Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       
       Camilla Warnke
       
       DIALEKTIK UND SYSTEMDENKEN IN DER GESELLSCHAFTSTHEORIE
       ======================================================
       
       Erkenntnistheoretische und methodologische Überlegungen
       -------------------------------------------------------
       
       Das Ziel  meines Beitrags  zu der in dieser Zeitschrift geführten
       Diskussion zur  Bedeutung von  Systemtheorie für die Konstitution
       von Gesellschaftstheorie  sehe ich  zuvörderst darin,  die   e r-
       k e n n t n i s t h e o r e t i s c h e n   u n d  m e t h o d o-
       l o g i s c h e n  A s p e k t e  des Themas deutlich sichtbar zu
       machen. Damit  will ich keineswegs sagen, daß diese Dimension des
       Themas in  den Beiträgen  von B.  Heidtmann, H.  Wagner und  K.H.
       Tjaden ausgeklammert worden wäre. Wesentliche, vom Standpunkt der
       materialistischen  Dialektik  in  bezug  auf  den  Diskussionsge-
       genstand zu formulierende Fragen wurden in den Beiträgen gestellt
       und beantwortet.  Aber der  Zugriff auf  diese Dimension erfolgte
       mehr oder  weniger en  passant und punktuell, so daß ihre relativ
       eigenständige  und   systematische  Behandlung   eine   sinnvolle
       Ergänzung und Vertiefung der Diskussion darstellen kann. Aber ich
       halte  diese  Ergänzung  nicht  nur  für  sinnvoll,  sondern  für
       schlechthin notwendig,  weil die  Frage nach  der  Beziehung  von
       historischem Materialismus  und  Systemtheorie  der  Gesellschaft
       meines Erachtens  allein im Rahmen des historischen Materialismus
       nicht hinreichend beantwortet werden kann. Vom Standpunkt des hi-
       storischen Materialismus  kann nämlich nicht geklärt werden, wel-
       cher Art die Begriffe und Methoden der Systemwissenschaften sind,
       und was sie demzufolge für die Widerspiegelung der objektiven Re-
       alität zu leisten vermögen.
       Soll diese  Frage prinzipiell beantwortet werden, dann ist es un-
       erläßlich, sowohl  die Denkweise  des historischen  Materialismus
       als auch  die Denkweise der Systemtheorie (in welcher Lesart auch
       immer) erkenntnistheoretisch  und methodologisch  zu rekonstruie-
       ren. Das  aber bedeutet  nach meiner  Auffassung, das  allgemeine
       Problem  der  Beziehung  von    m a t e r i a l i s t i s c h e r
       D i a l e k t i k   und   S y s t e m d e n k e n   (in Sinne der
       zeitgenössischen Systemwissenschaften) zu untersuchen und zu dis-
       kutieren, was eben im Zentrum dieses Beitrags stehen soll.
       Dabei will  ich an  das anknüpfen, was implizite und explizite in
       der bisherigen  Diskussion zu  diesem Aspekt  des  Themas  gesagt
       wurde.
       B. Heidtmann  nimmt in  seinem Beitrag  1) eine Zuordnung des sy-
       stemtheoretischen Ansatzes zur Konstruktion einer allgemeinen Ge-
       sellschaftstheorie  (in   der  Version  von  Luhmann)  zu    a b-
       s t r a k t e r   A r b e i t    und    e r s c h e i n e n d e r
       gesellschaftlicher Bewegung einerseits und des historischen Mate-
       rialismus zu   k o n k r e t e r   A r b e i t  und  w i r k l i-
       c h e r   gesellschaftlicher Bewegung andererseits vor. In diesem
       Kontext ist das weitergehende erkenntnistheoretische Problem auf-
       zuwerfen -  und Heidtmann  stellt Überlegungen in dieser Richtung
       an -  ob, inwiefern  und warum  mittels der auf der materialisti-
       schen Dialektik  beruhenden Gesellschaftstheorie  das   W e s e n
       gesellschaftlicher Bewegung erfaßt werden kann, und ob, inwiefern
       und warum  der systemtheoretische  Zugriff auf  gesellschaftliche
       Bewegung  demgegenüber   bei  der  Widerspiegelung  ihrer    E r-
       s c h e i n u n g   verharrt. Die Frage so zu stellen aber heißt,
       sich der Forderung nach dialektisch-materialistischer Rekonstruk-
       tion des Systemdenkens bewußt zu sein.
       Daß die  Lösung solcher erkenntnistheoretischer Probleme auch für
       K. H.  Tjadens Versuch der Weiterentwicklung des historischen Ma-
       terialismus bedeutsam  ist, geht allein schon aus den von ihm zur
       Debatte gestellten  offenen Fragen  hervor, z.  B. aus der Frage:
       "ob eine  Einbettung systemtheoretischer  Modelle und Methoden in
       die historisch-materialistische  Theorie der  Gesellschaft ... zu
       besserer gesellschaftlicher Erkenntnis verhelfen könnte", und aus
       der Frage,  "auf welchen Gegenstandsbereich historisch-materiali-
       stischer Theorie sich eine Einarbeitung von Systemtheorie vor al-
       lem beziehen solle". 2) Während diese Fragen des historischen Ma-
       terialismus vom  Standpunkt der erkenntnistheoretischen Dimension
       des Themas  nach meiner  Meinung als  sinnvolle und  richtig  ge-
       stellte Fragen  gelten können,  greift eine  andere von Tjaden in
       diesem Kontext  aufgeworfene Frage  zu kurz.  Die  Frage  danach,
       "w e l c h e   systemtheoretischen Modelle  und Methoden  denn in
       die Gesellschaftslehre  einzubetten wären", 3) unterstellt still-
       schweigend, daß es zwischen den verschiedenen systemtheoretischen
       Modellen und  Methoden erkenntnistheoretische und methodologische
       Unterschiede in dem Sinne gibt, daß die einen auf dialektisch-ma-
       terialistischen Voraussetzungen  beruhen,  die  anderen  hingegen
       nicht. Die  Frage, ob  es derartige  Unterschiede überhaupt gibt,
       oder ob die Systemwissenschaften nicht vielmehr erkenntnistheore-
       tisch ein-  und derselben  Denkweise zuzuordnen  sind, bleibt bei
       Tjaden unreflektiert; sie ist jedoch zu stellen, wenn man die Ge-
       währ haben  will, im  Rahmen des  historischen Materialismus  die
       Frage nach dem Einsatz systemtheoretischen Instrumentariums sinn-
       voll formulieren zu können.
       H. Wagner  schließlich konstatiert  unter anderem  zu Recht,  daß
       "Luhmann die  Grundfrage Materialismus oder Idealismus ignoriert"
       4), und  er vermutet  zwischen diesem  Tatbestand und dem Äquiva-
       lenzfunktionalismus Luhmanns gewisse Abhängigkeiten. Ob diese Be-
       ziehungen indes  derart sind,  daß das eine aus dem anderen zwin-
       gend folgt,  d.h. ob  die grundkategoriale Verwendung des Funkti-
       onsbegriffs eine  dialektisch-materialistische Gesellschaftstheo-
       rie notwendig  ausschließt oder nicht, bleibt unentscheidbar, so-
       lange die  erkenntnistheoretische Beschaffenheit solcher Begriffe
       wie "System",  "Struktur" und  "Funktion" nicht  bestimmt  worden
       ist.
       Mit den  hier folgenden  erkenntnistheoretischen und methodologi-
       schen Überlegungen  zum Thema  sollen bestimmte vorläufige Ergeb-
       nisse der Arbeit einer Forschungsgruppe zum Gegenstand "Dialektik
       und Systemdenken"  vorgestellt und in die Diskussion dieser Zeit-
       schrift eingebracht  werden. 5) Dabei versteht es sich, daß nicht
       in erster Linie das betont werden wird, in dem wir uns mit den in
       dieser Zeitschrift  getroffenen Einschätzungen einig wissen, son-
       dern vielmehr das, von dem wir glauben, daß es für die Diskussion
       neue Aspekte des Themas erschließen kann.
       Seit den  dreißiger Jahren  unseres Jahrhunderts  ist  ein  neuer
       Zweig von  Wissenschaften  entstanden,  dessen  wissenschaftliche
       Vorgehensweise und  methodologische Attitüde  als  "Systemdenken"
       (auch  "Systemforschung",  "Systemanalyse",  "Systemtheorie"  ge-
       nannt) bezeichnet werden kann. Es wurde unmittelbar durch das Be-
       dürfnis inauguriert,  die innere  Organisiertheit und  Zielorien-
       tiertheit des  Verhaltens von technischen und biologischen Objek-
       ten dem  analytischen Zugriff  zugänglich zu  machen, und  in der
       Folge wurde  es sehr  rasch zur Lösung auch von Organisationspro-
       blemen in der Gesellschaft in Gebrauch genommen. Mit der Erweite-
       rung des Anwendungsgebietes bildeten sich eine Reihe von spezifi-
       schen Systemdisziplinen  heraus (wie  Operationsforschung, Spiel-
       theorie, Konflikttheorie, um nur einige zu nennen).
       Das Systemdenken  - das  allen diesen Disziplinen gemeinsam ist -
       kann kurz  als der  Versuch bezeichnet werden, der traditionellen
       Maxime: "Das  Ganze ist  mehr als  die Summe seiner Teile", einen
       solchen  präzisen   analytischen   Sinn   zu   geben,   daß   die
       m a t h e m a t i s i e r t e  Darstellung eben dieses Ganzen re-
       alisierbar wird. Was L. v. Bertalanffy als Ziel einer Allgemeinen
       Systemtheorie formuliert: "In ihrer ausgearbeiteten Form wird sie
       eine logisch-mathematische  Disziplin, eine  rein formale Theorie
       sein, die  auf verschiedene  empirische Wissenschaften  anwendbar
       ist" 6),  kann (auch dort, wo ihre Ausdrucksweise noch vorwiegend
       verbal ist)  als Tendenz für alle Disziplinen gelten, die Systeme
       unter irgendeinem Aspekt zum Thema haben, sei es der Aspekt ihrer
       Strukturiertheit oder ihrer Funktionalität, ihrer Erhaltungs- und
       Veränderungsbedingungen gegenüber  der Umwelt  oder ihrer inneren
       Organisation.
       Dieser Bezug  der Systemwissenschaften  zur Mathematik deutet be-
       reits darauf  hin, daß  ihr Gegenstand   a b s t r a k t e   O b-
       j e k t e   sind. Es  wird die  allgemeine Eigenschaft empirisch-
       realer Gegenstände,  Systeme zu  sein, aus  ihrem Kontext mit den
       anderen Eigenschaften  dieser Objekte  herausgelöst und  für sich
       betrachtet. Somit  kann auch  gesagt  werden:  Die  Systemwissen-
       schaften bilden  die empirisch  realen Objekte abstrakt, weil nur
       hinsichtlich eines bestimmten Aspekts ab. Das zeigt sich schon in
       der sprachlichen  Struktur ihrer Aussagen. Ihre Subjekte bezeich-
       nen nicht empirisch-reale Dinge, sondern sind immer Ausdrücke für
       das "abstrakte  Ding" System (resp. Struktur, Funktion usw.). Da-
       her sind  hier Aussagen, wie die folgenden, typisch: "Es gibt ge-
       schlossene und  offene Systeme", "Systeme bestehen aus Mengen von
       Elementen und  Relationen". D.h.  die Aussagen  der Systemwissen-
       schaften zielen  darauf ab,  die Eigenschaft der Systemhaftigkeit
       näher zu bestimmen.
       Diese allgemeine  Charakteristik der Systemwissenschaften, es mit
       abstrakten Objekten zu tun zu haben, ist zunächst hinreichend, um
       vom Standpunkt  der materialistischen  Dialektik den Anspruch zu-
       rückzuweisen, daß ihre Begriffe und Methoden den Rang philosophi-
       scher Kategorien und den der philosophischen Methode beanspruchen
       könnten (oder  daß das Systemdenken imstande sei, die klassischen
       weltanschaulichen Fragen  zu beantworten). Ein derartiger Versuch
       kann zunächst  ganz allgemein mit denselben Argumenten entkräftet
       werden wie der, Philosophie als mathesis universalis konstruieren
       zu wollen.  Aber diese  Charakteristik reicht  noch nicht aus, um
       den systemwissenschaftlichen  Zugang zu  den empirisch-realen Ob-
       jekten in seiner Spezifik zu erfassen.
       In einer  der frühen Arbeiten zur Bestimmung dessen, was das sich
       eben als  eigenständige Forschungsweise abzeichnende Systemdenken
       sei, trifft der Psychologe A. Angyal (1941) die in unserem Zusam-
       menhang  bemerkenswerte  Feststellung:  "Eine  Relation  verlangt
       einen Aspekt,  unter dem die Relation gebildet wird. Zwei Objekte
       können z.B. mit Bezug auf ihre Farbe, ihre Größe oder ihr Gewicht
       aufeinander bezogen  werden. Daher  ist es, ehe man eine Relation
       feststellen kann,  nötig, irgendeinen Gesichtspunkt der Bezugsob-
       jekte auszusondern,  der als  Basis der Relation dienen kann. Die
       Eigenschaft der  Bezugsobjekte, auf welcher die Relation basiert,
       ist dabei  deren immanente Qualität - wie etwa im Fall der Größe,
       der Farbe  oder des  Gewichts. Das  Objekt steht auf Grund seiner
       immanenten Qualitäten  in Beziehungen  zu einem anderen Objekt...
       Die Mitglieder eines Systems dagegen werden nicht auf Grund ihrer
       immanenten Qualitäten  Systemkonstituenten, sondern auf Grund ih-
       rer Verteilung oder Anordnung im System. Das Objekt ist am System
       nicht beteiligt  wegen seiner  inhärenten Qualität, sondern wegen
       seines   S t e l l e n w e r t s  i m  S y s t e m".  7) Und wei-
       ter heißt es: "Wenn die einzelnen Objekte a, b, c, d zu einem Ag-
       gregat verbunden  werden, so sind sie darin als Objekt a, als Ob-
       jekt b,  als Objekt c etc. beteiligt, d. h. als Linien, Abstände,
       Farbflecken, oder was auch immer sie sein mögen. Wenn jedoch eine
       Ganzheit durch  Verwendung der  Objekte a,  b, c,  d konstituiert
       wird, so sind die Teile der resultierenden Ganzheit nicht das Ob-
       jekt a,  das Objekt  b, das  Objekt c  etc., sondern alpha, beta,
       gamma, delta,  d.h. die   S t e l l e n w e r t e   d e r    O b-
       j e k t e  a, b, c, d." 8)
       Für unsere  Bestimmung dessen,  was Systemdenken  ist,  ist  hier
       zunächst Angyals  Gedanke von der Existenz der "Stellenwerte" als
       der eigentlichen  Elemente eines  Systems von wesentlicher Bedeu-
       tung: In  der Tat  sind diejenigen  Systeme, die vom Systemdenken
       als die  gegebenen Objekte  seiner  Analyse  unterstellt  werden,
       nicht  etwa   die  sinnlich-gegenständlich  wahrnehmbaren  eigen-
       schaftsbestimmten Objekte,  sondern die  W e r t z u s a m m e n-
       h ä n g e,  die sich auf Grund der Stellung solcher eigenschafts-
       bestimmter Objekte  innerhalb realer Organisationen ergeben. Die,
       wie man  mit Angyal  durchaus sagen  kann,    i n h ä r e n t e n
       Q u a l i t ä t e n   der isolierbaren  Naturgegenstände gehen in
       Systeme nicht  als solche,  sondern vielmehr  nur als Bedingungen
       ein, um  die Existenz  der durch  die Systeme  selbst  bestimmten
       Stellenwerte zu garantieren.
       Behält man diesen Aspekt im Auge - auf den wir später noch einmal
       zurückkommen werden  - dann wird verständlich, welcherart der Er-
       kenntnisgewinn ist,  der durch  das Systemdenken erzielt wird. Es
       gestattet, daß  qualitativ durchaus verschiedene Ganzheiten (z.B.
       biologische und technische) durch mathematisch gleichartige Glei-
       chungssysteme repräsentiert  werden können.  Die Idee  der Syste-
       manalyse ergibt sich mit anderen Worten auf Grund der Realisation
       der Abstraktion  von der  Verschiedenheit eben jener qualitativen
       Unterschiede. Zugleich ist einsichtig, daß die Unterscheidung von
       verschiedenen Typen  solcher Gleichungssysteme  auch  als  Unter-
       scheidung von  Systemtypen betrachtet  werden kann. Damit hat das
       Systemdenken mit der Erarbeitung einer, wie L. v. Bertalanffy sie
       nennt, "Allgemeinen Systemtheorie" eine legitime Aufgabe.
       Ist einerseits für das Systemdenken also charakteristisch, daß es
       qualitativ verschiedene  Ganzheiten identisch  setzt, so anderer-
       seits ebenso, und zwangsläufig damit verbunden, daß es qualitativ
       in sich  identische Ganzheiten  über eine  Vielzahl verschiedener
       Systemmodelle abbildet.  Aus der Sicht der kybernetischen System-
       theorie gilt nach Ashby, daß "jedes materielle Objekt nicht weni-
       ger als  unendlich viele Variablen und damit von möglichen Syste-
       men enthält".  9) Das jeweils realisierte Systemmodell aber kommt
       dadurch zustande,  daß unter bestimmten Gesichtspunkten bestimmte
       Beziehungen des  empirisch-realen Objekts  aus der Gesamtheit der
       ihm eigentümlichen  Beziehungen herausgelöst  und für sich darge-
       stellt werden.  Mittels des  Systemdenkens werden empirisch-reale
       Ganzheiten somit  über eine  Menge von  Abstraktionen  analytisch
       dargestellt. L. v. Bertalanffy nennt diesen Aspekt des Systemden-
       kens "Perspektivismus"  10) und  N. Luhmann spricht von einem dem
       Systemdenken eigentümlichen "Bezugssystemrelativismus".
       11)
       Für unser Thema ist dabei von Interesse, wie sich der so beschaf-
       fene Systembegriff zu dem von Marx gebrauchten und für die Abbil-
       dung des  Ganzheitscharakters der  Gesellschaft eingesetzten  Be-
       griffs der  Totalität verhält. Was Ashby für die Kybernetik sagt,
       kann für  Systemdenken schlechthin  in Anspruch  genommen werden:
       "Kybernetik betrachtet die Totalität in all ihrer möglichen Viel-
       falt". 12)  Und indem  "Totalität" in  systemtheoretischer  Sicht
       analytisch als   V i e l f a l t   aufgefaßt wird, wird sie unter
       dem Titel  der   K o m p l e x i t ä t,   d.h. hinsichtlich ihres
       quantitativen Aspekts gedacht. Das Verhältnis von Komplexität und
       System aber  ist dann notwendig folgendermaßen bestimmt: Wenn Sy-
       steme nur  jeweils "selektive  Leistungen" 13),  Aspekte in bezug
       auf empirisch-reale  Ganzheiten darstellen, dann sind sie als re-
       duzierte Komplexität  definierbar. Mit  Luhmann unterstellt,  daß
       Totalität in  systemtheoretischer Sicht  als Komplexität bestimmt
       ist, gilt folgendes: "Totalität wird nicht für Systeme behauptet,
       sondern nur  für das  Woraus ihrer Selektivität, Systeme beziehen
       sich aufs Totale gerade dadurch, daß sie es nicht  s i n d,  son-
       dern reduzieren". 14)
       Der auf  Komplexität abgestellte  (analytische) Begriff der Ganz-
       heit ist  nun keineswegs  identisch mit  "Totalität" im Marxschen
       Sinne. In der Theorie von Marx impliziert der Begriff der Totali-
       tät zwar  durchaus den  quantitativen Aspekt der Komplexität, je-
       doch ist dieser hier dem  q u a l i t a t i v e n  untergeordnet.
       Wenn ich  richtig sehe,  verwendet Marx den Totalitätsbegriff vor
       allem in  der Absicht, die ökonomisch bestimmten Strukturverhält-
       nisse der  kapitalistischen Gesellschaft  gegenüber den  entspre-
       chenden  Strukturverhältnissen  der  vorkapitalistischen  Gesell-
       schaften zu  spezifizieren, das heißt, um sichtbar zu machen, daß
       in der kapitalistischen Gesellschaft ein bestimmtes gesellschaft-
       liches Verhältnis  - das  Kapital -  alle gesellschaftlichen Ver-
       hältnisse dominiert  derart, daß sie qualitativ identisch werden.
       Die bürgerliche  Gesellschaft ist nach Marx Totalität (oder orga-
       nisches System) deshalb, weil "im vollendeten bürgerlichen System
       jedes ökonomische Verhältnis das andre in der bürgerlich-ökonomi-
       schen Form voraussetzt und so jedes Gesetz zugleich Voraussetzung
       ist". Und  "seine Entwicklung zur Totalität besteht eben (darin),
       alle Elemente  der Gesellschaft sich unterzuordnen, oder die noch
       fehlenden Organe  aus ihr  heraus zu  schaffen. Es wird so histo-
       risch zur Totalität". 15)
       Es kann hier weder gründlich noch umfassend auf die Beziehung des
       Systembegriffs zu  dem der  Totalität eingegangen  werden, so wie
       Marx ihn  verstanden und  gebraucht hat,  da dessen  Untersuchung
       seitens der marxistischen Philosophie noch aussteht. Wenn L. Alt-
       husser mit  dem berechtigten Argument, daß Hegels Begriff der To-
       talität durch  die Vorstellung  von der Versöhnung der Gegensätze
       belastet sei, diesen aus dem Begriffsarsenal des historischen Ma-
       terialismus ausschließen  möchte, so  macht er zwar deutlich, daß
       die materialistische  Rekonstruktion des hegelschen Totalitätsbe-
       griffs erst  noch zu leisten ist. Dennoch halte ich es für vorei-
       lig, deswegen  zu behaupten,  "daß Hegel  eine  Gesellschaft  als
       T o t a l i t ä t   denkt, während  Marx sie  als  ein  komplexes
       strukturiertes  G a n z e s  mit Dominanz denkt,... daß man Hegel
       die Kategorie  der Totalität überlassen kann und für Marx die Ka-
       tegorie des Ganzen beanspruchen sollte." 16)
       Abgesehen davon, daß dieser Vorschlag bei Althusser bloße Prokla-
       mation bleibt,  vermag schon  ein flüchtiger Blick auf Hegels Be-
       handlung des  traditionellen Ganzheitskonzepts  darüber zu beleh-
       ren, daß  Hegel mittels  der Kategorien  "Totalität" und "Moment"
       berechtigte Kritik  an der  mechanizistischen Ganzheitsauffassung
       vom Standpunkt der Dialektik übt. Die von Hegel in diesem Kontext
       vorgetragenen Überlegungen,  die an  Kants zweiter  Antinomie der
       reinen Vernunft  ansetzen, sind darauf gerichtet, Ganzheiten hin-
       sichtlich ihrer  qualitativen Einheit begrifflich erfaßbar zu ma-
       chen. Durch  die Kantsche  Antinomie war  ja stringent  folgendes
       aufgewiesen worden: Solange das Denken rein analytisch Ganzes und
       Teil, als  Selbständige gegeneinander  fixiert, und  ihre Einheit
       nur eine  "gesetzte Beziehung,  eine äußerliche  Zusammensetzung"
       bleibt 17),  solange in  bezug auf  das Verhältnis von Ganzem und
       Teil nur ausgesagt wird, daß sie in  e i n e r  Beziehung jeweils
       Einfaches (Element)  und in  einer   a n d e r e n  Beziehung je-
       weils Ganzes  (System) sind, ist die von Kant formulierte Antino-
       mie nicht  aufzulösen. Das  Denken schreitet  in diesem  Fall  am
       Leitfaden der abwechselnden (bezugssystemabhängigen) Setzung Gan-
       zes oder  Teil zu sein, ins schlechte Unendliche fort 18), d. h.,
       die im  dialektischen Sinne konkrete, die qualitative Einheit des
       Ganzen wird auf diesem Wege nicht realisiert.
       Es geschieht  unter dieser Voraussetzung vielmehr gerade das, was
       auch für  die Sicht  des zeitgenössischen  Systemdenkens  typisch
       ist: Ganzheit wird analytisch über eine Menge von je bezugssyste-
       mabhängigen und gleichberechtigten Perspektiven abgebildet, ange-
       sichts derer  die Frage nach der qualitativen Identität, nach dem
       Wesen, nach der Substanz des Gegenstandes gar nicht gestellt wer-
       den kann.  Das Problem des Wesens stellt sich in dieser Sicht le-
       diglich als  eine Frage  des Geltens: Wesentlich zu sein ist hier
       jeweils relativ  bestimmt, bezogen  auf den das Systemmodell kon-
       stituierenden (subjektiven) Gesichtspunkt.
       Dem tritt  Hegel mit  der Auffassung  entgegen, daß die "Wahrheit
       des Verhältnisses"  von Ganzem  und Teil "in der Vermittlung" be-
       stehe. 19)  Der Teil  ist nach  Hegel als Moment aufzufassen, das
       heißt als  ein Etwas, das in einer seiner Bestimmungen die Quali-
       tät des  Ganzen an sich hat, und das Ganze ist genau dann als To-
       talität bestimmt,  wenn es  in einer  seiner Bestimmungen mit der
       Qualität seiner Teile identisch ist.
       Es steht  nun meines Erachtens außer allem Zweifel, daß Hegel mit
       den Kategorien  der Totalität und des Moments versucht hat, einen
       im Sinne  der Dialektik konkreten Ganzheitsbegriff zu konstituie-
       ren. Denn  erst auf  der Grundlage,  daß dieser  doppelt bestimmt
       ist, kann die von P. Ruben zu recht für einen dialektischen Ganz-
       heitsbegriff in  Anspruch genommene  Bedingung realisiert werden:
       "Eine Ganzheit  wird konkret betrachtet, wenn man sie als Verbin-
       dung von  Gleichartigkeit und  Verschiedenartigkeit  betrachtet."
       20)
       Es dürfte  nach den  hier vorgetragenen Überlegungen einleuchten,
       daß Marx  gute Gründe  hatte, daß  hegelsche Totalitätskonzept in
       methodischen Gebrauch  zu nehmen.  Marx war es ja nicht in erster
       Linie darum  zu tun,  im Sinne  des analytischen  Zugriffs und im
       Vorzeichen der  Feststellung, "es  gibt", den bereits vor ihm von
       den bürgerlichen Ökonomen aufgedeckten Zusammenhängen der kapita-
       listischen Gesellschaft  unbewertet weitere hinzuzufügen, sondern
       es ging  ihm darum,  die Substanz,  das Wesen oder das allgemeine
       Bewegungsgesetz der  kapitalistischen Produktionsweise  zu erken-
       nen. Dazu benötigte er ein Ganzheitskonzept, nach dem die Einheit
       der Gesellschaft als konkrete, qualitativ bestimmte, widersprüch-
       liche Einheit gedacht werden konnte.
       Die Analyse eines bisher unbekannten, kürzlich erstmalig gedruck-
       ten Textes  von Karl Marx mag anschaulich dokumentieren, wie Marx
       diese konkrete Einheit untersucht. 21)
       Marx geht  davon aus,  "daß das  Geldsystem eine hohe Entwicklung
       und größere  Scheidung und  Trennung der Klassen voraussetzt, als
       das Fehlen  des Geldsystems,  d. vorgeldlichen  Gesellschaftsstu-
       fen". 22)  Aber auf  der Ebene der Zirkulation, in der Beziehung,
       in der  sich die  Individuen als  consumers und dealers, als über
       das Geld  vermittelte, nach  dem Gesetz  der  Äquivalenz  Austau-
       schende verhalten,  wird dieser  widersprüchliche  Charakter  des
       Ganzen als  solcher, die  Scheidung der  Gesellschaft in  Klassen
       nicht sichtbar.  Hier erscheint  die kapitalistische Gesellschaft
       vielmehr als  eine Ganzheit, die ausschließlich auf der Gleichar-
       tigkeit der  Individuen beruht, als ein System, das sich aus qua-
       litativ gleichartigen  Elementen konstituiert.  "In der  Form von
       Geld, von  Gold, Silber  oder Noten  sieht man  es allerdings dem
       Einkommen nicht  mehr an, daß es dem Individuum nur als einer be-
       stimmten Klasse zugehörig, als einem Klassenindividuum zukommt...
       Die Vergoldung  oder Versilberung  verwischt den Klassencharakter
       und übertüncht ihn." 23) Und diese qualitative Gleichheit der In-
       dividuen ist  kein bloßer  Schein, sondern  eine tatsächlich exi-
       stierende, sofern  nur das  Bezugssystem die Sphäre der kapitali-
       stischen Waren-  und  Geldzirkulation  (in  Abstraktion  von  der
       Sphäre der  Produktion) ist.  Es fällt also im Akt des Austauschs
       "der besondre  Charakter des in Geld verwandelten Einkommens weg"
       24), das  heißt vom  Standpunkt der  Zirkulation verschwinden die
       qualitativen Unterschiede  des Ganzen  als qualitative. Nichtsde-
       stoweniger setzt  sich auch auf der Grundlage des die Zirkulation
       regierenden Gesetzes  der Gleichheit die qualitative Ungleichheit
       der Klassen durch; sie erscheint aber jetzt in der Form ungleich-
       artiger Maßverhältnisse,  in der  Form der  Ungleichheit in bezug
       auf die "Quantität des zur Disposition stehenden Geldes". 25)
       Das skizzierte Marxsche Vorgehen erbringt für unser Thema verall-
       gemeinert folgendes.  Es wird  von Marx 1. vorausgesetzt, daß die
       zu analysierende Ganzheit eine solche ist, die wesentlich auf der
       Verschiedenartigkeit ihrer  "Teile" beruht, und daß es eben diese
       Verschiedenartigkeit ist,  die ihre qualitative Bestimmtheit aus-
       macht. Es  wird jedoch von Marx außerdem vorausgesetzt, daß diese
       Feststellung der  qualitativen  Verschiedenartigkeit  nicht  aus-
       reicht, um die Ganzheit zu bestimmen.
       Dazu ist  2. vielmehr erforderlich, die qualitativ Verschiedenar-
       tigen als Einheit zu fassen. Dies geschieht mittels der Fixierung
       derjenigen Eigenschaften,  in bezug  auf die  sie Gleichartigkeit
       aufweisen, hinsichtlich  derer sie qualitativ identisch sind. Da-
       mit ist  gleichzeitig unterstellt, daß in den "Teilen" des Ganzen
       selbst die  Einheit von Gleichartigkeit und Ungleichartigkeit re-
       alisiert ist, oder daß sie Momente im Sinne Hegels sind.
       Auf der Grundlage der zunächst für sich festgehaltenen gegensätz-
       lichen Bestimmungen der qualitativen Ungleichartigkeit und quali-
       tativen Gleichartigkeit  tut Marx dann den 3. Schritt. Er vermit-
       telt die  Bestimmung der  Gleichartigkeit mit der der Ungleichar-
       tigkeit zum Widerspruch derart, daß er letztere als die Dominante
       der von  ihm untersuchten Ganzheit ausweist: Die qualitative Ver-
       schiedenartigkeit erscheint  jetzt - vermittelt über die qualita-
       tive Identität - als  q u a n t i t a t i v e r  Unterschied.
       Wie verhält  sich nun  das zeitgenössische Systemdenken zu diesem
       Dreierschritt der  Marxschen dialektischen  Ganzheitsanalyse?  Es
       setzt gemäß  seinem Charakter  als  abstrakt-analytisches  Denken
       notwendig an  jenem Punkt  an, der  hier als  der 2.  Schritt der
       Marxschen Analyse  ausgewiesen wurde:  Es beruht auf der Realisa-
       tion der  Abstraktion von  den qualitativen Unterschieden und re-
       flektiert diese  mittels des  mathematischen Instrumentariums  in
       Form der  quantitativen Vorstellung  von Proportionalitäten.  (So
       wird beispielsweise  von Luhmann mittels des Begriffs der Komple-
       xität qualitativ Verschiedenartiges identisch gesetzt, vergleich-
       bar gemacht und quantitativ unterscheidbar.)
       Aus dieser erkenntnistheoretischen Lokalisierung des zeitgenössi-
       schen Systemdenkens  folgt meines  Erachtens, daß der dialektisch
       gefaßte und  der systemtheoretisch gefaßte Ganzheitsbegriff weder
       miteinander identisch  noch miteinander unverträglich sind. Letz-
       terer kann  vom Standpunkt  der Dialektik als der abstrakte, ein-
       seitig auf  die Bestimmung der qualitativen Gleichartigkeit redu-
       zierte Begriff der Ganzheit bezeichnet werden, oder im Systemden-
       ken findet  die Dialektik  von Teil und Ganzem ihren analytischen
       Ausdruck. Indirekt bestätigt Luhmann, wenn er - wie schon zitiert
       - schreibt:  "Systeme beziehen  sich aufs  Totale gerade dadurch,
       daß sie  es nicht  sind, sondern  reduzieren".  Unverträglichkeit
       tritt erst dann ein, wenn - wie von Luhmann - darüber hinaus noch
       proklamiert wird,  daß die Existenzweise objektiv-realer Ganzhei-
       ten immer  nur System  in diesem  abstrakten  Sinne  sein  könne:
       "Systeme selbst  sind immer  schon selektive  Leistungen, Aspekte
       von Weltzuständen,  deren Selektivität die Wissenschaft mit ihren
       analytischen Kategorien  nur nachzeichnet,  nicht begründet.  Der
       Analytik von  Wissenschaft kommt  mithin entgegen,...  daß selbst
       faktische Systeme  der physischen,  organischen, psychischen oder
       sozialen Realität keine konkreten Totalitäten sind." 26)
       Der ontologischen  Wendung des  Systemdenkens, die  Luhmann  hier
       vollzieht, kann  vom Standpunkt  der materialistischen  Dialektik
       nicht zugestimmt werden. Sie zu akzeptieren, würde zur Selbstauf-
       lösung der  Dialektik führen,  da sie  unter dieser Voraussetzung
       eben auf  das verzichten würde, was ihre methodische Bestimmtheit
       ausmacht: auf den im hegelschen Sinne konkreten Begriff.
       Das möchte ich umso nachdrücklicher betonen, als die Identifizie-
       rung des abstrakt-analytischen Systembegriffs mit dem dialektisch
       aufgefaßten Ganzheitsbegriff  auch in Publikationen marxistischer
       Autoren vorgenommen wurde und wird.
       Eine Forderung  wie die,  die  systemtheoretischen  Grundbegriffe
       (beispielsweise System  und Struktur)  in das Arsenal der Katego-
       rien der  materialistischen Dialektik  aufzunehmen, halte ich für
       ebenso unannehmbar  wie die erst jüngst geäußerte Auffassung, daß
       die mathematische Spieltheorie als eine "problemorientierte Spra-
       che zum Sprechen und Denken über dialektische Widersprüche vorge-
       stellt" werden  könne. 27)  Derartigen  Auffassungen  liegt  m.E.
       nicht nur  ein bemerkenswert  flacher Begriff  von Dialektik  zu-
       grunde (ein  Begriff von  Dialektik, dem beispielsweise jede Dar-
       stellung einer  physikalischen Wechselwirkung schon als begriffe-
       ner Widerspruch  gilt!), sondern auch eine bemerkenswerte Bewußt-
       losigkeit in  erkenntnistheoretischer Hinsicht.  Es wird hier die
       Aufgabe der erkenntnistheoretischen Rekonstruktion des Systemden-
       kens weder gesehen, geschweige denn gelöst.
       Mit Blauberg und Judin ist gegen die unreflektierte Gleichsetzung
       von Dialektik  und Systemdenken  geltend zu  machen:  "Selbstver-
       ständlich müssen  die Vertreter  des dialektischen  Materialismus
       die System-  und Strukturforschung  ausgehend von  den Grundprin-
       zipien der  marxistisch-leninistischen Philosophie interpretieren
       und alle Versuche, diese Forschung als eine 'neue', 'moderne' Art
       von   Philosophie    auszugeben,   einer   prinzipiellen   Kritik
       unterziehen." 28)  Es ist  mit anderen  Worten nachzuweisen,  daß
       alle derartigen  Versuche auf  einer Verwechslung von Philosophie
       und Wissenschaft,  der Dialektik  mit ihrem analytischen Ausdruck
       beruhen, und  daß, sofern die das Systemdenken leitenden Begriffe
       und Methoden  als philosophische  Kategorien und  Methoden ausge-
       geben werden,  ein Typ von Philosophie entsteht, der - gemäß sei-
       ner Herkunft - notwendig undialektisch ist.
       Wenn die  hier vorgetragenen  Überlegungen zur Beziehung von Dia-
       lektik und  Systemdenken richtig sind, dann ist aber auch der ro-
       mantische Protest gegen alles, was "System" heißt, die ultralinke
       Phrase abzulehnen,  die glaubt,  zwischen beiden  absolute Unver-
       träglichkeit konstatieren  zu müssen.  Mit der  Behauptung,  daß,
       wenn die Dialektik ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär sei
       und daher  als Methode  geeignet, die  Gesellschaft in ihrer Ent-
       wicklung und revolutionären Veränderung adäquat zu erfassen, wird
       die  Systemtheorie  nicht  als  mathematisch-analytische  Wissen-
       schaft, sondern  als Weltanschauung unterstellt. Das aber ist sie
       ihrem Charakter  nach ebensowenig  wie die Mathematik, und ebenso
       wie diese  ist sie daher philosophisch zu begründen. Unter dieser
       Voraussetzung aber gilt, daß das system-theoretische Instrumenta-
       rium sowohl  im Rahmen kritisch-revolutionärer als auch konserva-
       tiver, den gegebenen Status quo verteidigender Gesellschaftstheo-
       rie eingesetzt  werden kann.  Und sofern  Systemdenken als allge-
       meine Systemtheorie  auftritt, gilt  auch -  so meine These - daß
       sie einsetzbar ist; um allgemeine gesellschaftliche Zusammenhänge
       zu fixieren,  womit sie  für die weitere Entwicklung des histori-
       schen Materialismus fruchtbar gemacht werden könnte.
       Mit dieser  These wird  zunächst nur  behauptet, daß  man auf der
       Grundlage dialektischer Gesellschaftsauffassung mit systemtheore-
       tischen Begriffen und Methoden sinnvoll arbeiten kann; es ist mit
       ihr noch nichts darüber ausgesagt, welcherart die gesellschaftli-
       chen Zusammenhänge  sind, auf  die sie Anwendung finden kann. Wir
       wissen bisher  nur dies: Ihrer abstrakten Allgemeinheit und ihres
       Bezugssystemrelativismus wegen vermag die systemwissenschaftliche
       Denkweise keine  Kriterien vorzugeben,  die von ihr fixierten Zu-
       sammenhänge hinsichtlich ihrer Wesentlichkeit bewerten zu können.
       Im folgenden  soll der  Versuch unternommen  werden, den  Gültig-
       keitsbereich des  Systemdenkens im Sinne der zeitgenössischen Sy-
       stemwissenschaften im Rahmen historisch-materialistischer Gesell-
       schaftstheorie zu ermitteln. Dazu werde ich den vom Thema schein-
       bar zunächst wegführenden Weg einschlagen, zu zeigen, welcher Typ
       von Philosophie  und Weltanschauung  zwangsläufig entsteht,  wenn
       man -  wie Luhmann - Begriffe und Methoden des Systemdenkens phi-
       losophisch-grundkategorial verwendet. Danach wird anhand der öko-
       nomischen Theorie  von Marx geprüft werden, ob diesen philosophi-
       schen Aussagen ein irgendgearteter Bereich ökonomischer Wirklich-
       keit korrespondiert. Und ich werde meinen Vorschlag zur Lokalisa-
       tion des Gültigkeitsbereich von Systemdenken vorstellen. Auf die-
       ser Grundlage  soll schließlich die in dieser Zeitschrift von al-
       len an der Diskussion Beteiligten erörterte Frage debattiert wer-
       den, inwiefern  gesamtgesellschaftliche Theorie auf der Grundlage
       von Systemtheorie  falsches Bewußtsein und inwiefern sie adäquate
       Widerspiegelung verkehrter Verhältnisse ist.
       Ich möchte  nochmals betonen,  daß ich  unterscheide zwischen dem
       Systemdenken in  Gestalt der mathematisch-analytischen systemwis-
       senschaftlichen Disziplinen,  die per  se weltanschaulich neutral
       sind, und  andererseits der Hypostasierung dieser systemtheoreti-
       schen Begriffe und Methoden zu philosophischen. Diese Unterschei-
       dung ist  erforderlich, da  der Anspruch,  systemtheoretische Ge-
       sellschaftstheorie schaffen  zu wollen  - um  den die  Diskussion
       hier  geführt   wird  -  nicht  systemwissenschaftlicher  sondern
       p h i l o s o p h i s c h e r   Natur ist.  Bei  diesem  Vorhaben
       spielen die  Begriffe des  Systems, der Struktur, der Funktion in
       bezug auf die zu konstituierende Gesellschaftstheorie die gleiche
       Rolle wie  die Kategorien  der materialistischen  Dialektik  hin-
       sichtlich des  historischen Materialismus. Sie liefern das philo-
       sophisch-weltanschauliche Fundament für die Gesellschaftstheorie.
       Dieses Fundament  bloßzulegen und  seine Implikationen und Konse-
       quenzen zu  zeigen, wird  uns dadurch  erleichtert,  daß  uns  H.
       Rombach in sozusagen kategorialer und methodischer Reinheit einen
       Typ von  Philosophie vorführt,  der auf den Begriffen "Funktion",
       "Relation" und  "Struktur" beruht, und den er "Strukturontologie"
       29) oder  "Ontologie des  Funktionalismus" (30)  nennt. Der  Sinn
       dieser Philosophie  besteht nach  Rombach darin, den zeitgenössi-
       schen Wissenschaften,  die nach seiner Meinung ihrer Tendenz nach
       durchweg funktionalistisch  orientiert sind,  zu ihrer  adäquaten
       philosophischen Begründung  zu verhelfen. Zum Grundbegriff dieser
       Philosophie erklärt  er daher den der Funktion. Funktion aber ist
       definiert als  "Unselbständigkeit", "Angelegtheit  auf  Anderes",
       "Sein im Anderen". Und das Ziel einer Ontologie des Funktionalis-
       mus müsse  darin bestehen, die sogenannte traditionelle "Substan-
       zenontologie" zu  überwinden. Diese  unterstelle  die  Dinge  als
       Substanzen, d.h.  als Seiendes,  das für sich zu bestehen vermag.
       31) Zum  Typ  der  Substanzontologie  zählt  Rombach  daher  jede
       Philosophie, die von einer wie auch immer aufgefaßten Gegenständ-
       lichkeit ihren  Ausgang nimmt.  Unter diese  Charakteristik fällt
       natürlich auch  jeder Materialismus.  Rombachs Aussage lautet so-
       mit: Die  empirisch vorgefundenen  Dinge sind  in Wahrheit nichts
       als Funktionen,  nichts als ihre jeweilige Äußerung im jeweiligen
       Zusammenhang. Etwas ist nur das, was es zu bewirken imstande ist.
       Damit aber  wird die Wirklichkeit auf reine Wirkungsfähigkeit re-
       duziert. Rombachs  Vorgehen besteht mit anderen Worten darin, daß
       er das   V e r h a l t e n   von dem sich verhaltenden Gegenstand
       abtrennt, indem  er eben diesen Gegenstand in eine Gesamtheit von
       Verhaltensweisen auflöst,  und so  jegliche  Substantialität  als
       Schein erklärt.  Unter der  Voraussetzung dieser  philosophischen
       Operation aber wird die Frage nach einem eigenständigen Wesen der
       Dinge, das  sich in  der Vielfalt ihrer Beziehungen identisch er-
       hält, gegenstandslos.
       Unschwer erkennen  wir hier jenen "Bezugssystemrelativismus" oder
       "Perspektivismus" wieder,  von dem  bereits weiter  oben die Rede
       war, nur  daß er uns im Kontext der weltanschaulich neutralen Sy-
       stemwissenschaften als legitimer Zugriff auf die empirisch-realen
       Objekte entgegentrat,  während er  nun in  seiner philosophischen
       Überhöhung als  unzulässige Reduktion des Widerspruchs von Gegen-
       stand und Verhalten auf nur eine seiner Seiten zu gelten hat. Was
       den Systemwissenschaften recht ist: den Gegenstand nicht als Sub-
       stanz vorauszusetzen,  sondern seine  Verhaltensformen zum Gegen-
       stand der  Analyse zu  machen (also  von einem  abstrakten Objekt
       auszugehen) ist  der Philosophie  noch lange  nicht  billig.  Vom
       Standpunkt der  materialistischen Dialektik  jedenfalls kann  das
       Problem nicht so gestellt werden, wie Ashby es für die Kybernetik
       stellt: Die  Frage sei nicht, "was ein Ding ist", sondern "was es
       tut"; 32)  ebensowenig jedoch wird die materialistische Dialektik
       das, "was  ein Ding  ist"; in Unabhängigkeit von seinem Verhalten
       bestimmen. 33)
       "Substanzenontologie" und  "Strukturontologie" müssen  daher  aus
       dem Blickwinkel der materialistischen Dialektik als gleichermaßen
       undialektische und  einseitige, einander abstrakt negierende phi-
       losophische Positionen aufgefaßt werden.
       Rombachs philosophische  Position ist  bei genauerem Hinsehen die
       der Phänomenologie.  Und im Untertitel seiner "Strukturontologie"
       weist er  sie auch  als solche  aus. Wenn  nämlich  Funktion  als
       "Angelegtheit auf Anderes" definiert wird, die traditionelle phi-
       losophische Bestimmung  für die Erscheinung aber Sein-für-Anderes
       ist, dann ist die Funktion als Erscheinung bestimmt. Und wenn nun
       jegliche Gegenständlichkeit und Substantialität als bloßer Schein
       zu gelten  hat, hinter dem sich als das eigentlich Seiende die in
       Relationen sich  offenbarenden Funktionen  verbergen,  dann  löst
       sich jegliche Wirklichkeit notwendig in pure Erscheinung auf.
       Diese enge Beziehung zwischen hypostasiertem Funktionsbegriff und
       phänomenologischer Position  findet sich übrigens - und zwar ganz
       bewußt -  auch bei Luhmann. Wenn dieser schreibt: "Der Funktiona-
       lismus macht sich, von der Philosophie seit langem dazu angeregt,
       auf den  Weg, alle Substanzen in Funktionen aufzulösen" 34), dann
       ist die  in diesem  Kontext gemeinte  Philosophie zweifellos  die
       Transzendentale Phänomenologie, so wie sie von E. Husserl begrün-
       det wurde.  Immer dann nämlich, wenn Luhmann seinen systemtheore-
       tischen Ansatz  zur Gesellschaftstheorie  begründen und  philoso-
       phisch legitimieren will, greift er auf Husserls Vorgaben zurück.
       35)
       Rombach konzipiert seine "Ontologie des Funktionalismus" nun aus-
       drücklich als  Gegenentwurf zu  Hegels Philosophie. Und der Stein
       des Anstoßes  ist natürlich  jene "gehaltvolle  Restauration" des
       Substanzbegriffs der  Metaphysik des  17. Jahrhunderts,  die Marx
       als eine  der  positiven  Leistungen  Hegels  hervorgehoben  hat.
       Rombachs Angriff  richtet sich  damit bei  näherem Hinsehen gegen
       Hegels Philosophie genau in den Aspekten, worin diese dialektisch
       ist. Denn worin besteht diese "gehaltvolle Restauration"?
       Die Metaphysik  des 17.  Jahrhunderts hatte  unter dem  Titel der
       Substanz das  Wesen der  Dinge als  Wesen an sich, als abstraktes
       Wesen - d.h. als Wesen getrennt von seinem Sein-für-Anderes, sei-
       nem Erscheinen  - aufgefaßt, resp. Substanz ist hier der Ausdruck
       dafür, daß  Gegenständlichkeit als  vorgängiges Sein  unterstellt
       und als unabhängig vom Verhalten gedacht wird.
       Diese Position  wird -  wie H.  Bergmann und P. Ruben im Hinblick
       auf unser Thema gezeigt haben 36) - im Denken der Aufklärung kri-
       tisiert. Hier wird eine Subjektivierung des Substanzbegriffs vor-
       genommen: "Substanz"  sei nicht  Ausdruck für  etwas objektiv Re-
       ales, sondern  bloßer Name;  sinnvoll sei  es nur, einerseits vom
       "Subjekt", andererseits  vom "Körper"  zu sprechen  (Hobbes). Die
       Substanz gehört jedoch als Vorstellung dem Denken an. Denken aber
       sei ein  Verhalten, die  bloße Äußerung eines Dings, nicht selbst
       ein Ding.  Auch in  dieser Konzeption  wird also die Trennung von
       Gegenständlichkeit und  Verhalten (von Wesen und Erscheinung) un-
       terstellt, und  letzteres wird  gegenüber der  Gegenständlichkeit
       fixiert und verabsolutiert. Aber indem die Substanz der Subjekti-
       vität zugeschlagen wird, kommt gleichzeitig etwas Neues in Sicht:
       die Bestimmung des Denkens als aktiver Tätigkeit.
       Auf der Grundlage dieser Vorgaben und in Kritik der Einseitigkeit
       beider Standpunkte gewinnt Hegel die dialektische Grundfigur sei-
       ner Philosophie.  Die Wahrheit  des An-sich-Seins  und des Seins-
       für-Anderes, der  abstrakt aufgefaßten Gegenständlichkeit und des
       abstrakt aufgefaßten  Verhaltens, des abstrakt aufgefaßten Wesens
       und der  abstrakt aufgefaßten  Erscheinung, ist  ihr  An-und-für-
       sich-Sein: die  über das  Verhalten mit  sich vermittelte  Gegen-
       ständlichkeit, das  über sein Erscheinen mit sich vermittelte We-
       sen.
       Als An-und-für-sich-Sein  also gewinnt  Hegel den Substanzbegriff
       zurück, und  er unterstellt damit, daß dasjenige, was in Wahrheit
       einzig für  sich zu  bestehen vermag,  Gegenständlichkeit in  un-
       trennbarer und widersprüchlicher Einheit mit dem Verhalten sei.
       Hegels spezifisch  idealistisch Fassung dieser Formel besteht be-
       kanntlich darin,  daß er  Gegenständlichkeit als Vergegenständli-
       chung auffaßt  und Objektivität  letztlich als Objektivierung der
       Idee. Dafür wird er von Marx kritisiert. Aber gleichzeitig ist in
       dieser Formel erstmalig das allgemeine Gattungswesen des Menschen
       (seine dialektisch  aufgefaßte Substantialität)  auf den  Begriff
       gebracht, indem  es nämlich  als dessen Selbstentwicklung im Wege
       der tätigen  Aneignung  vorausgesetzter  Objekte  bestimmt  wird.
       Marx' Fortbildung des hegelschen Ansatzes aber besteht darin, dem
       Verhalten der  Gattung materialistisch  die vom Menschen unabhän-
       gige Natur  vorauszusetzen, daß  heißt Objektivierung  im  vollen
       Ernst als Objektivität zu denken, womit das Verhalten der Gattung
       wesentlich als  materiell-gegenständliche Tätigkeit,  als Produk-
       tion zu  denken ist. In der in dieser Weise materialistisch umge-
       stülpten Formel aber verbirgt sich das für bürgerliches Denken so
       schwer verständliche  Geheimnis der  materialistischen Dialektik.
       Wenn irgend  zutrifft, daß  der Gegenstand der Philosophie letzt-
       lich die  Selbsterkenntnis und  Selbstkritik der Gattung ist, und
       wenn zutrifft,  daß die Bedingung für die Existenz und Selbstent-
       wicklung der  Gattung sowohl ihre Einheit mit als auch ihr Gegen-
       satz zur  vorausgesetzten Natur ist, wenn also das Wesen der Gat-
       tung selbst  dieser reale  Widerspruch ist,  dann muß er auch als
       Grundlage philosophischen Denkens vorausgesetzt werden.
       Dieser kurze  philosophiehistorische Exkurs  mag deutlich machen,
       daß die von K. H. Tjaden gegen Habermas und Luhmann vorgetragenen
       Argumente tatsächlich  den Kern  der  Differenz  zwischen  marxi-
       stisch- und  rein systemtheoretisch fundierter Gesellschaftstheo-
       rie namhaft  machen. 37)  Während der historische Materialismus -
       indem für ihn die Produktion die Wesensbestimmung der Gattung ist
       - Gesellschaft  als Produktionsweise und Gesellschaftsentwicklung
       stets auf  der Grundlage  der Auseinandersetzung der Gesellschaft
       mit der  Natur denkt, wird in den systemtheoretischen Ansätzen zu
       gesellschaftlicher Evolutionstheorie  vom Naturverhältnis der Ge-
       sellschaft  abstrahiert.   Evolution  erscheint   hier  als  rein
       i n n e r gesellschaftlicher   Vorgang, das  heißt als eine Bewe-
       gung, die  zwischen zwei Polen verläuft: den sinnkonstituierenden
       Handlungen der Subjekte und den Systemen, in denen sich diese ob-
       jektivieren.
       In seinem Modell sozialer Evolutionen will Habermas zwar - wie K.
       H. Tjaden  richtig bemerkt - "die außergesellschaftliche Welt, in
       der die  gesellschaftliche sich konstituiert, als vorgeschichtli-
       che Vorbedingung  des sog. soziokulturellen Evolutionsniveaus be-
       greifen", aber  nachdem dieses  Niveau erst  einmal erreicht ist,
       handelt es  sich nach  Habermas um "ausschließlich soziale Evolu-
       tion". 38)  Und bei Luhmann nimmt diese Reduktion die Gestalt an,
       daß für ihn "die außergesellschaftliche Welt" als außergeschicht-
       liche Randbedingung  der sinnkonstituierenden Systembildung gilt.
       39)
       Mit K.H.  Tjaden sei hier betont: "Die historisch-materialistisch
       Theorie geht  demgegenüber davon  aus, daß  die vor- und außerge-
       sellschaftliche Natur  tatsächliche und  andauernde Bedingung der
       gesellschaftlichen Lebensweise der Menschen ist, welche somit we-
       der als  voraussetzungslos noch  als unabhängige  soziokulturelle
       Evolution von  der Evolution  jener Bedingungen abgetrennt werden
       kann. Gesellschaftliche  Entwicklung ist  Entwicklung  derjenigen
       Systeme sozialer  Aktivität, die auf der naturrevolutionären Ent-
       gegensetzung von menschlicher und außermenschlicher Natur beruhen
       und den  problematischen materiellen  Austausch  zwischen  diesen
       beiden Naturmomenten bewerkstelligen."  40)
       Tjaden gibt  hier zwei  Bestimmungen für  das Verhältnis  Gesell-
       schaft/Natur an:  Er kennzeichnet  es zum einen als Gegensatz und
       unter dem  Titel des  materiellen Austausch  zum anderen als Ein-
       heit. Damit  bestimmt er  es aber  als Widerspruch.  Wenn Luhmann
       hingegen die Beziehung vom System und Umwelt als Innen/Außen-Dif-
       ferenz auffaßt,  reduziert er  den Widerspruch auf den abstrakten
       Gegensatz. Darauf  hat  P.  Marwedel  hingewiesen.  "Während  Sy-
       stem/Umwelt-Beziehung Kontext ist, ist ein Innen/Außen-Verhältnis
       Entgegensetzung und  mit ihr das System/Umwelt-Verhältnis als ob-
       jektiv-reale, im  Prozeß  tatsächlich  vorgehende  Wechselwirkung
       nicht mehr  faßbar. Mit dem Übergang von den System/Umwelt-Bezie-
       hungen ...  zur abstrakten  Innen/Außen-Differenz wird  der reale
       Zusammenhang aufgehoben.  In dieser Relation sind die Beziehungen
       tendentiell als  Gegensatz gefaßt.  Die  realen  Wechselwirkungen
       sind in  Innen und  Außen aufgespalten,  polarisiert. Der sich im
       System/Umwelt-Verhältnis  gegenseitig  entwickelnde  Zusammenhang
       wird einerseits auf den geordneten Zusammenhang im Innern des Sy-
       stems und  andererseits auf das Äußere Nicht-Gegliederte verscho-
       ben. Zwischen Innen und Außen gibt es keine sich gegenseitig ent-
       wickelnde Vermittlung." 41)
       Daß diese Fixierung auf innergesellschaftliche Bezüge die notwen-
       dige Konsequenz  des hypostasierten  funktional-strukturellen An-
       satzes ist,  wollen wir nochmals mit Rombach zeigen. Rombach legt
       folgenden Gegenentwurf zu Hegels Modell für die Selbstentwicklung
       der Gattung  vor. Die  Entwicklung verläuft nicht vom An sich zum
       Anundfürsich, und  ihre Selbstvermittlung  erfolgt nicht über das
       Sein-für-Anderes. Vielmehr  ist  das  Sein-für-Anderes  (das  als
       Funktion resp.  Erscheinung bestimmt  ist) der  ontologische Aus-
       gangspunkt der Bewegung und das Ansich (das als Struktur bestimmt
       ist) der Endpunkt der Bewegung. Das An-und-für-sich-Sein aber ist
       nichts weiter  als die den Anfang mit dem Ende vermittelnde Bewe-
       gung. 42) Mit dieser Figur bestimmt Rombach die Existenzweise der
       Gattung als  eine Bewegung, in der die auf bloß bezugssystemrela-
       tives Verhalten  reduzierten (das  heißt die  im Sinne von Angyal
       als bloße  Stellenwerte im  System definierten)  Subjekte die ge-
       sellschaftlichen Strukturen  ebenso hervorbringen, wie sie selbst
       von ihnen  determiniert sind.  Vorausgesetzt, daß unter dem Titel
       des Ansich traditionell "Gegenständlichkeit", "Objektivität" ver-
       standen wird  - und  Rombach setzt die traditionellen Bedeutungen
       ja voraus  - dann  lautet seine Aussage: Jede Gegenständlichkeit,
       Objektivität (qua Struktur) kommt nur zustande im Wege der Verge-
       genständlichung und  Objektivierung  von  Subjektivem;  das  aber
       heißt, es gibt für Rombach kein Ansich, keinerlei Gegenständlich-
       keit, die  die Bedingung  der Subjekt-Unabhängigkeit, die die Be-
       dingung der  Materialität erfüllt.  Und da Rombach darüber hinaus
       den Vorgang  der  wechselseitigen  Bestimmung  von  Funktion  und
       Struktur, von  Subjekt und  Objekt hermetisch in sich abschließt,
       indem er diese unter dem Titel des Anundfürsich für das ganze der
       Bewegung ausgibt,  bestimmt er  den Selbstentwicklungsprozeß  der
       Gattung -  wie Luhmann  und Habermas auch - als ein auf letztlich
       i n n e r gesellschaftliche  Beziehungen reduziertes Geschehen.
       Wir greifen  nun nochmals  die von K.H. Tjaden aufgeworfene Frage
       auf: "Zu  fragen wäre...,  auf welchen  Gegenstandsbereich histo-
       risch-materialistischer Theorie  sich eine  Einarbeitung von  Sy-
       stemtheorie... beziehen  solle." Und  als Antwort auf diese Frage
       stelle ich die These zur Diskussion: Sie ist im Kontext marxisti-
       scher Gesellschaftstheorie  auf Grund  der ihr eigentümlichen Ab-
       straktheit geeignet,  die die Zirkulationssphäre der Gesellschaft
       regierenden Gesetze zu erfassen.
       Wenn die  Einbettung systemtheoretischer Begriffe und Methoden in
       den historischen Materialismus und somit ihre erkenntnistheoreti-
       sche, dialektisch-materialistische  Rekonstruktion hingegen nicht
       erfolgt, und  wenn Hand  in Hand  damit unterstellt wird, daß das
       Systemdenken hinreichend sei, die gesellschaftliche Existenzweise
       der Gattung  überhaupt auf  den Begriff zu bringen, dann wird die
       so konstituierte  Gesellschaftstheorie notwendig ideologisch. Die
       ideologische Verkehrung  aber besteht  darin, daß in diesem Falle
       die Sphäre der Zirkulation, die Austauschverhältnisse und die sie
       regierenden Gesetze  nicht als  d i e  E r s c h e i n u n g  von
       P r o d u k t i o n s verhältnissen   gelten,  sondern  notwendig
       für das  gesellschaftliche Ganze einstehen. Jetzt handelt es sich
       mit anderen  Worten nicht mehr einfach darum, daß die Zirkulation
       hinsichtlich ihrer  Eigenschaft erfaßt  werden soll, eine relativ
       in sich  abgeschlossene Sphäre  zu repräsentieren,  deren inneres
       Struktur- und Bewegungsgesetz mittels des systemtheoretischen In-
       strumentariums abzubilden  ist, sondern  darum, daß  der adäquate
       Begriff für die Einheit der Gesellschaft überhaupt ausschließlich
       an der  Zirkulationssphäre festgemacht  wird, das  heißt, daß die
       Erkenntnis gesellschaftlicher Ganzheitlichkeit bereits auf dieser
       Stufe abgeschlossen wird.
       Die ideologische Verkehrung rein systemtheoretisch konstituierter
       Gesellschaftstheorie besteht also kurz darin, daß die Zirkulation
       vom Standpunkt  der Zirkulation  reflektiert wird, womit sich Sy-
       stemtheorie der  Gesellschaft als  nichts weiter denn als moderne
       Variante des Grundschemas bürgerlicher Gesellschaftstheorie über-
       haupt repräsentiert.
       Die behauptete  Korrespondenz von  Systemtheorie der Gesellschaft
       mit den  Verhältnissen der Zirkulation soll hier anhand von Marx'
       Analysen der Zirkulationssphäre aufgewiesen werden. Denn wenn ge-
       zeigt werden  kann, daß die Verhältnisse der Zirkulation (und nur
       die der  Zirkulation) dem systemtheoretischen Begriff von Gesell-
       schaft entsprechen,  dann darf  vermutet werden,  daß der Gültig-
       keitsbereich von  Systemtheorie im Kontext von Gesellschaftstheo-
       rie eben die Zirkulationssphäre der Gesellschaft ist. Dieser wol-
       len wir uns nun zuwenden.
       1. Marx stellt  ausdrücklich fest, daß sich bereits in der Zirku-
       lation die  "Totalität  des  gesellschaftlichen  Prozesses"  dar-
       stellt, daß  sie eine  "Form" sei,  worin "das  Ganze der gesell-
       schaftlichen Bewegung  selbst" erscheint.  Er hält sie "als erste
       Totalität unter  den ökonomischen  Kategorien (für)  gut, um dies
       zur Anschauung  zu bringen". 43) In der Kategorie der Zirkulation
       wird nämlich der Austausch nicht als die "bloße Summe aller Wech-
       selbeziehungen der Warenbesitzer" 44), als unendliche linear-kau-
       sale Abfolge von Kauf- und Verkaufsakten reflektiert. Nur auf den
       "ersten Blick  betrachtet,  erscheint  die  Zirkulation  als  ein
       s c h l e c h t  u n e n d l i c h e r  P r o z e ß  ... Aber ge-
       nauer betrachtet  bietet sie noch andre Phänomene dar; die Phäno-
       mene des  Zusammenschließens oder der Rückkehr des Ausgangspunkts
       in sich".  45) Die Kategorie der Zirkulation bezeichnet nach Marx
       damit einen  Typ von gesellschaftlicher Bewegung, nach dem diese,
       formal gesehen,  kreisförmig verläuft,  damit hermetisch  in sich
       abgeschlossen ist,  und die - obwohl sie die linear-kausale Bewe-
       gung der einzelnen Tauschakte zu ihrer Grundlage hat - diesen ge-
       genüber einen  Bewegungstyp darstellt, der von eigenständigen Ge-
       setzen regiert  wird, der  sich nicht auf kausal-lineare Bewegung
       reduzieren läßt.  Somit charakterisiert Marx die Zirkulation hin-
       sichtlich ihrer  Einheit als System, und zwar als ein in sich ab-
       geschlossenes System.
       2. Mit der Kategorie der Zirkulation wird die Einheit der Gesell-
       schaft reflektiert,  so wie  sie sich als über den Austausch ver-
       mittelte darstellt.  Daher gehen in den realen Kontext der Zirku-
       lation (und  ihren Begriff) die den Austausch vollziehenden Indi-
       viduen und  die in  ihm veräußerten  und angeeigneten Gegenstände
       nur insoweit  ein, als  sie die  Tauschrelation realisieren:  als
       a b s t r a k t e   Individuen also  und als    a b s t r a k t e
       Gegenstände, als  durch ihren  Tauschwert definierte Waren. Diese
       Bestimmung der Zirkulation impliziert zugleich folgendes. Wenn es
       die Tauschrelation  ist, die  die Individuen  und die Gegenstände
       ihrer Bedürfnisbefriedigung miteinander vermittelt, erscheint die
       Tauschbeziehung auch  als das  den Momenten gemeinsame übergeord-
       nete Gesetz. Die sinnlich-gegenständlichen Individuen und Objekte
       gehen in  die Tauschrelation  nicht als  solche, sondern vielmehr
       nur  als   Bedingungen  ein,   um  die  Existenz  der  durch  die
       Tauschrelation selbst  bestimmten Stellenwerte zu garantieren, um
       die vorausgesetzten,  verselbständigten  W e r t z u s a m m e n-
       h ä n g e  (den "objektiven Inhalt" des kapitalistischen Systems,
       die "Verwertung des Werts") 46) zu realisieren.
       Genau durch  diese Reduktion der sinnlich-empirischen Gegenstände
       auf abstrakte  Inhaber von Stellenwerten in vorausgesetzten Rela-
       tionsgefügen aber  kennzeichnete Angyal - wie wir sehen - das mo-
       derne Systemdenken.  Und Rombachs  Ontologie des  Funktionalismus
       stellt, indem in ihr die sinnlich-empirischen Dinge in relations-
       abhängige, von Relationen bestimmte Funktionen verwandelt werden,
       in geradezu  kategorialer Reinheit  die für  die  kapitalistische
       Zirkulation gültigen Verhältnisse vor.
       3. Wird nun die Reflektion des gesellschaftlichen Gesamtzusammen-
       hangs ausschließlich  an der Zirkulation festgemacht, dann ist es
       unvermeidlich, daß  der mit  dem Begriff der Zirkulation gegebene
       Systemabschluß auch  als a priori voraussetzende ontologische Be-
       stimmtheit von Gesellschaft überhaupt unterstellt, daß ihre Bewe-
       gung als rein innergesellschaftlicher Vorgang definiert wird. Und
       auf dieser  Grundlage erschöpft  sich  die  Aufgabe  von  Gesell-
       schaftstheorie dann  in der theoretischen Rekonstruktion der Ver-
       mittlung der  Tätigkeit der  gesellschaftlichen Subjekte  mit ge-
       sellschaftlicher  Objektivität,  wobei  letztere  als  aufgeklärt
       gilt, wenn  sie auf  I n t e r s u b j e k t i v i t ä t  zurück-
       geführt wird.
       Diese Erklärungsweise  von Gesellschaft bleibt aber in jenem Zir-
       kel befangen,  den Marx, wie folgt, treffend charakterisiert hat:
       "Sosehr nun das Ganze dieser Bewegung als gesellschaftlicher Pro-
       zeß erscheint,  und sosehr  die einzelnen Momente dieser Bewegung
       vom bewußten  Willen und  besonderen Zwecken  der Individuen aus-
       gehn, sosehr erscheint die Totalität des Prozesses als ein objek-
       tiver Zusammenhang,  der naturwüchsig entsteht; zwar aus dem Auf-
       einanderwirken der  bewußten Individuen hervorgeht, aber weder in
       ihrem Bewußtsein  liegt, noch  als Ganzes  unter  sie  subsumiert
       wird. Ihr eignes Aufeinanderstoßen produziert ihnen eine über ih-
       nen  stehende,     f r e m d e    gesellschaftliche  Macht;  ihre
       Wechselwirkung als von ihnen unabhängiger Prozeß und Gewalt". 47)
       Der Schein  von "Naturwüchsigkeit",  von dem  Marx hier  spricht,
       kann nun  mit der Berufung auf Intersubjektivität in keiner Weise
       aufgelöst werden. Denn was bedeutet im Kontext und vom Standpunkt
       der Zirkulation "objektiv"? Es bedeutet hier genau das, was es im
       traditionellen   philosophischen    Sprachgebrauch    bezeichnet:
       "unabhängig vom einzelnen Subjekt und seinem Bewußtsein". 48) Und
       in diesem  Sinne wird "objektiv" zu Recht auch von Marx anläßlich
       der Analyse  der Zirkulation  verwendet. Wenn  "objektiv" das be-
       zeichnet, was  n i c h t  subjektiv ist, also einen Ausdruck dar-
       stellt, der  seinen Gegensatz (subjektiv) aus sich ausgeschlossen
       hat, dann  kann mit  ihm adäquat  die reale Verselbständigung des
       Wertverhältnisses  gegenüber   den   Subjekten   erfaßt   werden.
       "Objektiv" ist  aber relativ  auf den Begriff des Subjektiven ge-
       bildet; letzterer  schließt daher ersteren nicht nur aus, sondern
       setzt ihn gleichzeitig voraus, und zwar als seinen abstrakten Ge-
       gensatz: "subjektiv" bedeutet traditionell "vom einzelnen Subjekt
       und seinem  Bewußtsein abhängig,  durch das Subjekt bestimmt, von
       ihm bedingt".  49) Und Marx verwendet diesen abstrakten (jede ob-
       jektive Bestimmtheit  des Individuums  eliminierenden) Subjektbe-
       griff, um  die reale  Reduktion der Individuen in der Zirkulation
       auf die Eigenschaft, wertbestimmt zu sein, auszudrücken.
       Da, wie sich zeigt, den Begriffen des gesellschaftlich Objektiven
       und des  gesellschaftlich Subjektiven  gleichermaßen die Abstrak-
       tion des  Wertes zugrundeliegt,  können sie  in dieser abstrakten
       Identität aufeinander  bezogen und miteinander gleichgesetzt wer-
       den. Das  heißt, Objektivität  ist in näherer Bestimmung durchaus
       korrekt als  Intersubjektivität aufzufassen, wobei Intersubjekti-
       vität jedoch  nichts weiter bezeichnen kann, als  d a s  w e r t-
       b e s t i m m t e   V e r h a l t e n  d e r  G e s a m t h e i t
       d e r  I n d i v i d u e n.
       An dieser  Stelle ist  für Marx der Erklärungswert der Kategorien
       des Objektiven  und des  Subjektiven aber notwendig erschöpft. Da
       mit ihnen  die Existenz  des Wertes  nicht  rekonstruiert  werden
       kann, weil  er sowohl im Begriff des Objektiven als auch des Sub-
       jektiven implizite  vorausgesetzt ist,  und auch  die gedankliche
       Bewegung, die  das Objektive  mit dem  Subjektiven vermittelt, im
       Rahmen dieser  Voraussetzung verbleibt,  erscheint im  Lichte der
       Subjekt-Objekt-Beziehung die  Verselbständigung der  Wertverhält-
       nisse gegenüber  den  Individuen,  die  für  die  kapitalistische
       Gesellschaft charakteristisch  ist, als unaufhebbares naturwüchs-
       iges Faktum. 50)
       Marx führt  die Verhältnisse der Zirkulation, kurz gesagt, in die
       der Produktion  zurück, rekonstruiert  von den  Verhältnissen der
       Produktion her  die Verhältnisse der Zirkulation 51), die sich in
       dieser Sicht  als "das Phänomen eines hinter ihr vorgehenden Pro-
       zesses" erweisen  52), als  der Sphäre der  E r s c h e i n u n g
       zugehörig, für  die unter  der Voraussetzung der kapitalistischen
       Produktionsweise mit Hegel gilt, "daß die an und für sich seiende
       Welt die  v e r k e h r t e  der erscheinenden ist". 53)
       Die  die   Austauschverhältnisse   der   Produktion   bestimmende
       U n g l e i c h h e i t   (in bezug auf das Eigentum an Produkti-
       onsmitteln)   e r s c h e i n t   nämlich unter den Austauschver-
       hältnissen der  Zirkulation nicht  als solche, sondern im Vorzei-
       chen der  G l e i c h h e i t  als - wie wir sahen - über das Ge-
       setz des  äquivalenten Austauschs vermitteltes quantitatives Ver-
       hältnis. Der  Übergang von  den Verhältnissen  der Zirkulation zu
       denen der  Produktion erfordert  daher in  methodischer Sicht den
       Übergang vom  abstrakten Systemdenken  zur Dialektik,  von  einer
       Ganzheitsvorstellung von  Gesellschaft, in  der ihre Identität in
       Abstraktion von  ihrer Ungleichheit  gedacht wird, zu einer Ganz-
       heitsvorstellung, in  der diese Identität unter der Voraussetzung
       der Ungleichheit reflektiert und erst von dieser Position her re-
       konstruiert wird.
       4. Indem Marx die Zirkulation in ihren "Grund", in die Produktion
       zurückführt, vertieft  er die Bestimmung der Objektivität der ge-
       sellschaftlichen Verhältnisse  zu  der  ihrer  Materialität,  das
       heißt, er führt die objektiven verselbständigten Wertverhältnisse
       der kapitalistischen  Zirkulation in ihren Ursprung zurück, weist
       ihre Existenz  als historisch  notwendig aus  und entkleidet  sie
       gleichzeitig ihres  Scheins von Naturwüchsigkeit. Nachdem wir die
       für die  Zirkulation gültige Subjekt-Objekt-Beziehung dargestellt
       haben, läßt  sich nun  folgendes zeigen. Wird diese materialisti-
       sche Rekonstruktion  gesellschaftlicher Objektivität nicht gelei-
       stet, bleibt  die Gesellschaftstheorie dem Rahmen der Subjekt-Ob-
       jekt-Beziehung verhaftet,  dann sind  idealistische  Konsequenzen
       unausweichlich.
       In der  Subjekt-Objekt-Beziehung, so  wie sie sich vom Standpunkt
       der Zirkulation darstellt, schließt im Sinne analytischen Denkens
       die Bestimmung  der Objektivität  die der  Subjektivität aus sich
       aus und  umgekehrt. Subjekte aber, die kein Moment des Objektiven
       an sich haben, sind notwendig auf reines Verhalten reduziert (sie
       sind Funktion  im Sinne vom Rombach!), und Objekte, aus denen das
       Moment ihrer  Subjektivität eleminiert  ist, repräsentieren  eine
       Vorstellung von  Gegenständlichkeit, in der vom Moment ihres Ver-
       haltens abstrahiert  ist. 54)  Auf der  Grundlage dieser Vorgaben
       und der  Vorstellung, daß  der gesellschaftliche Zusammenhang die
       Vermittlung dieser  Pole ist,  kann die  Objektivität der gesell-
       schaftlichen Verhältnisse nur unter dem Titel der Verdinglichung,
       der   O b j e k t i v i e r u n g  von gesellschaftlicher Subjek-
       tivität gedacht  werden. Damit  ist  jedoch  das  Objektive,  das
       zunächst als  dasjenige definiert  worden war, was unabhängig vom
       einzelnen Subjekt  und seinem Bewußtsein existiert, als letztlich
       ideell und nicht materiell bestimmt. Denn wenn das Objektive Pro-
       dukt der  vom Subjekt geleisteten Objektivierung ist, das Subjek-
       tive aber  in seiner  analytischen Trennung  vom Objektiven (d.h.
       vom Nicht-Bewußtsein) einseitig das Moment des Bewußtseins reprä-
       sentiert, dann ist das Objektive - als von der Subjektivität her-
       vorgebracht vorgestellt - selbst ideell.
       Exakt dieser  Denkfigur begegnen  wir in  systemtheoretischen Ge-
       sellschaftsmodellen. So  tritt die  auf das  Verhalten reduzierte
       Subjektivität bei  Luhmann unter  dem Titel  der Sinnbildung oder
       Sinnkonstitution auf,  die nach  Husserls Modell  in Trennung von
       objektiver Gegenständlichkeit  als rein  intentionaler Akt aufge-
       faßt wird.  Das Korrelat  von Sinnbildung auf der Objektseite ist
       System,   "s i n n h a f t   identifiziertes System"  55),  womit
       "System" als  Objektivierung der  auf Sinnbildung reduzierten ge-
       sellschaftlichen Subjektivität bestimmt wird.
       Der hier  versuchte Zugriff, um die Korrespondenz von Systemtheo-
       rie der Gesellschaft und der der Zirkulation eigentümlichen Kate-
       gorienwelt aufzuhellen,  muß höchst  unvollständig bleiben.  Wenn
       ich ihn  dennoch unternommen  habe, so  in der  Absicht, eine Ar-
       beitshypothese vorzustellen,  auf deren  Grundlage - wie ich ver-
       mute -  Systemtheorie der Gesellschaft vom Standpunkt der Dialek-
       tik erkenntnistheoretisch und methodologisch rekonstruiert werden
       kann. Soweit  ich sehe,  läßt sich  alle bisher von marxistischer
       Seite vorgetragene  Kritik an  rein systemtheoretisch  fundierter
       Gesellschaftstheorie mühelos  mit dieser Arbeitshypothese verein-
       baren.
       Um mich  nur auf die in dieser Zeitschrift geführte Diskussion zu
       beziehen: Wenn  B. Heidtmann  Luhmanns Sinnbegriff  und die Grun-
       didee des  Äquivalenzfunktionalismus mit  der Kategorie  der  ab-
       strakten Arbeit zusammenbringt, so entspricht diese Aussage jener
       Eigentümlichkeit der  Zirkulation, die  hier unter Punkt 2 darge-
       stellt wurde.  Wenn K.H.  Tjaden den  Akzent darauf  legt, histo-
       risch-materialistische Gesellschaftstheorie  an den  Begriff  der
       materialistisch aufgefaßten  Produktion zu binden, so geht es ihm
       genau darum, die hier unter Punkt 3 mit den Kategorien der Zirku-
       lation notwendig  verbundenen theoretischen Restriktionen zu kri-
       tisieren. Und  wenn schließlich  H. Wagner auf den geheimen Idea-
       lismus von Luhmanns Theorie aufmerksam macht, so läßt sich dieser
       erkenntnistheoretisch und  methodologisch auf die in Punkt 4 dar-
       gestellte, die Zirkulation regierenden Subjekt-Objekt-Beziehungen
       zurückführen.
       Sollte dieser  Artikel dazu beitragen können, aus methodologisch-
       erkenntnistheoretischer Perspektive zu einer vertieften Sicht der
       aktuellen Entwicklungsprobleme des historischen Materialismus an-
       zuregen, dann hat er seinen Zweck erfüllt.
       
       _____
       1) B. Heidtmann,  Niklas Luhmann  und die Systemtheorie im Lichte
       der Marxschen Hegel-Kritik. In: SOPO 32 (1975).
       2) K.H. Tjaden, Soziologische Systemtheorie als Gegensatz zur Ge-
       sellschaftstheorie? In: SOPO 40 (1977), S. 55.
       3) Ebenda.
       4) H. Wagner, Gesellschaftliche Analysen mit Luhmanns Systemtheo-
       rie. In: SOPO 34/35 (1976), S. 41.
       5) Marxistische Gesellschaftsdialektik  oder  "Systemtheorie  der
       Gesellschaft" i.  Manuskript. Wird  voraussichtlich Ende  1977 im
       Akademie-Verlag (Berlin/DDR)  in der Reihe: "Schriften zur Philo-
       sophie und ihrer Geschichte" erscheinen.
       6) L. v.  Bertalanffy: General  System Theory.  New York 1968, S.
       36.
       7) A. Angyal,  A Logic of Systems. Auszug aus Kap. 8 von: Founda-
       tions for a Science of Personality, Havard U.P., 1941; abgedruckt
       in: Systems  Thinking; hrsg. von F.E. Emery i.d.R. Penguin Modern
       Management Readings. Harmondsworth 1971, S. 20.
       8) Ebenda, S. 26.
       9) W.R. Ashby,  An Introduction  to Cybernetics,  London 1975, S.
       39.
       10) Vgl. L.  v. Bertalanffy,  General System  Theory, a.a.O.,  S.
       247.
       11) Vgl. N.  Luhmann,  Systemtheoretische  Argumentationen.  Eine
       Entgegnung auf Jürgen Habermas. In: J. Habermas/N. Luhmann, Theo-
       rie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Frankfurt/Main 1971,
       S. 335.
       12) W.R. Ashby, An Introduction to Cybernetics, a.a.O., S. 131.
       13) Vgl. N. Luhmann, System theoretische Argumentationen, a.a.O.,
       S. 384.
       14) Ebenda, Fußnote 146.
       15) K. Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie. Ber-
       lin (DDR) 1953, S. 189.
       16) L. Althusser,  Ist es  einfach, in der Philosophie Marxist zu
       sein? In: SOPO 34/35 (1976).
       17) Vgl. G.W.F.  Hegel, Wissenschaft  der  Logik,  Zweiter  Teil,
       hrsg. von G. Lassen Leipzig 1934, S. 143.
       18) Vgl. ebenda, S. 144.
       19) Vgl. ebenda, S. 142.
       20) P. Ruben,  Die materialistische  Dialektik und  ihre Grundge-
       setze. In: Gesetz, Erkenntnis, Handeln. Berlin 1972, S. 149.
       21) Es handelt sich um ein Manuskript, das 1851 entstand, den Ti-
       tel "Reflection"  trägt und in der Einheit 5/1977 erstmals veröf-
       fentlicht wurde.
       22) Ebenda, S. 525.
       23) Ebenda.
       24) Ebenda.
       25) Ebenda.
       26) N. Luhmann,  System theoretische  Argumentationen, a.a.O., S.
       384.
       27) Vgl. R. Thiel, Mathematik - Sprache - Dialektik. Berlin 1975,
       S. 219.  Vgl. zum  Verhältnis von  Dialektik und Spieltheorie, P.
       Ruben, Strategisches  Ziel  und  dialektischer  Widerspruch.  In:
       Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Berlin (DDR), 1970, H. 11.
       28) J.W. Blauberg/E.G. Judin, Philosophische Probleme der System-
       und Strukturforschung.  In: Sowjetwissenschaft. Gesellschaftswis-
       senschaftliche Beiträge Heft 10, 1970, S. 1062.
       29) Vgl. H.  Rombach, Strukturontologie.  Eine Phänomenologie der
       Freiheit. Freiburg/München 1971.
       30) Vgl. H.  Rombach, Substanz,  System, Struktur.  Die Ontologie
       des Funktionalismus und der philosophische Hintergrund der moder-
       nen Wissenschaft. Bd. I, II. Freiburg/München, 1965-66.
       31) Vgl. H.  Rombach, Substanz,  System, Struktur. Bd. L, a.a.O.,
       S. 11-13.
       32) W.R. Ashby, An Introduction to Cybernetics, a.a.O., S. 1.
       33) Ich möchte in diesem Zusammenhang auf P. Marwedel, Funktiona-
       lismus und  Herrschaft -  Die Entwicklung  eines Theorie-Konzepts
       von Malinowski  zu Luhmann,  Köln 1976, aufmerksam machen. Im Ab-
       schnitt: Die System/Umwelt-Theorie von N. Luhmann als Produkt von
       Abstraktionsprozessen und  individueller Primärerfahrung,  S. 266
       ff., findet  sich eine  vom Standpunkt der materialistischen Dia-
       lektik m.E.  ausgezeichnete  erkenntnistheoretische  Analyse  der
       Theoriebildung und Methodik der Systemwissenschaften. Auch Marwe-
       del vertritt  die These,  daß im  Systemdenken das  Verhalten von
       seinem Gegenstand getrennt und diesem gegenüber einseitig fixiert
       wird. S. 271 ff.
       34) N. Luhmann,  Soziologische Aufklärung. In: Soziologische Auf-
       klärung. Aufsätze  zur Theorie  sozialer  Systeme,  Köln-Opladen,
       1970, S. 72.
       35) Diese Abhängigkeit  Luhmanns  von  Husserls  Transzendentaler
       Phänomenologie hat  L. Eley,  Transzendentale Phänomenologie  und
       Systemtheorie der Gesellschaft, Freiburg i. Br., 1972, nachgewie-
       sen.
       36) H. Bergmann/P. Ruben, Dialektik und Systemdenken in der fran-
       zösischen Aufklärung  i. Manuskript. Dieser Aufsatz wird in: Dia-
       lektik und Systemdenken - historische Aspekte Ende 1977 im Akade-
       mie-Verlag in  der Reihe: Schriften zur Philosophie und ihrer Ge-
       schichte erscheinen.
       37) Vgl.  K.H.  Tjaden,  Naturevolution,  Gesellschaftsformation,
       Weltgeschichte, Überlegungen  zu einer gesellschaftswissenschaft-
       lichen Entwicklungstheorie. In: Das Argument, 101, 1977.
       38) Vgl. ebenda, S. 14.
       39) Vgl. ebenda, S. 15.
       40) Ebenda, S. 16.
       41) P. Marwedel,  Funktionalismus und Herrschaft, a.a.O., S. 268.
       Ähnlich äußert  sich auch  H. Holzer: "Was Luhmann ... nicht lei-
       stet, ja  worauf er  bewußt verzichtet, ist: die Sinnkonstitution
       gesellschaftlicher Systeme  und deren  Umweltbezug zu mindest ab-
       strakt als  in sich  verschränkte, theoretisch-praktische  Aneig-
       nungsprozesse zu  fassen, die  die lebensnotwendige  Organisation
       des Stoffwechsels 'Mensch-Natur' ausmachen. Das hat zur Folge ...
       daß Luhmann  zum einen  zu einer formalen Bestimmung von Sinn und
       Umwelt,  zum  anderen  zu  einer  Hypostasierung  der  Sinnfragen
       kommt." Kapitalismus  als Abstraktum?  Makrosoziologische System-
       theorie in  der amerikanischen  und westdeutschen  Soziologie, i.
       Manuskript.
       42) Vgl. H. Rombach, Strukturontologie, a.a.O., S. 176.
       43) K. Marx,  Grundrisse der  Kritik  der  Politischen  Ökonomie,
       a.a.O., S. 111.
       44) Vgl. K. Marx, Das Kapital 1. Bd. In: K. Marx/F. Engels, Werke
       Bd. 23, Berlin 1962, S. 179.
       45) K. Marx,  Grundrisse der  Kritik  der  Politischen  Ökonomie,
       a.a.O., S. 111 f.
       46) Vgl. K. Marx, Das Kapital 1. Bd., a.a.O., S. 167.
       47) K. Marx,  Grundrisse der  Kritik  der  Politischen  Ökonomie,
       a.a.O., S. 111.
       48) Philosophisches Wörterbuch,  hrsg. von  G. Klaus  u. M. Buhr,
       Leipzig 1974, S. 885.
       49) Ebenda, S. 1189.
       50) Soweit ich  bisher die  ökonomischen Texte  von Marx  geprüft
       habe, verwendet  Marx den  Terminus "objektiv"  dann, wenn er die
       Zirkulationssphäre untersucht. Im Zusammenhang mit der Produktion
       treten für die hier gemeinte Objektivität Termini wie "materiell-
       gegenständlich" auf.
       51) Wie Marx  diesen Übergang  in die  Produktion im Zusammenhang
       mit der  Ableitung des Kapitals methodisch vollzieht, ist für die
       Beziehung  von  abstrakt-analytischem  und  dialektischem  Denken
       höchst aufschlußreich  und bedarf  einer eigenen  Analyse.  Diese
       habe ich in folgendem Artikel zu leisten versucht: C. Warnke, Zum
       Verhältnis von Dialektik und Systemdenken in der Gesellschaftser-
       kenntnis, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, H. 7, 1977.
       52) Vgl. K. Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie,
       a.a.O., S. 166.
       53) G.W.F. Hegel,  Wissenschaft der  Logik, zweiter Teil, a.a.O.,
       S. 134.  Der konstatierbare  Zusammenhang zwischen den Kategorien
       der Zirkulation und der philosophischen Kategorie der Erscheinung
       einerseits, den Kategorien der Produktion und der philosophischen
       Kategorie des  Wesens andererseits muß hier ausgeklammert werden.
       Der Versuch  der Darstellung dieses Zusammenhangs findet sich in:
       Marxistische Gesellschaftsdialektik  oder "Systemtheorie  der Ge-
       sellschaft"? ,  a.a.O., in  den Beiträgen von B. Heidtmann und C.
       Warnke.
       54) Beim materialistisch  verstandenen Begriff der Produktion er-
       folgt in bezug auf keines seiner Momente die Trennung von Subjek-
       tivität und  Objektivität, Verhalten und Gegenständlichkeit. Hier
       ist die  Tätigkeit des Subjekts als gegenständliche Tätigkeit be-
       stimmt, und  die dieser Tätigkeit vorausgesetzte materielle Natur
       v e r h ä l t   sich, indem  g e g e n  sie als gegen einen auto-
       nomen Partner  im realen Widerstreit die Reproduktion der eigenen
       Existenzbedingungen immer  erst und erneut durchzusetzen ist. Ja,
       was in  diesem Verhältnis  jeweils Subjekt  und Objekt  ist, ent-
       scheidet sich erst in diesem Widerstreit.
       55) Vgl. N.  Luhmann, Moderne  Systemtheorien als  Form gesamtge-
       sellschaftlicher Analyse,  in: Habermas/N.  Luhmann, Theorie  der
       Gesellschaft oder Sozialtechnologie, a.a.O., S. 11.
       

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