Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Rezensionen
       
       LUCIANO GRUPPI: GRAMSCI - PHILOSOPHIE DER PRAXIS UND
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       DIE HEGEMONIE DES PROLETARIATS. VSA, WESTBERLIN 1977.
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       Mit diesem  Buch wird  ein erster  Beitrag  zur  westeuropäischen
       Gramsci-Debatte einem breiteren westdeutschen Publikum zugänglich
       gemacht. Bisher stellten die wenigen vorhandenen Veröffentlichun-
       gen keinen Bezug zu den Themen her, welche gerade heute die Gram-
       sci-Lektüre neu bestimmen, nämlich Gramscis Staats- und Revoluti-
       onstheorie. (Eine gute Übersicht bietet hier übrigens die Sammel-
       rezension von  Karin Priester,  Antonio Gramsci und der italieni-
       sche Marxismus, in: Neue Politische Literatur 2 76.)
       Die Diskussion  mit Gramsci-Interpreten,  die dem PCI nahestehen,
       gewinnt im  Rahmen der  derzeit aktuellen politischen Entwicklung
       immer mehr  an Bedeutung. Im Rahmen dieser Debatte leistet Gruppi
       einen grundlegenden  Beitrag. Sein  wesentlicher Untersuchungsge-
       genstand ist  das Verhältnis  zu Lenin. In der Frage, ob Gramscis
       Kontinuität mit dem Leninismus oder seine Originalität zu betonen
       sei, stellt  Gruppi die  These auf,  daß Gramsci  den  Leninismus
       sowohl konsequent  auf die  italienischen Verhältnisse angewendet
       als auch weiterentwickelt habe. Diese These entwickelt Gruppi aus
       den inhaltlichen Konsequenzen des Kampfes beider gegen die in der
       II. Internazionale  vorherrschende Vulgarisierung  des  Marxismus
       zum mechanistischen ökonomischen Determinismus /S. 75 u. S. 100/,
       der den  Übergang zum  Sozialismus als  einen vom  revolutionären
       Subjekt unabhängigen  Verlauf, als evolutionären Prozeß verstand.
       /S. 51/  Bei einer  solchen Auffassung  blieben  "der  politische
       Kampf, der  gesellschaftliche Kampf  um die  Staatsmacht, die In-
       itiative des  revolutionären Subjekts und die Funktion der Partei
       im Dunkeln". /S. 51/
       Gruppi skizziert  die theoretische  Entwicklung Lenins von dessen
       ersten Schriften  an. Hierbei  mißt er Lenins Wiedergewinnung des
       Marxschen Begriffs der ökonomischen Gesellschaftsformation beson-
       dere Bedeutung  bei. /S.  40/ Dieser Begriff beinhalte zu verste-
       hen, daß  die Gesellschaft  als einheitliches,  in ständiger Ent-
       wicklung begriffenes Ganzes zwar auf Basis und Überbau beruhe /S.
       47/, daß die Erkenntnis der ökonomischen Basis aber nicht mit der
       gesamten Wirklichkeit,  mit der  ökonomischen Gesellschaftsforma-
       tion überhaupt, zu verwechseln sei. /S. 50/ Nur mit einem solchen
       Verständnis könne man der Initiative der revolutionären Arbeiter-
       klasse den  richtigen Raum zumessen, und damit die Frage nach He-
       gemonie und  Bedeutung der revolutionären Partei adäquat stellen.
       /S. 54/
       Lenin verstand  unter Hegemonie  (u.a. in  "Was tun?  " und "Zwei
       Taktiken") die  Fähigkeit zur politischen, ideologischen und kul-
       turellen Führung  eines bestimmten  Bündnistyps vor  und nach der
       Revolution. Gramsci erweiterte den Hegemoniebegriff aufgrund sei-
       ner Untersuchung  der gescheiterten  Revolutionen im  Westen nach
       dem ersten  Weltkrieg sowie der Untersuchung der Unterschiede der
       entwickelten  kapitalistischen  Gesellschaften  zum  zaristischen
       Rußland. Während  im zaristischen Rußland der Staat alles und die
       bürgerliche Gesellschaft  "embryonal und  ungebändig" gewesen sei
       und nicht  "Graben oder  Festung" werden konnte, genüge es im We-
       sten nicht, "den Staat zu erobern, man muß die Schützengräben und
       die Kasematten  der bürgerlichen  Gesellschaft einnehmen. Deshalb
       kann man  im Osten  einen Bewegungskrieg  und muß im Westen einen
       Stellungskrieg führen."  /S. 172/  So ist "Hegemonie ... die Füh-
       rungsfähigkeit, die der Diktatur des Proletariats die notwendigen
       gesellschaftlichen Grundlagen  bereitet" /S. 82/, d.h. die Fähig-
       keit, ein widersprüchliches Klassenbündnis mit durchaus zentrifu-
       galen Tendenzen  durch  K o n s e n s b i l d u n g  vor und nach
       der Revolution zu führen (direzione),  u n d  die Kraft, die geg-
       nerischen Klassen  zu unterdrücken  (domino). Revolution auch als
       "intellektuelle und moralische Reform" /S. 25/, eine Anschauungs-
       weise, die  weit über  die Rechtfertigung von gewissen Unterdrüc-
       kungsfunktionen durch den revolutionären Staat hinausweist.
       Die entscheidende  Neuerung von  Gramsci sieht  Gruppi darin, daß
       dieser mit dem Begriff der Hegemonie "die komplexe Gliederung des
       Überbaus und  der gesamten  Entwicklung der  ökonomischen Gesell-
       schaftsformation zu  erfassen" vermag und "in all ihrer Komplexi-
       tät beleuchtet". /S. 116/
       Basis und  Überbau bilden einen historischen Block. Dieser histo-
       rische Block  wird mit  der Hegemonie  der herrschenden  oder zur
       Herrschaft strebenden Klasse errichtet, "d.h. sie (die Hegemonie)
       tendiert dahin, eine Einheit unterschiedlicher gesellschaftlicher
       und politischer  Kräfte zu verwirklichen, die sich durch eine von
       ihr ausgearbeitete  und verbreitete Weltanschauung zusammenhält".
       /S. 103/  So analysiert  Gramsci die revolutionäre Krise v.a. als
       Krise des Überbaus, als Krise der Hegemonie, in der Totalität des
       gesellschaftlichen Prozesses,  und entgeht  so dem  irreführenden
       Automatismus ökonomische  Krise -  Krise der bürgerlichen Gesell-
       schaft. /S. 104/
       Schon vor  der Machtergreifung  Führer zu  sein, die "subalternen
       Klassen" zu  einer "einheitlichen  und kritischen  Weltanschauung
       und Einschätzung  der gesellschaftlichen Prozesse" /S. 93/ zu er-
       ziehen, die Krise der Hegemonie der Bourgeoisie zur Bildung eines
       neuen historischen  Blocks zu  nutzen, dies sind die Schlußfolge-
       rungen aus Gruppis Gramsci-Lektüre.
       Und hier  zeigt Gruppi  über die Frage der Partei wieder die Nähe
       Gramscis zu  Lenin auf.  Nur die revolutionäre Partei, "die einen
       kollektiven Willen  (schafft),... (die)  bereits  ein  Gesamtver-
       ständnis von der Gesellschaft und auch von ihrer notwendigen Ent-
       wicklung und  somit von  der zukünftigen  Gesellschaft entwickelt
       hat" /S.  98/, ermögliche es der Arbeiterklasse und ihren Verbün-
       deten die  Gewinnung des  "buon senso" (historisch-kritisches Be-
       wußtsein), die  Überwindung der  Spontaneität, die  Erlangung der
       politischen Initiative,  die Einheit  zwischen Theorie und Praxis
       /S. 93/,  als "Moment  des Klassenbewußtseins",  als "Moment  der
       Führung" /S. 57/ zu erreichen.
       Die so  angegebene Verbindung  von Theorie  und Praxis (Identität
       von Geschichte  und Theorie; Philosophie ist die sich selbst ver-
       wirklichende Geschichte  /S. 23/) ist Gruppis Ansatzpunkt zur Er-
       läuterung der  philosophischen Thesen  Gramscis. Wenn Gramsci der
       aktiven Rolls  des Subjekts  eine starke  Bedeutung zumesse, ver-
       falle er  allerdings in der Frage der Subjekt-Objekt-Dialektik in
       idealistische Positionen  /S. 151/ (Zusammenfallen des Allgemein-
       Subjektiven mit  dem Objektiven).  Die angenommene  Identität von
       Philosophie und  Geschichte beinhalte die Vorstellung der Identi-
       tät von  Bewußtsein und Wirklichkeit /S. 164/, dies sei ebenfalls
       eine idealistische  Position. Idealistische  Positionen könne man
       bei Gramsci  also angeben (und hier kritisiert Gruppi auch Lenins
       "Empiriokritizismus" /S.  153/), "sobald er allgemeinere philoso-
       phische Fragen  untersucht, während  es ganz anders aussieht, so-
       bald er  geschichtliche, gesellschaftliche  und kulturelle Zusam-
       menhänge analysiert".  /S. 164/  In dieser kurzen Darstellung der
       Hauptthesen aus Gruppies Buch dürfte deutlich geworden sein, wel-
       che Bedeutung  die Aufarbeitung  der Gramsci-Debatte auch für die
       Strategiediskussion der  Linken hierzulande haben sollte. Daß die
       "Umsetzung" Gramscis  in aktuelle politische Strategie und Taktik
       nicht linear zu denken ist, zeigt die lebhafte Debatte, die z.Zt.
       in Frankreich und Italien geführt wird. Hierauf verweist die Ein-
       leitung von  Claudia Mancina,  die einige  der in  dieser Debatte
       aufgeworfenen Fragen zum Ausgangspunkt hat. Kann sich der PCI mit
       der Strategie  des historischen  Kompromisses noch  zu Recht  auf
       Gramsci berufen?  Müßte die  Strategie des "demokratischen Weges"
       und die  Vorstellung eines "Sozialismus im Pluralismus" nicht mit
       der eingestandenen Abkehr von Gramsci einhergehen? Ist die Inter-
       pretationslinie  Lenin-Gramsci-Togliatti-Longo-Berlinguer   über-
       haupt zulässig?  Wie verhält  sich Gramscis  Hegemoniebegriff zum
       Leninschen Begriff  der Diktatur  des Proletariats?  Es wäre wün-
       schenswert, wenn  neben Gruppis  vielschichtiger Einführung  auch
       noch andere  Texte der westeuropäischen Gramsci-Debatte dem west-
       deutschen Leser  zugänglich gemacht  würden, damit  an die Stelle
       oberflächlicher Begeisterung  oder Ablehnung der politischen Ent-
       wicklung in  Italien (und  der weitgehenden  Unkenntnis über  die
       dort laufenden theoretischen Diskussionen) endlich die Vorausset-
       zungen für  eine umfassende und wichtige Debatte auch in der Bun-
       desrepublik und Westberlin gegeben sind.
       
       Matthias Garte
       

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