Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


       zurück

       
       DIE ROLLE DER BUNDESREGIERUNG IM EUROPÄISCHEN ABRÜSTUNGSPROZESS:
       ================================================================
       HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN DER BRD, ZIELE UND KONZEPTIONEN IM
       =========================================================
       REGIERUNGSLAGER
       ===============
       
       Peter Dietzel / Hans-Jürgen Kawalun
       
       1. Die  bundesdeutsche Sicherheitspolitik  vor neuen Herausforde-
       rungen -  2. Die  Strömungen im  Regierungslager - 3. Ansätze für
       eine neue Sicherheitspolitik
       
       1. Die bundesdeutsche Sicherheitspolitik
       ----------------------------------------
       vor neuen Herausforderungen
       ---------------------------
       
       Noch gehört  sie zum  festen Ritual  einer jeden NATO-Tagung: Die
       Beschwörung der  "Atlantischen Partnerschaft"  und das Festhalten
       an der  Doktrin  atomarer  Abschreckung,  an  der  Strategie  der
       "Flexible Response".  Doch die  Kulisse demonstrativer Entschlos-
       senheit kann nicht verdecken, daß sich das westliche Militärbünd-
       nis wie  schon einmal  - damals  im Übergang vom kalten Krieg zur
       ersten Phase der Entspannung - in einem Umbruch befindet.
       Während allerdings in den 60er Jahren der Zwang zur Anpassung von
       Politik und  Strategie der NATO von der Durchsetzung des militär-
       strategischen Gleichgewichts zwischen den Blöcken durch die Staa-
       ten des  Warschauer Vertrags  ausging, sind die Herausforderungen
       heute wesentlich  komplexer und  von globalem Charakter. Sie ent-
       springen einer  grundlegenden Umgestaltung der Produktivkräfte in
       den hochindustrialisierten  Ländern bei gleichzeitiger Zuspitzung
       der ökologischen  und Verschuldungskrise  in der Welt. 1) Mit der
       wachsenden Verflechtung moderner Industriegesellschaften, der In-
       ternationalisierung von  Produktionsabläufen, aber auch neuen Er-
       fordernissen an  Zusammenarbeit zur  Bewältigung der  Folgen  des
       wissenschaftlich-technischen Fortschritts  werden  alte  Bündnis-
       strukturen mit klaren Hegemonialmächten ebenso obsolet wie starre
       Block-Abgrenzungen. Auf  der Suche  nach einer  Neugestaltung der
       internationalen Beziehungen,  in Konkurrenz  zu neuen Aufsteigern
       aus den  Schwellenländern spielen  Fragen der  Mittel Verteilung,
       damit auch  der hohen  Rüstungslasten eine  große Rolle. Zugleich
       wächst die  Anforderung, schon  aus eigenen Sicherheitsinteressen
       heraus einer  unkontrollierten und unkontrollierbar werdenden Rü-
       stungseskalation und einem "Krieg aus Versehen" wirksam vorzubeu-
       gen.
       Auch innerhalb der Allianz haben sich damit die Gewichte deutlich
       verschoben. Der  dramatische Verlust  von Weltmarktpositionen der
       USA an  die konkurrierenden  ökonomischen Machtzentren Westeuropa
       und Japan,  aber auch  deren Vorsprung in der Entwicklung von Ko-
       operationsbeziehungen zu den sozialistischen Staaten sowie eigen-
       ständiger formulierte  Sicherheitsinteressen bzgl. Europa und der
       dritten Welt  haben beiderseits  des Atlantik zu Überlegungen ge-
       führt, die  Geschäftsgrundlage des Bündnisses den jeweiligen, zu-
       nehmend divergierenden  Interessen - auch in der Militärpolitik -
       anzupassen. Während  die krisenhaften Prozesse der Neueinstellung
       auf die  veränderte Weltlage  bei  Teilen  der  imperialistischen
       Bourgeoisie, insbesondere in den USA, die Neigung wachsen ließen,
       das militärische  Potential der  übrigen NATO-Staaten  stärker in
       ihr weltweites  "Krisenmanagement" einzubeziehen,  befürchten re-
       alistischer denkende Kräfte hierzulande zu Recht, auf diesem Wege
       in militärische  Abenteuer der westlichen Großmacht hineingezogen
       zu werden.  Gewannen in  den USA  vor allem  Anfang der achtziger
       Jahre Vorstellungen  von einem  auf Europa begrenzten und für die
       USA gewinnbaren  Nuklearkrieg starken Einfluß auf Politik und Mi-
       litärstrategie, so reagierten die europäischen NATO-Kreise, allen
       voran die Bundesregierung, mit der lautstarken Äußerung ihrer Be-
       fürchtung, der  Partner wolle  sich vom gemeinsamen Schicksal ab-
       koppeln. Während  die Bundesregierung  aber in  der Stationierung
       neuer atomarer  Mittelstreckenraketen, die  die  UdSSR  erreichen
       konnten, primär  eine Garantie  g e g e n  solche Abkopplungsten-
       denzen erblickte,  reagierte die  betroffene Bevölkerung  auf dem
       künftigen Schlachtfeld richtiger auf die gewachsene Bedrohung und
       fand sich  in einer  bis dahin beispiellosen Friedensbewegung zu-
       sammen. Ihr  Kampf gegen  die US-amerikanischen  Erstschlagwaffen
       führte in der Bundesrepublik und anderen Ländern zu einer von der
       Bevölkerungsmehrheit getragenen grundsätzlichen Ablehnung der Po-
       litik nuklearer  Abschreckung, von  Kernwaffen und  kostspieliger
       Hochrüstung überhaupt.
       Diese Erfahrung  und der Wille, die eigenen Interessen in der Al-
       lianz nach Reykjavik und einer sich abzeichnenden sowjetisch-ame-
       rikanischen Verständigung  (zum "stillen  Entsetzen der Allianz",
       wie die  FAZ am  15.11.88 rückschauend  vermerkte) deutlicher zur
       Geltung zu  bringen, verstärkte  seitens der westeuropäischen Re-
       gierungen Bestrebungen  einer Abstimmung  und auch  Neuformierung
       ihrer Sicherheitspolitik.  Unter den  Stichworten "Wiederbelebung
       der Westeuropäischen Union" (WEU) und "deutsch-französische mili-
       tärische  Zusammenarbeit"   sind  sie   auf  eine   Stärkung  des
       "europäischen Pfeilers" in der NATO gerichtet. 2)
       Die Bandbreite  unterschiedlicher Vorstellungen über die künftige
       Strategie und  Lastenverteilung im  Bündnis  ist  damit  deutlich
       breiter geworden.  Fronten verlaufen  zwischen Westeuropa und den
       USA ebenso  wie zwischen unterschiedlichen Flügeln und Strömungen
       innerhalb der imperialistischen Bourgeoisien.
       In dieser  Situation treten  die sozialistischen  Staaten mit dem
       Vorschlag auf,  angesichts der  globalen Vernichtungsdrohung  die
       Beziehungen zwischen den Blöcken auf eine vollständig neue Grund-
       lage zu  stellen: Interessenausgleich  und gemeinsame  Sicherheit
       statt Konfrontation, vollständige nukleare Abrüstung, Reduzierung
       der konventionellen Streitkräfte bis zur Angriffsunfähigkeit, Ko-
       operation bei  der Lösung  globaler Probleme  und regionaler Kon-
       flikte. Gorbatschow  fordert neues  Denken in den internationalen
       Beziehungen und  praktiziert es auch. Die weltweite Friedensbewe-
       gung erhält mächtige Impulse: Ihre Forderung nach einer Absage an
       die Politik  der Abschreckung  hat die staatliche Ebene erreicht.
       Mit dem  INF-Abkommen wurde  ein erster materieller Abrüstungser-
       folg durchgesetzt. Die Bereitschaft der Sowjetunion zu weitgehen-
       den, einseitigen  Reduzierungen im konventionellen Bereich eröff-
       net die Möglichkeit, auch auf diesem Feld den Einstieg in beider-
       seitige Abrüstungsschritte durchzusetzen.
       Das antisowjetische  Feindbild, wichtigste Legitimationsgrundlage
       für fortgesetzte  Aufrüstung, bröckelt zusehends und weltweit. In
       der Bevölkerung  überflügelt das  Vertrauen in  die Politik  Gor-
       batschows deutlich die Bereitschaft, dem amerikanischen Verbünde-
       ten und seinem Ruf nach immer neuen Rüstungsanstrengungen zu fol-
       gen. Auch  dies ist Ausdruck des Beginns einer historischen Krise
       des militärischen  Sicherheitsdenkens, das  im  Bewußtsein  einer
       wachsenden  Öffentlichkeit  den  Herausforderungen  unserer  Zeit
       nicht mehr  gerecht wird.  Besorgt notiert  die FAZ  am 15.11.88:
       "Jetzt droht  der Konsens  über jegliche Verteidigung zusammenzu-
       brechen."
       Die Bundesregierung  und die NATO insgesamt stehen der neuen Lage
       bisher ohne Antwort gegenüber. Die insbesondere von Bonn erhobene
       Forderung nach  einem  NATO-Gesamtkonzept  der  Rüstungskontrolle
       läßt zwar  die Absicht  erkennen, den  Abrüstungsvorschlägen  des
       Warschauer Vertrages  seitens der  NATO möglichst geschlossen und
       geschickter als bisher zu begegnen und angesichts eines hohen Er-
       wartungsdrucks der  Öffentlichkeit in  bezug  auf  weitere  Abrü-
       stungsfortschritte einem  zunehmenden Akzeptanzverlust  der NATO-
       Politik vorzubeugen.  Inwieweit darin  jedoch auch  substantielle
       Abrüstungsbereitschaft wiederzufinden sein wird, steht heute noch
       sehr in Frage.
       Das heutige Grunddilemma imperialistischer Politik ist mit Kosme-
       tik jedoch  nicht aufzuheben: Obwohl in immer deutlicheren Gegen-
       satz zu  den Realitäten  unserer Zeit  geratend, sind maßgebliche
       Kräfte der  imperialistischen Bourgeoisie  nach wie vor bestrebt,
       an einer  wie auch immer gearteten militärischen Option - und sei
       es im Sinne einer Droh- und Erpressungspolitik oder eines Tausch-
       geschäfts "Rüstungsbegrenzung  gegen politisches Wohlverhalten" -
       zur Durchsetzung  ihrer  Ziele  in  der  Systemauseinandersetzung
       festzuhalten. 3) Diese Ziele sind unverändert - langfristig - auf
       eine gesellschaftliche  Rückverwandlung bzw. Restauration kapita-
       listischer Ordnungen  in den  Ländern des  Sozialismus gerichtet.
       Darin eingebettet  sind auch Sonderinteressen und expansive Ziele
       relevanter, reaktionärer Kräfte des bundesdeutschen Imperialismus
       zur Rekapitalisierung des sozialistischen deutschen Staates.
       Die Auseinandersetzung  aber um  Mittel, Wege und Fristen zur Er-
       reichung dieser  Ziele, um den Stellenwert militärischer Optionen
       und um  Möglichkeiten und Ziele von Koexistenzbeziehungen hat zur
       Herausbildung unterschiedlicher  Strömungen unter  den systemtra-
       genden Kräften  geführt. Diese  Differenzen haben  sich  mit  der
       prinzipiellen Infragestellung  des militärischen  Faktors in  der
       Systemauseinandersetzung seit Mitte der 80er Jahre noch vertieft.
       Inwieweit   sie   auch   zu   einer   grundlegenden   Überwindung
       a g g r e s s i v e r   antisozialistischer Zielstellungen in der
       bundesdeutschen Außenpolitik  führen, bleibt  abzuwarten.  Jeden-
       falls sollten auch die marxistischen Kräfte sich auf diesem Felde
       gefordert sehen,  entsprechende Alternativen  zu entwickeln,  die
       den Besonderheiten  der Existenz von zwei deutschen Staaten Rech-
       nung tragen.
       
       2. Die Strömungen im Regierungslager
       ------------------------------------
       
       Bei der  Debatte um  ein neues  NATO-Gesamtkonzept, um  die Fort-
       schreibung der  atomaren NATO-Abschreckungsstrategie,  um die Mo-
       dernisierung der  taktischen Atomwaffen in Europa oder um Umfang,
       Stärke und Struktur konventioneller Streitkräfte, geht es im Kern
       um die  Neubestimmung des Verhältnisses Bonns zu den Supermächten
       USA und  Sowjetunion, bzw. um die Neubestimmung der eigenen Rolle
       auf dem  europäischen Kontinent. Vor allem in der FDP und mit der
       Person Außenminister  Genschers tritt seit einiger Zeit - deutli-
       cher als  in der  Regierung insgesamt  - die Bereitschaft zutage,
       militär- und  sicherheitspolitische Konzepte  vor ihrer  weiteren
       Festschreibung gründlicher mit Blick auf sich abzeichnende neuar-
       tige West-Ost-Kooperationsbeziehungen zu untersuchen. 4)
       Die FDP-Politikerin  Ursula Seiler-Albring brachte einen Teil der
       Herausforderungen an bundesdeutsche Sicherheits- und Militärpoli-
       tik im  Zeichen des Umbruchs wie folgt auf den Punkt: "Der enorme
       Wandel bei den gesellschaftlichen, technologischen und finanziel-
       len Rahmenbedingungen bundesdeutscher Verteidigungspolitik, sowie
       die sich  gegenwärtig vollziehenden Änderungen im Bereich der Au-
       ßen-, Sicherheits-  und Rüstungskontrollpolitik  zwingen zu einer
       Neuformulierung der Verteidigungskonzeption ebenso wie zur Neuge-
       staltung der Wehrstrukturen auf nationaler, aber auch auf europä-
       ischer und auf Bundesebene ... Der Bundeswehr die notwendigen Fi-
       nanzmittel zur Erfüllung ihres Auftrages zu geben, der Haushalts-
       situation gerecht  zu werden und sparsam zu planen, die Akzeptanz
       der Bevölkerung  für die Notwendigkeit bewaffneter Friedenssiche-
       rung für  noch unbestimmte  Zeit zu erhalten, das alles erscheint
       einem Haushälter  gelegentlich nicht  minder problemlos  als  die
       Quadratur des Kreises ... Alles wird nicht mehr von allen bezahlt
       werden können.  Selbst die  vergleichsweise reiche Bundesrepublik
       wird Schwierigkeiten  haben, hier  mitzuhalten. Der  Jäger 90 ist
       ein beredtes Beispiel dafür." 5)
       Bis auf  weiteres bleibt  jedoch noch  offen, welche Elemente si-
       cherheitspolitischer Langzeitabsichten die Bonner Politik in wel-
       chem Ausmaß prägen werden: eine eher enge Ankoppelung an die Glo-
       balmacht USA,  eine primus  inter pares-Rolle  bei der Formierung
       einer möglichen  Militärgroßmacht Westeuropa oder eine Vorreiter-
       rolle Bonns  bei der Entmilitarisierung und Umgestaltung der Ost-
       West-Beziehungen, was durchaus in ein Konzept politischer Hegemo-
       nieabsichten Westeuropas  auf dem  europäischen Kontinent mittels
       Zurückdrängung des  "sowjetischen Einflusses", vor allem sowjeti-
       scher Streitkräfte paßt.
       Deutlich erkennbar  ist, daß  im Lager  der Bonner   U n i o n s-
       p a r t e i e n   vor allem  jene  Kräfte  über  starken  Einfluß
       verfügen,  die   ein  neues   NATO-Gesamtkonzept  auf  der  Basis
       uneingeschränkter atomarer  Abschreckung und eines großen BRD-Mi-
       litärpotentials erhalten  wollen. In  jüngster Zeit treten jedoch
       auch in  den Reihen  der Union  deutlichere Differenzierungen zu-
       tage. Denn  sie hat  bis zum heutigen Tag kein glaubwürdiges Kon-
       zept für  die neuen  Herausforderungen und für eigenständige Bei-
       träge der  BRD wie der NATO im Rahmen der neuen Ost-West-Entspan-
       nung vorgelegt.  6) Mit  der Ankündigung  M. Gorbatschows vor der
       UNO, die  Sowjetunion werde  bis Ende 1990 einseitig ihre Streit-
       kräfte um 500000 Soldaten verringern sowie 6 Panzerdivisionen aus
       der DDR,  der CSSR und Ungarn mit 50000 Soldaten und 5000 Panzern
       abziehen, ist  jedoch eine Lage entstanden, die die Legitimierung
       von Aufrüstung weiter erschwert. 7) Dieser umfassende, einseitige
       Abrüstungsschritt nimmt  jenen NATO-Militärs  und Politikern  den
       Wind aus  den Segeln, die der Sowjetunion bis zu diesem Zeitpunkt
       einen ungebremsten  Ausbau der militärischen "Invasionsfähigkeit"
       in Europa  unterstellten. Auch  das NATO-Argument, die taktischen
       Atomwaffen in West-Europa müsse man "modernisieren", um damit das
       erhebliche konventionelle  Übergewicht des  Warschauer  Vertrages
       auszugleichen, hat  damit an  Zugkräftigkeit verloren.  Wichtiger
       denn je ist es angesichts solcher Entwicklungen heute, reale kon-
       zeptionelle Differenzen im Unions- bzw. Regierungslager zu erfas-
       sen, bzw.  diese bei  der Entwicklung  von  abrüstungspolitischem
       Handlungsdruck nutzbar zu machen.
       Grob betrachtet  lassen sich  am Beispiel einiger Unionspolitiker
       gegenwärtig mindestens drei sicherheits- und militärpolitisch re-
       levante Strömungen in der CDU/CSU ausmachen, die allerdings nicht
       durch eine  chinesische Mauer  getrennt sind, sondern deren Ziel-
       setzungen in wichtigen Fragen - z.B. der politischen und ökonomi-
       schen Stärkung  Westeuropas  i m  atlantischen Bündnis, der west-
       europäischen Hegemonie  in ganz  Europa und der Anhebung der bun-
       desdeutschen Rolle in Westeuropa - durchaus übereinstimmen:
       - Da ist  einmal die  Gruppe um  den NATO-Generalsekretär Wörner.
       Sein "atlantischer"  Kurs steht  für die  Beibehaltung einer mög-
       lichst konfrontativen  NATO-Politik und  Rüstung in  Europa,  die
       auch weiterhin  die USA militärisch (atomar/konventionell) an Eu-
       ropa bindet  und die USA wie Westeuropa zu erhöhten Militärausga-
       ben zwingt.  Wörner wie  auch der ehemalige Verteidigungsminister
       Scholz wollen  Abrüstung fast  ausschließlich auf  den Warschauer
       Vertrag begrenzen.  Umfang, Schlagkraft  und Struktur  der  NATO-
       Streitkräfte sind  aus ihrer  Sicht schon heute "... maßgeschnei-
       dert für die grenznahe Verteidigung und nur für die Verteidigung,
       das Prinzip  der Hinlänglichkeit ist für die NATO längst verwirk-
       licht." 8)  Abrüstung der WVO soll allenfalls mit wirtschaftichem
       Entgegenkommen "belohnt"  werden, wodurch  ein militärisches  Un-
       gleichgewicht entstünde.
       Die Kräfte  um Wörner betrachten in diesem Kontext die engere Mi-
       litärkooperation BRD-Frankreich nicht als ein strategisches Ziel,
       sondern mehr  als ein Druckmittel in Richtung Washington, um dort
       Ängste vor  einer militärischen  Abkoppelung Westeuropas  von den
       USA wachzuhalten. Wörner, einer der frühen Vordenker und Verfech-
       ter des offensiven NATO-FOFA-Konzepts (siehe die ESECS-Studie von
       1982), steht für ein unbedingtes Ja zu den Atomwaffen-Modernisie-
       rungsplänen der  NATO ebenso  wie für  die Aufrechterhaltung  an-
       griffsfähiger Bundeswehr- und NATO-Streitkräfte auf möglichst ho-
       hem Präsenzniveau.
       - Alfred Dregger  repräsentiert jene  Kräfte in der Union, die am
       vehementesten den  Gedanken einer eigenständigen Militärgroßmacht
       Westeuropa unter bundesdeutsch-französischer Hegenomie und ausge-
       stattet mit  eigenem Atomwaffenpotential favorisieren. Er fordert
       die rasche  Stärkung der westeuropäischen Union (WEU), die analog
       zur NATO  über einen  ständigen  "Ministerrat"  und  ein  eigenes
       "Militärkomitee", bestehend  aus den "Generalstabschefs der Part-
       nerarmeen" Westeuropas,  verfügen soll.  9) Darüber hinaus strebt
       er ein  "... vereinigtes  Europa, von der sowjetischen Grenze bis
       Portugal" an,  das wirtschaftlich und militärisch von den EG-Füh-
       rungsmächten dominiert ist und das "... es den Weltmächten erspa-
       ren (würde,  d.V), ...  sich mitten in Europa hochgerüstet gegen-
       überzustehen". 10)
       Einem derartig  neugeordneten Europa  weist Dregger  ausdrücklich
       auch global-hegemonistische  Aufgaben zu: "Die WEU trüge auch die
       Verantwortung für  die Sicherheitsprobleme außerhalb des europäi-
       schen Territoriums  (out of  area) und die Bereitstellung der zur
       Lösung dieser Probleme notwendigen Mittel". 11) Unter dem Sammel-
       begriff Atomwaffenmodernisierung  versteht Dregger neben europäi-
       schem Verfügungsrecht  über diese  Waffen vor allem luftgestützte
       Abstandswaffen, mit  denen nach  seinen Vorstellungen in den 90er
       Jahren Tornado-Kampfflugzeuge der Bundesluftwaffe ausgerüstet und
       zum atomaren Angriff gegen sowjetische Ziele befähigt werden sol-
       len. Zwar will Dregger auch in einem WEU-dominierten Europa nicht
       auf moderne  US-Atomwaffen  verzichten,  sein  "Modernisierungs"-
       Credo lautet jedoch: "Die Atomwaffen der USA, Großbritanniens und
       Frankreichs in Europa ... dürfen sich nicht gegen das Territorium
       der Bündnispartner  (auch nicht  gegen solche  Gebiete, die einem
       der Bündnisstaaten  rechtlich zugehörig  sind, aber unter fremder
       Vorherrschaft stehen), sondern nur gegen das des potentiellen An-
       greifers richten." 12)
       Diese  beiden  Varianten  aktueller  Unionspolitik  deuten  wenig
       Spielraum für neues Denken der BRD in Sicherheits- und militärpo-
       litischen Fragen,  bzw. für  eine schrittweise Entmilitarisierung
       der Ost-West-Beziehungen  an. Ein  Anknüpfungspunkt für Abrüstung
       ergibt sich  hier am  ehesten noch  aus Dreggers Plädoyer für den
       Verzicht auf  solche taktischen Atomwaffen der NATO, die zwar die
       unmittelbar benachbarten  osteuropäischen Länder,  nicht aber die
       Sowjetunion erreichen können.
       - Als Wortführer  einer dritten,  vorwiegend aus jüngeren Politi-
       kern der  Union bestehenden  Gruppe tritt  seit einiger  Zeit der
       stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende  im Bundestag, Vol-
       ker Rühe, in Erscheinung. Er nimmt einerseits die Rolle eines au-
       ßen- und  sicherheitspolitischen Vordenkers im Umfeld von Kanzler
       Kohl wahr,  der der  Union den  Anschluß an die veränderte außen-
       und sicherheitspolitische  Lage sichern  will und  - ähnlich  wie
       Genscher -  eine Chance zur Durchsetzung politischer und ökonomi-
       scher Ziele  in Europa  in einer  Abrüstung nicht ausschließenden
       Sicherheitspolitik sieht.  Zugleich betätigt er sich in die Union
       hinein als  Eisbrecher, der die CDU/CSU vor allzu abrüstungspoli-
       tischer Vereisung  bewahren und abrüstungspolitisches Drängen der
       Parteienbasis kanalisieren soll.
       Rühe plädiert  für eine  "umfassende Langzeitstrategie"  des  We-
       stens, die  sowohl die politischen und wirtschaftlichen Beziehun-
       gen, als auch die Sicherheitsund Abrüstungspolitik umfassen soll.
       Seiner Meinung  nach müssen  es Vorschläge  sein, "... die es dem
       Osten schwermachen,  sie abzulehnen,  in denen die Opfer und Ein-
       schnitte auf der eigenen Seite ..." allerdings auch "... deutlich
       werden". 13)  Es sollte  daher Beachtung  finden, daß  Rühe schon
       drei Monate  vor Verkündigung der oben erwähnten einseitigen Gor-
       batschow-Abrüstungsinitiative (im  September 88)  forderte:  "Der
       Westen braucht  den Mut zu einer Offensive in der konventionellen
       Abrüstung ...  es sollte  zunächst einmal darum gehen, auf beiden
       Seiten in  der Zentralregion  Europas radikale  Reduzierungen auf
       gemeinsame Obergrenzen auf niedrigerem Niveau beim kampfentschei-
       denden Großgerät  ... vorzunehmen."  14) Auch  wenn  Details  des
       Rühe-Vorschlages weitgehend  identisch mit dem recht halbherzigen
       NATO-Vorschlag zur konventionellen Abrüstung vom Dezember 88 sind
       15) und  er für  den Fortbestand  eines - allerdings geringeren -
       Atomwaffenpotentials in  Europa plädiert,  so wird  damit noch am
       ehesten Abrüstungsbereitschaft  in der Union sichtbar, die in na-
       her Zukunft  auch tiefere Einschnitte in BRD- und NATO-Militärpo-
       tential zuläßt.
       Rühes Vorschläge  sind allerdings  ambivalent. Sie  deuten einer-
       seits vorsichtig die Bereitschaft zur defensiven Umstrukturierung
       der eigenen  Streitkräfte an,  sind andererseits  aber keineswegs
       frei von  der Absicht, in einem West-Ost-Abrüstungsprozeß militä-
       rische Vorteile  für die NATO herauszuschinden. Dies wird vor al-
       lem dort  deutlich, wo  der Sowjetunion  mehr als eine Halbierung
       ihres Panzerpotentials  in Europa  zugemutet werden  soll. Folgte
       man Rühe,  würden die  überlegenen taktischen  Fliegerkräfte  der
       NATO auf  unbestimmte Zeit aus den Abrüstungsverhandlungen ausge-
       klammert, und  der NATO blieben immer noch ca. 85% ihres heutigen
       Panzerbestandes erhalten.
       - In der  gegenwärtigen Situation ist man geneigt, den von Mai 88
       bis April
       89 auf der Bonner Hardthöhe amtierenden Verteidigungsminister Sc-
       holz zu  denen in der Union zu zählen, die eine von östlichen Ab-
       rüstungsvorschlägen  unbeeindruckte   NATO-Aufrüstung  auf  allen
       wichtigen Feldern  propagieren. In der Tat hat sich Scholz in den
       ersten Amtsmonaten  in Schlüsselfragen wie der geplanten Moderni-
       sierung taktischer  NATO-Atomwaffen, der Tiefflugproblematik, der
       Bundeswehrstrukturreform, der  Wehrdienstverlängerung, des  Jäger
       90 usw.  eher als Hardliner erwiesen. Es fallt jedoch auf, daß er
       sich zugleich  an einigen  Punkten als  druckempfindlicher - oder
       flexibler -  erwies als sein Amtsvorgänger Wörner. Deutlich wurde
       dies z.B.  in den Anfang 1989 bekannt gemachten Plänen der Hardt-
       höhe, Tiefflüge  der Bundesluftwaffe ab 1989 wenigstens teilweise
       zu vermindern,  aber auch in der von Scholz am Rande der NATO-Mi-
       nisterratstagung (Dezember  88) gemachten  Ankündigung, die Manö-
       vertätigkeit des  BRD-Heeres drastisch zu verringern und Großver-
       bände von  der Brigade  an aufwärts ab 1990 nicht mehr mit voller
       Truppe im freien Gelände üben zu lassen.
       Auch die  noch in der Amtszeit von Ex-Minister Wörner tabuisierte
       Forderung nach  Verminderung der  Bundeswehrpräsenzstärke in  den
       90er Jahren  scheint kein Tabu mehr zu sein. Vielsagend sinnierte
       Scholz auf  der Bundeswehr-Kommandeurtagung  im  Dezember  88  in
       Würzburg: "Entwürfe zur gegenwärtigen Bundeswehrstruktur - insbe-
       sondere zur  Heeres Struktur  - für die 90er Jahre sind ausdrück-
       lich unter  der Prämisse vorgenommen worden, daß eine ganze Reihe
       günstiger Voraussetzungen  erfüllt sein muß. Ob es gelingt, diese
       Voraussetzungen überall  zu erfüllen,  ist noch  ungewiß ... Wenn
       wir also  bei der  Fortschreibung der Bundeswehrplanung feststel-
       len, daß wir eine bestimmte Lösung, eine bestimmte Struktur, eine
       bestimmte Option nicht so weiter führen können, wie wir dies ein-
       mal geplant  hatten, so darf das nicht zur Weltuntergangsstimmung
       führen. Nicht  alles, was  wir gebrauchen könnten, können wir uns
       auch leisten." 16)
       Schon Scholz  war offenbar  bemüht, die Legitimierung der Bundes-
       wehr abzukoppeln von den (sowieso nachlassenden) Bedrohungsgefüh-
       len der Bevölkerung. Losgelöst von Zeit und Raum soll der Bundes-
       wehr fortan  ein quasi  ewiges Existenzrecht  zugebilligt werden.
       Originalton Scholz  auf einem  sicherheitspolitischen Kongreß der
       CDU im  November 88 in Stuttgart: "Wer den Willen zur äußeren Si-
       cherheit und Landesverteidigung davon abhängig macht, ob und ggf.
       in welchem  Umfang eine bestimmte Bedrohung von außen tatsächlich
       akut ist,  der stellt  die eigene Unabhängigkeit und Souveränität
       letztlich in das Belieben oder in die Disposition anderer Mächte.
       Dies zu  tun, bedeutet in der Konsequenz Aufgabe des eigenen Wil-
       lens zur  Selbstbehauptung, Selbstbestimmung  und  Souveränität."
       17) Zugleich  konstatierte Scholz  aber  in  folgenden  wichtigen
       Punkten für  den Fortgang  eines abrüstungsorientierten West-Ost-
       Dialogs schon  heute "...  scheinbar weitgehende  Übereinstimmung
       mit Gorbatschow ...
       1. Die Möglichkeit der Nutzung militärischer Macht als Faktor der
       Politik ist zuverlässig auszuschließen.
       2. Gegen die  Anwendung oder  Androhung militärischer  Gewalt ist
       gegenseitige Sicherheit zu schaffen.
       3. Das militärische  Instrumentarium ist sichtbar und überprüfbar
       auf den Zweck der Erhaltung des Status quo zu beschränken." 18)
       Natürlich ist  die Nagelprobe  für Abrüstungsbereitschaft  in der
       Union und  auf der  Hardthöhe noch immer die Praxis und nicht ir-
       gendeine interpretierbare  Bekundung. In  der Praxis  trat Scholz
       als einer  der eifrigsten  Weichensteller für  die Fortschreibung
       der atomaren  Abschreckungspolitik, der Modernisierung des takti-
       schen NATO-Atomwaffenarsenals  in Europa,  des Jäger  90-Projekts
       und der Formierung von Daimler Benz zu einem westeuropäischen Rü-
       stungsgiganten in Erscheinung.
       Dies geschieht  vor dem Hintergrund eines offenbar noch immer von
       der gesamten  Union getragenen Willens, auf eine noch unabsehbare
       Zeit  mindestens   an  einem   atomaren  "Minimal"-Abschreckungs-
       potential festzuhalten.  Dies scheint also auch längerfristig das
       festeste  Bollwerk  in  den  sicherheitspolitischen  Zukunftsdis-
       positionen der Union zu sein. 19)
       Klar ist, daß heute keine der hier angeführten Gruppierungen über
       den einzig  dominanten Einfluß  in der  Union verfügt. Betrachtet
       man neuere  Stellungnahmen des Kanzlers und seines Verteidigungs-
       ministers, findet man dort Elemente aller drei Positionen mit im-
       mer wieder wechselnder Hervorhebung wieder. Noch haben diese Ele-
       mente mehr  den Charakter nebeneinander existierender Zukunftsop-
       tionen. Ihr  weiteres Schicksal  wird abhängig  sein von Faktoren
       wie:
       - dem weiteren  Fortgang der  politisch-ökonomischen  Beziehungen
       zwischen der BRD und der Sowjetunion,
       - dem Fortgang  des amerikanisch-sowjetischen  Dialogs über Abrü-
       stung und politisch-wirtschaftliche Kooperation,
       - den Perspektiven des EG-Binnenmarktes,
       - der sich  verschärfenden Konkurrenz  zwischen den imperialisti-
       schen Hauptzentren USA, EG-Europa und Japan,
       - den Konsequenzen  der Verschuldungskrise,  auch für die BRD und
       Westeuropa,
       - den Folgen  der Umweltkrise für die Prioritäten des Bundeshaus-
       haltes und die Legitimation der derzeitigen Bundeswehr- und NATO-
       Aufrüstung,
       - dem Fortgang  der sozialpolitischen  Verteilungskämpfe  in  der
       Bundesrepublik.
       Spielräume für Abrüstung werden in der Union dort sichtbar, wo es
       um mögliche westliche Abrüstungsschritte im Bereich konventionel-
       ler Waffen  bzw. defensiverer  Militärstrukturen als Folge der ab
       März 89  laufenden Wiener KRK-Verhandlungen (KRK = Konventionelle
       Rüstungskontrolle) geht.
       Dabei reicht es in Zukunft weder aus, die Unionsparteien in ihrer
       Gänze als  zeitlos unbelehrbare  Aufrüstungslobby abzuhaken, noch
       die (mit  Verlaub noch)  verbalen Entspannungsstatements des FDP-
       Außenministers Genscher als Propagandanebel zu denunzieren. Kürz-
       lich hat  Bundespräsident von  Weizsäcker eine  Kernfrage bundes-
       deutscher Zukunftspolitik  so formuliert:  "Sind wir  zu schwach,
       daß wir  auf eine systemschwache Sowjetunion angewiesen bleiben?"
       20) Er  verneinte diese  Frage unmißverständlich. Um so erfreuli-
       cher ist  es, wenn  dann FDP-Außenminister  Genscher als Reaktion
       auf Gorbatschows  Abrüstungsankündigung für  eine "... gemeinsame
       Europäische Zukunft  ..., in der es zunehmend zu einer Entmilita-
       risierung der  Beziehungen kommt  ..." plädierte.  Er fuhr  fort:
       "Und deshalb  wollen wir ja eine aktive Abrüstungspolitik mit dem
       Ziel, kooperative  Strukturen der  Sicherheit in Europa zu schaf-
       fen, ... so daß jede Form von Krieg in Europa unmöglich wird, ein
       nuklearer ebenso wie ein konventioneller." 21)
       Dies sind  deutliche Worte neuen Denkens, ihnen müssen allerdings
       noch praktische  Taten in der Politik der Bundesregierung folgen.
       Aktuell sollte  man Genscher  folgerichtig mit  folgender Aussage
       beim Wort  nehmen: "Wir  wollen nicht Vorleistungen zu Lasten der
       eigenen Sicherheit,  sondern wir  wollen durch Abrüstungsschritte
       mehr Sicherheit  schaffen. Deshalb  kommt auch  eine Kompensation
       von Abrüstung  an einer  Stelle durch  neue Aufrüstung an anderer
       Stelle nicht  in Frage.  Das würde neue Instabilität schaffen und
       einen neuen  Rüstungswettlauf in  Gang setzen. Um ein Beispiel zu
       nennen: Die  doppelte Null-Lösung hat mehr Sicherheit geschaffen.
       Wollte man  nun an  an anderer  Stelle, wo es durch Abkommen noch
       nicht untersagt  ist, versuchen,  einen Ersatz  für die nuklearen
       Mittelstreckenraketen einzuführen,  so würde  man das  erste  nu-
       kleare Abrüstungsabkommen  der Geschichte  untergraben. Das kommt
       nicht in  Frage. Notwendig ist vielmehr, alle nuklearen Waffen in
       die Abrüstung einzubeziehen." 22)
       Es steht  außer Zweifel,  daß über den Willen Bonns in Fragen der
       Abrüstung auch  in Zukunft  nicht am Bonner Kabinettstisch allein
       entschieden werden  wird. Hier  werden die  Absichten  des  Bünd-
       nispartners USA  zweifellos eine gewichtige, aber auch Pläne Lon-
       dons und  Paris eine  ernstzunehmende Rolle spielen. Von weiterer
       Bedeutung wird  allerdings auch  sein, wie  z.B. die  sowjetische
       Führung -  angesichts der von ihr 1986 vorgeschlagenen Vision ei-
       ner atomwaffenfreien  Welt bis zum Jahr 2000 - mit der Unionsfor-
       mel von  der Beibehaltung eines minimalen atomaren Abschreckungs-
       potentials der NATO in Europa mittelfristig umgehen wird. Mit ih-
       rer Ankündigung,  nun auch einen Teil ihrer taktischen Atomwaffen
       aus Osteuropa abzuziehen, bzw. auf eine Modernisierung derartiger
       Waffen zu  verzichten, hat die Sowjetunion allerdings schon jetzt
       Zeichen gesetzt.  Nicht Modernisierung,  sondern Verringerung der
       Atomwaffen in Europa ist das Gebot der Stunde.
       Auch die  organisierte Friedensbewegung  der BRD,  will sie  ihre
       Massenverankerung in der bundesdeutschen Bevölkerung revitalisie-
       ren, muß Differenzierungen bzw. punktuelle Abrüstungsbereitschaft
       im Regierungslager  aufmerksam zur Kenntnis nehmen. In einer Zeit
       möglicher Fortschritte  bei der  konventionellen  Abrüstung,  der
       Chemiewaffenabrüstung bzw. der Umstrukturierung von Streitkräften
       darf sie  zwar den Widerstand gegen atomare NATO-Modernisierungs-
       pläne nicht vernachlässigen, muß jedoch auch ihre Handlungsfähig-
       keit auf  anderen Feldern  erhöhen. Die Problematik der Tiefflüge
       und der  rasante Stimmungsumschwung  zu  Ungunsten  der  Militärs
       selbst bei Teilen der Union war dafür ein Lehrstück.
       
       3. Ansätze für eine neue Sicherheitspolitik
       -------------------------------------------
       
       Wo muß  eine Neuorientierung  bundesdeutscher  Sicherheitspolitik
       ansetzen? Wie kann die Bundesrepublik zu einem aktiven Partner im
       Abrüstungsprozeß werden?  In dem Entwurf "Bundesrepublik Deutsch-
       land 2000  - Vorschläge der DKP zu einer friedensorientierten und
       demokratischen Reformalternative  für die  90er Jahre"  heißt es:
       "Auch wenn  völlige Abrüstung  in Europa bei Fortbestehen des Sy-
       stemgegensatzes in  den nächsten  Jahren kaum  durchsetzbar  sein
       dürfte, erfordert  die Lage  raschen und  drastischen Rüstungsab-
       bau." 23)  Dabei werden  auch mit Blick auf die nächsten Schritte
       die Massenvernichtungswaffen  im Mittelpunkt  der  Aufmerksamkeit
       stehen müssen,  da von ihrem Einsatz die potentiell größte Gefahr
       für das  Überleben der Menschheit ausgeht. Gegen sie richtet sich
       der breiteste militärisch, politisch und moralisch begründete Wi-
       derstand.
       Für  die  erfolgreiche  Durchsetzung  weitergehender  Abrüstungs-
       schritte erscheint  es sinnvoll, den von der prinzipiellen Ableh-
       nung jeglicher  Abschreckungspolitik ausgehenden  Druck punktuell
       dort zu  verstärken, wo  die  Aufrechterhaltung  bestehender  Rü-
       stungspotentiale auch  von den Verfechtern der Abschreckungspoli-
       tik nicht  zu begründen ist und wo reale - wenn auch anders moti-
       vierte -  Abrüstungsinteressen bestehen, wo Differenzen in Regie-
       rungs- und  Kapital-Lager zutage kommen. Dies trifft z.B. auf die
       mehrfachen "Over-Kill-Kapazitäten"  im strategischen  Bereich zu,
       deren zunächst 50%ige Reduzierung auch von der jetzigen Bundesre-
       gierung befürwortet wird. Die Realisierung dieses Schrittes setzt
       jedoch voraus,  daß alle  Versuche aufgegeben  werden, durch  den
       Aufbau einer  strategischen Verteidigung,  sei  sie  boden-  oder
       weltraumgestützt, die  Zweitschlagfähigkeit der  anderen Seite zu
       untergraben. Eine Aufkündigung der Beteiligung der Bundesrepublik
       am SDI-Projekt  der USA  wäre ein wichtiges Signal, das dazu bei-
       tragen könnte,  die Abrüstungsverhandlungen  im strategischen Be-
       reich (START) zu einem raschen Erfolg zu führen.
       Sogar mit  der "Logik" der Abschreckung unvereinbar sind im Prin-
       zip auch  all jene nuklearen Waffensysteme, die als Kurzstrecken-
       oder Gefechtsfeldwaffen  mit geringen  Reichweiten wohl  in  eine
       Strategie der  Kriegsführung, nicht aber in ein vorgebliches Kon-
       zept der  "Kriegsverhütung durch  Abschreckung" passen, also alle
       nach Verwirklichung  des INF-Abkommens in der BRD noch verbliebe-
       nen Kernwaffen.  Gerade für sie gilt es jetzt, eine Richtungsent-
       scheidung zu  treffen. Werden  sie weiter bis auf Null reduziert,
       ggf. über  Zwischenschritte, oder werden sie durch Modernisierung
       und die  Einführung zusätzlicher,  neuartiger Kernwaffen zu einem
       Potential  mit  eurostrategischen  Fähigkeiten  aufgezogen?  Eine
       dritte Null-Lösung  für alle Kernwaffen mit Reichweiten unter 500
       km liegt im vitalen Interesse gerade der Bundesrepublik.
       Das gleiche gilt für die Beseitigung der chemischen Waffen, deren
       Einsatz ausschließlich im frontnahen Bereich vorgesehen ist. Ihre
       Existenz ist  nicht nur  wegen ihrer verheerenden Wirkungen, son-
       dern vor allem wegen der Gefahr ihrer unkontrollierten Weiterver-
       breitung auch  in der  NATO äußerst  umstritten. Die Bereitschaft
       der Bundesrepublik, Teil einer chemiewaffenfreien Zone zu werden,
       wie von  DDR und  CSSR angeboten, könnte die USA veranlassen, auf
       die jetzt  angelaufene Produktion  neuartiger  chemischer  Kampf-
       stoffe zu verzichten.
       Ein entscheidender Beitrag wird von der Bundesrepublik im Bereich
       der konventionellen Abrüstung erwartet. Dies gilt um so mehr nach
       den einseitigen  Reduzierungen der Sowjetunion. Sie unterhält die
       stärksten konventionellen  Streitkräfte des Bündnisses in Europa,
       für deren weitere Entwicklung gegenwärtig ebenfalls wichtige Wei-
       chen gestellt werden. Geplant bzw. bereits in Auftrag gegeben ist
       die Entwicklung und Einführung einer neuen, "dritten" Waffengene-
       ration für  die Bundeswehr, die sich in das Kriegsführungskonzept
       FOFA der  NATO einordnet.  In der  Öffentlichkeit  umstrittenstes
       konventionelles Rüstungsprojekt  ist heute der "Jäger 90", dessen
       Finanzierbarkeit und  militärischer Nutzen  auch von Militärfach-
       leuten bezweifelt wird.
       Ein vollständiger Verzicht auf diese neuen Rüstungsprojekte würde
       nicht nur  den Bundeshaushalt deutlich entlasten und Mittel frei-
       machen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, zur Lösung drängender
       Umwelt- und  Entwicklungsaufgaben. Er wäre auch ein konstruktiver
       Beitrag für  rasche Fortschritte  auf der  geplanten europäischen
       Abrüstungskonferenz (KRK) und könnte die Verringerung von Asymme-
       trien im konventionellen Kräfteverhältnis in Europa voranbringen.
       Signale in die gleiche Richtung könnten auch von der Bereitschaft
       ausgehen, die  gegenwärtige Präsenzstärke  der Bundeswehr  in den
       90er Jahren  deutlich abzusenken und die beschlossene Wehrdienst-
       verlängerung ganz zurückzunehmen.
       Freilich werden  sich reale  Fortschritte im Abrüstungsprozeß nur
       dann einstellen,  wenn die  Bundesregierung ernsthaft bereit ist,
       an einem System politischer Sicherheit in Europa konstruktiv mit-
       zuarbeiten. Das  Bekenntnis von  Außenminister Genscher  zu einem
       System "kooperativer Sicherheit" und die Forderung von Ex-Vertei-
       digungsminister Scholz  nach der  Herstellung "gegenseitiger  Si-
       cherheit" signalisieren  nicht  nur  konzeptionelle  Differenzen,
       sondern auch  Anknüpfungspunkte zu den Vorstellungen großer Teile
       der Friedensbewegung,  der Sozialdemokratie  und der  sozialisti-
       schen Staaten über ein System "Gemeinsamer Sicherheit" in Europa.
       Die Bereitschaft,  über Fragen der künftigen Sicherheit auf unse-
       rem Kontinent  in Gespräche  und Verhandlungen  mit  der  anderen
       Seite, auch  und gerade  mit der  DDR einzutreten,  wird eine der
       entscheidenden Nagelproben für die künftige Rolle der Bundesrepu-
       blik im europäischen Abrüstungsprozeß sein.
       
       _____
       1) Siehe dazu  auch Jörg  Huffschmid / Heinz Jung, Reformalterna-
       tive. Ein  marxistisches Plädoyer,  Frankfurt/M. 1988,  sowie die
       Beiträge von  Klaus-Peter Weiner,  Jürgen Reusch  u.a. in  diesem
       Band.
       2) Vgl. dazu  die Beiträge von Michel Villon und Klaus-Peter Wei-
       ner in:  Zentrum für  Marxistische Friedensforschung  (Hg.),  Be-
       trifft: Rüstung  ... 88/89, Frankfurt/M. 1988, S. 163 ff. und 136
       ff.
       3) Verlauf und  Äußerungen auf  der diesjährigen Wehrkunde-Tagung
       (28./29.1.89) bestätigten  diese Tendenz. Dort waren es insbeson-
       dere US-"Interims"-Verteidigungsminister  Tower und Ex-Bundesver-
       teidigungsminister Scholz,  die zu  forcierter westlicher  Aufrü-
       stung auch im Falle weiterer östlicher Abrüstungsschritte aufrie-
       fen. Siehe "Europäische Wehrkunde" Nr. 3, Herford 1989.
       4) Siehe Interview  des Hessischen Rundfunks mit Bundesaußenmini-
       ster Genscher (Sendung: "Frankfurter Gespräch") vom 11.12.88, so-
       wie Pressemitteilung  Nr.  1244/88  des  Außenministeriums,  Bonn
       1988, S. 11.
       5) U. Seiler-Albring, parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-
       Bundestagsfraktion, in: FDP-Tagesdienst, Bonn 19.12.1988.
       6) Vgl. die  Kritik Volker  Rühes, stellvertretender Vorsitzender
       der Unionsfraktion im Bundestag, laut: Die Welt, 13. 1. 1989.
       7) M. Gorbatschow in seiner Rede am 8.12.1988 vor der UN-Vollver-
       sammlung, in: Information (APN-Verlag), Nr. 59, Köln, 8.12.1988.
       8) Ex-Verteidigungsminister Scholz (Rede-Manuskript) vor der Bun-
       deswehr-Kommandeurtagung, Würzburg, 14.12.1988.
       9) A. Dregger, in: Die Welt, 20.10.1988.
       10) Die Welt, 20. 9. 1988, S. 7.
       11) A. Dregger, in: Die Welt, 20.10.1988.
       12) Ebenda.
       13) Volker Rühe, in: Süddeutsche Zeitung, 22.9.1988.
       14) Ebenda.
       15) Bulletin des  Presse- und  Informationsamtes der Bundesregie-
       rung Nr. 174, Bonn, 13.12.1988.
       16) R. Scholz auf der Bundeswehr-Kommandeurtagung, a.a.O.
       17) R. Scholz  auf dem sicherheitspolitischen Kongreß der CDU Ba-
       den-Württemberg (Rede-Manuskript), Stuttgart, 5.11.1988.
       18) R. Scholz auf der Bundeswehr-Kommandeurtagung, a.a.O.
       19) Siehe Beschluß des 36. Bundesparteitages der CDU (12.-15.6.88
       in Wiesbaden)  "Unsere Verantwortung in der Welt - Christlich-de-
       mokratische Perspektiven  zur Deutschland-, Außen-, Sicherheits-,
       Europa- und  Entwicklungspolitik, in:  CDU-Dokumentation 19, Bonn
       1988.
       20) Laudatio des  Bundespräsidenten aus  Anlaß der Verleihung des
       Aachener Karls-Preises 1988, vom 2.11.1988.
       21) H.D. Genscher  in einem Interview für den Hessischen Rundfunk
       am 11.12.1988.
       22) H.D. Genscher, in: Oldenburger Nord-West-Zeitung, 7.11.1988.
       23) DKP, Entwurf: Bundesrepublik Deutschland 2000. Vorschläge der
       DKP zu einer friedensorientierten und demokratischen Reformalter-
       native für die 90er Jahre, Düsseldorf 1988.
       

       zurück