Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       EDITORIAL
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       Zur Bestimmung  gesellschaftlichen  Charakters  von  Wissenschaft
       beizutragen, ist  zentraler Bestandteil dieses Heftes. Die Redak-
       tion der  SOPO hält  eine der  Komplexität dieses Themas entspre-
       chend detaillierte  Erörterung schon  deshalb  für  erforderlich,
       weil so  politische Frontstellungen auch in Begründungsfragen der
       Wissenschaft darstellbar  und Gegenstand  kritischer Auseinander-
       setzung werden können. Für Theoriebildungsprozesse im Bereich der
       bürgerlichen  Wissenschaften  ist  es  nämlich  charakteristisch,
       diese Bezogenheit  wissenschaftlicher Erkenntnis  zu leugnen. Wir
       gehen davon  aus, daß  angesichts der  Vielfalt konstruktiver An-
       sätze zur  Entwicklung des materialistischen Begriffs von Wissen-
       schaft und  ihrer fundamentalen sozialen Bedeutung kontinuierlich
       Beiträge zum Verhältnis von Wissenschaft, Technik und Produktion;
       von Philosophie  und Politik;  zu Problemen  der Dialektik in den
       Natur- und Gesellschaftswissenschaften etc. veröffentlicht werden
       sollten. Das  nicht zuletzt  deshalb, weil die gegenwärtigen Per-
       spektiven sozialistischer  Politik einer ständigen Begründung und
       Überprüfung ihrer  theoretischen Grundlagen  im Hinblick  auf die
       Analyse der konkreten Bedingungen politischer Praxis erfordert.
       Hans-Jörg Sandkühler  versucht in  seinem Beitrag in Auseinander-
       setzung  mit  Positionen  materialistischer  Wissenschaftstheorie
       eine theoretische  und politische Funktionsbestimmung des Wissen-
       schaftsbegriffes im  Systemvergleich von  Sozialismus und Kapita-
       lismus. Seine  Argumentation kreist um die Bestimmung von Wissen-
       schaft als Produktivkraft, wobei er gegen eine "monokausale" Aus-
       legung des  Verhältnisses von  materieller und  geistiger  Arbeit
       eintritt. Er deckt den latenten Idealismus bestimmter ökonomisti-
       scher Tendenzen  innerhalb der  materialistischen  Wissenschafts-
       theorie auf  und konkretisiert  zugleich seine  Kritik gegen ihre
       methodologisch  schwammige   Basis   in   dem   Votum   für   ein
       "Analogieverbot" gegenüber  der Bestimmung  des  Wissenschaftsbe-
       griffs durch politökonomische Kategorien. Mit dieser Diagnose der
       Kinderkrankheiten materialistischer  Wissenschaftstheorie schafft
       er kategoriale Vorklärungen für eine historisch konkrete materia-
       listische Analyse  der Marxschen  Definition von Wissenschaft als
       allgemeiner Arbeit  (vgl. dazu Peter Rubens Artikel "Wissenschaft
       als allgemeine  Arbeit" in SOPO 36). In ihrem Ergebnis gewinnt er
       die eigene  Position in  der Charakterisierung  von  Wissenschaft
       "als Einheit  von Widerspiegelung  und  Schöpfertum,  von  histo-
       risch-logischer und  sozial-ökonomischer Determination"  des  ge-
       sellschaftlichen Erkenntnisprozesses. Von ihr schließt er auf die
       Möglichkeit der positiven Rolle, die die materialistische Wissen-
       schaft in  der Vorbereitung  der "logische(n) Basis des Kommunis-
       mus" auch in der kapitalistischen Gesellschaft spielen kann.
       Gelangt Sandkühler  in der  Auseinandersetzung mit  verschiedenen
       Ansätzen einer materialistischen Fassung des Wissenschaftsbegrif-
       fes zur  Einschätzung der polit-ökonomischen Funktion der Wissen-
       schaft unter  gegebenen kapitalistischen  Verhältnissen, so wählt
       Erhard Stölting  den Weg  zum selben Ziel über die Rekonstruktion
       der  Geschichte   bürgerlicher   Wissenschaftskonzeptionen.   Das
       Schwergewicht liegt  dabei in der Darstellung der formalistischen
       Entleerung des  ehemals revolutionären bürgerlichen Liberalismus,
       der im  20. Jahrhundert als Wissenschaftsfreiheitspostulat ausge-
       hend von  den Neutralitätstorderungen  der  Neopositivisten  über
       Poppers Pluralismuskonzept  bis hin zu Feyerabends Wissenschafts-
       anarchismus seine  zweite Jugend- mit Marx zu sprechen- als Farce
       erlebt. Dem  idealisierten Selbstverständnis der Wissenschaft und
       Wissenschaftler hält  Stölting ihr "soziales Bild" entgegen. Die-
       ses repräsentiert  den Erfahrungsreflex  der herrschenden sozial-
       ökonomischen Determinierung  von Wissenschaft und Wissenschaftler
       in der  öffentlichen Meinung  der jeweiligen Gesellschaftsepoche.
       In dieser  Konfrontation von  Ideal und Erfahrungsbild entwickelt
       er die bestimmten Widersprüche zwischen Wissenschaftsfreiheit und
       Kapitaldiktat.
       Gibt es  eine neue Studentenbewegung? Im Wintersemester erreichte
       die Protestbewegung  an den  westdeutschen und Westberliner Hoch-
       und Fachschulen einen hohen Grad der Politisierung. Die Redaktion
       veröffentlicht eine  von ihr  veranstaltete  Diskussion  zwischen
       Vertretern  verschiedener   hochschulpolitischer   Organisationen
       (Aktionsgemeinschaften von Demokraten und Sozialisten, Jusos, Li-
       beraler Hochschulverband, Hochschulgruppe der SEW), Unorganisier-
       ten (USTA-Vertreter, Streikrat) und "Veteranen" der alten Studen-
       tenbewegung, die  über Anlaß  und Ursachen,  über Bedingungen und
       Perspektiven der  Bewegung geführt  wurde. Die  unterschiedlichen
       Bewertungen dieser Probleme führen zu verschiedenen Aussagen über
       die Perspektive  des hochschulpolitischen Kampfes. In dem Abdruck
       der Redebeiträge  werden die  unterschiedlichen Positionen  deut-
       lich, und  die Herausarbeitung  der Differenzen  stellt die Frage
       nach den Chancen gemeinsamer Aktionen zur Diskussion.
       Die in der Rubrik Diskussion und Kritik veröffentlichten Beiträge
       setzen die  in SOPO  37/38 begonnene Auseinandersetzung mit Louis
       Althussers Arbeiten  fort, deren Grundtheoreme er in "Ist es ein-
       fach in  der Philosophie  Marxist zu sein" (SOPO 34/35) zusammen-
       fassend vorgestellt  hat. - Zum Verständnis des Kontextes, in dem
       wir diese Auseinandersetzung für geboten halten, sei auf die Vor-
       bemerkung zur Diskussion über Althusser in diesem Heft verwiesen.
       -  Bernhard  Heidtmann  erörtert  die  tendenziell  idealistische
       Grundlegung der Dialektik durch Althusser, welche auf dessen Kon-
       zept politischer  Praxis als Dezisionismus entscheidenden Einfluß
       hat. "Mit  Althussers Aktualisierung der Philosophie Spinozas und
       des durch  sie in  die Wege geleiteten rationalistischen Konzepts
       für die  marxistische Theoriebildung  setzt sich  Pierre  Franzen
       auseinander. -  Friedrich Tomberg  geht in seinem Beitrag von der
       Humanismuskritik Althussers  aus, und er zeigt durch Analyse die-
       ser Kritik, daß über Althussers Rezeption des Marxschen "Kapital"
       weitreichende Fehldeutungen  methodologischer und politischer Art
       zur marxistischen Philosophie überhaupt möglich wurden.
       In der  "ideen-politischen" Skizze  von Martin  Blankenburg wird,
       zum Teil  in kritischer  Auseinandersetzung mit einem Beitrag von
       H. Arnaszus  (SOPO 34/35),  versucht,  vor  dem  Hintergrund  der
       Zeichnung einiger  ideologischen Grundlinien  der  Nachkriegsent-
       wicklung in  der BRD allgemeine Folgerungen zu Struktur und Dyna-
       mik bürgerlicher  Ideologieform zu  ziehen. Das  dabei gewonnene,
       zunächst noch  arbeitshypothetische, typologische  Schema Polari-
       tät/Zyklizität könnte  sich als fruchtbar für eine Diskussion der
       Formen des ideologischen Klassenkampfes erweisen.
       Unsere Dokumentation  zur Frage  der  Diktatur  des  Proletariats
       (vgl. Heft  36 und  37/38) ergänzen  wir in  den folgenden Heften
       durch eine Diskussion. Dazu liegen uns für Heft 40 bereits Thesen
       von Christoph  Kievenheim vor,  die seinem im Rahmen des BdWi ge-
       haltenen Beitrag  zu Fragen  sozialistischer Politik  entstammen.
       Weitere Zusagen  haben wir  u.a. von Elmar Altvater, Werner Gold-
       schmidt, Bernhard Heidtmann, Urs Jaeggi und Robert Katzenstein.
       

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