolution der Franzosen nie als
       Historiker befaßt,  stets nur  im Zusammenhang  mit der Strategie
       und Taktik  der russischen Arbeiterbewegung, besonders in revolu-
       tionären und  vorrevolutionären Stadien  des Kampfes. Wie er sich
       in den  Schriften von  Marx und Engels "Rat zu holen" pflegte, so
       auch in der politischen Geschichte Frankreichs, wo die Kämpfe der
       Klassen und Klassenfraktionen so wie nirgendwo sonst - 1789-1793,
       1830, 1848,  1871 - in revolutionären Formen ausgefochten wurden.
       Er "berät"  sich mit der französischen Entwicklung, um zu lernen,
       nicht um  nachzuahmen. Das Vergleichbare, Anwendbare, zu Lernende
       ist für ihn immer an die  V o r a u s s e t z u n g  der konkret-
       historischen Analyse  gebunden, an  die Untersuchung  der eigenen
       ökonomischen, sozialen, politischen, geistig-ideologischen Bedin-
       gungen, an die Konstellation der Klassenkräfte und Parteiströmun-
       gen im zaristischen Rußland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.
       Bald nach dem Ausbruch der ersten russischen Revolution, im März-
       April 1905,  befaßt  Lenin  sich  mit  der  Frage,  welchen  Ent-
       wicklungsweg die  Revolution gehen  wird, von welchem "Typus" sie
       sein wird:  vom Typus  des Jahres  1789 oder  von dem  des Jahres
       1848? Er  denkt über die objektiven inneren und äußeren Bedingun-
       gen nach, die in die eine oder andere Richtung weisen. Aber zwei-
       felsfrei steht  für ihn  fest, daß die russische Sozialdemokratie
       auf den  "Typus von  1789" hinarbeiten muß, daß sie bestrebt sein
       muß, "die  bürgerliche Revolution  soweit wie möglich  v o r a n-
       z u t r e i b e n".   1) In  der intensiven  Suche nach dem rich-
       tigen, dem  für das Proletariat und die Bauernmassen günstigsten,
       zugleich aber unter den gegebenen historisch-sozialen Bedingungen
       bei größter  subjektiver Kraftentfaltung auch möglichen Weg stößt
       er immer  wieder auf  den  V e r g l e i c h  zwischen der Großen
       Französischen Revolution 1789"1794 und der Revolution von 1848/49
       in Deutschland.  Mit der für ihn charakteristischen Gründlichkeit
       studiert Lenin  alles, was  er  bei  Marx  und  Engels  über  die
       Revolutionen finden  kann, vor  allem in  den erst  wenige  Jahre
       zuvor -  1901 und 1902 - von Franz Mehring herausgegebenen Arbei-
       ten  in  der  "Neuen  Rheinischen  Zeitung"  und  in  der  "Neuen
       Rheinischen Zeitung - Politisch-ökonomische Revue".
       In der  Großen Französischen  Revolution sah  Lenin das  k l a s-
       s i s c h e   V o r b i l d   der bürgerlichen  bzw.  bürgerlich-
       demokratischen (er  gebrauchte die  beiden Begriffe  als Synonyme
       und bestimmte  Tiefe und  Breite des  Demokratismus am  konkreten
       historischen  Beispiel)   Revolution,  wegen  ihrer    K o n s e-
       q u e n z   in der  Zerstörung  des  Feudalabsolutismus,  in  der
       Freisetzung der  Entwicklungsmöglichkeiten für  den Kapitalismus,
       in der  Befreiung der  Bauernmassen vom  feudalen Joch.  Nach der
       Oktoberrevolution sagt  Lenin im  Mai 1919: "Nehmen Sie die Große
       Französische Revolution.  Nicht umsonst  nennt man sie die Große.
       Für ihre Klasse, für die sie wirkte, für die Bourgeoisie, hat sie
       so viel  getan, daß  das ganze  19. Jahrhundert, das Jahrhundert,
       das der gesamten Menschheit Zivilisation und Kultur gebracht hat,
       im  Zeichen   der  Französischen   Revolution   verlief.   Dieses
       Jahrhundert  hat  überall  in  der  Welt  nur  das  durchgesetzt,
       stückweise verwirklicht und zu Ende geführt, was die großen fran-
       zösischen bürgerlichen  Revolutionäre geschaffen  hatten, die den
       Interessen der  Bourgeoisie dienten,  auch wenn  sie sich  dessen
       nicht bewußt  waren und  das durch die Worte Freiheit, Gleichheit
       und Brüderlichkeit verschleierten." 2)
       Lenin fragt nun 1905: Was lehrt uns die  K o n s e q u e n z  der
       Franzosen damals  für die  eigene Zielsetzung, die eigene Taktik,
       die anzustrebende  politische Macht, die Klassenbündnisse, die zu
       erwartende Haltung  der Bourgeoisie, die sozialen und politischen
       Triebkräfte der  Revolution? Er fragt: Kann die Arbeiterklasse in
       einer zweifellos noch bürgerlichen, bürgerlich-demokratischen Re-
       volution die   H e g e m o n i e   erringen? Kann die sozialdemo-
       kratische Partei  der Arbeiterklasse  die Rolle  der Jakobiner in
       der Großen  Französischen Revolution  erlangen? Diese Fragen sind
       zugleich Gegenstand härtester, fundamentaler Auseinandersetzungen
       zwischen den  beiden Strömungen  der russischen Arbeiterbewegung,
       der menschewistischen und der bolschewistischen, die in den Revo-
       lutionsjahren sich  organisatorisch wieder in einer Partei verei-
       nigen.
       Daß auch  die russische  Revolution 1905 erst die kapitalistische
       Entwicklung völlig  freisetzen muß,  alle Barrieren  ökonomischer
       und politischer  Natur, die  sie fesseln  und behindern, beiseite
       räumen muß  - wie 1789 in Frankreich ", das ist für Lenin selbst-
       verständlich. Er  demonstriert es  illusionsfrei am  p r a k t i-
       s c h e n   Verhalten der  russischen  Gesellschaft  bis  in  die
       Arbeiterklasse hinein.  Er zeigt,  daß die bürgerliche Revolution
       sich  in   einem  "auf  den  ersten  Blick  nicht  klassenmäßigen
       Charakter" des  Kampfes äußert,  eines Kampfes "aller Klassen der
       bürgerlichen Gesellschaft  gegen  die  Selbstherrschaft  und  die
       Leibeigenschaft". Die  rein  kapitalistischen  Widersprüche  sind
       vielfach noch  überlagert durch die Widersprüche zwischen der zi-
       vilisatorischen Rückständigkeit  und den  europäischen Elementen,
       so daß  Forderungen in  den Vordergrund  rückten, deren Erfüllung
       "den Kapitalismus entwickeln, ihn von den Schlacken des Feudalis-
       mus reinigen".  Lenin geht noch weiter: Ende November 1905, schon
       in einem  Stadium schärfster,  auch bewaffneter Kämpfe, zeigt er,
       daß dies  sogar für  das Proletariat  gelte. "Was das Proletariat
       Rußlands jetzt  gleich und  unverzüglich fordert,  untergräbt den
       Kapitalismus nicht,  sondern reinigt  ihn und  beschleunigt, ver-
       stärkt seine  Entwicklung. ...  Selbst das  Proletariat macht die
       Revolution sozusagen im Rahmen des Minimalprogramms und nicht des
       Maximalprogramms, ganz  zu schweigen von der Bauernschaft, dieser
       gigantischen Masse  der Bevölkerung.  Ihr 'Maximalprogramm', ihre
       Endziele gehen nicht hinaus über den Rahmen des Kapitalismus, der
       sich beim  Übergang des  gesamten Grund und Bodens an die gesamte
       Bauernschaft und  das gesamte  Volk noch breiter und üppiger ent-
       falten würde." 3)
       Die scharfen,  oft genug  am französischen Beispiel von 1789-1794
       und am  deutschen Beispiel von 1848/49 geführten, Auseinanderset-
       zungen in  der russischen  Arbeiterbewegung betrafen  keineswegs,
       wie es  die Menschewiki auch international damals und später dar-
       stellten, das  s o z i a l ö k o n o m i s c h e  Wesen, den all-
       gemein-historischen Charakter  der Revolution.  Es ging  vielmehr
       darum, welche  Klasse -  unter den  Bedingungen Rußlands im Jahre
       1905 - imstande sein könnte, die bürgerlich-demokratische Revolu-
       tion nach  dem Beispiel  der Großen  Französischen zu    v o l l-
       e n d e n.   Die Menschewiki  - ihre theoretischen Sprecher waren
       vor allem  Plechanow, Martow  und Martynow - dachten im Grunde in
       mechanischen  Analogien:   Es  ist  eine    b ü r g e r l i c h e
       Revolution, folglich  gehört die Führung in dieser Revolution der
       liberalen Bourgeoisie, und das Proletariat muß alles unterlassen,
       was dem  Bürgertum und  seiner politischen  Partei, den Konstitu-
       tionellen Demokraten  (Kadetten), den Geschmack am revolutionären
       Vorgehen gegen  den Zarismus  und die Gutsbesitzer verderben, was
       ihm Furcht  vor zu  weitgehenden, zu  radikalen  Forderungen  und
       Zielen  der  Arbeiterklasse  und  der  Arbeiterbewegung  einjagen
       könnte.
       Auch Lenin  wählt den  Vergleich mit  der französischen  und  der
       deutschen Revolution.  Aber für  ihn ist ausschlaggebend, daß die
       russische Bourgeoisie  - ökonomisch,  politisch, psychologisch  -
       weit mehr  zum Verhalten  der deutschen liberalen Bourgeoisie von
       1848 /1849 tendiert und tendieren muß, daß sie die ungleich stär-
       kere, organisiertere,  bewußtere Arbeiterklasse  im Rücken fürch-
       tet, und daß sie daher an einer  V o l l e n d u n g  der Revolu-
       tion im bürgerlichdemokratischen und republikanischen Sinne nicht
       interessiert ist.  "Der Bourgeois  ist nicht abgeneigt", schreibt
       er, "den  Weg Deutschlands  von 1848 zu beschreiten, er wird aber
       'alle Anstrengungen'  machen, um  den Weg  Frankreichs zu vermei-
       den." 4) Daher kamen Lenin und seine Anhänger zu diametral entge-
       gengesetzten Schlußfolgerungen  als die menschewistischen Führer.
       Da die  russische Bourgeoisie  "aus ihrer  Klassenlage heraus" 5)
       die Vollendung der bürgerlichen Revolution nicht wolle, müsse die
       Arbeiterklasse die  Führung, die   H e g e m o n i e    in  einem
       Klassenbündnis mit der Bauernschaft, dem städtischen Kleinbürger-
       tum, der  demokratischen Intelligenz übernehmen. Die von den Men-
       schewiki beschworene  "Gefahr", eine zu große Selbständigkeit der
       Arbeiterklasse könne  den "Schwung der Revolution" schwächen, be-
       antwortet Lenin  in seiner  berühmten Schrift  "Zwei Taktiken der
       Sozialdemokratie in  der demokratischen  Revolution" und in zahl-
       reichen Artikeln  in dem  Sinne, daß nur die höchste Kraftentfal-
       tung des  Proletariats und  der Bauernschaft, die entschiedensten
       revolutionären Methoden  im Kampfe  der Volksmassen den "Schwung"
       der Revolution  sichern könnten. 6) Die  o b j e k t i v e  Ursa-
       che dafür  liege in den im Vergleich zu den voraufgegangenen bür-
       gerlichen Revolutionen  Westeuropas fortgeschritteneren Bedingun-
       gen, dem  bereits offener  und schärfer entfalteten Klassenwider-
       spruch zwischen  Bourgeoisie und Proletariat. Lenin kommt 1905 zu
       der Feststellung,  daß in gewissem Sinne "die bürgerliche Revolu-
       tion für  das Proletariat  v o r t e i l h a f t e r  ist als für
       die Bourgeoisie" 7).
       Lenin verbindet also die  m ö g l i c h e n  Ergebnisse der Revo-
       lution  mit   der  maximalen   Aktivität  der   Volksmassen,  der
       u n t e r s t e n   Schicht des  Volkes, und gerade hier sieht er
       das Vorbild  in der  großen Revolution der Franzosen. Seine Äuße-
       rungen dazu  betreffen vor  allem zwei  große Fragenkomplexe, die
       B a u e r n f r a g e   und die  Rolle  d e r  J a k o b i n e r.
       Angesichts des  riesigen Übergewichts der bäuerlichen Bevölkerung
       und der  furchtbaren Last  der feudalen Rückständigkeit mußte die
       Bauernbefreiung zum  Kernproblem der ersten russischen Revolution
       werden. Lenin  sah daher  die  S p e z i f i k  dieser Revolution
       gerade darin,  daß sie  dem Klasseninhalt  nach eine  "b ä u e r-
       l i c h - b ü r g e r l i c h e   Revolution" war.  Daraus  ergab
       sich auch  der grundlegende  Unterschied der Bündnisorientierung:
       Bündnis mit  der  liberalen  Bourgeoisie  beim  menschewistischen
       Flügel, Bündnis  mit den  Bauernmassen bei  den  Bolschewiki.  In
       seiner großen Arbeit über die Agrarfrage in der ersten russischen
       Revolution von Ende 1907 sagte Lenin, der menschewistische Flügel
       der russischen  Sozialdemokratie habe  sich auf den "allgemeinen,
       abstrakten, schablonenhaften Begriff der bürgerlichen Revolution"
       beschränkt und  sei nicht  fähig gewesen,  "die  B e s o n d e r-
       h e i t e n   der gegebenen  bürgerlichen  Revolution  als  einer
       Bauernrevolution zu verstehen". 8)
       Aus dieser  Spezifik, aus den im Vergleich mit früheren bürgerli-
       chen Revolutionen  fortgeschritteneren kapitalistischen  Entwick-
       lungsbedingungen, aus  der daraus  (objektiv wie  subjektiv) real
       möglichen   H e g e m o n i e r o l l e   des Proletariats  unter
       den revolutionären  gesellschaftlichen Kräften,  leitet er damals
       bekanntlich die  Formel für die anzustrebende politische Macht ab
       - "die  revolutionär-demokratische Diktatur  des Proletariats und
       der Bauernschaft".   K o n s e q u e n z   im Sinne der radikalen
       Beseitigung der  Feudallasten durch  die Französische Revolution,
       das hieß  für Lenin: alle nur denkbare Unterstützung des Proleta-
       riats und der Sozialdemokratie für die revolutionären Bauernbewe-
       gungen, die  zu Bauernaufständen  angewachsen waren; Konfiskation
       der Gutsbesitzerländereien  durch die  Bauernkomitees (wenigstens
       bis zur  Bildung einer  nationalen Konstituierenden Versammlung);
       Erkämpfung einer  konsequenten demokratischen politischen Ordnung
       der Republik, um das Errungene zu sichern 9) (dabei legt er stets
       großen Wert darauf, die  S e l b s t ä n d i g k e i t  des indu-
       striellen Proletariats  und des  Landproletariats  gegenüber  den
       bäuerlichen Kleineigentümern,  besonders für die historische Per-
       spektive, zu betonen).
       In seinen  Äußerungen zur  Großen Französischen  Revolution kommt
       Lenin wiederholt  auf die  geschichtliche Rolle des  J a k o b i-
       n e r t u m s  zu sprechen. Bereits im Sommer 1905 wählt Lenin in
       seiner grundlegenden  Schrift "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie
       in der  demokratischen Revolution"  selbst den  V e r g l e i c h
       der Bolschewiki  und ihrer Politik mit den Jakobinern. Anknüpfend
       an Marx  in der  "Neuen Rheinischen Zeitung" sagt Lenin: "Gelingt
       der entscheidende  Sieg der  Revolution, dann  werden wir mit dem
       Zarismus auf  jakobinische, oder,  wenn  ihr  wollt,  plebejische
       Manier  fertig  werden."  10)  Er  betont,  daß  die  Bolschewiki
       keineswegs die  Ansichten, das  Programm und  die Aktionsmethoden
       der Jakobiner  nachahmen wollten,  sondern mit  dem Vergleich nur
       zum  Ausdruck   bringen,  daß   sich  die   Vertreter  der  fort-
       geschrittensten Klasse  des 20.  Jahrhunderts ebenso wie Girondi-
       sten und  Jakobiner in  einen opportunistischen und einen revolu-
       tionären Flügel  teilten. "Die Jakobiner der heutigen Sozialdemo-
       kraten - die Bolschewiki ...", so Lenin, "wollen mit ihren Losun-
       gen das  revolutionäre und republikanische Kleinbürgertum und be-
       sonders die Bauernschaft auf das Niveau des konsequenten Demokra-
       tismus des  Proletariats  heben,  das  seine  Sonderstellung  als
       Klasse dabei  voll bewahrt.  Sie wollen,  daß das  Volk, d.h. das
       Proletariat und  die Bauernschaft, mit der Monarchie und der Ari-
       stokratie auf 'plebejische Manier' fertig wird ..." 11).
       Als dann  Plechanow auf  dem Vereinigungsparteitag der russischen
       Sozialdemokratie und  der nationalen  Arbeiterparteien des russi-
       schen Reiches (im April-Mai 1906 in Stockholm) zum x-ten Male Le-
       nin und den bolschewistischen Flügel des Parteitags des Verschwö-
       rertums und  Blanquismus anklagt und sich dabei auf den französi-
       schen  Konvent   beruft,   antworten   ihm   Lenin   und   Woinow
       (Lunatscharski): "Verurteilen Sie das Verschwörertum, aber erken-
       nen Sie  in der  Resolution eine Diktatur ähnlich dem Konvent an,
       und wir werden vollständig und vorbehaltlos mit Ihnen einverstan-
       den sein.  ... Den  Konvent anerkennen und gegen die Machtergrei-
       fung vom  Leder ziehen,  heißt mit Worten jonglieren. Den Konvent
       anerkennen und  gegen die revolutionär-demokratische Diktatur des
       Proletariats und der Bauernschaft' wettern, heißt sich selbst ins
       Gesicht schlagen.  Und die  Bolschewiki haben stets und immer nur
       von der  Eroberung der  Macht durch  die Masse des Volkes gespro-
       chen, durch  das Proletariat  und die Bauernschaft und keineswegs
       durch diese oder jene 'bewußte Minderheit'." 12)
       Zum Thema  der Jakobiner  kehrt Lenin  später während  des ersten
       Weltkriegs und besonders in den Monaten zwischen der Februar- und
       der Oktoberrevolution 1917 zurück. Als sich Plechanow und Kautsky
       im ersten  imperialistischen Weltkrieg,  um  die  "Vaterlandsver-
       teidigung" zu  rechtfertigen, auf die Verteidigung des revolutio-
       nären Frankreich  gegen die  vereinigte reaktionäre Koalition der
       absolutistischen Mächte  Europas berufen,  antwortet Lenin voller
       Empörung gegen  diese Prostituierung  des  Marxismus:  "Man  kann
       nicht Marxist  sein, ohne  höchste Achtung vor den großen bürger-
       lichen Revolutionären  zu  empfinden,  deren  weltgeschichtliches
       Recht es  war, im  Namen der  bürgerlichen 'Vaterländer' zu spre-
       chen, die  im Kampf  gegen den  Feudalismus  Millionen  und  aber
       Millionen Menschen  neuer Nationen zum zivilisierten Dasein erho-
       ben haben.  Und man  kann nicht  Marxist sein, ohne Verachtung zu
       empfinden vor  der Sophistik Plechanows und Kautskys, die von ei-
       ner Verteidigung des Vaterlandes' reden, wenn die deutschen Impe-
       rialisten Belgien  erdrosseln oder  die  Imperialisten  Englands,
       Frankreichs, Rußlands  und Italiens  Abmachungen treffen über die
       Ausraubung Österreichs und der Türkei." 13)
       In einer revolutionären Situation und abermals in der Polemik mit
       Plechanow kommt  Lenin auf das Jakobinerthema zurück. Es ist Ende
       Mai 1917  (nach dem  alten rassischen  Kalender), der Zar ist ge-
       stürzt, die bürgerlich-sozialrevolutionär-menschewistische Provi-
       sorische Regierung,  die Frieden und Land versprochen hatte, aber
       den Krieg munter fortsetzt und die Bauern von Monat zu Monat, von
       Woche zu Woche auf eine irgendwann einzuberufende Konstituierende
       Versammlung vertröstet,  sieht sich  gewaltig anschwellenden Bau-
       ernbewegungen und  Soldatenunruhen gegenüber.  Sie beginnt, ganze
       Regimenter wegen Aufsässigkeit aufzulösen. Da erinnert Plechanow,
       der die  ganzen Jahre  an der  Seite der  Monarchie und der Bour-
       geoisie den imperialistischen Krieg unterstützte, ausgerechnet an
       die Jakobiner von 1793 und ihre offene Erklärung gegen die Feinde
       des Volkes. Lenin antwortet ihm in der bolschewistischen "Prawda"
       vom 28. Mai 1917 mit der vielzitierten Passage von den Jakobinern
       m i t   und den Jakobinern  o h n e  Volk, in der er den histori-
       schen Ort  des  Jakobinertums  bestimmt:  "Keine  einzige  Partei
       sollte es  unterlassen", schreibt  er, "die Jakobiner von 1793 in
       diesem von  Plechanow gewählten  Punkt nachzuahmen. Die Sache ist
       nur die,  daß es 'Jakobiner' und 'Jakobiner' gibt. Eine geistrei-
       che französische  Redensart, deren  sich Plechanow vor 20 Jahren,
       als  er  noch  Sozialist  war,  gern  erinnerte,  verspottet  die
       'Jakobiner ohne Volk' (jacobins moins le peuple). Die historische
       Größe der  wahren Jakobiner,  der  Jakobiner  von  1793,  bestand
       darin, daß sie 'Jakobiner mit dem Volk' waren, mit der revolutio-
       nären   M e h r h e i t   des Volkes, mit den  r e v o l u t i o-
       n ä r e n  fortschrittlichen Klassen  i h r e r  Zeit. Lächerlich
       und erbärmlich  sind die Jakobiner ohne Volk', jene, die sich nur
       als Jakobiner  gebärden, die   A n g s t  haben, klar, offen, für
       alle vernehmlich  die Ausbeuter, die Unterdrücker des Volkes, die
       Knechte  der   Monarchie  in  allen  Ländern,  die  Anhänger  der
       Gutsherren in  allen Ländern  für Feinde  des Volkes zu erklären.
       Ihr  habt  die  Geschichte  studiert,  ihr  Herren  Miljukow  und
       Plechanow, könnt ihr etwa bestreiten, daß die  g r o ß e n  Jako-
       biner von  1793 keine  Angst  hatten,  gerade  die  reaktionären,
       ausbeutenden  M i n d e r h e i t e n  des Volkes ihrer Zeit, ge-
       rade die  Vertreter der  reaktionären   K l a s s e n  ihrer Zeit
       für Feinde des Volkes zu erklären?" 14)
       Einen Monat  später -  Ende Juni  1917 -  schreibt Lenin  in  der
       "Prawda" einen kurzen Artikel unter der bezeichnenden Überschrift
       "Kann man  die Arbeiterklasse  mit dem Jakobinertum' schrecken?".
       Inzwischen  ist  es  in  der  gesamten  bürgerlichen  und  klein-
       bürgerlich-demokratischen (Sozialrevolutionären und menschewisti-
       schen) Presse  zur ständigen  Übung geworden, die Bolschewiki mit
       den  Jakobinern   zu  vergleichen,   ihnen  "terroristische"  und
       "putschistische" Absichten  zu unterstellen.  Auch Historiker des
       Bürgertums nehmen das Wort. Lenin antwortet einem von ihnen: "Die
       Historiker der  Bourgeoisie  sehen  im  Jakobinertum  ein  Fallen
       ('abgleiten'). Die  Historiker des  Proletariats sehen im Jakobi-
       nertum einen der  H ö h e p u n k t e  im Befreiungskampf der un-
       terdrückten Klasse.  Die Jakobiner  gaben Frankreich  die  besten
       Vorbilder der  demokratischen Revolution und der Abwehr der gegen
       die Republik verbündeten Monarchen." 15)
       Es sei  noch auf ein weiteres Problem aufmerksam gemacht, das Le-
       nin im  Zusammenhang mit der Großen Französischen Revolution (und
       anderen bürgerlichen  Revolutionen) vor  allem in den Jahren nach
       der russischen  Revolution von  1905 - 1907 beschäftigte. Anknüp-
       fend  an   Marx  und  Engels,  verweist  er  auf  die  Rolle  der
       u n t e r e n   V o l k s m a s s e n   in der Revolution, selbst
       für das,  was die Bourgeoisie an historisch reifen Siegesfrüchten
       erntet. Im  Mai 1908  schreibt Lenin - nachdem er das Vorwort von
       Engels zur  englischen Ausgabe  der "Entwicklung  des Sozialismus
       von der  Utopie zur  Wissenschaft" zitiert  hat -  zur Rolle  der
       "plebejischen" Massen  in Rußland:  "Bestätigt wurde,  daß allein
       die  Einmischung  der  Bauernschaft  und  des  Proletariats,  des
       'plebejischen Elements  der Städte',  die bürgerliche  Revolution
       ernstlich voranzubringen vermag (kann für das Deutschland des 16.
       Jahrhunderts, für  das England  des 17.  Jahrhunderts und für das
       Frankreich des  18. Jahrhunderts  die Bauernschaft in den Vorder-
       grund gestellt  werden, so  muß für  das Rußland des 20. Jahrhun-
       derts das  Verhältnis unbedingt  umgekehrt werden,  denn ohne In-
       itiative des  Proletariats, ohne  seine Führung  ist die  Bauern-
       schaft nichts).  Es hat sich ferner bestätigt, daß die Revolution
       ein   g r o ß e s   Stück über  ihre unmittelbaren, nächsten, be-
       reits völlig herangereiften bürgerlichen Ziele hinausgeführt wer-
       den muß,  sollen diese Ziele tatsächlich erreicht, sollen die mi-
       nimalen bürgerlichen Errungenschaften ein für allemal fest veran-
       kert werden." 16)
       Mehr als  drei Jahre  später, vor den Wahlen zur IV. Duma, greift
       Lenin das Problem erneut auf (Dezember-Januar 1911). Er äußert im
       Zusammenhang  mit  dem  gesamten  bürgerlichen  Revolutionszyklus
       Frankreichs im  19. Jahrhundert  bis zur  proletarischen  Pariser
       Kommune von  1871 den bedeutsamen Gedanken, daß die  U m w a n d-
       l u n g  der französischen Bourgeoisie aus einer monarchistischen
       in eine  republikanische vor  allem das  Resultat  jener  weiter-
       treibenden,  über   das  historisch  realisierbare  Ziel  hinaus-
       schießenden "plebejischen  Volksmassen" war.  "Die liberale Bour-
       geoisie in  Frankreich", heißt  es in  dem Aufsatz  "Prinzipielle
       Fragen der  Wahlkampagne", "hat  ihre Feindschaft  gegenüber  der
       konsequenten Demokratie schon in der Bewegung der Jahre 1789-1793
       zu zeigen begonnen. ... Zu Beginn der Epoche der bürgerlichen Re-
       volutionen war  die liberale  französische Bourgeoisie  monarchi-
       stisch, am  Ende der langen Periode bürgerlicher Revolutionen war
       die gesamte  französische Bourgeoisie  - in dem Maße, wie die Ak-
       tionen des  Proletariats und  der bürgerlich-demokratischen  Ele-
       mente (Elemente  des 'Linksblocks', nehmen Sie mir es nicht übel,
       L. Martow)  entschlossener und selbständiger wurden - in eine re-
       publikanische Bourgeoisie  u m g e m o d e l t,  umerzogen, umge-
       schult, umgebildet  worden. In  Preußen, und in Deutschland über-
       haupt, ließ  der Junker  während der ganzen Zeit der bürgerlichen
       Revolutionen die  Hegemonie nicht aus der Hand und er 'erzog' die
       Bourgeoisie nach  seinem Bild  und Ebenbild.  In  Frankreich  er-
       kämpfte sich  während der acht Jahrzehnte bürgerlicher Revolutio-
       nen  das  Proletariat  in  verschiedenen  Kombinationen  mit  den
       'Linksblock'-Elementen der  Kleinbourgeoisie so  etwa viermal die
       Hegemonie und  im Ergebnis  mußte die Bourgeoisie eine politische
       Ordnung schaffen, die für ihren Antipoden vorteilhaft war." 17)
       Es ist  verschiedentlich die Frage aufgeworfen worden, warum sich
       Lenin nie  unmittelbar zu  den   ä u ß e r s t e n    l i n k e n
       Vertretern der  plebejischen Volkskräfte in der Französischen Re-
       volution, zu  den Enrages,  zu Jacques Roux und seinen Anhängern,
       geäußert habe.  Walter Markov  vermutet, und  die  Vermutung  ist
       durchaus einleuchtend,  daß Lenin,  der die  1909 erschienene Ge-
       schichte der Französischen Revolution aus der Feder des alten An-
       archo-Kommunisten Pjotr  A. Kropotkin  kannte und schätzte, durch
       die Annexion  der Enrages  für den Anarchismus im Werk Kropotkins
       abgeschreckt war.  In seinem Aufsatz "Jacques Roux und Karl Marx"
       schreibt Walter  Markov in einer Fußnote: "Wenn Lenin anerkannte,
       daß bei  Kropotkin die  Volkskräfte als  Motor der revolutionären
       Bewegung agierten,  so muß ihm andererseits eine der geschichtli-
       chen Logik  zuwiderlaufende Gleichsetzung  der  selbstbewußtesten
       sansculottischen Kader  mit dem  Anarchismus  verdächtig  gewesen
       sein. Waren die Enrages Anarchisten, so repräsentierten sie nicht
       den Plebs. Waren sie aber repräsentativ, so konnten sie - 1793! -
       noch weniger Anarchisten als Kommunisten sein. Danach mahnte Kro-
       potkins Verwaschung  der Ismen  zur Vorsicht,  und man wird Lenin
       nicht zumuten  wollen, derart  ins Zwielicht  gerückte Zeugen der
       Anklage aufzurufen." 18)
       Lenins Interesse für die Große Französische Revolution hielt auch
       nach der  Oktoberrevolution 1917  an. An der Spitze des Rates der
       Volkskommisare der  jungen russischen  Sowjetrepublik befürwortet
       er nachdrücklich  die Herausgabe  von Kropotkins  Geschichte  der
       Französischen Revolution. Der damalige Leiter der Geschäftsstelle
       des Rates der Volkskommissare, W. D. Brontsch-Brujewitsch, hat in
       seinen Erinnerungen berichtet, Lenin habe Kropotkin besonders als
       den Verfasser  des Buches  über die Große Französische Revolution
       geschätzt und  betont, Kropotkin habe die Französische Revolution
       mit den  Augen eines  Wissenschaftlers gesehen, "dessen Interesse
       den Volksmassen  galt, der  immer und  überall die  Bedeutung der
       Handwerker,  Arbeiter   und  anderen  Vertreter  der  werktätigen
       Klasse" hervorhob;  Lenin habe  das Werk Kropotkins als klassisch
       bezeichnet und empfohlen, es in einer hohen Auflage neu herauszu-
       geben und kostenlos an alle Bibliotheken des Landes zu verteilen.
       19)
       
       _____
       1) W.I. Lenin,  Eine Revolution  vom Typus  1789 oder  vom  Typus
       1848?, Werke Bd. 8, S. 249.
       2) Ders., Rede über den Volksbetrug mit den Losungen Freiheit und
       Gleichheit auf  dem 1.  Gesamtrussischen Kongreß für außerschuli-
       sche Bildung am 19.5.1919, Werke Bd. 29, S. 360.
       3) Ders., Sozialistische  Partei und parteiloser Revolutionismus,
       Werke Bd. 10, S. 62-63.
       4) Ders., Was  wollen und  was fürchten  unsere  liberalen  Bour-
       geois?, Werke Bd. 9, S. 236.
       5) Ebenda, S. 239.
       6) Ders., Zwei  Taktiken der  Sozialdemokratie in  der demokrati-
       schen Revolution, ebenda, S. 3 -130.
       7) Ebenda, S. 37.
       8) Ders., Das  Agrarprogramm der  Sozialdemokratie in  der ersten
       russischen Revolution von 1905 - 1907, Werke, Bd. 13, S. 353-354.
       9) Ders., Die  Revision des  Agrarprogramms  der  Arbeiterpartei,
       Werke, Bd. 10, S. 183-184.
       10) Ders., Zwei Taktiken ..., a.a.O., Werke Bd. 9, S. 46.
       11) Ebenda, S. 47.
       12) Ders., Bericht  über  den  Vereinigungsparteitag  der  SDAPR,
       Werke Bd. 10, S. 373.
       13) Ders., Der  Zusammenbrach der  II. Internationale,  Werke Bd.
       21, S. 215.
       14) Ders., Die  Konterrevolution geht zum Angriff über, Werke Bd.
       24, S. 373-374.
       15) Ders., a.a.O., Werke Bd. 25, S. 113.
       16) Ders., Zur  Einschätzung der russischen Revolution, Werke Bd.
       15, S. 48.
       17) Ders., a.a.O., Werke Bd. 17, S. 402.
       18) Walter Markov, Jaques Roux und Karl Marx, in: "Weltgeschichte
       im Revolutionsquadrat", S. 362, Berlin/DDR 1982.
       19) Zitiert im  Nachwort des  sowjetischen Babeuf-Forschers  V.M.
       Dalin zur  Neuausgabe von Pjotr. A. Kropotkins "Die große franzö-
       sische Revolution 1789-1793", Bd. 2, S. 334, Leipzig-Weimar 1982.
       

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