Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       Abrüstung in der Bundesrepublik -
       politische und ökonomische Aspekte
       
       STRUKTURELLE ANGRIFFSUNFÄHIGKEIT - ZU ZIELSTELLUNG UND INHALT
       =============================================================
       VON ABRÜSTUNG ZWISCHEN NATO UND WARSCHAUER VERTRAGSORGANISATION
       ===============================================================
       (WVO) IN EUROPA
       ===============
       
       Wolfgang Schwarz
       
       Es besteht heute eine sehr breite Übereinstimmung in Ost und West
       darüber, daß  mit dem  Beginn nuklearer Abrüstungsschritte im Er-
       gebnis des sowjetisch-amerikanischen Abkommens von Washington vom
       8. Dezember  1987 Fragen  der weiteren Entwicklung im Bereich der
       konventionellen Streitkräfte  und Rüstungen  der NATO und der WVO
       einen spürbar  höheren Stellenwert bekommen bzw. daß ein schritt-
       weiser Prozeß  umfassender  nuklearer  Abrüstung  der  parallelen
       Flankierung durch  entsprechende Maßnahmen im konventionellen Be-
       reich bedarf. Insbesonders muß man dabei, wie E. Honecker mit al-
       ler Klarheit  feststellte, davon  ausgehen, daß  es in "der Logik
       der Dinge liegt ..., daß mit dem Verschwinden der Mittelstrecken-
       raketen der UdSSR und der USA die konventionelle Abrüstung in den
       Vordergrund der europäischen Sicherheit rückt". 1)
       In diesem  Zusammenhang stellt  sich aus  heutiger Sicht als eine
       kardinale Frage  z.B. das Problem, daß verhindert werden muß, mit
       dem nunmehr  einsetzenden Prozeß nuklearer Abrüstung die Illusion
       - wo  auch immer - keimen zu lassen, daß dieser Prozeß eine Rück-
       kehr in  die Vergangenheit  brächte -  in die Ära der Führbarkeit
       und Gewinnbarkeit konventioneller Kriege.
       Der   B e g r i f f   I l l u s i o n  wird dabei bewußt gesetzt,
       weil eine  solche Rückkehr in die Vergangenheit  o b j e k t i v,
       d.h. unter  rationalen  Gesichtspunkten,  bereits  ausgeschlossen
       ist. In  Europa hat seit dem Ende des II. Weltkrieges die äußerst
       rasche und  sich weiter  beschleunigende Entwicklung  der wissen-
       schaftlich-technischen Revolution  sowohl im  Bereich der zivilen
       Produktivkräfte  als   auch  im   Militärwesen  zu  einem  ebenso
       g r u n d l e g e n d e n   wie   i r r e v e r s i b l e n   Um-
       schwung im  Hinblick auf  die zu  erwartenden  Folgen  und  damit
       zwangsläufig auf  die Führbarkeit  eines erneuten  raumgreifenden
       konventionellen Krieges  in den  Dimensionen der  vorangegangenen
       beiden Weltkriege  geführt: Ein  derartiger Krieg würde heute die
       Vernichtung der europäischen Zivilisationen nach sich ziehen. Das
       wäre wahrscheinlich bereits das Ergebnis der unvermeidlichen Zer-
       störung von  Kernkraftwerken sowie  von  anderen  kerntechnischen
       Einrichtungen und von großen Chemieanlagen, die in Europa jeweils
       nach Hunderten  zählen und  die aus unserem Kontinent eine atomar
       und chemisch  verseuchte Wüste machen könnten, ohne daß überhaupt
       nukleare und  chemische Waffen eingesetzt werden müßten. Ein eher
       noch gravierenderer Sachverhalt liegt aber auch in der existenti-
       ellen Abhängigkeit  der modernen  Industriestaaten in  Europa von
       der Versorgung  mit Elektroenergie. Fiele diese in einem Land wie
       der DDR  oder der BRD weitgehend aus, was für den Kriegsfall sehr
       wahrscheinlich wäre,  da es  dazu nicht einmal der Zerstörung von
       Kraftwerken, sondern  nur von  relativ wenigen zentralen Umspann-
       stationen der  nationalen Fernübertragungssysteme  bedürfte, dann
       wären nicht  nur nahezu  die gesamte Industrie und Landwirtschaft
       lahmgelegt, sondern  ebenso die Strom-, Trinkwasser- und Fernwär-
       meversorgung aller  an entsprechende Netze angeschlossenen priva-
       ten Haushalte  und gesellschaftlichen  wie sozialen Einrichtungen
       (Gesundheits- und Bildungswesen, administrative Behörden u.a.m.),
       die nationalen  Fernsprech- und sonstigen Nachrichtenverbindungen
       einschließlich Rundfunk  und Fernsehen, der gesamte Luft- und der
       größte Teil  des Schienen- und Straßenverkehrs usw. Die Folge da-
       von wären  ein nationales Chaos und die vollständige Desorganisa-
       tion der Gesellschaft. Allein dies genügt, um die Schlußfolgerung
       zu ziehen,  daß moderne  Industriegesellschaften im  Krieg  nicht
       überlebensfähig, d.h. kriegsuntauglich sind (und bleiben werden!)
       und daß daher nicht nur der nukleare, sondern auch der konventio-
       nelle Krieg zwischen NATO und WVO nicht mehr führbar ist.
       Dennoch sind Befürchtungen im Hinblick auf ein mögliches erneutes
       Anwachsen der  Gefahr eines  konventionellen Krieges in Europa im
       Zuge nuklearer Abrüstung berechtigt, solange konventionelle mili-
       tärische Potentiale  existieren, die  - basierend auf Erfahrungen
       der Kriegsgeschichte, insbesondere des II. Weltkrieges - auf eine
       raumgreifende offensive  Kampfführung im  Konfliktfall hin  opti-
       miert sind.  Solche Potentiale  gibt es derzeit, vor allem in der
       Zentralregion, auf  beiden Seiten; sowohl im Bereich der NATO als
       auch der  WVO. Obwohl  heute, wie der SPD-Sicherheitsexperte Kar-
       sten Voigt  aus der BRD zutreffend feststellte, "jede Seite weiß,
       daß die andere Seite keine  Angriffs a b s i c h t e n  hegt" 2),
       sind diese   P o t e n t i a l e  und die sich aus ihnen ergeben-
       den   O p t i o n e n   (im Sinne  von   Handlungs m ö g l i c h-
       k e i t e n)   eine permanente  Quelle  gegenseitigen  Mißtrauens
       zwischen beiden  Seiten,  das  auch  durch  die  Herstellung  und
       Gewährleistung eines  weitgehenden konventionellen Gleichgewichts
       zwischen WVO  und NATO  in der   h e u t i g e n    Struktur  der
       konventionellen  Streitkräfte   und  Rüstungen  allein  nicht  zu
       beseitigen wäre.  Horst Afheldt  entwickelte dazu folgenden, sehr
       zutreffenden  Gedankengang:  "Verhinderte  militärisches  Gleich-
       gewicht im  Sinne von  gleichen  militärischen  Fähigkeiten  nach
       geschichtlicher  Erfahrung   den  Krieg,   müßten   militärisches
       Gleichgewicht und  Krieg sich in der Geschichte ... ausschließen.
       Doch das  ist absolut nicht der Fall. Wir finden vielmehr militä-
       risches Gleichgewicht eng verkuppelt mit den längsten, schwersten
       und diese  Welt am entscheidendsten prägenden Kriegen." 3) In ei-
       ner ganzen  Reihe historischer  Beispiele findet sich bei Afheldt
       dann der  Verweis auf  den I.  Weltkrieg: "4  Jahre und  3 Monate
       Krieg, der in entsetzlichen Materialschlachten Millionen Menschen
       ... buchstäblich vernichtete, und der Eintritt einer außereuropä-
       ischen Macht  (Amerika) waren  nötig, um  endlich 1918  eine Ent-
       scheidung herbeizuführen. Ist ein 'besseres militärisches Gleich-
       gewicht' als  das im  jahrelangen Grabenkrieg demonstrierte über-
       haupt vorstellbar?"  4), fragt  Afheldt und gelangt zu folgender,
       bedenkenswerter Schlußfolgerung:  "Besteht ein  echtes  militäri-
       sches Gleichgewicht  und kommt  es zum Kriege, dann sind die Zer-
       störungen besonders  schwer, bis der Krieg endlich beendet werden
       kann." 5)
       Um einen entscheidenden Sachverhalt allerdings muß Afheldt meiner
       Auffassung nach ergänzt werden. In allen historischen Fällen han-
       delte es  sich nämlich  um militärische  Gleichgewichte  in  sich
       a n g r i f f s f ä h i g e r   konventioneller  Potentiale,  wo-
       durch den jeweiligen politisch-militärischen Führungen die Option
       der Entscheidung  zum Krieg  überhaupt erst  gegeben  wurde.  Ge-
       schichtlich ist  diese Entscheidung  ja bekanntlich  nicht selten
       sogar aus einer Situation numerischer konventioneller Unterlegen-
       heit des Angreifers gefällt worden, wie z.B. beim deutschen Über-
       fall auf die UdSSR 1941.
       Für den Fortgang des Abrüstungsprozesses im europäischen Raum ist
       daraus die doppelte Schlußfolgerung zu ziehen, daß  e r s t e n s
       - konventionelle  Rüstungsbegrenzung und Abrüstung ein Schlüssel-
       problem dieses Prozesses sind und  z w e i t e n s  - Rüstungsbe-
       grenzung und  Abrüstung im  konventionellen Bereich  auf eine Art
       und Weise  realisiert werden  müssen, daß dies zum beiderseitigen
       Abbau der vorhandenen Offensivpotentiale und -optionen führt. Die
       Zielprojektion muß  Stabilität  auf  der  Basis    s t r u k t u-
       r e l l e r   A n g r i f f s u n f ä h i g k e i t  sein, wie es
       in  dem   kürzlich  gemeinsam  von  SED  und  SPD  unterbreiteten
       Vorschlag für  eine "Zone  des Vertrauens  und der  Sicherheit in
       Zentraleuropa" formuliert wurde. 6)
       Damit stellt  sich die in politik- und zunehmend auch in militär-
       wissenschaftlichen Kreisen  in Ost und West mit wachsender Inten-
       sität diskutierte Frage, wie der Begriff  s t r u k t u r e l l e
       A n g r i f f s u n f ä h i g k e i t   zu  definieren  ist  bzw.
       welche Kriterien  ein entsprechendes  militärisches Potential  zu
       erfüllen hätte.
       Im Hinblick auf eine Definition muß meines Erachtens davon ausge-
       gangen werden,  daß in  der Militärtheorie im Bereich der WVO wie
       auch der  NATO bezüglich  der Ausdehnung  und Bewertung  von  An-
       griffshandlungen drei  Ebenen unterschieden  werden - es gibt den
       s t r a t e g i s c h e n  Angriff, den  o p e r a t i v e n  und
       den   t a k t i s c h e n.   Die   s t r a t e g i s c h e    An-
       griffsart soll den Krieg entscheiden; sie zielt auf die Zerschla-
       gung der kriegswichtigen Potentiale des Gegners und die vollstän-
       dige   Eroberung    seines   Territoriums.    Der   Angriff   der
       o p e r a t i v e n   Größenordnung erfaßt  demgegenüber in einem
       Kriegsgeschehen lediglich  einen größeren  Teil einer  Front. Das
       gilt, allerdings  in sehr  viel kleinerem,  im Verhältnis zum Ge-
       samtgeschehen eher  marginalen Maßstab,  auch für  den taktischen
       Angriff. Diese  Klassifizierung gilt  im übrigen  sowohl für  An-
       griffs- als  auch für  Gegenangriffsoperationen. Für die Herstel-
       lung gegenseitiger struktureller Angriffsunfähigkeit von NATO und
       WVO sind die beiden oberen Ebenen relevant,
       - weil  A n g r i f f s-  o d e r  G e g e n a n g r i f f s f ä-
       h i g k e i t  i m  s t r a t e g i s c h e n  B e r e i c h  die
       andere  Seite  in  ihrer  Gesamtsubstanz  als  Militärkoalitionen
       bedroht bzw.  - nach den militärgeschichtlichen Erfahrungen - sie
       für  den   Kriegsfall  eine  Zerschlagung,  d.h.  Niederlage,  zu
       gewärtigen hätte und
       - weil  durch     A n g r i f f s-     o d e r     G e g e n a n-
       g r i f f s f ä h i g k e i t   i m   o p e r a t i v e n    B e-
       r e i c h   zwar nicht  das gegenüberstehende Bündnis als Ganzes,
       aber doch  dessen "Frontstaaten" einer schwerwiegenden, u.U. exi-
       stentiellen Gefährdung ausgesetzt sind.
       Die Bedeutung  des zweiten Aspekts tritt besonders scharf am Bei-
       spiel der  DDR hervor. Die NATO behauptet von sich offiziell, auf
       "die Fähigkeit zur strategischen Offensive und die entsprechenden
       Planungen" verzichtet  zu haben und lediglich "zum taktischen und
       operativen Gegenangriff fähig" zu sein. 7) Obwohl die Richtigkeit
       des ersten  Teils dieser Aussage angesichts des Umfangs, der Aus-
       rüstung und  der Struktur der NATO-Streitkräfte vor allem in Zen-
       traleuropa aus  Sicht der  WVO grundsätzlich  in Frage zu stellen
       ist, muß  für die  DDR die Feststellung getroffen werden, daß al-
       lein  eine  Fähigkeit  zum  Angriff  oder  Gegenangriff  auf  der
       o p e r a t i v e n   Ebene, die  heute für Landstreitkräfte eine
       Tiefe von 80 bis 100 km und für Luftstreitkräfte von einigen hun-
       dert Kilometern  umfaßt, gegenüber der DDR praktisch auf eine In-
       vasionsfähigkeit und eine  s t r a t e g i s c h e  Bedrohung für
       den Fall eines militärischen Konflikts hinausläuft. Wenn die BRD-
       Regierung für die Bundesrepublik zu recht eine besondere Verwund-
       barkeit im Kriegsfall reklamiert, weil 30 Prozent der Bevölkerung
       und 25  Prozent ihres  Industriepotentials in  einem Streifen von
       nur 100  km entlang  der Grenze zur DDR und CSSR angesiedelt sind
       8), so  gilt das  für die  DDR in noch weit größerem Umfang, weil
       die entsprechenden Angaben für die DDR - angesichts eines um zwei
       Drittel kleineren Territoriums - noch entschieden höher liegen.
       Überlegungen, Vorschläge  und Maßnahmen  für die  Herstellung von
       struktureller Angriffsunfähigkeit  von NATO  und WVO müssen daher
       die Unfähigkeit  der militärischen   G e s a m t potentiale   auf
       beiden Seiten  in Europa,  vor allem  der sich unmittelbar gegen-
       überstehenden Kräfte,  zum Angriff  bzw. Gegenangriff  auf diesen
       beiden Ebenen - strategisch und operativ - meinen bzw. herzustel-
       len trachten.  Angriffsunfähigkeit, so verstanden, wäre letztlich
       gegeben, wenn  bestehende Streitkräfte  weder  überraschend  noch
       massiv grenzüberschreitend eingesetzt werden könnten. Drei Krite-
       rien sind meines Erachtens dafür von besonderer Bedeutung:
       E r s t e n s   - Die  Grundvoraussetzung sind militärisch strikt
       defensive Konzeptionen, die auf Kriegsverhütung und für den Fall,
       daß es  dennoch zu  einem militärischen  Konflikt kommt,  auf das
       doppelte Ziel  einer Abwehr  des Gegners  u n d  einer schnellst-
       möglichen   p o l i t i s c h e n  Beendigung des Konfliktes zie-
       len. Dies muß sich sowohl in der  Militär d o k t r i n  als auch
       in der   Militär s t r a t e g i e   nachweislich und für die an-
       dere Seite nachvollziehbar niederschlagen.
       Z w e i t e n s   - Im  Hinblick auf das militärische Arsenal muß
       dies seine  Entsprechung im  weitgehenden Fehlen besonders offen-
       sivfähiger Komponenten  finden, wie sie für strategische und ope-
       rative Angriffsführung  erforderlich sind, sowie in der Dislozie-
       rung und  den Friedensaktivitäten (insbesondere in der Manöverge-
       staltung und  in der  Beschränkung von  Mobilmachungsübungen) der
       Streitkräfte. Der  Abbau von  strategischer  und  operativer  An-
       griffsfähigkeit erfordert  dabei perspektivisch eine vollständige
       Beseitigung der  taktischen  Kernwaffen  kürzerer  und  mittlerer
       Reichweite sowie  der chemischen  Massenvernichtungsmittel in Eu-
       ropa. Im  Hinblick auf  die konventionellen  Streitkräfte und Rü-
       stungen erfordert  ein derartiger  Abbau nicht unbedingt Null-Lö-
       sungen für  besonders offensivfähige Waffensysteme (wie taktische
       Angriffsflieger- und  Raketenkräfte;  Kampfhubschrauber;  Panzer-
       und schwere mechanisierte Verbände; weitreichende Rohr- und Rake-
       tenartillerie;  Pioniereinheiten   mit  mobilem  Brückenlegegerät
       u.a.m.), obwohl Null-Lösungen das Problem natürlich am gründlich-
       sten lösen  würden. Da  die meisten dieser Waffen jedoch zugleich
       eine erhebliche  Rolle in  der militärischen Verteidigung spielen
       (z. B.  Panzer und  Artillerie) ,  wäre es auch denkbar, die ent-
       sprechenden Potentiale  auf beiden  Seiten soweit  zu reduzieren,
       daß  die  für  strategische  und  operative  Angriffe  notwendige
       "kritische Masse"  unterschritten wird.  Wo  eine  solche  Grenze
       läge, wäre im einzelnen von Militärs der WVO und der NATO gemein-
       sam zu klären.
       D r i t t e n s   - Die beiden zuvor genannten Aspekte müssen für
       die jeweils  andere Seite  transparent und, was die militärischen
       Arsenale anbetrifft,  im notwendigen Umfang nachprüfbar sein - in
       Verdachtställen auch  innerhalb kürzester  Zeit, etwa nach dem im
       Abschlußdokument der  Stockholmer Konferenz KVAE gefundenen Modus
       bzw., wie  die Mitgliedsländer der WVO kürzlich vorgeschlagen ha-
       ben, durch  "Inspektionen vor  Ort ohne  das Recht  auf Verweige-
       rung". 9)
       Die Mitgliedsländer der WVO haben diese Gesamtproblematik bereits
       vor einiger Zeit zum Gegenstand ihrer praktischen Politik, insbe-
       sondere ihrer  Abrüstungsinitiativen, gemacht - beginnend mit der
       Veröffentlichung eines Grundsatzdokuments über die Militärdoktrin
       der WVO  im Mai  1987. Deren  abrüstungspolitischer Inhalt  wurde
       durch den  Drei-Phasen-Plan der WVO zur konventionellen Abrüstung
       vom Juli 1988 weiter konkretisiert. Und schließlich hat die weit-
       gehende einseitige  Abrüstungsinitiative der  UdSSR vom  Dezember
       1988 ebenfalls  nachhaltig unterstrichen, daß die Herstellung ge-
       genseitiger struktureller  Angriffsunfähigkeit von  NATO und  WVO
       ein Ziel der sozialistischen Staaten ist.
       Abschließend sei  an dieser  Stelle noch auf einige übergreifende
       Probleme verwiesen.
       Die Notwendigkeit der Herstellung von struktureller Angriffsunfä-
       higkeit besteht  angesichts des heute gegebenen Umfangs, der Aus-
       rüstung, Dislozierung  sowie der  militärstrategischen Grundsätze
       und operativen  Konzepte auf  b e i d e n  Seiten, d.h. sowohl im
       Bereich der  WVO als auch der NATO. Versuche maßgeblicher westli-
       cher Kreise,  den Eindruck zu vermitteln, als sei "die NATO schon
       jetzt zu  raumgreifenden Angriffen  ins Gebiet des Gegners außer-
       stande" 10)  und als  stelle sich die Frage nach Angriffsunfähig-
       keit nur für die sozialistische Militärkoalition, stehen in einem
       eklatanten Widerspruch  zur auch  von militärischen  Experten  im
       NATO-Bereich nachdrücklich  bestätigten Realität. So hat z.B. die
       BRD, um  eine Einschätzung  zu zitieren,  die Franz  Uhle-Wettler
       schon vor  Jahren traf,  von 1955 an "mit zunehmender Ausschließ-
       lichkeit ein Heer entwickelt, das am besten für weitreichende An-
       griffsoperationen in offenem Gelände geeignet wäre". 11)
       Die Herstellung  von gegenseitiger struktureller Angriffsunfähig-
       keit von NATO und WVO in Europa erfordert einen Abbau vorhandener
       Asymmetrien in  militärischen Teilbereichen,  die historisch ent-
       standen sind,  seit langem jedoch Mißtrauen erzeugen bzw. überzo-
       gene Bedrohtheitsvorstellungen  nähren. Dieser  Abbau könnte z.B.
       über die gemeinsame Definition von gleichen Obergrenzen auf nied-
       rigerem Niveau  für konventionelles  Großgerät erfolgen. Dazu ist
       gemeinsam vom  Außen- und  vom Verteidigungsministerium  der  BRD
       eine Position entwickelt worden, die zur gemeinsamen Position der
       NATO für  künftige Verhandlungen  mit der WVO über konventionelle
       Stabilität in Europa gemacht werden soll und die als Richtmaß für
       derartige Obergrenzen  ein Niveau  von 95 Prozent des derzeitigen
       NATO-Standes ansetzt,  sich jedoch  gleichzeitig auf  Landstreit-
       kräfte beschränkt.  12) Praktisch  läuft dies auf die Vorstellung
       hinaus, im  Bereich der NATO nichts zu verändern, von den Staaten
       der WVO  jedoch massive  einseitige Abrüstung zu fordern. Das ma-
       chen vor  allem die  geradezu  grotesk  anmutenden  Zahlenangaben
       deutlich, mit  denen dies untersetzt wird: "Was aber heißt das in
       Großwaffensystemen? Der Warschauer Pakt müßte verschrotten: 25000
       Kampfpanzer,  11000   Schützenpanzer  sowie  22000  Artilleriege-
       schütze, die  NATO hingegen nur 800 Kampfpanzer, 400 Schützenpan-
       zer und  400 Artilleriestücke."  13) Ein  solches  Ansinnen  kann
       schwerlich als kompromißorientiert eingestuft werden!
       Produktiv könnte  demgegenüber die  Idee sein, auch im konventio-
       nellen Bereich die Methodologie des sowjetisch-amerikanischen Ab-
       kommens über die Beseitigung der landgestützten nuklearen Mittel-
       streckenraketen anzuwenden,  die einige wichtige prinzipielle An-
       sätze wirkungsvoll miteinander verband:
       - den Abbau  einer Disparität, indem derjenige, der über mehr der
       betreffenden Waffen verfügt, auch mehr abbaut;
       - zugleich aber  tiefe Einschnitte in die betreffende Waffenkate-
       gorie auf  b e i d e n  Seiten (gleiche Obergrenzen auf niedrige-
       rem Niveau - im Idealfall bis Null auf beiden Seiten) und
       - zeitgleichen Beginn der Waffenreduzierungen auf beiden Seiten.
       Durch ein  derartiges Herangehen  kann gesichert werden, daß ent-
       sprechende Vereinbarungen  zum einen  die Sicherheit  beider Ver-
       handlungspartner verbessern und daß zum anderen der Asymmetrieab-
       bau nicht zu unakzeptabler einseitiger Abrüstung degeneriert. Was
       schließlich einen vorstellbaren Richtwert für gleiche Obergrenzen
       auf niedrigerem  Niveau anbetrifft,  so stammt  ein interessanter
       neuerer Vorschlag  dazu vom früheren stellvertretenden NATO-Ober-
       befehlshaber Europa, Gerd Schmückle, und dem Politologen Albrecht
       von Müller - "deutlich unterhalb der heutigen NATO-Bestände, etwa
       bei der Hälfte davon". 14)
       Gegenseitige strukturelle  Angriffsunfähigkeit muß  nicht zuletzt
       im Rahmen  der militärischen Gesamtpotentiale von NATO und WVO in
       und für  Europa, d.h.  vor allem  im Verbund  der konventionellen
       Land- und  Luftstreitkräfte sowie  der in sie integrierten takti-
       schen Nuklearwaffen,  aber auch der für kontinentale Kriegführung
       relevanten Komponenten  der  Seestreitkräfte  geschaffen  werden.
       Eine einseitige  Konzentration auf einzelne Komponenten der Land-
       streitkräfte, wie  sie die  NATO derzeit  favorisiert, würde jene
       Komponente ausklammern,  die im  Hinblick auf die verbal auch von
       der NATO  verfochtene Zielstellung  einer Reduzierung  der Gefahr
       von Überraschungsangriffen  von viel  entscheidenderer  Bedeutung
       ist -  die Luftangriffskräfte. So ist die folgende, z.B. von BRD-
       Außenminister Hans-Dietrich Genscher vertretene Auffassung höchst
       unlogisch: "Um  die Fähigkeit zu Überraschungsangriffen und raum-
       greifend angelegter  Offensive zu  beseitigen,  sollten  Reduzie-
       rungsbemühungen zunächst  das bodengestützte,  kampfentscheidende
       Großgerät, vor allem Panzer und Artillerie, erfassen." 15)
       Gerade mit  den gegenüber  den relativ  langsamen  Verbänden  der
       Landstreitkräfte sehr  schnellen Luftangriffskräften  (vor  allem
       mit Bombern, Jagdbombern und taktischen Raketen) wären gegebenen-
       falls   Ü b e r r a s c h u n g s schläge   zu führen. Damit sind
       in der jüngsten Vergangenheit schon kriegsentscheidende Wirkungen
       in den  ersten Stunden  eines Konflikts erzielt worden - wie beim
       israelischen Überfall  auf arabische  Staaten 1967, der mit einem
       Überraschungsschlag der  Luftwaffe gegen  die gegnerischen  Luft-
       streitkräfte eingeleitet wurde. Das schuf eine entscheidende Vor-
       aussetzung für  den nachfolgenden  raschen Erfolg der Landstreit-
       kräfte des Aggressors.
       Die Herstellung  struktureller Angriffsunfähigkeit  von NATO  und
       WVO als  mögliches Ziel sowie möglicher Inhalt des weiteren Abrü-
       stungsprozesses in Europa stellt sich also als eine sehr komplexe
       Problemstellung dar, die zahlreiche grundlegende Fragen aufwirft.
       Praktikable Antworten darauf werden letzten Endes nur im direkten
       Dialog zwischen  den Kräften  in Ost  und West,  die Träger eines
       solchen Prozesses  sein können,  d.h. in zwischenstaatlichen Ver-
       handlungen auf  der Ebene  von NATO  und WVO  zu finden sein. Das
       Leitmotiv muß  dabei meiner Auffassung nach sein, das Beziehungs-
       verhältnis  zwischen  den  beiden  Militärkoalitionen  aus  einer
       Quelle internationaler,  über Europa  hinauswirkender Spannungen,
       was es  in den  vergangenen Jahrzehnten war, schrittweise in eine
       Quelle der Stabilität und des Friedens zu verwandeln.
       
       _____
       1) Neues Deutschland, Berlin/DDR, 12./13.12.1987.
       2) SPD-Pressedienst, Bonn, 22. 12. 1987 (Hervorhebung - W.S.).
       3) H. Afheldt,  Atomkrieg. Das Verhängnis einer Politik mit mili-
       tärischen Mitteln, München - Wien 1984, S. 27.
       4) Ebenda, S. 28.
       5) Ebenda.
       6) Vgl.: Neues Deutschland, a.a.O., 8.7.1988.
       7) Weißbuch 1985.  Zur Lage  und Entwicklung der Bundeswehr (Hg.:
       Bundesminister der Verteidigung), Bonn 1985, S. 28.
       8) Vgl.:  Weißbuch   1983.  Zur   Sicherheit  der  Bundesrepublik
       Deutschland (Hg.: Bundesminister der Verteidigung), Bonn 1983, S.
       146.
       9) Erklärung der  Teilnehmerstaaten des  Warschauer Vertrages  zu
       den Verhandlungen  über die Reduzierung der Streitkräfte und kon-
       ventioneller Rüstungen  in Europa, in: Neues Deutschland, a.a.O.,
       18.7.1988.
       10) So der  seinerzeitige BRD-Verteidigungsminister  und  jetzige
       NATO-Generalsekretär M.  Wörner in einem Interview, in: Die Welt,
       Bonn, 18.2.1987.
       11) F. Uhle-Wettler,  Gefechtsfeld Mitteleuropa. Gefahr der Über-
       technisierung von Streitkräften, München 1980, S. 75.
       12) Siehe z.B.:  L. Rühl, Zählbar, meßbar, wiegbar - Rüstungskon-
       trolle muß sich weiter an die festen Größen halten, in: Die Welt,
       a.a.O., 16.3.1988.
       13) R. Moniac,  Moskau müßte  25000 Panzer  verschrotten, in: Die
       Welt a.a.O., 21. 3. 1988.
       14) G. Schmückle/A. v. Müller, "Stabile Abhaltung" soll Abschrec-
       kungsspirale ersetzen,  in: Frankfurter  Rundschau, Frankfurt/M.,
       4. 8. 1988.
       15) H.-D. Genscher,  Chancen für  neue Formen  einer kooperativen
       Sicherheitspolitik, in: Bulletin. Presse- und Informationsamt der
       Bundesregierung, Bonn, 23/1988, S. 194.
       

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