Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       Philosophie und Politik bei Althusser - Kritische Beiträge (2)
       
       Friedrich Tomberg
       
       LOUIS ALTHUSSERS ANTIHUMANISTISCHE KAPITAL-LEKTÜRE *)
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       Es genügt  nicht, ein  Buch vor  Augen zu haben, man muß es lesen
       k ö n n e n
       Althusser 1)
       
       Marx, sagt  Althusser, gehe nicht "von dem Menschen" aus, sondern
       "von der  gegebenen ökonomischen  Formation" 2). Im "Kapital" ab-
       strahiere er  von den  konkreten Individuen,  um sie "theoretisch
       als bloße 'Träger' von Verhältnissen zu behandeln" 3). Eine wich-
       tige und  wesentliche Feststellung,  der man kaum wird widerspre-
       chen können,  sagt doch  Marx selbst beinahe gleichlautend, seine
       Methode gehe  nicht "von dem Menschen aus, sondern von der ökono-
       misch gegebenen  Gesellschaftsperiode" 4).  Wenn wir  es nun, mit
       Althusser, als den theoretischen Anspruch des Humanismus ansehen,
       die Gesellschaft  und die  Geschichte "ausgehend vom menschlichen
       Wesen" zu  erklären, ausgehend  "vom freien  menschlichen Subjekt
       seiner Bedürfnisse, der Arbeit, der Begierde, als Subjekt des mo-
       ralischen und politischen Handelns" 5), werden wir dann nicht, da
       Marx für  sein Verfahren im "Kapital" diesen Ausgangspunkt strikt
       verwirft,  seinen   wissenschaftlichen  Standpunkt  sinnvoll  als
       "theoretischen Antihumanismus"  bezeichnen dürfen?  Natürlich nur
       unter der  Voraussetzung, daß  wir im "Kapital" die gesamte Marx-
       sche Theorie  vorliegen haben und nicht nur eine spezielle Unter-
       suchung innerhalb eines größeren Ganzen.
       Diese Voraussetzung  macht nun  allerdings Althusser. "Hier haben
       wir ein  Buch", sagt er vom "Kapital", "das die marxistische Wis-
       senschaft enthält,  die Grundprinzipien der marxistischen Wissen-
       schaft" 6). Die Wissenschaft, die Marx begründet habe und die wir
       im "Kapital"  vorfinden sollen,  bezeichnet Althusser als Wissen-
       schaft von  der Geschichte,  als historischen Materialismus. Dar-
       über hinaus  macht er im Marxismus noch eine Philosophie aus, die
       selbst jedoch  nicht Wissenschaft  sei. Das  also - und nur das -
       sind die  "beiden Disziplinen,  die in  der marxistischen Theorie
       enthalten sind:  die von  Marx begründete  Wissenschaft  der  Ge-
       schichte und  die neue  Philosophie, die durch diese beispiellose
       wissenschaftliche Entdeckung  provoziert wurde:  der dialektische
       Materialismus" 7). Lesen wir das "Kapital" als Grundlagenbuch des
       historischen Materialismus  und sehen wir in diesem die marxisti-
       sche Wissenschaft  schlechthin, so  bestehen in der Tat keine Be-
       denken, Marx  mit Althusser  einen "theoretischen Antihumanismus"
       zuzuschreiben.
       Nun kann  man das  "Kapital" auch  ganz anders  lesen. So hat zum
       Beispiel Lenin darin die Verifikation einer allgemeineren Theorie
       gesehen, die  der Marxschen Kapitalismus-Analyse zunächst in Form
       einer Hypothese  vorgegeben war. Diese allgemeine Theorie, so Le-
       nin, ist  aus der "Anwendung des Materialismus in der Soziologie"
       hervorgegangen 8) und erstreckt sich auf die ganze Menschheitsge-
       schichte. Die Theorie, die im "Kapital" ausgearbeitet ist, erhebt
       hingegen "lediglich  den Anspruch,  eine bestimmte, die kapitali-
       stische, Gesellschaftsorganisation  erklärt zu  haben, und  keine
       andere" 9).  Aufgrund der durchgeführten Analyse des Kapitalismus
       kann auch  die allgemeine  Theorie -  Lenin nennt sie "materiali-
       stische Geschichtsauffassung"  - als  "wissenschaftlich bewiesene
       These"  gelten,   die  wir  nun  auch  für  die  übrigen  Gesell-
       schaftsformationen als  gültig behaupten  dürfen. Solange  jeden-
       falls, wie  uns niemand  etwas Besseres  vorweisen kann, solange,
       meint Lenin,  "bleibt die  materialistische  Geschichtsauffassung
       das Synonys für Gesellschaftswissenschaft" 10).
       Althusser lehnt  - mit  den Worten  seines Schülers Balibar - die
       Leninsche  Art,  das  "Kapital"  zu  lesen,  als  Ausdruck  einer
       "empiristischen,  ja  pragmatistischen  Wissenschaftstheorie"  ab
       11). Das "Kapital", behauptet Balibar in Übereinstimmung mit Alt-
       husser, sei  nicht eine einfache Verifizierung oder Anwendung je-
       ner theoretischen  Begriffe der Vorrede von "Zur Kritik der poli-
       tischen Ökonomie",  in der  Lenin den  historischen Materialismus
       von Marx  kurz zusammengefaßt  formuliert sieht, vielmehr sei der
       Text des  "Kapital" der  "Prozeß der Produktion, Konstruktion und
       Definition dieser (oder zumindest einiger dieser) Begriffe" 12).
       Welchen Unterschied macht es, ob wir das "Kapital" so oder so le-
       sen,  ob  "empiristisch"  oder  "antihumanistisch"?  Was  Althus-
       ser/Balibar als  Empirismus von  sich weisen,  ist faktisch nicht
       mehr und  nicht weniger als die aus der modernen bürgerlichen Ge-
       sellschaft hervorgegangene  empirische Wissenschaft, deren Stand-
       punkt Marx einnahm, sobald er Wissenschaft zu treiben anfing, von
       wo er sodann aus der Einsicht seines proletarischen Klassenstand-
       punktes heraus  zusammen mit  Engels zur  allgemeinen Theorie des
       historischen Materialismus  und danach zur systematischen Analyse
       der kapitalistischen  Produktionsweise gelangte.  In ihrer allge-
       meinen Theorie,  zum ersten Mal vorgelegt in der "Deutschen Ideo-
       logie", gehen  Marx und  Engels streng empirisch von der Beobach-
       tung der "wirklichen Individuen" aus 13). Und da ergibt sich denn
       die Besonderheit, daß es die Menschen selbst sind, die ihre mate-
       rielle Wirklichkeit produzieren und darin sich reproduzieren; und
       sie selbst sind es auch, die die Verhältnisse, unter denen allein
       sie produzieren  können, herstellen und die diese Produktionsver-
       hältnisse selbst  auch ändern,  wenn die  Änderung der Produktiv-
       kräfte dies notwendig macht.
       Aus dieser  Einsicht -  die erst  in einem bestimmten Stadium der
       Geschichte möglich  wurde -  ergibt sich, daß wir die Entwicklung
       der kapitalistischen  Produktionsweise und  ihre Aufhebung einer-
       seits zwar als eine unabwendbare Naturnotwendigkeit anzusehen ha-
       ben (falls die Menschheit überhaupt eine Zukunft haben soll), an-
       dererseits aber  der politische Vollzug des Übergangs vom Kapita-
       lismus zum  Sozialismus ganz  vom Willen der Beteiligten abhängt,
       deren Handeln aus den objektiven Bedingungen nicht naturnotwendig
       spontan erfolgt,  sondern eines  ausdrücklichen Entschlusses  be-
       darf. Überlassen  sich die  Menschen ohne  eigene  Empirie,  ohne
       theoretische Aufarbeitung  der eigenen  neuen  Erfahrungen,  aber
       umso mehr  in naivem Vertrauen auf die Gewißheiten des "Kapital",
       dem wirklichen  oder scheinbaren  revolutionären Prozeß, so enden
       sie unweigerlich  in Opportunismus und wachsen bestenfalls fried-
       lich in  die Reformpolitik  des Kapitalismus hinein. Lenin suchte
       dem vorzubeugen, indem er - aus der Sicht der allgemeinen Theorie
       des historischen  Materialismus -  den befugten Träger revolutio-
       närer Politik, die Arbeiterklasse, als ein Kollektiv von Menschen
       auffaßte, die  durch die  Anstrengung der Theorie erst zu zielbe-
       wußtem, planmäßigem  Handeln befähigt werden mußten, was zugleich
       den neuen  Bedingungen gemäße  organisatorische Formen  notwendig
       machte. Lenins  besondere Art,  das "Kapital"  zu lesen und seine
       besondere Art, Politik zu machen, passen nahtlos ineinander.
       Gilt Ähnliches auch für Althusser, der zwar als praktischer Poli-
       tiker nicht  besonders hervorgetreten  ist, sich aber dennoch als
       politischer Praktiker  versteht, indem  er seine spezielle Tätig-
       keit, das  Philosophieren, nicht  nur als  "theoretische Praxis",
       sondern seit  kurzem auch  als "Klassenkampf in der Theorie" auf-
       faßt -  ohne übrigens  dem "Klassenkampf überhaupt" die Priorität
       damit streitig  zu machen?  14) Althusser  identifiziert, wie wir
       sahen, die  marxistische Wissenschaft in ihren Grundlagen mit dem
       "Kapital". Das  hat zunächst theoretische Konsequenzen. Es muß in
       der wissenschaftlichen Entwicklung von Marx ein "Einschnitt", ein
       "Bruch" konstruiert  werden. Nun  kann man gar nicht leugnen, daß
       es tatsächlich so etwas wie einen Einschnitt in der Marxschen Me-
       thode gibt.  Er besteht  darin, daß Marx vom unmittelbaren Gegen-
       stand der  empirischen Forschung,  den konkreten  Individuen, ab-
       strahiert, um  die von diesen Individuen eingegangenen und perma-
       nent  aufrecht  erhaltenen  Produktionsverhältnisse,  die  selbst
       nicht mehr sinnlich wahrnehmbar sind, in einer spezifischen Form,
       nämlich der kapitalistischen, zum Ausgangspunkt einer detaillier-
       ten theoretischen  Rekonstruktion ihres geschichtlichen Prozesses
       zu machen.  Nach wie  vor bleiben aber die Individuen, so wie sie
       in bestimmten  und sie bestimmenden Verhältnissen miteinander le-
       ben, Gegenstand  der Forschung.  Die  Abstraktion,  wie  sie  das
       "Kapital" vornimmt, geschieht nur um dessentwillen.
       Althusser scheint  nichts anderes  zu meinen, wenn er hervorhebt,
       daß Marx  nur deshalb  nicht von  d e m  Menschen ausgeht, "um zu
       den konkreten  Menschen zu  gelangen" 15).  Benutze Marx  die Be-
       griffe Stellung  und Funktion  sowie den  Begriff des Trägers als
       Stütze von  Verhältnissen, so  nicht, "um damit die konkreten Re-
       alitäten auszuschalten, die realen Menschen auf bloße Trägerfunk-
       tionen zu  reduzieren, sondern um die Mechanismen verständlich zu
       machen, indem  sie auf den Begriff gebracht werden, und um  v o n
       i h n e n   a u s g e h e n d   (denn das ist der einzig mögliche
       Weg), die  konkreten Realitäten  verständlich zu  machen, die nur
       durch diesen   U m w e g   über  die Abstraktion begriffen werden
       können." 16)  Ein wichtiger  methodischer Gesichtspunkt, zweifel-
       los. Und  Althussers Verdienst ist es, ihn deutlicher ins Bewußt-
       sein gehoben  zu haben.  Althusser redet  jedoch nur von dem Weg,
       der  v o n  den Produktionsverhältnissen zu den konkreten Indivi-
       duen führt, hingegen hat ihm seine Verabsolutierung des "Kapital"
       zur   marxistischen    Grundlagenwissenschaft   schlechthin   den
       e m p i r i s c h e n  Weg von den Individuen  z u  den Produkti-
       onsverhältnissen abgeschnitten. Der Einschnitt ist absolut, mögen
       auch einige  Fäden noch  durchgehen. Mit der Marx zugeschriebenen
       "Verwerfung der alten Grundbegriffe", der auch Hegels Vorstellung
       der "bestimmten  Negation" noch  zum Opfer  fällt, geht überhaupt
       die Dialektik  von Kontinuität  und Diskontinuität,  die die Ent-
       wicklung der  Wissenschaft auch  im Übergang  zum Marxismus kenn-
       zeichnet, in die Brüche. Es triumphiert die Diskontinuität. 17)
       Die Folgen  sind schwerwiegend.  Denn nun  kann das "Kapital" nur
       als ein  Werk angesehen werden, das sich nicht empirisch, sondern
       "theoretisch"  begründet.   Es  wird  zu  der  Marxschen  Theorie
       schlechthin, die  ihr Wahrheitskriterium  in sich selbst hat. Ist
       die Wahrheit  des "Kapital"  selbstevident 18), so vollzieht sich
       die Argumentation für die Wahrheit angemessen nur noch als Ausle-
       gung des Textes, als Kapital-Exegese. 19)
       Doch es  bleibt nicht  bei  dieser  methodischen  Fragwürdigkeit:
       Identifizieren wir  das "Kapital"  mit der  marxistischen Wissen-
       schaft überhaupt, so liegt die Verlockung zumindest nahe, die lo-
       gische Entwicklung  der Kategorien,  die wir im "Kapital" finden,
       für die  Repräsentation einer Realität zu halten, in der entspre-
       chend die  Produktionsverhältnisse die Agenten des Geschichtspro-
       zesses sind,  die sich der Individuen bloß als ihrer "Träger" be-
       dienen. 20)  Wir wären  damit wieder  mitten im  Ökonomismus  der
       zweiten Internationale und hätten uns zu fragen, was es bedeutet,
       daß angesichts  einer sozialistischen  Massenbewegung in  Westeu-
       ropa, die  endlich wieder dem Stand sich  annähert, den vor allem
       die deutsche  Sozialdemokratie damals  erreicht  hatte,  ähnliche
       ökonomistische Tendenzen  sich in  der Philosophie  artikulieren.
       21)
       Vielleicht tun  wir Althusser mit dieser Unterstellung jedoch un-
       recht? Hat  er den  Ökonomismus nicht  ausdrücklich zu überwinden
       gesucht, indem  er auch  die Leninsche  Weiterentwicklung in  den
       theoretischen Horizont  des "Kapital",  so wie er es meint, lesen
       zu müssen,  einbezog? Es  ist richtig: Die Auffassung, daß nur an
       dem Ort, an dem der ökonomische Widerspruch am weitesten gediehen
       ist, in  den fortgeschrittensten  kapitalistischen Ländern  also,
       die Revolution  ihren Platz  haben kann, ist durch die Geschichte
       widerlegt worden  - zum  Leidwesen jener westlichen Europäer, die
       meinten, der  Fortschritt könne auch in Zukunft immer nur von ih-
       rem Territorium ausgehen. Althussers theoretische Bemühungen las-
       sen es  demgegenüber verständlich  erscheinen, daß die Revolution
       andere Wege  gegangen ist, bloße Umwege, wie der überzeugte Euro-
       päer hoffen mag, bis sie nun doch durch die geschichtliche Wider-
       spruchsentwicklung an  ihren angestammten  Platz  zurückgetrieben
       wird. Und  da sind  wir schon  bei der zweiten Bedeutung, die mit
       jener ökonomistischen  Auffassung, auf  die  Althusser  anspielt,
       verbunden ist:  daß sich,  je nachdem,  wie die gesellschaftliche
       Konstellation ist, die Revolution auch wirklich ereignet, daß sie
       dann mehr  oder weniger  schicksalhaft erfolgt  - unabhängig  vom
       Willen der Individuen.
       Diesem ökonomistischen  Fatalismus kann  Althusser von der Anlage
       seiner Argumentation  her nicht  wirksam entgegentreten, es sieht
       sogar so  aus, als  diene seine Theorie der "Überdeterminierung",
       die er dem Ökonomismus entgegensetzt, nur zu dessen Neufassung in
       zeitgemäßem Gewände.  Nicht nur  das kapitalistische Produktions-
       verhältnis ist  es nach dieser Theorie, das determiniert, sondern
       auch   die    "juristisch-politischen   Verhältnisse"   und   die
       "ideologischen Verhältnisse"  22). Die Determinationsstruktur ist
       also äußerst  komplex, ansonsten  aber bleibt es dabei, "daß auch
       diese Verhältnisse die konkreten Individuen als 'Träger' von Ver-
       hältnissen und Funktionen behandeln..." Das Produktionsverhältnis
       freilich bleibt die Determination "in letzter Instanz" 23).
       In seiner  "Selbstkritik" berücksichtigt  Althusser nun  freilich
       auch den Klassenkampf, den er zuvor, wie er selbst gesteht, über-
       sehen hatte.  Der Klassenkampf,  meint er  jetzt zu erkennen, ist
       nicht ein  noch Hinzukommendes,  das auch fehlen könnte, vielmehr
       ist "der  der kapitalistischen  Gesellschaft eigene  Klassenkampf
       mit der  kapitalistischen Gesellschaft  wesensgleich..." 24). Der
       Klassenkampf ist  "materiell in der Produktion selbst verwurzelt"
       25). Es  hat daher  nicht zuerst die kapitalistische Gesellschaft
       gegeben, und dann kam es - etwa durch besondere theoretische oder
       organisatorische Bemühungen  der  Arbeiter  -  zum  Klassenkampf,
       nein, indem die Arbeiter sich in den Produktionsverhältnissen be-
       finden, sind sie auch schon mitten im Klassenkampf.
       Das Defizit  seiner früheren  Theorie - hier gleicht Althusser es
       im Übermaß aus und meint damit Lenin wohl besonders nahe gekommen
       zu sein.  Und doch  verpaßt er auch diesmal wieder die Dialektik,
       nur nach der anderen Seite hin. Wo der Klassenkampf in den ökono-
       mischen Bedingungen  schon voll und ganz im Gange sein soll - Le-
       nin sprach  hier von  "Ökonomismus"! -  da stellen die eigentlich
       politischen Kämpfe nur eine kontinuierliche Verlängerung dar, die
       gleichzeitige qualitative  Differenz, auf  die es  Lenin so  ent-
       scheidend ankam, geht dabei verloren. Diesmal also Kontinuität im
       Gegensatz zur  Diskontinuität -  das Ergebnis ist dasselbe wie im
       umgekehrten Falle:  Nivellierung des politischen Kampfes und sei-
       ner aktuellen  Erfordernisse 26).  Die Spezifik  der  politischen
       Theorie von  Lenin gegenüber  der  eingeschränkten  Thematik  des
       "Kapital", die übereinstimmt mit der Spezifik der wesentlich auch
       andernorts explizierten  politischen Theorie  von Marx  gegenüber
       seinem eigenen  Hauptwerk, geht  bei Althusser über der auch vor-
       handenen Einheit,  die zu unterschiedsloser Identität herabsinkt,
       verloren.
       Wir sehen: Man kann das "Kapital" sehr verschieden, ja gegensätz-
       lich lesen.  Man kann es wie Lenin lesen und man kann es wie Alt-
       husser lesen.  K a n n  man es wie Althusser lesen?
       
       _____
       *) Die hier vorgetragene Argumentation ist dem größeren Zusammen-
       hang eines  Aufsatzes über  die Thematik des Menschen im histori-
       schen Materialismus entnommen, der demnächst erscheinen soll. Sie
       versteht sich  als direkte Entgegnung auf den Abschnitt "Marx und
       der theoretische Antihumanismus" von Althussers zusammenfassender
       Darlegung seiner Theorie in SOPO 34/35.
       1) L. Althusser: Elemente der Selbstkritik, Berlin 1975, S. 105.
       2) L. Althusser:  "Ist es einfach, in der Philosophie ein Marxist
       zu sein?", in: SOPO 34/35, S. 7-35, hier: S. 34.
       3) SOPO, a.a.O., S. 31.
       4) MEW Bd. 19, S. 371.
       5) SOPO, a.a.O., S. 31.
       6) Elemente der Selbstkritik, a.a.O., S. 105.
       7) Ebenda, S. 102 ff.
       8) Lenin: Was sind die "Volksfreunde" ..., LW Bd. 1, S. 129.
       9) Ebenda, S. 137.
       10) Ebenda, S. 133.
       11) L. Althusser/E.  Balibar: Das Kapital lesen, Reinbek bei Ham-
       burg, 2. Bd., hier BD II, S. 270.
       12) Ebenda, S. 279.
       13) MEW Bd. 3, S. 20.
       14) Elemente ..., a.a.O., S. 80.
       15) SOPO, a.a.O., S. 34.
       16) Elemente ..., a.a.O., S. 68.
       17) "Wir beginnen,  die Geschichte  zu begreifen als eine ständig
       unterbrochene Geschichte tiefgreifender Diskontinuitäten ... tie-
       fer Umbrüche,  die, selbst  wenn sie die kontinuierliche Existenz
       der Erkenntnisbereiche nicht antasten ... doch in ihrem Bruch mit
       vergangenen Formationen  das Herrschen einer neuen Logik ankündi-
       gen, die  - weit davon entfernt, nur die einfache Entwicklung der
       'Wahrheit' oder  die 'Umwälzung'  der alten Logik zu sein - viel-
       mehr im  vollen Sinne des Wortes deren Platz einnimmt" (Das Kapi-
       tal lesen, a.a.O., Bd. I, S. 57).
       18) Vgl. den Hinweis auf Spinoza, Elemente ..., a.a.O., S. 77 f.
       19) Erklärt sich  daraus die  Affinität des "Projekts Klassenana-
       lyse" zu  Althusser, einer  Gruppe, von  der Urs Jaeggi sagt, daß
       sie "sich  als rigider  Promotor eines  revolutionären  Marxismus
       gibt und  sich dabei  strikt marx-exegetisch  orientiert..."? (U.
       Jaeggi: Theoretische Praxis, Frankfurt/M. 1976, S. 64).
       20) "Die bestimmenden  und verteilenden  Faktoren, kurz, die Pro-
       duktionsverhältnisse (und  die politischen und ideologischen Ver-
       hältnisse einer Gesellschaft) sind die wahren 'Subjekte'. Aber da
       es sich  hierbei um Verhältnisse handelt, können sie in der Kate-
       gorie des  Subjekts nicht  gedacht werden."  (Das Kapital  lesen,
       a.a.O., Bd.  II, S.  242). Zu dieser "Umkehrung" vgl. H.J. Rhein-
       berger: "Die  erkenntnistheoretischen  Auffassungen  Althussers",
       in: Argument 94, 17. Jg. 1975, S. 922-951, hier S. 928 ff.
       21) In diesem  Sinne sehr  dezidiert H.J.  Sandkühler: Praxis und
       Geschichtsbewußtsein, Frankfurt/M. 1973, S. 166.
       22) SOPO, a.a.O., S. 33
       23) Ebenda.
       24) Elemente ..., a.a.O., S. 111.
       25) Ebenda, S. 105.
       26) Auch diese  Ergänzung seiner  Marx-Exegese, mit der Althusser
       seinen Kritikern  entgegenzukommen sucht,  bestätigt also nur das
       Urteil Urs  Jaeggis, der im übrigen sehr viel Verständnis für be-
       denkenswerte Seiten der Überlegungen Althussers aufbringt. Jaeggi
       schreibt: "Die  Strukturnotwendigkeit bleibt bei Althusser einge-
       bettet in  eine Quasi-Naturnotwendigkeit,  die, auch  wenn dieser
       Punkt kaum  thematisiert wird, eine tiefe Skepsis gegenüber jeder
       Art politischer Praxis spiegelt. Die Abwesenheit des Subjekts ge-
       rät zur  Abwesenheit der Klassenauseinandersetzungen" (a.a.O., S.
       109).
       

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