Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       ZUR POLITISCHEN GESCHICHTE DER FRIEDENSFORSCHUNG IN DER BRD:
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       BEDINGUNGEN, ENTWICKLUNG UND PERSPEKTIVEN
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       Ingo Arend
       
       1. Entstehungsbedingungen der Friedensforschung - 2. Friedensfor-
       schung im  Spannungsfeld von  Anspruch und Realität - 3. Die Ent-
       wicklung der  DGFK -  4. DGFK-Programmatik - 5. Praxisverständnis
       der Friedensforschung  - 6.  Das Scheitern der DGFK - 7. Die Ent-
       wicklung nach 1983
       
       In der  Bundesrepublik kann  die Friedensforschung  auf eine  gut
       zwanzigjährige Geschichte zurückblicken und mithin für sich bean-
       spruchen, mehr  als eine  Modeerscheinung zu sein. 1) Sie erlebte
       einen ihrer  Höhepunkte mit  dem  Modell  einer  herausgehobenen,
       staatlich forcierten  Förderung in  den 70er  Jahren, die politi-
       schem Druck von rechts zum Opfer fiel.
       Angesichts dieser Erfahrungen und der Notwendigkeit einer Neuori-
       entierung der  Friedensforschung, die sich zum einen aus den mög-
       lichen Optionen eines Umbruchs in der Weltpolitik und zum anderen
       aus der  jetzigen, krisenhaften  Zuspitzung seit  langem sich ab-
       zeichnender globaler  Probleme ergibt,  erscheint es  angebracht,
       nach den  Schlußfolgerungen zu fragen, die daraus für die Zukunft
       zu ziehen sind, kurz: nach ihrer politischen Geschichte.
       
       1. Entstehungsbedingungen der Friedensforschung
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       In der Analyse der Geschichte der organisierten Friedensforschung
       in der  Bundesrepublik lassen  sich zwei Entwicklungsstränge her-
       auskristallisieren:
       Da ist zum einen die inhaltliche und organisatorische Entwicklung
       der zunächst  friedensrelevanten, später  auch explizit als Frie-
       densforschung verstandenen  Wissenschaft zu  nennen, die sich als
       "progressives gesellschaftliches  Bewußtseinselement" 2)  heraus-
       bildete. Der Einstein-Russell-Appell von 1955, die Pugwash-Konfe-
       renz von  1957, die  Gründung der  Vereinigung Deutscher  Wissen-
       schaftler (VDW), die Einrichtung der Forschungsstätte der Evange-
       lischen  Studiengemeinschaft   (FEST)  1958,  die  Erklärung  der
       "Göttinger Achtzehn"  und die Gründung erster Friedenserziehungs-
       und  Zukunftsforschungsgesellschaften  in  München  und  Hannover
       kennzeichnen Stationen dieser Entwicklung.
       Die Entwicklung  in der Bundesrepublik erfolgte verspätet: In den
       USA nannte  sich die  neue Wissenschaftsrichtung schon seit Mitte
       der 50er  Jahre "peace research". In Westeuropa, vor allem in den
       Niederlanden und  in Skandinavien,  kam es zu analogen Instituts-
       gründungen: In Norwegen wurde, hauptsächlich auf Initiative Johan
       Galtungs, 1959  das International "Peace Research Institute Oslo"
       (PRIO) gegründet,  in Groningen/Niederlande  1961 das  "Polemolo-
       gisch Instituut"  unter der  Leitung von Bert Röling, in Schweden
       auf Initiative  von Alva  und Gunnar  Myrdal 1966  das "Stockholm
       International Peace  Research Institute"  (SIPRI). 1964  entstand
       mit  der   "International  Peace   Research  Association"  (IPRA)
       erstmals eine internationale Organisation der Friedensforscher.
       Zum anderen,  und in  der Regel  weniger genau beachtet, geht die
       Herausbildung der  Friedensforschung  wesentlich  auf  politische
       Entwicklungen und Denkprozesse im Bereich der Internationalen Be-
       ziehungen zurück.  Spätestens seit der vom US-Präsidenten Kennedy
       1963 eingeläuteten  Phase der begrenzten Entspannung, die das In-
       teresse der  beiden Großmächte  nach einem  modus vivendi auf der
       Grundlage des  Status quo  in Europa  und nach einer kooperativen
       Rüstungssteuerung ausdrückte,  kam die  Bundesrepublik unter  den
       Druck, "Kurskorrekturen"  ihrer bisherigen  Deutschland- und  Si-
       cherheitspolitik vorzunehmen.
       1961 wurde  das heutige  Bundesinstitut für  ostwissenschaftliche
       und internationale  Studien  (BIOSt)  gegründet.  Ebenfalls  1961
       setzte die  Deutsche Gesellschaft  für Auswärtige  Politik (DGAP)
       eine Studiengruppe  für Rüstungskontrolle  und internationale Si-
       cherheit ein.  Mit ihr sollte Anschluß an die internationale Dis-
       kussion über  die Fragen  der Abrüstung, der Strukturprobleme des
       westlichen Bündnisses  und die  Folgen für die Bundesrepublik ge-
       wonnen werden. 3)
       Im Mittelpunkt  der Diskussion  ab Mitte der 60er Jahre über neue
       Methoden der gesellschaftlichen Planung und der Nutzung der Sozi-
       alwissenschaften  für   die  Rationalisierung  und  Legitimierung
       staatlicher Politik  stand dabei  immer mehr  das Interesse,  die
       notwendig gewordene Umorientierung der bundesdeutschen Außenpoli-
       tik unter dem Primat der Friedenswahrung wissenschaftlich abzusi-
       chern. Einem  Bundestagsbeschluß entsprechend  kam es  im  Januar
       1965 zur  Errichtung eines  Forschungsinstituts  für  Fragen  der
       Strategie und  Abrüstung in  Ebenhausen bei  München. Durch Kabi-
       nettsbeschluß vom Mai 1966 wurde das von der neuen "Stiftung Wis-
       senschaft und  Politik" gebildete  Forschungsinstitut für  Fragen
       der internationalen  Politik und  Sicherheit mit  der Wahrnehmung
       der Aufgaben der vom Bundestag im Januar 1965 beschlossenen unab-
       hängigen Forschungsstelle  beauftragt. Der neu installierte Abrü-
       stungsbeauftragte der  Bundesregierung bedient  sich  seither  im
       Rahmen seiner  Zuständigkeit der  Mithilfe dieses  Institutes. 4)
       Verstärkt wurde  diese staatliche  Planungstätigkeit insbesondere
       mit dem  Amtsantritt der sozialliberalen Koalition 1969, die nach
       neuen Methoden  und Instrumenten zur Modernisierung der zentralen
       staatlichen Leitungsstrukturen und zur Verwissenschaftlichung und
       Rationalisierung neuer  politischer Zieldefinitionen  suchte.  Zu
       diesen  Instrumenten  wurde  neben  der  aufkommenden  "Zukunfts-
       forschung" auch  die  Friedensforschung  gezählt.  5)  Eines  der
       wichtigsten staatlichen  Ziele, das  es abzusichern galt, war der
       von der  veränderten internationalen Lage her notwendig gewordene
       Wandel  hin   zur  neuen   Ost-  und   Entspannungspolitik,   zum
       "friedlichen Wandel" und zur "gesamteuropäischen Sicherheit".
       Die Ursachen dieses gesteigerten staatlichen Interesses, das eine
       neue gesamtgesellschaftlich angelegte Forschungs-, Wissenschafts-
       und Bildungspolitik  hervorbrachte, werden  aber auch  vor  wirt-
       schaftlichem Hintergrund  interpretiert. Seit  1966 sieht Rilling
       eine  "Neue   Forschungspolitik",  die   im  Rahmen  einer  "for-
       schungspolitischen  Gesamtprogrammierung"   eine  Schwerpunktver-
       lagerung zur  zivilen, unmittelbar  ökonomisch verwertbaren  For-
       schung und  Entwicklung vorgenommen  habe, um  die technologische
       Lücke gegenüber der US-Wirtschaft zu schließen, die besonders von
       staatlich finanzierten  Kriegs- und  Rüstungsforschungsprogrammen
       profitiert habe. 6)
       Aus dieser  Entwicklung, so  wird argumentiert, sei die Friedens-
       forschung als  ein "ziviles Abfallprodukt" 7) hervorgegangen, die
       eine "Nische"  im System  der staatlich geförderten Forschung und
       Entwicklung (FuE)  gewesen sei und eine spezifische Seite sozial-
       demokratischer Konsensbeschaffung dargestellt habe. 8)
       Der Wandel  der internationalen  Rahmenbedingungen hat  also  die
       herausgehobene Implementierung  der Friedensforschung in der Bun-
       desrepublik wesentlich  mit befördert und stellte den Hintergrund
       für die  Konstellation dar,  in der  schließlich  Bundespräsident
       Heinemann das gesellschaftliche Bedürfnis nach einer Friedensfor-
       schung artikuliert  hat. Hierin  besteht der inhaltliche Kern des
       sozialdemokratischen Entstehungszusammenhanges, mit dem die Frie-
       densforschung in der Regel identifiziert wird. 9)
       In der  Schnittlinie dieser  Interessen und  vor dem  Hintergrund
       dieser Rahmenbedingungen  gelang dann  1968 mit  der Gründung der
       Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung (AFK) ein er-
       ster institutioneller Durchbruch hin zu einer organisierten Frie-
       densforschung. Die AFK, der die FEST und eine Reihe von Universi-
       tätsinstituten und  sonstigen Forschungseinrichtungen angehörten,
       sollte allgemein das Problembewußtsein für die neue Disziplin un-
       ter den  Forschern und in der Öffentlichkeit wecken. Sie verstand
       sich als koordinierende Stelle für alle Vorhaben der Friedensfor-
       schung in  der Bundesrepublik und als institutioneller Rahmen für
       die erforderliche  wissenschaftstheoretische und  methodische Re-
       flexion. Ferner sah sie ihre Aufgabe darin, Forschung zu initiie-
       ren, ein  Informations- und Dokumentationszentrum für die Wissen-
       schaft zu  errichten und  wirksame Formen  des Kontaktes zwischen
       Wissenschaft und Praxis zu entwickeln.
       
       2. Friedensforschung im Spannungsfeld von Anspruch und Realität
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       So unterschiedlich  wie die  wissenschaftlichen  und  politischen
       Hintergründe, vor  denen sich  die Friedensforschung  in den 50er
       und 60er Jahren zu entwickeln begann, so unterschiedlich und kon-
       trär entwickelte  sich auch das inhaltliche Spannungsfeld der An-
       sprüche, die  sich an  die neue  "Disziplin"  artikulierten.  Sie
       prägten die  kognitiven und organisatorischen Durchsetzungsbedin-
       gungen der Friedensforschung nachhaltig.
       Das Interesse an der wissenschaftlichen Abstützung der im Harmel-
       Bericht der  NATO von  1967 festgelegten  Grundsätze europäischer
       Entspannungspolitik der  NATO-Staaten 10) und der Entwicklung der
       "Praxeologie der  kleinen Schritte"  (Willy Brandt)  11)  stellte
       sich als  staatliche Anforderung  an die  beginnende Friedensfor-
       schung.  Sie   sollte  finanziell  unterstützt  werden,  insofern
       "Vorhaben für  die politische  Tätigkeit der  Bundesregierung  in
       diesem Bereich konkreten Nutzen versprechen". 12) Diese Zielrich-
       tung machten  auch nachdrücklich  der damalige Verteidigungsmini-
       ster Helmut  Schmidt und der neuernannte Beauftragte der SPD-Bun-
       destagsfraktion für  Friedensforschung, Karl  Wienand, klar.  Für
       Helmut  Schmidt   war   Friedensforschung   nichts   weiter   als
       "außenpolitische Evolution strategischer Analyse". 13)
       Wissenschaftlich gesehen mußte eine solche Erwartungshaltung eine
       indirekte Aufwertung der "traditionellen Schule" der Friedensfor-
       schung bedeuten  (z.B. Karl  Kaiser), die  sich vordringlich  mit
       Gleichgewichtsanalysen und Rüstungskontrolle beschäftigte.
       Als Abgrenzung  zu dieser  "traditionellen Schule" kann die gegen
       Ende der  60er Jahre  vor allem  in den  Sozial- und Naturwissen-
       schaften entwickelte  und systematisierte  "Kritik der  Abschrec-
       kung" gelten,  die aus  der Kritik des sich herausbildenden Mili-
       tär-Industrie-Komplexes in  den USA  und der Untersuchung der Be-
       dingungen und Folgen etwaiger atomarer Kriegsführung in Mitteleu-
       ropa ein  weites Feld sozial- und militärkritischer Fragestellun-
       gen eröffnete.  14) Die politisch-wissenschaftlichen Zielvorstel-
       lungen dieser kritischen Friedensforschung entwickelten sich kon-
       trär zu  den in  der etablierten Politik formulierten Positionen.
       Beim Einsatz  lediglich eines  Teils der  in Europa stationierten
       Kernwaffen, so  wies Carl  Friedrich von Weizsäcker in seiner An-
       fang der  70er  Jahre  fertiggestellten  Studie  "Kriegsfolgen  -
       Kriegsverhütung" nach,  werde die  Bundesrepublik zu  einem  men-
       schenleeren Gebiet.  Sie habe  keine hinreichende Aussicht, einen
       Krieg auszuhalten,  ja nur  zu überleben. Sie sei darauf angewie-
       sen, ihn  zu verhindern.  Der Frieden  jenseits der  Abschreckung
       müsse geplant  werden. Die  Abschreckung als Kern- und Angelpunkt
       westlicher Sicherheitspolitik  und als  Hauptmerkmal der interna-
       tionalen Herrschaftsverhältnisse  unter  der  Hegemonie  der  USA
       stelle nur  eine "Atempause"  auf dem schwierigen Weg zum Frieden
       dar. Diese "Atempause" müsse die Friedensforschung nutzen. 15)
       Die Kritische  Friedensforschung entwickelte  auch  weitergehende
       gesellschaftliche  Vorstellungen.   Ekkehart  Krippendorff  defi-
       nierte, die  Friedensforschung müsse es sich zur notwendigen Auf-
       gabe machen,  "legitime, d.h.  nicht total  zerstörerische Formen
       von gesellschaftlich-politischer Gewaltanwendung zur Durchsetzung
       sozialen Wandels  und sozialer  Revolution zu erkunden, zu analy-
       sieren und implizit auch zu legitimieren", also die gesellschaft-
       lichen Voraussetzungen  zu ändern,  die bisher immer zu Krieg ge-
       führt hätten. 16)
       Die Wissenschaftler,  so formulierte  es die  "Wannsee-Erklärung"
       der   kritischen   Friedensforscher   1971,   müßten   sich   zum
       "Parteigänger" der  sozial und  ökonomisch Unterdrückten generell
       machen, um  gegen den Widerstand der Herrschenden praktische Pro-
       gramme durchsetzen  zu können.  Damit wurde  die Erweiterung  der
       Friedensforschung zur praxisrelevanten Demokratieforschung thema-
       tisiert. 17)
       In  klassisch  sozialdemokratischer,  integrationistischer  Weise
       suchte Karl Kaiser diese divergierenden Zielbestimmungen der tra-
       ditionellen und  der kritischen Friedensforschung zu einer Stand-
       ortbestimmung  zu   bündeln.  In   seiner  grundlegenden   Studie
       "Friedensforschung in der Bundesrepublik" (1970) befand der kome-
       tenhaft zunächst  zum 1. AFK-Vorsitzenden, später zum 1. DGFK-Ku-
       ratoriumsvorsitzenden und  schließlich zum  DGAP-Forschungsinsti-
       tuts-Chef aufgestiegene Saarbrücker Politologe: Friedensforschung
       müsse sich  der "Entwicklung  einer Übergangsstrategie  zu  einer
       friedlicheren Welt, bei der gleichzeitig das prekäre militärische
       Gleichgewicht der  nuklearen Gegenwart (= Abschreckung, I.A.) er-
       halten bleibt" 18) verschreiben. Die Spaltung in die "feindlichen
       Richtungen" innerhalb  der Friedensforschung  müsse im  Interesse
       der  Behebung  der  dringlichen  Politikdilemmata  institutionell
       überwunden werden.  Der Weg  zur Gründung  der späteren Deutschen
       Gesellschaft für  Friedens- und  Konfliktforschung (DGFK) war mit
       diesem für  die "Stiftung Volkswagenwerk" angefertigten Gutachten
       vorgezeichnet -  trotz erheblicher  politischer Differenzen  über
       den Inhalt der zu entwickelnden Friedenspolitik, trotz völlig un-
       gesicherter methodischer  Grundlagen der  "Disziplin". Hinzu kam,
       daß die  sozialdemokratisch geführte  Bundesregierung mit Bundes-
       kanzler Willy Brandt an der Spitze den Gründungsprozeß von staat-
       licher Seite enorm forcierte und in Verhandlungen mit den Wissen-
       schaftlern der  VDW und  der AFK eintrat. Die am 8. Juni 1970 von
       Brandt eröffnete  Gründungsdebatte trug deutliche Züge eines har-
       ten Ringens  zwischen dem  Anliegen der Wissenschaftler nach mög-
       lichst großer  wissenschaftlicher Autonomie einerseits und staat-
       lichem Einflußstreben andererseits. 19)
       
       3. Die Entwicklung der DGFK
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       Die DGFK-Gründung  als Beginn der organisierten Friedensforschung
       symbolisierte hauptsächlich  eine von staatlicher Aktivität indu-
       zierte Wissenschaftsentwicklung neuen Typs, die bei einer starken
       Dominanz außerwissenschaftlicher, staatlich-politischer, wie aber
       auch gesellschaftlicher  Interessen in  Gang gebracht  wurde. Der
       von dieser Seite wirkende Druck konkretisierte sich in der festen
       Anbindung der DGFK an die "Deutsche Forschungsgemeinschaft" (DFG)
       und damit  in ein staatlich dominiertes System der Wissenschafts-
       politik. Insofern  scheint bei einem genauen Blick auf die allge-
       meinen Durchsetzungsbedingungen  der  organisierten  Friedensfor-
       schung, deren  wichtigster Ausdruck  neben der  DGFK-Gründung die
       Etablierung  gleichgerichteter   Institute  in   Frankfurt   1970
       (Hessische Stiftung  Friedens- und  Konfliktforschung, HSFK)  und
       Hamburg 1971 (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspoli-
       tik, IFSH)  sowie die 1970 erfolgte Gründung des ad personam Carl
       Friedrich von  Weizsäcker eingerichteten Max-Planck-Instituts zur
       Erforschung der  Lebensbedingungen  der  wissenschaftlich-techni-
       schen Welt  und 1972  die Gründung  der Arbeitsgemeinschaft Frie-
       densforschung Tübingen  (AGFF) war,  die Wertung  angemessen, daß
       "die  Herausbildung  ihrer  weltanschaulichen  und  theoretischen
       Grundlagen unter  klarer sozialdemokratischer  Hegemonie" 20) er-
       folgte. Sie wurde sozusagen förderungspolitisch "überwältigt" und
       stand von Anfang an unter erhöhtem gesellschaftlichem Rechtferti-
       gungs- und Erwartungsdruck.
       Gleichwohl bedeutete diese Institutionalisierung in Form der DGFK
       als in  Europa einmaliges  Experiment der  Verknüpfung  von  For-
       schungsförderung und  Verbreitung von  Forschungsergebnissen  für
       die bis  dahin der  internationalen Entwicklung hinterherhinkende
       bundesdeutsche Friedensforschung  einen qualitativen  Sprung nach
       vorn.  Sie  war  wissenschafts-  und  gesellschaftspolitisch  ein
       Wagnis und  barg in  ihrer proklamierten  Ausrichtung auf die ge-
       sellschaftliche Praxis  ein hohes  wissenschaftliches und politi-
       sches Innovationspotential.
       Die DGFK  wurde am 28.10.1970 unter der Schirmherrschaft des Bun-
       despräsidenten Heinemann in der Villa Hammerschmidt feierlich aus
       der Taufe  gehoben. An  ihrer Struktur  fällt zunächst  auf,  daß
       Friedensforscher und  Wissenschaftler überhaupt  nicht Mitglieder
       der DGFK  sein konnten,  sondern nur der Bund, die Länder und die
       gesellschaftlichen Gruppen.  Die Forscher  selbst konnten nur von
       außen, vermittelt  durch ihr nicht formelles und gleichberechtigt
       neben den anderen Organen existierendes Bezugsorgan der DGFK, das
       "Konzil der  Friedensforscher", auf  die Arbeit  der Gesellschaft
       Einfluß  nehmen.   Das  eigentliche   Entscheidungszentrum,   die
       "Kommission für  Friedens-und Konfliktforschung"  war durch einen
       separaten Vertrag an die DFG gebunden.
       Von den  15 Mitgliedern  der Förderkommission  wurden  eines  vom
       Bund, zwei von den Ländern, sechs vom Senat der DFG und sechs vom
       Kuratorium der DGFK benannt, also nicht gewählt. Ihre Aufgabe war
       die Entscheidung über die Forschungsanträge.
       Auf diese  Weise war die mögliche Unterordnung friedensorientier-
       ter Wissenschaftsförderung unter die herrschenden politisch-admi-
       nistrativen Interessen  schon institutionell  angelegt und zumin-
       dest eine  Gefährdung der Autonomie der Wissenschaft von vornher-
       ein impliziert.  Hans-Jürgen Krysmanski  warnte schon  früh, "daß
       jede ihrer  Förderungsentscheidungen das  Ergebnis eines  politi-
       schen Kompromisses,  d.h. eine Abbildung der jeweiligen Machtver-
       hältnisse" sein werde. 21)
       1973 intervenierte die Bürokratie des Bundesministeriums für For-
       schung und  Technologie (BMFT).  Durch die seit Beginn von selten
       der CDU/CSU betriebene Kampagne gegen die DGFK bedrängt, forderte
       das BMFT eine "Standortbestimmung" der organisierten Friedensfor-
       schung und  eine Revision  der bewußt  breit und alle Ansätze der
       Friedensforschung berücksichtigenden  Förderprogrammatik der  An-
       fangszeit. Die  Ausarbeitung eines Schwerpunktprogramms durch die
       DGFK, so  wurde vom  BMFT angekündigt,  werde in Zusammenhang mit
       der Mittelvergabe für die DGFK im Haushaltsausschuß des Deutschen
       Bundestages gesetzt.  Gleichzeitig legten die BMFT-Beamten ein im
       Ministerium selbst ausgearbeitetes Programm vor, das im wesentli-
       chen identisch  war mit  der später  erfolgten Schwerpunktsetzung
       auf die  an aktuellen politischen Bedürfnissen ausgerichtete Ost-
       West- und Nord-Süd-Programmatik. 22)
       Diese klare  Interessenlage der  Bundesregierung an einer politi-
       schen Vorgaben  folgenden Prioritätenfestlegung und einer Rollen-
       zuweisung an  die Friedensforschung,  die auf  "Zuarbeit" 23) für
       die Entspannungspolitik  hinauslief, wurde  auch durch  die Reden
       von Kanzler  Brandt und SPD-MdB Horst Kern vor der UN-Generalver-
       sammlung im  Herbst 1973  bekräftigt, die dort die Stichworte von
       der  "vorbeugenden   Friedensforschung"  als   Voraussetzung  der
       "präventiven Diplomatie"  prägten und  ihr die  Aufgabe zuwiesen,
       Modelle gewaltfreier Kooperation in den internationalen Beziehun-
       gen zu entwerfen. 24)
       1978 wurde unter dem Druck der CDU durch die Ministerpräsidenten-
       konferenz die  bisherige Trennung von Geldgeber und Bewilligungs-
       instanz weiter  aufgehoben: die staatlichen Vertreter in der bis-
       lang auf zwölf rein wissenschaftliche Vertreter beschränkten För-
       derkommission erhielten  volles Stimmrecht,  nun konnten die Wis-
       senschaftsvertreter überstimmt  werden. 25)  Die Warnung der For-
       scher vor der Verfestigung der politischen Kontrolle und der wei-
       teren Festlegung hin zu einer "Legitimationsforschung" verhallten
       ungehört. 26)  Schrittweise war die Autonomie der wissenschaftli-
       chen Gremien  auch formal stärker in einen politischen Rahmen mit
       festgelegten Inhalten gepreßt worden.
       
       4. DGFK-Programmatik
       --------------------
       
       Zu Beginn  der Fördertätigkeit  der DGFK  stand noch ein offener,
       die bestehende gesellschaftliche Ordnung durchaus transzendieren-
       der Friedensbegriff  mit weit gefaßtem Themenspektrum und mit ei-
       nem deutlich  emanzipatorischen, der kritischen Friedensforschung
       entlehnten Grundgedanken,  der imperialismustheoretische  und po-
       litökonomische Ansätze bzw. Systemkritik einschloß. Mit der BMFT-
       Intervention 1973 wurde diese Programmatik auf die dann folgenden
       Schwerpunktprogramme "Friedenswahrung  und Übergangsstrategien in
       Europa" und "Konflikte zwischen westeuropäischen Industriestaaten
       und Entwicklungsländern  und deren  friedliche Überwindung"  ein-
       geengt. 75  Prozent der  Fördermittel wurden  ab jetzt  für diese
       Programme bereitgestellt. 27)
       Die Konzentration  auf die  Schwerpunktprogramme hatte  vor allem
       Auswirkung auf  all die Forschungsvorhaben, die sich aufgrund ih-
       rer Kritik  der Abschreckung innergesellschaftlichen Ursachen von
       Rüstungsdynamik, Konflikten und Kriegsursachen widmeten. Sie wur-
       den immer stärker marginalisiert. 28)
       Diese Beurteilung  soll die  insgesamt als fortschrittlich einzu-
       schätzende Bedeutung  der DGFK  und ihre positive Würdigung nicht
       schmälern. Sie wurde mit einer intensiven Presse- und Öffentlich-
       keitsarbeit, zahlreichen  Publikationen und  einer  umfangreichen
       wissenschaftlichen Tätigkeit  (ca. 300  Projekte wurden  bis  zur
       Auflösung 1983  gefördert) zu dem organisatorischen Anlaufzentrum
       und wissenschaftlichen Kristallisationspunkt für die Friedensfor-
       schung in der Bundesrepublik. Sie unterhielt darüber hinaus wich-
       tige Kontakte  auf internationaler Ebene, etwa mit der UN und der
       UNESCO in Fragen der Abrüstung, Rüstungskontrolle und Friedenser-
       ziehung.
       Die langsame,  aber stetige Anpassung der in der DGFK geförderten
       Friedensforschung an  die eher pragmatisch-systemstabilisierenden
       Interessen von  Politik,  Administration,  Eliten  und  Verbänden
       wurde auch  in inhaltlicher  Sicht deutlich.  Hatte am Beginn der
       DGFK-Arbeit noch  der explizite  Wille gestanden,  das System der
       Abschreckung langfristig  zu überwinden  und die "tieferliegenden
       Gründe für  gewaltsame Konflikte  durch Entwicklung  neuer Formen
       menschlichen Zusammenlebens  und Ordnungen"  aufzuheben  29)  und
       hierfür  gesamtgesellschaftliche  Strategien  zu  entwickeln,  so
       zeichnete sich  im Verlauf  des Wirkens  der Gesellschaft ab, daß
       dieses Ziel  in weite  Ferne gerückt  war. Die Tätigkeit der DGFK
       erschöpfte sich  mehr und  mehr in pragmatischer Zuarbeit für die
       Politikberatung. Das war aber nicht ihre Schuld allein.
       Die Sozialdemokraten blieben in ihrer Mehrheit inhaltlich auf Di-
       stanz gegenüber  den kritischen  Potenzen der  Friedensforschung,
       die auch  in der  DGFK durchaus noch zum Zuge kamen. Am Grundkon-
       zept des  Prinzips der  Abschreckung und  einer  Entspannung  auf
       starker militärischer  Grundlage im  Sinne der  NATO sollte nicht
       gerüttelt werden.  Ansätze der  Friedensforschung für  eine Über-
       gangsstrategie zur  Überwindung der  Abschreckung wurden  von ihr
       nicht angenommen.  Auch aufgrund der der SPD eigenen ambivalenten
       und  unentschiedenen  Haltung  gegenüber  einer  die  bestehenden
       Strukturen in  Frage stellenden  Kritik ("Radikalenerlaß"), sowie
       durch die  öffentliche Kampagne gegen die angeblich staatszerset-
       zende und  mit Bedacht  in die Nähe des Terrorismus gerückte For-
       schung bedrängt,  engte die  sozialliberale Koalition ihren Bewe-
       gungsspielraum nach  links immer  stärker in  Richtung  auf  eine
       prinzipielle Staatsloyalität  ein und  war so  natürlich nicht in
       der Lage, den zunehmenden Druck auf eine inhaltlich "ausgewogene"
       Friedensforschung zu verringern. Im Gegenteil: Sie verstärkte ihn
       zunächst noch.
       Insofern entwickelte sich die Friedensforschung weniger als Legi-
       timationsoder Steuerungsdisziplin.  Sie  nahm  nach  anfänglicher
       starker Interessenidentität mit der sozialliberalen Politik (ohne
       sich dieser  inhaltlich voll  anzupassen) vielmehr  immer stärker
       Alibicharakter an. 30)
       
       5. Praxisverständnis der Friedensforschung
       ------------------------------------------
       In der  Frage des  Praxisverständnisses orientierte sich die DGFK
       mehr und  mehr an der traditionellen Eliten- und Politikberatung.
       Sie wurde  bedrängt durch  den starken konservativen Druck in der
       Öffentlichkeit  und   die  Forderung   der  Parlamentarier   nach
       "greifbaren" und "aufbereiteten" Ergebnissen.
       Unter solchem  Druck reagierte  die von den politischen Rahmenbe-
       dingungen extrem abhängige DGFK mit einem verstärkten Zugehen auf
       die konservative Politik und das staatlich-administrative System.
       Sie nahm  damit eine schleichende Einengung ihres Praxisverständ-
       nisses in Richtung Elitenorientierung in Kauf- und isolierte sich
       gleichzeitig von  der Gesellschaft.  Mit der damit einhergehenden
       begrenzten "Halböffentlichkeit" (Habermas), die sich z.B. in Dis-
       kussionen mit  der Führung  des Militärs und der Ministerien über
       Projektergebnisse ausdrückte,  konnte sie  - trotz reichlich vor-
       handener   kritischer   Potenzen   -   nur   sehr   bedingt   als
       "Gegenexpertise" (Rittberger)  gegenüber staatlichem Herrschafts-
       wissen in  das soziale  Feld hinein  fungieren, das  ihr eher mit
       Mißtrauen gegenüberstand. Sie geriet zwischen die "Mühlsteine des
       Pragmatismus" 31),  blieb innenpolitisch unverbindlich, vertraute
       auf die  Korrekturen durch  das politische System und verzichtete
       auf die  parallele, massen-  und  aktionsorientierte  "Übergangs-
       strategie".
       Die "wissenschaftlichen  Parteigänger" der Ausgebeuteten und Dis-
       kriminierten, wie  es die  Erklärung der  Kritischen Friedensfor-
       schung von  1971 formuliert hatte, mußten immer mehr als Zuarbei-
       ter für die herrschende Politik erscheinen. Ihr gesellschaftskri-
       tischer Impuls  verebbte oder  verlagerte sich außerhalb der eta-
       blierten Friedensforschung  in die  aufkommende  Friedensbewegung
       und die dort entwickelte Expertise.
       Eine beträchtliche Breitenwirkung erzielte die DGFK mit ihrer al-
       lerdings  erst   zu  Beginn   der  achtziger  Jahre  angelaufenen
       "Verbreitungsarbeit". Bereits 1972 wurde die "Carl-von-Ossietzky-
       Professur" der DGFK einmal jährlich an herausragende Friedensfor-
       scher vergeben  und ab  1980 ein Gustav-Heinemann-Jugendbuchpreis
       für friedensfordernde und antimilitaristische Jugendliteratur ge-
       stiftet. Vorbildlich  waren in diesem Rahmen z.B. gemeinsame Pro-
       jekte mit der Aktion Sühnezeichen /Friedensdienste, die die Frie-
       denswochen in  einer Kleinstadt  wissenschaftlich auswerteten und
       dokumentierten, oder  auch die  Behandlung des  Themas Krieg  und
       Frieden in den Medien auf einer Tagung der Deutschen Journalisten
       Union. Diese  positiven Ansätze wären jedoch kaum auf Dauer zuge-
       lassen worden  und konnten den Anpassungsprozeß der organisierten
       Friedensforschung an  die  herrschenden  politischen  Bedingungen
       nicht umkehren.
       
       6. Das Scheitern der DGFK
       -------------------------
       
       Das Scheitern  der DGFK war, wenn man so will, schon im sozialli-
       beralen Entstehungs- und Verwertungszusammenhang der Gesellschaft
       mit angelegt und wurde spätestens seit der Auflösung des innenpo-
       litischen Reformkonsenses  im Zeichen  der  "Tendenzwende"  1973,
       also wenige  Jahre nach der Gründung, virulent. Für die konserva-
       tive Politik mußte eine bestandskritische Friedens- und Konflikt-
       forschung eine  stetige Provokation  darstellen. Ihre  bloße Exi-
       stenz stellte deren a-priori-Annahme eines offensichtlich nur an-
       tikommunistisch, mit militärischer Stärke zu sichernden Friedens-
       zustandes, der  mit einer  unverrückbar positiv-normativen Bezug-
       nahme auf das politische System der Bundesrepublik einherging, in
       Frage. 32) Der Bogen der Attacken reichte von der Beantragung der
       Streichung von Haushaltsmitteln im Bundestag und in einigen Land-
       tagen bis zu einer sich überschlagenden politischen Kampagne, die
       die DGFK und indirekt auch den Altbundespräsidenten Heinemann (ab
       1974 Ehrenvorsitzender  des DGFK-Kuratoriums) in die Nähe des po-
       litischen Feldes  der Baader-Meinhof-Gruppe rückte und die Strei-
       chung der Fördermittel verlangte. 33)
       Die "Kriegserklärung"  der Unionsparteien  gegen die  DGFK  wurde
       überdeutlich, als  das Bundesland Bayern 1976 in der Ministerprä-
       sidentenkonferenz eine  Untersuchung der DGFK-Arbeit durchsetzte,
       die dann  1978 in der Formel von der Notwendigkeit der Gewährlei-
       stung des  "politischen  Pluralismus"  ihren  adäquaten  Ausdruck
       fand. Trotz des akribischen Eingehens der DGFK auch auf die unbe-
       rechtigtesten Forderungen  und  Vorwürfe  verstummte  die  Kritik
       nicht. Vielmehr  traten trotz  der Bemühungen der DGFK zur Umset-
       zung der Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz nacheinander
       Bayern, Niedersachsen,  Schleswig-Holstein und  Baden-Württemberg
       aus der  DGFK aus, obwohl deren Vertreter in den DGFK-Gremien zu-
       vor den eingeleiteten "Verbesserungsmaßnahmen" zugestimmt hatten.
       Ministerpräsident Strauß  (CSU) versuchte,  den Austritt  Bayerns
       nachträglich  mit   einem  unwissenschaftlichen   Gutachten   des
       deutschnationalen Heidelberger  Politologen Hans-Joachim Arndt zu
       rechtfertigen. 34)
       Das Ende  der Gesellschaft kündigte sich an. Auch der Versuch ei-
       ner neuen gesellschaftlichen Legitimierung der DGFK ab 1980 unter
       dem neuen,  eher liberal-pragmatisch orientierten Kuratoriumsvor-
       sitzenden und Bonner Politologen Prof. Hans-Adolf Jacobsen schei-
       terte.
       Mit dem  Regierungswechsel 1982  war das  letzte Zeichen  für die
       Hatz auf die unbequem gewordene DGFK gegeben. Die Ablehnung einer
       kritischeren Friedensforschung  wurde  zur  regierungsoffiziellen
       Position erhoben.  Zwar erklärte der neue Forschungsminister Rie-
       senhuber (CDU), die Förderung der Friedens- und Konfliktforschung
       sei unverzichtbar;  die inhaltliche  Wende machte er jedoch deut-
       lich, als  er erklärte,  die Bundesregierung halte es für wissen-
       schaftspolitisch bedenklich,  daß in der Fördertätigkeit der DGFK
       solche Vorhaben  mitunter eine zu starke Berücksichtigung fänden,
       deren wissenschaftliches Vorverständnis eher umstritten und deren
       Theoreme und  Denkfiguren "zum Teil suggestiv" wirkten. Damit wa-
       ren insbesondere  die Theoreme von der "strukturellen Gewalt" und
       vom "positiven Frieden" (Galtung) gemeint. 35)
       Den endgültigen  Ausschlag gab ein erneutes Gutachten des Wissen-
       schaftsrates. In  seiner am 6. Mai 1983 verabschiedeten Stellung-
       nahme bescheinigte  er der DGFK, eine wissenschaftlich unanfecht-
       bare Arbeit  geleistet zu  haben und wies damit indirekt die kon-
       servativen Angriffe  zurück. Er empfahl jedoch im Interesse eines
       breiten politischen  Konsenses die  Überführung der  bislang  pro
       Jahr rund  drei Millionen DM umfassenden Förderung an eine neuzu-
       bildende Senatskommission der DFG und eine inhaltliche Konzentra-
       tion auf die Kriegsursachenforschung.
       Die "Verbreitung  des Friedensgedankens"  wurde an die Bundeszen-
       trale und  die staatlichen Landeszentralen für politische Bildung
       delegiert. Die  Geschäftsstelle der DGFK wurde als "Arbeitsstelle
       Friedensforschung Bonn" (AFB) an die Hessische Stiftung Friedens-
       und Konfliktforschung" (HSFK) angegliedert.
       Am 31. 12. 1983 beendete die DGFK ihre Arbeit - nahezu unbeachtet
       von der Öffentlichkeit, die noch 13 Jahre zuvor so hohe Erwartun-
       gen in  sie gesetzt hatte, und auch nahezu unbeachtet von der da-
       mals im Aufwind befindlichen Friedensbewegung.
       Unter dem Eindruck des Aufbrechens und des Scheiterns der Politik
       der sozialliberalen Ära bildete der konzentrierte Angriff auf die
       DGFK einen  der Schauplätze,  auf dem  die konservative Hegemonie
       insbesondere im  Bereich Frieden  und Sicherheit mit dem langfri-
       stigen Ziel  des politischen  Machtwechsels errichtet  wurde. Eng
       mit  der  Sozialdemokratie  verbunden,  teilte  die  Gesellschaft
       schließlich mehr oder weniger direkt deren Schicksal.
       
       7. Die Entwicklung nach 1983
       ----------------------------
       
       Das Ende der DGFK bedeutete nicht gleichzeitig das Ende der orga-
       nisierten Friedensforschung in der Bundesrepublik. Ihre Auflösung
       aber hatte  erhebliche materielle  Auswirkungen auf die einzelnen
       weiterbestehenden Institute  (im wesentlichen HSFK und IFSH), die
       sich zum Teil aus Mitteln der DGFK finanzierten. Die dadurch mög-
       liche Ausdünnung  und Marginalisierung kritischer Fragestellungen
       zeigte sich auch an dem Beschluß der neugebildeten DFG-Senatskom-
       mission für  Friedens- und Konfliktforschung, die Schwerpunktpro-
       gramme auf  die eher traditionelle Fragestellung der Rüstungskon-
       trolle und  der transatlantischen  Beziehungen sowie auf institu-
       tionalisierte Methoden des "peace-keeping" in der internationalen
       Politik einzugrenzen. Gesellschafts-kritische Fragestellungen wie
       die lange  vernachlässigten, innergesellschaftlichen  Bedingungen
       von Krieg  und Frieden,  die Friedenspädagogik und eine Orientie-
       rung auf gesellschaftlich engagierte Forschung mit Bezug zur Pra-
       xis bleiben ihr bislang eher fremd. 36)
       Was die "Verbreitung des Friedensgedankens" angeht, so liegen die
       begrenzten Möglichkeiten  der der  Bundesregierung  unterstellten
       und auf  "Ausgewogenheit" verpflichteten Bundeszentrale für poli-
       tische Bildung  offen zutage.  Sie fördert  weder regionale  Pro-
       jekte, noch  verfügt sie über institutionalisierte Praxiskontakte
       zu allen,  eben auch kritischen und engagierten Gruppen neben den
       etablierten gesellschaftlichen Großgruppen und Parteien. 37)
       Für die  Verbreitungsarbeit der  Friedensforschung  standen  1983
       500000DM, ab 1984 nur noch 250000 DM zur Verfügung. Das ist unge-
       fähr die  Hälfte der  Summe, die  1984 vom Bundesinnenministerium
       aufgewendet wurde, um bei der Bevölkerung mit einer farbigen Bro-
       schüre in einer neuen "Aktion Eichhörnchen" für das Einlagern von
       Nahrungsmitteln einschließlich Hundefutter für 14 Tage zu werben,
       die das Überleben im Atomkrieg sichern soll. 38)
       1988 standen  der Friedensforschung, ähnlich wie in den vergange-
       nen Jahren,  Fördermittel aus dem Haushalt des Bundesministeriums
       für Forschung und Technologie (BMFT) in Höhe von 2,9 Millionen DM
       zur Verfügung, die durch die DFG vergeben werden. Addiert man die
       Beiträge der  Bundesländer Nordrhein-Westfalen/Hessen/Hamburg zur
       Förderung der  Friedens- und  Konfliktforschung, die  kirchlichen
       Zuschüsse und private Mittel (Berghof-Stiftung, Stiftung Volkswa-
       genwerk), so  ergibt sich  eine Gesamtsumme von ca. 6-7 Millionen
       DM jährlich  an öffentlichen  Aufwendungen für  diese Forschungs-
       richtung, was  gerade dem  Gegenwert eines  modernen Kampfpanzers
       entspricht. Dem  stehen Aufwendungen für die Rüstungsforschung in
       Höhe von knapp 6 Milliarden DM gegenüber. 39)
       Weltweit arbeiten ca. 3000 Friedensforscher 40), in der Bundesre-
       publik sind  es ungefähr 200, was etwa der Mitgliederzahl der Be-
       rufsorganisation der  Friedensforschung, der "Arbeitsgemeinschaft
       Friedens- und  Konfliktforschung" (AFK,  Vorsitz: Prof.  Dr. K.J.
       Gantzel aus  Hamburg) entspricht. Die mangelnden Berufsperspekti-
       ven angesichts nur weniger Institute und Projekte mit ungesicher-
       ter organisatorischer  und finanzieller  Basis, fehlende akademi-
       sche und  gesellschaftliche Laufbahnen für die Friedensforschung,
       kurzfristige Projektorientierung  und das  in der Schwebe geblie-
       bene Selbstverständnis  der Friedensforschung  zwischen integrie-
       render Fragestellung  und Universalwissenschaft haben bisher ihre
       Konstituierung als  eigenständige,  große  Wissenschaftsdisziplin
       verhindert.
       Gleichwohl arbeiten  im Umfeld von Organisationen der Friedensbe-
       wegung, der  Parteien, der  Gewerkschaften, insbesondere  aber im
       immer dichter vernetzten Bereich neu entwickelter Friedenswissen-
       schaft an den Hochschulen heute immerhin insgesamt ca. 700 Perso-
       nen   mit   -   je   nach   Fachdisziplin   unterschiedlicher   -
       "friedenswissenschaftlicher Expertise". 41)
       Trotz dieser  mehr als miserablen Rahmenbedingungen ist die Frie-
       densforschung  also   keineswegs  tot.   Neben  der   staatlichen
       "Befriedung" der  Friedensforschung hat  sich eine  gesellschaft-
       lich-wissenschaftlich induzierte  Rekonstituierung von  Friedens-
       forschung und  Friedenswissenschaft von  erstaunlicher Reichweite
       vollzogen. Ihr  ursprünglicher herrschaftskritischer  Impuls ließ
       sich nicht  einfach administrativ  wegdrücken. Er erfuhr seit dem
       immensen Aufschwung der Friedensbewegung kräftig Auftrieb.
       Aus der  Reflexion über  die bisherige Abhängigkeit der Friedens-
       forschung von staatlichem Interesse vollzog sich ein Übergang zur
       Neuorientierung und  Neugründung von Friedensforschungsinstituten
       mit  einer   basisorientierten,  gesellschaftlich-kritischen  und
       emanzipativen Bezugslinie  und einem  umfassenden Themenspektrum.
       Als Beispiele  dafür können  die Gründung des Forschungsinstituts
       für handlungsorientierte Friedensforschung e.V. in Starnberg, die
       Gründung einer  Stiftung "Entwicklung  und Frieden" in Nordrhein-
       Westfalen auf Vorschlag Willy Brandts, die bevorstehende Gründung
       eines friedenswissenschaftlich  orientierten  Institutes  an  der
       Technischen Universität  Berlin und eine ganze Reihe weiterer In-
       itiativen "von  unten" stehen,  die in  deutlicher Distanz zu der
       etablierten bzw.  institutionalisierten Friedensforschung  stehen
       und  von   dieser  auch  als  publizitätssüchtige,  unakademische
       "Friedenswissenschaft" abgekanzelt wurden. 42)
       Etwas an  dieser Entwicklung  ist auffällig, ja geradezu merkwür-
       dig: Während eine ständig wachsende Mehrheit der Gesellschaft un-
       ter dem  Einfluß der  Friedensbewegung und der neuen sowjetischen
       Außenpolitik sämtliche  Aspekte von Frieden und Sicherheit im Nu-
       klearzeitalter neu  diskutiert und  die gesamte  Sicherheits- und
       Militärpolitik eine  umfassende  Akzeptanzkrise  durchmacht  43),
       scheint die  akademische Friedensforschung ziemlich unberührt von
       diesem Boom geblieben zu sein.
       Allererstes Indiz  für die  oben beschriebene Aufwärtsentwicklung
       ist die starke Bewegung der organisierten Wissenschaftler-Initia-
       tiven für  den Frieden.  Dazu zählen  vor allem  die Naturwissen-
       schaftler-Initiative "Verantwortung  für den  Frieden", das Forum
       Informatikerinnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung
       (FIFF) und  die "Internationalen  Ärzte zur Verhütung eines Atom-
       krieges" (IPPNW)-Sektion  Bundesrepublik  mit  ihren  zahlreichen
       örtlichen Initiativen  und den  jährlichen Kongressen, in die sie
       sowohl hochspezialisiertes  Fachwissen  (Verifikationsproblematik
       bei Abrüstung und Atomteststopp, Lasertechnik, bei chemischen und
       biologischen Waffen, Rüstungskonversion usw.) einbringen als auch
       immer stärker Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung, insbe-
       sondere der  Naturwissenschaftler, thematisieren.  Angesichts der
       globalen Probleme in Bereichen wie Frieden, Ökologie, Entwicklung
       und Ressourcen  sehen sie  die Wissenschaft  insgesamt vor  einer
       neuen Herausforderung,  nämlich ihre spezifischen Kapazitäten di-
       rekt gestalterisch  für  friedenssichernde  und  globale,  humane
       Zwecke einzusetzen.  Darüber hinaus strebt die Wissenschaftlerbe-
       wegung die  Überwindung des  herkömmlichen Dualismus  von Theorie
       und Praxis an und knüpft damit an ursprüngliche Zielvorstellungen
       gesellschaftsverändernder  Praxis  der  kritischen  sozialwissen-
       schaftlichen Friedensforschung  an. 44)  Ausdruck dieses interna-
       tional und global gedachten Herangehens ist auch das von dem Mün-
       chener Atomphysiker  Prof.  Hans-Peter  Dürr  initiierte  Projekt
       "Global Challenges Network".
       Gleichwohl bietet die Vielfalt von Initiativen einen Eindruck von
       zu starker Zersplitterung und Auffächerung. Es fehlen Möglichkei-
       ten der  zielgerichteten Koordination  und  wissenschaftsinternen
       Planung durch  ein innovatives  und von  der Wissenschaft  selbst
       verwaltetes Programm,  das einen organisatorischen Kristallisati-
       onspunkt bietet,  interdisziplinären Austausch  ermöglicht,  ent-
       sprechende Forschungs-  und Förderungsmöglichkeiten  anbietet und
       aufbereitet, gemeinsame Forschungsinteressen bündelt, neue Frage-
       stellungen erarbeitet, für ihre öffentliche Verbreitung sorgt und
       den öffentlichen  Diskurs um  die Friedensforschung  und ihre ge-
       sellschaftliche Relevanz organisiert.
       Die älteste  Standesorganisation der  Friedensforschung, die sich
       zugleich als  autonomes wissenschaftliches  Zentrum der Friedens-
       forschung versteht,  die AFK, ist in ihrer Mehrheit an der Spann-
       weite von  sozialliberal-entspannungspolitischen  bis  pazifisti-
       schen Positionen orientiert und scheint sich mit ihren bisherigen
       Skrupeln vor  zu eindeutiger  aktuell-politischer  Vereinnahmung,
       auch von  selten der  Friedensbewegung und mit ihrer strikten Be-
       schränkung auf  die Funktion  des innerwissenschaftlichen Austau-
       sches in  die Sackgasse  eines "stillschweigenden Kommunikations-
       zirkels" (Egbert Jahn) entwickelt zu haben. Die AFK läuft Gefahr,
       sich von  der durch  die Friedensbewegung  und die Rezeption glo-
       baler Problemlagen  neu entstandenen  dynamischeren Struktur  von
       Friedenswissenschaft außerhalb der etablierten Bahnen institutio-
       nalisierter Friedensforschung  abzuschotten, wenngleich  die mei-
       sten Forscher, die Mitglieder der AFK sind, durchaus auch in ein-
       zelnen Strängen  solcher friedenspolitischer Betätigung zu finden
       sind. Jedenfalls  repräsentiert die  AFK nicht mehr die Friedens-
       forschung in der Bundesrepublik.
       Neben der  "Arbeitsstelle Friedensforschung"  (AFB)  versucht  in
       kleinerem Umfang die 1988 neu gegründete "Informationsstelle Wis-
       senschaft und  Frieden e.V."  (IWIF), die  neuen Anforderungen an
       friedenswissenschaftliche  Arbeit   im  weitesten  Sinne  an  der
       Schnittstelle von Friedenspolitik /Friedenswissenschaft und Frie-
       densbewegung zu vermitteln. Damit setzt sie zum Teil an den Defi-
       ziten der  nicht entfalteten "Verbreitungsarbeit" der gescheiter-
       ten DGFK an.
       Trotzdem bleibt  es wichtig, daß die Friedensforschung weiter als
       vorrangige, gesellschaftspolitische Aufgabe erkannt und der Staat
       nicht aus  seiner weitergehenden Verantwortung zu ihrer Förderung
       entlassen wird.
       Dafür gibt  es zunehmend  mehr gesellschaftlich-politische  Reso-
       nanz. "Die  Friedensforschung muß  finanziell und  ideell stärker
       unterstützt werden. Die Friedenserziehung an den Schulen muß kon-
       sequent ausgebaut werden", fordern DGB und Gewerkschaftsjugend in
       ihren Aufrufen zum Antikriegstag. 45) Der Partei "Die Grünen" ist
       die Förderung  der Friedens- und Konfliktforschung im Bundestags-
       wahlprogramm von  1987 unter der Rubrik "Internationales" und die
       Forderung nach  ihrem strikt  staatsunabhängigen Charakter  einen
       eigenen Programmpunkt  wert. 46)  Die AL Berlin fordert für West-
       berlin den  Aufbau eines  internationalen Friedensinstitutes. 47)
       Die SPD forderte auf dem Parteitag von Nürnberg gar die Wiederer-
       richtung der DGFK. 48)
       Die im  Verbund mit  den neuen  sozialen  Bewegungen  entstandene
       friedenswissenschaftliche Betätigung  hat also  insgesamt  Grund-
       satzfragen der  Abschreckungskritik und  die Erörterung  der Mög-
       lichkeiten  positiver  Friedensgestaltung  jenseits  des  Systems
       wechselseitiger  Vernichtungsandrohung   wieder  aufgenommen  und
       stellt inzwischen  die Frage nach der "zivilen Verwundbarkeit und
       strukturellen  Kriegsunfahigkeit  moderner  Industriegesellschaf-
       ten." 49)
       Damit hat sie sich der nach wie vor bestehenden Grundherausforde-
       rung der  Friedensforschung, nämlich  eine umfassende "politische
       (...) Alternative  zur Sicherheitspolitik  mit militärischen Mit-
       teln" 50)  zu erarbeiten,  wieder zugewandt.  Dabei entsteht  ein
       neuer, erweiterter  Sicherheitsbegriff, der ökologische, soziale,
       kulturelle und  ökonomische Aspekte  einschließt. Insofern zielen
       das "notwendige  Umdenken und  die Neubestimmung  der Forschungs-
       prioritäten"   51)    auf   die    Umrisse   der   Utopie   einer
       "friedensfähigen  zivilisatorischen   Alternative",   auf   einen
       "gleichen, gerechten und ungeteilten Frieden" im globalen Gesamt-
       zusammenhang von  Frieden, Gerechtigkeit  und Naturbewahrung, die
       sich an den Eckpunkten "Entmilitarisierung, Kooperation, demokra-
       tische Konfliktlösung"  52) orientiert und diese in den Gesamtzu-
       sammenhang einer unabdingbaren, generellen gesellschaftlichen Er-
       neuerung stellt.
       Eine so  verstandene Friedensforschung  wird sich auch in Zukunft
       der  "Entlegitimierung   historisch-konkreter  staatlicher  Herr-
       schaftsinteressen"   (Rittberger),    der    Durchbrechung    der
       "Pathologie der  Staatsräson" (Krippendorff) und der hartnäckigen
       Überwindung   der   "Schwerkraft   des   historisch   gewachsenen
       (militärischen) Sicherheitsdenkens" (Wette) widmen und dabei auch
       gegen Widerstände ankämpfen müssen.
       Denn Frieden  darf ja  nie bloß außenpolitisch verstanden werden,
       sondern ist, wenn er nicht nur als zwar wichtiges, aber im Endef-
       fekt labiles Kriegsverhütungskonstrukt gedacht sein will, nur als
       Inhalt einer  friedensfähigen sozialen  und  politischen  Ordnung
       denkbar.
       Die Möglichkeiten  und Bedingungen  einer solchen Ordnung muß die
       Friedensforschung durch  Bezug auf  ihren gesellschaftskritischen
       und antimilitaristischen  Impuls zu  erkunden helfen, mithin also
       in der  systematischen Wiederbelebung von sozioökonomischer Herr-
       schaftsanalyse und  Herrschaftskritik (Ursula  Schmiederer)  auch
       und gerade im Hinblick auf die genannten, neuen Fragestellungen.
       Forschungstheoretische und  forschungspraktische Defizite gibt es
       hier besonders  im Bereich  der Friedenspädagogik,  der Nord-Süd-
       Problematik, der historischen und der feministischen Friedensfor-
       schung und  bei den  immer wichtiger  werdenden sozialpsychologi-
       schen Fragestellungen,  die neuerdings  auch auf  den Bereich der
       internationalen Beziehungen angewandt werden. 53)
       Auch die  Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissen-
       schaft und  einer neuen wissenschaftlichen Ethik im Atomzeitalter
       gehören hierzu.
       Freilich darf  man sich,  was die Realisierungsmöglichkeiten sol-
       cher oft  zu Unrecht belächelter "Friedensutopien" angeht, keinen
       Illusionen hingeben:
       "Von der  Delegitimierung des  Militärischen im Atomzeitalter bis
       zur Schaffung  neuer, primär  nicht-militärischer Instrumente von
       Friedenspolitik ist ein weiter Weg zurückzulegen." 54)
       Vor diesem  Hintergrund wird die - unerledigte - Aufgabe, die der
       organisierten Friedensforschung  zu Beginn ihrer Entwicklung auf-
       erlegt war,  nämlich als Vermittlungsorgan der diversen friedens-
       wissenschaftlichen Stränge  und  Ansätze  eine  theoretische  und
       praktische "Übergangsstrategie  zu einer  friedlichen  Welt"  55)
       auszuarbeiten und mit gesamtgesellschaftlichen Alternativmodellen
       zu deren  Durchsetzung beizutragen,  wieder aktuell  und verlangt
       auch nach wissenschaftsorganisatorischen Konsequenzen.
       Dabei zeichnet  sich ab,  daß die  Friedensforschung nicht  - wie
       manchmal in  ihren  Anfangszeiten  mißverständlich  formuliert  -
       d i e  neue, umfassende Grundlagen- und Universalwissenschaft mit
       eigener Methodologie  ist. Vielmehr  erscheint die immer genauere
       und spezifischere  Anwendung und Verbesserung der vorhandenen me-
       thodologischen und theoretischen Möglichkeiten in einem gemeinsa-
       men, stärker  aufeinander bezogenen  Lernprozeß von  Wissenschaft
       und Gesellschaft  als adäquate  Antwort auf  die Frage  nach  der
       Durchleuchtung des  Komplexes von  Krieg -  Frieden  und  Gesell-
       schaft.
       Zu den  Lehren aus der Vergangenheit gehört dabei die Erkenntnis,
       daß es  notwendig ist, durch eine Neubestimmung des Verhältnisses
       und bessere  Verzahnung  von  institutionalisierter  Friedensfor-
       schung, Friedenswissenschaft und Friedensbewegung eine noch brei-
       tere gesellschaftliche  Massenverankerung  der  Friedensforschung
       und eine  Verstärkung ihrer  gesellschaftspolitischen Wirksamkeit
       zu erreichen  und so  dafür zu sorgen, daß die Diskussion um ihre
       herausgehobene gesellschaftliche  Bedeutung wieder neu konsensfä-
       hig und  inhaltlich belebt  wird, ohne jedesmal aufs Neue auf die
       Regierungsfähigkeit der Sozialdemokratie oder eines anderen poli-
       tischen Reformblocks  angewiesen zu  sein. Das dazu erforderliche
       gesellschaftliche Potential  existiert. Die  Friedensbewegung als
       soziale Massenbewegung, die starke Resonanz auf die Verbreitungs-
       arbeit der  DGFK und  die Ausbreitung  friedenswissenschaftlicher
       Arbeit an  den Hochschulen  belegen das. Es wird darauf ankommen,
       es zu mobilisieren.
       
       _____
       1) Bernhard Moltmann.  Perspektiven  der  Friedensforschung,  in:
       ders. (Hrsg.), Perspektiven der Friedensforschung. Schriftenreihe
       der Arbeitsgemeinschaft  für Friedens- und Konfliktforschung e.V.
       (AFK), Band XV, Baden-Baden 1988, S. 21; Jürgen Reusch, Friedens-
       forschung in  der Bundesrepublik. Entwicklung - Positionen - Per-
       spektiven, Informationsberichte des IMSF, 40, Frankfurt/M. 1986.
       2) Volker Rittberger,  Frieden ist  mehr als  kein Krieg, in: aus
       politik und zeitgeschichte B/20/1977, 27. Jahrgang, S. 20.
       3) Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (Hrsg.), Interna-
       tionale Rüstungslage  und Bündnispolitik 1965, Bonn 1965, S. 165-
       176.
       4) Peter Menke-Glückert,  Frieden kann geplant werden, in: Offene
       Welt, Nr. 95/96, 1967, S. 177 f.
       5) Ebda.
       6) Rainer Rilling,  Kriegsforschung und  Vernichtungswissenschaft
       in der BRD, Köln 1970. S. 112, 219, 232.
       7) Joachim Hirsch,  Wissenschaftlich-technischer Fortschritt  und
       politisches System, Frankfurt am Main 1973(3), S. 80 f.
       8) Vgl. auch:  Joachim Hirsch, Staatsapparat und Reproduktion des
       Kapitals, Frankfurt  am Main 1974, S. 359 sowie: Wolfgang van den
       Daele, Peter  Weingart, Die Anwendung der Sozialwissenschaften in
       der Politik.  Faktoren der Resistenz und Rezeptivität der Wissen-
       schaft, in:  Hermann Strasser,  Karin B.  Knorr (Hrsg.),  Wissen-
       schaftssteuerung, Frankfurt/M.  1976, S.  110 f.; Peter Weingart,
       Selbststeuerung der  Wissenschaft und staatliche Wissenschaftspo-
       litik, in:  KZfSS, 1970, 22. Jg., Heft 3, S. 347; Peter Weingart,
       Friedensforschung und  Futurologie. Wege  zur heimlichen Program-
       mierung der  Wissenschaftspolitik, in: futurum, 3. Jg., 1970, Nr.
       3, S. 394-398.
       9) Ernst-Otto Czempiel,  Vorwort, in:  Vorstand der DGFK (Hrsg.):
       Forschung für  den Frieden, Fünf Jahre DGFK, eine Zwischenbilanz,
       Boppard am Rhein 1975, S. 7.
       10) Der Harmel-Bericht  der NATO  formuliert neben  der militäri-
       schen Stärke  und der  ständig zu  sichernden  Drohkapazität  die
       gleichzeitige Notwendigkeit  von politischer  Kooperation und Rü-
       stungskontrolle zwischen den europäischen Staaten.
       11) Piotr Dobrowolski,  Friedensforschung in  der Bundesrepublik,
       Hektographiertes Manuskript,  Katowice 1973, S. 12.; Willy Brandt
       vor  dem   Deutschen  Bundestag,  6.  Wahlperiode,  51.  Sitzung,
       8.5.1970, Stenographischer Bericht, S. 2565 B/C, 2567 A.
       12) Wortlaut in:  Karl Kaiser, Friedensforschung in der Bundesre-
       publik, Göttingen 1970, S. 248 ff.
       13) Vgl. die  Funktionszuweisung für  die Friedensforschung durch
       Helmut Schmidt,  in: ders.,  Strategie des Gleichgewichts, Stutt-
       gart-Degerloch 1969, S. 16.
       14) Dieter Senghaas,  Zur Pathologie des Rüstungswettlaufs, Frei-
       burg 1970  sowie: ders.,  Abschreckung und  Frieden, Frankfurt am
       Main 1981 (3), Erstauflage 1969.
       15) Carl Friedrich  von Weizsäcker,  Kriegsfolgen -  Kriegsverhü-
       tung, München 1971, S. 3-12.
       16) Ekkehart Krippendorff  (Hrsg.), Friedensforschung, Köln 1968,
       S. 22.
       17) Erklärung der  Kritischen Friedensforschung  auf der Wannsee-
       Konferenz 1971,  in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Kritische Friedens-
       forschung, Frankfurt am Main 1972, S. 418 f.
       18) Karl Kaiser, Anm. 12, S. 44.
       19) Vgl. Claus  Koch, Friedensforschung - eine politische Wissen-
       schaft, in:  Dieter Senghaas  (Hrsg.), Friedensforschung  und Ge-
       sellschaftskritik, München  1970, S. 76; vgl. auch die Nachzeich-
       nung des  Gründungsprozesses in  meiner Arbeit:  Die Deutsche Ge-
       sellschaft für  Friedens- und Konfliktforschung (DGFK), Genesis -
       Programmatik - Scheitern, Magister-Arbeit, Bonn 1986, S. 79-104.
       20) Peter Weingart, Selbststeuerung der Wissenschaft und staatli-
       che Wissenschaftspolitik, in: KZfSS, 22. Jg., Heft 3, S. 347.
       21) Hans Jürgen Krysmanski. Soziologie des Konflikts, Reinbek bei
       Hamburg 1971, S. 207.
       22) Vgl.  den   ausführlichen  Bericht   bei:  Wolf-Dieter  Eber-
       wein/Peter  Reichel,  Friedens-  und  Konfliktforschung,  München
       1976, S.  60 ff.;  auch: Protokoll der Kuratoriumssitzung und Ex-
       traprotokoll zur  Aussprache zum Bericht der Förderkommission vom
       15.2.1973, S. 1-5, DGFK-Informationen 1-2/1973, S. 3f., 19 f.
       23) Vgl. Matthöfer/Haunschild (Hrsg.), Forschung in der Bundesre-
       publik Deutschland,  Stuttgart 1976, S. 277; auch: Matthöfers An-
       sprache in der Festversammlung der Max-Planck-Gesellschaft am 21.
       6. 1974, in: DGFK-Informationen 1-2/1974, S. 9.
       24) Auszüge der  Ansprache von  Brandt und Kern in: DGFK-Informa-
       tionen Nr. 3/1973.
       25) Vgl. DGFK-Informationen  Nr. 1  und 2/1979,  sowie  Karlheinz
       Koppe, Zur  Entwicklung der  DGFK, in: DGFK-Jahrbuch 1979/80, Ba-
       den-Baden 1980.
       26) Vgl. den  Brief von  Vorstand und  Kuratoriumsvorsitzendem an
       Ministerialdirektor Lehr  (BMFT) vom  7. 3.  1979 sowie Protokoll
       der Kuratoriumssitzung vom 8.12.1978.
       27) DGFK-Informationen 1-2/1973.
       28) H.E. Bahr  /Marianne und Reimer Gronemeyer, Gesellschaftliche
       Bedingungen des  Friedens, in:  DGFK (Hrsg.),  Forschung für  den
       Frieden, Boppard  1975; auch: Hans-Günter Brauch, Entwicklung und
       Ergebnisse der  Friedensforschung, Frankfurt 1979, S. 11.; Jürgen
       Reusch, Friedensforschung in der Bundesrepublik, a.a.O., S. 55.
       29) Gutachten des  Wissenschaftsrates: Empfehlungen  des  Wissen-
       schaftsrates zur  Förderung der  Friedens- und Konfliktforschung,
       Drucksache 1688/70, (West)Berlin 30. 5. 1970.
       30) Brauch, Anm. 44.
       31) Reusch, Anm.  1, S.  34; vgl. auch die Kritik von Martin Nie-
       möller, abgedruckt  bei: Egbert Jahn, Friedensforschung und Frie-
       densbewegung, in:  Friedensanalysen Nr.  16,  Frankfurt  am  Main
       1982.
       32) Z.B. Walter  Althammer, Selbstzerstörung finanziert mit Steu-
       ergeldern, in:  Informationen der  CSU-Landesgruppe im  Deutschen
       Bundestag vom 28.1.1972.
       33) F.   Tenbruck,   Frieden   durch   Friedensforschung?   (FAZ,
       22.12.1973); Heinrich End, Utopische Elemente in der Friedensfor-
       schung, in:  Zeitschrift für  Politik, 20.  Jahrgang, Nr. 2/1973;
       Helmut Schelsky,  Die Arbeit  tun die  anderen, Opladen  1975, S.
       109-119; Kurt  Sontheimer, Das Elend der Intellektuellen, Hamburg
       1976, S.  224; s.  dazu auch: Klaus Hörn/Reiner Steinweg, Politi-
       sche Angriffe  auf die  Friedensforschung, in: Jahrbuch für Frie-
       dens- und Konfliktforschung, Rüstung und Militär in der Bundesre-
       publik Deutschland, Opladen 1977, S. 4, 26.
       34) Hans-Joachim Arndt:  Die staatlich  geförderte Friedens-  und
       Konfliktforschung in  der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis
       1979. Wissenschaftliches  Gutachten über  die Förderungstätigkeit
       der DGFK.  Hrsg. v.  d. Bayerischen Staatskanzlei, o.O. (Schries-
       heim 1981).
       35) Antwort der  Bundesregierung auf  die Kleine Anfrage der SPD-
       Fraktion, BT-Drucksache  9/2301 vom 19. 12. 1982, in: DGFK-Infor-
       mationen Nr. 1/1983.
       36) Vorwärts Nr. 45/1985, S. 19; AFB-Info Nr. 1/86.
       37) Ebda.
       38) Christiane Rajewsky,  Friedensforschung -  die unbequeme Wis-
       senschaft, in:  Ringvorlesung Kölner  Wissenschaftler, Köln 1985,
       S. 55-81.
       39) Stellungnahme zum  Rüstungshaushalt 1985,  in: Schriftenreihe
       Wissenschaft und Frieden, Nr. 3, Marburg 1984.
       40) Moltmann, Anm. 1, S. 20.
       41) Siehe dazu:  Die Expertenkartei. Beiträge der Wissenschaft zu
       Frieden und  Abrüstung, in: Schriftenreihe Wissenschaft und Frie-
       den, Nr.  9, Marburg  1987. S.a.  den Beitrag von Corinna Hauswe-
       dell in diesem Band.
       42) Siehe dazu: Egbert Jahn, Von der internationalen Friedensfor-
       schung zur nationalen Sicherheitsforschung, in: Moltmann, Anm. 1.
       43) Thomas Risse-Kappen,  Die Krise  der Sicherheitspolitik, Mün-
       chen-Mainz 1988.
       44) Werner Buckel,  Wissen, Macht und Verantwortung, in: Deutsche
       Volkszeitung/die tat, Nr. 2, 6. 1. 1989.
       45) DGB, Für  eine Welt  des Friedens,  in: druck und papier, Nr.
       17/1986.
       46) Die Grünen, Farbe bekennen, Bundestagswahlprogramm 1987, Bonn
       1987.
       47) FAZ vom 24. 11. 1986.
       48) Parteitag der  SPD in  Nürnberg, 25.-29. 8. 1986. Beschlüsse,
       hrsg. v. Vorstand der SPD, Bonn o.J., S. 872.
       49) Weiter abrüsten  - Friedliche  Wege in  die Zukunft. Kongreß,
       Tübingen, 2.-4.  Dezember 1988,  hrsg. v.d. Naturwissenschaftler-
       Initiative e.V.  "Verantwortung für den Frieden", S. 15. Mit die-
       sem Thema befaßte sich eine Arbeitsgruppe.
       50) Karlheinz Koppe,  Auf der Suche nach einer politischen Alter-
       native zur  Sicherheitspolitik  mit  militärischen  Mitteln,  in:
       Dieter S.  Lutz (Hrsg.),  Im Dienst  für Frieden  und Sicherheit.
       Festschrift für  Wolf Graf  von Baudissin,  Baden-Baden 1985,  S.
       325-337.
       51) Vgl. Jahn, Anm. 42, S. 88.
       52) Siehe dazu:  Mechtild Jansen,  Möglichkeiten und Alternativen
       der  Friedensbewegung  in  einer  Umbruchsituation.  Unveröffent-
       lichtes Manuskript, o.O. 1988; sowie Moltmann, Anm. l, S. 33.
       53) Eva Senghaas-Knobloch,  Zur politischen  Psychologie interna-
       tionaler Politik,  in: aus politik und Zeitgeschichte, B 52-53/88
       v. 23. 12. 1988, S. 14-23.
       54) Wolfram Wette,  Geschichte und Frieden: Aufgaben historischer
       Friedensforschung, AFB-Texte, Mai 1987, S. 3.
       55) So der  Wissenschaftsrat in  seinem Gutachten  von 1970, Anm.
       45.
       

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