Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Peter Damerow, Peter Furth, Bernhard Heidtmann, Wolfgang Lefèvre
       
       PROBLEME DER MATERIALISTISCHEN DIALEKTIK
       ========================================
       
       I. MATERIALISTISCHE DIALEKTIK UND ARBEIT
       ----------------------------------------
       
       1.
       
       Die Dialektik  ist nach F. Engels die "Wissenschaft des Gesamtzu-
       sammenhanges" 1).  Das bedeutet,  daß sich  hier Wissenschaft und
       Gesamtzusammenhang nicht wie selbständige Methode und vorgefunde-
       ner Gegenstand, nicht in der Trennung von Form und Inhalt des Er-
       kennens äußerlich  gegenüberstehen. Sondern Wissenschaft ist sel-
       ber Moment  des von ihr untersuchten Zusammenhanges, und erst von
       daher ist die spezifische Erkenntnisleistung der Dialektik zu be-
       stimmen. Oder anders: Da 'Zusammenhang' erst aus dem Gegensatz zu
       'Isolierung' vollständig  verstanden ist, 'Zusammenhang' also die
       Negation einer  'Isolierung' ist, kann der Gegenstand der Dialek-
       tik nicht durch Isolierung eines Teilbereichs des Gesamtzusammen-
       hanges bestimmt  werden. Er  kann also kein unmittelbar Gegebenes
       der sinnlichen  Anschauung sein, und er kann nicht aus Grundprin-
       zipien der  Erkenntnis hergeleitet  werden. Er ist als die objek-
       tive Realität  ein  empirisch-historischer  Zusammenhang,  dessen
       Entwicklung seine Erkenntnis einschließt. Die Theorie der Dialek-
       tik kann  also Begriff  und Gesetze  der Dialektik nicht wie eine
       voraussetzungslose Erkenntnistheorie  aus der  Reflexion auf  die
       Natur eines  in sich  ruhenden Denkens gewinnen, sie muß vielmehr
       ausgehen von  den Voraussetzungen  für das  Denken, in denen sich
       die Vermittlung  des Zusammenhanges  von Natur,  Gesellschaft und
       Denken praktisch  vollzieht. Diese  Vermittlung geschieht  in der
       Aneignung der  Natur durch  den gesellschaftlichen Arbeitsprozeß.
       Er muß  deshalb Ausgangspunkt  und ständiger Bezugspunkt für alle
       Überlegungen sein,  die der Überlieferung und dem weiteren Ausbau
       der theoretischen Dialektik gelten.
       Es scheint  so, als ob dieser Ausgangspunkt den materialistischen
       Charakter der  Dialektik zur unausweichlichen Konsequenz hat. Da-
       gegen aber  spricht die  linkshegelianische Tradition, in der He-
       gels Gleichsetzung  von Geist  und Arbeit weiterhin wirkt. Sicher
       ist die  materialistische Konsequenz  erst dann, wenn der gesell-
       schaftliche Arbeitsprozeß  als  Ausgangspunkt  adäquat  aufgefaßt
       wird, d.h. nur dann, wenn von der realen Arbeit ausgegangen wird,
       von gegenständlicher Tätigkeit und nicht bloß von ihren subjekti-
       ven Bedingungen  und nur dann, wenn 'Ausgangspunkt' nicht als Re-
       duktionspunkt mißverstanden  wird, aus  dem die "wesentliche Ver-
       schiedenheit" 2)  des Besonderen der historischen Entwicklung ab-
       zuleiten wäre.
       Die wirkliche  Arbeit, die  allem weiteren menschlichen Geschehen
       zugrundeliegt und  aller metaphorischen  Übertragung vorausliegt,
       ist ein Naturprozeß, in dem der Mensch dem "Naturstoff selbst als
       eine Naturmacht"  3) gegenübertritt.  Zwar vollzieht  sich dieser
       Naturprozeß nur  durch die  eigene Tätigkeit  des Menschen, diese
       Tätigkeit aber  ist wiederum  selber naturbedingt  und deshalb in
       ihrem Vollzug  wie in  ihrer Zielsetzung gegenständlich bestimmt.
       Sie ist  wirkliche Arbeit  nur als  die Einheit ihrer subjektiven
       und objektiven Bedingungen.
       Diese Einheit vollzieht sich in der Arbeit und wird nicht von der
       Arbeit als  selber noch  der Einheit  vorausliegend erst erzeugt.
       Denn das  hieße, die Arbeit gegenüber der Natur zu verselbständi-
       gen und ihr übernatürliche Schöpfungskraft beizulegen. Im wirkli-
       chen Arbeitsprozeß  aber tritt  zutage, daß  die menschliche  Ar-
       beitskraft nur  im Zusammenhange mit der (äußeren) Natur, als der
       "ersten Quelle  aller Arbeitsmittel  und Arbeitsgegenstände"  4),
       Gebrauchswerte schaffen kann. Das scheint eine triviale Feststel-
       lung zu  sein, sie  ist aber  äußerst folgenreich. Denn nur dann,
       wenn vom  Arbeitsprozeß als Einheit seiner subjektiven und objek-
       tiven Bedingungen  ausgegangen wird,  wenn also  von der Naturbe-
       dingtheit der  Arbeit nicht abstrahiert und wenn Arbeit nicht auf
       die Verausgabung  von Arbeitskraft reduziert wird, kann überhaupt
       wahrgenommen werden, daß das Eigentum an den gegenständlichen Ar-
       beitsbedingungen eine  Bedingung der  Arbeit ist  und daß die ge-
       sellschaftliche Form  der Arbeit  von dieser  Bedingung  abhängt.
       Soll also die Gesellschaftlichkeit der Arbeit nicht verkannt wer-
       den, so  kommt alles  darauf an, daß von der Naturbedingtheit der
       Arbeit ausgegangen wird.
       Wird dagegen die Arbeit von ihren objektiven Bedingungen getrennt
       und aus dieser Trennung begriffen, so wird damit die Trennung von
       Natur und  Gesellschaft implizit  unterstellt und  die Arbeit als
       ein rein  menschliches, außernatürliches  Phänomen  gedacht.  Das
       aber bedeutet  den theoretischen Nachvollzug dessen, was im kapi-
       talistischen Produktionsprozeß  praktisch geschieht - und zwar in
       doppelter Hinsicht,  einmal in bezug auf die Natur als Arbeitsge-
       genstand und zum anderen auf die Arbeit selbst.
       Wird die Arbeit auf ihre subjektive Form als Tätigkeit reduziert,
       dann ist die Natur als Gegenstand der Arbeit nur durch das zu be-
       stimmen, was die menschliche Tätigkeit aus ihr macht; an sich ist
       sie unbestimmt,  bloße Möglichkeit der Bearbeitung, d.h. passiver
       Rohstoff. Und  genau diese Bedeutung hat die Natur in der kapita-
       listischen Produktionsweise.  Sie dient  in ihr  als unbestimmtes
       Substrat für  diejenige Bestimmung, die den kapitalistischen Pro-
       duktionsprozeß in  Gang setzt, für den Tauschwert, der allerdings
       keine Eigenschaft der Naturgegenstände als solcher ist. Die Natu-
       ralform der  Gegenstände, die als Tauschwertträger fungieren, ist
       vom  Standpunkt  des  kapitalistischen  Produktionsprozesses  aus
       gleichgültig, was  allein zählt,  ist ihre  Sozialform, der Wert.
       Wird also  in der  Arbeit nur die menschliche Subjektivität gese-
       hen, dann  erscheinen die  Naturbedingungen der  Arbeit als durch
       die Arbeit selbst konstituiert, d.h. sie kommen nur mehr in ihrer
       Sozialform in  den Blick.  Ihre Naturalform ist praktisch nichtig
       wie der  Gebrauchswert (menschlich  umgebildete Naturalform)  für
       das kapitalistische Kalkül.
       Was für  den Arbeitsgegenstand  gilt, gilt  auch für  die  Arbeit
       selbst, wenn sie getrennt von ihren objektiven Bedingungen aufge-
       faßt wird.  Die auf Subjektivität reduzierte Arbeit kann von sich
       aus nichts  schaffen, dazu muß sie in Berührung mit gegenständli-
       chen Bedingungen  kommen. Darüber entscheidet im kapitalistischen
       Produktionsprozeß aber  nicht sie.  Denn im kapitalistischen Pro-
       duktionsprozeß kommt  die Arbeit in Zusammenhang mit ihren gegen-
       ständlichen Bedingungen  nur nach Maßgabe der Verwertungsmöglich-
       keiten des  Kapitals. Die  Arbeit durch die Abstraktion von ihrer
       Naturbedingtheit als bloß subjektive Tätigkeit zu begreifen, bil-
       det nur  die reale Abstraktion ab, der die Arbeit im kapitalisti-
       schen Produktionsprozeß unterliegt.
       Von der  Arbeit in  ihrer subjektiven Form als Tätigkeit auszuge-
       hen, heißt  also, eine  bestimmte gesellschaftliche  Form der Ar-
       beit, die  abstrakte Arbeit,  zu der  Arbeit überhaupt, die allen
       ihren geschichtlichen  Formen gemeinsam  ist, zu verallgemeinern.
       Davon auszugehen,  daß die Arbeit ein rein soziales Phänomen ist,
       hat die  paradoxe Konsequenz,  daß einerseits die Naturalform des
       Arbeitsgegenstandes als Sozialform erscheint und daß andererseits
       die Sozialform  der Arbeit  in eine  Naturform verkehrt wird (mit
       der weiteren  Folge, daß  die bestimmten  historischen Formen der
       Arbeit ahistorisch nivelliert werden).
       
       2.
       
       Um diese Konsequenzen zu vermeiden, ist es notwendig, von der Ar-
       beit als  speziellem Naturprozeß  auszugehen, wobei  es aber  nun
       darauf ankommt, das Spezifische des Naturprozesses Arbeit richtig
       zu erfassen.
       Der Arbeitsvorgang  teilt mit den Vorgängen des außermenschlichen
       Lebens, daß  er ein  Akt unmittelbarer Einheit von Produktion und
       Konsumtion ist.  "Die Konsumtion ist unmittelbar auch Produktion,
       wie in  der Natur  die Konsumtion der Elemente und der chemischen
       Stoffe Produktion der Pflanze ist. Daß in der Nahrung z.B., einer
       Form der  Konsumtion, der  Mensch seinen eigenen Leib produziert,
       ist klar."  5) Marx  charakterisiert die Identität von Produktion
       und Konsumtion  durch Spinozas Satz: Determinatio est negatio. 6)
       Das besagt,  daß elementare  Produktions- und Konsumtionsvorgänge
       Bewegungsabläufe sind, die dem Begriff der dialektischen Negation
       zugrundeliegen. Die  in allen Produktionsund Konsumtionsvorgängen
       tätige Negation ist deshalb dialektisch, weil sie bestimmte Nega-
       tion ist, nämlich die Einheit von Identifikation und Verbrauch.
       Geht es  in Produktion  und Konsumtion  um physische Selbsterhal-
       tung,  so   müssen  unabhängig  von  uns  bestehende  Gegenstände
       zunächst als  bedürfnisadäquat identifiziert  werden. Bei  dieser
       Identifikation ist  aber nicht halt zu machen, da sie nur auf der
       Ebene der  Möglichkeit verbleibt.  Deshalb ist die Identifikation
       durch die Konsumtion der Gegenstände im Hinblick auf die an ihnen
       identifizierten Eigenschaften zu realisieren. Die Konsumtion aber
       hebt die fixierten Eigenschaften gerade auf, und die als Resultat
       der Konsumtion  entstehenden Gegenstände stellen die Negation der
       an ihnen identifizierten Eigenschaften dar. "Die dialektische Ne-
       gation ist  also eine  Aktion (oder  Aktionsfolge), die unter der
       Bedingung der  Bejahung einer  bestimmten Eigenschaft oder Bezie-
       hung an  vorgegebenen Gegenständen  in einer  mehr  oder  weniger
       großen Zeitdauer zur Konsequenz der Verneinung genau der bestimm-
       ten Eigenschaft  oder Beziehung  an  diesen  Gegenständen  führt.
       (...) Die  dialektische Negation ist - kurz gesagt - eine Aktion,
       die eine Bejahung in eine Verneinung überführt." 7)
       Insofern der  Verbrauch einer an materiellen Gegenständen identi-
       fizierten Eigenschaft aber selber nur endlich sein kann, nicht in
       dem Sinn  des einfachen  Verzehrens des  Stofflichen, sondern als
       Verzehren des  Verzehrens selbst,  ist die  dialektische Negation
       zugleich Negation der Negation. So ist auch die Anwendung der Ar-
       beitskraft auf objektive Arbeitsbedingungen zugleich die Erschöp-
       fung und Verausgabung der Arbeitskraft und damit Negation der Ne-
       gation. Das  Resultat der Negation der Negation aber ist ein Pro-
       dukt, "durch  dessen Konsumtion  (das Individuum)  wieder in sich
       (zurückkehrt), aber  als produktives  Individuum, und sich selbst
       reproduzierendes." 8)  Das besagt,  der Begriff  der Negation der
       Negation ist  Ausdruck des  Prozesses der Reproduktion durch Pro-
       duktion, d.h. "der Veränderung bestehender Zustände bei Erhaltung
       ihrer gegenständlichen  Träger", 9)  er bezeichnet also in allge-
       meiner Weise  den Inhalt des Begriffs der materiellen Selbstbewe-
       gung, unter  den auch die Arbeit fällt. (Arbeit ist also Fall ei-
       nes dialektischen Zusammenhanges, konstituiert ihn aber nicht!)
       Das Spezifische der menschlichen Arbeit ist nun, daß das Resultat
       des Prozesses,  der als  Zusammenhang von  dialektischer Negation
       und Negation  der Negation beschrieben werden kann, nicht mit der
       Reproduktion der  Physis des  Arbeitssubjekts einerseits  und Ab-
       fallprodukten andererseits erschöpft ist. Der Arbeitsprozeß führt
       darüber  hinaus  zu  Produkten,  die  nicht  unmittelbar  in  die
       Selbstreproduktion des  Arbeitssubjekts eingehen, sondern die au-
       ßerhalb seiner  verbleiben und die vergegenständlichten Bedingun-
       gen weiterer  Produktion bilden  (Arbeitsmittel u.  Lebensmittel-
       fonds). Von  ihnen kann  der Arbeitsprozeß  jeweils neu ausgehen,
       und zwar  derart, daß  er nicht nur die Wiederholung des gleichen
       Vorgangs, sondern  Wiederholung auf  der  Grundlage  veränderter,
       d.h. selbst  hergestellter  und  erweiterter  Ausgangsbedingungen
       ist. Insofern  kann gesagt werden, die Produktion greift über die
       Konsumtion über,  und das  heißt im  Hinblick auf das Spezifische
       des menschlichen  Arbeitsprozesses, daß er ein Prozeß tendenziell
       erweiterter Reproduktion ist.
       Die entscheidende  Rolle spielt dabei das Arbeitsmittel. Denn da-
       durch, daß die Arbeit auch in Arbeitsmitteln resultiert, wird sie
       zu einem  Vorgang, der  nicht nur  die physische Regeneration der
       Arbeitskraft und  damit weitere  Arbeitsvorgänge ermöglicht, son-
       dern der  darüber hinaus  durch sein  Produkt Arbeitsmittel'  die
       weiteren Arbeitsvorgänge  determiniert und  lenkt. Das  entschei-
       dende Merkmal,  das die Arbeit als menschliche Lebensäußerung von
       außermenschlichen Lebensäußerungen  unterscheidet, ist  also  die
       Werkzeugproduktion, d.h. die Herstellung und der Gebrauch von Ar-
       beitsmitteln.
       Die ausgezeichnete  Bedeutung des  Arbeitsmittels zeigt sich auch
       an der spezifischen Stellung, die das Arbeitsmittel neben den an-
       deren Momenten des Arbeitsprozesses einnimmt.
       Als geformter  Gegenstand und materialisierte Tätigkeit, bestimmt
       durch den ideellen Zweck wie durch den materiellen Gegenstand der
       Arbeit, ist das Arbeitsmittel die vergegenständlichte Einheit der
       subjektiven und  der objektiven Bedingungen der Arbeit und vermag
       deshalb, Subjekt  und Objekt der Arbeit zusammenzuschließen. Ent-
       fernt man  das Arbeitsmittel  aus  seinem  Zusammenhang  mit  der
       zweckmäßigen Tätigkeit einerseits und dem Arbeitsgegenstand ande-
       rerseits, so  stehen sich  Subjekt und Objekt der Arbeit einander
       äußerlich und unvermittelt gegenüber. Sie stehen sich dann in der
       Form des  traditionellen Subjekt-Objekt-Schemas  der  Erkenntnis-
       theorie gegenüber,  mit dem  Problem, wie  das Subjekt zum Objekt
       gelangen könne.  Denn es  ist das  Charakteristikum  dieser  Pro-
       blemstellung, daß  in ihr das Subjekt als Vermittlungsinstanz ge-
       setzt ist,  aber als  mittelloses. Das allen gegenständlichen Be-
       ziehungen vorausgedachte  Subjekt kann die Fähigkeit der Vermitt-
       lung nur an sich selber haben; es ist die Einheit seines Bewußts-
       eins, die die Einheit mit dem Objekt begründet.
       Für die  Arbeit heißt  das, daß  es die vorangehende Zwecksetzung
       ist, die  den Gegenstand  des Zweckes  und die  Art und Weise der
       Zweckausführung konstituiert und den Arbeitsprozeß als Ausführung
       des Zweckes  determiniert. Mit  der Zurückführung  der Arbeit auf
       "teleologische Setzung"  kann Vermittlung  nur mehr  im Sinne von
       Konstitution begriffen  werden, und in der Folge wird das Wesent-
       liche der  Arbeit in  der Erzeugung von gedanklichen Antizipatio-
       nen, von Plänen und Entwürfen gesehen, werden Arbeit und geistige
       Tätigkeit in  letzter Instanz  gleichgesetzt. Damit aber wird die
       Erfahrung, daß  die wirkliche  Arbeit ihr Wesen gerade darin hat,
       antizipierte Determinationen  zu korrigieren, unerheblich. Und es
       wird vor  allem die  Frage, woher die Erkenntnis kommt, derer die
       ideellen Antizipationen  bedürfen, um  den Arbeitsprozeß determi-
       nieren zu  können, unbeantwortbar, wenn die Erkenntnis als Faktor
       der ideellen Antizipationen der Arbeit vorangehen soll.
       Wie wichtig es demgegenüber ist, das Arbeitsmittel als materielle
       Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt der Arbeit hervorzuheben,
       lehren die  empirischen erkenntnisgenetischen  Untersuchungen der
       frühen menschlichen  Stammesgeschichte. Sie  zeigen, daß die men-
       schliche Arbeit  als nur zufällige Werkzeugproduktion beginnt und
       daß sich  erst mit  dem Übergang  zu einer  institutionalisierten
       Werkzeugproduktion durch  die Kontrolle der Herstellung und Über-
       lieferung der  Werkzeuge eine  reflexive Verstandestätigkeit aus-
       bildet. D.h.  an dem,  was die Situationen von Bedürfnis und Ver-
       zehr zusammenschließt  und ihren  Wechsel überdauert und zugleich
       im Zusammenhang  mit der  eigenen Tätigkeit  fungiert, lernen die
       Menschen die  fundamentalen Unterscheidungen,  die  den  weiteren
       Aufbau des  Verstandes ermöglichen.  Die These,  die sich hieraus
       ergibt, besagt:  Nicht an  seinen Zwecken und nicht an den Gegen-
       ständen des  Verzehrs gewinnt der Mensch Verstand, sondern an den
       Mitteln seiner  Produktion, die  als  hergestellte,  wiederherge-
       stellte und  überlieferte ihm  Identität gegenständlich repräsen-
       tieren und die er, weil er sie im Zusammenhang mit seiner eigenen
       Tätigkeit erfährt, auch identisch halten kann und will.
       Die Arbeit und ihre bleibenden, die Arbeit selber wieder determi-
       nierenden Resultate  sind also  die Voraussetzung für die Ausbil-
       dung des Verstandes. Einmal entstanden ist der Verstand eine not-
       wendige Bedingung  der entwickelten  Arbeit, Er  ist das Resultat
       ihrer eigenen  Verwirklichung und als solches Bedingung ihrer Re-
       produktion.  Reproduktionsbedingungen   -  Marx  nennt  sie  auch
       "logische Bedingungen"  - unmittelbar  auch als genetische zu un-
       terstellen, ist  aber unzulässig,  weil darüber erst die histori-
       sche Untersuchung  entscheiden kann. Werden gleichwohl die Repro-
       duktionsbedingungen eines  entwickelten Zusammenhanges  im  Sinne
       von historischen Voraussetzungen verstanden, führt die Vermengung
       von genetischer  Determination und  logischer Geltung zu apriori-
       stischen Konstruktionen, wie eben zu der: 'Verstand als Bedingung
       der Möglichkeit von Arbeit'; in allgemeiner Hinsicht bedeutet das
       die konstitutionstheoretische  Trennung von  Denken und Sein, Ge-
       schichte und Natur. Und am Ende steht dann die Unmöglichkeit, Ar-
       beit und  Erkenntnis aus  ihrem Zusammenhang  mit dem natürlichen
       Entwicklungsprozeß zu erklären.
       Dasselbe gilt  für die  Gesellschaftlichkeit der  Arbeit. Sie ist
       zunächst natürliche  Voraussetzung der Arbeit. Die Arbeit mit ih-
       rer Tendenz  zu erweiterter Reproduktion, die sich in der Tradie-
       rung, Differenzierung  und Akkumulation der Arbeitsmittel und Ar-
       beitsarten zeigt, wandelt die Gesellschaftlichkeit der Arbeit als
       deren natürliche  Voraussetzung in  eine Bedingung um, die zuneh-
       mend von  der Arbeit abhängt. Diese Entwicklung, bestimmt von der
       Tradierung der Arbeitsmittel und der Differenzierung der Arbeits-
       arten, vollzieht  sich nicht kontinuierlich, gleichförmig und ge-
       gensatzlos, denn die Arbeit ist in sich gegensätzlich.
       Die Arbeit  ist materielle Tätigkeit und existiert deswegen immer
       nur in besonderen Arbeitsarten, die aber im Verhältnis zueinander
       stehen. Allgemeine  Produktion ist, wenn nicht bloß eine verstän-
       dige Abstraktion,  Totalität, das heißt das Verhältnis der beson-
       deren Produktionsarten  untereinander. Damit stehen die einzelnen
       Produktionsarten nicht  nur untereinander  in Beziehung,  sondern
       jede Produktionsart steht im Verhältnis zu diesen Beziehungen als
       Ganzem, und dies Verhältnis ist eins des Gegensatzes.
       Soll die  Reproduktion des gesellschaftlichen Subjekts der Arbeit
       gelingen, muß  eine dem  jeweiligen Entwicklungsstand der Produk-
       tion angemessene  Verhältnismäßigkeit der Produktionsarten unter-
       einander durchgesetzt  werden. Umgekehrt  aber determinieren  die
       Produktionsarten ihrerseits  das Verhältnis  der Produktionsarten
       untereinander dadurch,  daß mit ihrer Entwicklung die Verhältnis-
       mäßigkeit der  Arbeitsarten untereinander jeweils neu hergestellt
       werden muß.  Die Verhältnismäßigkeit  der Arbeitsarten  ist  aber
       nicht nur inhaltlich durch die Entwicklung der Arbeitsmittel, Ar-
       beitsarten und  Bedürfnisse bestimmt,  sondern auch formell durch
       die Notwendigkeit,  daß nur begrenzt verfügbare Zeit auf die ein-
       zelnen Arbeitsarten  verteilt werden  muß, durch  das Gesetz  der
       Ökonomie der  Zeit. So  ist die Arbeit in doppelter Weise in sich
       gegensätzlich: einmal im Verhältnis der besonderen Arbeit zu sich
       als Moment  der konkret allgemeinen Arbeit, nämlich der Totalität
       der Arbeitsarten; zum anderen steht die besondere Arbeit mit sich
       selbst im  Widerspruch dadurch,  daß sie als konkret einzelne Ar-
       beit zugleich Repräsentant - nämlich bestimmtes Quantum - von Ar-
       beit überhaupt,  von abstrakt allgemeiner Arbeit ist. Die gesell-
       schaftliche Form  der Arbeit ist die Form, in der sich der Wider-
       spruch zwischen  einzelner und  allgemeiner Arbeit bewegt. Daraus
       folgt aber:  1.  Die  Arbeit  ist  unabhängig  von  ihrer    b e-
       s t i m m t e n   gesellschaftlichen Form  Einheit  dialektischer
       Gegensätze. 2.  Die gesellschaftliche Form der Arbeit tritt nicht
       von außen  zur Arbeit  hinzu; die  Arbeit  enthält  vielmehr  die
       Distribution der Produktionsagenten auf die verschiedenen Produk-
       tionsarten als  ihr Moment und hat damit die Gesellschaftlichkeit
       zu ihrer eigenen Formbestimmung.
       Die Versuche,  die Gesellschaftlichkeit der Arbeit abgetrennt von
       ihrer Naturbedingtheit  verstehen zu wollen, setzen an die Stelle
       des Idealismus  des Geistes  den Idealismus der Gesellschaft; ihr
       Kern besteht wiederum im Verkennen des materiellen Charakters der
       Arbeit, welches hier dazu führt, den mit der Naturbedingtheit der
       Arbeit selbst  gegebenen Gegensatz  zwischen Einzelnem und Allge-
       meinem der Arbeit nicht als Einheit aufzufassen, sondern die All-
       gemeinheit als  gesellschaftlich bedingt  der in  ihrer  Naturbe-
       dingtheit nur  als einzelne  verstandenen Arbeit metaphysisch ge-
       genüberzustellen. Ebenso  unhaltbar sind  andererseits die Versu-
       che, Dialektik  als Reflex bloß der kapitalistischen Form der Ar-
       beit anzusehen:  der Historische  Materialismus ist nicht auf ein
       "System" der Kritik der Politischen Ökonomie zu reduzieren.
       
       3.
       
       Eine kategoriale Erörterung der Dialektik von Allgemeinem und Be-
       sonderem an  der Arbeit ist schließlich für die Erkenntnisauffas-
       sung des  dialektischen Materialismus  fortzuführen, und  zwar am
       Arbeitsmittel, nämlich  an der  Dialektik von Allgemeinem und Be-
       sonderem im Zweck-Mittel-Verhältnis.
       Zunächst ist  das Mittel  dem Zweck untergeordnet, weil seine Be-
       stimmung sich  aus dem  Zweck ergibt.  Damit teilt das Mittel die
       Einzelheit des Zweckes. Insofern das Mittel aber vielen gleichar-
       tigen Zwecken  dienen kann, betätigt sich das Mittel als bleiben-
       des Allgemeines  und steht  so über  dem Zweck. Nun sind aber die
       Zwecke nicht  auf ihre Existenz in der Form der Einzelheit zu re-
       duzieren, sie  sind zugleich  auch immer allgemein. Auch als ein-
       zelne Zwecke sind sie vielen gemeinsam und repräsentieren gleiche
       Beziehungen zur  Wirklichkeit. Da  die Zwecke  nicht autonom  der
       Wirklichkeit gegenüberstehen,  sondern durch  sie  erzeugt  sind,
       drücken sie  objektive Gesetzmäßigkeiten  aus und  sind  insofern
       allgemein. Dasselbe  gilt für  das Mittel  schon dadurch,  daß es
       eine Vergegenständlichung des Zweckes ist.
       Zweck und  Mittel sind  also beide Einheit der Momente des Allge-
       meinen und  des Besonderen.  Betrachtet man aber Zweck und Mittel
       im Zusammenwirken,  so verteilen sich die Momente des Allgemeinen
       und die des Besonderen verschieden auf die Seiten. Die Allgemein-
       heit der  Zwecke fixiert  sich in der allgemeinen Funktionsfähig-
       keit des  Mittels, während die Zwecke in ihrer jeweils partikula-
       ren Existenz  aufgehoben werden. Die Indienstnahme des Mittels zu
       immer neuen  partikularen Zwecken vertieft jedoch gerade die All-
       gemeinheit des  Mittels. Begreift man Zweck und Mittel als Seiten
       einer Einheit,  so zeigt  sich, daß  das Allgemeine  sich auf der
       Seite des  Mittels festsetzt und im Verhältnis zum Besonderen do-
       miniert, während das Besondere zum Akzent auf der Seite des Zwec-
       kes wird.  Sowohl das Allgemeine als auch das Besondere des Zwec-
       kes befördern  die Allgemeinheit des Mittels, und auch die Beson-
       derheit des  Mittels ist  noch Vehikel  (Medium) des Allgemeinen.
       Insofern läßt sich sagen, daß im Mittel die menschliche Fähigkeit
       zur Erfassung  der allgemeinen Gesetze der Wirklichkeit selbstän-
       dige und sich erweiternde Gestalt gewonnen hat. Die Zwecke reprä-
       sentieren Aufgaben  und Probleme, wohingegen im Mittel die Fähig-
       keit zu ihrer Lösung vergegenständlicht ist.
       Zwar existieren  die Mittel  wie andere Dinge als Einzelnes, aber
       nur in  ihrem uneigentlichen  Zustand: außerhalb ihrer Tätigkeit.
       Dann erscheinen  sie als bloße Elemente einer Menge, als abstrakt
       Einzelne eines abstrakt Allgemeinen. In Wirklichkeit, d.h. in Be-
       wegung, sind sie konkret Einzelnes, d.h. Gegenstände, die auf an-
       dere Gegenstände einwirken, Einheit von Möglichem und Wirklichem,
       Momente eines  Zusammenhanges, der aus der Aufhebung von vorange-
       gangenen Isolierungen  entstanden ist  und in  dem die  Teile  in
       Wechselwirkung miteinander  stehen. Das zeigt sich daran, daß die
       Mittel als  besondere Sachverhalte  die allgemeinen  Gesetze  der
       Wirklichkeit widerspiegeln  und bei  der Realisierung  der Zwecke
       bewahrheiten, die  eben dadurch ihre subjektive Beschränkung ver-
       lieren und  verallgemeinerungsfähig werden.  Und es  ist eben der
       Widerspiegelungscharakter der  Arbeitsmittel, der dazu führt, die
       im Arbeitsmittel vergegenständlichte Arbeit der "Umbildung natür-
       licher Sachverhalte  in Vertreter  von Allgemeinem"  10) zum Aus-
       gangspunkt (im  engeren Sinne) zu nehmen, wenn es darum geht, den
       Zusammenhang von  Arbeit und  Erkenntnis zu untersuchen. Denn von
       hier aus  gelingt es, das Gemeinsame von Arbeit und Erkenntnis zu
       bestimmen, ohne daß dadurch ihr Unterschied verdeckt würde.
       Arbeitsmittel führen  an den  Gegenständen Veränderungen  herbei,
       weil sie  Naturkräfte repräsentieren, denen auch die Gegenstände,
       deren Gebrauchsfähigkeit  bewirkt werden soll, unterliegen. Damit
       jedoch Dinge  oder Sachverhalte als Arbeitsmittel eingesetzt wer-
       den können,  müssen sie aus ihrer natürlichen Umwelt herausgelöst
       und als  Träger  nützlicher  Eigenschaften  und  Verhaltensweisen
       identifiziert werden. Und diese Identifizierung vollzieht sich in
       zwei Vergleichsrichtungen:  durch den  Vergleich von  verfügbaren
       Naturgegenständen mit den Gegenständen, die noch mit ihrer natür-
       lichen Umgebung in Wechselwirkung stehen, und durch den Vergleich
       von Arbeitsmitteln  untereinander, in  dem das  Arbeitsmittel als
       gegenständliches Abbild  einer Klasse  gleichartiger  Gegenstände
       dient.
       Die in  den Arbeitsprozeß einbeschlossene Erkenntnis, die sich an
       den objektiven Widerspiegelungsleistungen des Arbeitsmittels aus-
       bildet und  schließlich seinen  Gebrauch leitet,  bleibt auch für
       die aus  dem Arbeitsprozeß herausgetretene und ihm gegenüber ver-
       selbständigte Erkenntnis  von elementarer  Bedeutung. Der zum Ar-
       beitsmittel  gehörende  Charakter,  als  gegenständliches  Abbild
       Sachverhalte widerzuspiegeln,  durch die  es ersetzt werden kann,
       wie es  sie vertritt,  ist auch  den Mustern,  Modellen, Vorstel-
       lungsmitteln und  Maßeinheiten eigen, mit denen die wissenschaft-
       liche Erkenntnis  ihre Klassifikationen  und Meßsysteme  aufbaut.
       Das heißt,  die Erkenntnis  ist ebenso wie die Arbeit eine Tätig-
       keit, in der Subjekt und Objekt durch gegenständliche Mittel ver-
       einigt werden, ein Vermittlungsprozeß. Und sie ist ebenso wie das
       theoretische Moment  im Arbeitsprozeß  Widerspiegelungstätigkeit.
       Die Erkenntnis,  als Widerspiegelungstätigkeit  gefaßt, ist  also
       gegenständliche Tätigkeit,  die Mittel,  vermöge derer  sie  sich
       vollzieht, die  Modelle und  Standards, sind  materielle  Bilder,
       hergestellte Zeichen. An ihnen beantwortet sich die Frage der Er-
       kenntnistheorie nach  der Identität  des Subjekts mit dem Objekt.
       Sie stellen  die gesuchte  Einheit dar,  denn sie sind ebenso wie
       das Arbeitsmittel  "Einheiten menschlicher  und außermenschlicher
       Fähigkeiten". 11)
       Es kommt  für den  Dialektischen Materialismus  also alles darauf
       an, Arbeit und Erkenntnis nicht als von vornherein getrennte Pro-
       zesse zu betrachten, sondern die Erkenntnis von der Arbeit her zu
       begreifen. Und  der Arbeitscharakter  der Erkenntnis ist nur dann
       richtig zu begreifen, wenn die Stellung des Arbeitsmittels im Ar-
       beitsprozeß erkannt ist. Nur dann ist die wirkliche Bedeutung des
       "Mittels" für die Erkenntnis festzustellen, wird das Mittel nicht
       unter die Gegenstände überhaupt nivelliert oder in das Bewußtsein
       zurückgenommen.
       Das ist  1. wichtig  für einen  materialistischen Begriff der Er-
       kenntnis als Widerspiegelung. Denn nur unter dieser Voraussetzung
       ist das  psychologische Mißverständnis  der Widerspiegelung,  die
       Reduzierung der  Widerspiegelung auf  psychische Abläufe, zu ver-
       meiden.
       Das ist 2. wichtig dafür, daß die Arbeitstätigkeit nicht auf ver-
       mittelnde Aktivität reduziert wird und in der Folge nicht ein Re-
       flexionsbegriff die Erkenntnistheorie beherrscht, der die inneren
       Bedingungen der  Koordination von  Verhaltensakten absolut setzt.
       Wird demgegenüber  der Handlungsbezug der Erkenntnis vom Arbeits-
       mittel her verstanden, führt die Unterscheidung der Erkenntnisin-
       halte in  sinnlich Gegebenes  und vermittelnde Aktivität nicht in
       eine vollständige Aufspaltung, aus der zwei eigenständige, unver-
       mittelbare Erkenntnisweisen  mit eigener Prozeßstruktur hervorge-
       hen, objektbezogene  und handlungsbezogene Erkenntnis, was letzt-
       lich die  Trennung von Erkenntnis und Handlung bedeutet. Zwar ist
       gerade am  Arbeitsmittel diese Unterscheidung zu gewinnen, jedoch
       nur auf der Grundlage der Einheit des Unterschiedenen, so daß ein
       materialistischer Reflexionsbegriff  erst dann angemessen zu for-
       mulieren ist, wenn mit ihm die prozedierende Einheit von sinnlich
       Gegebenem und vermittelnder Aktivität gemeint wird.
       Und das  ist schließlich 3. dafür wichtig, daß der Arbeitscharak-
       ter der  Erkenntnis nicht  mit einer Gleichsetzung von Arbeit und
       Erkenntnis oder gar einer Zurückführung der Arbeit auf Erkenntnis
       verwechselt wird.  Denn gerade vom Arbeitsmittel her ist auch die
       Differenz von  Arbeit und  Erkenntnis am sichersten festzuhalten.
       Das Arbeitsmittel  ist zusammen  mit seiner Widerspiegelungsfunk-
       tion auf die physische Umwandlung des Gegenstandes gerichtet, das
       Vergleichsmittel der  Erkenntnis ist  dagegen auf  die Umwandlung
       der Bedeutung  des Gegenstandes  gerichtet. Das ist darin begrün-
       det, daß die Arbeit auf die Einheit des Möglichen mit dem Wirkli-
       chen gerichtet ist, während die Erkenntnis auf die Möglichkeitse-
       bene der Wirklichkeit verwiesen ist, was letztlich darauf hindeu-
       tet, daß  auch die  aus dem  Arbeitsprozeß ausdifferenzierte, als
       Wissenschaft institutionalisierte  Erkenntnis als  Moment des ge-
       sellschaftlichen Arbeitsprozesses begriffen werden muß.
       
       II. EXKURS: MATERIALISTISCHE UND IDEALISTISCHE DIALEKTIK
       --------------------------------------------------------
       
       4.
       
       Will man die Marxschen Aussagen zur Methode der materialistischen
       Dialektik in  ihrem fundamentalen  Gegensatz  zur  idealistischen
       Ausarbeitung der  Dialektik in  Hegels 'Wissenschaft  der  Logik'
       verstehen, dann  muß deutlich gemacht werden, wie jener Gegensatz
       aus einer  der jeweiligen  Methodenauffassung eigentümlichen Deu-
       tung des  Verhältnisses der  Dialektik zu den Einzel- oder Erfah-
       rungswissenschaften entspringt.  Aus diesem Grande hat die in den
       "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten"  und in der "Kritik des
       Hegelschen Staatsrechts" von Marx vorliegende grundsätzliche Kri-
       tik der  Hegelschen Dialektik ihren Orientierungspunkt in der De-
       monstration der  Art und Weise, wie Hegel in der Absicht, Dialek-
       tik als absolute Wissenschaft systematisch darzustellen, das Ver-
       hältnis von  wissenschaftlicher Abstraktion  zu den  Gegenständen
       der Abstraktion,  von abstrahierender  und konkretisierender Ver-
       allgemeinerung, insbesondere  von analytischer  und synthetischer
       Methode sieht.  Im folgenden konzentrieren wir uns auf die Unter-
       suchung dieser  Frage, weil  in ihr wohl eine wichtige Vorausset-
       zung dafür  angelegt ist,  daß "Rationalität"  und  "Mystizismus"
       (Marx), der  "Konservatismus" und  der "revolutionäre"  Charakter
       (Engels), der  materialistische und  der idealistische Gehalt der
       Hegelschen Dialektik  (Lenin) unterscheidbar  und bei  der Kritik
       des Idealismus  auch die bedeutenden Vorgaben Hegels für die Her-
       ausbildung der materialistischen Dialektik sichtbar werden.
       Die von  Marx in  seiner "Einleitung"  zur Kritik der Politischen
       Ökonomie von  1857 skizzierte  Methode des  "Aufsteigens vom  Ab-
       strakten zum  Konkreten" 12)  ist als  Begründung  m a t e r i a-
       l i s t i s c h e r   Dialektik nur  zu verstehen,  wenn man  die
       Marxsche Entdeckung  des Doppelcharakters  der Arbeit voraussetzt
       und im Nachvollzug der Marxschen Überlegungen nicht aus dem Blick
       verliert. Wir  gehen davon  aus, daß das der "Methode der politi-
       schen Ökonomie"  gewidmete Kapitel  der "Einleitung" eine wegwei-
       sende Weiterentwicklung der wissenschaftstheoretischen Auffassung
       des Verhältnisses  von Analyse  und  Synthese,  wie  sie  in  den
       Erfahrungswissenschaften  geläufig  sind,  darstellt.  Durch  hi-
       storische und  systematische Erklärung von Kategorien, wie sie in
       der politischen  Ökonomie des  17. und 18. Jahrhunderts vorlagen,
       entwickelt Marx ein Methodenverständnis materialistischer Dialek-
       tik, die ihren Gegenstand, z.B. die bürgerliche Gesellschaft, als
       einen "konkreten"  und "allgemeinen" Zusammenhang begreift, wobei
       sie sich  durchaus der  in  den  historisch  vorhandenen  Gesell-
       schaftswissenschaften, z.B.  der politischen  Ökonomie, gegebenen
       Mittel wissenschaftlicher  Erkenntnis, der  analytischen Abstrak-
       tion und  der Synthese,  bedient. Unter Voraussetzung der abstra-
       hierenden Wissenschaften  also  ist  Dialektik  die  Methode  der
       "Reproduktion des  Konkreten im Weg des Denkens", die einzige Art
       für die  Wissenschaft, sich die Wirklichkeit, das "Reale" als ein
       Konkretes anzueignen.  Für die  dialektische Begriffsbildung sind
       so selbstverständlich auch die "Denkbestimmungen" (Kategorien wie
       Tauschwert, Arbeit, Geld usw.), welche durch analytische Abstrak-
       tion gewonnen  wurden, ebenso  Voraussetzung wie die von Marx als
       "richtige wissenschaftliche  Methode" bezeichnete Herstellung ab-
       strakt  allgemeiner   Zusammenhänge  (auch   "Verhältnisse"  oder
       "Beziehungen"), in  denen die gewonnenen Ausgangsabstrakta zu Mo-
       menten eines  Systems von  Beziehungen zusammengefaßt werden (wie
       z.B. Austausch,  Weltmarkt, Handel  usw.). Isolierung  durch  Ab-
       straktion, Zusammenfassung  oder Bildung  der "Einheit" der durch
       die Abstraktion in ihre Bestandteile zerlegten, zunächst "chaoti-
       schen"  Vorstellung   von  Mannigfaltigkeit  sind  also  für  das
       Begreifen dieser  Mannigfaltigkeit vermittels  der Dialektik  als
       Wissenschaft des konkreten Allgemeinen unabdingbare Voraussetzun-
       gen und fungieren weiterhin als Momente der Dialektik als Wissen-
       schaft. Man kann auch sagen, daß es der materialistischen Dialek-
       tik darum  gehe, ihre  Gegenstände als durch die Analyse und Syn-
       these der  empirischen Wissenschaften bereits verarbeitete Gegen-
       stände des Wissens zu verstehen.
       Daß die  Dialektik von  der Abstraktion  und nicht  etwa von  der
       sinnlichen Unmittelbarkeit  ihres Erkenntnisgegenstandes ausgeht,
       um diesen  Gegenstand als  konkreten bestimmen  zu können,  zeigt
       u.a. auch  ein Blick  auf die  Marxsche Analyse der Ware bzw. des
       Doppelcharakters der Arbeit. Im Tauschwert der Ware existiert die
       Arbeit in der Form abstrakter Allgemeinheit, im Gebrauchswert ei-
       ner einzelnen  Ware als  bestimmte oder  konkret einzelne Arbeit.
       Das Verhältnis  (oder der  Zusammenhang) von  Tauschwert und  Ge-
       brauchswert ist  dann als  ein konkret  Allgemeines, als genuiner
       Gegenstand der  Dialektik begriffen, wenn das einem abstrakt All-
       gemeinen zugehörige konkret Einzelne als materieller Repräsentant
       der Abstraktion ausfindig gemacht wird und somit das widersprüch-
       liche Verhältnis  zwischen dem  Ding als  Exemplar der abstrakten
       Allgemeinheit und  dem Ding  als konkretem, bestimmtem Einzelnen;
       wenn also  gesehen wird,  daß eine  einzelne konkrete Arbeit, die
       sich  in   einem  bestimmten   Gebrauchswert  vergegenständlicht,
       zugleich das Verhältnis der verschiedenen Arbeiten insgesamt, die
       Arbeit überhaupt,  zu repräsentieren  hat. Dieses  konkret Allge-
       meine ist als spezifischer Gegenstand der Dialektik natürlich so-
       wenig ein  Gegenstand der sinnlichen Anschauung wie ein durch die
       gedankliche Operation des Konkretisierens erst Erzeugtes.
       Mit dem Tauschwert der Waren hat die klassische politische Ökono-
       mie ein  abstrakt allgemeines Moment der Gebrauchswerte produzie-
       renden konkreten Arbeit zum Erkenntnisgegenstand: diejenige Kate-
       gorie oder  Gedankenform, die unter Bedingung der Warenproduktion
       gesellschaftliche  Allgemeingültigkeit  besitzt,  denn  über  den
       Tauschwert wird  der gesellschaftliche Charakter der jeweils spe-
       zifischen einzelnen  oder besonderen Arbeitsarten in der Form ab-
       strakt allgemeiner  Arbeit realisiert.  Die  analytische  Bildung
       solcher  abstrakt  allgemeinen  Begriffe  wie  des  Begriffs  des
       Tauschwerts ist  natürlich keine Eigentümlichkeit der politischen
       Ökonomie. Z.B.  wird in  den Naturwissenschäften  gleichfalls ein
       abstrakt allgemeines  Moment des  jeweiligen  Gegenstandes  durch
       Analyse begrifflich  fixiert -  wie etwa  die Schwere. Allerdings
       geben sich  die analytisch-synthetisch arbeitenden Wissenschaften
       keine methodische  Rechenschaft über  den erörterten Zusammenhang
       zwischen den  abstrakt allgemeinen Begriffen und dem konkret Ein-
       zelnen. Wenn  sie dennoch  - wie im Falle der Naturwissenschaften
       offensichtlich - zu brauchbaren Resultaten kommen, dann liegt das
       daran, daß  der von  ihnen  i g n o r i e r t e  Z u s a m m e n-
       h a n g   von abstrakt Allgemeinem und konkret Einzelnem in ihren
       Verfahren   p r a k t i s c h   r e a l i s i e r t   wird -  man
       denke z.B.  an das  Experiment. Das  bedeutet ganz  generell: Als
       allgemeines Moment der materiellen Produktion  u n t e r s t e l-
       l e n  die analytisch-synthetischen Wissenschaften die materielle
       Tätigkeit 13)  und damit  den von  ihnen    i g n o r i e r t e n
       Zusammenhang zwischen  dem abstrakt  Allgemeinen und  dem konkret
       Einzelnen (vgl. dazu ausführlich Abschnitt 9 und 10).
       Dieser Zusammenhang  der wissenschaftlichen  Abstraktion mit  der
       materiellen Produktion  muß an  dieser Stelle deshalb betont wer-
       den, weil  es geradezu  eine die  Dialektik Hegels kennzeichnende
       Bemühung ist,  ihn sowohl zu unterstellen als auch aufzulösen. Es
       handelt sich  um die Bemühung, die Hegel selbst durch die Defini-
       tion der Denktätigkeit als Produktion oder Arbeit des Geistes zum
       Ausdruck brachte:  "Die unendliche Natur des Geistes ist der Pro-
       zeß seiner in sich, nicht zu ruhen, wesentlich zu produzieren und
       zu existieren  durch seine  Produktion." 14) Versucht man das als
       einen ebenso  ernst zu  nehmenden wie  sein Ziel verfehlenden An-
       spruch zu  verstehen, kann  der von Marx im Kontext seines Metho-
       denkapitels hervorgehobene  fundamentale  Irrtum  der  Hegelschen
       Dialektik nicht  als eine Bemerkung angesehen werden, die die im-
       manente Durchführung  der Dialektik Hegels verfehlte. Marx trifft
       mit dieser  Bemerkung eine  für den  Idealismus tatsächlich  ent-
       scheidende Illusion  (die allerdings auch Gegenstand 'immanenter'
       Untersuchung der  "Wissenschaft der  Logik" sein muß). Es ist die
       "Illusion das Reale als Resultat des sich in sich zusammenfassen-
       den, in  sich vertiefenden,  und aus  sich selbst sich bewegenden
       Denkens zu fassen, während die Methode vom Abstrakten zum Konkre-
       ten aufzusteigen,  nur die  Art für das Denken ist, sich das Kon-
       krete anzueignen,  es als ein geistig Konkretes zu reproduzieren.
       Keineswegs aber der Entstehungsprozeß des Konkreten selbst." 15)
       Für die  Beschäftigung mit  den Ursachen dieser "Illusion", deren
       Wirkung in  Hegels "Wissenschaft  der Logik" verfolgt werden muß,
       ist zweifellos  die für  die Entstehung des dialektischen Denkens
       bedeutsame Tatsache  festzuhalten, daß  Hegels Philosophie  - auf
       der Grundlage  des Idealismus - als erste konsequente Theorie der
       Arbeit  anzusehen   ist.  Marx  verwies  darauf,  daß  Hegel  den
       "Standpunkt der  modernen Nationalökonomie"  insofern geteilt und
       theoretisch verarbeitet  habe, als  er die Arbeit als das "Wesen,
       als das sich bewährende (Gattungs-) Wesen des Menschen (erfaßt)",
       daß er die Arbeit aber auch und ausschließlich als "abstrakt gei-
       stige" Arbeit  verstanden und  "anerkannt" hätte  16). Die  Kenn-
       zeichnung von Hegels "Arbeit des Geistes" oder "Tätigkeit des Ge-
       dankens" als  "abstrakt geistiger"  verstehen wir  nun aber nicht
       so, daß  Hegel von  der "abstrakten"  Arbeit im  Unterschied  zur
       "konkreten" Arbeit, d.h. der besonderen, der bürgerlichen Gesell-
       schaft eigenen  gesellschaftlichen Form  der  Arbeit  ausgegangen
       wäre. Wir  verstehen diesen  Hinweis vielmehr  so, daß  Hegel mit
       seiner Begründung  der Dialektik aus den empirischen Wissenschaf-
       ten und  subjektiven Erkenntnistheorien an den Wissenschaften als
       allgemeinem Moment  der Arbeit anknüpfte, freilich so, daß er sie
       verabsolutierte und  sie damit gerade nicht als  M o m e n t  der
       Arbeit faßt.  Daraus ergeben sich für die materialistische Kritik
       und Rekonstruktion  von Hegels  "Wissenschaft der Logik" folgende
       Fragen, denen nachzugehen ist: Ist es die philosophische Aufnahme
       des theoretischen  Konzepts der klassischen politischen Ökonomie,
       die es Hegel ermöglichte, die 'rationelle' Seite seiner Dialektik
       zu erarbeiten  (wurde dadurch die Kritik der Metaphysik sowie der
       transzendentalistischen   Erkenntnistheorien    Kantischer    und
       Fichtescher  Prägung   möglich)?  Ist   der  'Mystizismus',   die
       'mystische Hülle'  des 'rationellen Kerns' der Hegelschen Dialek-
       tik aus  der Verabsolutierung  der Wissenschaften als allgemeinem
       Moment der  Arbeit erklärbar  (diese Verabsolutierung stellt sich
       allgemein gesprochen  als die  Identifizierung  der  gedanklichen
       Transformation und  Reproduktion des  Konkreten mit seiner physi-
       schen Umwandlung  in der  Arbeit dar)? Ergibt sich daraus, daß in
       Hegels Idealismus die theoretischen Voraussetzungen des Übergangs
       zur materialistischen  Dialektik angelegt  sind? Wie auch immer -
       dieser Übergang kann jedenfalls nicht durch immanente Rekonstruk-
       tion des Aufbaus der "Wissenschaft der Logik", sondern allein auf
       der Grundlage der materialistischen Auffassung der Arbeit vollzo-
       gen werden.
       
       5.
       
       Hegels Auseinandersetzung  mit der analytischen und synthetischen
       Methode kann  als ein  Exempel für die Durchführung des Programms
       der "Wissenschaft  der Logik"  angesehen werden,  die Gegenstände
       des Wissens  aus ihrem  "Begriff" dialektisch zu "entwickeln". In
       dieser Auseinandersetzung  ist die idealistische Theorie des Auf-
       steigens vom  Abstrakten zum  Konkreten begründet. Man kann übri-
       gens die Auffassung vertreten, daß der interne Aufbau der "Logik"
       ebenso wie  ihre Übergänge  unter der Perspektive dieses Aufstei-
       gens interpretierbar sind. Hier konzentrieren wir uns auf den von
       Hegel dargestellten  Übergang von  der vorgefundenen  analytisch-
       synthetischen Methode zur Dialektik, weil aus ihm ein Begriff des
       Konkreten entsteht, welcher Hegels Identifizierung der Bestimmun-
       gen des Denkens und derjenigen der materiellen Tätigkeit (Arbeit)
       voraussetzt.
       Auf den  ersten Blick ist der Übergang von der analytisch-synthe-
       tischen Methode  zur Dialektik dem oben erörterten Aufsteigen vom
       Abstrakten zum  Konkreten in der materialistischen Dialektik ana-
       log. In  der Absicht, das Verhältnis der empirischen, "endlichen"
       Wissenschaften zur  Philosophie als -absoluter Wissenschaft" oder
       "absoluter Methode"  bestimmen zu wollen, besteht das Fortschrei-
       ten zur  Dialektik in  einem "Aufheben"  der historischen  Formen
       wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion. Die historische Entwick-
       lung hat  ihre Entsprechung  in der  systematischen  Abfolge  des
       Übergehens von  den abstrahierenden Wissenschaften in die Dialek-
       tik. Die  Analyse, welche  von sinnlich wahrnehmbaren Dingen aus-
       geht, gibt diesen die "Form abstrakter Allgemeinheit" 17) so, daß
       die "Bestimmungen, welche der analysierte Gegenstand in sich ver-
       einigt (die  von Marx  konstatierte "chaotische Vorstellung eines
       Ganzen" -  d.V.), dadurch,  daß sie getrennt werden, die Form der
       Allgemeinheit erhalten"  18). Als  zweite Stufe  ist die Synthese
       der Übergang  zur Dialektik (der Theorie des konkret Allgemeinen)
       insofern, als sie das in der analytischen Methode "durch den Ver-
       stand gesetzte  Allgemeine" 19), die "abstrakte Identität zum Un-
       terschiede" fortentwickelt,  indem  sie  das  Einzelne  ausfindig
       macht, von dem die Abstraktion ausging, und damit realisiert, daß
       jede Abstraktion  sich auf  ein ihr  "Anderes" bezieht  20).  Der
       Übergang zur  Dialektik ist  schließlich dann vollzogen, wenn die
       Einheit des  abstrakt Allgemeinen  und des Einzelnen als konkrete
       Allgemeinheit  auf  den  Begriff  gebracht  wurde:  "auf    d a s
       B e g r e i f e n  dessen, was  i s t,  d.h. (auf) die Mannigfal-
       tigkeit von  Bestimmungen in  ihrer Einheit"  21). Die Abstrakta,
       von denen die Synthese ausging, werden so zu "Momenten" eines als
       "Identität" von  "Begriff" und  "Sache selbst"  erklärten konkret
       Allgemeinen 22).
       Dieses für  Hegels "Logik"  programmatische  Vorgehen  auf  seine
       'mystischen' und  'rationellen' Bestandteile zu untersuchen, wird
       erleichtert, wenn  man auf  zwei die  Mystifikationen' herbeifüh-
       rende Umstände  achtet. Marx  hat sie  als  die    V e r s e l b-
       s t ä n d i g u n g  v o n  A b s t r a k t i o n e n  und  d i e
       V e r k e h r u n g  v o n  S u b j e k t  u n d  P r ä d i k a t
       (Ding und Eigenschaft) gekennzeichnet 23).
       Die Notwendigkeit  des Übergangs von der empirischen Wissenschaft
       zur Dialektik  begründet Hegel damit, daß mit der analytisch-syn-
       thetischen Methode  der Gegenstand  der Wissenschaften  "an  sich
       selbst" nicht  gedacht werden  könnte. Das zeigt sich als prinzi-
       pieller Mangel dieser Methode. Dieser wird darin gesehen, daß die
       abstrakten Begriffe  dem Gegenstand gegenüber "äußerlich" bleiben
       24). Mit  der Begriffslogik,  in deren  Zusammenhang diese Kritik
       gehört, haben  wir das  als Aufforderung zu verstehen, das gegen-
       ständlich Andere  des Denkens  (welches in der vorausgehenden We-
       senslogik das  zentrale Problem war) zugunsten seiner Bestimmbar-
       keit durch  den Begriff  als  ein  ungegenständlich  Anderes  ge-
       danklich zu  reproduzieren. Indem  wir in aller Kürze skizzieren,
       wie Hegel  dieser Forderung  genügt, wird vielleicht in Beschrän-
       kung auf das Problem des Übergangs von der Synthese zur Dialektik
       deutlich, wie  sich Mystifikationen und Rationalität im Zusammen-
       hang der Hegelschen Dialektik theoretisch äußern.
       Indem Hegel  die synthetische  Methode als  das "Umgekehrte"  der
       analytischen versteht  25), macht  er einen  Unterschied  geltend
       zwischen denjenigen  Abstrakta, von  denen die  Synthese ausgeht,
       und denen, die die Resultate der Analyse bilden. Hegel zeigt, daß
       durch analytische  Abstraktion das "Wesentliche" eines Dinges fi-
       xiert wird  26), schließt aber das  D i n g  oder den Gegenstand,
       von dem  die Analyse  ausging, sozusagen  als sinnlichen Rest aus
       der weiteren  theoretischen Erörterung  seiner in der Abstraktion
       fixierten  E i g e n s c h a f t e n  aus. Dieser Ausschluß macht
       es darüber hinaus möglich, daß Hegel davon absehen kann, daß ana-
       lytisch gewonnene Abstrakta Eigenschaften der aus der Betrachtung
       ausgeschlossenen Dinge  fixieren. Genau  dies  aber  kennzeichnet
       Marx  als   einen  Vorgang,   den  wir   der  Kürze   wegen  eine
       A b s t r a k t i o n   v o n  d e r  A b s t r a k t i o n  nen-
       nen wollen  27). Die Folge dieser Abstraktion von der Abstraktion
       ist dann,  daß die  analytisch gewonnenen Abstrakta 'verselbstän-
       digt' werden,  daß sie  nicht  als  Fixierung  von  Eigenschaften
       konkret einzelner  Dinge, sondern wie konkret Einzelnes behandelt
       werden. Wir  können das an Marx' Untersuchung dieses Umstands an-
       schließend als  e i n e  A u f h e b u n g  d e r  A b s t r a k-
       t i o n   i n n e r h a l b   o d e r   u n t e r    V o r a u s-
       s e t z u n g   d e r  A b s t r a k t i o n  bezeichnen 28). Auf
       dieser Grundlage  ist Hegel dann in der Lage, die analytisch-syn-
       thetische Methode  der Erfahrungswissenschaften  zu  'überwinden'
       und zur Dialektik fortzuentwickeln: Die Synthese kann nämlich zur
       dialektischen 'Konkretisierung'  deshalb entwickelt  werden, weil
       auf der  Grundlage der Abstraktion von der Abstraktion und der so
       'mystisch' eröffneten  Aufhebung der  Abstraktion  innerhalb  der
       Abstraktion die  verselbständigten Abstrakta  an sich  selbst die
       Einheit von  abstrakt Allgemeinem  und konkret Einzelnem darstel-
       len. Hegel beansprucht, damit die Unterscheidung des konkret Ein-
       zelnen und  des abstrakt  Allgemeinen  'gesetzt',  d.h.  aus  dem
       Denken entwickelt  zu haben.  Während es  sich nun  aber  in  den
       Wissenschaften so  verhält, daß  die  Momente  eines  analytisch-
       synthetisch gewonnenen  Zusammenhangs (der z.B. als gesetzmäßiger
       dargestellt ist)  einander  widerspruchsfrei  zugeordnet  werden,
       weil alle (als jenem gesetzmäßigen Zusammenhang zugehörige Eigen-
       schaften von  Dingen) den  Status von abstrakt Allgemeinem haben,
       kann  Hegel   das  Verhältnis   der  Abstrakta,  weil  diese  als
       verselbständigte die  an sich selbst widersprüchliche Einheit von
       konkret Einzelnem und abstrakt Allgemeinem darstellen sollen, als
       ein widersprüchliches  Verhältnis von  abstrakt  Allgemeinem  und
       konkret Einzelnem  fassen. So gelangt er aber bloß zum Schein ei-
       nes konkret  Allgemeinen 29).  Denn damit  wurde in der Tat davon
       abstrahiert ("mystifiziert"),  daß Eigenschaften,  um  wirken  zu
       können, einen  gegenständlichen Repräsentanten  brauchen; so  ist
       die Eigenschaft  'Schwere' ebensowenig  ohne  materiellen  Träger
       darstellbar wie  der Tauschwert von Waren ohne den Gebrauchswert.
       Während in Wirklichkeit die Wissenschaften nur aus dem Grunde als
       allgemeines Moment  der Produktion  fungieren können,  weil  eben
       konkret einzelne  Dinge die  in ihrem  gesetzmäßigen Zusammenhang
       erkannten Momente  als ihre Eigenschaften haben, haben die Hegel-
       schen Abstrakta  die Gabe,  als widersprüchliche Einheit von kon-
       kret Einzelnem  und abstrakt Allgemeinem die Wirklichkeit hervor-
       zubringen. Hegels  Wissenschaft als  allgemeine Arbeit bedarf der
       materiellen Arbeit  als ihrer  Grundlage nicht mehr, um zu produ-
       zieren.
       Man kommt  schließlich zu  einem ähnlichen Ergebnis, wenn man be-
       achtet, wie  Hegel durch  die Verkehrung von Subjekt und Prädikat
       (Ding und  Eigenschaft) von  der den  empirischen  Wissenschaften
       selbstverständlichen Tatsache  absieht, daß wissenschaftliche Ab-
       straktionen stets  Eigenschaften von  Dingen  darstellen.  Hegels
       Verkehrung, welche Marx besonders im Falle der Anwendung' der He-
       gelschen Dialektik  in dessen  Rechtsphilosophie analysiert,  be-
       steht darin,  daß unter  der Voraussetzung  der verselbständigten
       Abstrakta die jeweils einzelnen Dinge als Eigenschaften ihrer Ei-
       genschaften erscheinen  30). Ist  in den  "verständigen"  Wissen-
       schaften das jeweils einzelne Ding auch als "Subjekt" zu bezeich-
       nen, dessen  materielle Zugehörigkeit zu einem bestimmten gesetz-
       mäßigen Zusammenhang  sich in  dessen Prädikaten  (nämlich Eigen-
       schaften) äußert, so ist bei Hegel der Zusammenhang, den die Wis-
       senschaft als  Verhältnis der  in abstrakt  allgemeinen Begriffen
       fixierten Eigenschaften  faßt, in ein konkret Allgemeines verwan-
       delt, welches nun als Subjekt verstanden werden kann, zu dem sich
       die konkret einzelnen Dinge wie dessen Prädikate verhalten 31).
       Die 'Rationalität'  der Hegelschen Dialektik ist nun andererseits
       im skizzierten  Zusammenhang darin zu sehen, daß er auf der Basis
       des Idealismus  es vermochte,  die allgemeine  Logik des  konkret
       Allgemeinen auf  den Begriff  zu bringen. Aus der Abstraktion von
       der Abstraktion  folgt ja  nicht nur die 'mystische' Konstruktion
       des Konkreten, vielmehr folgt auch - eben weil Hegel die Abstrak-
       tion innerhalb  der Abstraktion  aufhebt -,  daß er die Beziehung
       von abstrakter  Allgemeinheit und konkreter Einzelheit als Wider-
       spruch und damit die Logik des konkret Allgemeinen in prinzipiel-
       ler Form zum Ausdruck bringt und wissenschaftlich bearbeitet.
       Soll der  Übergang von der idealistischen in die materialistische
       Dialektik als  Übergang von der vorwissenschaftlichen in die wis-
       senschaftliche Dialektik  verstanden 32)  und der Übergang in die
       materialistische Dialektik  als "Wissenschaft von den allgemeinen
       Bewegungs- und  Entwicklungsgesetzen der  Natur, der  Menschenge-
       sellschaft und  des Denkens"  33) vollzogen  werden, so  kommt es
       darauf an, dabei die von Lenin wiederholt erörterte, für die Dia-
       lektik überhaupt  entscheidende Entdeckung  Hegels  festzuhalten,
       daß die  Einheit des konkret Einzelnen und des abstrakt Allgemei-
       nen als  Widerspruch zu  behaupten, nichts  anderes bedeutet, als
       das konkret  Allgemeine als  Entwicklung, als  Selbstbewegung 34)
       aufzufassen. Das rationelle Moment dieser Entdeckung hat der dia-
       lektisch-historische Materialismus unter Beweis zu stellen.
       
       
       III. MATERIALISTISCHE DIALEKTIK UND THEORIE DER
       -----------------------------------------------
       GESELLSCHAFTLICH-HISTORISCHEN ENTWICKLUNG
       -----------------------------------------
       
       6.
       
       Der historische  Materialismus ist eine Theorie der allgemeinsten
       Entwicklungsgesetze der  menschlichen Gesellschaft. Grundlage des
       historischen Materialismus  ist der  dialektische  Materialismus:
       die Entwicklung der Gesellschaft wird unter der Voraussetzung der
       materiellen Einheit  von Natur und Gesellschaft begriffen und als
       bestimmt gedacht  durch den  materiellen Lebensprozeß der Gesell-
       schaft, das  Reißt durch die Entwicklung der Produktionsweise, in
       der sich  der Stoffwechsel  zwischen Natur und Gesellschaft voll-
       zieht. Die  Produktionsweise einer  bestimmten  Gesellschaftsform
       umfaßt die  Beziehungen zwischen Mensch und Natur im Produktions-
       prozeß, die Produktivkräfte, und die Beziehungen der Menschen un-
       tereinander im  Produktionsprozeß,  die  Produktionsverhältnisse.
       Produktivkräfte und  Produktionsverhältnisse bilden  eine  wider-
       sprüchliche, sich entwickelnde Einheit, in der vor allem die Pro-
       duktivkräfte das revolutionäre Moment bilden. Der historische Ma-
       terialismus sieht  also in  erster Linie  in der  Entwicklung der
       Produktivkräfte das  treibende Moment der gesellschaftlich-histo-
       rischen Entwicklung.
       Diese theoretische  Grundstruktur des  historischen Materialismus
       verleiht dem  Arbeitsbegriff eine  ausgezeichnete Bedeutung.  Die
       Beziehungen zwischen Mensch und Natur werden in der Arbeit herge-
       stellt. Von der Arbeit nimmt gemäß dem historischen Materialismus
       die gesellschaftlich-historische  Entwicklung ihren  Ausgang  und
       durch die  Arbeit wird diese Entwicklung vorangetrieben. In einer
       materialistischen Theorie  muß der  Begriff der materiellen Wirk-
       lichkeit entsprechen,  im historischen Materialismus also der Ar-
       beitsbegriff der  wirklichen Stellung  der Arbeit in der Entwick-
       lung der  Gesellschaft. Die  theoretische Entwicklung  der allge-
       meinsten Gesetze der Geschichte nimmt im historischen Materialis-
       mus vom  Arbeitsbegriff ihren  Ausgang. Eine korrekte Fassung des
       Arbeitsbegriffs auf der Grundlage des dialektischen Materialismus
       ist daher  für die  theoretische Stringenz des historischen Mate-
       rialismus von konstitutiver Bedeutung.
       Der Begriff  der Arbeit  ist nicht erst vom historischen Materia-
       lismus geprägt  worden, er findet diesen Begriff als 'verständige
       Abstraktion' aus  der menschlichen  Geschichte bereits  vor.  Als
       verständige Abstraktion  hebt der Begriff Arbeit an der Beziehung
       zwischen Mensch und Natur dasjenige hervor, was ihr in allen Epo-
       chen der menschlichen Geschichte gemeinsam ist.
       Dieser abstrakte  Arbeitsbegriff der verständigen Abstraktion je-
       doch spiegelt  nicht die  wirkliche Arbeit wider, weil er nur das
       herausgesonderte Allgemeine  faßt. Die  wirkliche Arbeit ist kon-
       kret, das  heißt sie ist immer zugleich auch besondere Arbeit und
       einzelner Arbeitsvollzug. Die wirkliche Arbeit existiert zudem in
       verschiedenen Besonderungen.  Wenn der Begriff Arbeit die wirkli-
       che Arbeit fassen soll, so muß die konkrete 'Totalität' aller ih-
       rer Bestimmungen  in dem  Begriff mitgedacht werden. Der histori-
       sche Materialismus  muß daher  den abstrakten Arbeitsbegriff, der
       ihm als verständige Abstraktion vorgegeben ist, zur konkreten To-
       talität fortentwickeln, die ihm durch die wirklichen Arbeitsarten
       und ihre  Beziehungen zueinander  als Erkenntnisobjekt vorgegeben
       ist. 35)
       Diese gedankliche Reproduktion der wirklichen Arbeit, der Weg des
       Aufsteigens vom abstrakten zum konkreten Begriff der Arbeit, darf
       nicht mit  der wirklichen Entwicklung der Arbeit in der menschli-
       chen Geschichte  verwechselt werden.  Wie jeder abstrakte Begriff
       so ist  auch der  dem historischen  Materialismus vorgegebene ab-
       strakte Begriff  der Arbeit  nicht nur allgemein, als verständige
       Abstraktion, das  Resultat eines unvollständigen Erkenntnisaktes,
       sondern diese  verständige Abstraktion ist selbst in spezifischer
       Weise im  sich entwickelnden  Verhältnis des erkennenden Subjekts
       zu seinem  Gegenstand begründet und erhält dadurch in seinem Ver-
       hältnis zur  wirklichen Arbeit  noch einen spezifischen Sinn. Dem
       abstrakten Begriff  der Arbeit entspricht eine bestimmte Form der
       konkreten Arbeit,  in der  die Arbeit  durch ihre allgemeinen Be-
       stimmungen auch  wirklich weitgehend  bestimmt und nicht mehr mit
       ihrer Besonderheit  und von dieser beherrscht ist. Dies aber gilt
       erst unter  den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft, in der
       die Arbeit  die Form  der entwickelten  Totalität wirklicher  Ar-
       beitsarten angenommen hat und die Individuen mit Leichtigkeit von
       einer Arbeit  in die  andere übergehen.  Unter diesen Bedingungen
       erwächst die  Möglichkeit, daß  die Arbeit  als wirkliche  Arbeit
       nicht mehr nur in ihrer besonderen Form gedacht werden kann. Erst
       in dieser  Gesellschaft wird die 'Arbeit überhaupt' als alleinige
       Triebkraft der  gesellschaftlichen Entwicklung  praktisch  wahr'.
       Der denkende  Weg der  Erkenntnis, das  Aufsteigen vom abstrakten
       zum konkreten Begriff der Arbeit, ist - in diesem Sinne interpre-
       tiert - der wirklichen Entwicklung der Arbeit in der menschlichen
       Geschichte gerade entgegengerichtet.
       In dieser  Umkehrung zeigt  sich ein allgemeines Prinzip des dia-
       lektischen  Materialismus:  Das  höher  Entwickelte  liefert  den
       Schlüssel für  das Verständnis  der vorangegangenen Entwicklungs-
       stufen. Die Entwicklung der niederen Tierart kann von der höheren
       Tierart her  begriffen werden, entsprechend die frühen Formen der
       Gesellschaft von  den späteren, entwickelteren her. Indem der hi-
       storische Materialismus  auf der  Grundlage der Kenntnis der ent-
       wickelten Form  der Gesellschaft  den abstrakten  Begriff der Ar-
       beit, der  ihm als  verständige Abstraktion  vorgegeben ist,  zur
       konkreten Totalität  des dialektischen Arbeitsbegriffs gedanklich
       fortentwickelt, liefert  er den  Schlüssel  zum  Verständnis  der
       wirklichen Geschichte, indem er die Triebkräfte ihrer Entwicklung
       aufdeckt. Andererseits jedoch kann diese Bewegung des Denkens das
       Studium der wirklichen Geschichte nicht ersetzen. Der historische
       Materialismus ist  seinerseits an  das Studium der wirklichen Ge-
       schichte gebunden,  weil nur diese die Kriterien liefern kann für
       die Fortentwicklung  des abstrakten  Begriffs der Arbeit zur kon-
       kreten  Totalität.   Diese  wechselseitige  Bedingtheit  von  Ge-
       schichtstheorie und  wirklicher Geschichte, die im historisch-ma-
       terialistischen Arbeitsbegriff  mitgedacht werden  muß,  spiegelt
       sich theorieintern  im Verhältnis  historischer und logischer Be-
       dingungen wider, und zwar wegen dem diesem Verhältnis innewohnen-
       den Selbstbezug  in doppelter  Weise: als  Verhältnis von empiri-
       scher Erfahrung  und wissenschaftlichem  Denken im Prozeß der Er-
       kenntnis und als Verhältnis von historischen und logischen Bedin-
       gungen in  dem vom Denken reproduzierten konkreten Gegenstand der
       Erkenntnis.
       Das abstrakte Denken kann dieses Verhältnis nicht adäquat fassen.
       Die verständigen  Abstraktionen, an  denen das  wissenschaftliche
       Denken ansetzt und in denen die empirische Erfahrung als nur erst
       'chaotische Vorstellung  von einem Ganzen' in das wissenschaftli-
       che Denken  Eingang findet, sind starre, unbewegliche Denkformen.
       Bezogen auf  einen gegebenen,  sich wirklich reproduzierenden und
       damit mit  sich identischen  Zustand der  Gesellschaft erscheinen
       diese Formen  in festen Beziehungen zueinander stehend, Beziehun-
       gen, die  analytisch am  Gegenstand abgelesen werden können. Oder
       umgekehrt: die Gesellschaft erscheint als abstrakter Zusammenhang
       der durch  verständige  Abstraktionen  gewonnenen  Begriffe,  als
       durch formelle Beziehungen konstituiertes System. Ein Denken, das
       auf dieser  Stufe stehen bleibt und die abstrakten Gedankenformen
       mit der Realität identifiziert, verfehlt ersichtlich den spezifi-
       schen Charakter  des  historischen  Gegenstandes.  Geschichtliche
       Veränderungen stellen  sich diesem  Denken als  Veränderungen der
       zwischen den  abstrakten Begriffen  bestehenden Beziehungen  dar,
       die ebenso  wie die  Beziehungen und  ihr Bestehen selbst aus den
       Begriffen nicht  begründet werden können. Historische Veränderun-
       gen erscheinen  als abstrakte  Negation logischer Beziehungen und
       nicht als Resultat einer eigentümlichen Logik des Gegenstandes.
       Den abstrakten  Begriff eines  historischen Gegenstandes zur kon-
       kreten Totalität  fortentwickeln bedeutet demgegenüber, die wech-
       selnden Beziehungen des konkreten Zusammenhangs, die dem abstrak-
       ten Begriff äußerlich hinzugefügt erscheinen, als interne Momente
       des Begriffes selbst zu fassen. Der konkrete Begriff ist die sich
       entwickelnde, widersprüchliche Einheit von Allgemeinem und Beson-
       derem. Das  Allgemeine reproduziert sich unter den besonderen Be-
       dingungen einer  historischen Epoche in jeweils besonderer Weise.
       Insofern haben  die logischen Bedingungen die historischen Bedin-
       gungen der Epoche zur Grundlage. Die Reproduktion des Allgemeinen
       verändert jedoch die besonderen Bedingungen und insofern sind die
       logischen Bedingungen von den historischen relativ unabhängig und
       auf diese nicht zu reduzieren. In diesem Sinne unterscheidet Marx
       zwischen den "historischen Voraussetzungen" eines sich selbst re-
       produzierenden historischen  Gegenstandes,  die  "der  Geschichte
       seiner Bildung"  angehören, und  Bedingungen seiner Reproduktion,
       die die gleichen Bedingungen sind, aber "jetzt als Resultate sei-
       ner eignen  Verwirklichung, Wirklichkeit,  als gesetzt  von ihm -
       nicht als  Bedingungen seines  Entstehens, sondern  als Resultate
       seines Daseins." 36) In dieser Einheit von Allgemeinem und Beson-
       derem, von  logischen und  historischen Bedingungen  gründet  die
       Möglichkeit, den  Gegenstand des  Denkens als historischen zu be-
       greifen, aus der Logik seiner Reproduktion auf sein Entstehen und
       sein Vergehen zu schließen. Die logischen Bedingungen bieten "den
       Schlüssel für  das Verständnis  der Vergangenheit", weil in ihnen
       die historischen  Bedingungen ihres Werdens "als nur historische,
       i.e. aufgehobne  Voraussetzungen" erscheinen. Zugleich erscheinen
       die logischen  Bedingungen "als  sich selbst aufhebende und daher
       als historische  Voraussetzungen für einen neuen Gesellschaftszu-
       stand setzende" Bedingungen 37).
       Angewendet auf  den Arbeitsbegriff des historischen Materialismus
       bedeutet dies:  Auch wenn  dieser die  Arbeit als  Triebkraft der
       menschlichen Geschichte,  die Geschichte als Prozeß der Selbster-
       zeugung des  Menschen in  der Arbeit faßt, so ist damit nicht ge-
       sagt, daß  die Geschichte  aus dem  Begriff der Arbeit, und schon
       gar nicht, daß sie aus dem abstrakten Begriff der Arbeit, der ein
       Produkt der  abstrakten Arbeit der bürgerlichen Gesellschaft ist,
       abgeleitet werden  kann. Die Arbeit ist in jeder Geschichtsepoche
       als Einheit  von allgemeiner  und besonderer Arbeit zu begreifen.
       "In allen  Gesellschaftsformen", schreibt  Marx, "ist es eine be-
       stimmte Produktion, die allen übrigen, und deren Verhältnisse da-
       her auch  allen übrigen,  Rang und  Einfluß anweist.  Es ist eine
       allgemeine Beleuchtung,  worein alle übrigen Farben getaucht sind
       und welche  sie in ihrer Besonderheit modifiziert. Es ist ein be-
       sondrer Äther,  der das  spezifische Gewicht alles in ihm hervor-
       stechenden Daseins bestimmt." 38) Die Arbeit als Totalität zu be-
       greifen heißt,  die Dialektik des Arbeitsprozesses aus den Wider-
       sprüchen zwischen  dem Allgemeinen und dem Besonderen der Produk-
       tion einer  jeden Gesellschaftsform  zu entfalten  und die Trieb-
       kräfte des  historischen Prozesses  aus dem  wechselseitigen  Um-
       schlagen von historischen und logischen Bedingungen ineinander zu
       entwickeln.
       
       7.
       
       Der Ertrag dieser Überlegungen für das Verständnis des wirklichen
       Geschichtsprozesses sei  an einem  Beispiel erläutert, das in be-
       sonderem Maße  die Unzulänglichkeit methodologischer Konzeptionen
       erweist, die  von einer nur äußerlichen, durch den Erkenntnispro-
       zeß konstituierten  Verbindung des Allgemeinen und des Besonderen
       im historischen  Prozeß ausgehen, nämlich am Beispiel des Beginns
       menschlicher Geschichte  überhaupt, der  Entwicklung des Menschen
       aus dem Naturzusammenhang 39). Jede Konzeption, die das Besondere
       der Geschichte  aus dem allgemeinen menschlichen Wesen, wie immer
       dies gefaßt  sein mag, zu deduzieren trachtet, gerät in das theo-
       retische Dilemma,  dieses Allgemeine selbst nicht mehr geschicht-
       lich greifen  zu können.  Der Übergang vom Tier zum Menschen wird
       zum übernatürlichen  Schöpfungsakt, der  eine transzendentale Be-
       dingung der  Arbeit als  Triebkraft der  menschlichen  Geschichte
       bildet. Natur  und Geschichte stehen sich hier als zwei endgültig
       geschiedene und  nur äußerlich aufeinander bezogene Welten gegen-
       über. Jede  Konzeption, die  umgekehrt das  allgemeine Wesen  des
       Menschen durch  Induktion aus seiner besonderen Geschichte herzu-
       leiten trachtet,  verwischt die  qualitative  Differenz  zwischen
       biologischer und  gesellschaftlich-historischer Entwicklung.  Die
       Abgrenzung zwischen  Tier und  Mensch im entwicklungsgeschichtli-
       chen Zusammenhang  wird zum  Definitionsproblem.  Natur  und  Ge-
       schichte erscheinen  als nicht theoretisch gegeneinander abgrenz-
       bar.
       Auf den  ersten Blick  erscheint die begriffliche Abgrenzung zwi-
       schen Tier und Mensch als unproblematisch. Niemand wird ernsthaft
       Mensch und  Tier miteinander  verwechseln. Durch  die Gesetze der
       Fortpflanzung reproduzieren sich die Tierarten biologisch als na-
       türlich gegebene,  disjunkte Klassen  von Individuen, grenzen sie
       sich gegeneinander  ab und speziell auch gegenüber der besonderen
       Tierart Mensch.  Hebt man  durch verständige  Abstraktion die ge-
       meinsamen Merkmale  der Individuen  einer Tierart  und die unter-
       scheidenden Merkmale  zu den Individuen anderer Tierarten hervor,
       so erhält  man brauchbare  Definitionen der  Tierarten, die gele-
       gentlich zwar  noch Zweifel offenlassen, ob ein gegebenes Indivi-
       duum einer  bestimmten Tierart  zugehört oder  nicht, die  jedoch
       speziell für  die Unterscheidung  der lebenden Tiere und Menschen
       absolut sichere  Kriterien liefern. So sind als spezifische Merk-
       male der Tierart Mensch hervorgehoben worden: der aufrechte Gang,
       der Gebrauch  und die  Herstellung von Werkzeugen, das Bewußtsein
       und die  planvoll bewußte  Tätigkeit, die Kommunikation mit Hilfe
       der Sprache, die arbeitsteilige Kooperation.
       Obwohl jedoch  die abstrakte  Definition des Menschen als Tierart
       mit den  genannten spezifischen  Merkmalen für die Unterscheidung
       von Mensch  und Tier  im täglichen  Leben völlig hinreicht und im
       Grunde nur  begrifflich fixiert,  wie wir in der sinnlichen Wahr-
       nehmung Mensch und Tier unterscheiden, weist diese Definition bei
       näherem Hinsehen beträchtliche Mängel auf.
       Erstens sind die Merkmale für sich genommen gar nicht trennscharf
       und  kennzeichnen   allenfalls  graduelle  Unterschiede  zwischen
       Mensch und  Tier. Stellt nicht auch die Spinne in ihrem Netz sich
       ein Werkzeug her? Schleicht nicht auch der Löwe sich außerordent-
       lich planvoll  an die  Zebraherde, wenn auch, zugegeben, nicht im
       gleichen Maße sich seines Planes bewußt wie der Mensch? Daß Tiere
       miteinander mit Hilfe von Lauten und Gebärden kommunizieren, wenn
       auch die Gegenstände der Kommunikation beschränkt sind, steht au-
       ßer Zweifel.  Hochentwickelte Tiere weisen ferner oftmals entwic-
       kelte Sozialstrukturen auf; was aber unterscheidet die von diesen
       Strukturen induzierten  Verhaltensunterschiede beim Verfolgen ei-
       nes kollektiven  Ziels der Tiergruppe von der arbeitsteiligen Ko-
       operation des  Menschen? Und  aufrecht gehen schließlich auch die
       Hühner! Das  hohe Maß an Urteilssicherheit bei der Unterscheidung
       von Mensch  und Tier  resultiert also  nicht aus der Trennschärfe
       der durch verständige Abstraktion zu gewinnenden Unterscheidungs-
       kriterien, sondern  erst aus  ihrem Zusammenhang. Damit wird not-
       wendigerweise der Status dieses Zusammenhangs, sein Verhältnis zu
       den durch  verständige Abstraktionen gewonnenen einzelnen Merkma-
       len, zum  Problem. Es zeigt sich, daß die zu kurz greifenden Ver-
       suche, das  Besondere durch  Deduktion auf das Allgemeine und das
       Allgemeine durch  Induktion auf das Besondere zurückzuführen, aus
       der methodischen  Unzulänglichkeit des auf Abstraktion beschränk-
       ten Denkens erwachsen.
       Zweitens ist die Unterscheidung von Mensch und Tier nur darum un-
       problematisch, weil die entwicklungsgeschichtlichen Zwischenglie-
       der der  Artenentwicklung vom  Tier zum  Menschen, die Hominiden,
       ausgestorben sind.  Im Tier-Mensch-Übergangsfeld  versagen die im
       Vergleich des entwickelten Menschen mit den Tieren gewonnenen Ab-
       grenzungskriterien, denn  sie treten hier nicht notwendig gemein-
       sam auf. Zudem zeigen sie sich in einer eigentümlichen Verkehrung
       ihrer Logik,  einer Verkehrung,  die einen Hinweis auf die Gründe
       für die  mangelnde Trennschärfe einzelner Kriterien in ihrer Iso-
       lierung gibt.  Ist beispielsweise das Werkzeug als Mittel instru-
       mentellen Handelns  beim Menschen geradezu dadurch definiert, daß
       es zunächst hergestellt wird, um dann seinen Zwecken entsprechend
       gebraucht zu  werden, so  scheint für  die ersten "Werkzeuge" des
       Tier-Mensch-Übergangsfeldes zu  gelten, daß  sie lange  Zeit  als
       Fundgegenstände mit zufälliger Zweckmäßigkeit systematisch gesam-
       melt und  als Werkzeuge  gebraucht wurden, ehe sie durch Bearbei-
       tung von Rohstoffen zielgerichtet hergestellt wurden. Die archäo-
       logischen Funde  deuten auf  einen kontinuierlichen  Übergang von
       Naturgegenständen zum  menschlichen Werkzeug.  Die 'Geröllgeräte-
       Industrie'  der  Australopithecinen  beispielsweise  besteht  aus
       Steinknollen mit  groben Abschlagkanten, die äußerlich von zufäl-
       lig entstandenen  Steinbruchstücken nicht  zu unterscheiden sind.
       Die Annahme,  sie seien systematisch als Werkzeuge verwendet wor-
       den, stützt  sich auf  ihre Anhäufung  als Begleitfunde zu Fossi-
       lien, es ist jedoch nicht erwiesen und äußerst fraglich, ob diese
       frühen Stein-'Werkzeuge'  überhaupt Spuren  einer zielgerichteten
       Bearbeitung aufweisen.  Diese Verkehrung  der Logik  spezifischer
       Merkmale der  menschlichen Gattung  im  Tier-Mensch-Übergangsfeld
       zeigt sich  ähnlich bei allen genannten Merkmalen. Die spezifisch
       menschliche Kommunikation erfolgt mit Hilfe der Sprache, im Tier-
       Mensch-Übergangsfeld jedoch entwickelt sich die Sprache als Folge
       von Kommunikationsprozessen.  Die Vergesellschaftung des Menschen
       erfolgt in  der Arbeit, im Tier-Mensch-Übergangsfeld dagegen ent-
       wickelt sich  die Arbeit  allem Anschein  nach auf  der Grundlage
       vorgängiger Sozialstrukturen, die arbeitsteilige Kooperation mög-
       lich machen.  Die mangelnde Trennschärfe der Abgrenzungskriterien
       zwischen Mensch  und Tier,  wenn sie  als isolierte  Merkmale be-
       trachtet werden,  hat ihre Ursache also darin, daß sie keineswegs
       im Übergang  vom Tier  zum Menschen  erst entstehen,  sondern nur
       eine spezifische  Umwandlung erfahren,  die mit  einer Verkehrung
       ihrer inneren  Logik verbunden  ist: Bedingungen ihres Entstehens
       verwandeln sich  in Resultate ihres Daseins. Drittens schließlich
       liefert die  definitorische Abgrenzung  von Tier  und Mensch auf-
       grund verständiger  Abstraktion spezifischer  Merkmale und  Merk-
       malsunterschiede keine  Rekonstruktion des Selbstunterscheidungs-
       prozesses der  phylogenetischen Entwicklung.  Wie unterschiedlich
       der Stellenwert  eines Merkmals  im Prozeß  der Entwicklung  auch
       sein mag, die Abstraktion von eben dieser Entwicklung im äußerli-
       chen Vergleich  ebnet diese Unterschiede ein und verschafft jedem
       Merkmal den  gleichen Status, äußeres Merkmal zu sein. Werden die
       den Menschen  vom Tier  unterscheidenden Merkmale  wie aufrechter
       Gang, Werkzeuggebrauch  und  Werkzeugherstellung,  arbeitsteilige
       Kooperation, planvoll bewußte Tätigkeit, soziale Organisation und
       sprachliche Kommunikation  von ihrem Entwicklungszusammenhang ab-
       strahiert, so  sind auch  die ihnen  immanenten Entwicklungen nur
       als Besonderungen  zu begreifen. Ihre abstrakt allgemeine Defini-
       tion bleibt  unberührt und  kann daher die ihnen eigenen Entwick-
       lungspotentiale nicht  begrifflich explizieren.  Die  Entwicklung
       vom Tier zum Menschen wird auf ihre äußere Erscheinung reduziert,
       als Übergang zu neuen Merkmalen.
       Der historische  Materialismus begreift den Übergang vom Tier zum
       Menschen als Selbsterzeugung des Menschen in der konkreten Arbeit
       und die differenzierenden Merkmale als Momente einer sich entwic-
       kelnden Totalität  von Bestimmungen.  Der Mensch wird im Entwick-
       lungszuammenhang begriffen  als Tier  und Mensch  zugleich,  aber
       nicht im  Sinne einer  Besonderung, sondern im Sinne der Entwick-
       lung; die tierische Existenz des Menschen ist in seiner menschli-
       chen Existenz  aufgehoben, in der Arbeit reproduziert er den spe-
       zifisch menschlichen  Charakter seiner  tierischen Merkmale. Iso-
       liert man  den Menschen aus dem spezifischen Zusammenhang der ge-
       sellschaftlichen Reproduktion  - dies ist die Wahrheit an den le-
       gendären Berichten  über Schicksale  wie die des Kaspar Hauser -,
       so reproduziert er sich selbst auch nur in seiner tierischen Exi-
       stenz. In  der gesellschaftlichen  Arbeit dagegen  nimmt auch die
       individuelle Reproduktion des Menschen jene Form an, die die spe-
       zifischen Merkmale des Menschen hervorbringt, die die verständige
       Abstraktion nur  konstatierend zur Kenntnis nehmen kann. Will man
       den Erklärungsanspruch des historischen Materialismus am Beispiel
       des Übergangs  vom Tier zum Menschen einlösen, so ist es die Auf-
       gabe, dieses konkret nachzuweisen.
       Die Leitfrage  einer solchen  Untersuchung ist die nach dem Über-
       gang von  der biologischen  Höherentwicklung zur gesellschaftlich
       historischen. Auch  das Tier  muß bereits  als sich  entwickelnde
       konkrete Totalität  begriffen werden,  wenn der Übergang zur Ent-
       wicklung im Arbeitsprozeß nicht als übernatürlicher Schöpfungsakt
       erscheinen soll.  Auch das Tier darf nicht nur abstrakt definito-
       risch und  durch äußere  Merkmale in  die Tierarten gesondert be-
       trachtet werden,  sondern in der realen Vermittlung, durch die es
       sich auf  sich und auf anderes bezieht, das heißt im Zusammenhang
       seiner individuellen  Reproduktion und  seiner  Reproduktion  der
       Art, in  seiner individuellen Fortentwicklung und in seiner Höhe-
       rentwicklung als Art. Das Tier als konkrete Totalität ist in die-
       sem Sinne  Einheit von konkret Allgemeinem und konkret Einzelnen,
       und die  spezifische Form der Entwicklung, die für das Tier kenn-
       zeichnend ist,  wird bestimmt durch die spezifische Form der Ver-
       mittlung zwischen  dem konkret Allgemeinen der biologischen Orga-
       nisation und  Reproduktion des Individuums und der Art einerseits
       und den  konkret einzelnen  Individuen und  ihrer je spezifischen
       Geschichte unter  den jeweils individuellen Lebensbedingungen an-
       dererseits.
       Die für  das Tier  spezifische Form  der Vermittlung zwischen dem
       konkret Allgemeinen  und dem konkret Einzelnen ist nun durch zwei
       Bedingungen bestimmt: durch die genetische Determination der Art-
       merkmale im  Individuum - die genetische Reproduktion des Genoty-
       pus -  und durch  die Fähigkeit,  das überleben  des  Individuums
       durch individuelle  Anpassung an  die Umwelt zu ermöglichen - die
       Variation des Phänotypus -. Das konkret Allgemeine der Art ist im
       Individuum als  Determination durch  den Genotypus  enthalten. Es
       existiert zwar  nur in der konkret einzelnen Form des Phänotypus,
       ist jedoch  von diesem  weitgehend unabhängig.  Das Einzelne  be-
       stimmt das  Allgemeine nur  auf zwei  Weisen: durch  Mutation und
       durch Selektion.  Wird das genetische Material durch individuelle
       Bedingungen verändert,  so ändert  sich abrupt und unabhängig von
       sonstigen Bedingungen  der Genotypus  des betroffenen Individuums
       (Mutation). Verhindert  die Determination durch den Genotypus die
       individuelle Anpassung,  die für ein überleben der Individuen er-
       forderlich ist,  so geht mit den Individuen auch die Art zugrunde
       (Selektion). Die  biologische Höherentwicklung ist somit bestimmt
       durch die  Mutanten mit  Selektionsvorteil. Ihr fehlt jene erwei-
       terte Reproduktion des Allgemeinen, die für die gesellschaftlich-
       historische Entwicklung kennzeichnend ist, in der gesellschaftli-
       chen Arbeit sich vollzieht und die Dynamik dieser Entwicklung be-
       stimmt.
       Die Aufgabe,  den Prozeß  der Menschwerdung auf der Grundlage der
       historisch-materialistischen These zu rekonstruieren, die Mensch-
       werdung sei das Ergebnis der Selbsterzeugung in der konkreten Ar-
       beit, läßt  sich nun  folgendermaßen formulieren: Erstens muß die
       reale Möglichkeit  nachgewiesen werden,  daß im biologischen Ent-
       wicklungszusammenhang die Momente des Arbeitsprozesses als histo-
       rische Voraussetzungen der Menschwerdung entstehen konnten; zwei-
       tens muß gezeigt werden, wie sich unter den biologischen Entwick-
       lungsbedingungen des Tier-Mensch-Übergangsfeldes die historischen
       Voraussetzungen der  Menschwerdung in  logische Setzungen des Ar-
       beitsprozesses verwandeln  und so  der Entwicklungsprozeß revolu-
       tioniert wird  und die  charakteristischen Merkmale  des Menschen
       sich zum  logischen Verhältnis zusammenschließen, in dem sie sich
       wechselseitig wie die Henne und das Ei bedingen.
       Im Lichte  dieser Problemstellung  erweist sich  die oben konsta-
       tierte mangelnde  Trennschärfe der  den Menschen  vom Tier unter-
       scheidenden Merkmale  als Hinweis auf die unter biologischen Ent-
       wicklungsgesetzen entstandenen  Bedingungen für  den menschlichen
       Arbeitsprozeß. Genauer:  Tierische Kommunikation und Kooperation,
       die tierischen Fähigkeiten zu individuellem Lernen und zu instru-
       mentellem Handeln  und vor  allem die  durch die Kommunikation in
       entwickelten tierischen  Sozialverbänden  möglichen  Ansätze  zur
       Bildung von  Traditionen im  zweckmäßigen instrumentellen Handeln
       bilden die  Voraussetzungen für  die Entwicklung  von Werkzeugge-
       brauch und  Werkzeugproduktion unter biologischen Entwicklungsbe-
       dingungen. Die Annahme, eine derartige (biologisch bedingte) Form
       des Werkzeuggebrauchs  und der  Werkzeugproduktion sei Vorausset-
       zung der  Menschwerdung und  nicht ihr  Resultat, wird  durch die
       Tatsache empirisch  erhärtet, daß sich Werkzeuggebrauch und Werk-
       zeugproduktion in  primitiven Formen  bereits bei  den  Hominiden
       finden, also lange bevor die biologische Entwicklung zum homo sa-
       piens abgeschlossen war. Damit erscheint die Hypothese als zuläs-
       sig und plausibel, daß sich im Tier-Mensch-Übergangsfeld, dem die
       Hominiden zuzurechnen  sind, wegen  des Werkzeuggebrauchs und der
       Werkzeugproduktion, die  infolge der Dominanz biologischer Bedin-
       gungen nur  erst ein  geringes Entwicklungspotential  besaßen und
       deren Formen sich oftmals über viele Jahrtausende hinweg konstant
       erhielten, die  Vergrößerung des  Gehirns, das  charakteristische
       Merkmal des  Übergangs zum homo sapiens, als Mutante mit Selekti-
       onsvorteil erwies,  die ihrerseits  erst das  in Werkzeuggebrauch
       und Werkzeugproduktion  tendenziell enthaltene Entwicklungspoten-
       tial zur  realen Möglichkeit werden ließ. Dies ist unseres Erach-
       tens für  das hier  gestellte Problem einer historisch-materiali-
       stischen Rekonstruktion  des Beginns von Geschichte überhaupt der
       wichtigste Ertrag  eines Ausgehens  von dem in der Marxschen Ana-
       lyse des  Arbeitsprozesses aufgedeckten Zusammenhang zwischen Ge-
       sellschaftlichkeit und Naturbedingtheit der Arbeit.
       Die Urgesellschaft, die sich unter den biologischen Entwicklungs-
       bedingungen herausbildete,  war dadurch  gekennzeichnet, daß  die
       Vermittlung des  Individuums mit  dem noch  rudimentären  gesell-
       schaftlich Allgemeinen  des Arbeitsprozesses  durch Kommunikation
       und Kooperation  im Sozialverband nicht Resultat, sondern Voraus-
       setzung des  Arbeitsprozesses war.  In der  Hegel entlehnten, von
       Marx verwendeten  Terminologie: Die  Vermittlung der  Momente des
       Arbeitsprozesses ist noch nicht von der gesellschaftlichen Repro-
       duktion gesetzt  und damit .. logisches Verhältnis dieses Prozes-
       ses, sondern  nur erst  vorausgesetzt. "Diese  V o r a u s s e t-
       z u n g   (ist)  s e l b s t  v e r m i t t e l t;  d.h. eine ge-
       meinschaftliche Produktion,  die Gemeinschaftlichkeit  als Grund-
       lage der  Produktion, ist vorausgesetzt. Die Arbeit des Einzelnen
       ist von  vorn herein  als gesellschaftliche  Arbeit gesetzt." 40)
       "Je tiefer  wir in  der Geschichte zurückgehen, je mehr erscheint
       das Individuum,  daher auch  das  produzierende  Individuum,  als
       unselbständig, einem größeren Ganzen angehörig: erst noch in ganz
       natürlicher Weise in der Familie; später in dem aus dem Gegensatz
       und Verschmelzung der Stämme hervorgehenden Gemeinwesen in seinen
       verschiedenen Formen." 41)
       Wir können  diesen Gedanken ins Tier-Mensch-Übergangsfeld zurück-
       verlängern. Das  Gattungswesen des Hominiden war noch ausschließ-
       lich biologisch  bestimmt und  die  Entwicklung  des  Individuums
       weitaus stärker  von den  Reproduktionsbedingungen der biologisch
       definierten Gattung  geprägt als durch die im Arbeitsprozeß ange-
       legten Formen der erweiterten Reproduktion und der von dieser in-
       duzierten Vergesellschaftung. Die Traditionsbildung im tierischen
       Sozialverband bildete  die vermittelnde  Voraussetzung für  Werk-
       zeuggebrauch und  Werkzeugproduktion, durch die sich in der indi-
       viduellen Arbeit  des Hominiden  die allgemeine Arbeit in der für
       die jeweilige Entwicklungsstufe determinierten besondern Form re-
       produzierte. Diese Vermittlung mußte sicherstellen, daß auch ohne
       genetische Fixierung  im Genotyp  der biologisch definierten Gat-
       tung die  phylogenetisch erworbenen Arbeitstechniken und primiti-
       ven Formen der Arbeitsteilung und -organisation ontogenetisch re-
       produziert werden; denn nur so konnten Werkzeuggebrauch und Werk-
       zeugproduktion, ohne genetisch fixiert zu sein, zum Gattungsmerk-
       mal des  Hominiden werden.  Eben dadurch  aber unterscheidet sich
       der Hominide  vom Tier, bei dem der Werkzeuggebrauch in einer be-
       sonderen Form  nur dann  als Gattungsmerkmal auftritt, wenn er in
       dieser Form  genetisch fixiert und damit keiner historischen Ent-
       wicklung fähig ist.
       Wie wird  nun im Tier-Mensch-Übergangsfeld der Entwicklungsprozeß
       der menschlichen  Gattung revolutioniert, so daß neben den biolo-
       gischen  Entwicklungszusammenhang  ein  gesellschaftlich-histori-
       scher Entwicklungsprozeß  tritt, der  zunehmend das Gattungswesen
       bestimmt? Die  Reproduktion des  Tieres ist  gekennzeichnet durch
       die Entwicklung des Individuums von der Geburt bis zum Tode durch
       seine physische  Reproduktion im  Stoffwechsel mit  der Natur und
       durch die in der Regel identische Reproduktion des Gattungswesens
       in den  Individuen durch  die Fortpflanzung  und deren genetische
       Determination. Das Besondere des durch Werkzeuggebrauch und Werk-
       zeugproduktion gekennzeichneten Arbeitsprozesses ist es demgegen-
       über, daß  er in  den produzierten Produktionsmitteln, in den Ar-
       beitsmitteln, für  die das  Werkzeug prototypisch  steht, ein dem
       Zyklus der identischen Reproduktion des Gattungswesens im Indivi-
       duum enthobenes  materielles Resultat  besitzt, daß sich in einer
       Geräte-Umwelt akkumuliert und so die Grundlage für die erweiterte
       Reproduktion der  gesellschaftlich-historischen Entwicklung  bil-
       det. Insofern,  als die  sich erweiternde  Geräte-Umwelt dem  Ar-
       beitsprozeß, dem  sie ihre  Entstehung verdankt,  nicht äußerlich
       bleibt, sondern  selbst wieder  dessen tendenzielle Möglichkeiten
       freisetzt, ist der Akkumulationsprozeß kein linearer, sondern ein
       sich exponentiell  erweiternder und beschleunigender Prozeß; dies
       wird beispielsweise  drastisch demonstriert, wenn man den mehrere
       Millionen Jahre  umfassenden Entwicklungsprozeß der Geröllgeräte-
       Industrie der  Hominiden mit dem nur wenige tausend Jahre dauern-
       den Prozeß der Entwicklung von den ersten Hochkulturen zur moder-
       nen Industriegesellschaft  vergleicht. Diese Akzeleration der Ak-
       kumulation ist  nicht nur  quantitativ zu  begreifen, sondern sie
       schließt wesentliche qualitative Veränderungen ein, die im Wider-
       spiegelungscharakter des  Arbeitsmittel begründet  sind. Insofern
       nämlich, als das Arbeitsmittel als vergegenständlichte Arbeit Re-
       präsentant von  Allgemeinem ist,  und zwar sowohl des Allgemeinen
       des Objekts der Arbeit, der bearbeiteten Natur, als auch des All-
       gemeinen des Subjekts des Arbeitsprozesses, der zum Gattungsmerk-
       mal gewordenen  Formen der Arbeitstechnik, Arbeitsteilung und Ar-
       beitsorganisation, verläuft  die individuelle  Entwicklung in der
       Geräte-Umwelt unter  sich ständig wandelnden Ausgangsbedingungen.
       Die ontogenetische  Reproduktion des Gattungswesens im Individuum
       ist nicht länger identische Reproduktion, sondern wird zur Erzie-
       hung. Das  bedeutet: Soweit  die ontogenetische Reproduktion sich
       auf das  Gattungsmerkmal des  Werkzeuggebrauchs und der Werkzeug-
       produktion bezieht,  ist sie  von vorn herein wesentliches Moment
       der gesellschaftlich-historischen Entwicklung und zugleich dieser
       selbst unterworfen.  Für die frühen Formen" der Erziehung ist da-
       bei die  Identität von  Arbeitsmittel und  Erziehungsmittel kenn-
       zeichnend; Erziehung  und Teilnahme  am Arbeitsprozeß  sind iden-
       tisch. Diese "ursprüngliche Einheit von Arbeit und Erziehung" 42)
       verwandelt die  individuellen Resultate  des Arbeitsprozesses  in
       Momente des  Gattungswesens und verwandelt damit historische Vor-
       aussetzungen in  logische  Momente  eines  Reproduktionszusammen-
       hangs, der eine neue, sich selbst revolutionierende Form der Ver-
       mittlung zwischen  dem konkret einzelnen Gattungsexemplar und dem
       konkret Allgemeinen  der Gattung  darstellt, die für den Menschen
       charakteristisch ist und die wir als gesellschaftlich-historische
       Entwicklung bezeichnen.
       
       Dies ist  der Ertrag  eines Ausgehens  von der  Spezifik des men-
       schlichen Arbeitsprozesses als eines Prozesses erweiterter Repro-
       duktion für  das hier  gestellte Problem  einer materialistischen
       Rekonstruktion des Beginns von Geschichte überhaupt: Die Entwick-
       lung zum  Menschen als  konkreter Totalität, als Einheit von Gat-
       tungswesen und  Individuum, läßt  sich begreifen  als Prozeß  der
       Selbsterzeugung des Menschen in der Arbeit.
       
       IV. MATERIALISTISCHE DIALEKTIK UND WISSENSCHAFTEN
       -------------------------------------------------
       
       8.
       
       F. Engels  kennzeichnet die  Dialektik, um die es hier geht, näm-
       lich die  theoretische Dialektik  oder die  Dialektik als Wissen-
       schaft - wir sprechen im folgenden von der dialektisch materiali-
       stischen Theorie -, als historisches Entwicklungsresultat, insbe-
       sondere als  Resultat der Entwicklung des wissenschaftlichen Den-
       kens. 43) Sie ist ihrer materialistischen wie ihrer dialektischen
       Seite nach  als eine Negation der Negation zu begreifen, ist ver-
       mittelt über  den Idealismus  wie -  in unserem Zusammenhang fast
       wichtiger -  über die  metaphysische Denkweise,  die für die neu-
       zeitlichen Wissenschaften  und zumal die Naturwissenschaften cha-
       rakteristisch war  und weitgehend  noch ist. Wenn Lenin "Spaltung
       des Einheitlichen und Erkenntnis seiner widersprechenden Bestand-
       teile" als  "das Wesen (eine der 'Wesenheiten', eine der grundle-
       genden, wenn  nicht die grundlegende Besonderheit oder Seite) der
       Dialektik" hervorhebt, 44) dann verweist er darauf, daß die meta-
       physische Abstraktion vom Zusammenhang als internes Moment in der
       Dialektik aufgehoben  ist. Die dialektisch materialistische Theo-
       rie ist  nicht eine  naive Erfassung  "des  Gesamtzusammenhangs",
       sondern "Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs"; 45) sie setzt die
       wissenschaftliche Zergliederung  der Totalität,  die Untersuchung
       ihrer einzelnen  Bestandteile, sie setzt die arbeitsteilige Tota-
       lität der  Wissenschaften voraus und so historisch einen bestimm-
       ten Entwicklungsstand  dieser Wissenschaften. Dies gilt nicht nur
       in einem  ideengeschichtlichen Sinne.  Die dialektisch materiali-
       stische Theorie hat die industrielle Produktionsstufe zur Voraus-
       setzung, die Arbeiterklasse wie die Entwicklung des intellektuel-
       len Moments  der Produktion  zu seiner  wissenschaftlichen  Form,
       worin erst  die Wissenschaft als "allgemeine Arbeit" 46) sich zur
       Totalität, zum  allgemeinen Moment des gesellschaftlichen Gesamt-
       arbeiters entwickelt.
       Aber nicht  allein aufgrund ihrer bestimmten historischen Vermit-
       teltheit steht  die dialektisch materialistische Theorie in einem
       wesentlichen Verhältnis  zu den Wissenschaften. Das Verhältnis zu
       den Wissenschaften  bezeichnet auch einen, wenn nicht den neural-
       gischen Punkt  des Verständnisses und so der Entwicklung der dia-
       lektisch materialistischen Theorie selbst. Aus der Definition En-
       gels', nach der die Dialektik "die Wissenschaft von den allgemei-
       nen Bewegungs-  und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschen-
       gesellschaft und  des Denkens"  ist, 47) ist zwar zu folgern, daß
       die dialektisch  materialistische Theorie  zum einen  selbst eine
       Wissenschaft ist, die sich zum anderen darin von den anderen Wis-
       senschaften unterscheidet,  daß sie  es nicht mit den besonderen,
       spezifischen Sachverhalten eigenen Bewegungs- und Entwicklungsge-
       setzen zu  tun hat, sondern eben mit den allgemeinen, die für die
       Bewegungen und  Entwicklungen in  Natur, Menschengesellschaft und
       Denken gleichermaßen  gelten; aber niemand wird ernsthaft behaup-
       ten, durch diese Gebietsabsteckung das Verhältnis der dialektisch
       materialistischen Theorie zu den Wissenschaften überhaupt als ein
       Verhältnis gefaßt zu haben, geschweige als eines, das dialektisch
       begriffen werden müßte.
       Um welch ein Grundproblem der dialektisch materialistischen Theo-
       rie es  sich bei  diesem Verhältnis  handelt, ist schon daraus zu
       ersehen, daß  zusammen mit der Verneinung des kontemplativen Cha-
       rakters der  traditionellen Philosophie  (11. Feuerbach-These) es
       eben das  Verhältnis zu  den Wissenschaften  ist, was die dialek-
       tisch materialistische  Theorie von einer traditionellen philoso-
       phischen Theorie  unterscheidet, worin sie Aufhebung der Philoso-
       phie im  Sinne von  Überwindung ist. Anders als die traditionelle
       Philosophie kann  sie sich  zu den  Wissenschaften weder als eine
       Universal Wissenschaft,  als Grundlagenwissenschaft,  als Wissen-
       schaft von der wissenschaftlichen Methodik oder als wissenschaft-
       liches Denken  fundierende Erkenntnistheorie in dem Sinne verhal-
       ten, als  seien diese ontologischen und/oder gnoseologischen Fun-
       damente metatheoretisch,  unabhängig und 'vor' den Wissenschaften
       durch autonome  philosophische Erkenntnis  zu  sichern.  Sie  hat
       nicht allein die Wissenschaften auf ihrem jeweiligen historischen
       Entwicklungsstand zu  ihrer Voraussetzung,  sondern  verfügt  als
       eine (wenn  auch besondere)  Wissenschaft prinzipiell  über keine
       von den  anderen Wissenschaften  aparte Erkenntnisweise;  sie er-
       kennt vielmehr  nach Art  einer Wissenschaft,  was nicht  zuletzt
       heißt, daß  sie die  Erkenntnis ihrer Gegenstände wohl als Umfor-
       mung, nicht  aber als  deren Konstitution  oder Setzung und eben-
       falls nicht  als ein  intuitives oder sonst wie erfolgendes Eins-
       werden mit ihnen begreifen kann.
       Auf der  anderen Seite ist sie nicht Aufhebung der traditionellen
       Philosophie nach  Art der  Wissenschaftstheorie analytischen oder
       konstruktivistischen Musters, also nicht die müßige, bloß verdop-
       pelnde Extrapolation  der allgemeinsten  methodischen oder  logi-
       schen Verfahrensweisen  der Wissenschaften.  Wenn Engels  betont,
       daß sich die dialektisch materialistische Theorie "nicht in einer
       aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen Wis-
       senschaften zu  bewähren und  zu  betätigen  hat",  48)  und  ihr
       zugleich vorläufig  noch eine  von den  wirklichen Wissenschaften
       gesonderte Aufgabe  zuspricht, bis  zu der  Zeit nämlich,  da "an
       jede einzelne  Wissenschaft die  Forderung herantritt,  über ihre
       Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den
       Dingen sich  klarzuwerden", 49) so ist unschwer zu sehen, daß sie
       dieser Aufgabe  gerade nicht  in jener wissenschaftstheoretischen
       Manier gerecht  werden kann.  Die Heraushebung  allgemeinster Ge-
       meinsamkeiten in  Methodik und  Logik der Wissenschaften verfehlt
       schon durch  den Zugang  das Ziel,  den  "Gesamtzusammenhang  der
       Dinge und der Kenntnis von den Dingen" aufzuklären.
       Für diese wissenschaftstheoretischen Ansätze existiert der Singu-
       lar 'Wissenschaft'  nur als  verständige Abstraktion,  die anhand
       einiger Merkmale Identität und Unterschied der unter das Abstrak-
       tum 'Wissenschaft'  fallenden Exemplare  fixiert; sie  stehen auf
       dem methodischen  Standpunkt der  klassifizierenden Biologie  vor
       der zweiten  Hälfte des  18. Jahrhunderts.  Wie aber eine Tierart
       nicht durch  das Vorhandensein  zum Beispiel bestimmter Zahntypen
       und das Fehlen zum Beispiel bestimmter Behaarung Art ist, sondern
       sich durch die wirklichen Beziehungen der Artvertreter zu anderen
       Artvertretern und zu Nichtmitgliedern der Art als Art vermittelt,
       die ihrerseits,  z.B. durch  die Erbinformationen,  das zusammen-
       und ausschließende  Verhalten der  individuellen Artexistenz  be-
       stimmt, so  käme dem  Singular 'Wissenschaft' überhaupt keine Be-
       deutung zu,  gälte es, wie der Zugang jener Wissenschaftstheorien
       unterstellt, an  ganz und  gar selbständigen, sich nicht von sich
       aus aufeinander beziehenden Wissenschaften durch äußere Reflexion
       einige  allgemeine   Gemeinsamkeiten  zu  fixieren.  Der  nächste
       Schritt, nämlich  die Erklärung dieser herausgehobenen Gemeinsam-
       keiten zum  Kern oder  Wesen der Wissenschaften, demgegenüber die
       Unterschiede bloß den Gegenständen, und d.h. der so im Grunde zu-
       fällig  gefaßten   Wirklichkeits-Mannigfaltigkeit  gedankt  sind,
       stellt einen  Reduktionismus und  eine Verabsolutierung  der  Ab-
       straktion dar, durch die nicht allein der "Gesamtzusammenhang der
       Dinge und der Kenntnis von den Dingen" ausgeklammert ist, sondern
       durch die die scheinbar überwundene traditionelle Philosophie Re-
       surrektion feiert, allerdings als Farce, als ein Apriorismus näm-
       lich, der  opportunistisch die  jeweiligen Wissenschaften Verfah-
       rensweisen als absolute heiligspricht.
       Schon diese  grundsätzliche Abgrenzung verdeutlicht wohl, daß das
       Verhältnis zu  den Wissenschaften  den Kern der dialektisch mate-
       rialistischen Theorie  betrifft. Ergänzend  kann noch darauf ver-
       wiesen werden,  daß von  diesem Verhältnis auch ihr nicht-kontem-
       plativer Charakter abhängt, ihr Anspruch, die Welt nicht bloß an-
       ders zu interpretieren, sondern Moment ihrer Veränderung zu sein.
       Der Bezug  der dialektisch  materialistischen Theorie  zur Praxis
       kann nicht  unmittelbar sein,  eben weil sie Wissenschaft von den
       allgemeinen Bewegungsund  Entwicklungsgesetzen ist.  Sie kann zur
       Praxis nur  vermittelt über  die Wissenschaften beitragen, die es
       mit den besonderen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen zu tun ha-
       ben und die auf dem heutigen Entwicklungsstand der Arbeit wie der
       gesellschaftlichen Praxis  (dies gilt  im Kapitalismus allerdings
       nur für  den Kampf  der Arbeiterklasse) das dominante intellektu-
       elle Moment  der Arbeit  darstellen. Es gibt immer nur bestimmte,
       auf besondere Sachverhalte gerichtete Praxis. Hier zeigt sich der
       unauflösliche Zusammenhang  zwischen den  beiden Momenten,  durch
       die sich  die dialektisch  materialistische Theorie  von der her-
       kömmlichen Philosophie  unterscheidet, der  Zusammenhang zwischen
       ihrem nicht-kontemplativen  Charakter und ihrem Verhältnis zu den
       Wissenschaften; im  Verhältnis zu  den Wissenschaften  realisiert
       sie ihren  nicht kontemplativen  Charakter, worin übrigens allein
       gewährleistet, daß  sie als praktische Philosophie' nicht dem Ir-
       rationalismus verfällt, der der bürgerlichen praktischen Philoso-
       phie' eigen ist.
       Die fundamentale  Bedeutung des Verhältnisses zu den Wissenschaf-
       ten für  die dialektisch materialistische Theorie ist so wohl un-
       schwer einzusehen und ebenso, daß dies Verhältnis nicht unkompli-
       ziert zu  denken ist.  Dabei geht es nicht darum, dies Verhältnis
       nach Art schlechter Philosophie komplizierter darzustellen als es
       in der Praxis ist. Vielmehr ist von den Problemen auszugehen, die
       in dieser  Praxis, nämlich  im wirklichen Verhältnis zwischen den
       Wissenschaften und der dialektisch materialistischen Theorie exi-
       stieren.
       
       9.
       
       Im Zentrum dieser Probleme steht die Frage, ob die einzelnen Wis-
       senschaften dialektisch  sind. Obgleich  diese Frage auch für die
       spezifisch historischen Wissenschaften durchaus Relevanz hat, so-
       bald über die Versicherung, daß Entwicklungsprozesse eo ipso dia-
       lektisch zu  begreifen sind,  hinausgegangen wird, wollen wir sie
       gerade hinsichtlich der nicht-historischen Disziplinen der Natur-
       wissenschaft stellen. Diese Frage hat gewöhnlich den spezielleren
       Sinn, ob  die dialektische  Methode Methode  solcher  Disziplinen
       sein kann.
       Nach den Erfahrungen, die sich mit dem Namen Lyssenkos verbinden,
       besteht Einigkeit  darüber, daß  die dialektisch materialistische
       Theorie gerade  nicht nach  Art eines  materialistisch drapierten
       Hegelianismus dergestalt die allgemeine wissenschaftliche Methode
       sein kann, daß die Wissenschaften allesamt sich ihrer so, wie sie
       auf dem  jeweiligen Entwicklungsstand  der dialektisch materiali-
       stischen Theorie  vorliegt, bedienen und sie als von ihr übernom-
       mene anwenden, also ohne Berücksichtigung der Spezifik des jewei-
       ligen Fachgegenstandes und so ohne Berücksichtigung des Ausgangs-
       punkts jeder Wissenschaft, der Tatsachen. Das gelegentlich zu be-
       obachtende andere  Extrem ist  nicht weniger bedenklich und führt
       zur völligen Konfusion, nämlich die Manier, die Methodik der ein-
       zelnen Wissenschaften,  so wie  sie gerade  vorliegt, für dialek-
       tisch zu erklären.
       Nicht nur unfruchtbar, sondern den wirklichen Zugang blockierend,
       ist auch eine sich dialektisch dünkende Wissenschaftstheorie, die
       bestimmte Momente  der wissenschaftlichen Methodik - z.B. Analyse
       und Synthese  - heraushebt,  um diese Momente entweder selbst als
       dialektisch oder  undialektisch zu  klassifizieren (etwa die Ana-
       lyse als  undialektisch, weil sie zum abstrakt Allgemeinen führt)
       oder beide  Momente zusammen,  in ihrer  wechselseitigen Vermitt-
       lung, als  eine 'dialektische Einheit' zu deklarieren. Es ist un-
       schwer zu  sehen, daß das Herausheben solcher Momente selbst eine
       gewöhnliche analytische  Operation ist,  deren Resultat  die Form
       des abstrakt  Allgemeinen hat,  durch Abstraktion  die "Form  der
       Identität" erhält  (Hegel). 50)  An ihm kann es nichts geben, was
       dialektisches Begreifen  erforderte. Mit der wechselseitigen Ver-
       mittlung solcher  Momente steht  es nicht anders; es handelt sich
       gerade nicht  um eine dialektisch zu begreifende Einheit. Im Ver-
       hältnis solcher  Momente ist  zwar -  unter Umständen - das Wesen
       der Sache  erfaßt, aber in der Form der "bloßen Möglichkeit", 51)
       d.h. in  der Sphäre  des ausgeschlossenen  Widerspruchs. Es  gilt
       hierbei zu  sehen, daß  in dieser Weise vorgehende Wissenschafts-
       theorie oder Methodologie selbst nicht dialektisch verfährt, son-
       dern vielmehr  so, wie  die nicht-historischen Disziplinen selbst
       zu verfahren  scheinen; es  handelt sich  um eine Widerspiegelung
       des methodischen  Scheins dieser  nicht-historischen Disziplinen.
       Dies läßt  sich (exemplarisch)  daran verdeutlichen,  daß Wissen-
       schaftstheorie dieser  Art das Wesen der Wissenschaft in der Form
       der bloßen  Möglichkeit faßt  und so den Schein reproduziert, als
       sei Wissenschaft  das geistige Geschäft der Bildung und in-Bezie-
       hung-Setzung von Abstrakta.
       Bei Hegel  kann man  sich den  Fingerzeig holen,  wieso auf diese
       Weise niemals zum wissenschaftlichen Erklären, d.h. zum Begreifen
       der Notwendigkeit  einer Sache zu kommen ist: das "real Mögliche"
       ist ausgeklammert. 52) Um dies an der Synthese klar zu machen: Es
       gibt keine  Synthese, ohne  daß die analytisch gewonnenen Momente
       eben als Momente, also in ihrem Verhältnis zueinander erfaßt wer-
       den. Aber  dieses Erfassen der Verhältnisse zwischen den Momenten
       ist noch  nicht die Synthese; aus diesen Verhältnissen soll viel-
       mehr ein  Konkretes gedanklich  entwickelt werden.  Wie aber soll
       das möglich  sein, ohne  in den  von Hegel  wie Marx kritisierten
       Fehler zu  verfallen, "daß  der Anfang (der Synthese - d.V.) zwar
       von einem  Allgemeinen gemacht wird, die Vereinzelung und Konkre-
       tion desselben  aber nur  eine Anwendung  des Allgemeinen auf an-
       derswoher hereinkommenden Stoff ist". 53) Es ist in der Tat nicht
       zu sehen,  wie dies  vermieden werden  kann, wenn das Allgemeine,
       von dem  die Synthese ausgeht, nur abstrakt Allgemeines ist. (Von
       k = mb - vgl. die 2. und 4. Definition der 'Principia' Newton's -
       ist in  der Tat nur in der kritisierten Weise zu irgendeinem kon-
       kreten Phänomen  der Dynamik  zu gelangen; dasselbe gilt übrigens
       für den Versuch, aus einem der Grundgesetze der Dialektik irgend-
       einen wirklichen Prozeß ableiten zu wollen; es ist daher kein Zu-
       fall, wenn  diese Grundgesetze  immer nur  durch Exempel verdeut-
       licht werden können.)
       Diese Sackgasse  entsteht durch  das, was als methodischer Schein
       bezeichnet wurde;  dieser besteht  logisch in  folgendem. In  der
       wissenschaftlichen Analyse  - dies unterscheidet sie von der vor-
       wissenschaftlichen -  werden die  untersuchten Eigenschaften  be-
       stimmter Dinge  gedanklich so  transformiert, daß  sie sich nicht
       länger als  Momente dieser  Dinge, sondern  als Momente eines we-
       sentlichen  Zusammenhangs   solcher   Momente   darstellen;   sie
       e r s c h e i n e n  im Resultat der Analyse nicht als Dingeigen-
       schaften, sondern  als Momente  eines gesetzmäßigen Wirkzusammen-
       hangs (so  etwa die  Gewichts- oder Schwereeigenschaft eines kör-
       perlichen Dings  in jenem  k =  mb als Moment eines gesetzmäßigen
       Zusammenhangs mit  den Momenten  Kraft und Beschleunigung). Diese
       Erscheinungsweise des Analyseresultats ermöglicht den Schein, als
       könne auch  davon abstrahiert  werden, daß jene Momente eines ge-
       setzmäßigen Wirkzusammenhangs tatsächlich nur als Wirkeigenschaf-
       ten von Dingen wirksam sind (die Verwechslung, um die es sich lo-
       gisch handelt, besteht also darin, daß die Abstraktion davon, daß
       die untersuchten Momente Eigenschaften  b e s t i m m t e r  Din-
       ge sind,  für die Abstraktion vom Eigenschaftscharakter überhaupt
       genommen wird).  Natürlich kann  man davon abstrahieren, daß jene
       Momente nur  als Eigenschaften  von Dingen überhaupt wirken; bloß
       eine an  wirklicher  Erklärung  interessierte  Wissenschaft,  die
       nicht beim  bloß Möglichen  stehen bleiben, sondern zur syntheti-
       schen Entwicklung  eines Konkreten fortschreiten will, kann nicht
       davon abstrahieren. Sie hat gerade darin, daß die Momente nur als
       Dingeigenschaften wirken, das 'real Mögliche', das zur Notwendig-
       keit einer  Sache, zum  gedanklich rekonstruierten  Konkreten als
       Einheit von  Möglichem und  Wirklichem führt.  Wenn die einzelnen
       Wissenschaften,  deren  methodisches  Bewußtsein  im  allgemeinen
       nicht entwickelter ist als das der hier kritisierten Methodologie
       oder Wissenschaftstheorie,  an diesem Punkt ihrer Praxis nicht in
       die Irre  gehen, so  liegt das an einem gewöhnlichen Umstand, der
       indes an  jedem Experiment  unschwer zu entdecken ist: Die analy-
       sierten Momente  sind nur  als Dingeigenschaften darstellbar, und
       zwar so,  daß ein Ding, das das zu untersuchende Moment als seine
       Eigenschaft aufweist, als Repräsentant des Moments steht; das ab-
       strakt Allgemeine  wird also  durch ein konkret Einzelnes vertre-
       ten.
       Dieser Zusammenhang  zwischen abstrakt  Allgemeinem  und  konkret
       Einzelnem ist  für wissenschaftliches Denken insgesamt kennzeich-
       nend. Man  kann ihn  sich daran  verdeutlichen, daß die Bedeutung
       von ganz  und gar  formalisierten Aussagen z.B. der theoretischen
       Physik nur  über den  Rückbezug der Aussagenelemente auf die vor-
       ausgesetzten Meßoperationen bzw. Experimentalanordnungen eingese-
       hen werden  kann. Elementar tritt - wie Hegel zeigte - dieser Zu-
       sammenhang in  der Grundform des Urteils zu tage, die besagt, daß
       Einzelnes Allgemeines  sei. Der  Zusammenhang  zwischen  abstrakt
       Allgemeinen und konkret Einzelnem, der als das konkret Allgemeine
       bezeichnet werden  soll, tritt  uns im Urteil in der Form des Wi-
       derspruchs entgegen.  Im  Unterschied  zum  abstrakt  Allgemeinen
       schließt das  konkret Allgemeine  den Widerspruch nicht aus, son-
       dern ein  (es ist  aus der Sphäre des bloß Möglichen herausgetre-
       ten).
       Dieser wissenschaftlichem  Denken elementar inhärente Widerspruch
       bleibt ein  Mysterium des  Geistes und könnte einem aparten Idea-
       lismus als Ausgangspunkt dienen, solange die Wissenschaft als Äu-
       ßerung des  reinen Geistes  begriffen wird;  es ist verständlich,
       wenn von  diesem Standpunkt  aus dieser Widerspruch einfach igno-
       riert wird.  Er verliert  alles Geheimnisvolle und wird im Gegen-
       teil zu  einem außerordentlich  wichtigen Leitfaden  des  Wissen-
       schaftsverständnisses, sobald  die Wissenschaft  der Wirklichkeit
       entsprechend als gegenständliche Tätigkeit und als Moment der ge-
       sellschaftlichen Arbeit, wenn sie als 'allgemeine Arbeit' begrif-
       fen wird.  In diesem Widerspruch tritt nämlich nichts anderes als
       eben der  gegenständliche Charakter dieser Allgemeinen Arbeit' in
       Erscheinung. Dies  erweist die Repräsentation eines abstrakt All-
       gemeinen durch  ein konkret  Einzelnes: Das  Repräsentierende ist
       konkret allgemein,  nämlich Einheit  von abstrakt Allgemeinem und
       konkret Einzelnem,  in genau  der Weise, wie das Werkzeug Einheit
       von Subjektivem  und Objektivem ist; das Repräsentierende ist Ar-
       beitsmittel der  'allgemeinen Arbeit'  und stellt die ihm als Ar-
       beitsmittel eigene  Einheit von  Subjektivem und  Objektivem  als
       Einheit von abstrakt Allgemeinem und konkret Einzelnem dar, - wo-
       raus nun  gerade nicht der Schluß zu ziehen ist, daß also das Ob-
       jektive als  konkret Einzelnes  zu charakterisieren  ist, während
       das Allgemeine  dem Subjekt vorbehalten sei. Das konkret Einzelne
       kann nur  ein Allgemeines repräsentieren, weil es als eine seiner
       Eigenschaften hat,  was durch  die Analyse als allgemeines Moment
       fixiert wird,  repräsentierend erweist  es die  Objektivität  und
       Wirklichkeit des  abstrakt Allgemeinen,  aber so, daß es zugleich
       zeigt, daß  dies abstrakt Allgemeine nur als Moment eines konkret
       Einzelnen wirklich ist.
       Kommen wir von hier aus auf die Frage zurück, ob die nicht-histo-
       rischen Wissenschaften  dialektisch sind,  so können  wir  darauf
       zunächst die  Antwort geben,  daß es eine sinnlose Frage ist, so-
       lange diese  Wissenschaften nicht  in ihrem gegenständlichen Cha-
       rakter erfaßt  werden. Betrachtet man sie als Äußerungen des rei-
       nen Geistes,  so hat  man gerade eine Abstraktion vollzogen, auf-
       grund derer  sie in der Form der "bloßen Möglichkeit" erscheinen,
       und d.h.  unter Ausschluß  des Widerspruchs,  also undialektisch.
       Die dialektischen Widersprüche; die sich dann dennoch zeigen kön-
       nen, etwa  in der  Elementarform des  Urteils, müssen  auf dieser
       Grundlage als  Mysterium gelten.  Die Auffassung der Wissenschaft
       als 'allgemeine  Arbeit' ist die Grundlage, um die Wissenschaften
       als einen  Prozeß überhaupt  zu thematisieren, der dialektisch zu
       begreifen ist.
       
       10.
       
       Die Ausarbeitung  der von  Marx - trotz des von Jungnickel veröf-
       fentlichten Manuskripts  - ja  nur umrissenen Auffassung der Wis-
       senschaft als  'allgemeiner Arbeit'  ist ein  Desiderat, auf  das
       auch hier  nur als eine wichtige Aufgabe hingewiesen werden kann.
       Die Erträge, die davon für die dialektisch materialistische Theo-
       rie zu  erwarten sind,  lassen sich  schon an der Relevanz dieser
       Auffassung für die materialistische Widerspiegelungstheorie erse-
       hen. Ist  die Repräsentation  eines Allgemeinen durch ein konkret
       Einzelnes als  ein   m a t e r i e l l e s   Abbild zu begreifen,
       das als Arbeitsmittel der Allgemeinen Arbeit' Einheit von Subjek-
       tivem und Objektivem ist, so läßt sich auf dieser Grundlage nicht
       nur jede  mechanische Verkürzung  der Widerspiegelungstheorie ab-
       wehren, sondern auch über die Versicherung wirklich hinauskommen,
       daß die  Widerspiegelung als Einheit von aktiven und passiven Mo-
       menten zu  begreifen sei;  der Freundeskreis  zur Vernichtung der
       Widerspiegelungstheorie erhält  aber die  Aufgabe, seinen Feldzug
       gegen die wissenschaftlichen Etalons zu richten.
       Diese Ausarbeitung  54) kann sich natürlich nicht damit begnügen,
       die für  Arbeit überhaupt  charakteristische Trias  Arbeitsgegen-
       stand -  Arbeitsmittel - Tätigkeit auch für die wissenschaftliche
       Tätigkeit nachzuweisen  und im  übrigen die differentia specifica
       gegenüber der nicht-allgemeinen Arbeit herauszuarbeiten. So wich-
       tig dies ist, insbesondere die Klarstellung, daß die Wissenschaft
       als konkret  allgemeine Arbeit vom Tauschwert als abstrakt allge-
       meiner zu  unterscheiden ist und daß sie sich dementsprechend von
       den anderen  Arbeiten nicht  als von  abstrakt einzelnen, sondern
       als von  konkret einzelnen  unterscheidet, so präliminaren Status
       haben solche Klarstellungen doch zugleich. Als dialektisch zu be-
       greifender Prozeß  kommt die  Wissenschaft erst  wirklich in  den
       Blick, wenn  die 'allgemeine Arbeit' Wissenschaft in ihrem Zusam-
       menhang mit  der gesellschaftlichen Arbeit, wenn sie als das kon-
       kret allgemeine  Moment des  gesellschaftlichen  Arbeitsprozesses
       gesehen wird. Sie ist als eine besondere Form des intellektuellen
       Moments der Arbeit zu begreifen.
       Damit, nämlich  mit der besonderen Weise, in der die Wissenschaft
       intellektuelles Moment der Arbeit ist, tritt der historische Cha-
       rakter der Wissenschaft ins Blickfeld, wird die Wissenschaft erst
       in umfassender  Weise  als  dialektisch  zu  begreifender  Prozeß
       Thema. Wissenschaft  tritt als  intellektuelles Moment der Arbeit
       zur Erfahrung hinzu und überwiegt allmählich, wenn die Produktion
       auf der  Grundlage der  Erfahrung als  ihr intellektuelles Moment
       die sachlichen wie gesellschaften Bedingungen hervorgebracht hat,
       Naturkräfte in  allgemeiner Form in Produktionsagenten zu verwan-
       deln. Die  Industrialisierung ist  der Prozeß, in dem die Wissen-
       schaft intellektuelles  Moment der Arbeit wird. 55) In der allge-
       meinen Form,  in der  Naturkräfte auf  der Grundlage  der Wissen-
       schaft als  intellektuelles Moment der Arbeit zu Produktionsagen-
       ten werden,  ist der  historische Charakter des Wissenschaftspro-
       zesses zunächst in seiner spezifischen Weise zu begreifen.
       Es ist die der Produktion nutzbar gemachte Erkenntnis, wie Natur-
       kräfte allgemein  wirken, d.h.  nicht nur  in ihrer Erscheinungs-
       weise als  einzelne Wirkverhältnisse  zwischen bestimmten Dingen,
       was davon  sprechen läßt,  daß die industrielle Produktion Natur-
       kräfte in  allgemeiner Form  zu Produktionsagenten macht. Die Un-
       terscheidung zwischen  Erfahrung und  Wissenschaft als Formen des
       intellektuellen Moments  der Arbeit  ist so zwar präzise zu tref-
       fen: immer  wenn Eigenschaften  isoliert von  ihrem "natürlichen"
       Zusammenhang an  einem bestimmten  Ding betrachtet und gedanklich
       in Momente eines Wirkzusammenhangs transformiert werden, der ihre
       Wirkverhältnisse allgemein  darstellt, nämlich  nicht fixiert  an
       der konkret  einzelnen Wirkweise,  die diese  Momente als  Eigen-
       schaften bestimmter  Dinge zeigen,  hat das intellektuelle Moment
       der Arbeit  die Form  der Erfahrung  überschritten; aber  es wird
       doch auf  der anderen Seite sofort sichtbar, wie historisch rela-
       tiv die Allgemeinheit dieser Nutzung von Naturkräften ist.
       Von der  konkret einzelnen  Wirkweise absehen  zu können, die die
       jeweils untersuchten  Momente als  Eigenschaften bestimmter Dinge
       zeigen, das  setzt ja weniger scholastische Distinktionskraft und
       Subtilität als  vielmehr die praktische Fähigkeit voraus, die be-
       treffenden Momente  als Eigenschaften möglichst vieler verschied-
       ner bestimmter Dinge realiter darstellen zu können. Wenn z.B. die
       Menschen in der Produktion im wesentlichen nur tierische und men-
       schliche Leibeskräfte  als Antrieb zu nutzen vermögen, besagt das
       Wort Kraft nicht nur etwas anderes als etwa heute, da Wind-, Was-
       ser-, Wärme-,  Atomkraft etc.  genutzt werden; unter jenen Bedin-
       gungen ist Kraft auch keiner wissenschaftlichen Erfassung zugäng-
       lich. Das  mit dem Wort Kraft Gemeinte läßt sich unter diesen Be-
       dingungen nicht unabhängig von seiner Erscheinung als Eigenschaft
       animalischer Wesen  fassen, und  jede Bezeichnung sonstiger Bewe-
       gungsursachen als Kraft ist - wie an der Impetusphysik zu studie-
       ren - notwendig metaphorisch. Die selbstverständlich immer histo-
       risch-relative, d.h. nie abgeschlossene reale, nämlich praktische
       Fähigkeit, denselben  Effekt  aus  immer  weiteren  verschiedenen
       dinglichen Wirkzusammenhängen  ziehen zu können, diese praktische
       Substitutionsfähigkeit bestimmt als Realvoraussetzung der wissen-
       schaftlichen Analyse  in ihrer  historischen Entwicklung  die der
       wissenschaftlichen Erkenntnis. Wie die Geschichte der Physik hin-
       sichtlich des  Kraft-Begriffs weiterhin  zeigt, setzt die Bildung
       eines Begriffs,  der nicht  nur die  Äquivalenz der verschiedenen
       Kräfte, sondern  sie als Formen eines Identischen darstellt, vor-
       aus, daß die verschiedenen Kräfte nicht nur wechselseitig substi-
       tuiert, sondern ineinander verwandelt werden können (der Energie-
       begriff auf  der Grundlage der Thermodynamik). Marx hat hinsicht-
       lich der Politischen Ökonomie den gleichen Sachverhalt an den hi-
       storischen Bedingungen  für die Bildung eines konkret allgemeinen
       Begriffs der Arbeit vorgeführt. 56)
       Von der  Historizität der Wissenschaft als besondere Form des in-
       tellektuellen Moments  der Arbeit  aus ist  die Wissenschaft  als
       dialektisch zu begreifender Prozeß also nicht nur in der Weise zu
       erschließen, daß  man sie ganz allgemein und unspezifisch als Mo-
       ment des  gesellschaftlichen Arbeitsprozesses begreift und sie so
       an der  dialektisch zu  rekonstruierenden Entwicklung  dieses Ar-
       beitsprozesses gewissermaßen  teilhaben läßt. Von dieser histori-
       schen Dimension  her zeigen  sich vielmehr gerade auch die spezi-
       fisch wissenschaftlichen  Entwicklungen, die  Begriffs- und Theo-
       riebildung, als  dialektisch zu  begreifende Prozesse.  Die so in
       den Blick  kommende Historizität  wissenschaftlicher Theorie- und
       Begriffsbildung, von der in den gewöhnlichen methodologischen Un-
       tersuchungen abgesehen  wird, muß  von denen als ein primäres Un-
       tersuchungsgebiet angesehen  werden, die etwas über den dialekti-
       schen Charakter  der Wissenschaften  ausmachen wollen.  Und  dies
       gilt nicht  nur hinsichtlich  der Bildung  wissenschaftlicher Be-
       griffe, Hypothesen,  Theorien etc., sondern für die wissenschaft-
       liche Methodik selbst. Die Frage, ob die Wissenschaften ihren Ge-
       genstand dialektisch  zu begreifen  haben, erhält in der histori-
       schen Dimension, die in der Erfassung der Wissenschaft als beson-
       derer Form  des intellektuellen  Moments der  Arbeit zu  gewinnen
       ist, die Grundlage ihrer Beantwortung.
       
       11.
       
       Die Frage,  ob die Wissenschaften ihren Gegenstand dialektisch zu
       begreifen haben,  ist zum  einen identisch  mit der Frage, ob sie
       ihn als historischen zu begreifen haben; hinsichtlich der hier in
       den Vordergrund gestellten nicht-historischen Naturwissenschaften
       bedeutet diese  Frage also, ob diese sich zu historischen Wissen-
       schaften entwickeln müssen. Da dies selbstverständlich keine nor-
       mative Forderung sein kann, keine Frage des Sollens, richtet sich
       die Frage auf die immanenten Entwicklungstendenzen dieser Wissen-
       schaften, und zwar in materialistischer Weise, d.h. auf ihre Ent-
       wicklungstendenzen als  intellektuelles Moment  der industriellen
       Produktion.
       Angesichts der  unleugbaren Tatsache,  daß die nicht-historischen
       Naturwissenschaften als  intellektuelles Moment der Arbeit in den
       vergangenen 250-300 Jahren die welthistorisch wohl einschneidend-
       ste Revolutionierung der Produktivkräfte ermöglichten, scheint es
       ratsam, sich  zunächst darüber  zu verständigen, wie sie dies ge-
       rade als nicht-historische vermochten.
       Die industrielle  Produktion kommt,  dies ist  hier zunächst  ins
       Auge zu  fassen, in  einem Moment mit der handwerklichen überein,
       in einem Moment, das beide gleichermaßen von der agrarischen Pro-
       duktion (Tier-  und Pflanzenzucht) auf vorindustrieller Stufe un-
       terscheidet. Die  agrarische Produktion nützt und modifiziert na-
       türliche Produktionsvorgänge,  die von Natur aus, also nicht erst
       aufgrund der  menschlichen Tat stattfinden. Demgegenüber sind die
       handwerklichen und  industriellen Produktionsprozesse  künstlich;
       auf so natürliche Weise sie vonstattengehen, so wenig sind es Na-
       turprozesse in  dem Sinne, daß sie auch (nicht bloß einmal zufäl-
       lig) von Natur aus, ohne initiierende und erhaltende Tat des Men-
       schen stattfinden.  Muß sich  dementsprechend die agrarische Pro-
       duktion zu  den von  ihr genutzten Naturpotenzen pflegend verhal-
       ten, d.h.  ihr natürliches Werden zumindest nicht beeinträchtigen
       und womöglich zu fördern versuchen und kann sie so von der natür-
       lichen Genese  ihrer objektiven  Bedingungen  nicht  abstrahieren
       (sowenig sie  auf vorindustrieller  Stufe zur  wissenschaftlichen
       Erfassung der Genese dieser Bedingungen in der Lage ist), beruhen
       andererseits handwerkliche und industrielle Produktion gerade auf
       dieser Abstraktion. Sie negieren, d.h. zerreißen nicht allein den
       natürlichen Entstehungs-  und Erhaltungszusammenhang  ihrer Mate-
       rialien bei deren Aneignung für die Produktion; auch ihre ideelle
       Erfassung der  zu nutzenden  natürlichen Wirkzusammenhänge beruht
       auf dieser  Negation. Zwar ist diese denkende Erfassung einer Sa-
       che ebenfalls genetisch, nur, sie reproduziert nicht die natürli-
       che Genese einer Sache, sondern ihre Entstehung im Arbeitsprozeß.
       Eine Sache  erklären ist gleichbedeutend mit der ideellen Rekapi-
       tulierung ihrer  Herstellung in Arbeit. Wie am fundamentalen, mit
       dem Namen  des Prometeus,  dem "vornehmsten Heiligen und Märtyrer
       im philosophischen Kalender" (Marx), 57) verbundenen Übergang von
       der Nutzung  natürlich entstandenen  Feuers zu  seiner  Erzeugung
       durch menschliche  Arbeit ersichtlich, richtet sich das intellek-
       tuelle Moment  der nicht-agrarischen Produktion nicht auf die na-
       türliche Entstehung von Sachen, sondern auf die Bedingungen ihrer
       Herstellung.
       Diese Bedingungen sind selbstverständlich nicht unnatürlich; aber
       sie sind  nicht identisch  mit denen,  unter denen die Sache auch
       von Natur  aus entsteht. Sind es anfangs nur andere, vom Menschen
       beherrschbare Bedingungen,  unter denen die Sache neben ihrer na-
       türlichen Entstehung  'auch' entsteht,  nämlich hergestellt wird,
       so ist  darin bereits der Keim einer Verallgemeinerung enthalten,
       von der  her die natürliche Genese von Sachen als besonderer Fall
       ihrer Herstellung  aus ihren  allgemeinen Bedingungen  erscheinen
       wird; d.h. aber, der Keim für die wissenschaftliche Erfassung der
       natürlichen Genese. Es ist also gerade die der handwerklichen und
       industriellen Produktion eigentümliche Abstraktion von der natür-
       lichen Genese  der Naturdinge  die Voraussetzung  und  Grundlage,
       diese Genese wissenschaftlich erfassen zu können. Diese Grundlage
       ist freilich  erst realisiert, wenn das intellektuelle Moment der
       Produktion wissenschaftliche  Form erreicht  hat,  d.h.  auf  der
       Stufe industrieller  Produktion. Die  wissenschaftliche Erfassung
       natürlicher Genesen spielt jedoch für die industrielle Produktion
       zunächst eine  untergeordnete Rolle.  Sie beginnt  damit, wie die
       handwerkliche Produktion  in ihren  Materialien Resultate von Na-
       turprozessen zu  nutzen, ohne  sich um  deren Genese viel zu küm-
       mern; aufgrund  ihrer wachsenden  Einsicht in die allgemeine Form
       von natürlichen  Wirkzusammenhängen gestaltet sie Produktionspro-
       zesse, in  denen eine zweite, durch die Tat des Menschen bedingte
       Naturproduktion entsteht.  Natürliche Produktion  im Sinne  eines
       von Natur  aus stattfindenden  Vorgangs wird neben dieser zweiten
       Naturproduktion zunehmend  "antiquiert" (G.  Anders) und vernach-
       lässigbar. Die  Historie der  Natur scheint in den entsprechenden
       Abteilungen von Astrophysik, Geologie und Biologie nicht nur hin-
       reichend berücksichtigt,  sondern auch  die sonstige Naturwissen-
       schaft durch diese Abteilungen von ihr entlastet.
       Die Ausbeutung  der Erde  auf industrieller  Produktionsstufe und
       die Errichtung  jener zweiten  Naturproduktion drängt  jedoch die
       erste nicht nur in den Hintergrund; beides zusammen stellt viell-
       mehr einen  Eingriff in  jene erste  Naturproduktion dar, der sie
       modifiziert, und zwar in zunehmender Weise so, daß sie die Resul-
       tate nicht mehr hervorzubringen droht, die elementare Bedingungen
       des menschlichen  Organismus wie  der von ihm errichteten zweiten
       Naturproduktion sind  und die  unter der Drohung ihres Versiegens
       als solche Bedingungen ins Bewußtsein treten.
       Wenn so die Natur erneut als "erste Quelle" (Marx) 58) des Lebens
       und der Arbeit hervortritt, so zugleich in einer von allen frühe-
       ren geschichtlichen  Stufen qualitativ unterschiedenen Weise. Sie
       ist "erste Quelle" nicht mehr im Sinne der Lebensspenderin, deren
       geheimnisvolles Erzeugen  mit frommer Scheu gefördert, nicht aber
       durch vorwitzigen  Eingriff beeinträchtigt  werden darf,  und sie
       ist es  nicht mehr  allein als  Arsenal von  Materialien und  als
       Reich zu  nutzender gesetzmäßiger  Wirkzusammenhänge;  es  zeigen
       sich vielmehr  auf dieser Stufe bestimmte Charaktere ihrer terri-
       stischen Gestaltung  (z.B. Temperatur,  chemische Zusammensetzung
       der Atmosphäre  etc.) als   b e s o n d e r e    Bedingungen  von
       insofern   a l l g e m e i n e m   Status, als  die Anwendung der
       Naturkräfte in allgemeiner Form von ihnen in der Praxis nur unter
       Bedrohung der  Gattungsexistenz abstrahieren  kann. Was  hier der
       Verallgemeinerung (in  der Praxis)  scheinbar eine  Grenze setzt,
       ist nicht  die Beschränktheit  des Planeten Erde; es ist vielmehr
       der Mensch selbst, der von sich als Naturwesen nicht abstrahieren
       kann (man braucht nur an die Geschichte der christlichen Religion
       oder an  die Methoden  der Erzielung  des absoluten  Mehrwerts zu
       denken, um  zu wissen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingun-
       gen die  natürliche Existenz des Menschen 'dem' Menschen als eine
       Grenze erscheint).  Die metaphysische Trennung von Natur- und Hu-
       manwissenschaften ist nicht mehr aufrecht zu erhalten.
       Wir sagten,  daß die Wissenschaften in ihrem wirklichen Vollzug -
       anders als in den Augen bestimmter Wissenschaftstheorien - Allge-
       meines nur in Einheit mit konkret Einzelnem darzustellen vermögen
       und nur aufgrund dessen zur (gedanklichen) Entwicklung eines Kon-
       kreten aus  allgemeinen Wirkzusammenhängen  gelängen. Wir  sagten
       weiterhin, daß  die wissenschaftliche Erfassung solcher allgemei-
       nen Wirkzusammenhänge  ein historischer  Prozeß ist,  der von der
       praktischen Substituierbarkeit  der die  Momente der  allgemeinen
       Wirkzusammenhänge  repräsentierenden   einzelnen   Konkreta   und
       schließlich von  deren Umwandlung ineinander bedingt ist. Die na-
       türlichen Genesen  konkreter Sachverhalte  werden auf diese Weise
       zu einem speziellen Fall der Entwicklung eines Konkreten aus sei-
       nen allgemeinen  Bedingungen; d.h.,  der historische  Prozeß  der
       wissenschaftlichen Erfassung allgemeiner Wirkzusammenhänge beruht
       auf der  Abstraktion von solchen natürlichen Genesen als Entwick-
       lungen, deren  besondere Bedingungen  nicht durch andere, und die
       insofern selbst  nicht durch andere substituiert werden können. -
       Unauflöslich ist  also in dieser Wissenschaftsentwicklung der Zu-
       sammenhang zwischen  abstrakt Allgemeinem  und seiner Repräsenta-
       tion durch  konkret Einzelnes;  die Entwicklungsrichtung  bestand
       darin, wirkliche  Allgemeinheit durch universelle Substituierbar-
       keit der  Repräsentanten zu erreichen, nicht an besondere konkret
       Einzelne als  Repräsentanten gebunden  zu sein. In der eben skiz-
       zierten Situation  der industriellen  Produktion treten  nun aber
       gerade besondere,  bestimmte konkret  einzelne Bedingungen in den
       Blick, deren  Substituierbarkeit zwar  theoretisch  möglich  ist,
       aber nur  unter Abstraktion vom Menschen als Naturwesen, also un-
       ter Bedrohung  seiner Existenz. Hier zeigt sich also ein Maß- und
       Knotenpunkt der  Entwicklungsrichtung der wissenschaftlichen Ver-
       allgemeinerung. Die   n a t ü r l i c h e n  Entstehungs- und Er-
       haltungsbedingungen des  Naturwesens Mensch,  dessen Äußerung die
       Wissenschaft ist,  bilden in  ihrer unsubstituierbaren  Besonder-
       heit, bilden  als  b e s t i m m t e  einzelne Konkreta einen un-
       auflöslichen Zusammenhang mit dem Allgemeinen.
       Greifen wir auf unsere Unterscheidung zwischen erster und zweiter
       Naturproduktion zurück, so bedeutet dies, daß die erste Natur als
       Produzentin bestimmter Existenzbedingungen des Naturwesens Mensch
       durch die  Gestaltung der  zweiten Natur  erhalten und  gefördert
       werden muß;  die erste Natur ist aus einer externen Bedingung des
       Menschen und der von ihm ins Werk gesetzten zweiten Natur in eine
       Voraus - s e t z u n g   zu verwandeln;  sie ist  durch eine ihre
       Reproduktion gewährleistende  Gestaltung der zweiten Natur zu ei-
       nem dieser  internen Moment  zu machen. Der Gegenstand der Natur-
       wissenschaften kommt  als historischer insofern in den Blick, als
       die Naturwissenschaft  als  intellektuelles  Moment  der  gesell-
       schaftlichen Produktion  auf dieser Entwicklungsstufe von den na-
       türlichen Entstehungs-  und Erhaltungsbedingungen bestimmter Exi-
       stenzmomente der  Menschengattung nicht  nur  nicht  abstrahieren
       darf, sondern deren natürliche Reproduktion gewährleisten muß.
       
       12.
       
       Wie schon  die Aufhebung der metaphysischen Trennung zwischen Na-
       tur- und  Humanwissenschaften, deren Notwendigkeit sich in dieser
       Entwicklung abzeichnet,  indiziert, ist  die skizzierte immanente
       Tendenz der  Wissenschaften, ihren  Gegenstand dialektisch zu be-
       greifen, eine  Tendenz der  arbeitsteiligen Totalität der Wissen-
       schaften als  intellektuelles Moment der industriellen Produktion
       auf der  heutigen Entwicklungsstufe.  Die Realisation dieser Ten-
       denz ist  unauflöslich mit der Überführung dieses intellektuellen
       Moment aus  einer naturwüchsigen  in eine bewußte und beherrschte
       Totalität verbunden.  Von hieraus wird erst voll ersichtlich, daß
       es Engels  nicht um  ein kontemplatives  Resümee jeweils post fe-
       stum geht,  wenn er die "Dialektik als Wissenschaft vom Gesamtzu-
       sammenhang" definiert.  Genau im  Hinblick auf  diese Realisation
       kommt der  dialektisch materialistischen  Theorie ihre  temporäre
       besondere Rolle  zu. "Sobald  an jede  einzelne Wissenschaft  die
       Forderung herantritt,  über ihre  Stellung im  Gesamtzusammenhang
       der Dinge  und der  Kenntnis von  den Dingen sich klar zu werden,
       ist jede  besondere Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüs-
       sig." 59)  Sie ist  aber gerade  nicht überflüssig zur Erreichung
       dieses "sobald".
       Nun ist  nicht länger  davon zu abstrahieren, daß die Realisation
       des intellektuellen Moments der gesellschaftlichen Produktion als
       bewußte und  beherrschte Totalität  nichts geringeres voraussetzt
       als die  Realisation des  gesellschaftlichen Gesamtarbeiters  als
       sich selbst  bestimmende Totalität,  d.h. als sozialistisches Ge-
       meinwesen. So wird auch klar, daß bei dieser Realisation das Ver-
       hältnis der  dialektisch materialistischen Theorie zu den Wissen-
       schaften nicht  dasselbe sein  kann in industriellen Gesellschaf-
       ten, von  denen die eine noch vom Privateigentum an den Produkti-
       onsmitteln und die andere bereits durch das Gemeineigentum an ih-
       nen bestimmt ist. Während im zweiten Fall der Beitrag der dialek-
       tisch materialistischen Theorie zur Realisation des intellektuel-
       len Moments  der Arbeit in seiner Totalität als beherrschtes all-
       gemeines Moment der Arbeit des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters
       auf der  Grundlage des  Gemeineigentums an den Produktionsmitteln
       gewissermaßen konstruktiv,  im Rahmen der planmäßigen Entwicklung
       der Produktion  und des  gesellschaftlichen Lebens  erfolgen kann
       (womit er  selbstverständlich nicht  auch gleich  ein Kinderspiel
       wird), muß er in der kapitalistischen Gesellschaft notwendig Züge
       einer Wissenschafts-Kritik  haben. Es  ist in diesem Zusammenhang
       von großer  Bedeutung, wenn  Lenin das Verhältnis der dialektisch
       materialistischen Theorie  zur modernen Naturwissenschaft als ein
       "Bündnis" charakterisierte. 60) Es handelt sich bei der geforder-
       ten Wissenschafts-Kritik  nicht um  Ideologiekritik im  Sinne der
       Frankfurter Schule  oder des  Wahren Deutschen  Sozialismus,  als
       hätten sich  die Wissenschaften  irgendetwas  "aus  dem  Kopf  zu
       schlagen" oder  als seien sie auf irgendeine philosophische Lehre
       einzuschwören. Es geht vielmehr um insofern immanente Kritik, als
       es Charakter  und Tendenz  der Wissenschaften als intellektuelles
       Moment der  industriellen Produktion  auf ihrer heutigen Entwick-
       lungsstufe selbst sind, von wo aus die Naturwüchsigkeit zu kriti-
       sieren ist, die den Zusammenhang der Wissenschaften mit der mate-
       riellen Produktion  wie der  Wissenschaften untereinander auf der
       Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln auszeich-
       net. Es geht also in dieser Kritik um die Mobilisation des Wider-
       spruchspotentials der Wissenschaften als Moment der gesellschaft-
       lichen Produktivkräfte gegen die sie und ihre Entfaltung fesseln-
       den kapitalistischen  Produktionsverhältnisse und in diesem Sinne
       um die Realisation eines Bündnisses.
       Als diese  immanente Kritik  ist die dialektisch materialistische
       Theorie gehalten,  den ideellen  Niederschlag jener Naturwüchsig-
       keit in  Begriffsbildungen,  Methodenreflexionen,  Wissenschafts-
       theorie etc.  aufzudecken und den von dieser Naturwüchsigkeit und
       ihrem Reflex  überdeckten konkreten  Gesamtzusammenhang  zwischen
       der materiellen  Produktion und  ihrem intellektuellen Moment wie
       zwischen den Gliedern dieses Moments, den Wissenschaften, positiv
       aufzuzeigen, und zwar gerade auch in der Herausarbeitung der die-
       sem Zusammenhang  angemessenen theoretischen  Formen. Diese viel-
       leicht dem  ersten Blick  wie traditionelle Philosophie oder Wis-
       senschaftstheorie erscheinende  Aufgabe steht  nicht als eine Al-
       ternative zum politischen Charakter der dialektisch materialisti-
       schen Theorie  in der  kapitalistischen Gesellschaft, sondern ist
       vielmehr ein, wenn nicht sogar das hauptsächliche Feld der Bewäh-
       rung dieses  Kampfcharakters. Dafür, daß diese Aufgabe nicht nach
       Art traditioneller  Philosophie oder Wissenschaftstheorie erfüllt
       wird, ist  die Auffassung  der Wissenschaften als allgemeines Mo-
       ment der  gesellschaftlichen Arbeit  auf industrieller  Stufe die
       Grundlage; diese Grundlage ist freilich konkret auszuarbeiten, um
       jene immanente Kritik wirklich führen zu können.
       
       _____
       1) Marx Engels Werke (MEW), Berlin (DDR) 1957., Bd. 20, S. 307.
       2) K. Marx:  Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Ber-
       lin (DDR) 1953, S. 7.
       3) MEW Bd. 23, S. 192.
       4) MEW Bd. 19, S. 15.
       5) Grundrisse, a.a.O., S. 12.
       6) Ebenda.
       7) P. Ruben:  Von der 'Wissenschaft der Logik' und dem Verhältnis
       der Dialektik zur Logik, in: H. Ley (Hrsg.): Zum Hegelverständnis
       unserer Zeit, Berlin (DDR) 1972, S. 89.
       8) Grundrisse, a.a.O., S. 15.
       9) P. Ruben: Von der 'Wissenschaft der Logik'..., a.a.O., S. 91.
       10) P. Ruben:  Wissenschaft als  allgemeine Arbeit,  in: SOPO Nr.
       36, S. 25.
       11) Ebenda.
       12) Vgl. zum folgenden: Grundrisse, a.a.O., S. 21 ff.
       13) P. Ruben: Wissenschaft als allgemeine Arbeit, a.a.O., S. 15.
       14) G.W.F. Hegel:  Einleitung in  die Geschichte der Philosophie,
       Hamburg 1966, S. 100/1.
       15) Grundrisse, a.a.O., S. 22.
       16) MEW Erg. Bd. 1. Teil, S. 574, Anm. 7/2.
       17) G.W.F. Hegel:  Werke (HW),  Frankfurt/M. 1969  ff., Bd. 8, S.
       380.
       18) Ebenda, S. 109.
       19) Ebenda, S. 169.
       20) Ebenda, Bd. 6, S. 510.
       21) Ebenda, S. 511.
       22) Ebenda, S. 548 ff., bes. S. 551 u. S. 565/6.
       23) MEW Erg. Bd. 1. Teil, S. 584; MEW Band 1, S. 213.
       24) HW Band 6, S. 489 ff. u. S. 527.
       25) Ebenda, Bd. 8, S. 381.
       26) Ebenda, Bd. 6, S. 259.
       27) MEW Erg. Bd. 1. Teil, S. 585.
       28) Ebenda, S. 584 f.
       29) Vgl. MEW Bd. 1, S. 267 u. S. 212.
       30) Ebenda, u.a., S. 286 f.
       31) Ebenda.
       32) Vgl. P. Ruben: Die materialistische Dialektik und ihre Grund-
       gesetze, in: Gesetz-Erkenntnis-Handeln, Berlin (DDR) 1972, S. 158
       ff.
       33) F. Engels: MEW Bd. 20, S. 131/2.
       34) W.I. Lenin: Konspekte zur 'Wissenschaft der Logik', in: Werke
       (LW), Bd. 38, S. 131.
       35) Vgl. Grundrisse, a.a.O., S. 21-31.
       36) Ebenda, S. 364.
       37) Ebenda, S. 365.
       38) Ebenda, S. 27.
       39) Vgl. zum  folgenden insbesondere:  K. Holzkamp: Sinnliche Er-
       kenntnis, Frankfurt/M. 1973; A.N. Leontjew: Probleme der Entwick-
       lung des  Psychischen, Frankfurt/M.  1973; V.  Schurig:  Naturge-
       schichte des Psychischen 2, Frankfurt/M. 1975; ders.: Die Entste-
       hung des Bewußtseins, Frankfurt/M. 1976.
       40) Grundrisse, a.a.O., S. 88.
       41) Ebenda, S. 6.
       42) R. Alt:  Vorlesungen über die Erziehung auf frühen Stufen der
       Menschheitsentwicklung, Berlin (DDR) 1956, S. 26.
       43) MEW Bd. 20, S. 20 ff., S. 129 u.a.O.m.
       44) LW Bd. 38, S. 338.
       45) MEW Bd. 20, S. 307.
       46) MEW Bd. 25, S. 113.
       47) MEW Bd. 20, S. 131 f.
       48) Ebenda, S. 129.
       49) Ebenda, S. 24.
       50) HW Bd. 8, S. 282.
       51) Ebenda, S. 287.
       52) Ebenda, S. 147.
       53) HW Bd.  6, S.  532; für Marx vgl. z.B. Grundrisse, a.a.O., S.
       161.
       54) Vgl. hierzu  P. Ruben:  Wissenschaft als  allgemeine  Arbeit,
       a.a.O.
       55) Vgl. MEW Bd. 23, Kap. 13.
       56) Grundrisse, a.a.O., S. 24 f.
       57) MEW Erg. Bd. I, S. 263.
       58) MEW Bd. 19, S. 15.
       59) MEW Bd. 20, S. 24.
       60) LW Bd. 33, S. 218 f.
       

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