Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       BEITRÄGE MARXISTISCH-LENINISTISCHER THEORIEENTWICKLUNG
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       ZUR FRIEDENSSICHERUNG
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       Dieter Klein
       
       1. Marxistisches  Vernunftdenken in  der Umbruchperiode - 2. Epo-
       chekonzeption und  Wettstreit der  Systeme - 3. Neue Tendenzen in
       der marxistisch-leninistischen Kapitalismustheorie
       
       1. Marxistisches Vernunftdenken in der Umbruchperiode
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       Die Menschheit  befindet sich  am Ende  des Jahrhunderts in einer
       vielschichtigen Umbruchsituation.  Globale Probleme bedrohen ihre
       Existenz. Aber zugleich beginnen sich Chancen für einen dauerhaf-
       ten Weltfrieden sowie zur Abwendung einer Umweltkatastrophe abzu-
       zeichnen und  könnte Abrüstung  für Entwicklung einen Einstieg in
       die Zurückdrängung  der mit  Hunger und Arbeitslosigkeit von hun-
       derten Millionen  Menschen verbundenen  Unterentwicklung  in  den
       meisten Entwicklungsländern ermöglichen.
       Diese Umbruchsituation wird dadurch zugespitzt, daß der neue, ex-
       trem wissenschaftsintensive  Produktivkrafttyp entweder als Kata-
       lysator der  Verschärfung der  globalen Menschheitsfragen wirkt -
       wenn er  der Hochrüstung  einverleibt  wird,  sich  sozial  unbe-
       herrscht gegen  die Natur  kehrt und  monopolisiert in  den Indu-
       strieländern die  relative Rückständigkeit der Entwicklungsländer
       vertieft -  oder zum  Vehikel der Lösung dieser Probleme in einer
       Welt des  Friedens zwischen  den Staaten und mit der Natur werden
       kann.
       Neue, mit  der Bedrohung der Gattung Mensch verbundene Globalpro-
       bleme, ein  neuer Produktivkrafttyp,  tiefgreifende Veränderungen
       in Sozialismus  und Kapitalismus,  Ganzheitlichkeit einer  wider-
       sprüchlichen Welt  - das  alles forderte  ein Neues  Denken, eine
       neue Weltverantwortung  heraus. Nach  zwei  großen  Glanzperioden
       menschlicher Geistes-  und Kulturgeschichte,  der Antike  und der
       Renaissance mit  ihren Riesen  geistiger Kühnheit  und künstleri-
       scher Schaffenskraft stehen wir vor der Herausforderung, daß eine
       dritte Glanzperiode  des Denkens, in der die Aufbrüche der jungen
       Sowjetmacht zu  einer neuen  ausbeutungsfreien, friedlichen  Welt
       aus den  zwanziger Jahren  aufzuheben sind,  in der  die   E i n-
       h e i t  v o n  V e r n u n f t  u n d  V e r a n t w o r t u n g
       zum  zentralen   Angelpunkt  wird,  zur  Überlebensbedingung  der
       Menschheit wird.
       Diese notwendige  und systemüberschreitende Vernunft hat geistes-
       geschichtliche Wurzeln.  1) Die  bürgerliche Aufklärung  von Kant
       und Hegel  hat die  Entwicklung der  Weltgeschichte  als  "Empor-
       arbeiten  der   Vernunft"  in  der  Gesellschaft  und  damit  als
       "Fortschritt der  Freiheit" aufgefaßt. Marx knüpfte, dies mit der
       kapitalistischen Wirklichkeit  seiner  Zeit  vergleichend,  daran
       kritisch-konstruktiv an und sah im Proletariat die Klassenkräfte,
       die in  der Lage  zu solcher  Umgestaltung der Gesellschaft sind,
       daß seine  an die bürgerlichen Denker anknüpfende These Wirklich-
       keit würde:  "Die Vernunft  siegt dennoch in der Weltgeschichte."
       2) Aber so wie er die These von der Vernunft in der Geschichte in
       seiner Revolutionstheorie  im Hegelschen  Sinne "aufhob", ist die
       Aufhebung seiner  Konzeption heute  abermals gefordert: Nicht daß
       sich der  revolutionäre Prozeß  selbst nicht weiter und mehr denn
       je als  vernünftig zu  bewähren hätte - doch zugleich gilt heute,
       daß die  Koalition der  Vernunft oder der Prozeß dorthin histori-
       sche Vernunft  nicht für  die Arbeiterklasse bzw. den Sozialismus
       allein zu  reservieren hat - oder umgekehrt für bürgerliche Demo-
       kratien -,  sondern unter  dem Druck  der neuen globalen Umstände
       auf Sieg  der gemeinsamen  Vernunft aller  Klassen beider Systeme
       setzt. In neuer Weise praktisch tritt darin die gemeinsame Tradi-
       tion progressiven  bürgerlichen und marxistischen Denkens zutage:
       Vernunft, meinte  Hegel, löst den abstrakten Gegensatz in den le-
       bendigen Widerspruch  auf, erfaßt die Dinge als widersprüchliches
       Ganzes. Und  er notierte:  "Das Wahre ist das Ganze" 3). Vernunft
       muß heute  Verantwortung für das Ganze der Menschheit in den Mit-
       telpunkt des gemeinsamen Handelns rücken.
       In solcher  Lage bestätigt sich die erstrangige Bedeutung dialek-
       tischen Vorgehens.  Der Physiker  Werner Heisenberg  schrieb über
       Inventionen in  der Wissenschaft:  "...wirkliches Neuland  (kann)
       wohl nur gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle
       bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissen-
       schaft ruht,  und gewissermaßen ins Leere zu springen." 4) Marxi-
       stisch-leninistische Identität  in der  Kontinuität kann  nur ge-
       wahrt werden,  wenn wir uns auf tiefgreifenden Wandel auch in der
       Theorie einlassen,  wenn die  gewandelte Praxis  oder  eine  neue
       Sicht  auf  die  schon  bekannte  Praxis  dazu  Anlaß  sind.  Mit
       "wissenschaftlichem Kleinhandel" 5) ist da nichts zu bestellen.
       Jedoch -  kontrapunktisch zu  dieser Aussage und besonders zu der
       Hoffnung nicht weniger bürgerlicher Ideologen auf eine Selbstauf-
       gabe des  Marxismus-Leninismus, auf Abstand von Klassenpositionen
       sei auf eine nicht weniger wichtige weitere Erfahrung Heisenbergs
       verwiesen: "Der  Versuch, alles Bisherige aufzugeben und willkür-
       lich zu ändern, führt zu reinem Unsinn"! 6)
       Ich möchte  diese Problematik  auf zwei Feldern verdeutlichen und
       zur marxistisch-leninistischen  Epochekonzeption sowie zur polit-
       ökonomischen Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus einige Bemer-
       kungen machen.
       
       2. Epochekonzeption und Wettstreit der Systeme
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       In früheren  Dokumenten der kommunistischen Bewegung wurde unsere
       Epoche ohne relativierende Überlegungen als die des Übergangs vom
       Kapitalismus zum Sozialismus gekennzeichnet. Wie steht es um Kon-
       tinuität und Wandel in dieser Auffassung?
       E r s t e n s:   V o m   S t a n d p u n k t   d e s  l a n g e n
       h i s t o r i s c h e n   P r o z e s s e s   d e r    F o r m a-
       t i o n s a b f o l g e   überwiegt  in  der  marxistisch-lenini-
       stischen Theorie,  daß die Epoche weiterhin als die des Übergangs
       vom Kapitalismus zum Sozialismus angesehen wird. So wird sie z.B.
       in der  Neufassung des  Programms der  KPdSU durch  deren  XXVII.
       Parteitag (1986) und auch in der DDR betrachtet.
       Historisch wird  diese theoretische Bestimmung durch die Oktober-
       revolution 1917, durch die territoriale Ausbreitung des Sozialis-
       mus nach  1945, durch  den nichtkapitalistischen  Weg einer Reihe
       von Entwicklungsländern getragen.
       Theoretisch wurzelt  die Erwartung  sozialistischer Horizonte für
       die ganze  Menschheit in  großer Vielfalt heute noch nicht zu be-
       stimmender Formen in der Auffassung, daß bei Dominanz privatkapi-
       talistischer Eigentumsverhältnisse  die davon geprägten Profitin-
       teressen unverträglich mit einem zunehmenden Vergesellschaftungs-
       prozeß werden  und daher  überwunden werden müssen. 7) Der am Be-
       ginn seiner  Durchsetzung stehende neue, ausgeprägt wissenschaft-
       sintensive Produktivkrafttyp verlangt kategorisch, daß unter sei-
       nen neuen  Existenzbedingungen der Mensch, daß die Persönlichkeit
       zum Maß aller Dinge wird und daß daher bestmögliche gesellschaft-
       liche Kompromisse  zwischen den  Interessen aller sozialen Kräfte
       gefunden werden. Alle Erfahrungen sprechen dagegen, daß das Kapi-
       talinteresse mit  einem solchen  Maß vereinbar ist, solange es im
       staatsmonopolistischen  Kapitalismus  zwar  in  erheblichem  Maße
       staatlich vermittelt und auch relativiert wird, die Staatsaktivi-
       täten selbst  aber überwiegend von monopolistischen Kapitalinter-
       essen geprägt werden.
       Die außerordentliche  Herausforderung an den Sozialismus: Entfal-
       tung der  Persönlichkeit und  Individualität seiner Bürger in der
       Alltagsrealität in  so eindrucksvoller,  spürbarer Weise,  daß im
       Spiegel sozialistischer  Realität in  kommenden Zeiten  Schranken
       des Kapitalismus  deutlicher bewußt  werden, als sie der Mehrheit
       seiner Bevölkerung heute sind.
       Z w e i t e n s:   V o m    S t a n d p u n k t    d e r    f ü r
       l a n g e   Z e i t   v o r r a n g i g    z u    l ö s e n d e n
       A u f g a b e n  der Menschheit jedoch ergibt sich eine tiefgrei-
       fende Veränderung in der marxistisch-leninistischen Epochekonzep-
       tion.  D a s  E r r e i c h e n  e i n e s  d a u e r h a f t e n
       W e l t f r i e d e n s   - verbunden  mit Abrüstung für Entwick-
       lung und mit allen progressiven Bewegungen für Demokratie und so-
       zialen Fortschritt  -   g e w i n n t   a b s o l u t e  P r i o-
       r i t ä t    vor  allen  anderen  Aufgaben.  Es  gilt,  daß  "die
       Friedenserhaltung schon  aus wechselseitigem  Eigeninteresse  als
       eine dem  Systemantagonismus übergeordnete Kategorie zu begreifen
       ist." 8)  Und zugleich  hat der  Geschichtsverlauf in den letzten
       Jahrzehnten ursprüngliche  kommunistische Vorstellungen von Tempo
       und Art  und Weise des revolutionären Prozesses korrigiert: revo-
       lutionäre sozialistische  Umwälzungen in  kapitalistischen  Indu-
       strieländern sind  auf absehbare  Zeit nicht zu erwarten. Die Lö-
       sung des  Widerspruchs zwischen  den konfrontativen  Hauptträgern
       der Abschreckung  und  Hochrüstung  und  der  friedensbedürftigen
       Menschheit gewinnt  eindeutigen Vorrang  vor allen anderen Aufga-
       ben. Das  heißt, den  "grundlegenden Sinn  der Tätigkeit  der ge-
       samten kommunistischen Bewegung auf neue Art zu bewerten." 9)
       Zugleich schließt  das ein,  die epocheprägenden Kräfte anders zu
       bestimmen als unter den Bedingungen einer Konzentration theoreti-
       scher und politischer Anstrengungen auf weitere Revolutionen. Na-
       türlich haben  sich der  Sozialismus, die Arbeiterbewegung in den
       kapitalistischen Ländern  und die  Völker  der  nationalbefreiten
       Staaten nach  wie vor  als tragende Kräfte der gesellschaftlichen
       Entwicklung zu  bewähren; doch gehören zu diesen Kräften zugleich
       die demokratischen Massenbewegungen, die nicht auf sozialistische
       Veränderungen zielen.  Und da  alle epocheprägenden  Prozesse  im
       Wettstreit der Systeme verlaufen, nehmen natürlich auch friedens-
       orientierte und sozialem Fortschritt zugängige bürgerliche Kräfte
       auf den  Verlauf  von  Fortschrittsprozessen  in  unserer  Epoche
       erheblichen Einfluß.
       D r i t t e n s   ist unter  diesen Voraussetzungen die Frage neu
       zu durchdenken,  auf welche Weise sich in unserer Epoche die Aus-
       einandersetzung der  Systeme vollzieht  und unter  dem Druck  der
       neuen Umstände künftig vollziehen muß.
       Eine unrealistische  Sicht wäre die Vorstellung, daß der Klassen-
       inhalt dieser Auseinandersetzung angesichts des Hervortretens ge-
       samtmenschheitlicher System- und klassenübergreifender Interessen
       am Überleben  der Menschheit  weitgehend verschwinde oder daß al-
       lenfalls nach  einer Periode  der gemeinsamen  Verfolgung  dieser
       Menschheitsinteressen in  einer späteren Periode der Klassenkampf
       wieder stärker hervortreten könne.
       Richtig scheint mir dagegen folgende Sicht:
       - Die notwendige  gemeinsame Sicherheit  als einzig möglicher Zu-
       gang zum Weltfrieden schließt die Anerkennung der Dominanz allge-
       meinmenschlicher oder  gesamtmenschheitlicher Interessen  an  der
       kooperativen Lösung  der  menschheitsgefährdenden  Globalprobleme
       gegenüber spezifischem Klasseninteresse ein.
       - Die Wirklichkeit ist aber so beschaffen, daß der Verwirklichung
       dieser allgemeinmenschlichen  Interessen objektive und subjektive
       Faktoren entgegenstehen. Sie finden sich in beiden Systemen. Wahr
       ist, daß auf beiden Seiten erst ansteht, die Offensivstruktur der
       Bewaffnung auf  hinlängliche Verteidigungsfähigkeit, auf struktu-
       relle Angriffsunfähigkeit  umzustellen,  daß  beide  Seiten  hart
       daran zu  arbeiten haben,  die Ängste der anderen zu erfassen und
       das eigene  Verhalten darauf  einzustellen, daß auf beiden Seiten
       die Versuchung  wirkt, gegnerische  Handlungen zu eigenen unange-
       messenen Schritten  zu verarbeiten  und sich  durch ein Feindbild
       vom anderen von Besonnenheit ablenken zu lassen.
       In  theoretischen  und  strategiebildenden  Positionsbestimmungen
       wurde in der Vergangenheit entsprechend der bisherigen Epocheauf-
       fassung die  revolutionäre Lösung  des Hauptwiderspruchs zwischen
       Kapitalismus und  Sozialismus überwiegend  als entscheidende Vor-
       aussetzung für  weiteren globalen,  wesentlichen  sozialen  Fort-
       schritt angesehen.  Prof. Nikita V. Zagladin von der Akademie der
       Gesellschaftswissenschaften beim  ZK der  KPdSU sprach  in diesem
       Zusammenhang von  "einer fehlerhaft  verstandenen Konzeption  des
       gesellschaftlichen Fortschritts.  Diese gründete  sich  auf  eine
       Idee, ursprünglich  bereits in  den 20er Jahren von Stalin ausge-
       sprochen, derzufolge  in der  Welt zwei Lager bestehen, daß eines
       der Lager  sich auf Kosten des anderen festigen wird und daß eben
       dies der  Hauptweg  des  Fortschritts  ist.  ...  Die  Logik  der
       Weltentwicklung stellt  sich ganz einfach dar: Ein Land fällt me-
       chanisch von  dem einen  System ab  und schließt sich dem anderen
       an. 10)
       Daraus folgte  eine entsprechende Tendenz in der praktischen Ver-
       folgung der  Konzeption der friedlichen Koexistenz: Diese bildete
       seit dem  ersten außenpolitischen  Aktionsprogramm der jungen So-
       wjetmacht, dem  "Dekret über  den Frieden" 11), die Grundlage der
       friedensorientierten sozialistischen Außenpolitik. M. Gorbatschow
       resümierte: "Die  prinzipielle Linie  unserer Politik hielt unbe-
       irrt an der generellen Richtung fest, die Lenin ausgearbeitet und
       gewiesen hat,  d.h. sie stand stets im Einklang mit der Natur des
       Sozialismus, mit  seiner prinzipiellen Orientierung auf Frieden."
       12) Aber  zugleich hemmte  die der geschilderten Epocheauffassung
       eigene Fortschrittskonzeption  lange Zeit eine genügend differen-
       zierte Analyse  des Kapitalismus, behinderte die Kooperation "mit
       jenen Vertretern des bürgerlichen Lagers, die zum Pazifismus nei-
       gen" 13),  erschwerte nach der Auffassung führender Wissenschaft-
       ler der Sowjetunion die dem Frieden zuträglichste Kombination von
       Zurückhaltung der UdSSR in manchen Konflikten im Bereich der Ent-
       wicklungsländer mit der Solidarität für ihre Unabhängigkeitsbewe-
       gung 14), und begünstigte eine Reihe militärpolitischer Entschei-
       dungen, die  heute in der Sowjetunion kritisch betrachtet werden.
       15) So  wurde in der sowjetischen Außenpolitik "ihr Zurückbleiben
       hinter grundlegenden  Veränderungen in  der Welt  zugelassen, und
       neue Möglichkeiten  für eine Verringerung der Spannungen und eine
       bessere Verständigung  der Völker wurden nicht in vollem Maße ge-
       nutzt." 16)
       Jedoch -  und ich hebe das hervor: eine solche Einsicht rechtfer-
       tigt nicht  eine gleiche  Schuldzuweisung  für  Kriegsgefahr  und
       Hochrüstung an  beide Systeme.  Ich halte  für  richtig,  in  der
       Kriegsursachen- und  Bedrohungsanalyse bei  aller  Offenheit  für
       notwendigen Wandel auf beiden Seiten eindeutig herauszuheben, daß
       vor allem  anderen eine Ausprägung der Militär-Industrie-Komplexe
       in kapitalistischen  Industrieländern, in  denen das Profitinter-
       esse des monopolistischen Rüstungskapitals wirkt, den Weltfrieden
       gefährdet,   w e n n   diese objektive Basis durch die Wahl einer
       konfrontativen Politik  und durch  die gewollt oder ungewollt zu-
       nehmend friedensgefahrdende Abschreckungspolitik subjektiv zu do-
       minierender Geltung  gebracht wird.  Viele gefährliche  Tatsachen
       vom Festhalten  der USA an SDI bis zu den starken Bestrebungen in
       der NATO zur Kompensation oder Überkompensation des INF-Vertrages
       durch die Entwicklung neuer Kernwaffensysteme und quasikonventio-
       neller Waffen unter Nutzung der hochtechnologischen Überlegenheit
       des Westens stützen solche Sicht.
       Das aber bedeutet für unsere Frage nach dem Verhältnis von allge-
       meinmenschlichen Überlebensinteressen  und Klassenkampf,  daß der
       Kampf aller  progressiven und realistischen Kräfte gegen die kon-
       frontative Fraktion des gegenwärtigen Kapitalismus notwendig ist,
       um das objektiv vorhandene gemeinsame Überlebensinteresse auch in
       das subjektive  Bewußtsein der  konservativen Kräfte zu heben und
       entsprechend  realistisches  Handeln  in  der  Monopolbourgeoisie
       selbst und  durch Regierungen kapitalistischer Länder zu fördern.
       Aber in  diesem andauernden   K a m p f   der zunehmend differen-
       zierten Klassen  und sozialen Bewegungen tritt mit ganz neuem Ge-
       wicht die   S u c h e    n a c h    G e m e i n s a m k e i t e n
       m i t   d e m   G e g n e r   für positive Antworten auf die glo-
       balen Menschheitsfragen hervor.
       Aus der  Sicht selbst einer auf weitere revolutionäre Umwälzungen
       konzentrierten  marxistisch-leninistischen  Epochekonzeption  war
       die Auffassung  des Krieges als Mittel des Exports der Revolution
       stets ausgeschlossen.  Doch wurde  der Ost-West-Konflikt in einer
       solchen Weise  als feindlicher  Kampf der  Systeme angesehen  und
       ausgetragen, daß  auch auf sozialistischer Seite verzerrte Feind-
       bilder das  Handeln mitbestimmten  und zu  Realitätsverlusten, zu
       Abstrichen in der Kompromißfähigkeit bei der Verfolgung der Poli-
       tik der friedlichen Koexistenz führten.
       Tatsächlich ist  der Wettstreit  zwischen Sozialismus und Kapita-
       lismus ein Wettstreit antagonistischer Systeme, in dem auf beiden
       Seiten die  Auffassung existiert,  daß dem eigenen System die Zu-
       kunft gehört. Doch ist der Einschätzung zuzustimmen, die von kom-
       munistischer und  sozialdemokratischer Seite gemeinsam formuliert
       wurde: "Ebensowenig gefährdet es nach übereinstimmender Einschät-
       zung Frieden  und Sicherheit, wenn die Konfliktseiten an der Auf-
       fassung festhalten, die jeweils überlegene, höherwertige, der Be-
       stimmung des  Menschen gemäßere  Ordnung zu  repräsentieren. Auch
       der Wunsch, das eigene Sozialsystem eines Tages weltweit verbrei-
       tet zu  sehen, kollidiert  nicht notwendig  mit legitimen Sicher-
       heitsinteressen Dritter. Welcher der beiden Gesellschaftsentwürfe
       sich als der letztlich leistungsfähigere und deshalb für die Men-
       schen anziehendere herausstellen wird, ist eine Frage, deren Ent-
       scheidung der Zukunft überlassen werden kann." 17)
       Nach meiner  Auffassung fehlt  in der internationalen Politikwis-
       senschaft bisher eine Theorie des Wettstreits und der Wechselwir-
       kung der  Systeme, die  ausreichenden wissenschaftlichen  Einfluß
       auf die  politische Praxis dieses Wettstreits nehmen könnte. Doch
       hat die Friedensforschung bereits wichtige Elemente solcher Theo-
       rie hervorgebracht.  Was  könnten  wichtige    m e t h o d o l o-
       g i s c h e   G r u n d l a g e n    m a r x i s t i s c h - l e-
       n i n i s t i s c h e r       T h e o r i e e n t w i c k l u n g
       ü b e r   W e t t s t r e i t  u n d  W e c h s e l w i r k u n g
       d e r  S y s t e m e  sowie Systemvergleich sein?
       1. Der Ausgangspunkt  jeder realistischen  Betrachtung des  Wett-
       streits der  Systeme sollte sein, daß sie für lange, nicht abseh-
       bare Zeit miteinander existieren werden. Für die theoretische Be-
       handlung und  politische Orientierung des Wettstreits der Systeme
       kann das  Primat nicht der Beseitigung des anderen Systems zukom-
       men, sondern  in das  Zentrum der Systemauseinandersetzung rückt,
       daß die  Zukunftsträchtigkeit jedes der Systeme sich daran erwei-
       sen wird,  welchen Beitrag  es zur  Lösung der  globalen  Mensch-
       heitsprobleme leistet.
       2. Das Verbindende des sozialen Fortschritts in unserer Zeit ist,
       daß es auf jedem seiner Felder um elementare Bedingungen der Ent-
       faltung der Persönlichkeit des Menschen geht. Zugleich weist die-
       ses Gemeinsame  auf den tiefsten Inhalt des sozialen Fortschritts
       und damit auf das eigentlich notwendige Maß im Wettstreit der Sy-
       steme und  beim Vergleich der Systeme hin: auf die millionenfache
       Entfaltung der Persönlichkeit des Menschen.
       Damit gewinnt  die praktische  Realisierung der Menschenrechte im
       Wettstreit und beim Vergleich der Systeme größte Bedeutung - eine
       Herausforderung für beide Systeme. Sich darauf konstruktiv einzu-
       stellen, ist ein ganz eigenes Interesse des Sozialismus.
       Den Wettstreit  der Systeme  auf die Lösung der Globalprobleme zu
       konzentrieren und  dies theoretisch  widerzuspiegeln, führt  also
       nicht von  der inneren  Ausgestaltung der  Systeme weg. Im Gegen-
       teil: Statt  einen großen  Teil der  eigenen Potenzen auf die Be-
       kämpfung des  anderen Systems  zu konzentrieren, ist eine Konzen-
       tration auf  die innere  Ausschöpfung der  eigenen Systempotenzen
       erforderlich, weil  die objektive Verknüpfung der inneren Gesell-
       schaftsentwicklung mit den Globalproblemen einen kooperativen Weg
       verlangt, der  wiederum das Einbringen eigener Potenzen notwendig
       macht, um sich zu behaupten.
       Das Zusammenfallen der Umsetzung eines neuen, dem nuklearen Zeit-
       alter gemäßen außen-, sicherheits- und militärpolitischen Denkens
       in der  Sowjetunion, der  DDR und  den anderen  Staaten des  War-
       schauer Vertrages  in offizielle  Staatspolitik - das in den ent-
       scheidenden NATO-Staaten noch aussteht - mit einer tiefgreifenden
       inneren Umgestaltung des Sozialismus ist ganz sicher kein Zufall.
       3. Im Angesicht  der widersprüchlichen  Ganzheit  der  Menschheit
       müssen Theorie  und Praxis  des Systemwettstreits die dieser Lage
       gemäße Dialektik  beachten. Sie schließt die antagonistische Aus-
       einandersetzung der Systeme und ihre Kooperation miteinander ein.
       Sie impliziert  auch, Erfolge  des anderen Systems bei der Lösung
       globaler Probleme  durch eigene innere Entwicklungen als im eige-
       nen Interesse  liegend zu betrachten und insofern die Position zu
       überwinden: "Je  schlechter für  den  Gegner,  desto  besser  für
       mich."
       4. Ein weiteres methodologisches Grundprinzip ist eine dynamische
       Betrachtung des Wettstreits der Systeme. Dafür ist eine realisti-
       sche Analyse  seines bisherigen  Verlaufs und  Standes notwendige
       Voraussetzung. Doch die Schwierigkeit für die Herausbildung einer
       Theorie des  Wettstreits und  der Wechselwirkung  der Systeme be-
       steht darin, daß sich in beiden Systemen gegenwärtig Umbrüche und
       Wandlungen vollziehen oder bevorstehen. Eine konstruktive Behand-
       lung des  Wettstreits der  Systeme erfordert  die Anerkennung der
       Reformoffenheit beider  Systeme und  das Ausloten  real sich  ab-
       zeichnender oder künftig möglicher Entwicklungstendenzen.
       5. Der Wettstreit  der Systeme kann nicht als die Auseinanderset-
       zung zwischen  monolithischen Ganzheiten  betrachtet werden, son-
       dern wir  haben die wachsende Variantenvielfalt auf beiden Seiten
       in Rechnung zu setzen.
       6. Eine Theorie  des Wettstreits  und der  Wechselwirkung der Sy-
       steme darf auf keinen Fall auf die Beziehungen zwischen den kapi-
       talistischen und  den sozialistischen  Industrieländern reduziert
       werden. Für  den kommenden Geschichtsabschnitt der Menschheit ge-
       winnt erstrangige Bedeutung, welche Wirkung Sozialismus und Kapi-
       talismus auf  Abwendung oder Reproduktion der Unterentwicklung in
       den Entwicklungsländern haben, in denen im Jahre 2000  80 Prozent
       aller Menschen  leben werden.  Aber rein entscheidendes Kriterium
       dieser Wirkung  ist zunehmend,  wie solche Bedingungen begünstigt
       und gefördert  werden können,  unter denen die Entwicklungsländer
       selbst die  Besonderheiten ihrer  eigenen Existenzbedingungen  in
       eigenen adäquaten Entwicklungsstrategien zur Geltung bringen.
       7. Die dargestellte weiterentwickelte Epochenauffassung mit Blick
       auf sozialistische  Menschheitshorizonte schließt  einen weiteren
       methodologischen Zugang zum Wettstreit und zur Wechselwirkung der
       Systeme nachdrücklich  ein: die  Frage danach, welches die allge-
       meinen Grundstrukturen  einer durch  fortgeschrittene  Vergesell-
       schaftungsprozesse geprägten  komplexen  Gesellschaft  sind,  die
       sich in  spezifisch kapitalistischen  oder spezifisch sozialisti-
       schen Formen durchsetzen. Die Unterscheidung zwischen allgemeinen
       Gesetzen mehrerer  Gesellschaftsformationen und gesellschaftsspe-
       zifischen Entwicklungsgesetzen  ist seit jeher Bestandteil marxi-
       stischer Betrachtung gesellschaftlicher Gesetze.
       Doch unter  den Bedingungen erdumspannender, systemübergreifender
       Handlungszwänge und  zwangsläufig intersystemaren  Handelns  ent-
       sprechend diesem  Druck gewinnen diese allgemeinen Strukturen mo-
       derner komplexer  Gesellschaften eine neuartige Bedeutung für die
       M ö g l i c h k e i t   eines nun  mehr kooperativen  als  feind-
       schaftlichen Wettstreits der Systeme.
       Diese Prozesse  implizieren nicht  Herausbildung einer Konvergenz
       der  Systeme,   wohl  aber  in  vieler  Hinsicht    g l e i c h e
       H e r a u s f o r d e r u n g e n   an die   v e r s c h i e d e-
       n e,     s y s t e m s p e z i f i s c h e     A u s g e s t a l-
       t u n g   von Basis  und Überbau  beider Systeme.  Das birgt  er-
       hebliche Chancen für einen kooperativen Wettstreit.
       
       3. Neue Tendenzen in der marxistisch-leninistischen
       ---------------------------------------------------
       Kapitalismustheorie
       -------------------
       
       Es gehört  zu einem friedensorientierten Dialog, den Partnern die
       Entwicklung der  eigenen theoretischen  Meinungsbildung über  das
       andere System deutlich zu machen - weil dies im Angesicht der en-
       gen Beziehungen von Theorie und Politik wichtig für die Berechen-
       barkeit dieser Politik ist.
       Kommunisten halten  - wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten in
       der internationalen  Diskussion - auch auf diesem Feld in wesent-
       lichen Fragen an der Kontinuität ihrer Theorie fest.
       Das Kapital  ist auch heute das die Grundstruktur des gegenwärti-
       gen Kapitalismus  bestimmende gesellschaftliche  Verhältnis  zwi-
       schen  kapitalistischen  Eigentümern  der  Produktionsmittel  und
       Lohnarbeitern. Die Unternehmer eignen sich weiter Profit als ver-
       wandelte Form  des Mehrwerts an. Das bedeutet Ausbeutung des Men-
       schen durch den Menschen mit elementaren Konsequenzen.
       Doch im  Rahmen der Betonung solcher Grundpositionen marxistisch-
       leninistischer Kapitalismuskritik  geht es  andererseits  um  die
       Verdeutlichung wichtiger  Tendenzen des Wandels in der Kapitalis-
       mustheorie.
       Zunächst: Die  realistische Position,  daß beide Gesellschaftssy-
       steme lange Zeit miteinander koexistieren werden, schließt in der
       marxistischen politischen  Ökonomie eine    w e s e n t l i c h e
       V e r ä n d e r u n g  i h r e s  m e t h o d o l o g i s c h e n
       H e r a n g e h e n s   an die  eigene weitere Theorieentwicklung
       ein. Natürlich  sind Kommunisten stets auch für Reformschritte im
       Rahmen des Kapitalismus eingetreten, um die Lage der Lohnabhängi-
       gen zu verbessern. War jedoch früher mit Blick auf die Begründung
       der Notwendigkeit  der Revolution  die Frage für die marxistische
       politische Ökonomie  vorrangig, welche  Grenzen die  ökonomischen
       Gesetze des  Kapitalismus der gesellschaftlichen Entwicklung set-
       zen, so  wird jetzt  eine    D o p p e l s t r u k t u r    d e s
       m e t h o d o l o g i s c h e n     H e r a n g e h e n s     a n
       d a s   W i r k e n   d e r   o b j e k t i v e n  ö k o n o m i-
       s c h e n   G e s e t z e   d e s   K a p i t a l i s m u s   zur
       dringlichen Notwendigkeit  mit praktischen politischen Konsequen-
       zen: Zu erforschen sind mit ernstem Interesse an ihrer Ausweitung
       die   M ö g l i c h k e i t e n   d e s   K a p i t a l i s m u s
       für   e i n e   f r i e d e n s f ä h i g e   und zumindest Teil-
       lösungen auch  anderer globaler Probleme einschließende  V a r i-
       a n t e     s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e r    E n t-
       w i c k l u n g   - und  zugleich müssen im Unterschied zu tradi-
       tionellen,  integrationistisch-reformistischen   Positionen  jene
       (nicht statisch  aufzufassenden)   G r e n z e n  d e s  K a p i-
       t a l i s m u s  benannt werden, deren Überwindung auch im Rahmen
       einer solchen  friedens- und  reformfähigen Variante  gegenwärtig
       nicht absehbar  ist und die deshalb progressive gesellschaftliche
       Kräfte auf  den Plan  rufen, die  auf weitergehende demokratische
       Umwälzungen zielen.
       Mit diesem  methodologischen Wandel hängen veränderte Akzente bei
       der Analyse  der ökonomischen  Gesetze des Kapitalismus zusammen.
       Wir definieren  die ökonomischen Gesetze als wesentliche, notwen-
       dige, objektive  und relativ stabile Zusammenhänge in den Produk-
       tionsverhältnissen in  deren Wechselwirkung  mit den Produktions-
       verhältnissen. Sie  sind  eine  Einheit  objektiver  ökonomischer
       Handlungszwänge und  des subjektiven Handelns der Wirtschaftssub-
       jekte. Denn  gesellschaftliche Handlungszwänge  setzen sich nicht
       anders als  in Gestalt  des massenhaften subjektiven Handelns der
       Menschen durch.  Die Wirkungsbedingungen der ökonomischen und an-
       derer gesellschaftlicher  Gesetze und der subjektive Faktor ihrer
       Durchsetzung ändern  sich nun  aber unter  den  charakterisierten
       neuen Existenzbedingungen  der Menschheit gravierend. Zu beachten
       sind u.a.
       - der Druck der Globalprobleme auf ein neues ökonomisches und po-
       litisches Handeln aller Klassen beider Systeme,
       - die Erfordernisse des neuen Produktivkrafttyps,
       - die zunehmende  wechselseitige Beeinflussung  der eigenen  Exi-
       stenzbedingungen durch das jeweils andere System,
       - die Entwicklung der neuen sozialen Massenbewegungen und die Be-
       wegung der Nichtpaktgebundenen,
       - die veränderten  Bedingungen der  Kapitalverwertung durch  alle
       diese und andere Umstände.
       Aus dem Marxschen Verständnis der Gesetze gesellschaftlicher Ent-
       wicklung als  Einheit objektiver  Handlungszwänge und subjektiven
       Handelns, aus  den neuen  Bedingungen dieses Handelns und aus dem
       entschieden gewachsenen  Gewicht  des  subjektiven  Faktors  ein-
       schließlich der  Politik in  der Gegenwart  folgt, daß das Wirken
       einundderselben ökonomischen  Gesetze des  Kapitalismus mehr denn
       je  eine    V a r i a n t e n v i e l f a l t    k a p i t a l i-
       s t i s c h e r  E n t w i c k l u n g  einschließt.
       In solchen  kapitalistischen Industrieländern  wie der  BRD folgt
       daraus für  die kommunistische Bewegung, daß sie für einen konse-
       quenten Übergang von einer noch in vieler Hinsicht konfrontativen
       und innenpolitisch stark konservativen Variante des staatsmonopo-
       listischen Kapitalismus  zu einer friedens- und reformoffenen Va-
       riante eintritt.
       Was spricht  für die  Möglichkeit, die militärische Aggressivität
       des gegenwärtigen Kapitalismus so zurückzudrängen, daß ein dauer-
       hafter Weltfriede in Gestalt friedlicher, kooperativer Koexistenz
       möglich wird?
       E r s t e n s   ist es  der Umstand,  daß ein  neuer großer Krieg
       auch das  Ende der Monopolbourgeoisie und damit jeder Möglichkeit
       der Verfolgung ihrer Klassenziele wäre. Das ist der Boden für re-
       alistische Friedenspolitik  auch konservativer Kräfte und kapita-
       listischer Regierungen.
       Z w e i t e n s:  Während bisher selbst in Weltkriegen eine kräf-
       tige Entwicklung  der Produktivkräfte  erfolgte und  im  globalen
       Maßstab  die  Reproduktion  des  ökologischen  Gleichgewichts  im
       Selbstlauf stattfand,  erforderte der neue, überaus wissenschaft-
       sintensive Produktivkrafttyp  zwingend friedensorientierte (durch
       Abrüstung einzulösende),  umweltschützende und  besonders für die
       Entwicklungsländer lebensrettende  globale ökonomische Proportio-
       nen. Dieser Produktivkrafttyp setzt durch seine Fortschritts- und
       Vernichtungspotenzen die  Alternative: Untergang  der  Menschheit
       oder kooperative,  friedliche Koexistenz  bei der Lösung der glo-
       balen Probleme.
       D r i t t e n s:   Die Kapitalbewegung  reagiert jedoch nicht un-
       vermittelt und  nicht allein  kraft Einsicht ihrer Repräsentanten
       auf objektive  Erfordernisse  der  Produktivkraftentwicklung.  Im
       Rahmen des  Kapitalismus wirken der  K l a s s e n k a m p f  der
       Arbeiterbewegung, der  Gewerkschaften besonders,  und die Verbin-
       dung  dieses   Kampfes  mit  den  Friedens-,  Öko-,  Drittewelt-,
       Frauen-, Jugend-  und Wissenschaftlerbewegungen,  mit  denen  der
       Kulturschaffenden sowie mit dem Friedensengagement der Nichtpakt-
       gebundenen auf  die   D u r c h s e t z u n g    a l l g e m e i-
       n e r  M e n s c h h e i t s i n t e r e s s e n  hin. Diese pro-
       gressiven Bewegungen  bringen  den  Druck  der  neuen  objektiven
       Existenzbedingungen  der   Menschheit  zur  Geltung  und  fördern
       Vernunft und  Realismus auch in der Monopolbourgeoisie und in der
       Regierungspraxis vieler kapitalistischer Staaten.
       V i e r t e n s:   Könnte jedoch die so geförderte Friedensfähig-
       keit des Kapitalismus zu einem dauerhaften Weltfrieden beitragen,
       wenn sie  dem Kapitalismus  gegen sein  gesamtes innerstes  Wesen
       aufgezwungen werden müßte? Ganz sicher nicht.
       Die veränderten  Verwertungsbedingungen führen dazu, daß zwar die
       i n   d e r  ö k o n o m i s c h e n  S t r u k t u r  des gegen-
       wärtigen Kapitalismus   a n g e l e g t e    T e n d e n z    z u
       m i l i t ä r i s c h e r    A g g r e s s i v i t ä t    solange
       fortwirkt, wie eine entsprechende Politik noch verfolgt wird, daß
       aber   e b e n f a l l s   i n   d e n    ö k o n o m i s c h e n
       G e s e t z e n  a n g e l e g t e  T e n d e n z e n  i n  d e r
       R i c h t u n g   e i n e s    f r i e d e n s o r i e n t i e r-
       t e n   K a p i t a l i s m u s   an Gewicht gewinnen können: Die
       neuen Dimensionen  der Rüstung belasten die Profite der absoluten
       Mehrheit der  kapitalistischen Unternehmen  - durch  die Dämpfung
       der Massenkaufkraft,  durch Wachstumsverluste im Ergebnis militä-
       rischer Geheimhaltung  und geringen Effekts militärischer Extrem-
       technologien für das zivile Wachstum, durch eine Umweltbelastung,
       die die  Nachfolgekosten  hochtreibt,  durch  weltwirtschaftliche
       Turbulenzen nicht  zuletzt im Gefolge von rüstungsbedingten Haus-
       haltsdefiziten. Anders  ausgedrückt: unter  den gegenwärtigen Be-
       dingungen schließen  das Wirken des Profitgesetzes im Bereich der
       zivilen Produktion und das in das Gesetz des staatsmonopolistisch
       regulierten Monopolprofits  eingebundene Interesse zu langfristig
       möglichst stabilen Reproduktionsbedingungen für das Gesamtkapital
       die Friedensfähigkeit des Kapitalismus ein.
       F ü n f t e n s   erfordert jedoch die Einschätzung der Friedens-
       fähigkeit des  Kapitalismus eine  aus eurozentristischen Betrach-
       tungen heraustretende, in erheblichem Maße erst noch zu leistende
       Analyse der  differenzierten Haltungen  der Bourgeoisie und ihrer
       Handlungsbedingungen in  den überwiegend auf kapitalistische Ent-
       wicklung ausgerichteten  Entwicklungsländern: Wie  ist  dort  das
       Verhältnis der  Bourgeoisie zu  militärischer Gewalt?  Innenpoli-
       tisch hat  bei meist  fehlenden  demokratischen  Traditionen  und
       großen sozialen  Problemen  die  Gewalt  als  Mittel  gesicherter
       Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse großes Gewicht.
       Die besonders  dramatische Verschärfung solcher globaler Probleme
       wie auf  dem Gebiet  der Ernährung, der Umwelt, des Bevölkerungs-
       wachstums, der  Beschäftigung, der  Urbanisierung gerade  in  den
       Entwicklungsländern führt  allerdings dazu,  daß die einheimische
       Bourgeoisie dringlich Frieden zur Entwicklung und Festigung ihrer
       Machtpositionen braucht.  Abrüstung für  Entwicklung ist das auch
       subjektiv erkannte  Interesse der überwiegenden Mehrheit der Ent-
       wicklungsländer auf  kapitalistischem Wege, wie sich in der Bewe-
       gung der Nichtpaktgebundenen zeigt.
       S e c h s t e n s   ist die  größte Chance für einen Übergang von
       dem heute in entscheidenden kapitalistischen Industrieländern von
       einflußreichen Kräften verfolgten konfrontativen Kurs zur prakti-
       schen Realisierung  der Friedensfähigkeit des Kapitalismus in der
       Außen-, Sicherheits-  und  Militärpolitik  die  friedensstiftende
       Wirkung des Sozialismus. Die defensive Militärdoktrin der Staaten
       des Warschauer  Vertrages, ihr  umfassendes nukleares und konven-
       tionelles Abrüstungsprogramm,  die kompromißbereite, auf Vertrau-
       ensbildung orientierte  Politik der Sowjetunion z.B. bei der Her-
       beiführung des INF-Vertrages bei gleichzeitiger Sicherung der mi-
       litärstrategischen Parität  geben den  friedensfähigen Kräften in
       der kapitalistischen  Welt genügend  Spielraum und  Anlaß zu ver-
       nünftiger Abkehr von der Politik der Stärke.
       Eine solche  Sicht auf  die prinzipielle  Friedensfähigkeit  wird
       verbaut, wenn  wir ohne  näheres Bedenken weiter pauschal vom ag-
       gressiven Wesen  des Imperialismus  sprächen. Das Wesen des Impe-
       rialismus, "der  Kern der  ganzen Sache",  ist das Monopol. Lange
       Zeit dominierte  in unserem  Jahrhundert die  mit ihm  verbundene
       Tendenz zu  militärischer Aggressivität,  und noch  heute ist die
       Menschheit in  ihrer Existenz  durch eine Hochrüstung bedroht, zu
       der die Staaten des Warschauer Vertrages bei Beachtung westlicher
       Sicherheitsinteressen in  grundsätzlicher Übereinstimmung mit so-
       zialdemokratischen und anderen Kräften eine realistische Alterna-
       tive anbieten.  Doch in  der Gegenwart  reifen Bedingungen heran,
       unter denen die Expansionstendenzen des heutigen Kapitalismus auf
       nichtmilitärische Formen beschränkt werden könnten.
       Zu betonen ist die Dialektik von Basis und Überbau, die große Be-
       deutung für  das Verständnis  der realen und möglichen Varianten-
       vielfalt und  Differenziertheit des  Kapitalismus im Ergebnis der
       Wirkungen des  politischen Überbaus, des Einflusses von wandelba-
       ren  Kräfteverhältnissen   der  verschiedenen  gesellschaftlichen
       Klassen und  Gruppen, der  veränderlichen Strategien  des jeweils
       dominierenden Flügels  der herrschenden  Klasse,  der  nationalen
       Traditionen usw. hat.
       Der einzige  Ausweg aus der Nichtperspektive einer globalen Kata-
       strophe ist   i m  Kapitalismus die Zurückdrängung der Krisen und
       Gebrechen des Systems durch eine von einem starken Druck der Lin-
       ken vorangetriebene  demokratische Reformalternative, die alle im
       Rahmen des  Kapitalismus möglichen  progressiven Potentiale durch
       eine unaufhörliche  Stärkung der von Reformbewegungen und Reform-
       bündnissen getragenen  Demokratie radikal gegen die konservativen
       Kräfte zur  Geltung bringt  und gerade durch diese Entwicklung im
       Rahmen des  Kapitalismus eine  Evolution erreicht,  die die Tiefe
       revolutionärer Veränderungen gewinnt. Reformfragen sind und blei-
       ben Machtfragen. Gerade die von der Arbeiterklasse im Bündnis mit
       allen anderen  Fortschrittskräften getragene  Zurückdrängung  von
       Niedergangsprozessen könnte  Wege eröffnen,  die über den Kapita-
       lismus hinausweisen.
       Im Angesicht  der Wechselwirkung der Systeme ist eine solche pro-
       gressive Entwicklung  nur  vorstellbar,  wenn  den  konservativen
       Kräften jede Chance genommen wird, durch Berufung auf wesentliche
       Defizite im  Sozialismus einem  wachsenden Einfluß der linken Re-
       formkräfte entgegenzuwirken. Das verweist auf den engen Zusammen-
       hang von  friedensorientierter internationaler Wirkung des Sozia-
       lismus und seiner inneren Ausgestaltung.
       Jedenfalls ist  marxistisch-leninistische Friedensforschung nicht
       getrennt von  der weiteren  Ausarbeitung einer zeitgemäßen Sozia-
       lismustheorie mit Blick auf den Übergang in das kommende Jahrhun-
       dert zu betreiben, weil die innere Gestaltung des Sozialismus wie
       die des  Kapitalismus entscheidend  durch die Notwendigkeit über-
       zeugender Beiträge zu kooperativer friedlicher Lösung der Global-
       probleme bestimmt  wird, weil  äußerer und  innerer Dialog  nicht
       voneinander zu trennen sind.
       Dieser Dialog, eingeschlossen das Einbringen gegensätzlicher Ent-
       würfe, sollte  in Grundfragen  der Friedenssicherung  auf Konsens
       zielen und  für offene  Probleme intellektuelles Lösungspotential
       durch neue  theoretische Erkenntnisse vergrößern. Er sollte Frie-
       denspolitik durch  Friedenswissenschaft fördern. "Für die Politik
       Schönes zu ersinnen", so Demokrit, "ist die Gabe eines göttlichen
       Geistes". Friedensforschung  sollte diese Geistesgabe kräftig und
       realistisch praktizieren.
       
       _____
       1) Wolfgang Richter,  Zur Vertrauens-Vernunftproblematik,  unver-
       öff. Manuskript, Berlin/DDR 1988.
       2) Karl Marx, Zu den Ereignissen in Nordamerika, in: MEW, Bd. 15,
       S. 552.
       3) G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1952, S. 21.
       4) Aus: "Wissenschaft im Zitat", Leipzig 1987, S. 24.
       5) Friedrich Engels,  Dialektik der Natur. Notizen und Fragmente,
       in: MEW, Bd. 20, S. 482.
       6) Wissenschaft im Zitat, a.a.O., S. 22.
       7) Karl Marx,  Das Kapital,  Bd. I,  in: MEW,  Bd. 23, Berlin/DDR
       1982, S. 790/791.
       8) Gemeinsame Sicherheit  und friedliche  Koexistenz. Ein  Report
       des IFSH und des IPW über ihre wissenschaftliche Diskussion, Ber-
       lin/DDR, 1988, S. 22.
       9) Juri Andropow,  Rede auf  dem Plenum  des Zentralkomitees  der
       KPdSU, 15.  Juni 1983,  in: Ausgewählte Schriften und Reden. Ber-
       lin/DDR 1983, S. 334.
       10) Perestroika, Außenpolitik  und XIX.  Parteikonferenz (Diskus-
       sion von  Vertretern dieser  Zeitschrift  und  der  Akademie  für
       Gesellschaftswissenschaften beim  ZK  der  KPdSU),  in:  Mezduna-
       rodnaja Zizn, Moskau Nr. 6/1988, S. 14.
       11) W.I. Lenin, Werke, Bd. 26, Berlin/DDR, S. 239f.
       12) Michail Gorbatschow,  Der Oktober  und die  Umgestaltung: Die
       Revolution wird  fortgesetzt, Neues  Deutschland, Berlin/DDR,  3.
       11. 1987, S. 6.
       13) W.I. Lenin, Werke, Bd. 22, S. 250.
       14) Siehe O.G.  Obickin, in:  Perestroika, Außenpolitik  und XIX.
       Parteikonferenz, a.a.O., S. 14/15.
       15) siehe ebenda.
       16) Thesen des  Zentralkomitees der  KPdSU zur XIX. Unionspartei-
       konferenz, a.a.O., S. 10.
       17) Gemeinsame Sicherheit  und friedliche  Koexistenz. Ein Report
       des IFSH und des IPW ..., a.a.O., S. 23.
       

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