Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       "DIE WISSENSCHAFT ALS DIENERIN DES KRIEGES" 1)
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       Rainer Rilling
       
       1. Das  klassische Muster  der militärischen  Forschung -  2. Die
       Nachkriegsentwicklung -  3. Die Funktionen der militärischen For-
       schung -  4. Was ist militärische Forschung? - 4.1 Definitionen -
       4.2. Die  Entdifferenzierungsthese: ein  Plädoyer für  Verantwor-
       tungslosigkeit - 5. Zur Charakterisierung militärischer Forschung
       - 6.  "Pseudozivile" Forschung  - 7. Welche Konvergenz gibt es? -
       8. Forschungspolitiken
       
       1. Das klassische Muster der militärischen Forschung
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       Militär- und rüstungspolitische Ziele haben immer eine Schlüssel-
       rolle für  die Entwicklung  der  Wissenschaft  gespielt.  Wissen-
       schaftsgeschichte war immer auch - ja zuweilen sogar vor allem! -
       Militärgeschichte. Die  akademische Disziplin "Militärgeschichte"
       hat geradezu  mit Akribie  die Beiträge der Wissenschaft zum Auf-
       blühen des Militärwesens ausgebreitet, wogegen die Wissenschafts-
       geschichte bis in die achtziger Jahre hinein die Beiträge des Mi-
       litärs als Finanzier, Problemsteller und Abnehmer für das Aufblü-
       hen der Wissenschaft fast völlig ignorierte. 2) Wer daher den Be-
       ginn der Verbindung von Wissenschaft und Krieg auf die Entstehung
       der militärischen  Atomforschung im  Amerika der  40er Jahre  da-
       tiert, sieht  davon ab,  daß die  Herausbildung des  Unternehmens
       Wissenschaft -  erst recht  in seiner  bürgerlichen Gestalt - von
       Beginn an  genuin mit  einer militärischen  Komponente  verknüpft
       war, deren Natur und Rolle sich allerdings im Zeitablauf qualita-
       tiv gewandelt hat. Die Militarisierung der Wissenschaft war immer
       wieder gleichsam   K a t a l y s a t o r,   sie  war eine  z e n-
       t r a l e,  z e i t w e i s e  s o g a r  d o m i n i e r e n d e
       E n t w i c k l u n g s f o r m   der  großen  Prozesse  eingrei-
       fender Strukturveränderungen  der Wissenschaft  seit dem Ende des
       19. Jahrhunderts  gewesen: der  Politisierung, der Ökonomisierung
       (bzw. Kapitalisierung), der Industrialisierung und der Vergesell-
       schaftung der  Wissenschaft.  Auch  wenn  daher  etwa  der  erste
       Weltkrieg noch  ein durch  die zeitgenössische  Wissenschaft  und
       Technik relativ  wenig beeinflußter   P r o d u k t i o n s krieg
       war, so  stützte sich doch die Wissenschaftspolitik des Wilhelmi-
       nischen  Deutschlands   ganz  wesentlich  auf  das  Militär.  Das
       deutsche Reich  hat zwischen  1870 und  1914 nie  weniger als ein
       Fünftel,  zeitweise   aber  sogar  zwei  Drittel  seiner  Wissen-
       schaftsausgaben in  den militärischen  Bereich gelenkt.  In  rund
       einem Viertel  der über  100 Forschungseinrichtungen,  die damals
       vom Staat finanziert wurden (darunter vor allem die Einrichtungen
       der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft)  fand  Rüstungsforschung  statt.
       Dieser Anteil  ist in   D e u t s c h l a n d   mit  Ausnahme der
       Anfangsperiode der  Weimarer Republik  nicht mehr  unterschritten
       worden. 3)  Ähnliches gilt  für   E n g l a n d,  wie Bernais für
       die  unmittelbare  Vorkriegszeit  geltender  Hinweis  zeigt,  daß
       "mindestens ein Drittel, wenn nicht die Hälfte der Gelder, die in
       Großbritannien für wissenschaftliche Forschung ausgegeben werden,
       direkt oder  indirekt auf  die militärische  Forschung entfallen"
       4). Die  dramatische Tiefe  und Geschwindigkeit  der   a m e r i-
       k a n i s c h e n   Entwicklung seit  1940/41 hat  daher auch mit
       der atypisch  geringen Rolle  zu tun, die der militärische Faktor
       in der amerikanischen Wissenschaft bis dato spielte.
       Innerhalb weniger  Jahre entstand nun ein  n e u e s  M u s t e r
       d e r   R e g u l i e r u n g   u n d   V e r t e i l u n g   der
       Wissenschaftsressourcen, in  dem militärische  Einrichtungen  die
       führende Rolle  spielten. Dieses  Muster breitete  sich nach 1945
       über das  internationale Wissenschaftssystem  aus und  blieb über
       Jahrzehnte stabil.  Das Bild  der Wissenschaft, ihre Struktur und
       Funktion veränderte  sich. Die  Kriegsforschung wurde zum Big Bu-
       siness, zur  Wachstumsindustrie, deren Produkt, der unaufhörliche
       Strom der Ideen und Vorschläge zur Perfektionierung der Technolo-
       gien des  Krieges die Welt zu einem weit gefährlicheren Platz ge-
       macht hat, als sie es einst war.
       Was waren die Hauptelemente dieses Musters?
       * Als  p o l i t i s i e r t e  Wissenschaft wurde sie weitgehend
       auf militärische  Ziele ausgerichtet.  Innerhalb eines Jahrfünfts
       stiegen die  Ausgaben für  militärische Forschung und Entwicklung
       (FuE) auf das mehr als 70fache, mehr als die Hälfte dieser Ausga-
       ben galten  der Entwicklung der Atombombe. 5) Am Ende des Krieges
       waren 90%  der akademischen  Community der USA für die Kriegsfor-
       schung mobilisiert. 6)
       * Diese Tendenz zum ununterbrochenen  A n s t i e g  der Ausgaben
       für Rüstungsforschung hält seitdem - nunmehr über vier Jahrzehnte
       hin - an, sieht man von geringfügigen Stagnationstendenzen unmit-
       telbar nach Kriegsende sowie Anfang der 60er bzw. 70er Jahre ab.
       * Es entstanden  auf   z e n t r a l s t a a t l i c h e r  Ebene
       einflußreiche militärische  Einrichtungen zur Wissenschaftssteue-
       rung und -regulierung.
       * Die Rolle der staatlichen  G e h e i m forschung,  die zunächst
       noch auf  das faschistische  Deutschland beschränkt  war,  dehnte
       sich vor  und während des Zweiten Weltkrieges rasch aus. Seit dem
       Beginn des  Kalten Krieges  "hat die Geheimniskrämerei ihren Ein-
       fluß weit  über das  Gebiet der militärischen Wissenschaft hinaus
       ausgedehnt" 7).  Ganz entgegen  der nach Kriegsende restaurierten
       liberalakademischen Wissenschaftsideologie des Internationalismus
       und der  Wissenschaftsfreiheit blieb  die Geheimhaltung nicht nur
       in den  Wissenschaftssystemen der sozialistischen Länder, sondern
       auch in vitalen Teilen der westlich-kapitalistischen Wissenschaft
       ein wesentliches Strukturmerkmal. 8)
       * Das Manhatten  District Project  beschäftigte zeitweise  bis zu
       125 000 Personen  und gilt  als Geburtsstunde der  h o c h v e r-
       g e s e l l s c h a f t e t e n   G r o ß-  u n d  P r o j e k t-
       f o r s c h u n g,     i n    d e r    z i e l g e r i c h t e t,
       z e n t r a l  f i n a n z i e r t  u n d  g e s t e u e r t  i n
       g r o ß e m   M a ß s t a b   p r i v a t   u n d    ö f f e n t-
       l i c h      o r g a n i s i e r t e      F u E - P r o z e s s e
       ü b e r   a l l e   F o r s c h u n g s s t u f e n   h i n w e g
       z u s a m m e n g e s c h l o s s e n  w u r d e n.
       * Parallel  dazu   entstand  mit   der     K o n t r a k t f o r-
       s c h u n g  ein neues Instrument der Wissenschaftssteuerung; mit
       der traditionellen  Praxis  des  Militärs,  Rüstungsforschung  in
       staatlichen Laboratorien durchzuführen, wurde gebrochen.
       * Auch folgte  die Verteilung  der Aufträge nicht mehr dem herge-
       brachten  Muster     d e z e n t r a l e r     g e o g r a p h i-
       s c h e r   Ausgewogenheit: die  Aufträge konzentrierten sich auf
       knapp zwei  Dutzend Hochschulen und eine Handvoll großindustriel-
       ler  Kontraktoren.  In  dieser  Konzentration  des  militärischen
       Forschungspotentials reflektierte  sich zugleich eine  P r i v a-
       t i s i e r u n g,   die bis in die Gegenwart anhält: in den USA,
       England, Frankreich  und in  der BRD,  die zusammen mit der UdSSR
       und der  VR China  heute über  90% der  Ressourcen  militärischer
       Forschung verausgaben,  gehen vier  von fünf  Dollars, die  dafür
       ausgegeben werden,  in die private Industrie sowie in privat oder
       halbstaatlich organisierte Labors.
       * Durch die  kriegsbedingte Expansion der staatlichen Forschungs-
       programme tritt  erstmals seit der Jahrhundertwende wieder massiv
       s t a a t l i c h e s   neben das  private Forschungskapital. Die
       L e g i t i m a t i o n   und  B e w e r t u n g  der Forschungs-
       arbeit in  diesem Bereich  geschieht  n i c h t  p r i m ä r  da-
       nach, ob  sie privaten   G e w i n n   erbringt  und sich    e x-
       t e r n   auf dem   M a r k t  bewährt. Ebensowenig geschieht sie
       durch die  i n t e r n e  Bewertung als  "w a h r"  oder  "n e u"
       der   S c i e n t i f i c  C o m m u n i t y.  Vielmehr vollzieht
       sie sich nach Maßgabe interessengeleiteter  p o l i t i s c h e r
       Zielsetzungen, Nützlichkeit und Opportunität.
       
       2. Die Nachkriegsentwicklung
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       Dieses Muster,  das vor  einem halben Jahrhundert entstanden ist,
       existiert noch heute.
       Während der  unmittelbaren Nachkriegsphase  dehnten solche Länder
       ihre militärische  Forschung aus, die bereits während des zweiten
       Weltkrieges ein  entsprechendes Potential  aufgebaut hatten (USA,
       UdSSR, England, Kanada, Schweden). Mit der Nuklearforschung und -
       in den  späten 50er  Jahren -  der Weltraumforschung entsteht ein
       mächtiger Sektor  q u a s i z i v i l e r  9) Forschung, der sich
       ausgehend von  den USA  rasch auf  andere westliche  Staaten aus-
       dehnt. In  einer zweiten Expansionswelle seit Ende der 50er Jahre
       gelangen Frankreich,  die VR  China und zunehmend auch die BRD in
       die Führungsgruppe  der militärische Forschung treibenden Länder.
       Einige wenige  Entwicklungsländer wie Indien beginnen, dieses Mu-
       ster zu adaptieren.
       Bis Mitte  der 60er  Jahre dominiert  die militärische  Forschung
       weltweit  die   Wissenschaftspolitik.    D a n n    f ä c h e r t
       s i c h   d a s   S p e k t r u m    f o r s c h u n g s p o l i-
       t i s c h e r   S t a a t s i n t e r v e n t i o n   a u f.  Die
       Förderung   i n f r a s t r u k t u r e l l e r   und  z i v i l-
       i n d u s t r i e l l e r   Bereiche  tritt  an  die  Spitze  der
       Forschungsprioritäten. Diese  vor allem  in der  BRD  ausgeprägte
       Prioritätenverschiebung dauert  knapp ein  Jahrzehnt. Sie wird in
       den USA  durch den  Vietnamkrieg abgeschwächt  bzw. zeitlich ver-
       schoben und  damit zugleich  abgekürzt, denn schon Mitte der 70er
       Jahre (1974/1977) setzt der Übergang in eine dritte Entwicklungs-
       phase ein, die wiederum gut ein Jahrzehnt dauert.
       Erneut kommt  es mit hoher Dynamik und zu Lasten der sozialstaat-
       lich und  zivilindustriell orientierten Forschung zu einer Umver-
       teilung der Forschungsressourcen zugunsten der militärischen For-
       schung. Im  Ergebnis ist  in den USA und in England die Rüstungs-
       forschung zum  (noch stärker)  dominierenden Sektor geworden, 10)
       Frankreich und  - mit  Abstand und  Verzögerung -  die BRD folgen
       dieser Tendenz.  Die internationale  Rüstungs- und Wissenschafts-
       statistik notiert  übereinstimmend, daß seit Mitte der 70er Jahre
       der Anteil der militärischen Forschung an den Bundesausgaben fast
       aller Länder der OECD bzw. der EG zum Teil beträchtlich gewachsen
       ist. 11)  Unter den  22 Ländern,  zu denen  für die letzte Dekade
       recht zuverlässige Daten vorliegen und welche im wesentlichen die
       militärische Forschung in den westlichen Ländern auf sich konzen-
       trieren, haben  nur drei  Länder  (Australien,  Belgien  und  die
       Schweiz) ihre Ausgaben nicht gesteigert. Die Rüstungsforschung in
       der UdSSR,  der VR China und Dritten Welt (z.B. Brasilien und Pa-
       kistan) expandiert gleichfalls. Freilich ist es gegenwärtig nicht
       möglich, präzise  Angaben zum  globalen Umfang  der  Rüstungsfor-
       schung zu  treffen. Weder  die Sowjetunion noch die Volksrepublik
       China -  die weltweit zu den sechs wichtigsten Geldgebern gehören
       - publizieren  irgendwelche Daten;  die Budgetangaben der anderen
       Staaten sind fast immer zu niedrig angesetzt. Schätzungen der UNO
       12) und  des SIPRI 13) gehen von ca. 25% der Weltausgaben für FuE
       aus. Berücksichtigt  man, daß  diese  Studien  privatindustrielle
       Mittel 14)  und die  in anderen  Budgets etatisierten  Mittel nur
       teilweise 15)  miteinbeziehen, dann  läßt sich  schätzen, daß die
       W e l t a u s g a b e n   für militärische Forschung und Entwick-
       lung   1 9 8 8   bei  1 4 0 - 1 6 0  M r d.  $  (35-40% der Welt-
       ausgaben für  Forschung und Entwicklung) liegen und daß über eine
       M i l l i o n  Wissenschaftler und Ingenieure in der Rüstungsfor-
       schung arbeiten.
       D a s  i s t  d a s  "M a ß  d a f ü r ,  w a s  d e r  K r i e g
       d i e   W i s s e n s c h a f t   b e r e i t s   i n    F r i e-
       d e n s z e i t e n  k o s t e t"  16).
       
       3. Die Funktionen der militärischen Forschung
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       Fragt man  nach den  Perioden der  militärischen Wissenschaftsge-
       schichte der  Nachkriegszeit, dann  wird man  den Blick  über die
       b l o ß   f i s k a l i s c h e   Dimension  hinaus  auf  weitere
       m i l i t ä r i s c h e,   w i r t s c h a f t s-   und    w i s-
       s e n s c h a f t s p o l i t i s c h e    Zielsetzungen  richten
       müssen,  welche  in  die  Gestaltung  der  militärischen  Wissen-
       schaftspolitik  eingehen   und  sie  in  unterschiedlicher  Weise
       prägen.
       Die militärische Wissenschaftsgeschichte ist durch die - durchaus
       ungleichmäßige -  Ausbildung verschiedener  Funktionen eines sich
       sukzessiv komplettierenden Forschungssystems charakterisiert, das
       Eigengewicht und  Eigendetermination und  damit zunehmende  Uner-
       setzbarkeit erhält.
       Neben der  Verwirklichung übergeordneter allgemeiner militär- und
       sicherheitspolitischer Zielsetzungen waren die westlichen Staaten
       t e c h n o l o g i e p o l i t i s c h   bestrebt,  das  während
       des 2.  Weltkriegs in  den USA  entstandene militärtechnologische
       Paradigma zu  adaptieren und  auf dieser Grundlage eine zunehmend
       autonome Technologiepolitik  zu entwickeln,  welche die  Existenz
       eines zumeist über den privaten Rüstungsexport abgesicherten grö-
       ßeren Marktes voraussetzt.
       Rüstungsforschungspolitik ist zugleich auch immer als Bestandteil
       a l l g e m e i n e r        W i s s e n s c h a f t s f ö r d e-
       r u n g   aufgefaßt worden;  militärische Staatsapparate  und Rü-
       stungsunternehmen hatten  eine wissenschaftspolitische  Führungs-
       funktion, die zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland erst
       in der  zweiten Hälfte  der 60er Jahre verlorenging, als die Auf-
       lage neuer  großer ziviler Forschungsprogramme des Bundes einher-
       ging mit  dem Aufbau  des Bundesministeriums  für  Forschung  und
       Technologie als neuem, auf zivile und quasizivile Technologieent-
       wicklung orientiertem  Staatsapparat. Bis dahin hatte das Vertei-
       digungs-ministerium die  Gestaltung ziviler Programme beeinflußt,
       die Anfangs-  und Grundfinanzierung von Großforschungseinrichtun-
       gen ermöglicht  und die Entwicklung einzelner Disziplinen wie der
       Informatik oder der Luftfahrtforschung stark geprägt.
       Wo, wie in den USA oder England, die Rüstungsforschung dominiert,
       sind auch  keine auf nationaler Ebene mit den militärischen Appa-
       raten konkurrierende  zivile wissenschaftssteuernde Einrichtungen
       (zivile Wissenschafts- oder Forschungsministerien) aufgebaut wor-
       den. Während  sich das   b e s o n d e r e  wirtschaftspolitische
       Ziel der  Förderung einzelner   B r a n c h e n  (etwa: Luft- und
       Raumfahrtindustrie, Werftenindustrie,  Munitions- und Waffenindu-
       strie) seit jeher im Funktionsmuster der Militärforschungspolitik
       aller entwickelten  westlichen Staaten  vorfindet, kann  offenbar
       nur eine  das nationale  Produktivkraftsystem weitgehend dominie-
       rende, mächtige  Rüstungsforschung sich  das  a l l g e m e i n e
       i n d u s t r i e p o l i t i s c h e  Ziel zu eigen machen, über
       die ziviltechnologische  Sekundärnutzung der  Rüstungstechnologie
       ("spin-off") die  allgemeine Produktivität der Volkswirtschaft zu
       steigern und  damit zum  strategischen Leitsektor der gesamtwirt-
       schaftlichen Entwicklung  zu avancieren, wie dies in den USA spä-
       testens seit Anfang der 50er Jahre der Fall war. 17)
       Die Übernahme  der Rolle  des "Weltpolizisten"  (Kissinger)  nach
       1945 reflektierte den Aufstieg der USA zur ökonomischen Hegemoni-
       almacht und gab dem militärischen Faktor jene Schlüsselrolle, aus
       der dann die Kontinuierung eines kriegswirtschaftlich mobilisier-
       ten Wissenschaftssystems  in die "Friedenswirtschaft" des Kaltens
       Krieges entsprang,  das noch  in den  40er Jahren über den Aufbau
       der quasizivilen Nuklear Forschung, ein Jahrzehnt später über das
       Programm der bemannten Raumfahrt zusätzlich expandierte.
       Rüstung, Atom  und Weltraum  - um diese Triade dreht sich seitdem
       die vom  amerikanischen Entwicklungsmuster  geprägte globale For-
       schungspolitik, auch  wenn das Gewicht der einzelnen Bestandteile
       dieser Triade  in den  einzelnen westlichen Staaten variiert. Die
       Entwicklungschancen dieses  Musters  sind  jedoch  schlecht.  Die
       Atom- und  Raumfahrtpolitik der  USA geriet Anfang der 70er Jahre
       in eine  politische Krise, die sich im ersten Falle als ausweglos
       erweisen sollte,  im zweiten  Falle nur durch die erneute Ausprä-
       gung der  militärischen Komponente  (SDI)  zeitweilig  abgefedert
       werden konnte. Soweit sie wirtschaftspolitisch motiviert war, re-
       flektiert die  massive Remilitarisierung  der amerikanischen For-
       schungspolitik seit  Mitte der  70er Jahre, (die in einen Anstieg
       des Anteils  der Bundesausgaben  für militärische  Forschung  und
       Entwicklung am  Bundesbudget Forschung  von rund 50% auf etwa 70%
       in der  ersten Hälfte  der 80er  Jahre einmündete) nicht mehr den
       Aufstieg der  USA zum ökonomischen Hegemon, sondern gerade im Ge-
       genteil eine  Neuverteilung ökonomischer  Macht, ein  "America in
       Decline", das versucht, auf die zunehmend suboptimalen 18) Ergeb-
       nisse eines  militarisierten Entwicklungsmusters  nicht durch den
       Übergang zu  einem anderen,  produktiveren, zivilindustriell oder
       technologisch angelegten  Muster zu  reagieren, sondern durch die
       Implementierung dieses  - von  ihm immer  noch  kontrollierten  -
       stark rüstungsindustriell geprägten Modells in anderen konkurrie-
       renden Staaten  (Japan, Westeuropa), um diese auf ein von den USA
       dominiertes Feld  zu zwingen.  Die Internationalisierung des SDI-
       Programms ist dafür ein Beispiel.
       Tatsächlich haben sich seit Ende der 70er Jahre die Fixpunkte der
       Forschungsförderung beträchtlich  in Richtung  auf  Militär-  und
       Weltraumforschung verschoben:  Japan verdreifachte,  die BRD ver-
       doppelte  ihre   Ausgaben  für   Rüstungsforschung;  19)   Japan,
       Frankreich, England  und die  BRD investieren seit Mitte der 80er
       Jahre massiv  in den  Aufbau einer bemannten Raumfahrt - zum Teil
       auf der  Basis quasiziviler  Technologien, welche  die USA in den
       60ern entwickelte.  Im Ergebnis des letzten weltweiten Wachstums-
       zyklus der  Rüstungsforschung seit Mitte der 70er Jahre haben da-
       her im globalen Maßstab konkurrierende, d.h. auf zivilindustriell
       angelegte Kapitalakkumulation (BRD, Japan) bzw. Hochtechnikorien-
       tierung (Japan)  abzielende  Entwicklungsmuster  nationaler  For-
       schungs- und  Technologiepolitik wesentlich  an Gewicht verloren.
       Die Basis  dieser gleichsam  erzwungenen und auch keineswegs voll
       realisierten Homogenisierung der nationalen forschungspolitischen
       Muster ist jedoch brüchig.
       
       4. Was ist militärische Forschung?
       ----------------------------------
       
       4.1. Definitionen
       -----------------
       
       Mit der  Expansion der Rüstungsforschung einher geht ein erneuter
       Disput um  die Frage, wie diese denn eigentlich zu charakterisie-
       ren sei.  Eine Definition  der militärischen  Forschung  sei,  so
       heißt es  schon in  Bernal's "Social  Function", "heute  zu einer
       fast unlösbaren  Aufgabe geworden"  20). Da "anscheinend ganz zi-
       vile Forschung auch militärischen Zwecken dienen kann", sei "jede
       nationale industrielle  Forschung  potentiell  militärische  For-
       schung" geworden  21). Zieht  man  die  gegenwärtig  verbreiteten
       Klassifikationen der  Wissenschaftsstatistik heran,  spielen vier
       Sachverhalte immer wieder eine Rolle:
       1. Die Natur  der auftraggebenden und/oder finanzierenden  E i n-
       r i c h t u n g   u n d / o d e r   i h r e  N u t z u n g s a b-
       s i c h t e n
       2. Der Status  der  d u r c h f ü h r e n d e n  Institution oder
       Person
       3. Die Natur  des wissenschaftlichen/technischen  P r o j e k t s
       (z.B. seine Anwendungsnähe)
       4. Die tatsächliche   N u t z u n g s m ö g l i c h k e i t   des
       erbrachten Ergebnisses  bzw. seine   V e r w e n d u n g s w e i-
       s e   (z.B. die  Beschränkung seiner Verbreitung durch Geheimhal-
       tung).
       Dementsprechend lassen  sich die  Definitionen militärischer For-
       schung in  der Literatur in  d r e i  G r u p p e n  zusammenfas-
       sen:
       a) Forschung, die  mit  militärischer    A n w e n d u n g s a b-
       s i c h t   von   m i l i t ä r i s c h e n  Einrichtungen finan-
       ziert und organisiert wird;
       b) Forschung, die  in der  Absicht   z i v i l e r   u n d   m i-
       l i t ä r i s c h e r   Anwendung von   m i l i t ä r i s c h e n
       o d e r  z i v i l e n  I n s t i t u t i o n e n  finanziert und
       organisiert wird;
       c) Forschung, die   o h n e   solche  Anwendungsabsicht von  z i-
       v i l e n   Einrichtungen gefördert wird, jedoch für militärische
       Anwendungen  g e n u t z t  werden kann. 22)
       Wohl am wenigsten umstritten ist ein Verständnis, wonach jede von
       militärischen Einrichtungen  in militärischer Nutzungsabsicht fi-
       nanzierte  Forschung   ungeachtet  ihrer   kognitiven  Natur  und
       tatsächlichen Nutzbarkeit  Militärforschung ist. Das Problem die-
       ses, für den aus der Wissenschaftsstatistik kommenden Diskurs ty-
       pischen Zugangs  ist die  Orientierung auf den individuellen For-
       schungsprozess, dessen  Ort, Träger, Finanzierung, Inhalt und Re-
       sultat auf Besonderheiten untersucht werden.
       Auf der  Ebene  i n d i v i d u e l l e r  Arbeitsprozesse lassen
       sich solche differentia specifica jedoch nur schwer fixieren: Mi-
       litär und  damit auch  militärische Forschung  meinen allgemeine,
       g e s a m t g e s e l l s c h a f t l i c h e   Sachverhalte, de-
       ren Merkmale  sich im einzelnen Forschungsprozess nur unvollstän-
       dig, einseitig oder bloß in schwachen Ansätzen ausprägen.
       Eine (politische) Soziologie militärischer Forschung wird dagegen
       versuchen, die ökonomischen (auch finanziellen), institutionellen
       (auch regulativen und Macht-), legitimatorischen und sozialen Di-
       mensionen der  Rüstungsforschung als einem Kernbestandteil supra-
       wie nationalstaatlich  operierender Forschungs-, Technologie- wie
       Militärpolitiken zu  erfassen. Hier nun lassen sich aber durchaus
       typische Merkmalsausprägungen festmachen,  d i e  e i n e n  w e-
       s e n t l i c h e n   U n t e r s c h i e d   m a c h e n  z w i-
       s c h e n     m i l i t ä r i s c h e r    u n d    z i v i l e r
       F o r s c h u n g.
       
       4.2. Die Entdifferenzierungsthese:
       ----------------------------------
       ein Plädoyer für Verantwortungslosigkeit
       ----------------------------------------
       
       Diesen zu bestreiten, ist vor allem seit Mitte der 70er Jahre die
       Essenz eines  zunehmend akzeptierten, gleichsam technikhistorisch
       argumentierenden Konzepts,  dessen politische  Ursprünge in einem
       Bericht des dem US-Verteidigungsministerium zugeordneten "Defense
       Science Board" (DSB) von 1976 (Bucy-Report) zu sehen sind.
       Hier wurde erstens die These entwickelt, daß die Verwissenschaft-
       lichung der  Kriegsvorbereitung und  -führung eine neue Stufe er-
       reicht habe:  Militärtechnik und  "High Tech"  würden immer  mehr
       Synonyme. Für  militärische Hochtechnologie  gelte, was  für  die
       Hochtechnologie insgesamt  typisch  sei:  der    m i l i t ä r i-
       s c h e     I n n o v a t i o n s z y k l u s     v e r k ü r z e
       s i c h,   die Spanne  zwischen Grundlagenforschung und militäri-
       scher Anwendung  schrumpfe, militärische  Technik sei  auf  zahl-
       reichen Gebieten  "nahezu unmittelbare  Umsetzung von Grundlagen-
       wissen" 23).  Diese   "v e r t i k a l e"  E n t d i f f e r e n-
       z i e r u n g    führe  dazu,  daß  Grundlagenforschung  in  ganz
       anderer Weise  militärisch relevant  werde als noch vor zwei oder
       drei Jahrzehnten.
       Die zweite,  ebenso bedeutsame  Komponente der Konzeption des DSB
       erklärt, daß sich die wachsende Einbeziehung von Wissenschaft und
       Forschung in die gesellschaftliche Praxis  a u f g l i e d e r e:
       auf der  einen Seite  die ausschließlich  oder vorwiegend  zivile
       Forschung, auf  der anderen Seite die eindeutig militärische For-
       schung und  dazwischen ein  rasch wachsender Sektor "sensitiver",
       "militärisch  relevanter",   "kritischer"  "doppelt-verwendbarer"
       (dual-use) Technologien,  der durch die  K o n v e r g e n z  zi-
       viler und militärischer Forschung und Technik entstehe. 24)
       Diese Vorstellung  einer  "h o r i z o n t a l e n"  E n t d i f-
       f e r e n z i e r u n g    hat  eine    d o p p e l t e    f o r-
       s c h u n g s s t r a t e g i s c h e   K o n s e q u e n z.  Auf
       der einen  Seite ergibt  sich aus  dem Zusammenkommen ziviler und
       militärischer Technologie,  daß der   "s p i n   o f f"   der Rü-
       stungstechnik für  die zivile  Technologie und  Industrie steigt.
       Weit folgenreicher als diese konzeptionelle Revitalisierung einer
       zweifellos zum  Traditionsbestand des  rüstungstechnologiepoliti-
       schen Legitimationsdiskurses gehörenden These ist die  "s p i n -
       i n" - Annahme, wonach  zivile Technologie  aufgrund ihrer  mili-
       tärischen Anwendbarkeit  nunmehr militärisch  relevant werde und,
       so die  politische Konsequenz,   u n t e r  d i e  K o n t r o l-
       l e   m i l i t ä r i s c h e r   I n s t a n z e n   z u  k o m-
       m e n   h a b e.   In einem DSB-Bericht von 1982 heißt es: "Mili-
       tärische  Macht  ist  jetzt  in  hohem  Maß  abhängig  von  fort-
       geschrittener zivilkommerzieller Technologie ... Mit wenigen Aus-
       nahmen hat  die Entwicklung von Hochtechnologie, wo sie auch her-
       komme, militärischen Einfluß." 25)
       Folgerichtig ist  insbesondere in  den USA  vor allem seit Anfang
       der 80er  Jahre eine  Forschungs- und Technologiepolitik entstan-
       den, die  systematisch versuchte,  explizit nicht geheime, zivile
       Forschung staatlicher  (militärischer) Kontrolle  zu  unterwerfen
       und die  Verbreitung ihrer  Ergebnisse  zu  verhindern;  zugleich
       wurde die industriepolitische Wirksamkeit der Rüstungspolitik vor
       allem auf dem Hochtechniksektor hervorgehoben. 26)
       Die Konzeption  einer doppelten  Entdifferenzierung  der  Wissen-
       schafts- und Technikentwicklung gipfelt in der Mutmaßung, daß die
       Konvergenz ziviler  und militärischer (Hoch-)Technologien am Ende
       in die  U n u n t e r s c h e i d b a r k e i t  beider einmünde,
       s o   d a ß   j e d e   T e c h n i k   f ü r  z i v i l e  w i e
       m i l i t ä r i s c h e  Z w e c k e  e i n g e s e t z t  w e r-
       d e n   k ö n n e.  Die  politische  Ratio  einer  solchen  Argu-
       mentation liegt auf der Hand: wenn jede zivile Forschung und dar-
       aus resultierende  Technologie auch militärische Konsequenzen ha-
       ben kann  und auch  kein strenger Zusammenhang zwischen Forschung
       und Praxis  mehr existiert,   d a n n   k a n n   a u c h   e i n
       e i n z e l n e r   W i s s e n s c h a f t l e r    p r i n z i-
       p i e l l   n i c h t   m e h r    v e r h i n d e r n ,    d a ß
       s e i n e   F o r s c h u n g s e r g e b n i s s e  m i l i t ä-
       r i s c h  g e n u t z t  w e r d e n.
       Der zentrale Bezugspunkt dieses Konzepts ist die mit der Verdich-
       tung des  Innovationszyklus einhergehende    A n w e n d u n g s-
       o f f e n h e i t   wissenschaftlich-technischen Wissens. Im Mit-
       telpunkt  steht   die  Betrachtung  der  Distributionsmuster  der
       einzelnen Ergebnisse wissenschaftlich-technischer Arbeitsprozesse
       - ein  verengter Zugang,  der sich  zudem in erster Linie auf die
       moderne (Mikro-)Elektronik bzw. Computertechnik stützt und andere
       Techniksektoren weitgehend  ignoriert. Auch dort, wo das Argument
       am stärksten  ist (Elektronik) , ist es undifferenziert und igno-
       riert die große Vielfalt der Militärtechnologien. Gleichwohl wird
       hier richtig  festgestellt, daß  es Prozesse  der Entdifferenzie-
       rung, der  Verflechtung und  Vergesellschaftung gibt,  mit  denen
       sich jeder Versuch, zivile und militärische FuT zu unterscheiden,
       auseinandersetzen muß.
       Die hier  verfolgte Interpretation dieser Prozesse kommt freilich
       zu durchaus anderen Schlußfolgerungen.
       
       5. Zur Charakterisierung militärischer Forschung
       ------------------------------------------------
       
       Es gibt  einen identifizierbaren  Typus "militärischer Forschung"
       mit besonderen  Merkmalsausprägungen, die  ihn von  ziviler  For-
       schung unterscheiden.  Vorweg unterscheidet ein zentrales Merkmal
       "diese Forschung von aller anderen Wissenschaft": sie ist "bewußt
       auf  einen   gesellschaftlichen  Zweck   gerichtet,  nämlich  die
       schnellsten, effektivsten  und schrecklichsten  Mittel zur Tötung
       und Zerstörung"  27). Mit  dieser  Z w e c k s e t z u n g  hängt
       eine weitere  Eigenart zusammen:  keine Forschung  ist potentiell
       wie aktuell   s o   f o l g e n r e i c h,   und  keine spezielle
       Wissenschaftskultur hat  so massive  Formen der    V e r h a r m-
       l o s u n g,   I g n o r a n z   oder gar  gleichsam  aggressiven
       A k z e p t a n z     dieser  Folgen   hervorgebracht   wie   die
       militärische Forschung  - wofür  die  äußerst  elaborierte  Tech-
       nologiefolgenbewertung im  militärischen Bereich  kein Gegenargu-
       ment ist:  sie ist verkürzt auf die Analyse der militärisch rele-
       vanten Folgen der Technologieentwicklung. 28)
       Im Unterschied  zur zivilen  Forschung wird militärische überwie-
       gend     s t a a t l i c h     finanziert  und    d e r    F o r-
       s c h u n g s a n t e i l   a n   d e n    P r o d u k t i o n s-
       k o s t e n  i s t  ü b e r d u r c h s c h n i t t l i c h.  Die
       Industrie und wenige staatliche Laboratorien sind der primäre Ort
       der  Rüstungsforschung,    H o c h s c h u l e n    s p i e l e n
       k a u m  e i n e  R o l l e.  29) Die  r e g i o n a l e  30) und
       d i s z i p l i n ä r e   31) (auf  einige naturwissenschaftlich-
       technische bzw.  ingenieurwissenschaftliche Gebiete  bzw. die In-
       formatik  beschränkte)   Potentialkonzentration  ist     ü b e r-
       d u r c h s c h n i t t l i c h,   der Anteil der  G r u n d l a-
       g e n f o r s c h u n g  zugunsten der Entwicklungs-, Erprobungs-
       und Testphase weit geringer als in der zivilen Forschung. 32) Das
       t e c h n i s c h e     Spektrum  ist   stark  verengt.  33)  Die
       R e g u l i e r u n g   des Forschungsprozesses  wird    p o l i-
       t i s c h  dominiert; der Entscheidungsprozeß ist  h o c h v e r-
       m a c h t e t  (Militär-Industrie-Komplex). Forschung wird durch-
       gängig und  dauerhaft   i n s t r u m e n t e l l   begriffen und
       legitimiert als  Mittel zur   E r r e i c h u n g    p o l i t i-
       s c h e r   Ziele (nationale Sicherheit, Krieg). Der militärische
       I n n o v a t i o n s-   u n d  P r o d u k t z y k l u s  dauert
       auch bei  kleiner  dimensionierten  Systemen  (z.B.  Gewehrtypen,
       Fahrzeugen) in  der Regel  w e i t   l ä n g e r  als in der Welt
       ziviler Technologie  und  kann  40  bis  50  Jahre  dauern.  Sein
       Rhythmus ist  bestimmt vom F o l l o w - o n - I m p e r a t i v.
       34) Der militärische Innovationsprozeß ist nicht prozeß-, sondern
       p r o d u k t-     u n d     g e b r a u c h s w e r t o r i e n-
       t i e r t;   seine   K o s t e n e f f e k t i v i t ä t  ist sy-
       stematisch gering,  die   P r o d u k t i o n s l i n i e n  sind
       bei großtechnischen  Systemen, die  bei weitem  den Hauptteil der
       Ressourcen für militärische FuT verbrauchen,  s e h r  k l e i n,
       economics of  scale werden  nicht realisiert. 35) Die Märkte auch
       solcher  Rüstungsgüter,   die  in   Massenproduktion  hergestellt
       werden,  sind  weit  überwiegend  durch    m o n o p o l i s t i-
       s c h e     s t a a t l i c h e     Nachfrage  konstituiert.  Die
       P r o f i t b e d i n g u n g e n   im Sektor  militärischer For-
       schung und  Technologie sind  offenbar überdurchschnittlich.  36)
       Militärische Forschung  zielt  auf  die    G e n e r i e r u n g,
       nicht auf  das   L ö s e n    von  Problemen  ab  und  ist  daher
       hochgradig  e i g e n g e s t e u e r t:  ihr ständiges Stimulanz
       ist  ein   auf  dem   Wege  der   Projektion  ununterbrochen  neu
       entstehendes   W o r s t - C a s e - D e n k e n  über das poten-
       tielle  Entwerten  der  eigenen  Forschungsergebnisse  durch  die
       wissenschaftliche Bemühung  des  militärischen  "Feindes".  Diese
       M a ß l o s i g k e i t     d e r    T e c h n o l o g i e e n t-
       w i c k l u n g   hat ihren  Grund -  zumindest im  Zeitalter der
       Nuklearwaffen, zumindest  in Europa  - in dem Fakt,  d a ß  d i e
       F r a g e   "W i e v i e l   i s t   g e n u g?"  n i c h t  b e-
       a n t w o r t e t   w e r d e n  k a n n,  w e n n d e r  T e s t
       d u r c h   d e n   K r i e g  a u s b l e i b t.  Während zivil-
       kommerzielle Forschung  auf die   D i v e r s i f i z i e r u n g
       ihrer  Resultate   abstellt,  sind   militärische  Forschung  und
       Technologie auf  U n i f o r m i t ä t  u n d  A u s t a u s c h-
       b a r k e i t   aus; 37)  zumindest in jüngerer Zeit hat dies mit
       gegenläufigen Diffusionsmustern  zu tun:  die  wachsende  Geheim-
       haltung im  militärischen  Bereich  erschwert    T r a n s f e r-
       u n d     D i f f u s i o n s v o r g ä n g e    sogar  innerhalb
       militärischer Einrichtungen.  38) Nicht  zuletzt dadurch sind die
       Verknüpfungen dieses Forschungstypus mit der  A u s b i l d u n g
       (Lehre) sehr  gering; die   i n d i r e k t e n   Effekte auf die
       Ökonomie sind  s c h m a l,  die  d i r e k t e n  n e g a t i v:
       Rüstungswaren sind nicht-reproduktive Waren. 39)
       
       6. "Pseudozivile" Forschung
       ---------------------------
       
       Was in der skizzierten Konzeption vor allem anhand der Elektronik
       als Entstehung  eines neuen zentralen dritten Feldes "militärisch
       r e l e v a n t e r" Technik  interpretiert  wird,    b i l d e t
       k e i n e   n e u a r t i g e n  K o n v e r g e n z p r o z e s-
       s e  a b,  s o n d e r n  e i n  M u s t e r  "q u a s i z i v i-
       l e r"   F o r s c h u n g,   d a s   a u f   d e r  S y s t e m-
       e b e n e   b e s o n d e r e  M e r k m a l s a u s p r ä g u n-
       g e n   b e s i t z t.  Im wesentlichen seit dem Ende des zweiten
       Weltkriegs ist  es zu  einer allmählichen  Ausdehnung eines unter
       militärischen Vorzeichen  entstandenen  Forschungstypus  in  zwei
       zusätzliche Bereiche  gekommen: Weltraum-  und Atomforschung. 40)
       Seit den  fünfziger Jahren  dominieren sie die nicht-militärische
       Forschungspolitik der hochentwickelten kapitalistischen Staaten.
       Obwohl historisch  aus der  militärischen  Forschung  entstanden,
       u n t e r s c h e i d e n   sie sich  zumindest in   d r e i e r-
       l e i   Hinsicht von  der Rüstungsforschung:  ihre Produkte haben
       keinen unmittelbaren   m i l i t ä r i s c h e n   Gebrauchswert,
       ihre (Groß-)Projekte  werden nicht mit dem immer gleichen Hinweis
       auf die  Erfordernisse nationaler  Sicherheit  und  militärischer
       Verteidigung   l e g i t i m i e r t;  vielmehr finden sich vari-
       ierende, zahlreiche,  gleichsam  zufällige  und  auf  die  zivile
       Öffentlichkeit abzielende  Legitimationsmuster.  41)  Schließlich
       ist   d i e,  p r a k t i s c h e  N u t z u n g  der Technologie
       (mitsamt dem  Innovations-Feedback)  m ö g l i c h  und muß nicht
       - wie  bei einem  Großteil der  militärischen Technologie - durch
       Simulation  fingiert  oder  stellvertreterhaft  gleichsam  klein-
       dimensioniert  auf  "Ersatzkriegsplätzen",  unter  unvollkommenen
       Bedingungen getestet werden. 42)
       G l e i c h w o h l   g i b t    e s    e n t s c h e i d e n d e
       s t r u k t u r e l l e   M e r k m a l e   d i e s e s    F o r-
       s c h u n g s t y p u s,     d i e    n ä h e r    b e i    d e r
       m i l i t ä r i s c h e n  F o r s c h u n g  a l s  b e i  d e r
       z i v i l k o m m e r z i e l l e n   (i n d u s t r i e l l e n)
       b z w.   a k a d e m i s c h e n  F o r s c h u n g  l i e g e n.
       43)
       Nuklear- wie Weltraumforschung operieren im Prinzip wie die mili-
       tärische Forschung,  denn anders  als bei  der zivilen Forschung,
       die bis  zum zweiten  Weltkrieg dominierte,  geschieht  hier  die
       B e w e r t u n g   der von den Wissenschaftlerinnen bzw. Kollek-
       tiven erbrachten  wissenschaftlich-technischen  Leistungen  weder
       durch die  Scientific Community  noch durch  den  Markt.  An  die
       Stelle der   w i s s e n s c h a f t l i c h e n  und  ö k o n o-
       m i s c h e n   Leistungsbewährung und  -bewertung ist  die Beur-
       teilung nach    p r i m ä r    p o l i t i s c h e n    Kriterien
       getreten.     N i c h t    ö k o n o m i s c h e r    P r o f i t
       o d e r     w i s s e n s c h a f t l i c h e    W a h r h e i t,
       s o n d e r n   p o l i t i s c h e   B e d ü r f n i s s e  r e-
       g u l i e r e n   u n d   s t e u e r n    h i e r    p r i m ä r
       d e n   F o r s c h u n g s p r o z e s s.  Die  M ä r k t e  der
       hier produzierten  Großtechnologien (Kernreaktoren,  Wiederaufbe-
       reitungsanlagen, Raketen,  die Mehrheit der Satelliten, Weltraum-
       stationen usw.)  sind -  wie im militärischen Bereich - durch ex-
       klusive   s t a a t l i c h e   Nachfrage entstanden, eine Situa-
       tion,  aus   der  die  oftmals  vermerkte  geringe  Relevanz  der
       K o s t e n e f f e k t i v i t ä t     resultiert.  Pseudozivile
       Forschung  unterscheidet   sich  auch  nicht  hinsichtlich  ihrer
       i n s t i t u t i o n e l l e n   Basis (Industrieforschung,  we-
       nige   staatliche   Großlaboratorien),   des   relativ   geringen
       G r u n d l a g e n f o r s c h u n g s a n t e i l s,   des lan-
       gen,   v o m   f o l l o w - o n - I m p e r a t i v  gesteuerten
       Lebenszyklus, des  - tendenziell  globalen  -    K a t a s t r o-
       p h e n p o t e n t i a l s   der entwickelten  Technik, 44)  dem
       Grad der   G e h e i m h a l t u n g   -  man denke an die "born-
       classified"-Regelung im  Bereich der  Nuklearforschung - oder der
       z e n t r a l i s t i s c h    -    z e n t r a l i s t i s c h -
       h i e r a r c h i s c h e n   Organisation der  Forschung von der
       militärischen  Forschung:   die  Sicherung   der  Ergebnisse  der
       Nuklearforschung - aber auch der Gentechnologie - ist schon lange
       ein militärisches  Problem geworden.  Endlich wird  man vergebens
       grundlegende Unterschiede im  D e s i g n  sowie in den  T e c h-
       n i k e n   der   P r o d u k t i o n,    I n s t a l l a t i o n
       u n d  M a i n t e n a n c e  (z.B. Energieversorgung) quasizivi-
       ler und militärischer Groß Systeme suchen. 45)
       
       7. Welche Konvergenz gibt es?
       -----------------------------
       Eine Analyse  der   D i s t r i b u t i o n s m u s t e r   - die
       dann auch Aussagen über  K o n v e r g e n z p r o z e s s e  ma-
       chen könnte  - muß ansetzen mit einer präziseren Beschreibung der
       H i e r a r c h i e  m i l i t ä r i s c h e r  T e c h n i k e n
       u n d   S y s t e m e.   Sie reichen  von Chips  im Werte einiger
       Pfennige bis  zu militärischen Supersystemen, deren Kosten in die
       Milliarden gehen.  Im Anschluß an die von Walker u.a. entwickelte
       Taxonomie 46)  lassen sich  die militärischen  Produkte  in  eine
       8 - s t u f i g e   H i e r a r c h i e   gliedern, beginnend mit
       der Produktklasse  der   M a t e r i a l i e n  (z.B. Halbleiter)
       über   K o m p o n e n t e n  (integrierte Schaltkreise),  E l e-
       m e n t e   (Visiere),  T e i l s y s t e m e  (Gyroskope, Termi-
       nals),   k o m p l e t t e   W a f f e n   u n d   K o m m u n i-
       k a t i o n s g e r ä t e   (Torpedos, Radios),  m i l i t ä r i-
       s c h e   S y s t e m e   (Trägersysteme wie  z.B.  Tornado)  und
       i n t e g r i e r t e   S y s t e m e  (Luftverteidigungssysteme;
       Flugzeugträgereinheiten) sowie   t e c h n i s c h e   S u p e r-
       s y s t e m e.  47)
       Je  höher  man  in  dieser  Hierarchie  gelangt,  desto    k o m-
       p l e x e r   und  g r ö ß e r  d i m e n s i o n i e r t  werden
       die Produkte,   s i e   e r h a l t e n  S y s t e m c h a r a k-
       t e r, ihre  Anzahl nimmt  ab. Ebenso  verändert sich die  P r o-
       d u k t i o n s t e c h n i k:     mit  aufsteigender  Hierarchie
       traten an  die Stelle  der  M a s s e n p r o d u k t i o n  (Ge-
       wehre)  die  Produktion  kleinerer    S e r i e n    (Tanks)  und
       L o s g r ö ß e n,   endlich die    S t ü c k p r o d u k t i o n
       (Interkontinentalraketen, Satelliten)  bzw. die    I n t e g r a-
       t i o n  d i s p a r a t e r  t e c h n o l o g i s c h e r  S y-
       s t e m e.   48) Dementsprechend nehmen die Komplexität und Groß-
       dimensioniertheit der  Produktionsorganisation zu,  je näher  man
       zur  Spitze   der  Pyramide   gelangt.   Auch   wenn   technische
       Veränderungen natürlich  auf jeder Ebene initiiert werden können,
       so scheinen doch Entscheidungen auf der  S y s t e m e b e n e  -
       z.B.  einzelne  Träger  oder  Waffensysteme  (z.B.  das  Tornado-
       Flugzeug  oder   Panzer)  zu   entwickeln  und  zu  bauen  -  die
       Zusammensetzung  und   Entwicklungsrichtung  der  gesamten  nach-
       geordneten Produktklassen zu strukturieren. 49) Ihre Wirkung geht
       auch in  die Tiefe:  die technologische  Prägung -  kurz:   d i e
       s t o f f l i c h e   F o r m b e s t i m m u n g   d e r  v o r-
       g e l a g e r t e n    S t u f e n    d e r    H a l b f a b r i-
       k a t e     u n d     V o r p r o d u k t e    d u r c h    d a s
       F i n a l p r o d u k t   n i m m t   i n   d e m   M a ß e  z u,
       w i e    d i e s e s    E n d p r o d u k t    S y s t e m c h a-
       r a k t e r   a n n i m m t;   die Dimension dieser vorgelagerten
       Prozesse ist  beträchtlich: die  Prototypen mancher SDI-Waffensy-
       steme sind  bis zu  200 m lang und wiegen bis zu 300 Tonnen, ein-
       zelne Teststätten  und Großexperimente  des SDI-Programms  kosten
       über 1  Mrd. $.  Diese Systeme  wirken zugleich auf übergeordnete
       Doktrinen und  Strategien ein,  deren Veränderungen  wiederum für
       die Entwicklung  ganz anderer  Produktklassen bedeutungsvoll sein
       können. Die  Tiefenwirkung geht auch in eine andere Richtung: mi-
       litärische Produkte erfordern eine eigene  L o g i s t i k.  50)
       Betrachtet man  die einzelnen Produkte, so läßt sich generell die
       Unterscheidung treffen  in (wenige)  Produkte,  die    s t o f f-
       l i c h   bedingt für  militärische Märkte  spezifisch sind (z.B.
       Nuklearwaffen, die  "Stealth"-Technologie oder  das Projekt eines
       "National  Aerospace  Plane")  bzw.  deren  Distribution  mittels
       s t a a t l i c h e n     Zwangs  -  also  politisch  -  auf  den
       militärischen Bereich (Markt) begrenzt wird (Waffen/Munition); in
       Produkte, die  es   a u f   z i v i l e n   w i e    m i l i t ä-
       r i s c h e n   Märkten gibt,  die ihnen  aber    a n g e p a ß t
       werden (z.B.  Flugzeugturbinen); schließlich  sog. handelsübliche
       Produkte, die  auf   (o h n e    S p e z i f i z i e r u n g e n)
       beiden Märkten  vorkommen (z.B.  Chips oder  Transportfahrzeuge).
       Militärisch angepaßte  Technologie  reflektiert  das  spezifische
       Anforderungsprofil  von  Militärtechnologien:  etwa  hinsichtlich
       Geräuschverhalten, Abstrahlsicherheit,  Erfaßbarkeit (z.B. Infra-
       rotsicherheit), Schutz vor Strahlung oder mechanische Schock- und
       Schwingungsfestigkeit  als  Anforderungen  an  Materialien,  Kom-
       ponenten, Elemente  oder Teilsysteme. 51) Generelle Anforderungen
       wie Wartungsfreiheit und geringe Störanfälligkeit bzw. allgemeine
       Überlebensfähigkeit der  Produkte sind synthetische Eigenschaften
       der militärischen  Systeme höherer  Produktklassen. Geht  man die
       Hierarchie der  Produktklassen "nach  oben" zur  Pyramidenspitze,
       gibt es  einen  U m s c h l a g s p u n k t,  für den ein Wechsel
       der  Terminologie   steht:  es   ist  nicht  mehr  die  Rede  von
       P r o d u k t e n   oder   T e c h n o l o g i e n,   sondern von
       P r o j e k t e n   und   P r o g r a m m e n.  Von diesen Ebenen
       an wird  die Verwendung  des   S y s t e m b e g r i f f s  sinn-
       voll.  Ein   qualitativer  Wandel   im  Verhältnis   ziviler  und
       militärischer Produkte  geschieht auf  diesen Ebenen  der  W a f-
       f e n   (Raketen, Torpedos),    W a f f e n p l a t t f o r m e n
       (Schiffe, Flugzeuge)  und  K o m m u n i k a t i o n s s y s t e-
       m e   (Radar,  Satelliten):  die  Ähnlichkeit  der  militärischen
       Konstrukte mit  Produkten aus der zivilen Produktion, die auf den
       niedrigeren Ebenen (Komponenten, Sub-Systeme etc.) zu finden war,
       nimmt ab. Sicher gibt es noch Überlappungen: kaum bei den Waffen,
       stärker bei  den Trägern  (auch wenn  die Endprodukte  sicherlich
       einmalig sind  - mit  Nuklearwaffen bestückte U-Boote, Kampfflug-
       zeuge oder Flugzeugträger sind Unikate der Militärtechnologie und
       haben keine  zivilen Äquivalente),  am meisten bei den Kommunika-
       tionssystemen.   A u f   d e n  l e t z t e n  E b e n e n  d e r
       t e c h n i s c h e n  (S u p e r -)  S y s t e m e  g i b t  e s
       k e i n e   ä q u i v a l e n t e n    z i v i l t e c h n o l o-
       g i s c h e n   S y s t e m e   m e h r:   E i n z i g a r t i g-
       k e i t  i s t  z u r  N o r m  g e w o r d e n.
       Damit wird  zugleich ein paradox erscheinender Sachverhalt sicht-
       bar:   j e   h ö h e r   w i r   i n  d e r  P r o d u k t h i e-
       r a r c h i e   g e r a t e n,   d e s t o   m e h r  w ä c h s t
       d i e     A n w e n d u n g s s p e z i f i k    d e r    P r o--
       d u k t e   u n d   s i n k t  d a m i t  i h r  T r a n s f e r-
       p o t e n t i a l   -   z u g l e i c h    a b e r    n ä h e r n
       s i c h   d i e   M e t h o d e n    d e r    P r o d u k t i o n
       b z w.  O r g a n i s a t i o n  d e r  S y s t e m e  a n!  Fir-
       men,  die  großtechnische  militärische  Systeme  entwickeln  und
       produzieren,  sind  daher  imstande,  zwischen  unterschiedlichen
       Klassen  (Typen)   militärischer  Systeme   -  z.B.  Raketen  und
       Raketenabwehrwaffen 52)  - zu  wechseln und  häufig auch  auf den
       Märkten ziviler  großtechnischer  Systeme  zu  operieren.  Verän-
       derungen in  der  privaten  oder  öffentlichen  Kapitalallokation
       bestehen deshalb oftmals im Übergang von quasiziviler zur militä-
       rischen Produktion  großtechnischer Systeme (von zivilen zu mili-
       tärischen Reaktoren) oder im Wechsel zwischen Produktklassen (von
       luft- zu raumgestützter Ballistic Missile Defence) oder Elementen
       innerhalb dieser  Klassen (Raketen/Satelliten), nicht aber in der
       Ablösung der  Entwicklung militärischer  Systeme  durch  die  Er-
       forschung, Entwicklung  und Produktion  von Waren für zivile Mas-
       senmärkte. Und  auch die  Existenz eines  solcherart  limitierten
       Transferpotentials kann  nicht von  vornherein  positiv  bewertet
       werden, ruft  man sich den generellen Sachverhalt ins Gedächtnis,
       wonach an die Funktions- und Leistungsfähigkeit sowie Verläßlich-
       keit militärischer  Produkte extreme  Anforderungen gestellt wer-
       den, die  oftmals weit  über gängigen ziviltechnologischen Durch-
       schnittstandards  liegen,   die  zum  Beispiel  erheblich  höhere
       Störanfälligkeit zulassen.   R ü s t u n g s t e c h n i k  h a t
       d a h e r   Z ü g e    e i n e s    t e c h n o l o g i s c h e n
       T r i u m p h a l i s m u s:     s i e      b e a n t w o r t e t
       F r a g e n,   d i e   i m   z i v i l e n  B e r e i c h  k e i-
       n e r   g e s t e l l t  h a t,  u n d  l ö s t  P r o b l e m e,
       d i e   n i e m a n d   h a t t e .   S i e   s e t z t    o f t-
       m a l s   u n g e h e u r e   M i t t e l   e i n,   u m    n u r
       g e r i n g f ü g i g e     V e r b e s s e r u n g e n     v o n
       m i l i t ä r i s c h e n    G e b r a u c h s w e r t e i g e n-
       s c h a f t e n   u n d   Z i e l w e r t e n   z u    e r r e i-
       c h e n ,   n a c h  d e n e n  i m  z i v i l e n  B e r e i c h
       e b e n f a l l s   n i e m a n d   r u f e n   w ü r d e ,   d a
       h i e r   v e r g l e i c h b a r e    R a t i o n a l i t ä t s-
       u n d   B e w e r t u n g s t y p e n   -  u n d  s o m i t  A k-
       z e p t a n z e n   -   k a u m   e x i s t i e r e n.  53)  Hier
       geht es auch um die spezifische Art, wie militärische, wie quasi-
       zivile Technologien  sozial konstruiert  werden: offenbar  führt,
       wie etwa  das  Beispiel  der  US-Raumfähre  zeigt,  die  aus  der
       Interessenvielfalt der  beteiligten  Klientel  resultierende  An-
       spruchsmenge an  die Funktionsweise  technologischer  Großsysteme
       regelmäßig  zu    ü b e r k o m p l i z i e r t e n    Entwürfen.
       D i e  t e c h n i s c h e n  G e r ä t e  s o l l e n  a l l e s
       k ö n n e n   -   a u c h    w e n n    m a n    e s    n i c h t
       b r a u c h t.   Technische Konfiguration und Design sind gleich-
       sam funktionell  übersteigert. Wir  haben es  mit    S t r e s s-
       t e c h n o l o g i e n   zu tun.  Eingebaut  sind  dabei  Ketten
       immer  aufwendiger   werdender  Problemlösungen,  weshalb  derlei
       Technologien  ständig   an  der  Grenze  zum  Systemzusammenbruch
       strukturiert werden  - es  sind nicht mit Sicherheit kontrollier-
       bare   K a r t e n h a u s-   o d e r    D o m i n o t e c h n o-
       l o g i e n.   Ein definiertes  Folgeverhalten auch  beim  Zusam-
       menbruch einzelner Funktionen, das Sicherheit gewährleistet, kann
       nicht erreicht  werden. Versagt ein Dichtungsring, explodiert die
       ganze Raumfähre und die Menschen sterben. 54)
       Die Militärtechnik  hat diese  Eigenschaft seit  dem 2. Weltkrieg
       weit deutlicher  als zuvor  ausgeprägt, weil sie eine Technik der
       Abschreckung war:  ihr Test,  ein Krieg in Europa, blieb aus. Sie
       hat deshalb  zugleich einen  eigentümlich konservativen  Zug: ihr
       Modell des Krieges blieb - sieht man von der nuklearen Komponente
       ab - der 2. Weltkrieg, nach dessen Muster das Kriegsgerät techno-
       logisch perfektioniert  wurde. Rüstungstechnik ist daher struktu-
       rell ressourcenintensiv  55)  und  extrem  kapitalaufwendig.  Der
       Transfer solcher  problematischer Muster  aus dem Rüstungsbereich
       in die  Welt quasiziviler  oder ziviler Technologie durch die Sy-
       stementwickler kann  daher kaum - etwa unter dem positiven "Spin-
       Off"-Signum - als positiver Beitrag gewertet werden.
       Quer zu  dieser Klassifikation  scheint sich im übrigen die elek-
       tronische (informationsverarbeitende)  Technologie zu entwickeln:
       die  skizzierte   Gegenläufigkeit  (Spezifizierung  der  Systeme/
       Transferpotential der  Methoden) existiert hier nur in Ansätzen -
       dies  gilt  auch  für  die  neuere  Entwicklung  in  der  Militä-
       relektronik. 56)  Für die  80er Jahre  gleichfalls bedeutungsvoll
       aber ist  das spürbare  Hervortreten militärischer  Merkmale  bei
       quasizivilen Großtechniken,  wie die gegenüber der Stagnation der
       zivilkommerziellen Atomenergie  fast ungebrochene Dynamik der mi-
       litärischen Atomforschungs- und -technikprogramme in den USA bzw.
       die Marginalisierung  der zivilen  Dimensionen der  Raumfahrt 57)
       zeigen. Wenn  überhaupt, dann  ließen sich hier Konvergenzen ver-
       merken.
       
       8. Forschungspolitiken
       ----------------------
       
       Für die  Nachkriegsgeschichte der  staatlichen  Forschungspolitik
       ist daher  das   O s z i l l i e r e n  z w i s c h e n  d o m i-
       n a n t     m i l i t ä r i s c h e n    u n d    d o m i n a n t
       q u a s i z i v i l e n     E n t w i c k l u n g s m u s t e r n
       typisch. Strategien, die auf ein  z i v i l i n d u s t r i e l l
       bzw.
       z i v i l w i s s e n s c h a f t l i c h - t e c h n o l o g i s
        c h e s   Entwicklungsparadigma ausgerichtet  waren, sind demge-
       genüber in  den westlichen  Staaten nirgends  außer in  Japan und
       zeitweise in  der BRD von zentraler Bedeutung gewesen. Innovatio-
       nen und wissenschaftliche Durchbrüche werden im Rahmen dieser Mu-
       ster verarbeitet,  wie z.B.  der massive  Einstieg des DoD in die
       Supraleiter- und  die Supercomputerforschung  zeigt. 58) In allen
       Fällen freilich  spielen High-Tech-Programme eine Schlüsselrolle.
       59) Schwer  abzuschätzen ist, wie stark die einzelnen Muster aus-
       gebildet sein  müssen, um  tatsächlich als konkurrierendes Modell
       auftreten zu  können. Nicht  selten sind  Vorhaben und Mittel der
       Rüstungsforschung einfache, aber willkommene Zusatzressourcen für
       ein dominant  zivil oder  quasizivil operierendes Entwicklungsmu-
       ster. Die  Untersuchung von Lichtenberg spricht allerdings dafür,
       daß die  Ausdehnung der militärischen Forschungsressourcen in den
       USA zu  einem "crowding  out" der  zivilen Forschung geführt hat.
       60)
       I n   k e i n e m   L a n d   n u n   a l l e r d i n g s  f i n-
       d e t   s i c h   e i n e  d u r c h a u s  d e n k b a r e  a l-
       t e r n a t i v e         f o r s c h u n g s p o l i t i s c h e
       S t r a t e g i e,  d i e  s o z i a l s t a a t l i c h - ö k o-
       l o g i s c h e   Zielsetzungen ins  Zentrum  rücken  würde.  61)
       Dieser  Politikansatz   ist  in   den  letzten   Jahren  vielmehr
       geschwächt worden.
       In den  USA kontrollierte  die militärische  Wissenschaftspolitik
       Ende der  80er Jahre über die Hälfte der nationalen und rund drei
       Viertel der  bundesstaatlichen Wissenschaftsressourcen.  Die Bun-
       desausgaben für  Rüstungsforschung dürften die Mittel für sozial-
       staatlich angelegte  Forschungen (Health and Human Services, Edu-
       cation, Labor)  und Umweltforschung um rund das 50fache übertref-
       fen. Nach der Amtsübernahme R. Reagans ist das Energieministerium
       ein zweites  Ministerium für  militärische Forschung geworden, da
       seine Ausgaben  im Bereich  der militärischen  Atomforschung  und
       -technik von  3,6 Mrd.  $ (1981) auf 8,1 Mrd. $ (Haushaltsentwurf
       1988) anstiegen  und jetzt  65% des Haushalts dieses Ministeriums
       ausmachen (1981:  38%). Die Ausgaben für Solarenergie und regene-
       rative Energien  sind 1988  um 81% niedriger als 1981. 62) Allein
       das SDI-Projekt bestritt von den FuE-Ausgaben des Bundes bzw. des
       DoD 1987  5.8 v.H. bzw. 8.5 v.H.; sein Budget entsprach damit ei-
       nem Fünftel der gesamten Bundesausgaben für die zivile Forschung.
       In der  BRD gab  der Bund 1988 rund 10mal soviel für militärische
       Forschung aus  wie für  Umweltforschung oder  für die Erforschung
       regenerativer Energiequellen,  20mal soviel wie für die Forschun-
       gen zur Humanisierung der Arbeit und 1000mal soviel wie für Frie-
       densforschung. 63)
       Ein       s o z i a l s t a a t l i c h - ö k o l o g i s c h e s
       P a r a d i g m a  in der Forschungs- und Technologiepolitik wird
       sich von  den skizzierten  Entwicklungsmustern wesentlich  unter-
       scheiden, wie die bereits existierenden  B a u s t e i n e  einer
       solchen Politik  zeigen: seine   Z w e c k e    formulieren  sich
       nicht aus Aspekten militärischer Macht, ökonomischen Gewinns oder
       wissenschafts- bzw.  technikinterner Maßstäbe,  sondern nach  dem
       Maß gesellschaftlicher  und ökologischer   B e d ü r f n i s s e,
       die zugleich  in der  Regel ihren  primären  B e w e r t u n g s-
       und   L e g i t i m a t i o n s r a h m e n   konstituieren;  sie
       ist   a u f   p r a k t i s c h e   Nutzung aus,  was eine   d e-
       m o k r a t i s c h   organisierte  (nicht  nur  Kosten-)    E f-
       f e k t i v i t ä t s kontrolle   des Wissenschaftsprozesses  er-
       fordert;  sie   wird  der     i n t e r d i s z i p l i n ä r e n
       G r u n d l a g e n f o r s c h u n g   großen Raum  geben müssen
       und  begleitet   sein  von    W i s s e n s c h a f t s-    u n d
       T e c h n i k f o l g e n f o r s c h u n g,   die - zusammen mit
       einer   d e m o k r a t i s c h   (nicht notwendig bloß dezentra-
       len) geordneten Wissenschaftspolitik - die mit der Umwandlung der
       Gesellschaft in  ein Labor  (Krohn/Weyer) gesteigerte    R i s i-
       k o t r ä c h t i g k e i t   des Unternehmens Wissenschaft nicht
       rückgängig, aber  vielleicht  k o n t r o l l i e r b a r  machen
       kann. Eine  Alternative zu  diesem Versuch  gibt es nicht. Ihn zu
       wagen  und   damit  zugleich   die   weiterweisende   Perspektive
       grundlegend alternativer  Entwicklungwege zu  eröffnen, ist heute
       die zentrale Aufgabe demokratischer Wissenschaftspolitik.
       
       _____
       1) Bernal, J.D.,  Cornforth, M.,  Die Wissenschaft  im  Kampf  um
       Frieden und Sozialismus, Berlin/DDR 1950, S. 40.
       2) Der Wissenschaftshistoriker  Bernal ("Die  Wissenschaft in der
       Geschichte", Berlin/DDR 1967, S. 532 ff.) macht hier die wichtig-
       ste frühe  Ausnahme. Merritt  Roe Smith,  Introduction, in: ders.
       (ed.), Military Enterprise and Technological Chance. Perspectives
       on the  American Experience, Cambridge, London 1985, S. 1 ff. und
       Roland, A.,  Technology and  War: A Bibliographie Essay, ebd., S.
       347 ff. sowie ders.: Science and War, in: Osiris, 1/1985, S. 247-
       272 stellen  die historischen  Arbeiten zur Militärtechnik zusam-
       men.
       3) Vgl. Pfetsch, ER., Zur Entwicklung der Wissenschaftspolitik in
       Deutschland 1750-1914, Berlin/DDR 1974.
       4) J.D. Bernal,  Die soziale  Funktion der  Wissenschaft  (London
       1939), Köln  1986, S.  186. Im  folgenden zit.  als "Social Func-
       tion".
       5) Von 23  Mio. $  im Haushaltsjahr  1938 auf 1,6 Mrd. $ im Haus-
       haltsjahr 1945,  vgl. Forman,  R, Behind quantum electronics: Na-
       tional security as basis for physical research in the United Sta-
       tes, 1940-1960, in: Historical Studies in the Physical and Biolo-
       gical Sciences 1/1985, S. 152; Rhodes, R., The Making of the Ato-
       mic Bomb, New York 1986.
       6) Kline, R., R&D: organizing for war, in: IEEE Spectrum 11/1987,
       S. 54.
       7) Bernal, Cornforth, Wissenschaft, S. 41.
       8) Vgl. Rilling,  R., Militärische  Wissenschaftspolitik und  Ge-
       heimhaltung in  den USA  seit Anfang  der 80er Jahre, in: Technik
       und Gesellschaft,  Jahrbuch 4, Frankfurt 1987, S. 233 ff.; ders.,
       The arms  build-up and freedom of science in the USA, Teil I-III,
       in: Scientific World 2-4/1986.
       9) Dieser Begriff  wurde von Johannes Weyer zur Charakterisierung
       eines zivil  etikettierten und  im zivilen  Raum der bürgerlichen
       Gesellschaft operierenden,  strukturell wie  funktioneil aber  in
       vielerlei Hinsicht  der militärischen Forschung verwandten, eben-
       falls politisch gesteuerten Forschung entwickelt (1988).
       10) In den  USA haben sich in nur einer Dekade die Gesamtausgaben
       für militärische  Forschung von  16 auf fast 60 Mrd. $ knapp ver-
       vierfacht; der  Anteil der Rüstungsforschung an den Bundesmitteln
       ist von  50 auf  rund 75%  gestiegen. In  den Vereinigten Staaten
       werden Mitte  der 80er  Jahre rund 45% des nationalen FuE-Budgets
       für Rüstungsforschung  ausgegeben; in England sind es 30%, in der
       BRD etwa  1316%, vgl. Weston, D., Gummet, P., The Economic Impact
       of Military  R&D: Hypotheses, Evidence, and Verification, in; De-
       fense Analysis 1/1987, S. 63-76; Rilling, R., Military R&D in the
       Federal Republik of Germany (FRG), Paper prepared for the Society
       for Social Studies of Science 1987 meeting, Worcester, Mass., No-
       vember 19-22,  1987, in: Bulletin of Peace Proposals 3-4/1988, S.
       317-343. So  hat sich  hier kaum etwas verändert: zu England ver-
       merkt Bernal  in der  "Social Function" (S. 186), daß "mindestens
       ein Drittel, wenn nicht die Hälfte der Gelder, die in Großbritan-
       nien für  wissenschaftliche Forschung  ausgegeben werden,  direkt
       oder indirekt auf die militärische Forschung entfallen."
       11) Vgl. Rilling,  R., Militärische  Forschung in  der  BRD,  in:
       Blätter für deutsche und internationale Politik 8/1982, S. 947.
       12) Eine UNO-Studie  von 1972  schätzte den  Anteil der militäri-
       schen Forschung  auf 40%;  eine Folgestudie  von 1981 spricht von
       20-25%. Eine  nicht beendete Spezialstudie der UNO von Anfang der
       80er Jahre  ging von rund 60 Mrd. $ Ausgaben aus, S. Rilling, R.,
       Science Policy and Military R&D, New York 1988, S. 3.
       13) Das "1987  Yearbook on  World Armaments  and Disarmament" des
       SIPRI schätzte,  daß die  Weltausgaben für militärische Forschung
       ungefähr ein  Viertel der Weltausgaben für Forschung und Entwick-
       lung betragen  und 1986 bei rund 85-100 Mrd. $ im Jahr lagen. Von
       den 4 Millionen Wissenschaftlern und Ingenieuren unseres Planeten
       sind danach  wahrscheinlich über eine 3/4 Million in der Militär-
       forschung beschäftigt.  Berücksichtigt man die weiteren Mitarbei-
       ter, arbeiten  vermutlich mindestens  11/2 Millionen  Menschen in
       der Rüstungsforschung.
       14) Vgl. Lichtenberg,  F.R.,  The  Relationship  between  Federal
       Contract R&D  and  Company  R&D,  in:  American  Economic  Review
       2/1984.
       15) Vgl. Rilling,  Militärische Forschung,  a.a.O.; die  American
       Association for the Advancement of Science hat daraufhingewiesen,
       daß 1/4 bis 1/3 der Ausgaben der USA für Rüstungsforschung außer-
       halb des  Forschungsbudgets des  DoD verausgabt werden, vgl. AAAS
       (ed.), AAAS-Report  VI, Washington  1981, S. 97ff.; s.a. Long, F.
       A., Reppy,  J., The  Decision Process  für U.S. Military R&D, in:
       Tsipis, K.,  Janeway, P.  (ed.): Review of U.S. Military Research
       and Development 1984, Washington 1984, S. 6f.
       16) Bernal, Social  Function, S. 195. Auch wenn im übrigen 1985/7
       dieser Wachstumszyklus  abgeflacht ist - eine Umkehr ist nicht in
       Sicht.
       17) Die Übernahme dieser Funktion gehörte zum Legitimationsmuster
       der Aufbauphase  der Rüstungsforschung in der Bundesrepublik seit
       1956. Real  war der  Rüstungssektor der BRD ökonomisch zu schwach
       und technologisch  zu sehr  von den  USA abhängig, um eine solche
       Führungsrolle spielen  zu können.  Zur ökonomischen  Funktion der
       Rüstungsforschung gehört  im übrigen  auch die so selten themati-
       sierte ökonomische Kriegsführung.
       18) Vgl. Lichtenberg, Relationship, der zeigt, daß im Unterschied
       zur privat  finanzierten die  staatlich finanzierte Industriefor-
       schung wenig  oder kaum  Wirkungen auf das Produktivitätswachstum
       hatte. Vgl.  auch Lichtenberg.  F.R., Crowding out: the Impact of
       the Strategie  Defense Initiative on U.S. Civilian R&D Investment
       and Industrial  Competitiveness,  Columbia  University,  February
       1988; Reppy.  J., Technology  and Trade: Does Military R&D make a
       Difference? Paper  for the NATO Workshop on the Relationship Bet-
       ween Defence  and Civil Technologies, 21 -25.9.1987, Sussex; Kal-
       dor. M.,  Sharp, M.,  Walker. W.,  Industrial Competitiveness and
       Britan's Defence,  in: Lloyds  Bank Review,  Oct. 1986, S. 31-49;
       Kaldor, M., Walker, W., Military Technology and the Loss of Indu-
       strial Dynamism,  (MS) Sussex  1988; Stowsky,  J.. Competing with
       the Pentagon,  in: World Policy Journal 4/1986, S. 697 ff.; Fong,
       G.R., The  Potential for Industrial Policy: Lessons from the Very
       High Speed Integrated Circuit Program, in: Journal of Policy Ana-
       lysis and  Management 2/1986, S. 264 ff.; Reppy, J., Military R&D
       and Technology Gaps in Trade, in: Lucid T. u.a. (Hg.). The Econo-
       mic Consequences  of Military  Spending in  the United States and
       the Soviet  Union, New  York 1987, S. 52 ff.; Markusen, A.R., The
       Militarized Economy,  in: World Policy Journal 3/1986, S. 500 f.;
       McNicol, D.L.,  Defense Spending  and the  United States Economy,
       in: Lucid, Consequences, a.a.O., S. 38 ff.
       19) Die Verschiebung  in Japan  ist noch relativ geringfügig, die
       in der BRD zunehmend dramatisch. Hier sind die Ausgaben für mili-
       tärische Forschung  zwischen 1982  und 1987 von ca. 3 Mrd. DM auf
       rund 7  Mrd. DM  gestiegen (ca.  12% des Gesamtbudgets Forschung,
       etwa  1/4  der  Staats-  und  rund  1/3  der  Bundesausgaben  für
       Forschung und  Entwicklung). Allein die vom Bundesministerium der
       Verteidigung (BMVg)  ausgewiesenen Ausgaben  (1988: 2,8  Mrd  DM)
       sind gegenüber  1982 (=  100)  auf  166%  (1987)  gestiegen,  die
       zivilen FuE-Ausgaben  des Bundes  dagegen nur auf 111%. Da 1982/8
       bereits  über   31%  der   zusätzlich  zur  Verfügung  gestellten
       Forschungsmittel in  den militärischen  Sektor flössen, stieg der
       Anteil dieser  offiziell ausgewiesenen  Ausgaben für militärische
       Forschung am  Bundesbudget Forschung  zwischen 1982  und 1988 von
       14,5%   auf   ca.   20,2%.   In   diesem   Zeitraum   wurde   die
       Rüstungsforschung zum  wichtigsten Förderungsbereich  des Bundes.
       Zugleich entwickelte  sich das  BMVg zur  wichtigsten Quelle  der
       Forschungsmittel des  Bundes für  die Industrie:  sein Anteil  an
       diesen Mitteln stieg von 20% (1982) auf 40% (1988), vgl. Rilling,
       R., Military R&D S. 7 ff.
       20) Bernal, Social Function, S. 186.
       21) Bernal, Social Function, S. 187 f.
       22) Vgl. Albrecht,  U., Was  ist das  Spezifikum der Rüstungsfor-
       schung?, in:  Buckel, W.  u.a. (ed.),  Rüstungsforschung, Marburg
       1988, S. 5-8; Rilling, R., Militärische Forschung in der BRD, in:
       Blätter für deutsche und internationale Politik 8/1982, S. 947.
       23) BMFT (Hg.),  Bundesbericht Forschung  1984, 10. Dt. Bt., Drs.
       10/1543, S.  21. Die  Überschätzung der ökonomischen Relevanz der
       "High Tech"  durch das  militärische FuT-Management ist beträcht-
       lich, vgl.  Thompson, Ch.,  Defining High  Technology Industry: a
       Consensus Approach, Prometheus 2/1987, S. 237-262.
       24) Nachgezeichnet in:  Rilling, R.,  Konsequenzen der "Strategie
       Defense Initiative"  für die  Forschungspolitik, in:  Blätter für
       deutsche und internationale Politik 6/1985.
       25) Office of the Under Secretary of Defense and Engineering: Re-
       port of  the Defense  Science Board  Task Force on University Re-
       sponsiveness to National Security Requirements, January 1982, in:
       Committee on  Armed Services,  House of Representatives: Hearings
       on Military  Posture and  H.R. 5968, DoD Authorization for Appro-
       priations for  Fiscal Year  1983, House,  97th Congr., 2nd Sess.,
       Pt. 5, R&D, Washington 1962, S. 305.
       26) "Die USA  haben ihre Führung in vielen ausgereiften Technolo-
       gien, auf  denen unsere industrielle Basis und militärische Macht
       aufgebaut ist, verloren. Die Drohung eines vergleichbaren strate-
       gischen Verlustes  droht nun  in der  Elektronik-, Computer-  und
       Softwareindustrie. Dies darf nicht passieren ... (es ist) Führung
       in diesem  Feld ausschlaggebend  für weitere militärische Überle-
       genheit und, vielleicht, sogar weltwirtschaftliche Führung", DoD,
       Software Technology  for Adaptable, Reliable Systems (STARS) Pro-
       gram  Strategy,  in:  ACM  Sigsoft  Software  Engineering  Notes,
       2/1983, S.  VIII, S.  1. Seit  Mitte der 70er Jahre wird man sich
       bei jedem  neuen Rüstungsprogramm  fragen müssen,  welches  Motiv
       wohl dominiert:  die militärische  Überwältigung der  Sowjetunion
       oder das ökonomische Niederkonkurrieren Japans. Das Ende der 70er
       Jahre initiierte  Programm zur  Entwicklung superschneller minia-
       turisierter Schaltkreise  (Very High  Speed Integrated Circuits -
       VHSIC-Programm), wichtige  Elemente der  "Strategie Computing In-
       itiative" (1982),  das Projekt  zum Aufbau  eines halbstaatlichen
       Halbleiterkonsortiums "Sematech"  (1986/7) und  die "Defense  Ma-
       nufacturing Initiative"  (1987) stehen  für solche  Bestrebungen,
       mit den  Mitteln der Rüstungspolitik industriepolitische Ziele zu
       erreichen.
       27) Bernal, Social Function, S. 195 (Hervorh. R.R.).
       28) Zahlreiche Beispiele dazu in Rilling, Militärische Forschung,
       a.a.O. Das SDI-Programm etwa fragt nur, wie sowjetische Gegenmaß-
       nahmen gegen  SDI mit  neuen Offensivmaßnahmen und einer Entwick-
       lung der  (offenbar beträchtlichen)  offensiven  Fähigkeiten  des
       SDI-Systems begegnet  werden  kann  -  "Der  Zyklus  ist  endlos"
       (Waller, D.C.,  Bruce, J.T.,  SDI: Progress  and Challenges. Part
       Two, Washington 1987, S. 13).
       29) In der BRD höchstens 3% der Bundesmittel für Forschung.
       30) Überraschenderweise sind  in den  USA, Großbritannien und der
       BRD die  High-Tech-Rüstungsindustrien weit  überwiegend im  Süden
       konzentriert.
       31) 1985 gingen  über 45%  der Ausgaben  des DoD für Projekte der
       Grundlagenforschung in fünf Disziplinen.
       32) Schon Bernal/Cornforth,  Wissenschaft,  vermerkten,  daß  die
       Ausgaben für militärische Forschung "hauptsächlich der Waffenent-
       wicklung" (S.  42) dienten.  Der Anteil für militärische Grundla-
       genforschung am FuT-Budget des DoD liegt rund 1/3 bis 1/4 niedri-
       ger als der Anteil der Grundlagenforschung am nationalen FuT-Bud-
       get. Für  Entwicklungsarbeiten gibt das DoD den zehnfachen Betrag
       aus, als  im zivilen  Bereich dafür  ausgegeben wird. Zum starken
       Wachstum der DoD-Mittel für angewandte Forschung an den Hochschu-
       len seit 1977 vgl. Krinsky, R., Swords and Sheepkins: Militariza-
       tion of  Higher Education  in the  United States and Prospects of
       its Conversion,  in: Bulletin  of Peace  Proposals 1/1988, S. 38.
       Das Verteidigungsministerium  der BRD gibt den Anteil seiner Mit-
       tel für  Grundlagenforschung für  das Jahr  1986 mit ca. 0,3% an,
       wogegen der  Anteil der Grundlagenforschung am zivilen Bundesbud-
       get Forschung  rund 34% betragen soll, s. BBF VII, S. 60; BBF IX,
       S. 80. Die englische Regierung erklärt, keine militärische Grund-
       lagenforschung durchzuführen.  Andererseits gehört  das DoD mitt-
       lerweile zu  den drei  wichtigsten Finanziers  der Grundlagenfor-
       schung. Zum  Bedeutungswachstum der  militärischen Grundlagenfor-
       schung s. DoD, Basic Research Program, Washington 1985 sowie Ril-
       ling, R., Konsequenzen der "Strategie Defense Initiative" für die
       Forschungspolitik, Blätter  für deutsche und internationale Poli-
       tik 6/1985.
       33) Ein Bericht  des Office of Technology Assessment stellt fest:
       "The class  of technologies important for national defense is far
       too narrow  to provide  consistent and cost effective support for
       the nation's commercial industries" (Discover 1/1987, S. 98).
       34) Dieser Begriff  wurde entwickelt von Kurth, J. A., Why We Buy
       the Weapons We Do, in: Foreign Policy 11/1973, S. 33-56.
       35) Während die  Elektronisierung der  zivilen Technik kostenspa-
       rende Effekte  hatte, ist  die Inflation im militärischen Bereich
       ungebrochen, vgl.  Aviation Week  & Space Technology v. 4.7.1988,
       S. 16f.
       36) Vgl. Defense  Monitor 3/1987; Bontrup, H.-J., Voß, W., Renta-
       bilitätsuntersuchungen im  Rüstungsbereich und Veränderungsanfor-
       derungen an  das Preisrecht, in: WSI-Mitteilungen 9/1987, S. 543-
       551; Bontrup,  H.-J., Voß, W., Rüstungsproduktion - ein Bombenge-
       schäft? in: S+F 5/1987, S. 227-233. Dieselben Unternehmen, welche
       in den  USA die  großen Offensivwaffensysteme produzieren, versu-
       chen mit SDI in das 'völlig neue Geschäft' (Utgoff) der strategi-
       schen Defensive  einzusteigen, das  eine riesige Anlagesphäre für
       das Rüstungskapital in den 90er Jahren eröffnet. Für diesen Markt
       der defensiven  Rüstung gibt es womöglich nicht nur aktuell keine
       Alternative: es gibt Anhaltspunkte, daß sich die Technologie sol-
       cher Dinosaurier  unter den  Offensivwaffensystemen (MX, Trident,
       Midgetman etc.)  erschöpft hat  und uns  mit SDI  in den nächsten
       Jahrzehnten die technologischen Kolosse der Defensivgroßwaffensy-
       steme ins  Haus stehen.  S.a. Kotz,  N., Wild Blue Yonder. Money,
       Politics and the B-1 Bomber, New York 1988.
       37) Vgl. MacKenzie,  D., Science  and Technology  Studies and the
       Question of  the Military, in: Social Studies of Science, 2/1986,
       S. 361-371.
       38) Der Haushaltsvoranschlag  des DoD  für 1989  sah eine Zunahme
       des "Black  Budget" um  28% auf 35 Mrd. $ (1981: 5,5 Mrd. $) vor,
       so daß  damit 25% des Forschungsbudgets des DoD geheim wären. 37%
       des  Forschungsbudgets  der  amerikanischen  Luftwaffe  war  1988
       geheim (Philadelphia  Inquirer  v.  23.2.1988,  S.  3;  AW&ST  v.
       6.6.1988, S.  83; Rilling,  R., SDI  und Black  Budget,  Informa-
       tionsdienst Wissenschaft  und Frieden 2/1987, S. 20-22). Zwischen
       1979 und  1983 wurden  von 123 228  Reports des  Pentagon nur 54%
       frei verbreitet,  13% dagegen  waren  geheim  und  33%  in  ihrer
       Verbreitung beschränkt,  vgl. Science  v. 4.5.1984.  Militärische
       Instanzen  haben  im  übrigen  wenig  Interesse  am  Technologie-
       transfer: nicht einmal ein halbes Prozent der Wissenschaftler und
       Ingenieure, die  in DoD-eigenen  Laboratorien arbeiten,  sind mit
       Technologietransfer befaßt.
       39) Rüstung und  Militärausgaben produzieren  weder  Konsumgüter,
       deren gegenwärtige  Vernutzung die  menschliche Arbeitskraft wie-
       derherstellt, noch  Produktionsmittel, die  zur Akkumulation die-
       nen, welche  künftige Lebensbedingungen sichern kann; ebensowenig
       tragen sie  zur Ausdehnung oder Verbesserung der materiellen oder
       wissenschaftlichen Infrastruktur  bei. Rüstungsprodukte verlassen
       vielmehr den ökonomischen Kreislauf und vermindern ganz prinzipi-
       ell die  Möglichkeit der  Gesellschaft, ihr materielles Lebensni-
       veau zu  verbessern. Sie  sind nichtreproduktive Waren, woran da-
       durch nichts geändert wird, daß die Rüstung unter den Bedingungen
       einer kapitalistischen  Erwerbsgesellschaft als  produktiv  gilt,
       sofern sie Kapital profitabel verwertet, vgl. Huffschmid, J., Ka-
       pitalismus und  Rüstung -  Die ökonomischen  Aspekte bei Marx und
       die heutigen  Probleme, in:  IMSF-Jahrbuch,  Sb  1,  Frankfurt/M.
       1982, S. 130 ff.
       40) Als Gebiete  "militärisch relevanter  Forschung" werden beide
       bezeichnet von Brooks, H., Impact of the Defence Establishment on
       Science and Education, in: U.S. House of Representatives, Subcom-
       mittee on  Science, Research  and Development of the Committee on
       Science and Astronautics, 91st U.S. Congress, 2nd Sess., National
       Science Policy, Washington 1970. Zur Frühgeschichte vgl. Rilling,
       R., Academia  Militans. Die  neue Militarisierung  der amerikani-
       schen Hochschulen.  EASt 3/1985,  S. 425  ff. sowie Task Force on
       Science Policy,  Committee on  Science and Technologiy U.S. House
       of Representatives,  99th Congr.,  2nd. Sess., Science Support by
       the Department  of Defence,  Washington 1987. Zur Delegitimierung
       der militärischen  Atomforschung nach Kriegsende, die ihre Umeti-
       kettierung einleitete  vgl. Boyer,  P., By the Bombs Early Light.
       American Thought  and Culture  at the Dawn of the Atomic Age, New
       York 1985.  Nach Angaben  des US-Bundesrechnungshofes  galten be-
       reits 1983 nur noch 71,8% des NASA-FuE-Budgets ausschließlich zi-
       vilen Vorhaben,  20,5% dienten ausschließlich militärischen Zwec-
       ken, weitere  7,7% betrafen  sowohl zivile  als auch militärische
       Forschung. Die  NASA  selbst  gab  an,  daß  66,3%  ihrer  Mittel
       zugleich ziviler  und militärischer  Forschung dienten,  vgl. GAO
       (Ed.), Analysis of NASA's Fiscal Year 1983 Budget Request for Re-
       search and  Development to  Determine the  Amount  that  Supports
       DOD's Programs, MASAD-82-33, Washington 1982.
       41) Vgl. Boyer, Bombs, a.a.O., Sylves, R.T., The Nuclear Oracles,
       Ames 1987.  Freilich finden  sich auch hier verbreitet Formen der
       Verharmlosung, Ignorierung  und "offensiven" Akzeptanz auch kata-
       strophaler Folgen,  die wir  aus der  politischen Kultur  der Rü-
       stungsforschung kennen.
       42) Praktische Tests  der Militärtechnik  bewirken  Innovationen:
       der Vietnam-Krieg,  die Kriege  im Nahen  Osten und der Falkland-
       Krieg haben  die Übernahme  technischer Innovationen  (Herbizide,
       Lenkwaffen, Aera Destruction Munition) beschleunigt.
       43) Das der Ausprägungsgrad dieser Strukturidentität beträchtlich
       differiert, zeigt  ein Vergleich  der "militarisierten" Atomindu-
       strie Frankreichs  mit jener  der BRD. Zum Schnellen Brüter Super
       Phönix vermerkte General Jean Thiry, Berater des geschäftsführen-
       den  Direktors   der  französischen   Atomenergiekommission  CEA:
       "France will  be able  to build  atomic weapons  of all kinds and
       within every  ränge. At relatively Iow cost, she will be in a po-
       sition to  produce large  quantities of  such weapons,  with fast
       breeders providing  an abundant supply of the plutonium required.
       Lucky Europe and lucky France - at long last in a position to en-
       gage in  an enlarged  deterrent of  their own  thus  guaranteeing
       their security", zitiert bei de Perrot, M., Commercial Fast Bree-
       ders: Towards  an Integrated European Force, in: Groupe de Belle-
       rive, European  Security. Nuclear and Continental Defence, London
       1984, S.  46. Doch  auch in  der BRD ist die zivile Unwirtschaft-
       lichkeit der  Nuklearenergie horrend, wie der Schnelle Brüter und
       die Wiederaufbereitungsanlage  in Wackersdorf  zeigen  -  "second
       thoughts" in  Richtung militärische Anwendung lassen grüßen, vgl.
       U. Schelb (Hb.), Reaktoren und Raketen, Köln 1987.
       44) Supersysteme entwickeln  sich  schrittweise  über  Jahrzehnte
       hinweg. Einzelteile  haben daher  immer differierende technologi-
       sche Niveaus  und passen  nicht ineinander,  es gibt immer wieder
       inkompatible Verbindungsglieder  zur  Umwelt  (Energieversorgung,
       Computerhard- und Software usw.). Daher ist beim Entwurf und erst
       recht beim tatsächlichen Aufbau solcher Systeme von großer Bedeu-
       tung zu  wissen, wie die einzelnen Systembestandteile miteinander
       verbunden sind,  wieweit sie  gereift sind, was sie bewirken, wie
       sie mit  Folgeschritten verknüpft  sind -  gehen hier doch äußere
       und innere  Gefährdungszonen ineinander  über. Vgl. allgemein die
       ausgezeichnete Studie  von Perrow, Ch., Normale Katastrophen. Die
       unvermeidbaren Risiken der Großtechnik, Frankfurt/New York 1988.
       45) Zur Tradition  der Durchsetzung nicht nur militärischer, son-
       dern auch  quasiziviler Großtechnologien  gehört eine "utopische"
       Phase, die  ausgestattet ist mit Visionen und Versprechungen über
       die mythischen Fähigkeiten der in Frage stehenden Technologie: da
       betreten Männer  den Mond und erobern das All, Flugzeuge umrunden
       den Globus  in zwei Stunden, Maschinen machen das Land unverwund-
       bar, gute  Technologien heilen die Wirtschaftsgebrechen. Die SDI-
       Rhetorik war  voll solcher beeindruckender, zeitgemäß computersi-
       mulierter Projektionen, phänomenaler Kill-Ratios, technologischer
       Sprünge, fabelhafter  spin-offs. Die  Nation sollte  hinter einem
       neuen großen  Aufbruch ("High  Frontier") gesammelt werden. Zudem
       gab die  notorische Vagheit  solcher Visionen  großzügig Raum für
       die vielen  Industrieprojekte. Doch  - die  unerfreuliche Überra-
       schung gehört  zu diesem  Entwicklungsmuster. Das notwendige Ende
       der rosigen Zeiten ist absehbar. Überambitionierte Zeitpläne wer-
       den nicht eingehalten, Fehler und Risiken eingestanden, Standards
       gesenkt, Kosten überschritten, Mythen erschöpfen sich, Ziele wer-
       den revidiert  - kurz: die Einmischung der Realität wird spürbar.
       Eine Erneuerung  der ursprünglichen Vision und des daran geknüpf-
       ten Konsenses  als Ausweg  aus der  Legitimationskrise ist selten
       möglich, erreicht  werden kann  bestenfalls noch  Akzeptanz, also
       Hinnahme ohne Zustimmung. Gegenüber der visionär abgestützten Mo-
       bilisierungspolitik treten  bürokratische Politiken  der Mäßigung
       stärker  in   den  Vordergrund.   Zweierlei   wird   unternommen:
       "realistische", dem  Publikum vertraute Ersatzziele mit reduzier-
       tem Anspruch  werden propagiert (im Falle SDI: "Perfektionierung"
       statt "Abschaffung"  der  Abschreckung;  SDI  als  "Versicherung"
       nicht gegen  300 000, sondern 1-2 Flugkörper, von Atomterroristen
       oder aus  Irrtum abgefeuert).  Die alte Zielsetzung wird aufgege-
       ben. Die  Traditionalität der  Technologie und  ihre Nützlichkeit
       für sekundäre  Ziele -  z.B. Luftverteidigung, konventionelle Rü-
       stungstechnologien -  wird betont (so publizierte die SDI-Organi-
       sation Anfang  Mai 1987  einen Bericht über die Spin-Offs von SDI
       für die konventionelle Rüstung).
       46) Walker, W.,  Graham, M., Harbor, B., From components to inte-
       grated Systems:  technological diversity and interactions between
       the military  and civilian  sectors, in:  Gummett, P.,  Reppy, J.
       (Hg.), The  Relations between Defence and Civil Technologies, Ni-
       jhoff 1988.
       47) Das extremste  Konzept eines  militärischen Supersystems  ist
       SDI: ein  Supersystem, ein  Aggregat von Systemen mit Hunderttau-
       senden von  Verbindungselementen, die  über riesige geographische
       Gebiete miteinander verknüpft sind. Dieses technische Supersystem
       unterscheidet sich  von traditionellen  technischen Supersystemen
       (Telekommunikation, Flugkontrollsysteme, Transport, Energie usw.)
       in vierfacher  Hinsicht: (1) Ort und Ausdehnung der Stationierung
       (Weltraum) wie  der durch  den Stand  der Militärtechnik bzw. die
       vorgegebene Aufgabenstellung  bedingte Zwang zur extrem schnellen
       Reaktion erfordern,  daß SDI  hochgradig automatisiert  sein muß.
       (2) Anders  als die  genannten technischen  Supersysteme muß  SDI
       nicht bloß  unter u.U.  komplizierten Bedingungen  funktionieren,
       sondern (als  militärisches System)  unter der Bedingung bewußter
       Attacke überleben.  (3) Diese  Faktoren erfordern eine um mehrere
       (!) Größenordnungen  höhere technische Leistungsfähigkeit des Sy-
       stems und  seiner Komponenten.  Zum Beispiel  sollen die Sensoren
       hinsichtlich der Härtung, Auflösung und Signalverarbeitung minde-
       stens 100fach  bessere Leistungsparameter  realisieren als heute,
       ebenso die  Systeme der  Datenverarbeitung hinsichtlich ihrer Mi-
       niaturisierung, Geschwindigkeit, Energieversorgung, Gewicht, Här-
       tung, Verläßlichkeit  usw. (4) Der Unterschied zwischen einem de-
       fensiven und  einem offensiven  System ist, wie Newsweek anschau-
       lich erläuterte, der "zwischen dem Bau eines Maschinengewehrs und
       dem Bau  eines  rechnergesteuerten  Abwehrsystems,  das  Soldaten
       schützen würde,  indem  es  feindliche  Maschinengewehrkugeln  im
       Chaos einer  umfassenden Schlacht  ortet, verfolgt und zerstört."
       (Newsweek v. 17.6.1985). Da SDI aber offensive wie defensive Auf-
       gaben wahrnehmen  soll, ist es noch weit komplexer als andere mi-
       litärische Systeme.  Als ein globales, Singular komplexes techni-
       sches Supersystem soll es eine über vier Jahrzehnte installierte,
       um die  Nuklearwaffen zentrierte  weltweite militärtechnologische
       Großstruktur und  die dazu  gehörende Militärstrategie bzw. -dok-
       trin umwälzen. Ihm wird aufgelastet, das vier Jahrzehnte alte mi-
       litärische Schlüsselproblem  des Nuklearzeitalters  zu lösen: wie
       unter der  historisch beispiellosen  Aussicht, nicht  allein  den
       Gegner, sondern  auch sich  selbst zu vernichten, noch (Nuklear-)
       Kriege unter  akzeptablen Bedingungen geführt und dadurch politi-
       sche Ziele  erreicht werden können. SDI soll als "defensive" Ver-
       teidigung eine  tragbare  Schadensbegrenzung  gewährleisten.  Der
       Zweck von  SDI ist  nicht, Nuklearwaffen  "überflüssig" (Reagan),
       sondern sie militärisch brauch- und damit politisch handhabbar zu
       machen. Hier wird ganz in der Tradition eines militärischen Tech-
       niktriumphalismus eine nichtrealisierbare Anforderung formuliert.
       Das SDI-Programm  operiert daher  in der Situation funk-tioneller
       Überforderung: eine Streßtechnologie.
       48) Undurchführbar ist  daher die "Einführung von Henry Fords Me-
       thoden der Massen- und Fließbandproduktion", die von der amerika-
       nischen SDI-Organisation  für ihr  Projekt beschworen  wird, vgl.
       Waller, D. u.a., SDI: Progress and Challenges ("Proxmire-Report")
       Washington 1986, S. 53.
       49) Die formelle  Forschungsplanung der  Bundeswehr definiert den
       Technologiebedarf nach "Systemvarianten" - genannt Leitkonzepte -
       von denen es 1987 14 gab (z.B. Kampfpanzer- und fahrzeuge, Starr-
       flügler, Drehflügler, Überwasserkampfschiffe und -boote, U-Boote,
       Fernmeldesysteme, Aufklärungssysteme  etc.) denen sog. "technolo-
       gische Elemente" zugeordnet werden.
       50) Es "stellt  die militärische Logistik ein durchaus eigenstän-
       diges Feld  dar, wie  es in  solchem Umfang  und Aufbau nirgendwo
       sonst vorkommt", Oesterer, D., Handelsübliches Gerät für die Bun-
       deswehr, Jahrbuch der Wehrtechnik 16, Koblenz 1986, S. 125.
       51) Oesterer skizziert  am Beispiel  des Rechners MR 80-20 Unter-
       schiede zwischen  der zivilen und der militärischen Version: wäh-
       rend bei der zivilen Version der Spielraum der Betriebstemperatur
       von 0  bis +40 Grad reicht, geht er bei der militärischen Version
       von -40 bis +55 Grad. Die Werte für Schockfestigkeit lieben bei 8
       bzw. 30-40,  der Preisfaktor  bei 1  bzw. 3  (Oesterer, Gerät, S.
       129).
       52) Vgl. Rilling, R., Zur Politischen Ökonomie des SDI-Programms,
       in: WSI-Mitteilungen 9/1987.
       53) Das neue  Kampfflugzeug der Grumman Corp, hat bewegliche Flü-
       gel, was ihm eine große Beweglichkeit bei Luftkämpfen gibt. Luft-
       kämpfe im zivilen Flugverkehr sind nun ausgesprochen selten. Auch
       die Stealth-Technologie,  die Flugzeuge unsichtbar macht, scheint
       hier  angesichts  der  zunehmend  extremen  Luftverkehrssituation
       reichlich kontraproduktiv. Röntgenstrahllaser könnten durchaus in
       der medizinischen Forschung oder zur Produktion von Computerchips
       verwandt werden;  die militärische  SDI-Entwicklungsvariante  des
       Lasers freilich  wird durch  Nuklearexplosionen in Gang gesetzt -
       welches Krankenhaus wird ständig im Keller Atombomben explodieren
       lassen? Weitere Beispiele sind Legion. So wurde im Apolloprogramm
       eine Farbe  entwickelt, die  so hitzebeständig  war, daß sie noch
       existierte, als  das Metall  schon geschmolzen war. Die Farbe war
       so teuer, daß sie zivil nicht genutzt werden konnte. Ein weiteres
       Beispiel ist  DIVAD (Division  Air Defense Gun). Hier sollte eine
       computergesteuerte automatische  Kanone  auf  das  Chassis  eines
       Kampfpanzers gepflanzt werden; man sagte den Ingenieuren, daß die
       Kanone innerhalb von 8 Sekunden Zielerkennung und -Unterscheidung
       und das  Abfeuern eines  ersten Feuerstoßes  leisten sollte. "Die
       Ingenieure waren  unschwer imstande, eine Waffe zu bauen, die all
       das in  zwölf oder  vierzehn Sekunden  erledigen konnte, doch die
       Zeit auf  acht Sekunden  zu reduzieren,  stellte sie  vor massive
       Probleme. 'Wir  hörten nichts  als acht  Sekunden, acht Sekunden,
       acht Sekunden'  sagte der  Designer von General Dynamics in einem
       Interview. 'Ich  weiß nicht,  wieviele extra Zehn-Millionen diese
       extra vier  Sekunden kosten'. Damit drückte er eine häufige Klage
       von Ingenieuren aus. So kommentierte ein Sonar-Designer, daß - um
       die letzten  zehn Prozent  einer militärischen Anforderung zu re-
       alisieren - oftmals soviel ausgegeben werde wie für die ersten 90
       Prozent." (Coates,  J., Kilian,  M., Heavy  Losses. The Dangerous
       Decline of American Defense, New York 1985, S. 169 /1970). Ähnli-
       che Beispiele:  Der M-1  Panzer verbrauchte  mehr als  4 Gallonen
       Treibstoff pro  Meile und  produzierte eine solche Hitze, daß die
       Truppen nicht  hinterhergehen konnten;  General Electric  entwic-
       kelte die  M-61A1 Vulcan  20-mm-Aerial Canon,  die imstande  war,
       fast 6 000  Feuerstöße in der Minute abzugeben - doch es gab kaum
       Flugzeuge, die  genügend Munition transportieren konnten, um län-
       ger als eine Minute zu feuern, ebd., S. 170, 222.
       54) Vgl. McDougall,  W.A., The Heavens and the Earth: A Political
       History of  the Space Age, New York 1986; Fallows, J., The Ameri-
       cans in  Space, in:  The New York Review v. 18.12.1986, S. 34 f.;
       Stares, P.B., Space Weapons and US Strategy: Origins and Develop-
       ment, London  & Sydney  1985; Korthals-Altes, S.W., The Aerospace
       Plane: Technological  Feasibility and Policy Implications, Report
       Nr. 15,  MIT, Cambridge  1986, S. 16-50; Zraket, C.A., Uncertain-
       ties in Building a Strategie Defense, in: Science v. 27. 3. 1987,
       S. 1600 ff.
       55) Diese Praxis  hat Tradition: am 3. September 1908 erstand die
       Regierung der  Vereinigten Staaten  ihr erstes  Flugzeug, das von
       den berühmten  Gebrüder Orville  und Wilbur  Wright gebaut wurde.
       Der Auftrag  erging - ohne öffentliche Konkurrenz-Ausschreibung -
       vom U.S.  Army Signal  Corps. Anders  als das  erste Flugzeug der
       Brüder, das  bekanntlich vorwiegend aus Fahrradteilen hergestellt
       worden war  und rund  800 $ gekostet hatte, wurde dieses Flugzeug
       entsprechend den  Anforderungen der  Army entworfen. Die Kosten -
       unter Einschluß  von 5 000 $ Bonus für die Wrights, damit sie ihr
       Zeitlimit einhielten  - beliefen  sich auf  30 000 $. Während des
       Tests der  Maschine gab es einen Schwerverletzten und einen Toten
       (vgl. Coates,  Kilian, Heavy  Losses, S. 236). Noch ein aktuelles
       Beispiel: die  Entwicklung der  Bundeswehr-Hundehütte, in die An-
       forderungen der  Tierärzte, Sanitäter  und Umweltschützer eingin-
       gen, kostete 35 000,- DM, vgl. Wehrtechnik 5/1987, S. 20.
       56) Das zivilindustriell-technologische Entwicklungsparadigma Ja-
       pans scheint  hier eindeutig überlegen: Japan hat nach OECD-Anga-
       ben zwischen  1965 und  1985 seinen Anteil am Weltmarkt der Elek-
       tronik von  13% auf  42% (!) gesteigert; im Bereich der Konsumgü-
       terelektronik stieg  sein Anteil  von 37%  auf über  85%. Da  der
       Elektronikanteil am  DoD-Budget schon  seit längerer Zeit bei 40-
       50% liegt,  scheint die  zivilindustrielle Relevanz  der Militär-
       elektronik begrenzt zu sein, vgl. AW&ST v. 30. 5. 1988, S. 72.
       57) Der Militäranteil an der amerkanischen Luft- und Raumfahrtin-
       dustrie stieg  von 35 v.H. (1979) auf ca. 45 v.H. (1987). Die von
       der Regierung  vor allem  nach dem  Challenger-Unfall  betriebene
       Privatisierung der Raumfahrtindustrie und -politik hat die Bedeu-
       tung der  amerkanischen Weltraumbehörde  NASA geschwächt  und die
       neue Symbiose der US-Raumfahrtindustrie mit dem Militär beschleu-
       nigt. Als  Anfang der  60er Jahre  von Kennedy das Apollo-Projekt
       zur Landung  eines Amerikaners  auf dem  Mond begonnen wurde, lag
       das militärische Weltraumbudget des Pentagon noch bei einem Drit-
       tel des  NASA-Etats. Zum  Amtsantritt Reagans  hatte  es  bereits
       gleichgezogen, heute  übertrifft es  mit 15  Mrd. $ den NASA-Etat
       (7,5 Mrd.  $) um  das Doppelte.  Militärische Programme  der NASA
       selbst gewinnen  an Gewicht.  Auf der  Ebene der  Gesamt- wie der
       Teilstreitkräfte wurden neue zentrale Weltraumkommando- und koor-
       dinierungsorgane aufgebaut. Mit der SDI-Organisation entstand ein
       eigener staatlicher Funktionsmechanismus für die Weltraumrüstung,
       in Colorado Springs entsteht ein riesiges Weltraumrüstungs-Agglo-
       merat. Zur  Entwicklung der  Weltraumpolitik insgesamt vgl. Forum
       Wissenschaft 3/1987.
       58) Vgl. Domke, D., Politik, Militär, Industrie, Informatik: Bei-
       spiel  Supercomputer,  in:  Informationsdienst  Wissenschaft  und
       Frieden 2/1988, S. 9-14.
       59) In die gegenwärtig bedeutendsten 13 High-Tech-Programme Euro-
       pas, Japans  und der  USA werden  1990 etwa  60 - 70 Mrd. $ inve-
       stiert werden - das entspricht dem Gesamtbudget Forschung der USA
       des Jahres  1981, s.  Pianta, M., High-Technology Programmes: For
       the Military  or for the Economy, in: Bulletin of Peace Proposals
       1/1988, S. 56.
       60) Vgl. Lichtenberg,  ER., Assessing the Impact of Federal Indu-
       strial R&D  Expenditure on  Private R&d  Activity, Paper  for the
       NATO Advanced  Research Workshop  on The Relationship Between De-
       fence and Civil Technologies, Sussex, 21.-25.9.1987.
       61) Die seit Ende der 50er Jahre relativ großen Anteile der Medi-
       zin an  den nationalen  FuE-Budgets haben  mit einer solchen for-
       schungspolitischen Schwerpunktsetzung  wenig zu  tun:  hier  wird
       großenteils der  klinische Normalbetrieb über Forschungsetats fi-
       nanziert.
       62) Krinsky, R.,  Swords and  Sheepkins: Militarization of Higher
       Education in  the United  States and Prospects of its Conversion,
       in: Bulletin of Peace Proposals 1/1988, S. 38.
       63) Vgl. Ahrweiler, G., Rilling, R. u.a., Dossier Forschungspoli-
       tik, in: Forum Wissenschaft 2/1988.
       

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