Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       DAS NEUE DENKEN: DER INTERNATIONALE UND DER INNERE ASPEKT
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       Juri Krassin
       
       "Das neue  politische Denken" - dieser Begriff ist in den letzten
       Jahren fest  in den  Sprachgebrauch der  internationalen  Politik
       eingegangen. Er wird von Politikern, Diplomaten und Wissenschaft-
       lern häufig  verwendet. Dabei wird aber dieser Begriff bei weitem
       nicht einheitlich  und eindeutig  definiert. Einige fassen seinen
       Inhalt sehr  eng und  begrenzen den  Anwendungsbereich des  neuen
       Denkens nur  auf die   i n t e r n a t i o n a l e n   B e z i e-
       h u n g e n;   andere  dagegen  definieren  ihn  sehr  breit  und
       identifizieren ihn mit der  G e s a m t h e i t  der Analysen und
       Einschätzungen, die  der  gegenwärtigen,  sich  dynamisch  verän-
       dernden Welt entsprechen, und mit dem daraus resultierenden Neuen
       in der Politik.
       
       I
       
       Deutlich wird, daß dieses Thema einer tiefgehenden Erörterung be-
       darf. Die  in diesem  Artikel angestellten  Überlegungen beziehen
       sich auf  diejenigen Aspekte  des neuen  politischen Denkens, die
       mit den in der Sowjetunion stattfindenden Veränderungen verbunden
       sind und als "Perestroika" (Umgestaltung) bezeichnet werden.
       Das politische  Bewußtsein ist  ein untrennbarer  Bestandteil des
       gesellschaftlichen Bewußtseins, von dem es der ökonomischen Basis
       der Gesellschaft  am nächsten  steht. Es drückt die im System der
       Basisbeziehungen sich  herausbildenden Interessen von Klassen und
       sozialen Gruppen  in konzentrierter  Form aus. Das politische Be-
       wußtsein setzt diese Interessen in die Machtverhältnisse um, d.h.
       in das  Verhältnis von Klassen und gesellschaftlichen Kräften zur
       Aufteilung und  Ausübung der Staatsmacht, was den Grad des realen
       Einflusses jeder Klasse auf das gesellschaftliche Leben bestimmt.
       Das politische  Denken ist eine Funktion des politischen Bewußts-
       eins, die  in der  Erkenntnis der politischen Realitäten, der Be-
       stimmung von  Zielen und Mitteln der Politik und der Ausarbeitung
       einer Linie  des politischen  Handelns von  Klassen, Parteien und
       des Staates besteht. Es ist verständlich, daß das politische Den-
       ken, da es mit Klasseninteressen zu tun hat, einen Klassencharak-
       ter hat.  Hinter jeder  politischen Theorie und Auffassung stehen
       immer vollkommen  konkrete klassenmäßige  und  nationalstaatliche
       Interessen. Deshalb besteht das marxistische Grundprinzip des po-
       litischen Denkens  darin, herauszufinden,  welche konkreten Klas-
       seninteressen die  Politik der einen oder der anderen Partei oder
       des Staates bestimmen.
       Das Prinzip der klassenmäßigen Herangehensweise an das politische
       Denken behält seine Bedeutung auch heute. In diesem Bereich haben
       sich aber wesentliche Veränderungen vollzogen: sie wurden dadurch
       hervorgerufen, daß  die Menschheit  eine Stufe  ihrer Entwicklung
       erreicht hat, von deren Höhe die für alle Menschen gemeinsame Ge-
       fahr erkennbar  wurde. Das nuklearkosmische Zeitalter brachte die
       Gefahr des  Untergangs der Gattung Mensch mit sich. Daraus ergibt
       sich die  unbestreitbare Schlußfolgerung: Die Erhaltung der Zivi-
       lisation ist  eine notwendige Voraussetzung für die Lösung jegli-
       cher nationalen, staatlichen und klassenbezogenen Aufgabe. In der
       Politik entstand  das Bedürfnis, in allgemeinmenschlichen Katego-
       rien zu  denken, die  das allen Menschen gemeinsame Überlebensin-
       teresse ausdrücken.  Dieses  allgemeinmenschliche  Interesse  ist
       nicht weniger  real als diejenigen Klasseninteressen, die sich im
       System der Basisbeziehungen herausbilden.
       Ungeachtet der tiefen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern
       und Klassen sind allgemeine Interessen der Menschheit auch in be-
       zug auf  die anderen  globalen Probleme festzustellen. Nehmen wir
       z.B. das  Problem der  Ökologie. Die beschleunigte Zerstörung der
       Umwelt birgt, wie auch die nukleare Gefahr, das Risiko der Unter-
       grabung der Grundlagen menschlichen Daseins in sich.
       Das gleiche  kann man  zum Problem  der "dritten Welt" sagen. Die
       Diskrepanz zwischen den hochentwickelten und den Entwicklungslän-
       dern darf sich nicht endlos vergrößern. Die sich heute herausbil-
       dende Situation bedroht die gesamte Zivilisation mit krisenhaften
       Erschütterungen. Immer  deutlicher wird  das Bedürfnis nach einer
       neuen Weltwirtschaftsordnung,  nach der Reorganisation der inter-
       nationalen Wirtschaftsbeziehungen.  Und das  soll und  darf nicht
       erst in  der zukünftigen  klassenlosen Gesellschaft erreicht wer-
       den, sondern  schon heute, bei der Existenz von unterschiedlichen
       Gesellschaftssystemen und scharfen Klassenwidersprüchen.
       Die sich derzeit vollziehende wissenschaftlich-technische Revolu-
       tion ist  ihrem Charakter nach global. Sie ist eine Revolution im
       Bereich der Produktivkräfte der gesamten, wenn auch in gegensätz-
       liche Gesellschaftssysteme geteilten Weltgemeinschaft. In der Tä-
       tigkeit der  transnationalen Korporationen  findet, wenn  auch in
       einer einseitigen  und antagonistischen  Form, das  herangereifte
       Bedürfnis nach  einem weltweiten  Regulierungsmechanismus für die
       Produktivkräfte  seinen   Ausdruck.  Dies   betrifft  sowohl  die
       hochentwickelten kapitalistischen Länder als auch die sozialisti-
       schen und die Entwicklungsländer. Das Fehlen eines solchen Mecha-
       nismus führt  zu krisenhaften  Erscheinungen bei  der Entwicklung
       der gesamten  modernen Zivilisation.  Der  Ausweg  besteht  daher
       nicht in  der Abwendung  vom Industrialismus und der Rückkehr zur
       vorindustriellen Gesellschaft,  sondern in  der bewußten Regulie-
       rung der  internationalen politischen  und wirtschaftlichen  Ord-
       nung.
       Kurzum, alles  spricht dafür,  daß am  Ende des  20. Jahrhunderts
       eine in  vielen wechselseitigen  Abhängigkeiten  zusammengehörige
       und ganzheitliche  Welt real existiert. Vielfalt und Widersprüch-
       lichkeit dieser  Welt sind bei weitem nicht verschwunden und wer-
       den auch in der absehbaren Zukunft nicht verschwinden. Die gegen-
       einander  kämpfenden  Klassen  und  die  gegensätzlichen  Gesell-
       schaftssysteme sind geblieben, ebenso ihre besonderen Interessen,
       jedoch im Rahmen einer ganzheitlichen Zivilisation. Dies ist eine
       spezifische Veranschaulichung des Gesetzes der Dialektik über die
       Einheit der Gegensätze. Nationen, Staaten, Klassen sind Teile ei-
       ner Ganzheit  und entwickeln sich nicht in einer mechanischen Ge-
       geneinanderstellung, sondern  im Rahmen  einer  Weltgemeinschaft,
       die immer  mehr internationalisiert  wird und vor die imperativen
       Herausforderungen der  Zeit gestellt ist. Alle gesellschaftlichen
       Kräfte, auch  die gegensätzlichen,  sind gezwungen, bei der Suche
       nach Antworten auf diese Anforderungen zusammenzuwirken.
       Die widersprüchliche  Ganzheitlichkeit der Welt ist die Grundlage
       des neuen  politischen Denkens,  die die Priorität der allgemein-
       menschlichen Werte vor den klassenmäßigen und nationalstaatlichen
       Werten setzt.  Die Erkenntnis  dieser Priorität und ihre Aufnahme
       zum Grundprinzip  der Politik schafft die Möglichkeit für das Zu-
       sammenwirken von  gegensätzlichen gesellschaftlichen  Kräften bei
       der Lösung der unaufschiebbaren Probleme der Existenz der Zivili-
       sation. Dieses  Zusammenwirken wird  nicht durch  die  Absage  an
       klassenmäßige und  nationale Interessen  erreicht, sondern  durch
       Kompromisse, die es ermöglichen, den schwierigen Konsensus zu er-
       zielen.
       Das neue Denken ist durch die Logik der internationalen Beziehun-
       gen determiniert.  Es projiziert  sich aber  auch auf  die innere
       Entwicklung jedes  Landes, jedes  Staates, weil auch die interna-
       tionalen Beziehungen in dieser oder jener Form mit dem nationalen
       Bereich verbunden sind oder auf der nationalen Ebene reproduziert
       werden. So wird z.B. der dem Kapitalismus eigene Widerspruch zwi-
       schen der  Arbeit und dem Kapital durch die Internationalisierung
       der kapitalistischen Produktion beeinflußt, und die aktive Tätig-
       keit der  transnationalen Korporationen  trägt diesen Widerspruch
       über die nationalen Grenzen hinweg.
       Das neue  Denken  mit  seinen  allgemeinmenschlichen  Prioritäten
       durchdringt das  klassenmäßige und  das nationale  Bewußtsein. Es
       führt zu  komplizierten Fragen über das Verhältnis des Allgemein-
       menschlichen zum  Klassenmäßigen,  es  erfordert  eine  kritische
       Überprüfung der  traditionellen Stereotypen  des politischen  Be-
       wußtseins und des Verhaltens.
       Die Prinzipien  des neuen  Denkens sind  dem Marxismus  als einer
       Ideologie des realen Humanismus verwandt, die sich die humanisti-
       schen Ideale  der Epoche der Renaissance und der ersten bürgerli-
       chen Revolutionen  zu eigen gemacht hat. Marx und Engels begannen
       die Ausarbeitung  ihrer Theorie mit der Betrachtung des Menschen,
       der Ursachen  seiner Entfremdung. Ihre Arbeit führte sie aufklare
       Klassenpositionen. Durch  die Formulierung  des Mehrwertbegriffes
       haben die  Begründer des Marxismus das Geheimnis der kapitalisti-
       schen Ausbeutung  enthüllt und  die welthistorische Rolle der Ar-
       beiterklasse als  Befreierin der Gesellschaft von sozialer Unter-
       drückung begründet.
       Das Klassenmäßige und das Allgemeinmenschliche sind zwei untrenn-
       bar miteinander  verbundene Seiten  des Marxismus, der die Arbei-
       terklasse bekanntlich  auf die  Lösung der  allgemeinmenschlichen
       Aufgabe der  Befreiung der  gesamten Gesellschaft von den Fesseln
       der Ausbeutung orientiert.
       Das neue Denken ist aber mit dem Marxismus nicht vollkommen iden-
       tisch. Es  baut auf den gemeinsamen Interessen von verschiedenar-
       tigen sozialen  und politischen Kräften auf, die unterschiedliche
       und sogar  gegensätzliche ideologische Auffassungen haben können.
       Die wichtigste  Voraussetzung für seine Entfaltung besteht in der
       realistischen Einschätzung  der gegenwärtigen  einmaligen  Situa-
       tion, die  die antagonistischen  Klassen und  gegensätzlichen Ge-
       sellschaftssysteme vor  die Notwendigkeit  stellt,  gemeinsam  zu
       handeln, um zu überleben.
       Es ist  kennzeichnend, daß  die ersten  Keime des  neuen  Denkens
       nicht in  der Arbeiterbewegung,  sondern unter den Vertretern der
       humanistischen Intelligenz entstanden sind, die früher als andere
       die Gefahren des nuklearen Zeitalters erkannt haben.
       Der von  dogmatischen und  sektiererischen  Wucherungen  befreite
       Marxismus tritt infolge seiner humanistischen Natur als ein Kata-
       lysator des  neuen politischen Denkens auf, aber er unterwirft es
       sich keinesfalls.  Die allgemeinmenschlichen Grundlagen des neuen
       Denkens machen  es auch  für andere  ideologische Strömungen, die
       sehr weit  vom Marxismus  entfernt sind  oder ihm  sogar entgegen
       stehen, attraktiv. Das neue Denken ist eine offene Tür zum Dialog
       aller unterschiedlich  Denkenden, die aber die Ausarbeitung einer
       gemeinsamen Zielrichtung  für die  Herausführung der Zivilisation
       aus einer krisenhaften Situation anstreben, die aller Existenz in
       Frage stellt.
       
       II
       
       Das neue  Denken verändert die Vorstellungen über die internatio-
       nale Sicherheit.  Für die Gewährleistung einer stabilen Friedens-
       garantie ist es heute nicht mehr ausreichend, sich von den natio-
       nalstaatlichen Interessen  nur eines Landes oder einer Gruppe von
       Ländern leiten  zu lassen.  Man braucht  eine Kooperation und An-
       strengungen von  allen Staaten,  groß oder  klein, ohne Ausnahme,
       unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Ordnung.
       Die nationalstaatlichen Interessen hören nicht auf zu existieren,
       aber in Fragen der Sicherheit verliert es jeden Sinn, sie dem ge-
       meinsamen Interesse der Weltgemeinschaft gegenüberzustellen. Denn
       eine Verletzung  der Stabilität im System der internationalen Be-
       ziehungen - und sei es bei nur einem einzigen ihrer Kettenglieder
       - kann  heute zu  einer weltweiten Katastrophe führen, von der es
       für niemanden  eine Rettung  geben wird.  Es vollzieht  sich  ein
       Wechsel der  Paradigmen der Sicherheitspolitik. Früher bauten die
       nationalen Staaten  ihre Sicherheit auf der Sorge für ihre eigene
       Sicherheit und  die Sicherheit  ihrer Verbündeten auf. Die Festi-
       gung der  eigenen Sicherheit  heute regt  an, über die Sicherheit
       des potentiellen  Gegners im  gleichen Maße wie auch über die ei-
       gene nachzudenken.  Die Sicherheit  aller ist  heute zu einem ge-
       meinsamen Bündel geknotet.
       Der kategorische  Imperativ von  Kant: Behandle andere so, wie Du
       von ihnen  selbst behandelt  werden willst,  - gewinnt zum ersten
       Mal im  Bereich der  internationalen Beziehungen an realer Bedeu-
       tung. Die  Interessen der nationalen Sicherheit der USA erfordern
       von ihnen,  in gleichem  Maße die Sicherheitsinteressen der UdSSR
       zu berücksichtigen,  und umgekehrt:  die UdSSR ist, bei aller Ge-
       gensätzlichkeit der  Gesellschaftssysteme, an  der Sicherheit der
       USA interessiert. Eine Sicherheitsgarantie für die Länder Westeu-
       ropas ist  unmöglich, wenn  die Sicherheit  der Länder Osteuropas
       nicht gewährleistet ist, und umgekehrt.
       Die Menschheit wird nur dann überleben können, wenn sie es schaf-
       fen wird,  von einem  Sicherheitssystem, das in einer unstabilen,
       sich ständig  verändernden und  dadurch konfliktreichen  Welt auf
       dem Gleichgewicht  der Kräfte  aufgebaut ist, zu einem System der
       allgemeinen Sicherheit  überzugehen, das  auf dem Prinzip der Be-
       rücksichtigung und  der Würdigung der Sicherheitsinteressen aller
       Staaten basiert. Solch ein Übergang ist nicht lediglich ein guter
       Wunsch, ein  Appell an  die Prinzipien  der höheren Gerechtigkeit
       oder an  die demokratischen  Normen des Völkerrechts, sondern ein
       objektives Bedürfnis  der Weltentwicklung.  Dank eben  dieses Um-
       stands gewinnen  im Bereich der internationalen Politik die Moral
       und das Recht immer mehr an realer Bedeutung. Diese wurden früher
       nur für  die Rechtfertigung  und Verschleierung  von egoistischen
       nationalstaatlichen Interessen  verwendet. Sie  veränderten ihren
       Ausdruck jedes  Mal bei einer Wende in der nationalen Politik des
       einen oder des anderen Staates.
       Das traditionelle  System der internationalen Sicherheit basierte
       auf dem  Prinzip des  Anwachsens von  militärischer Gewalt.  Dies
       fand seinen Ausdruck in dem bekannten Aphorismus: Wenn du Frieden
       willst, bereite  dich auf  den Krieg  vor. Auch  heute noch  sind
       viele Politiker  nicht dazu  bereit, sich von der Politik der Ge-
       walt  abzuwenden,   und  legen   große   Hoffnungen   auf   deren
       "wundervollbringende" Möglichkeiten.  Das ist aber eine veraltete
       Politik, die  das Wettrüsten  anpeitscht, die  Spannung verstärkt
       und die  Gefahr einer  militärischen Konfrontation  zwischen  den
       Staaten vergrößert.
       Nicht leicht  verläuft der  Erkenntnisprozeß, daß  allgemeine Si-
       cherheit keine  Gewalt, sondern  mehr Vertrauen  braucht, um  das
       Streben nach  Absage an Konfrontation und an eine Politik der Ge-
       walt stimulieren  und durch erreichte Ergebnisse neue Impulse da-
       für erhalten  zu können.  Dieses Vertrauen erfordert, die Streit-
       kräfte von  Staaten bis  auf ein  solches Niveau der vernünftigen
       Effizienz zu  reduzieren, das ihre Anwendungsmöglichkeit für alle
       anderen Zwecke  als  für  die  Verteidigung  völlig  ausschließen
       würde. Das  kann man  nicht auf dem Wege des Wettrüstens, sondern
       nur durch  Abrüstung erreichen  - im Bereich der nuklearen Waffen
       ebenso wie  bei konventionellen  Rüstungen und Streitkräften. Die
       Vorschläge der  sozialistischen Staaten für diesen Bereich liegen
       schon seit langem auf dem Verhandlungstisch.
       Es entsteht  aber eine  prinzipielle Frage:  Ist denn  das Voran-
       schreiten auf  dem Wege der Abrüstung real möglich? Die Marxisten
       haben doch  ständig behauptet,  daß dem  Imperialismus aggressive
       Tendenzen eigen  sind. Auf dem Boden des kapitalistischen Systems
       erwächst doch  der Militärisch-industrielle  Komplex - die Haupt-
       quelle der Kriegsgefahr.
       Der Kapitalismus  existiert aber  nicht in einem sozialen Vakuum,
       sondern in  einem sich ständig internationalisierenden Umfeld der
       ganzheitlichen Welt.  Dieses Umfeld  beeinflußt  in  einem  immer
       stärkeren Maße  den Kapitalismus,  modifiziert die Wirkung seiner
       Entwicklungsgesetze, verändert ihre Erscheinungsformen. Dank des-
       sen können  die dem  Kapitalismus eigenen  aggressiven Tendenzen,
       wenn auch nicht völlig blockiert, so doch auf jeden Fall begrenzt
       und gezügelt werden.
       Der Imperialismus  bleibt auch heute seiner Natur nach aggressiv,
       was seinen Ausdruck in den ihm eigenen expansionistischen Bestre-
       bungen findet,  die ihn zur Einmischung in die inneren Angelegen-
       heiten anderer Länder bewegen. Die Klassenfeindschaft zum revolu-
       tionären Weltprozeß, zum Sozialismus, tritt bisweilen in den Ver-
       suchen, die  ideologischen Widersprüche  auf die zwischenstaatli-
       chen Beziehungen  zu übertragen,  in Aufrufen zu Kreuzzügen gegen
       die sozialistischen  Länder zum  Vorschein. In  der wechselseitig
       abhängigen menschlichen  Gemeinschaft gibt  es aber auch mächtige
       entgegenwirkende Faktoren.  Das ist die friedenschaffende Energie
       des Sozialismus,  die im Laufe seiner Erneuerung und der weiteren
       Entfaltung seiner  Potenzen immer mehr zunehmen wird. Immer akti-
       ver beteiligen  sich an  dem Kampf  für die Aufrechterhaltung des
       Friedens die Arbeiterklasse und ihre gewerkschaftlichen und poli-
       tischen Organisationen.  Es steigt die Autorität der Bewegung der
       nichtpaktgebundenen Staaten,  die zu  einem wichtigen  Faktor der
       internationalen Politik geworden ist, es wächst die Aktivität der
       Friedensbewegung. Das alles sind Merkmale tiefgreifender Verände-
       rungen in  der Stimmung  und im Bewußtsein der Weltöffentlichkeit
       zugunsten des  Friedens. Es  sind Elemente des anwachsenden Frie-
       denspotentials, das der aggressiven Politik des Imperialismus ge-
       genüber steht,  dem freien  Lauf der  militaristischen  Tendenzen
       entgegenwirkt und  den Kapitalismus  dazu zwingt, sich der Situa-
       tion anzupassen, zu manövrieren, auf Kompromisse und Vereinbarun-
       gen einzugehen.
       Auch die  Vertreter der  herrschenden Klassen in den kapitalisti-
       schen Ländern,  einschließlich der  Regierungskreise, spüren  den
       Einfluß des  sich in  der öffentlichen  Meinung  widerspiegelnden
       tiefgreifenden Prozesses,  die Gemeinsamkeit  des Schicksals  der
       Gattung Mensch im nuklearen Zeitalter zu erkennen, und können dem
       Einfluß des neuen politischen Denkens nicht ausweichen.
       Selbst die  aggressiven Kreise  der Monopolbourgeoisie  entbehren
       des Selbsterhaltungsgefühls  nicht, was  ihr politisches  Handeln
       beeinflußt. Sie  befinden sich  in einer  sehr widerspruchsvollen
       Lage. Einerseits  entspringt ihren Klasseninteressen eine aggres-
       sive Politik,  eine Gier nach hohen Rüstungsprofiten, ein Streben
       nach militärischem  Übergewicht über  die sozialistischen Länder,
       der Wunsch,  ihren Willen  den Völkern zu diktieren. Andererseits
       spüren die  Vertreter der militanten Bourgeoisie die in einem nu-
       klearen Krieg vorhandene tödliche Gefahr für den Kapitalismus und
       damit für die eigene Existenz. Das allgemeine Klima der Abneigung
       gegenüber dem  Militarismus in  der öffentlichen Meinung, die an-
       wachsenden Sympathien  gegenüber den  Friedensinitiativen der so-
       zialistischen Länder  beeinflussen daher  auch ihre  Politik. Der
       Widerspruch im Bewußtsein und im Verhalten der regierenden Kreise
       in den  kapitalistischen Ländern  erklärt ihre  Schwankungen zwi-
       schen einer  Politik der Gewalt und einer Politik der Verhandlun-
       gen, der  vernünftigen Kompromisse, die den Prinzipien eines kon-
       struktiven Zusammenwirkens von Gesellschaftssystemen entsprechen.
       Der sich  vertiefende Widerspruch in der Politik der Monopolbour-
       geoisie schafft  reale Möglichkeiten,  um auf sie mit den Mitteln
       der Volksdiplomatie von Seiten der Öffentlichkeit, der linken und
       aller demokratischen  Kräfte Druck auszuüben. Infolge dessen sind
       weitere Schritte  auf dem Wege der Abrüstung möglich. Davon zeugt
       auch das  sowjetisch-amerikanische Abkommen  über die Abschaffung
       von Raketen  der mittleren und der kürzeren Reichweite. Seine Re-
       alisierung ist ein präzedenzloser Vorgang, der vom Standpunkt der
       Gewaltpolitik undenkbar  wäre. Aber  dieser Schritt  wurde getan,
       weil die  Realitäten der  ganzheitlichen  und  widerspruchsvollen
       Welt den  Kapitalismus zwingen, sich aus eigenem Überlebenswillen
       der Atmosphäre  anzupassen, die  infolge des  unüberwindbaren Be-
       strebens der absoluten Mehrheit der Menschheit, den Untergang der
       Zivilisation nicht zuzulassen, entstanden ist.
       Das neue Denken stellt auch viele andere Probleme der internatio-
       nalen Politik auf eine neue Weise zur Diskussion.
       Heute betrachtet  man die regionalen Konflikte anders als früher.
       Ihrem Wesen  nach hören  sie auf, regional zu sein; sie betreffen
       die Lebensinteressen  der ganzen  Weltgemeinschaft, weil  sie  in
       sich die  Gefahr des  Hinüberwachsens in  einen globalen Konflikt
       enthalten. Unter  diesen Bedingungen  schaffen alle Versuche, re-
       gionale Konflikte mit Hilfe von Gewalt zu lösen, immer komplexere
       Bündel entgegengesetzer  Interessen, die  immer  schwieriger  und
       riskanter zu  lösen sind.  In der  wechselseitig abhängigen  Welt
       werden Gewaltmethoden für die Lösung der regionalen Konflikte im-
       mer perspektivloser.  Aus der Erkenntnis dieser Realität entstand
       der Gedanke der nationalen Versöhnung.
       Das neue  Denken ist  außerordentlich aktuell für die europäische
       Politik. Die heutige europäische Realität stellt sich als ein Ge-
       genüber von  zwei militärpolitischen  Blöcken dar. Das gewährlei-
       stet aber  keine wirkliche Sicherheit. Der Weg zur Sicherheit ist
       in der  Errichtung eines  gesamteuropäischen Hauses  möglich. Das
       setzt die Entwicklung eines Systems wirtschaftlicher, politischer
       und kultureller  Beziehungen zwischen  allen europäischen Ländern
       vom Atlantik  bis zum  Ural voraus. In diesem Vergleich der Viel-
       falt von Traditionen und Kulturen wird das neue politische Denken
       seine praktische Überprüfung erleben.
       Noch aktueller ist die Frage über die Anwendung des neuen Denkens
       für die  Lösung der Probleme der Entwicklungsländer. In der ganz-
       heitlichen Welt  kann man  das nur mit der Errichtung einer neuen
       Weltwirtschaftsordnung erreichen,  die diesen  Ländern eine freie
       Wahl des eigenen Weges der fortschrittlichen Entwicklung ermögli-
       chen und  die anwachsenden  Spannungen schwächen  wird. Die Suche
       nach Wegen  zur neuen Weltwirtschaftsordnung ist eng mit der Ent-
       militarisierung der  Welt und  mit der Abrüstung verbunden. Abrü-
       stung und Entwicklung sind ihrem Wesen nach zwei Seiten einer Me-
       daille.
       In der  gegenwärtigen Etappe  ist eine  reale Perspektive für die
       Zusammenarbeit aller  Staaten, ungeachtet der bestehenden politi-
       schen und  ideologischen Unterschiede,  erkennbar. Die  zur  Zeit
       stattfindende wissenschaftlichtechnische Revolution ist ein welt-
       weiter Prozeß,  sie wirkt  sich auf  alle Länder aus. Sie schafft
       das Bedürfnis  nach einer bewußten internationalen Kontrolle über
       die Entwicklung  der Produktivkräfte,  nach  internationaler  Ar-
       beitsteilung, nach  Vereinbarungen und Abkommen zwischen den Län-
       dern. Diesem  Geist der Zeit entspricht die allumfassende Konzep-
       tion der internationalen Sicherheit, deren Grundzüge in den Doku-
       menten des 27. Parteitages der KPdSU formuliert wurden.
       Die Ganzheitlichkeit  der Weltgemeinschaft erfordert eine stabile
       und bewußt regulierbare Welt, in der die komplizierten und wider-
       sprüchlichen Beziehungen  zwischen Staaten  mit unterschiedlicher
       Gesellschaftsordnung in einen zivilisierten Rahmen gestellt sind.
       Das entspräche  den Interessen  aller Länder,  den Interessen des
       menschlichen Fortschritts  insgesamt. Dafür  ist ein  Mechanismus
       zur Regelung  der internationalen  Beziehungen notwendig. Es han-
       delt sich dabei nicht um die Schaffung einer "Weltregierung", die
       unter den  Bedingungen einer  in Klassen gespalteten Gesellschaft
       irreal ist. Man muß aber nach Institutionen und Verfahren für die
       Abstimmung der  verschiedenen nationalen und staatlichen Interes-
       sen, für die Erzielung von vernünftigen Kompromissen, für die po-
       litische Regelung  von entstehenden  Widersprüchen und Konflikten
       suchen. "Das  ist unmöglich  in einer so widersprüchlichen Welt",
       sagen die Skeptiker. Unmöglich ist es aber nur vom Standpunkt des
       alten Denkens. Das neue Denken erschließt viel breitere Horizonte
       für die internationale Politik.
       
       III
       
       Wie kann  man vom  Standpunkt des  neuen Denkens die Perspektiven
       für eine revolutionäre Erneuerung der Welt einschätzen?
       Lange Zeit  war unter den Marxisten ein ziemlich einfaches Schema
       verbreitet, dessen Wesen in folgendem bestand: Die Große Soziali-
       stische Oktoberrevolution hat den Anfang der Epoche des Übergangs
       vom Kapitalismus  zum Sozialismus  gesetzt, einer  Epoche während
       der sich in der Weltarena zwei antagonistische Systeme gegenüber-
       stehen. Das  eine von  ihnen - der Kapitalismus - stellt die Ver-
       gangenheit, das  andere -  der Sozialismus - die Zukunft dar. Der
       Sozialismus ist  bestrebt, die  Beziehungen zwischen den Systemen
       auf eine  Basis der  friedlichen Koexistenz  zu stellen, die aber
       als eine  Form des  Klassenkampfes in  der internationalen  Arena
       auftritt. Der  Sozialismus wird  durch die  Erschließung der Mög-
       lichkeiten der neuen Gesellschaftsordnung seine Vorzüge gegenüber
       dem Kapitalismus  behaupten. Der Klassenkampf in den kapitalisti-
       schen Ländern  und die  nationale Befreiungsbewegung  werden  zum
       Ausscheiden immer neuer Länder aus dem kapitalistischen Lager und
       zu ihrem  Übergang in  das sozialistische Lager beitragen. In der
       überschaubaren Perspektive  wird dieser Prozeß mit dem weltweiten
       Sieg des Sozialismus enden.
       Dieses Schema  stellt sich  als zu vereinfacht heraus. Der Sozia-
       lismus hat  zwar auf  seinem Konto wirkliche Errungenschaften von
       welthistorischer Bedeutung  zu verzeichnen.  Es ist ein neuer Typ
       der Gesellschaft  geschaffen worden:  eine Gesellschaft ohne Aus-
       beutung, frei  von der  Macht des  Kapitals und von Arbeitslosig-
       keit, eine  Gesellschaft der sozialen Geborgenheit, dynamisch und
       fähig, wie  die heute  stattfindende Erneuerung  des  Sozialismus
       zeigt, adäquate Antworten auf die Anforderungen des wissenschaft-
       lich-technischen und des kulturellen Fortschritts zu finden.
       Gleichzeitig erwies sich aber der praktische Aufbau des Sozialis-
       mus als  viel komplizierter  und widersprüchlicher, als es früher
       theoretisch gesehen  wurde. Der  Aufbau  des  Sozialismus  begann
       nicht in den ökonomisch entwickeltsten Ländern, in denen die dazu
       notwendigen Voraussetzungen  maximal ausgereift waren, sondern an
       der Peripherie.  Vorhandene Defizite  an politischer  Kultur,  an
       wirtschaftlicher und  sozialer Entwicklung  verwandelten sich  in
       der Zeitperiode des Stalinismus in Verluste und Deformationen des
       Systems, führten zu Abbremsung und Stagnation.
       Dem Sozialismus  gelang es nicht, den Kapitalismus in solch wich-
       tigen Kennziffern wie der Effektivität der Produktion und der Ar-
       beitsproduktivität zu  überholen. Auf der Welle der wissenschaft-
       lich-technischen Revolution  erreichte der  Kapitalismus eine hö-
       here Windung  der gesellschaftlichen  Spirale. Dem  von ihm heute
       erreichten Entwicklungsniveau  entspräche ein Sozialismus mit ei-
       nem viel  höheren Reifegrad als derjenige, der in der Sowjetunion
       und anderen  Ländern aufgebaut ist. Der Weg zum Sozialismus sieht
       daher auch  für die  hochentwickelten kapitalistischen Länder an-
       ders aus, als er auf früheren Entwicklungsstufen beschritten wor-
       den ist.  Der Sozialismus wird sich vermutlich eher infolge einer
       allmählichen, vielleicht  durch mehrere Etappen verlaufenden Ver-
       drängung des  Kapitalismus durch immer tiefergreifende Demokrati-
       sierung der  sozialökonomischen und  der politischen Verhältnisse
       entwickeln.
       Auch der politische Weg der Entwicklungsländer ist von den inter-
       nationalen Veränderungen betroffen. Die Befreiungsrevolutionen in
       den Entwicklungsländern stießen nicht zuletzt auf Schwierigkeiten
       und kamen ins Stocken, weil sie es heute mit ökonomischen Proble-
       men zu  tun haben, die auf der nationalen Ebene unlösbar sind und
       eine Reorganisation der ganzen Weltordnung erfordern.
       Und das Wichtigste: Die "Trennung" vom Kapitalismus im Prozeß des
       Übergangs der menschlichen Gesellschaft zum Sozialismus beseitigt
       nicht die  historisch herausgebildete  Ganzheitlichkeit der  Welt
       mit ihren  allgemeinmenschlichen Werten und Problemen. Angesichts
       dieser noch  anwachsenden Probleme ist der Kampf zwischen den ge-
       gensätzlichen Gesellschaftssystemen  bei all  seiner  Wichtigkeit
       nicht der  bestimmende Faktor der Weltentwicklung. In den Vorder-
       grund tritt  die Notwendigkeit der Kooperation, von Anstrengungen
       der gesamten  Menschheit,  ungeachtet  der  existierenden  Unter-
       schiede, zur Lösung der krisenhaften Knotenpunkte in der Entwick-
       lung der industriellen Zivilisation, vor allem mit dem Ziel ihrer
       Entmilitarisierung. Die Auseinandersetzung der Systeme bleibt na-
       türlich präsent,  aber sie  findet im  Rahmen der internationalen
       Zusammenarbeit und durch diese statt.
       Der Übergang  zum Sozialismus  im globalen  Maßstab  stellt  sich
       heute als  eine ganze historische Epoche mit ihrem Charakter nach
       vielfältigen Umwandlungen dar. Sie treten als Elemente eines glo-
       balen Prozesses der revolutionären Erneuerung der Zivilisation in
       Erscheinung. Diese  erhält dabei  aber ihre  Ganzheitlichkeit und
       ihre Lebensgesetze als Weltgemeinschaft aufrecht. Bei der revolu-
       tionären Erneuerung der Zivilisation handelt es sich nicht um ein
       mechanisches Hinüberziehen  der Länder aus einem Gesellschaftssy-
       stem in  das andere,  sondern um einen wechselseitigen Prozeß, in
       dem sich  unterschiedliche Tendenzen  verflechten: die organische
       Überwindung des  Kapitalismus auf der von ihm selbst geschaffenen
       technologischen und  ökonomischen Basis,  die tiefe revolutionäre
       Umgestaltung des  Sozialismus in Übereinstimmung mit den Anforde-
       rungen der  gegenwärtigen Etappe der wissenschaftlich-technischen
       Revolution, das Zusammenwirken von zwei Gesellschaftssystemen bei
       der Lösung der globalen Probleme der Gegenwart und ihr Wettbewerb
       auf eine  längere Perspektive,  die schwierige Suche der Entwick-
       lungsländer nach  ihren  eigenen  Entwicklungswegen,  nach  ihrer
       Stellung in  der Weltgemeinschaft  und der gemeinsame Kampf aller
       revolutionären und demokratischen Kräfte für die Umgestaltung des
       Systems der  internationalen Wirtschaftsbeziehungen,  für die Er-
       richtung der  neuen Weltwirtschaftsordnung,  für die  Beseitigung
       der neokolonialen Abhängigkeit.
       Die soziale  Revolution im Lichte des neuen Denkens ist ein lang-
       fristiger historischer  Prozeß, der  - das  ist mit Sicherheit zu
       sagen -  weit über die Grenzen des 20. Jahrhunderts hinausreichen
       wird. Es  ist angebracht,  daran zu erinnern, daß die bürgerliche
       Revolution sich  im Laufe von einigen Jahrhunderten vollzog. Wel-
       che Gründe gibt es denn, damit zu rechnen, daß die sozialistische
       Revolution, die  die tiefgreifendste  Umwälzung am  Fundament des
       gesellschaftlichen Daseins und des gesellschaftlichen Bewußtseins
       der Menschheit  vollbringt und die das im Laufe von Jahrtausenden
       herausgebildete System  des Privateigentums  beseitigt, diese Um-
       wälzung in  einem relativ kurzen Zeitabschnitt, sagen wir, in ei-
       nem Jahrhundert schaffen wird?
       Das neue  politische Denken  hilft auch,  sich von  vereinfachten
       Vorstellungen über den revolutionären Weltprozeß zu befreien. Die
       soziale Revolution  unserer Zeit  verläuft über  eine ganze Reihe
       von Zyklen. Global gesehen, stellt sie einen komplizierten Prozeß
       der tiefen  Transformation und  grundlegenden Rekonstruktion  der
       menschlichen Zivilisation  auf den  Grundlagen der  Gerechtigkeit
       und des  Humanismus dar,  die in  den Prinzipien  des Sozialismus
       ausgedrückt sind.
       Die allgemeinmenschlichen Zielstellungen und der Umfang der durch
       diese Revolution  zu lösenden  Aufgaben führen  dazu, daß  in sie
       verschiedenartige gesellschaftlich-politische  Kräfte  einbezogen
       werden, von denen keine den Anspruch auf eine Monopolstellung er-
       heben kann. Das Spektrum ihrer Interessen und Bestrebungen ist so
       breit, daß  man ihre Wechselbeziehungen nicht auf den allgemeinen
       Nenner der  gewohnten Formel der Einheitsfront bringen kann. Eher
       handelt es sich um ein System von Bündnissen, Vereinbarungen, Ko-
       alitionen, gemeinsamen und parallelen Aktionen auf unterschiedli-
       chen Ebenen, das man als Zusammenwirken von selbständigen und au-
       tonomen Kräften  bezeichnen kann. Die Arbeiterklasse kann im Rah-
       men dieses Zusammenwirkens nur dann ihre führende Rolle erfüllen,
       wenn sie es schafft, den Horizont ihrer Klasseninteressen auf die
       Erkenntnis der  Priorität der  allgemeinmenschlichen  Interessen,
       der Interessen  am Überleben  der Gattung  Mensch,  an  der  Auf-
       rechterhaltung der  Voraussetzungen für den Fortschritt der Zivi-
       lisation zu erweitern.
       Unter dem  Blickwinkel des neuen Denkens werden auch die Vorstel-
       lungen über  das, was  revolutionär ist,  korrigiert. Es entsteht
       z.B. das Problem, in welchem Verhältnis dieser Begriff zur Kultur
       des Konsensus  steht, die dem neuen politischen Denken eigen ist.
       Die Idee  der gewaltlosen  Welt, die Initiativen zur Regelung der
       regionalen Konflikte  auf der Grundlage der nationalen Versöhnung
       stellen die Frage, ob ein zu enges und zu einseitiges Verständnis
       des Revolutionären  überwunden werden  muß. Vermutlich  müssen im
       nuklear-kosmischen Zeitalter die Formen der revolutionären Tätig-
       keit in  einzelnen Ländern  an die breiteren Aufgaben des Kampfes
       für die  Rekonstruktion der internationalen Wirklichkeit angepaßt
       werden, an der nicht nur die fortschrittlichen gesellschaftlichen
       Kräfte, sondern  auch in  unterschiedlichem Maße alle Klassen und
       sozialen Gruppen,  alle Länder  und Staaten  der Weltgemeinschaft
       interessiert sind.
       Scharfe Diskussion  ruft die  Frage nach  dem Verhältnis zwischen
       der Idee  einer gewaltfreien  Welt und der marxistischen Position
       zur Rolle  der revolutionären  Gewalt hervor. Dieses Thema bedarf
       einer selbständigen  Behandlung. Hier  sei nur angemerkt, daß die
       Idee der gewaltfreien Welt die zwischenstaatlichen Beziehungen im
       Rahmen der  Weltgemeinschaft betrifft. Sie bezieht sich nicht auf
       die Verhältnisse innerhalb der Staaten. In denjenigen Ländern, wo
       Ausbeutung, soziale und nationale Unterdrückung existieren, blei-
       ben auch  die Quellen  für die  Klassengewalt erhalten. Der Kampf
       gegen diese  Erscheinungen, darunter auch mit den Mitteln der re-
       volutionären Gewalt,  ist sowohl  moralisch  als  auch  politisch
       vollkommen gerechtfertigt.  Dabei ist  es selbstverständlich, daß
       das neue Denken zur Verantwortung bei der Wahl der Formen des re-
       volutionären Kampfes  unter Berücksichtigung der Gesamtheit aller
       Realitäten (nationaler,  regionaler, internationaler)  verpflich-
       tet. Man  kann sich vorstellen, daß in der Perspektive des histo-
       rischen Prozesses  der politische  Zwang, dessen  Grundlage nicht
       die physische Gewalt, sondern die objektive Logik der Entwicklung
       des  Kräfteverhältnisses  zugunsten  der  herangereiften  gesell-
       schaftlichen Veränderungen sein wird, immer mehr an Bedeutung ge-
       winnen wird.
       Das neue  Denken bedeutet  keinesfalls eine  ideologische Versöh-
       nung. Die  Wurzeln des ideologischen Kampfes, die in der Existenz
       der antagonistischen  Klassen  und  der  gegensätzlichen  Gesell-
       schaftssysteme liegen,  bleiben bestehen,  und dadurch  wird auch
       der Kampf  der Ideen, die unterschiedliche Klasseninteressen aus-
       drücken, bestimmt. Durch die Ganzheitlichkeit und die wechselsei-
       tige Abhängigkeit  der Welt wird die ideologische Auseinanderset-
       zung sogar  noch stärker  zugespitzt, weil die Intensität der in-
       ternationalen Beziehungen,  des Austauschs  von Menschen, Meinun-
       gen, Informationen sich noch vergrößert.
       Das neue  Denken setzt  aber eine  hohe Kultur  des ideologischen
       Streites voraus,  unter anderem  die Fähigkeit,  in die Logik des
       Opponenten einzudringen  und ihr überzeugende Argumente entgegen-
       zubringen. Wenn  der ideologische  Streit nur auf das "Feindbild"
       orientiert ist,  so erhält  er alle Merkmale des "psychologischen
       Krieges", appelliert  nicht an  den Verstand, sondern an die Emo-
       tionen, kultiviert  Feindschaft und Mißtrauen. Dem Fanatismus der
       ideologischen Intoleranz setzt das neue Denken die Kultur der To-
       leranz entgegen,  die keinesfalls dazu verpflichtet, sich mit dem
       Andersdenkenden in  allem einverstanden zu erklären, die aber dem
       Streit eine zivilisierte Form gibt.
       Im Kontext des neuen Denkens bekommt eine solche Form des ideolo-
       gischen Kampfes  wie der  Dialog eine besondere Bedeutung. Obwohl
       er eine  Auseinandersetzung zwischen  unterschiedlichen, manchmal
       vollkommen entgegengesetzten  Standpunkten  ist,  beinhaltet  der
       Dialog in sich auch eine konstruktive Suche nach Lösungen für ge-
       meinsame Probleme.
       
       IV
       
       Die Innenpolitik  ist organisch  mit der Außenpolitik verbunden -
       so sieht  die elementarste  Wahrheit der politischen Theorie aus.
       Daraus folgt, daß das neue Denken nicht nur im Bereich der inter-
       nationalen Beziehungen, sondern auch bei der Ausarbeitung der In-
       nenpolitik angewendet werden muß.
       Das ist  am Beispiel  der Umgestaltung und der Erneuerung des So-
       zialismus in  der Sowjetunion deutlich zu sehen. Die Umgestaltung
       braucht das  neue Denken,  weil es ermöglicht, die internationale
       Bedeutung der Umgestaltung auszuleuchten und dadurch ihren philo-
       sophisch-historischen Inhalt tiefer zu verstehen.
       Die Herausbildung  des Sozialismus  als Ausgangsphase einer neuen
       Formation, die den Kapitalismus ersetzen wird, ist untrennbar mit
       der Dynamik  der Weltgeschichte  und ihrer  historischen  Etappen
       verbunden. Das  Modell des Sozialismus, das in der UdSSR entstan-
       den ist,  war Ergebnis des Ausbruchs aus dem kapitalistischen Sy-
       stem im  Stadium des  frühmonopolistischen Kapitalismus am Anfang
       des 20.  Jahrhunderts. Es  scheint berechtigt zu sein, dieses Mo-
       dell als  "Frühsozialismus" zu bezeichnen. Es wurde aber verabso-
       lutiert, in den Werken von marxistischen Wissenschaftlern als das
       seinem Wesen nach einzig mögliche Muster für alle Länder erklärt.
       Die Jahre  des Stalinismus und der Stagnation haben dieses Modell
       nicht nur deformiert, sondern es auch in der Form versteifen las-
       sen, in der es sich zu Anfang der 30er Jahre herausgebildet hat.
       In der Zwischenzeit, in dem stürmischen Strom der internationalen
       gesellschaftlichen Entwicklung  unseres  revolutionären  Jahrhun-
       derts, erlebte  der Kapitalismus  wesentliche  Veränderungen.  Am
       Ende des  20. Jahrhunderts ist das schon nicht mehr der frühmono-
       polistische, sondern  der spätmonopolistische  Kapitalismus,  der
       unter dem  Einfluß der  Veränderungen in der Weltarena, der tief-
       greifenden Revolution  in der Entwicklung der Produktivkräfte der
       Gesellschaft, der Errungenschaften der demokratischen und der Ar-
       beiterbewegung in  den kapitalistischen Ländern qualitativ moder-
       nisiert wurde.  Das Modell  des Frühsozialismus  entspricht heute
       nicht mehr  den Bestrebungen der fortschrittlichen Kräfte und den
       Erwartungen der Massen in den Ländern des entwickelten Kapitalis-
       mus. Der  internationale Fortschritt  erfordert immer eindringli-
       cher ein  anderes Modell,  ein Modell des reifen Sozialismus, das
       dem von  der Menschheit erreichten Niveau der technologischen und
       der kulturellen Entwicklung entspricht.
       Unter den  heutigen Bedingungen,  da der Kapitalismus eine höhere
       Windung der  geschichtlichen Spirale erreicht hat, sind in seinem
       Inneren die  Voraussetzungen für einen Typ des Sozialismus ausge-
       reift, der  real noch  nicht existiert. Damit sind die Schwierig-
       keiten aller  fortschrittlichen gesellschaftlichen  Kräfte in den
       hochentwickelten kapitalistischen  Ländern, der  gesamten revolu-
       tionären Weltbewegung verbunden. Manchmal werden diese Schwierig-
       keiten als  die  "Krise"  des  Sozialismus,  der  sozialistischen
       Ideale dargestellt.  In der  Wirklichkeit aber ist das eine Krise
       der mechanistischen  Vorstellungen über  den Aufbau  und die Ent-
       wicklung des Sozialismus.
       Es wurde deutlich, daß der weltweite Prozeß des Übergangs zum So-
       zialismus dem linearen Schema, nach dem der real existierende So-
       zialismus immer und in allen Bereichen den höchsten Entwicklungs-
       punkt darstellt  und die kapitalistischen Länder, um den gleichen
       Stand zu  erreichen, durch  alle vom  Sozialismus  zurückgelegten
       Etappen gehen  müssen, nicht entspricht. Die hochentwickelten ka-
       pitalistischen Länder sind objektiv für einen Sozialismus höheren
       Niveaus, den die gegenwärtigen sozialistischen Länder noch zu er-
       reichen bestrebt sind, ausgereift. Von diesem Standpunkt aus wird
       auch die  internationale Bedeutung  der Umgestaltung in der UdSSR
       verständlich. Sie  ist dazu  berufen, den Übergang zu einem neuen
       qualitativen Zustand  der sozialistischen Gesellschaft zu gewähr-
       leisten. Der  welthistorische Inhalt  dieses Ziels, das die Sache
       des Großen  Oktober fortsetzt, besteht darin, ein Modell des rei-
       fen Sozialismus durch die Praxis bestätigen zu lassen, ein Modell
       also, das  den Anforderungen des gegenwärtigen gesellschaftlichen
       Fortschritts entspricht  und fähig  ist, für  die sozialistischen
       Kräfte in anderen Ländern attraktiv zu sein.
       Die Bewegung auf dieses Ziel hin kann nicht auf die Grenzen eines
       einzelnen Landes beschränkt werden. Es ist bekannt, daß Lenin den
       ganzheitlichen Sozialismus als ein Ergebnis der Erfahrungen aller
       Völker aus  ihrer praktischen  Suche und theoretischen Erkenntnis
       betrachtet hat.  Die begonnene  Erneuerung  des  Sozialismus  hat
       schon die  Mehrheit der sozialistischen Länder erfaßt. An dem Er-
       kundungsprozeß beteiligen  sich auch  die sozialistischen  Kräfte
       der kapitalistischen und der Entwicklungsländer, die sich an sol-
       chen Vorstellungen  über den Sozialismus und die zu ihm führenden
       Wege orientieren,  wie sie  aus den Bedingungen des spätmonopoli-
       stischen Kapitalismus folgen.
       Der Sozialismus  entstand im  Verlauf der Weltgeschichte als eine
       Fortsetzung und  eine Realisierung der von der Menschheit entwic-
       kelten humanistischen  Ideale. Diese  Ideale  sind  niemals  ver-
       schwunden, aber  sie wurden durch die Deformationen des Sozialis-
       mus zum  Teil vertuscht. Die Wiederherstellung des Leninschen So-
       zialismusbildes ist  die Wiederherstellung  des humanen Sozialis-
       mus, der  fähig ist, die besten Errungenschaften der menschlichen
       Kultur zu  absorbieren und ein großes Ziel für die Weltgeschichte
       zu setzen.
       Von den  Positionen des neuen Denkens aus entwickelt sich der So-
       zialismus in  einem Umfeld  der ganzheitlichen  Welt und nicht in
       einem Gegenüber  zur ganzen Welt. Er entwickelt sich nicht in der
       Auseinandersetzung, sondern  auch im Zusammenwirken mit dem kapi-
       talistischen System.  Die Erkenntnis  der ganzen Bedeutung dieses
       Zusammenwirkens wird  auch heute noch von den Wucherungen sektie-
       rerischer Vorstellungen aus der Stalinschen Periode behindert, in
       der die Gegenüberstellung des Kapitalismus und des Sozialismus in
       schwarz-weißen Farben  dargestellt wurde. Das führte zu einer un-
       nötigen Verneinung von allem, was in der kapitalistischen Gesell-
       schaft existierte.  Wenn zum  Beispiel der  Kapitalismus auf  den
       Ware-Geld-Beziehungen basiert, bedeutete das, daß es diese Bezie-
       hungen im  Sozialismus nicht geben darf. Wenn die bürgerliche De-
       mokratie formell ist, so ist demnach für den Sozialismus die Ein-
       haltung der  demokratischen Formen und Prozeduren nicht obligato-
       risch. Wenn  drüben der  Rechtsstaat existiert, so ist es bei uns
       folglich die  "revolutionäre Zweckmäßigkeit".  Zu welchen  tragi-
       schen Folgen  das alles  führte, ist  gut bekannt. Die Kybernetik
       wurde, da  sie in den kapitalistischen Ländern entstand, zu einer
       Lügenwissenschaft erklärt. Die These über den Verfall der bürger-
       lichen Kunst  führte zur  Isolierung der sowjetischen Kultur, zum
       Abbau von  Kontakten mit  der Weltkultur, zu Versuchen, die Kunst
       in das  Prokrustesbett der  administrativen  Reglementierung  des
       schöpferischen Prozesses  zu zwängen,  was ihre  lebendige  Seele
       aushöhlte.
       Das neue Denken orientiert, indem es die Ganzheitlichkeit der wi-
       derspruchsvollen Welt erklärt, auf die Erkenntnis der gemeinsamen
       Zivilisationsgrundlagen der  beiden  sozialökonomischen  Systeme,
       auf die  Existenz von gemeinsamen Problemen, die eine Kooperation
       der Anstrengungen  im  Interesse  jedes  einzelnen  Systems  und,
       hauptsächlich, im  Interesse der ganzen Menschheit erfordern. Die
       gesamte Entwicklungsgeschichte des Sozialismus bestätigt, daß für
       seine normale  Entfaltung die ständige Aneignung der höchsten Er-
       rungenschaften des menschlichen Gedankenguts lebensnotwendig ist,
       was das  Zusammenwirken und  die Zusammenarbeit mit den kapitali-
       stischen Ländern im Bereich der Wirtschaft, der Politik, der Kul-
       tur erfordert. Es genügt, auf das dringlichste Bedürfnis nach ei-
       ner solchen  Zusammenarbeit zur Meisterung der modernen Technolo-
       gie durch die sozialistischen Länder hinzuweisen.
       Das Zusammenwirken  und die  Zusammenarbeit beseitigen  aber  die
       Auseinandersetzung, den  Wettstreit zwischen  dem Sozialismus und
       dem Kapitalismus  nicht. Das ist jedoch kein Gegenüber von feind-
       lichen Lagern,  sondern ein Wettbewerb bei der Suche und der Aus-
       arbeitung von  effektiveren Formen des sozialen Fortschritts, die
       den Interessen der Gesellschaft und des Menschen entsprechen. Die
       Überzeugung der  Marxisten von  den Vorzügen  der sozialistischen
       Formen der  Organisation der Gesellschaft soll nicht als ein Hin-
       dernis, sondern als ein Stimulans zu einer breiten und intensiven
       Zusammenarbeit der beiden Systeme dienen, weil sich nur im Rahmen
       einer solchen Zusammenarbeit der Wert der vorgeschlagenen prakti-
       schen Lösungen vergleichen läßt.
       Die Umgestaltung fördert, indem sie das neue Denken braucht, auch
       selbst seine  weitere Entwicklung.  Die schöpferischen  Ziele der
       Umgestaltung, das  Ausmaß der  schöpferischen Arbeit  bei der Er-
       neuerung des Sozialismus, die in der UdSSR begonnen wurde, bedür-
       fen eines  stabilen Friedens  und einer Neuverteilung der Mittel,
       die durch  das Wettrüsten verschlungen werden, für friedliche In-
       vestitionen, für  neue Technologien,  für die Erweiterung des so-
       zialen Bereichs, für die Erhöhung des Wohlstandes und des Kultur-
       niveaus der  Gesellschaft. Ein Land, das sich mit der friedlichen
       schöpferischen Arbeit  beschäftigt, kann  nicht  als  Quelle  von
       Feindschaft und  Entfremdung gegenüber anderen Ländern auftreten.
       Umgekehrt, es  braucht eine  Kommunikation, eine  Zusammenarbeit,
       die Erforschung  von Erfahrungen  anderer Länder, einen Austausch
       von materiellen  und geistigen Werten. Der Sozialismus, so wie er
       infolge der Umgestaltung aussehen soll, wird keine autokratische,
       in sich  selbst eingeschlossene  Gesellschaft sein,  sondern eine
       offene Gesellschaft, die organisch an dem Leben der Weltzivilisa-
       tion in ihrer ganzen reichhaltigen Vielfalt beteiligt sein wird.
       Die Verbindung  der Umgestaltung  mit dem  neuen Denken  hat auch
       eine tiefere Grundlage. Im Mittelpunkt der Umgestaltung steht der
       Mensch mit  seinen Bedürfnissen und seinem Bestreben. Die Erneue-
       rung des  Sozialismus ist  auf die  Schaffung solcher Bedingungen
       für die  allseitige Entwicklung  des Menschen als Subjekt der ge-
       sellschaftlichen Veränderungen, als eines Bürgers, der alle demo-
       kratischen Rechte  und Freiheiten  genießt, orientiert. Die Umge-
       staltung stellt  diejenigen humanistischen  Werte in  den Vorder-
       grund, die  das neue Denken inspirieren und es zu einem notwendi-
       gen Bestandteil  des gesellschaftlichen  Bewußtseins der modernen
       Menschheit machen.
       Die Umgestaltung des Sozialismus im Zeichen des neuen politischen
       Denkens verbindet  das sozialistische  Ideal mit  dem  allgemein-
       menschlichen Inhalt,  der ständig  durch die  Erfahrungen und die
       Suche aller Länder unserer einheitlichen und doch so widersprüch-
       lichen Zivilisation bereichert wird.
       Das neue  Denken bekommt  eine immer größere Verbreitung. Es wird
       von den  Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Überzeugun-
       gen aufgenommen. Das erweckt die Hoffnung, daß die Menschheit den
       Herausforderungen der  Zeit würdig  begegnen wird,  die  von  ihr
       Weisheit und  Verantwortung bei  der Wahl  von Lösungen  für  die
       herangereiften Probleme erfordern.
       

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