Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       ZUSAMMENFASSUNGEN
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       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 11-54
       Jürgen Reusch
       
       Neues Denken und die marxistische Wissenschaft vom Frieden
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       Die Umbruchperiode  wirft auch  für die marxistische Wissenschaft
       vom Frieden  viele neue theoretische Fragen auf und erfordert die
       Überwindung veralteter  Denkmuster. Die globalen Probleme und die
       Herausbildung eines  realen Überlebensinteresses  der  Menschheit
       geben der  Koexistenz den Rang eines universalen Prinzips und ei-
       ner objektiven  Existenzbedingung für  alle sozialen Systeme. Das
       führt zu  Fragen nach den offenbar noch nicht ausgeschöpften Pro-
       blemlösungskapazitäten in  beiden antagonistischen Systemen, also
       nach der  Friedens- und Reformfähigkeit des Kapitalismus und nach
       dem Verhältnis von Sozialismus und Frieden. In der Umbruchperiode
       geht es  in erster  Linie nicht  um Systemüberwindung, sondern um
       Reformen zur  Lösung der  globalen Probleme,  also auch  um einen
       wirksamen marxistischen  Beitrag dazu. Abrüstung und Rüstungskon-
       version  sind  insofern  Elemente  einer  Reformalternative,  die
       zunächst auf  eine zivilere,  ökologischere, demokratischere  und
       sozialere Entwicklungsrichtung  im Kapitalismus abzielt. Demokra-
       tisierung ist  dabei der Schlüsselbegriff zur Radikalisierung der
       Reformkämpfe bis hin zur sozialistischen Perspektive.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 55-69
       Juri Krassin
       
       Das Neue Denken: Der internationale und der innere Aspekt
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       Das neue  Denken geht von der Einsicht aus, daß die Erhaltung der
       Zivilisation zur  unbedingten Voraussetzung für die Lösung jegli-
       cher anderer,  auch klassenbezogener  Aufgaben geworden  ist. Die
       heutige Welt  ist, obwohl  durch tiefe  Gegensätze geprägt, ganz-
       heitlich und  interdependent. Neues  Denken meint  daher auch den
       Vorrang intersystemarer  Kooperation. Ein  von  dogmatischen  und
       sektiererischen Wucherungen  befreiter Marxismus  kann und muß zu
       diesem neuen Denken beitragen. Neues Denken bedeutet auch die Ab-
       kehr von  bisherigen militärischen  Sicherheitsvorstellungen  und
       die Hinwendung  zu einem  umfassenden System  internationaler Si-
       cherheit. In  bezug auf die revolutionäre Erneuerung der Welt be-
       deutet neues  Denken, daß  zukünftig der Kampf darum geht, welche
       sozialen Kräfte  und Systeme  die besten Beiträge zur Überwindung
       der Krise der Zivilisation leisten können. Das erfordert auch die
       Abkehr von  überholten Schemata,  die die Welt nur im Sinne einer
       starren Bipolarität interpretieren.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 70-82
       Dieter Klein
       
       Beiträge marxistisch-leninistischer Theorieentwicklung
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       zur Friedenssicherung
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       Die heutige  Umbruchperiode stellt  den Marxismus vor die Notwen-
       digkeit und die Chance, zu einem systemüberschreitenden Vernunft-
       denken   beizutragen.    Die   friedensorientierte   marxistisch-
       leninistische  Theorieentwicklung   erhält  dadurch   auf  vielen
       Feldern neue  Impulse. Das  ergibt eine tiefgreifende Veränderung
       der marxistisch-leninistischen  Epochekonzeption, in der der sehr
       langfristige Übergang  zum Sozialismus mit der Menschheitsaufgabe
       kooperativer  Koexistenz   zur  Lösung   der  globalen   Probleme
       zusammengedacht werden  muß.  In  der  marxistisch-leninistischen
       Kapitalismustheorie ergeben  sich neue  Überlegungen, deren  Kern
       darin besteht,  neben  den  Grenzen  des  Kapitalismus  auch  die
       objektiven Möglichkeiten  für seine  friedensfähige und zumindest
       Teillösungen  auch   anderer  globaler   Probleme  einschließende
       Entwicklungsvariante zu erforschen und politisch zu nutzen.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 83-103
       Jörg Huffschmid
       
       Friedensfähigkeit des Kapitalismus und Imperialismustheorie
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       Eine Überprüfung  und Weiterentwicklung der marxistischen Kapita-
       lismus- und Imperialismustheorie ist angesichts der Veränderungen
       und Herausforderungen  unserer Zeit  dringend  erforderlich.  Aus
       dieser Sicht ist das Konzept eines im umfassenden Sinne friedens-
       und reformfähigen Kapitalismus theoretisch gut begründbar und be-
       gründet und drückt eine notwendige Fragestellung aus. Friedensfä-
       higkeit meint  dabei heute  nicht ein gegen die eigentliche Natur
       des Kapitalismus durchgesetztes, erzwungenes Stück Antikapitalis-
       mus, sondern die Freisetzung einer möglichen Entwicklungsrichtung
       im Kapitalismus,  das Vorhandensein  und die Entfaltung von Frie-
       denspotentialen, immer allerdings durch politischen Druck und de-
       mokratische Gegenmacht. Dieser realen Möglichkeit liegt das wach-
       sende Gewicht  des subjektiven Faktors für die Gestaltung und Re-
       gulierung der  ökonomischen Strukturen und seine Beeinflußbarkeit
       zugrunde. Vor dem Hintergrund der veränderten objektiven Interes-
       senlage des  Kapitalismus zu  Rüstung und  Krieg kann  daher auch
       eine zivile Kapitalismusvariante erkämpft werden. Die akuten Pro-
       bleme der  Gegenwart machen es notwendig, diese Perspektive theo-
       retisch weiter  auszuarbeiten und  zur strategischen  Richtschnur
       praktischen Handelns zu machen.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 104-115
       Horst Heininger
       
       Aggressivität und Friedensfähigkeit des heutigen Kapitalismus
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       Die These  von der  Friedensfähigkeit des  Kapitalismus wirft die
       Frage nach  Gültigkeit und  Aktualität der Leninschen Imperialis-
       mustheorie auf.  Eine Analyse  des Zusammenhangs von ökonomischem
       Monopol, Gewalt  und Aggressivität  zeigt, daß  das Monopol  zwar
       stets nach Gewalt, nicht zwangsläufig aber nach militärischer Ge-
       walt drängt.  Aggressivität kennzeichnet  insofern eine  konkrete
       Politik des Imperialismus, die nicht die einzig mögliche ist. Der
       Imperialismus kann  ökonomisch auch ohne Militarismus funktionie-
       ren; es kommt darauf an, die politischen Bedingungen und Möglich-
       keiten zur  Zurückdrängung des  Militarismus genauer zu erfassen.
       Wichtig ist  hier die grundsätzlich veränderte Interessenlage des
       Kapitalismus. Angesichts  der globalen  Probleme bilden sich auch
       innerhalb dieses  Systems keimhaft  eigene  Überlebensinteressen.
       Sie kommen  nicht im  Selbstlauf zur Geltung, sondern im Klassen-
       kampf und durch demokratischen Druck.
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 116-132
       Rainer Falk
       
       Entwicklungsprobleme der Dritten Welt und internationale
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       Solidarität im Zeichen neuen Denkens. Zur Herausbildung eines
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       "neuen Internationalismus"
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       Ausgehend von neueren Strängen der entwicklungstheoretischen Dis-
       kussion wird  die aktuelle  Krise der Dritten Welt im Kontext der
       globalen Probleme  und der  Erschöpfung des Nachkriegsmodells der
       internationalen kapitalistischen Akkumulation analysiert. Vor dem
       Hintergrund der die Dritte Welt einbeziehenden Internationalisie-
       rungsprozesse und  ihrer Rückwirkungen  auf die  kapitalistischen
       Zentren wird  die Notwendigkeit  eines "neuen Internationalismus"
       für die  metropolitane Linke  begründet. Besondere Bedeutung mißt
       der Verfasser  in diesem  Zusammenhang der Neubewertung der Rolle
       der Dritten  Welt in Theorie und Praxis der sowjetischen Außenpo-
       litik und der Debatte um eine demokratische Alternative zur herr-
       schenden "Nord-Süd-Politik" innerhalb der bundesdeutschen Solida-
       ritätsbewegung bei.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 133-156
       Winfried Schwarz
       
       Strukturwandel und Konzentrationsprozesse
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       im militärisch-industriellen Komplex
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       In der  Rüstungsindustrie verschieben  sich die Umsätze zugunsten
       der Fluggeräte  (MBB) und der militärischen Elektronik (AEG). Bei
       den großen Mischkonzernen liegt die Verwertung der Rüstungsunter-
       nehmen deutlich  höher als  diejenige der zivilen Unternehmen, da
       der Staat  langfristig Produktion und Absatz garantiert. Die Kon-
       zentrationen an  der Spitze  der Rüstungsindustrie,  insbesondere
       die Fusionen  von Daimler,  dienen  der  rüstungswirtschaftlichen
       Stärkung des  bundesdeutschen Partners  für  westeuropäische  Rü-
       stungsprojekte: Eine den überlegenen Franzosen und Briten gleich-
       wertige Macht ist Voraussetzung effektiverer westeuropäischer Rü-
       stungskooperation gegenüber  der  militärtechnologischen  US-Vor-
       herrschaft. Gegen  diesen imperialistischen Westeuropakurs erfor-
       dern die  wirklichen Sicherheitsinteressen Abrüstung und den Ver-
       zicht auf militärische Gemeinschaftsprojekte. Eine Schlüsselrolle
       spielt der  Kampf gegen  den Jäger  90. Er  hat - flankiert durch
       entsprechende staatliche  Konversionsforderung - durchaus Erfolg-
       schancen.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 157-171
       Ulrich Dolata
       
       Neue Technik - Modernisierungspolitik - Staatsmonopolistische
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       Komplexe
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       Staatsmonopolistische Komplexe  sind nicht  erst Produkt des wis-
       senschaftlich-technischen Umbruchs  unserer Tage. Ihre Herausbil-
       dung -  zumeist in den 50er und 60er Jahren - stellt  k e i n e n
       verallgemeinerbaren Trend in Richtung einer neuen Stufe kapitali-
       stischer Vergesellschaftung  dar, etwa  als vergleichbarer Prozeß
       mit der  Herausbildung des Monopols. Vielmehr ist der staatsmono-
       polistische  Komplex   weder  die     e i n z i g e     noch  die
       h a u p t s ä c h l i c h e   Form, in der sich der wissenschaft-
       lichtechnische Umbruch  durchsetzt, noch besitzen solche Komplexe
       in  unterschiedlichen  Produktionszweigen  und  unterschiedlichen
       Staaten gleiche  Ausprägungen und Geschichte. Im Spannungfeld ra-
       santer Internationalisierung  der Produktions- und Verwertungsbe-
       dingungen einerseits und versuchtem Festhalten an exponierten na-
       tionalen  Marktpositionen   ist  privatmonopolistische   Rückbin-
       dung/Entflechtung  ebensowenig   ausgeschlossen  wie  die  Straf-
       fung/Effektivierung bestehender Komplexe.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 172-194
       Rainer Rilling
       
       "Die Wissenschaft als Dienerin des Krieges"
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       Die Militarisierung der Wissenschaft war eine zentrale, zeitweise
       sogar dominierende  Entwicklungsform der großen Prozesse eingrei-
       fender Strukturveränderungen  der Wissenschaft  seit Ende des 19.
       Jahrhunderts. Bis  Mitte der 60er Jahre dominierte nach dem Krieg
       weltweit die militärische Forschung die Wissenschaftspolitik, be-
       vor sich  das Spektrum  forschungspolitischer  Staatsintervention
       auffächerte, allerdings nur für wenige Jahre mit größerer Priori-
       tätensetzung auf  infrastrukturelle und  zivilindustrielle Berei-
       che. Die  massive Remilitarisierung der US-Forschungspolitik seit
       Mitte der  70er Jahre  reflektierte aber  nicht mehr den Aufstieg
       der USA zum ökonomischen Hegemon.
       Entgegen der  "Entdifferenzierungstheorie" werden  auch heute we-
       sentliche Unterschiede  zwischen militärischer, pseudoziviler und
       ziviler Forschung  deutlich, wenn allgemeine, gesamtgesellschaft-
       liche Sachverhalte  und nicht  nur der  einzelne Forschungsprozeß
       betrachtet werden. - Während die Anwendungsspezifik der militäri-
       schen und  quasizivilen Produkte mit steigender Produkthierarchie
       (bis zum  hochintegrierten technischen  Supersystem) zunimmt, nä-
       hern sich  die Methoden  der Produktion  bzw. Organisation dieser
       Systeme an.  Übergänge von quasiziviler Entwicklung militärischer
       Systeme zur  Entwicklung/Produktion von  Waren für zivile Massen-
       märkte sind wegen der spezifischen Forschungs- und Produktionsbe-
       dingungen feststellbar. Auch kann die strukturell ressourcen- und
       kapitalintensive Rüstungstechnologie nicht bedenkenlos als Muster
       in die Welt ziviler Technologie transferiert werden.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 195-211
       Jürgen Wayand
       
       Internationalisierung der Rüstungsproduktion oder wachsender
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       Konkurrenzkampf zwischen den kapitalistischen Rüstungszentren?
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       Die objektive  Tendenz zur Internationalisierung der Rüstungspro-
       duktion im  westeuropäischen und  transatlantischen Rahmen führte
       nicht zur Abschwächung des Konkurrenzkampfes zwischen den kapita-
       listischen Rüstungszentren. Die besonders enge Verbindung von Rü-
       stungskapitalen und  Nationalstaaten ließ  die Internationalisie-
       rung nur  als Transnationalisierungstendenz  zum Ausdruck kommen,
       und zwar nur in solchen Formen, die die vom Staat protektionierte
       nationale Verankerung  der Rüstungsindustrie  bewahrte. Eine Ver-
       schmelzung  der  Rüstungskapitale  zu  multinationalen  Konzernen
       konnte so ebensowenig stattfinden wie eine Übertragung nationaler
       Kompetenzen an  eine multinationale Beschaffungsbehörde. Vor die-
       sem Hintergrund  kann auch nicht von der Existenz eines westeuro-
       päischen Militär-Industrie-Komplexes ausgegangen werden.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 212-223
       Klaus-Peter Weiner
       
       Die "Europäisierung" der Sicherheitspolitik - Tendenzen,
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       Probleme, Perspektiven
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       Die Motive,  die zur  Gründung der  NATO geführt haben, verlieren
       zunehmend ihre  Bindekraft. Während die USA versuchen, ihre welt-
       politischen Handlungsmöglichkeiten  durch eine  Reduzierung ihrer
       militärischen Bindungen  an Westeuropa wieder zu vergrößern, ver-
       suchen die  westeuropäischen Staaten  ihre Interessen  durch eine
       engere sicherheitspolitische Kooperation zu wahren. Bisher in die
       NATO eingebundene Interessenunterschiede zwischen den westeuropä-
       ischen Staaten  stehen jedoch einem "Sprung" in eine "Europäische
       Sicherheitsunion" entgegen.  Muster nationaler  Machtpolitik, die
       auch in der Bundesrepublik an Bedeutung gewinnen, können aber nur
       über  die   westeuropäische  Integration   verfolgt  werden.  Die
       "Europäisierung" zieht  nicht zwangsläufig weitere Rüstungsschübe
       nach sich.  Ressourcenprobleme, das  Interesse an Selbsterhaltung
       und die  Politik der  UdSSR können  der Abrüstung  in Europa neue
       Perspektiven eröffnen.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 224-247
       Gerd Matzke
       
       Ende der Eiszeit? Chancen und Probleme für Abrüstung in Europa
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       Vor dem Hintergrund eines umfassenden Umbruchs in den internatio-
       nalen Beziehungen muß die Rolle des militärischen Faktors neu be-
       wertet werden. Objektiv - d.h. unabhängig von den aktuellen stra-
       tegischen und  politischen Präferenzen  - ist eine Entwertung des
       militärischen Faktors  als Mittel zur internationalen Konfliktbe-
       wältigung oder gar Interessendurchsetzung festzustellen. Dies be-
       trifft nicht nur das Verhältnis zwischen kapitalistischen Staaten
       oder zwischen Kapitalismus und Sozialismus, sondern auch das Ver-
       hältnis zu und zwischen den Ländern der 3. Welt.
       Abrüstung in  Europa muß  in ein globales Entmilitarisierungskon-
       zept eingebettet  werden, woraus  durchaus spezifische  Aufgaben-
       stellungen entstehen. Relativ eigenständig müssen Durchbrüche auf
       wissenschaftlich-technischer,   militärstrategisch-militärdoktri-
       närer und  auf politisch-ökonomischer Ebene erzielt werden, deren
       Voraussetzungen im  Artikel untersucht  werden. Darauf  aufbauend
       werden erste  Konturen eines - real möglichen - Abrüstungsprozes-
       ses in  den 90er  Jahren und Möglichkeiten zur Durchsetzung einer
       friedensorientierten Reformalternative sichtbar.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 248-267
       Max Schmidt/Wolfgang Schwarz
       
       Herausforderungen und Perspektiven für Gemeinsame Sicherheit
       ------------------------------------------------------------
       und das gemeinsame Haus Europa
       ------------------------------
       
       Geographie, gesamteuropäische  Erfahrungen mit Krieg und Frieden,
       ein historisch  gewachsener Wirtschaftsraum, Kulturgeschichte und
       gemeinsame ideengeschichtliche  Entwicklung sind  elementare, ge-
       wachsene Aspekte  einer europäischen  Identität, zu  der  in  den
       letzten   Jahrzehnten   einige   grundlegende   Herausforderungen
       (europäische Ausprägung  von übergreifenden Überlebens- und ande-
       ren globalen  Problemen) hinzukamen. Die heutige Spaltung Europas
       liegt nicht  im Nebeneinander unterschiedlicher sozialer Systeme,
       sondern in  jahrzehntelanger Fixierung  auf unversöhnliche Feind-
       schaft zwischen diesen begründet.
       Angesichts  friedenspolitischer,  ökologischer  und  ökonomischer
       Herausforderungen, die nur Staaten- und systemübergreifend gelöst
       werden können,  sowie damit verbundener humanitärer Anforderungen
       müssen bisher  intra-systemare Erfahrungen / Errungenschaften in-
       tersystemar produktiv  gemacht werden. Neue politische Strukturen
       auf gesamteuropäischer  Ebene, militärische  Angriffsunfähigkeit,
       ein europäisches  Umweltschutzprogramm mit  Schwerpunkt auf Scha-
       dens-Prävention, Lösungen  für Energie, Verkehr, Information, in-
       dustrielle und technologische Arbeitsteilung müssen gefunden wer-
       den. Auch  im humanitären  Bereich sind wesentliche, für den ein-
       zelnen Menschen  spürbare Fortschritte  notwendig, damit  die zur
       Schaffung eines  europäischen Hauses erforderliche Veränderung im
       politischen Bewußtsein erreicht wird.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 268-277
       Ellen Weber
       
       Vorschläge für ein Friedens-, Abrüstungs- und Sicherheitskonzept
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       aus marxistischer Sicht
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       Sicherheit kann  nicht gegeneinander  errüstet werden.  Bis diese
       Erkenntnis reifte und ausgesprochen werden konnte, wurde ein lan-
       ger Weg  zurückgelegt. Die  Koalition des  Realismus und der Ver-
       nunft, um  die heute weltweit gerungen wird, hat ihre Vorläuferin
       in der  Antihitlerkoalition. Die Ansätze dieses großen Bündnisses
       versandeten in den Strategien des kalten Krieges. Heute existiert
       eine qualitativ  neue Lage.  Hochrüstung und  Krieg hören  in der
       Tendenz auf,  dem Gesamtinteresse  der Monopolbourgeoisie zu ent-
       sprechen.
       Auch wenn  imperialistische Aggressivität  nicht einfach aufhört,
       sind doch  die Möglichkeiten,  breiteste Bündnisse  zur Sicherung
       von Frieden  und Abrüstung  herzustellen, größer als jemals zuvor
       in der Geschichte. Kommunistische Politik muß sich diesen Heraus-
       forderungen stellen.  Nichts wird sich im Selbstlauf durchsetzen:
       es bedarf  der Massenbewegungen,  die der neuen Lage entsprechend
       handeln.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 278-291
       Christoph Butterwegge
       
       Die Opposition auf der Suche nach einer friedenspolitischen
       -----------------------------------------------------------
       Konzeption. Sozialdemokratische und grüne Alternativen zur
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       Sicherheitspolitik der Bundesregierung
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       Nach  der   Stationierung  atomarer   Mittelstreckenraketen  bzw.
       Marschflugkörper und  dem Abschluß  des INF-Abkommens im Dezember
       1987 begann  für die Friedensbewegung eine Zeit gründlicherer Be-
       schäftigung mit  Alternativen zur Politik und Logik der Abschrec-
       kung. Der  Beitrag zieht  eine Zwischenbilanz dieses Diskussions-
       prozesses, wobei  das Hauptaugenmerk auf Positionen und friedens-
       politischen Konzeptionen  der  Oppositionsparteien  im  Bundestag
       liegt. Die  SPD hat  ein Konzept  der Gemeinsamen  Sicherheit und
       Struktureller Nichtangriffsfähigkeit entwickelt, das innerpartei-
       lich wenig  umstritten, obwohl  nicht frei von Brüchen und Wider-
       sprüchen ist.  Kontroverser erscheinen die Vorstellungen der GRÜ-
       NEN: Einseitige Abrüstung, NATO-Austritt und Soziale Verteidigung
       müssen präzisiert  und modifiziert  werden, damit sie in der Dis-
       kussion über friedenspolitische Alternativen bestehen können. Ge-
       meinsamer Kristallisationspunkt  dieser Überlegungen  sollte  ein
       System der Kollektiven Sicherheit für Europa sein.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 292-304
       Peter Dietzel/Hans-Jürgen Kawalun
       
       Die Rolle der Bundesregierung im europäischen Abrüstungsprozeß:
       ---------------------------------------------------------------
       Handlungsmöglichkeiten der BRD, Ziele und Konzeptionen im
       ---------------------------------------------------------
       Regierungslager
       ---------------
       
       Am Ende  der 80er  Jahre befindet  sich die NATO, und mit ihr die
       BRD-Sicherheits- und Militärpolitik, inmitten eines einschneiden-
       den Umbruchprozesses.  Die Bandbreite  unterschiedlicher Vorstel-
       lungen über  die künftige  Strategie und Lastenteilung im Bündnis
       ist deutlich  größer geworden. Fronten verlaufen zwischen Westeu-
       ropa und  den USA  ebenso, wie zwischen unterschiedlichen Flügeln
       und Strömungen  innerhalb der imperialistischen Bourgeoisien. In-
       nerhalb der  die gegenwärtige  Bundesregierung dominierenden Uni-
       onsparteien sind grob betrachtet drei sicherheits- und militärpo-
       litisch relevante  Strömungen auszumachen. Der Artikel unternimmt
       den Versuch,  diese Strömungen  näher zu betrachten, bzw. vor dem
       Hintergrund realer  Differenzen im  Kapital- und  Regierungslager
       aktuelle  Handlungsorientierungen  für  eine  friedensorientierte
       BRD-Perspektive der 90er Jahre abzuleiten.
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 305-315
       Lorenz Knorr
       
       Frieden, Abrüstung und die "deutsche Frage"
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       Die Grundfrage des Beitrags ist, ob und aufweiche Weise das Fest-
       halten der  Konservativen an  der revanchistischen Wiedervereini-
       gungsforderung die anstehende Modernisierung ihrer außen- und si-
       cherheitspolitischen Konzeption  beeinflußt,  und  wie  es  dabei
       selbst modifiziert  wird. Gegenwärtig  findet bei CDU und CSU als
       Teil einer  umfassenderen Modernisierungs- und Zukunftsdiskussion
       eine kontrovers  verlaufende Debatte  statt, in der es um die An-
       passung der traditionellen Wiedervereinigungsforderung an die ak-
       tuellen Bedingungen  geht. Die Konservativen wollen die "deutsche
       Frage" offenhalten,  sehen allerdings  auch,  daß  ihre  "Lösung"
       nicht auf  der Tagesordnung  der Weltgeschichte  steht. Als trei-
       bende Kraft des westeuropäischen Integrationsprozesses setzen sie
       heute auf  die "Europäisierung  der deutschen Frage". Diese Posi-
       tion bildet ein direktes Hindernis für Abrüstung und Frieden. Die
       parlamentarische  Opposition  bietet  in  Ansätzen  Alternativen,
       denen es  jedoch an  Konsequenz fehlt.  Dazu bedarf es des Drucks
       der außerparlamentarischen Bewegungen.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 316-327
       Berthold Goergens
       
       Die Diskussion über Konversion von Rüstungsproduktion
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       in den Gewerkschaften der Bundesrepublik
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       Seit Ende  der 70er  Jahre entwickelt  sich in den Gewerkschaften
       und in  der Friedensbewegung der Bundesrepublik die Diskussion um
       den Umbau  der Rüstungsproduktion  zur Friedensproduktion. Ausge-
       hend von  dem Konflikt um Rüstungsexporte und Strukturkrisen, vor
       allem im  Bereich der Küste (Werften), überschreiten die Konzepte
       den Bereich  des Einzelbetriebs  zur Forderung nach einer Einbet-
       tung des  Umbauprozesses in  Regional- und  Strukturpolitik, Ent-
       wicklung von Beschäftigungsgesellschaften und Qualifizierungspro-
       grammen. Begleitet werden die Forderungen von der Auseinanderset-
       zung um  eine  andere,  an  Gebrauchswerten  orientierte  Wissen-
       schafts-, Technologie-,  Wirtschafts- und  Sozialpolitik und  ein
       anderes
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 328-338
       Hans Jürgen Krysmanski
       
       Einige technologiepolitische Voraussetzungen
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       der Rüstungskonversion
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       Das Problem  der Rüstungskonversion  wirft  grundsätzliche  Indu-
       strie- und  produktionspolitische Fragen, auch einer heutigen so-
       zialistischen Perspektive, auf. Die Strategie der Rüstungskonver-
       sion ist politisch nicht weit vorangekommen. Das liegt möglicher-
       weise an einer verengten, auf traditionelle gewerkschaftliche Be-
       triebsarbeit setzenden  Konzeption. Notwendig  sind eine histori-
       sche Analyse kapitalistischer Forschungs- und Entwicklungspraxis,
       mehr Aufmerksamkeit  für den allgemeinen "Kampf um die Köpfe" der
       wissenschaftlich-technischen Intellektuellen, Überwindung der be-
       trieblichen Segmentierung  der Beschäftigten durch die Einführung
       überbetrieblicher Thematiken.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 396-413
       Ingo Arend
       
       Zur politischen Geschichte der Friedensforschung in der BRD
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       Die Friedensforschung entfaltete sich in der BRD, an verschiedene
       Wurzeln und  Traditionslinien anknüpfend,  im wesentlichen in der
       Phase der  sozialliberalen Koalition  als staatlich  (bescheiden)
       geförderter Wissenschaftszweig.  Ihre wichtigste  Förderungs- und
       Koordinierungsinstitution war  die DGFK, die 1983 auf konservati-
       ven Druck  aufgelöst wurde. Von Anfang an gab es in der Friedens-
       forschung eine  pragmatischere, am  "negativen Frieden",  d.h. an
       der Abwesenheit  von Krieg  orientierte Richtung, und eine kriti-
       schere Strömung  ("kritische  Friedensforschung"),  die  aus  der
       prinzipiellen Kritik  von Abschreckung und "struktureller Gewalt"
       ein am "positiven Frieden" orientiertes soziales Fortschrittsver-
       ständnis entwickelte. Die Friedensforschung stand permanent unter
       starkem Anpassungsdruck  v.a. von staatlicher Seite; deren Inter-
       esse zielte  auf eine Hilfswissenschaft zur entspannungs- und rü-
       stungskontrollpolitisch orientierten  Regulierung  der  Ost-West-
       und Nord-Süd-Beziehungen.  Diesem Druck gab die Friedensforschung
       im wesentlichen nach. Dennoch gingen von ihr auch viele beachtli-
       che Impulse aus. Nach 1983 ist die Lage der Friedensforschung zum
       einen durch  knappe Mittel,  fehlende Koordinierungsmöglichkeiten
       und pragmatische, weiter verengte staatliche Förderungspraxis ge-
       kennzeichnet, andererseits hat sie durch den Aufschwung der Frie-
       densbewegung und  der  Wissenschaftlerbewegung  für  den  Frieden
       spürbare neue  Impulse im  universitären  und  außeruniversitären
       Bereich erfahren.
       
       
       Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 414-430
       Corinna Hauswedell
       
       Friedensforschung und Friedenswissenschaft an den Hochschulen
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       Die Politik ist in immer höherem Maße auf die Ergebnisse der Pro-
       duktivkraft Wissenschaft  zur Lösung  der globalen Probleme ange-
       wiesen. In der gewachsenen Rolle der Wissenschaft kann eine Ursa-
       che für  die Konsolidierung von Wissenschaftler-Friedensinitiati-
       ven und  für die stärkere Bereitschaft zur Einmischung in die neu
       entstandene politische  Situation liegen.  Neben einer  quantita-
       tiven Ausweitung  friedenswissenschaftlicher Arbeit  an den Hoch-
       schulen sind  eine thematische  Auffächerung und  neue Strukturen
       (intra-  und   interdisziplinär)  festzustellen.  Friedenswissen-
       schaftliche Aktivitäten  umfassen heute  die Felder Ringvorlesun-
       gen/Vorlesungsreihen,  einzelne  Lehrveranstaltungen,  umfassende
       Forschungsprojekte und  wissenschaftspolitische  Aktivitäten.  Im
       Spannungsfeld von  angestrebter Institutionalisierung und innova-
       tiver, kritischer  Aufklärungsfunktion sind neue Erfahrungen aus-
       zuwerten. Problematisch  ist dennoch die unzureichende Unterstüt-
       zung von  Aktivitäten gegen Rüstungsforschungs-Projekte durch die
       daran Beteiligten.  Mehr Transparenz,  Demokratie, Interdiszipli-
       narität, Erfahrungsaustausch und Kooperation inner- wie außerhalb
       der Hochschulen bleiben zentrale Herausforderungen für Hochschul-
       Friedenswissenschaft.
       

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