Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       EDITORIAL
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       Bei aller Wiederentdeckung und Aneignung, bei allen Versuchen zur
       selbständigen Weiterentwicklung  des wissenschaftlichen Sozialis-
       mus, die  während der letzten 10-15 Jahre die theoretisch-politi-
       sche Diskussion innerhalb der demokratischen Bewegung in Westber-
       lin und in der BRD beeinflußt haben (und dabei: das Bedürfnis zum
       Ausdruck brachten,  die Verbindung  von Intelligenz und Arbeiter-
       klasse herzustellen), ist es auffallend, daß um den dialektischen
       Materialismus im  großen und  ganzen ein Bogen gemacht wurde. Das
       ist zu  einem guten Teil jener antikommunistischen Marx-Rezeption
       zuzurechnen, die  die "Pariser  Manuskripte" gegen  den  "späten"
       Marx oder  die "Grundrisse"  gegen das  "Kapital" oder Marx gegen
       Engels oder Marx und Engels gegen Lenin oder Marx, Engels und Le-
       nin gegen  den "Sowjetmarxismus"  etc. auszuspielen versuchte und
       versucht. Als  "Rückfall" in  die alte  Metaphysik deutete man in
       der "Frankfurter  Schule" die materialistische Dialektik, als Re-
       stauration und  nicht als die von Marx geforderte "Aufhebung" der
       traditionellen Philosophie erkannten sie junge Philosophen, wobei
       nicht zu  übersehen ist,  daß es Ausarbeitungen der materialisti-
       schen Dialektik gab und gibt, die solche Urteile geradezu heraus-
       fordern.
       Die Wiederentdeckung  und Aneignung des wissenschaftlichen Sozia-
       lismus war und ist Bestandteil einer politischen Bewegung der In-
       telligenz, in deren Zentrum die institutionelle wie wissenschaft-
       liche Kritik  an der  "bürgerlichen Wissenschaft"  und  Ideologie
       steht. Wie  die vielfältigen  Versuche zeigen,  die von  Marx  im
       "Kapital" angewandte  Methode zu  rekonstruieren -  darunter auch
       die in  diesem Heft der SOPO kritisch untersuchten, welche im Na-
       men der   "K a p i t a l l o g i k"   Schulen  gebildet haben  -,
       herrscht  weitgehend   Klarheit  darüber,   daß  die  Kritik  der
       "bürgerlichen Wissenschaft" nicht einfach negativ sein kann, son-
       dern auf der Grundlage einer ausgearbeiteten Wissenschaftskonzep-
       tion geführt werden muß. (Anderenfalls führte die Kritik zu einer
       unkritischen Abwendung  von der  Wissenschaft überhaupt, d.h. von
       einem wesentlichen  Moment der zum Sozialismus drängenden gesell-
       schaftlichen Kräfte  und damit zu einer links drapierten privati-
       stischen Kulturkritik, deren Bedeutung allenfalls darin bestünde,
       den Zerrüttungsgrad dieser Gesellschaft auszudrücken).
       Die politische  Rolle von Teilen der Intelligenz in der Arbeiter-
       bewegung war  und ist  aber auch  dadurch bestimmt, daß sie durch
       die Kritik  der ideologischen Formen der kapitalistischen Gesell-
       schaft zur Analyse von deren ökonomischen und politischen Gesetz-
       mäßigkeiten beiträgt.  So versucht  auch der  in diesem  Heft der
       SOPO veröffentlichte  erste Teil eines Beitrags zur materialisti-
       schen   I d e o l o g i e t h e o r i e   im  Rückgriff  auf  die
       "Klassiker" und  auf dem  Hintergrund einer  in Italien besonders
       ausführlich geführten Diskussion zu zeigen, welchen theoretischen
       Anforderungen genügt  werden muß, soll in der gegenwärtigen ideo-
       logischen Auseinandersetzung  über die unkritische Verneinung der
       bürgerlich-kapitalistischen Ideologie hinausgegangen werden.
       Was nun  überhaupt Aneignung und Ausarbeitung einer marxistischen
       Wissenschaftskonzeption hierzulande  angeht, so  scheint  es  uns
       auffallend, daß die dabei im Mittelpunkt stehende Problematik der
       materialistischen   D i a l e k t i k   nicht bei den Hörnern ge-
       packt, sondern  - wo sie nicht gerade tabuisiert ist - allenfalls
       wie ein  heißer Brei umgangen wird. Subjektivismus und Idealismus
       in der  Ausarbeitung einer  marxistischen Wissenschaftskonzeption
       und so die Wirkungslosigkeit der wissenschaftlichen Kritik an der
       "bürgerlichen Wissenschaft"  und Ideologie  sind aber  unvermeid-
       lich, solange sich diese Kritiker und nicht nur sie, hinsichtlich
       der materialistischen  Dialektik mit Vermutungen, Vorurteilen und
       Verdächtigungen begnügen, anstatt die Problematik aufzuklären und
       ein fundiertes Urteil darüber zu erarbeiten. Mit der Veröffentli-
       chung des  Beitrags zu  Problemen der materialistischen Dialektik
       soll in  der SOPO ein Schritt in dieser Richtung gegangen werden.
       Es versteht  sich dabei von selbst, daß hinsichtlich der materia-
       listischen Dialektik  keine Wahrheiten  zu dekretieren sind; ihre
       Erarbeitung erfordert  die Form  wissenschaftlicher  Kontroverse,
       die die  SOPO durch  Veröffentlichung entsprechender Artikel seit
       je anzuregen  versucht und  für die  sie als  Forum zur Verfügung
       steht.
       

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