Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       NEUE STUDENTENBEWEGUNG?
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       Im Wintersemester  1976/77 hat  es an den Hochschulen der BRD und
       Westberlins studentische  Kampfmaßnahmen in einem Ausmaß gegeben,
       wie es  seit der  "Studentenrebellion" Ende  der sechziger  Jahre
       nicht mehr  erreicht worden  war. Wir sind der Meinung, daß diese
       "neue Studentenbewegung"  angesichts der  katastrophalen Rat- und
       Perspektivlosigkeit der  bürgerlichen Bildungspolitik in den kom-
       menden Semestern noch wachsen wird. Aus diesem Grund hat die SOPO
       Aktive und  "Veteranen" der  Studentenbewegung zu einer Diskussi-
       onsrunde eingeladen. Das von den Teilnehmern selbst überarbeitete
       und gekürzte Protokoll dieser Diskussion drucken wir im folgenden
       ab. Die  SOPO wird  sich auch  in den  kommenden Heften weiter um
       dieses Thema bemühen. An der Diskussion haben teilgenommen:
       Hans-Joachim  Beyer  -  Student,  Vertreter  der  Jungsozialisten
       (JUSOS) an  der Fachhochschule  für Wirtschaft  (FHW)  in  Berlin
       (West).
       Manuel Bohn - Student, Mitglied der Vorbereitungsgruppe des UStA,
       eines rätedemokratisch verfaßten Unabhängigen Studenten-Ausschus-
       ses an der FU Berlin (West), wo es keine Verfaßte Studentenschaft
       mit AStA  gibt; Mitglied  des Zentralen Streikrats der FU und des
       gesamt-westberliner Regionalen Streikrats.
       Renate Kellner  - Studentin,  Mitglied der  Aktionsgemeinschaften
       von
       Demokraten und Sozialisten (ADSen) an der FHW Berlin (West).
       Renate Kellner  und Hans-Joachim Beyer (JUSOS) haben ihre Diskus-
       sionsbeiträge gemeinsam  vorbereitet und  werden daher  immer als
       Beyer/Kellner angeführt.
       Christoph Kievenheim - Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut
       für Soziologie der FU Berlin (West).
       Christof Ohm  - Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen
       Institut der FU Berlin (West); Mitglied der ADS Psych.
       Michael Sommer  - Student,  Vertreter der Hochschulgruppe der So-
       zialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW).
       Hans-Jürgen Weißbach - Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut
       für Soziologie der FU Berlin (West).
       Hans-Jürgen Helbig  - Student,  Landesvorsitzender des  Liberalen
       Hochschulverbandes (LHV)  Berlin (West).  H.J. Helbig mußte seine
       Teilnahme kurzfristig  absagen, hat  aber anhand des von der SOPO
       vorgelegten knappen Vorschlags zur Gliederung der Diskussion eine
       Stellungnahme erarbeitet, die wir im Anschluß an das Diskussions-
       protokoll abdrucken.
       Folgende Gliederung lag den Teilnehmern vor:
       1) Bestandsaufnahme
       - Inhalte der Bewegung
       - Formen des Kampfes, Verhältnis Organisationen / spontane Formen
       - Spaltung  zwischen   Naturwissenschaftlern  und  Geisteswissen-
       schaftlern?
       2) Ursachen und Bedingungen der Bewegung
       - gesellschafts- und bildungspolitische Grundlagen
       - historischer Kontext; Kontinuität oder Bruch zur "alten Studen-
       tenbewegung"?
       3) Grundlagen strategischer Einschätzungen
       - jetzige und  voraussichtliche Kampfgegenstände:  z.B. HRG  samt
       seiner allgemeinen  und bildungspolitischen Hintergründe, Berufs-
       verbote usw.
       - Verhältnis von  beruflicher Qualifikation  und Berufspraxis zur
       politischen Qualifikation (gesellschaftspolitisches Engagement im
       weitesten Sinne), konkrete Politisierungsmöglichkeiten
       4) Perspektiven fortschrittlicher Hochschulpolitik
       - gesellschaftliche und/oder individuelle Emanzipation?
       - gewerkschaftliche Orientierung?
       
       1. Bestandsaufnahme
       -------------------
       
       Bohn: Wenn  man jetzt in einer Nachbetrachtung versucht, die ein-
       zelnen Anlässe,  Aktionen des  Wintersemesters  an  verschiedenen
       Hochschulen zu  beschreiben und zu analysieren, muß man sich fol-
       gende Voraussetzungen ins Gedächtnis zurückrufen. Die Anlässe und
       Verlaufsformen der  verschiedenen politischen Aktionen waren sehr
       unterschiedlich, was Westdeutschland und Berlin anbetrifft, eben-
       falls innerhalb  Berlins gab  es Ungleichzeitigkeiten.  Selbst in
       den einzelnen  Hochschulen kam es während des Streiks wiederum zu
       Ungleichzeitigkeiten zwischen  geisteswissenschaftlichen und  na-
       turwissenschaftlichen Fächern.  Anlässe und Ursachen waren einer-
       seits die Konflikte in den Fachhochschulen selbst, dann der ganze
       Rahmen der  Veränderungen der  Landeshochschulgesetze und hier in
       Berlin sehr zugespitzt die Frage der Berufsverbote, die aktuellen
       Fälle an  der FU. Die Aktionen der anderen Westberliner Hochschu-
       len standen  ja in  einem direkten Verhältnis dazu. Wenn man hier
       innerhalb Berlins die Streik- und Aktionsformen analysiert, wobei
       die Frage,  warum wir unsere Aktionen auf die aktuellsten Berufs-
       verbotsfälle zuspitzten,  weiter hinten  diskutiert werden müßte,
       dann läßt sich feststellen, daß es sich hier in Berlin keineswegs
       um eine  rein spontane  Bewegung gehandelt  hat. Der November war
       nicht der  Punkt Null,  sondern der Kampf gegen Berufsverbote hat
       gerade an  der FU bereits eine Kontinuität. So durch die Gründung
       des Aktionskomitees gegen Berufsverbote im SS 75.
       Wichtig ist zu vermerken, einfach als Phänomen, daß die einzelnen
       traditionellen politischen Organisationen, also die gewerkschaft-
       lich orientierten  Gruppen und  Jusos einerseits,  und Marxisten-
       Leninisten auf der anderen Seite, innerhalb dieser Streikbewegung
       nur eine  unbedeutende Rolle gespielt haben, so waren die Streik-
       räte zu  80 und  teilweise zu 90% mit sogenannten Unorganisierten
       besetzt; dieser  Begriff sollte  nachher auch noch genauer disku-
       tiert werden.
       Wichtig ist  vielleicht, daß  die Streikbewegung  - das ist nicht
       nur ein  Westberliner Phänomen  - in der Weise ein neues Politik-
       verständnis herausgearbeitet  hat, daß  wir die Frage der eigenen
       Subjektivität bewußt in einen politischen Gesamtzusammenhang set-
       zen.
       Diese beiden Faktoren, eigene Veränderung und allgemeinpolitische
       Ziele, wie der Kampf gegen Berufsverbote, wurden, wie in den ver-
       gangenen Jahren  oft geschehen,  nicht  mehr  gegenseitig  ausge-
       spielt. Dieser  subjektive Faktor  drückte sich in Streikliedern,
       Festen, Kommunikationszentren  und Theatergruppen etc. aus. Dabei
       hat sicherlich  das Erstarken  der  Frauenbewegung  in  autonomen
       Frauengruppen eine  große Rolle gespielt. Ausdruck dessen war die
       erste Frauenvollversammlung in der Geschichte der FU zur Gründung
       eines autonomen Frauenreferats im UStA.
       Sommer: Ich  finde den etwas längeren Rückblick sehr richtig, der
       sich auf die Arbeit des Aktionskomitees bezieht. Man kann den No-
       vemberstreik nicht  als den  Nullpunkt der Bewegung ansehen, denn
       die Bedingungen für den Streik bzw. für die harten Kampfmaßnahmen
       sind durch  die Tätigkeit  der demokratischen  Organisationen be-
       gründet, deren Aktivitäten wesentlich länger zurückreichen.
       Eine wichtige  Voraussetzung dafür,  daß überhaupt Studenten z.B.
       im FB  16, bei  den Germanisten, sich bereitfinden, gegen die Be-
       rufsverbote zu kämpfen, ist natürlich auch dadurch veranlaßt, daß
       mit den  Berufsverboten ganz  bestimmte demokratische Lehrinhalte
       über die  Personen getroffen  werden sollen. An diesem Punkt wird
       deutlich, daß nicht so sehr ein subjektives Bedürfnis danach, je-
       mand zu  schützen bzw.  eine subjektive  Solidarität herzustellen
       die Grundlage  der Kampfbereitschaft darstellt, sondern die eige-
       nen Interessen der dort Kämpfenden. Außerdem hat die Hochschulmi-
       sere oder  Bildungsmisere ein  solches Ausmaß angenommen, daß die
       beiden Disziplinarverfahren  ausreichten, das Faß an diesem Fach-
       bereich zum Überlaufen zu bringen.
       Die gesamten  Bedingungen, unter  denen die Studenten und Wissen-
       schaftler arbeiten,  sind nicht  mehr  erträglich  und  erfordern
       grundlegende Veränderungen.  Wir haben  in den letzten Semestern,
       auch mit Unorganisierten zusammen, die sich heute mehr oder weni-
       ger in  Initiativen sammeln, z.B. gegen die materielle Misere ge-
       kämpft. Wir haben auch jetzt im Streik im Fachbereich 15, dem FB,
       von dem ich komme, über Lehrinhalte und Fragen der Studienreform,
       über Alternativen  zum herkömmlichen  Lehrangebot diskutiert. Ich
       fasse deshalb  die Inhalte  des Streiks wesentlich weiter als die
       des Kampfes  gegen die  Berufsverbote und  politische Repression,
       wenn auch  die Berufsverbote  mit Sicherheit  die Aktivitäten  in
       diesem Semester ausgelöst haben.
       Beyer/Kellner: Für  die Fachhochschulen,  wir haben  versucht, zu
       verallgemeinern, war erst einmal wesentlich der KMK-Beschluß, der
       im wesentlichen  Auswirkungen auf zwei Gruppen von Fachhochschul-
       studenten hat. Einmal die Studenten, die einen qualifizierten Ab-
       schluß an  der Fachhochschule  erwerben wollen,  denen aber ange-
       sichts der schlechten Arbeitsmarktlage die Chance der Höherquali-
       fizierung an der wissenschaftlichen Hochschule verwehrt wird, und
       zum anderen  die Studenten, die das Studium an der Fachhochschule
       praktisch als  einzigen für  sie möglichen Weg zur Erreichung der
       allgemeinen Hochschulreife  betrachtet haben  (und in  Westberlin
       ist ja  im Gegensatz  zur Bundesrepublik  die Erreichung auch der
       allgemeinen Hochschule  möglich) und  denen mit  dem KMK-Beschluß
       sämtliche Perspektive     genommen wird. D.h. also, daß die Fach-
       hochschulen durch  den KMK-Beschluß  drohen zur Sackgasse zu wer-
       den, (u.a.  den KMK-Beschluß.)  Ein weiteres Problem, das wesent-
       lich im  Vordergrund stand,  war das  Hochschulrahmengesetz,  und
       zwar insbesondere  was einmal die Verschlechterung der Studiensi-
       tuation anging an den Universitäten, die auch , von den Fachhoch-
       schülern als  Problem erkannt  wurden, zum zweiten, daß die inte-
       grierte Gesamtschule  ad acta  gelegt werden soll, die eigentlich
       die wesentliche  Intention war,  überhaupt die Fachhochschulen zu
       gründen und daß statt dessen die Fachhochschulen abgekoppelt wer-
       den sollen  und daß weiterhin die Dequalifikation und Verschulung
       des Studiums  eben auch  an den Universitäten zunehmen und an den
       Fachhochschulen, wo  sie ja  teilweise schon  vorhanden sind. Ich
       möchte da  vielleicht einmal ein Beispiel sagen: der Bildungsöko-
       nom, Professor  Riese, am  Fachbereich 10  der FU  hat einen Vor-
       schlag vorgelegt,  der von  uns als ziemliche Bedrohung angesehen
       wird, auch  schon als  eine Ausfüllung  dessen, was mit dem Hoch-
       schulrahmengesetz intendiert  ist. Er sagt nämlich, die Fachhoch-
       schulen sollen  eine  berufsfeldbezogene  Ausbildung  übernehmen,
       d.h. sie  werden eigentlich eine Berufsschule für Sachbearbeiter.
       Die Uni-Kurzstudiengänge  sollen  eine  tätigkeitsfeldorientierte
       Ausbildung wahrnehmen, das was also bis jetzt die Fachhochschulen
       eigentlich machen. Die Uni-Langstudiengänge, die den Privilegier-
       ten vorbehalten  bleiben, sollen  dann die wissenschaftliche Aus-
       bildung leisten.
       Ein weiteres Problem war angesichts unserer Bestrebungen nach ei-
       ner positiven,  fortschrittlichen Studienreform,  das Problem der
       Studienreformkommission im  HRG, die  wir als  Bedrohung ansehen,
       nämlich einerseits eben als Durchsetzungshebel für die Qualifika-
       tion und  Verschulung und andererseits als Angriff auf bestehende
       und zukünftige  fortschrittliche Ausbildungsinhalte. Ein weiterer
       Punkt, der für die Fachhochschulen sehr relevant ist, ist die ma-
       terielle Misere, weil durch die Bafög-Novellierung eigentlich die
       Fachhochschulstudenten  besonders   gravierend  betroffen  worden
       sind, da ein hoher Prozentsatz der Fachhochschulstudenten aus so-
       zial schwächeren Schichten kommt und über den Zweiten Bildungsweg
       an die Fachhochschulen gekommen ist. Darüber hinaus besteht durch
       das Fachhochschulstudium,  das ja  kürzere Ferien  hat  und  eine
       stärkere Verschulung  beinhaltet,  kaum  eine  Möglichkeit,  sich
       durch Nebenarbeiten irgendwie finanziell aufzubessern. Der dritte
       Punkt, der  in dem  Zusammenhang dann  wesentlich war und den die
       Studenten an den Fachhochschulen auch konkret erfahren haben, wa-
       ren die Mittelkürzungen, die sich eben wieder einerseits studien-
       verschlechternd auswirken und andererseits für den einzelnen Stu-
       denten materiell  höhere Ausgaben erfordern. Der letzte Punkt war
       dann für  uns die politische Disziplinierung, deren Bedeutung ge-
       rade im Moment von den Studenten erfaßt wird, angesichts der Ver-
       schlechterung der materiellen Lage, Verschlechterung der Studien-
       bedingungen und der Verschlechterung der eigenen Verwertungschan-
       cen, wo  die Studenten  kritischer werden und eben da auch fragen
       nach Hintergründen und Zusammenhängen und eben auch nach Alterna-
       tiven. Sie  wollen sich damit beschäftigen, und die Studenten er-
       kennen, daß  ein Zusammenhang zwischen dem Abbau sozialer und dem
       Abbau demokratischer  Rechte besteht.  Das war  dann noch der we-
       sentliche Punkt,  der dann  erhärtet wurde  durch eigene konkrete
       Erfahrungen an  den Fachhochschulen  in der  Disziplinierung, und
       entsprechend hat  die Studentenschaft  auch darauf reagiert. Som-
       mer: Wir  können feststellen,  daß eine  breite Einigkeit darüber
       besteht, daß  die Zahl  der Ursachen sehr groß ist. Eine wichtige
       Ursache ist  noch nicht genannt worden. Wenn man sich die heutige
       Studentengeneration ansieht, kann man eigentlich von zwei Studen-
       tengenerationen sprechen.  Die eine  ist der  Meinung, sie könnte
       sich noch  individuell durch  ein besonders  gutes Studium, durch
       eine besonders gute Prüfung einen Beruf ergattern. Die zweite und
       jüngere Generation  hat die  Oberstufenreform durchlaufen und hat
       schon ähnliche  Erfahrungen in  der Schule gemacht. Diese Genera-
       tion sieht  in unserer  bildungspolitischen Lage  keine  Chancen,
       später einen Arbeitsplatz zu finden. Das ist eine wesentliche Ur-
       sache für die Kampfbereitschaft der Studenten. In den Streikakti-
       vitäten konnte man gerade an der FU feststellen, daß die Beteili-
       gung jüngerer  Studenten aus  dem ersten bis vierten Semester un-
       heimlich groß war.
       Bohn: Ich  will die  Ebene der  Beschreibung doch  noch um einige
       Aspekte ergänzen:  Zum relativen  Erfolg unserer Bewegung gehörte
       sicherlich eine  Art "Überraschungseffekt".  Die herrschenden In-
       stitutionen waren auf diese  Eruption in ihrer Breite in keinster
       Weise vorbereitet.  Diese Breite  und  die  daraus  resultierende
       starke Beteiligung  der Anfangssemester an dem Streik hat zwangs-
       weise zu  einer gewissen inhaltlichen Diffusität der Bewegung ge-
       führt. Diese  Unsicherheit der  politischen Programmatik,  dieses
       breite Suchen nach eigenem politischem Selbstverständnis hat eine
       immens positive  Seite: insitutionalisierte Veranstaltungszeremo-
       nien und irrationale Diskussionstabus wurden angeknackst - dogma-
       tische Verkrustungen  haben breiten politischen Bildungsprozessen
       Platz machen  müssen. So ist auf allen Ebenen ein Spektrum an Ar-
       beitsgruppen entstanden, die sich mit Studienbedingungen, Lehrer-
       bildungsgesetz, Akademikerarbeitslosigkeit,  politischer  Repres-
       sion, HRG  und der  Studentenbewegung 66/68 bis hin zur Ausbürge-
       rung Biermanns beschäftigten. Diese Arbeitsgruppen arbeiten größ-
       tenteils in  den Ferien  weiter, um das nächste Semester vorzube-
       reiten.
       Wichtig als  ein Inhalt,  jedenfalls an  der FU,  war während der
       Auseinandersetzungen im  November sicherlich die Ausbürgerung von
       Wolf Biermann. Ausdruck davon war ja auch das Teach-in vom Langen
       Marsch, eine  der bestbesuchten  Großveranstaltungen während  des
       Streiks mit  ca. 4000  bis 5000 Leuten. Aus dieser Großveranstal-
       tung raus  - aus  einer Diskussion  über politische Repression in
       der DDR bzw. über eigenes Sozialismus-Verständnis haben sich sol-
       che Biermann-Arbeitsgruppen  gegründet. Auch in der ADS ist es ja
       da zu starken Diskussionen und Auseinandersetzungen gekommen.
       Sommer: Na,  kurz zu  Biermann. Ich  bin schlichtweg der Meinung,
       daß Manuel  die Biermann-Diskussion  wahnsinnig überschätzt.  Ich
       bin in diesem Streik ziemlich weit an der FU rumgekommen und habe
       festgestellt, daß  die Veranstaltungen des "Langen Marsches" eine
       Eintagsfliege waren,  die zwar  einem bestimmten Bedürfnis, diese
       Frage zu  diskutieren, entsprochen  haben, aber  in der  weiteren
       Auseinandersetzung hat  diese Diskussion  keine  Rolle  mehr  ge-
       spielt. Ohm:  Ich frage  mich: Trübt  womöglich Wunschdenken  die
       Wahrnehmung des  Genossen Michael Sommer? Im Fachbereich Philoso-
       phie und  Sozialwissenschaften, aus  dem ich  komme und der einer
       der größten  Fachbereiche der  FU ist, wurde die Ausbürgerung in-
       tensiv diskutiert,  und dies  mit praktischen  Folgen:  a)  Unser
       Fachbereichsrat, ein  offizielles Uniorgan,  kritisierte in einem
       Brief an  die Regierung der DDR die Ausbürgerung von Biermann und
       erklärte, daß  der Kampf des Fachbereichs gegen die Berufsverbote
       erschwert wird  durch die  Ausbürgerung. Inhaltlich  gleicht  die
       schriftliche Kritik  des Fachbereichs  weitgehend der im Argument
       Nr. 100 dokumentierten Erklärung von Abendroth und anderen.
       b) Drei der  vier ADSen des Fachbereichs äußerten energische Kri-
       tik, die  vierte führte über die Ausbürgerung eine Kontroverse in
       ihrer Zeitung.
       Die Debatte  fand also statt und hatte Folgen, - übrigens auch in
       der außeruniversitären  Öffentlichkeit: Daß unser Fachbereichsrat
       einerseits politische Praktiken der DDR-Regierung verurteilt, die
       die Erinnerung  an die "Ära Stalin" wachrufen, daß derselbe Fach-
       bereich sich  andererseits in keiner Weise für eine pseudowissen-
       schaftliche antikommunistische Demagogie gegen die DDR einspannen
       läßt, machte ihn zum Ziel einer äußerst gefährlichen Pressekampa-
       gne. Letztere  ist aller Voraussicht nach die strategische Vorbe-
       reitung eines  umfassenden Angriffs  der politischen Instanzen, -
       eines Angriffs,  der auf  die Entmündigung  und Zerschlagung  des
       Fachbereichs, also der dort betriebenen fortschrittlichen Wissen-
       schaft zielt.  Wie immer man über diese Folgen der Ausbürgerungs-
       Diskussion denken  mag, sie haben gewiß nicht die Dimensionen ei-
       ner Eintagsfliege...
       Sommer: Sag aber mal was zu dem Punkt, welche Bedeutung die Bier-
       mann-Diskussion bei den Auseinandersetzungen selber gespielt hat.
       Ohm: In  der Tat  spielte in unserem Fachbereich die Debatte über
       die Ausbürgerung bald keine Rolle mehr. Es gab nämlich eine kurze
       und heftige  Debatte, und  danach mochte  keine politische Gruppe
       öffentlich  die  Ausbürgerung  rechtfertigen.  Insofern  war  der
       Streit kurz.
       Dennoch gab  die Ausbürgerungsdebatte  einen wichtigen Impuls für
       die Weiterentwicklung  des strategischen Nachdenkens vieler Hoch-
       schulangehöriger. Wir  haben nämlich  gelernt, noch viel schärfer
       analytisch zu  trennen zwischen  hinderlichen, aber überwindbaren
       "stalinistischen Eierschalen"  und anderen  Unentwickeltheiten in
       der DDR auf der einen Seite und den großen sozialistischen Errun-
       genschaften der DDR, die ihr zukünftiges Gesicht, ihre zukünftige
       Entwicklung immer  eindeutiger bestimmen  werden. Kein Grund also
       für "III.-Weg"-Phantasien!  Die Dinge in der DDR gehen, trotz al-
       ler Entwicklungsschmerzen,  trotz aller  berechtigten  Wenns  und
       Abers, eben  doch ihren sozialistischen Gang! Für die Entwicklung
       des politischen  Bewußtseins der  neuen Studentenbewegung  ist es
       ungeheuer wichtig,  daß sie  sich nicht in die undialektische Al-
       ternative zwischen platter DDR-Affirmation, Bejahung auch der po-
       litischen Fehler,  und resignativer Blindheit gegenüber der unge-
       heuren Entwicklungsdynamik der DDR hineintreiben läßt.
       Der Angelpunkt, um den herum sich die künftigen strategischen Er-
       örterungen und Kampagnenvorschläge sozialistischer Hochschulpoli-
       tik drehen  müssen, ist  nicht die Beurteilung der widersprüchli-
       chen Entwicklungsdynamik  der DDR. Der Angelpunkt, der Drehpunkt,
       ist die  begriffliche und praktische Erarbeitung unseres Weges zu
       unserem Ziel,  Sozialismus in  Westberlin und der BRD. Für Arbei-
       terklasse und  Intelligenz unseres  Landes ist  der lange Weg nur
       gangbar, wenn  das Ziel klar vor Augen ist und umfassende Befrei-
       ung heißt, Befreiung, die die kritisch-schöpferischen Fähigkeiten
       des kollektiven  Subjekts Arbeiterklasse  sowie der einzelnen Ar-
       beiter und  natürlich auch  der Kopfarbeiter freisetzen will. Wer
       nun allerdings  notwendige Bestimmungsmomente ausklammern möchte,
       weil er  fürchtet, sie könnten für Kritik an der DDR genutzt wer-
       den, wird  sich scharfe  Kritik schon gefallen lassen müssen. Die
       Mehrheit der  ADS-Mitglieder in  unserem Fachbereich,  vermutlich
       auch in  der ganzen  FU, will derartige Ausklammerungsmanöver je-
       denfalls nicht.
       Kievenheim: Was den Stellenwert der Biermann-Ausbürgerung für die
       Ereignisse des  Winter-Semesters betrifft,  ist sehr genau zu un-
       terscheiden zwischen  der  Diskussion  innerhalb  sozialistischer
       oder von  Sozialisten mitgetragener gewerkschaftlich orientierter
       Organisationen und  der Bedeutung  für die Gesamtbewegung. In den
       ADSen u.a. Organisationen war die Ausbürgerung - wenn ich richtig
       informiert bin  - wohl  der Anlaß  dafür, längst  vorhandene Mei-
       nungsverschiedenheiten über  das Verhältnis  von Sozialismus  und
       Demokratie, zu  den sozialistischen Staaten usw. auszutragen. Für
       die Masse der streikenden Studenten war dies doch ein sehr unter-
       geordneter Punkt.  Diese Bewegung  war gerade dadurch charakteri-
       siert, daß - neben der Berufsverbotsproblematik, die man in ihrer
       ganzen Härte an einzelnen Instituten sehr konkret erfahren konnte
       - Fragen der unmittelbaren materiellen, sozialen u.a. Interessen-
       vertretung im  Vordergrund standen. Im Vergleich zur Studentenbe-
       wegung Ende  der sechziger  Jahre traten demgegenüber die "großen
       politischen Themen" zurück: Die Frage der Sozialismusperspektive,
       der Rolle  der Intelligenz,  der Transformationen der bestehenden
       Gesellschaft war kein Zentralproblem.
       Ich stimme  der Einschätzung  zu, daß diese Bewegung aktiv in be-
       sonders hohem  Maße von  den jungen Semestern getragen wurde. Das
       ist umso  bemerkenswerter, wenn  man die verstärkten Versuche zur
       Anpassung, die  Intensivierung des sozialen Drucks in den Schulen
       (durch den  Numerus clausus etc.) in Betracht zieht. Ihre Wirkun-
       gen gehen  offensichtlich nicht in Richtung eines stabilen Anpas-
       sungsverhaltens, sondern schlagen eher in oppositionelles Verhal-
       ten um,  sobald die Schüler in eine neue Situation kommen, welche
       die gestellten  Erwartungen nach freieren und besseren Lernbedin-
       gungen  nicht   erfüllt.  Andererseits   mag  gerade   das  stark
       "antiinstitutionelle" und  "antiautoritäre" Verhalten, das gegen-
       wärtig wieder  eine Reaktualisierung  erfährt, mit dem einmal er-
       fahrenen Druck  zusammenhängen. Es  richtet sich  nicht nur gegen
       die "offiziellen"  staatlichen Institutionen,  sondern z.T.  auch
       gegen die als "traditionell" angesehenen politischen Organisatio-
       nen  der   Studentenbewegung.  Sie   scheinen  den  individuellen
       "Emanzipationsbedürfnissen" durch  ihre Politikformen  nicht  ge-
       recht zu  werden. Während  diese Organisationen in den Streikaus-
       einandersetzungen -  zumindest hier in West-Berlin - keine beson-
       ders tragende Rolle gespielt haben, vor allem keine Führungsposi-
       tion hatten, kann man doch sagen, daß bestimmte von ihnen vertre-
       tene Inhalte - vor allem diejenigen der gewerkschaftlichen Orien-
       tierung -  mitbestimmend gewesen sind. Wenn ich von gewerkschaft-
       licher Orientierung spreche, dann meine ich nicht so sehr ein po-
       sitives Verhältnis  zu den  Gewerkschaften (hier besteht ein ver-
       breitetes historisches Unverständnis), sondern vielmehr die Poli-
       tik der unmittelbaren Interessenvertretung, die bewußte Artikula-
       tion studentischer  sozialer und politischer Interessen in nicht-
       ständischer Form.
       Beyer/Kellner: Ich wollte noch einmal zu den Formen Stellung neh-
       men und einmal kurz zu dem Problem Biermann. Vorhin wurde gesagt,
       die Studentenschaft  habe in  der momentanen  Situation  Biermann
       nicht als  ihr Problem erkannt - dies hat sich eigentlich bei uns
       auf einer  sehr gut  besuchten Vollversammlung bestätigt. Als das
       Problem Biermann  angesprochen wurde,  wurde es  gegen 10 Stimmen
       von der  Mehrheit der Studenten für ihren Kampf und ihre Probleme
       als unrelevant  erkannt und abgelehnt, weil die Meinung vertreten
       wurde, daß das Problem Biermann den Problemen, denen sie sich ge-
       genüber sehen, nicht weiterhilft. Jetzt zu den Formen, wie es ab-
       gelaufen ist  an den Fachhochschulen. Man kann sagen, daß die Be-
       wegung sehr breit war, was ja auch die Urabstimmungsergebnisse zu
       den Streiks verdeutlicht haben, und daß sehr viele junge Kommili-
       tonen(innen) sich an den Aktionen sehr aktiv beteiligt haben, was
       also, meine  ich, die  These von  Michael stützen  würde, und was
       meines Erachtens  sehr eng damit zusammenhängt, daß ein enger Zu-
       sammenhang besteht,  zwischen der  Perspektive, die  sich für die
       einzelnen Studenten  bietet (oder  eben der  Perspektivlosigkeit)
       und ihrem  Engagement und  ihrer Bereitschaft sich zu engagieren.
       Das verdeutlicht  vielleicht auch das Beispiel der Fachhochschule
       der Deutschen  Bundespost: Seit  ungefähr 1  - 2 Semestern werden
       die Studenten  dort nicht  mehr automatisch  übernommen, und seit
       dieser Zeit  ist z.B. die Bereitschaft zu Kampfaktionen erheblich
       gestiegen. Ein  weiteres Moment  war, daß  es eigentlich  auf der
       Fachhochschulebene das erste Mal gelungen ist, einen Kontakt her-
       zustellen zwischen  den einzelnen  Fachhochschulen in Westberlin,
       der vorher  auch nicht  da war,  und daß versucht worden ist, die
       Aktionen zu  vereinheitlichen. Es  wurden gemeinsame  Flugblätter
       herausgegeben, die  dann in  der Westberliner Öffentlichkeit ver-
       teilt wurden.  Es wurden  gemeinsame Briefe an die Gewerkschaften
       verschickt etc.  Meines Erachtens  ein sehr wichtiges Moment, ge-
       rade an  den Fachhochschulen, daß nämlich versucht wurde, die An-
       liegen der  Studenten der Öffentlichkeit auch verständlich zu ma-
       chen, eben  in der Öffentlichkeit um Unterstützung zu werben, was
       sowohl Organisationen außeruniversitärer Art als auch die Passan-
       ten anbetrifft.  Die Arbeitsgruppen, die während des Streiks ent-
       standen sind, haben sehr breite Beteiligung gefunden, waren teils
       organisatorischer, teils inhaltlicher Art, wobei die inhaltlichen
       Arbeitsgruppen auch  über die Ferien weiterlaufen. Und es ist ge-
       rade für Fachhochschulstudenten ein ganz wesentliches Moment, daß
       es gelungen  ist, daß  Studenten sich auch während der kurzen Fe-
       rien, wir  haben nur  4 Wochen Semesterferien, in großen Arbeits-
       gruppen weiterhin  in ziemlich  starker Besetzung zusammensetzen.
       Die Zusammenarbeit  der politischen  Gruppen mit  unorganisierten
       Studenten war  an den  Fachhochschulen im  wesentlichen  positiv.
       Nämlich einmal,  indem die politische Erfahrung der Organisierten
       der Bewegung zugutegekommen ist und den Unorganisierten eben auch
       in bestimmten Sachen geholfen werden konnte. Und zum anderen, in-
       dem die  politischen Organisationen an den Fachhochschulen einge-
       bunden waren  (wenn man jetzt mal von den K-Gruppen absieht), daß
       eben auch die Gruppenegoismen sehr gut untergeordnet werden konn-
       ten in  gemeinsamen Aktionen,  was der  Breite der  Bewegung sehr
       förderlich war.  Probleme sind  aufgetaucht, indem teilweise eine
       Organisationenfeindlichkeit aufgetreten  ist, die sich einerseits
       nach meiner Einschätzung aus der Bevormundungsangst der Unorgani-
       sierten ergeben  hat und die andererseits auch in einer subjektiv
       empfundenen "Perspektivlosigkeit" der bestehenden politischen Or-
       ganisationen begründet  ist. Ein  weiteres Problem  waren während
       der Aktion an den Fachhochschulen die Organisationsprobleme, also
       Kompetenzschwierigkeiten, Legitimationsschwierigkeiten  usw., die
       die Wirksamkeit  der Aktionen teilweise sehr stark beeinträchtigt
       haben und  sehr viele  Kommilitonen sehr  frustriert haben, indem
       eben bestimmte  Sachen, bestimmte Arbeiten doppelt gemacht wurden
       und viele  Kräfte vergeudet wurden. Die Erfahrungen, die die Stu-
       denten gemacht haben, werden jetzt sehr stark diskutiert, und das
       Problem ist,  daß die  Studentenschaft erkannt hat, daß sie eben,
       um schlagkräftig  zu werden,  wirklich eine  organisatorische und
       politische Vertretung  und eine  Zentralisierung bei ihrer Aktion
       benötigt. D.h.  das Thema  "Verfaßte Studentenschaft" wird zuneh-
       mend akut.
       Weißbach: Ich möchte noch auf eine Ungereimtheit hinsichtlich der
       angeblich orientierenden  Funktion der Sozialismusdiskussion hin-
       weisen. Gerade wenn versucht wurde, von Interessen abgelöst poli-
       tische Perspektiven  des Übergangs zum Sozialismus und die Frage,
       was Sozialismus sein soll, zu klären, kam die Diskussion in einen
       gewissen Gegensatz zur laufenden Kampagne im Wintersemester, oder
       ist in  die Gefahr gelaufen, in solchen Gegensatz zu geraten. Das
       zeigte sich insbesondere im Fachbereich II und auch bei den ADSen
       dort, die  nicht in ausreichender Weise während der Kampagne prä-
       sent waren. Die gewerkschaftliche Orientierung blieb blaß und un-
       konkret. Es ist nicht gelungen, die Skepsis gegenüber den Organi-
       sationen in  Bezug auf  die unmittelbare  Interessenvertretung zu
       durchbrechen. Insbesondere zeigte sich ein demobilisierender Ein-
       fluß dieser  relativ  abstrakten  Sozialismusdiskussion  auf  den
       Streik selbst. Das Argument war dort, daß der Streik nicht zu un-
       terstützen sei,  weil man  an einem  Fachbereich, wo  eine  fort-
       schrittliche Studienreform  solche Diskussionen ermöglicht, gegen
       die eigenen  Qualifikationsinteressen streikt. Damit wird ein Zu-
       sammenhang betont  zwischen der  individuellen Qualifikation  und
       der Möglichkeit, Einblick in die eigene gesellschaftliche Lage zu
       erhalten, woraus  ein bestimmtes  Verhältnis auch  gegenüber  der
       Streikbewegung abgeleitet  wurde. Das  Argument erinnert  mich an
       die Unternehmerthese,  daß der Lehrlingsstreik nicht im Interesse
       der Auszubildenden  liege, da  diese gegen ihre eigene Qualifika-
       tion streikten.
       Beyer/Kellner: Uns ist aufgestoßen, bei dem was der Manuel gesagt
       hat -  über das  Spektrum der Arbeitsgruppen, also die Breite der
       Beschäftigungsfelder, mit  denen sie  sich auseinandergesetzt ha-
       ben, ich  erinnere an  Singegruppe, Frauengruppen, Biermanngruppe
       usw. -  daß an den Fachhochschulen in Westberlin das Spektrum der
       Arbeitsgruppen und  deren Inhalte wesentlich enger gesehen wurden
       und daß  ganz konzentriert  über Studieninhalte,  Studienordnung,
       Bildungspolitik, HRG usw. gearbeitet wurde.
       Bohn: Ich  möchte noch ganz kurz in dieser Beschreibungsebene Wi-
       derspruch zu  der These von Christoph Kievenheim formulieren, daß
       während des  Streiks politische  Inhalte vertreten  worden wären,
       die lange Jahre gewerkschaftsorientierte Gruppen als Organisatio-
       nen vertreten  hätten. Das  stimmt meines  Erachtens in  der Form
       schon deswegen nicht, da gerade die gewerkschaftlich orientierten
       Organisationen beschränkt  alle sozialen  Konflikte innerinstitu-
       tionell vertreten  haben, in  einer ganz starken institutionellen
       Ausrichtung. Unsere  Bewegung hingegen  hat sicherlich eine große
       soziale Unmittelbarkeit - aus einer tiefen existentiellen Betrof-
       fenheit heraus. Wir versuchen aber, Zusammenhänge herauszustellen
       zwischen der eigenen Betroffenheit über die direkt erfahrbare Re-
       pression im  Uni-Alltag und den Berufsverboten oder Arbeitslosig-
       keit etc. Die eigene soziale muß unseres Erachtens direkt mit der
       allgemeinpolitischen Ebene  verbunden werden.  Zum zweiten  haben
       wir diese soziale Unmittelbarkeit ganz bewußt außerinstitutionell
       ausgetragen, so  z.B. durch Besetzung von Räumen - also in direk-
       ter Selbstorganisation!  Wir haben so bewußt sowohl auf diese in-
       nerinstitutionelle Politik  als auch  auf die  Kampagnenform ver-
       zichtet.
       Beyer/Kellner: Im  Zusammenhang mit  der Frage: Berufsverbote als
       auslösender Faktor.  Ich glaube, man darf die Berufsverbote nicht
       als alleinigen  auslösenden Faktor sehen, sondern im Zusammenhang
       mit der Perspektive des einzelnen Studenten, die sich dem Studen-
       ten heute  bietet: nämlich  einerseits arbeitsmarktbedingt,  d.h.
       daß das  Studium nicht mehr automatisch den Arbeitsplatz sichert,
       sondern daß  eben bestimmte  Unsicherheitsfaktoren hereingekommen
       sind; und  dazu kommen die Berufsverbote, d.h. die politische Re-
       pression, die  alle kritischen  Regungen und jedes Engagement für
       die eigene  Situation untergraben  soll. Die zwei Sachen darf man
       nicht trennen.  Ich habe  das ja  schon vorhin einmal an dem Bei-
       spiel deutlich  gemacht, und ich glaube, daß das auch ein wesent-
       licher Faktor  für die  Studenten ist, die jetzt an die Fachhoch-
       schulen kommen, daß sie eben beruflich und studienmäßig eine Per-
       spektivlosigkeit sehen  und    daß  sie eben  auch nicht mehr die
       Möglichkeit sehen, eventuell da noch irgendwie individuell durch-
       zuschlüpfen.
       An den  Fachhochschulen ist  der letzte Hoffnungsschimmer eigent-
       lich zerstört  worden mit  dem (Kultusminister-Konferenz) KMK-Be-
       schluß und  der Quotenregelung  im Hochschulrahmengesetz, daß man
       nämlich noch  irgendwie ausbüchsen  konnte, durch eine Weiterfüh-
       rung des  Studiums an der Universität. Das war jedenfalls für die
       Studenten hier  an den  Fachhochschulen, besonders für die jungen
       Semester, ein  ganz wesentliches  Moment. Und  ich meine, daß das
       darauf zurückzuführen ist, daß den Studenten vorher, über die Re-
       formpolitik und  die Öffnung  der Hochschulen und die Bildungsre-
       form, die  groß propagiert  wurde, ziemliche  Hoffnungen  gemacht
       worden sind.  Die jetzigen  Studenten aber,  die jetzt in den An-
       fangssemestern sind,  sehen keine  Möglichkeiten mehr:  Von  Bil-
       dungsreform ist  keine Rede  mehr, die Hochschulen werden eigent-
       lich zugesperrt  von vorne  bis hinten, alles was erkämpft worden
       ist in  der Vergangenheit,  soll rückgängig  gemacht werden.  Das
       gibt im wesentlichen die Motivation, sich zu organisieren und was
       daran zu  tun. Während eben die Studenten, die in den höheren Se-
       mestern sind, diese Erfahrungen nicht in dem Maße haben und immer
       noch teilweise  hoffen, individuell  irgendwie ein Schlupfloch zu
       finden. Das  ist vielleicht der Ansatzpunkt für zwei Studentenge-
       nerationen, aber ich meine, man darf die berufliche Perspektivlo-
       sigkeit und politische Repression nicht auseinanderreißen. Es be-
       steht ein Zusammenhang.
       
       2. Ursachen und Bedingungen der Bewegung
       ----------------------------------------
       
       Bohn: Wenn  man über  Ursachen und Bedingungen der Bewegung nach-
       denkt, dann  glaube ich  schon, daß  man davon  ausgehen muß, daß
       ähnlich der Bewegung 66/68, eine ganze Reihe von ursächlichen Be-
       dingungen existieren, die ein solches Maß von Unzufriedenheit und
       damit Voraussetzungen zu einer solchen Bewegung produzierten. Wir
       müssen hier wirklich unterscheiden zwischen diesen objektiven Be-
       dingungen und  den politischen Konflikten, an denen sich dann di-
       rekt Aktionen  entzünden. So hat damals für den SDS die Auseinan-
       dersetzung um den Vietnamkrieg die Politisierungsfunktion gehabt,
       obwohl sozusagen "der Nährboden" dieser Bewegung die Funktionsun-
       fähigkeit der Ordinarienuniversität gewesen ist. Diese Funktions-
       unfähigkeit ist  der Ansatz,  der eine  Kontinuität zu heute her-
       stellt: Damals  wie heute ist die Erfahrung mit einer tendenziel-
       len Funktionsunfähigkeit der bürgerlichen Universität - natürlich
       innerhalb unterschiedlicher  Entwicklungsebenen -  die Vorausset-
       zung für  die stattfindende Politisierung. Dieses Chaos bürgerli-
       cher Bildungsplanung  hat damals wie auch heute als Ursache prak-
       tisch die Revolte erzeugt.
       Ich möchte  jetzt wenigstens  bruchstückhaft den  bildungspoliti-
       schen Rahmen  umreißen, der  die heutige  Basis der  Revolte aus-
       macht: Wir  haben heute  mit den Anfangssemestern NC - bzw. Ober-
       stufenreformgeschädigte an  den Universitäten, die extremer indi-
       vidueller Konkurrenz ausgesetzt waren und als Trost bestimmte Er-
       wartungen an ihr zukünftiges Studentsein geknüpft hatten. Nun ha-
       ben die politischen Instanzen plötzlich den NC, den man jahrelang
       mit einer  Leistungsideologie legitimiert hatte, weitgehend abge-
       schafft. Der  Grund: ein  kurzfristiges taktisches  Konzept gegen
       die immer  stärker werdende Jugendarbeitslosigkeit. Man will mög-
       lichst viele  Abiturienten für  4 -  5 Jahre aus dem Arbeitsmarkt
       heraushalten. An  den Hochschulen  führt das  zu folgender Situa-
       tion:  Zur   Zeit  studieren  etwa  800 000  Studenten;  die  WRK
       (Westdeutsche Rektorenkonferenz) geht von einer Überlastquote von
       rund 1,2  Mill. Studenten ab 1980 aus. Und das bei gleichbleiben-
       den Personal- und Sachmittelkapazitäten.
       Das von  der formalen  Seite: Von der inhaltlichen Seite her exi-
       stiert innerhalb  der  bürgerlichen  Bildungsplanung  der  Wider-
       spruch, daß  man einerseits durch das HRG versucht, eine Entwick-
       lung in  Richtung berufsorientiertes  Studium zu  schaffen -  nur
       formal als  Anspruch erhoben, ohne inhaltliche Definition des Be-
       griffs "Berufsorientierung" -, andererseits bietet man der anrol-
       lenden Studentenflut  forciert Studiengänge an (Magister, Disser-
       tation als  Abschluß), bei  denen von  vornherein klar  ist,  daß
       diese Absolventen  niemals gemäß  ihrer Qualifikation  einen  Ar-
       beitsplatz finden  können. Für  die  bürgerliche  Bildungsplanung
       gibt es  keine Möglichkeit, auf reale Arbeitsmarktbedarfsanalysen
       zurückzugreifen, der  Widerspruch  zwischen  Spezialisierung  und
       größtmöglicher Mobilität ist für sie gar nicht lösbar.
       Das ist  der eine Rahmen, dazu kommt die zunehmende Akademikerar-
       beitslosigkeit, die  natürlich  noch  zusätzliche  Verunsicherung
       auslöst und damit einen politischen Unruhefaktor darstellt.
       Sommer: In  etlichen Punkten  will ich  dem Manuel widersprechen.
       Erstens sehe ich nicht so einen Bruch zwischen der Studentengene-
       ration bis  '68 nach  dem Motto:  Dann hatten wir Pause und jetzt
       ist die  neue da.  Also, wenn  du das nicht so gemeint hast, o.k.
       Ich meine,  daß es  eine durchgängige  Studentenbewegung  gegeben
       hat, wenn  auch, und  das ist meines Erachtens das wichtigste Un-
       terscheidungsmerkmal, eine, die unter jeweils anderen Bedingungen
       gearbeitet hat  - streckenweise auch unter einer anderen Zielset-
       zung. Also,  ohne das  jetzt ausbauen  zu wollen,  es gibt Unter-
       schiede  zwischen   der   Bewegung   gegen   die   Ordinarien-Uni
       ("Schneidet die alten Zöpfe ab"), also der Bewegung vor dem '69er
       Uni-Gesetz, der  Zeit nach  diesem Gesetz  und der  heutigen. Die
       "alte" Studentengeneration  wurde geprägt  durch die Teilnahme am
       inneruniversitären Entscheidungsprozeß:  Erarbeitung von demokra-
       tischen Alternativen  bis zur Entscheidungsreife über die Univer-
       sität hinaus,  die z.B. demokratische Studienpläne durch die Uni-
       versität geboxt  haben, die  heute beim  Senator in der Schublade
       liegen. Davon  unterscheidet sich die jetzige Generation, die da-
       mit konfrontiert  ist, daß  sich die  Bedingungen der staatlichen
       Hochschulpolitik wesentlich  gewandelt haben und ihre Möglichkei-
       ten der  Mitwirkung nicht  mehr da  sind. Der Senat in Westberlin
       versucht, Bildungspolitik im Interesse der Monopole zu betreiben,
       und diese  Bildungspolitik steht  diametral den studentischen In-
       teressen gegenüber.  Die Studenten  sehen nirgendwo  mehr in  der
       Universität ein  Feld, wo sie ihre Interessen institutionell ein-
       bringen können.  Das ist  der eine  Punkt. Der zweite Punkt, mein
       Ausgangspunkt ist der der zwei Generationen heute, bei dem natür-
       lich auch  so eine  Frage, ja  wie soll  man das ausdrücken, eine
       Frage der politischen Sozialisation eine Rolle spielt. Jemand der
       sein Studentenleben  lang an  demokratischer Mitbestimmung mitge-
       wirkt hat  und da auch gewisse Erfolge erzielt hat, hat natürlich
       größere Schwierigkeiten sich auf die veränderten Kampfbedingungen
       einzustellen -  zusätzlich zum  Examensdruck und  den hohen Seme-
       sterzahlen -  als zum  Beispiel ein junger, frischer Student, der
       aus einer Oberstufenreform kommt, die ihn ziemlich kaputt gemacht
       hat, der sieht, er soll jetzt weiter kaputt gemacht werden.. Noch
       einen anderen  Punkt, den  ich ansprechen  wollte, ist der, warum
       die Berufsverbote  jetzt im  Vordergrund  stehen.  Da  sind  zwei
       Gründe zu  nennen. Der  eine ist, daß ein sehr klares Verständnis
       in dieser Studentengeneration vorhanden ist vom Gegner. Der Staat
       wird als Gegner erkannt, aber nicht seine Funktion, d.h. der Geg-
       ner ist  klar da. Und am sichtbarsten, am greifbarsten ist dieser
       Gegner in  Fragen der  politischen  Repression,  der  Gesinnungs-
       schnüffelei, der  Berufsverbote, und  damit wesentlich greifbarer
       und wesentlich  einfacher bekämpfbar  als z.B. in der Entwicklung
       der Perspektiven,  etwa wie eine berufsqualifizierende Ausbildung
       in diesem  Staat erkämpft  werden kann. Der zweite Grund ist der,
       daß auch  die Erfolgsmöglichkeiten  des Kampfes  gegen Berufsver-
       bote, gegen  politische Repressionen  wesentlich  deutlicher  und
       klarer zu  Tage treten, als in anderen Fragen. Die internationale
       Solidaritätsbewegung hat  eine so  große Breite erreicht, daß Er-
       folge möglich  sind und  erreicht wurden. Mittelfristig, wenn man
       mittelfristig mit 3 - 5 Jahren umschreiben will, scheint auch ein
       umfassender Erfolg  gegen die Berufsverbote möglich zu sein. Dies
       ist eine wesentliche Triebfeder.
       Ohm: Leider  schätze ich  die mittelfristigen Erfolgsperspektiven
       unseres Kampfes  gegen die  Berufsverbote weniger günstig ein als
       Michael. Ich  vernachlässige dabei  allerdings vielleicht die Be-
       deutung der  internationalen Unterstützung  unseres Kampfes.  Die
       Intensivierung der  Berufsverbote und Bespitzelung leitet sich ab
       aus einem  immer schärfer sich zuspitzenden Widerspruch der sozi-
       alökonomischen Basis:   e i n e r s e i t s   ist  die  Arbeiter-
       klasse fachlich  hoch qualifiziert. Sie steuert immer komplizier-
       tere und  wertvollere Maschinensysteme;  mit Leichtigkeit  könnte
       sie die  Steuerung der Betriebe, der Gesamtproduktion übernehmen;
       a n d e r e r s e i t s:   das Kapital  läßt sie nicht ran. Damit
       es nun genug Lehrer, Psychologen, Journalisten usw. gibt, die ei-
       nerseits die  gewachsenen Informations- und Qualifikationsbedürf-
       nisse der Arbeiter befriedigen, andererseits diesen immer krasse-
       ren Widerspruch  raffiniert verschleiern, müssen - vom Standpunkt
       des Kapitals  - fortschrittliche Intellektuelle aus Unis, Massen-
       medien etc.  verschwinden. Dem  Kapital geht es hier um eine Exi-
       stenzfrage, und  es wird nur härtestem Druck weichen. Also werden
       wir erst  dann durchschlagenden  Erfolg haben,  wenn die  Gewerk-
       schaften und  eine sozialistisch  orientierte, massenhaft  veran-
       kerte Arbeiterbewegung unseren Kampf zu dem ihren machen. Für den
       Weg dahin müssen wir strategische Überlegungen anstellen und eine
       sehr kluge Politik machen.
       Sommer: Ich gebe dem Christoph Ohm in der Hinsicht Recht, daß wir
       noch nicht durch sind im Kampf gegen den versuchten Abbau der de-
       mokratischen Grundrechte.  Aber ganz bestimmte Faktoren, ich habe
       die eben angeführt, sprechen dafür, daß dort Erfolge zu erreichen
       sind. Dabei komme ich noch auf das Problem der gesellschaftlichen
       Funktion der  Berufsverbote, besonders im Intelligenzbereich, das
       in einigen  Arbeitsgruppen während des Streiks unter dem Begriff:
       "Kettengliedtheorie" diskutiert  worden ist.  Einige Kollegen sa-
       gen, Berufsverbote,  das habe ich gerade am OSI öfter gehört, Be-
       rufsverbote sind das eigentliche Kettenglied. Wenn wir hier einen
       Erfolg erreichen,  ist das  ganze System des Gegners an einem we-
       sentlichen Punkt  geschwächt, und  wir haben die Möglichkeit, von
       diesem Erfolg  aus weiter  zu arbeiten. Ich würde einfach bitten,
       auf dieses Argument, es wird öfter auftauchen, auf dieses Ketten-
       gliedargument in der Diskussion mehr einzugehen.
       Kievenheim:  Ich möchte noch einiges zum Problem der historischen
       Entwicklung der  Studentenbewegung sagen. Es sind wenigstens drei
       Phasen in  dieser Bewegung  seit  Ende  der  sechziger  Jahre  zu
       unterscheiden. Vom Standpunkt der jeweils formulierten Ziele, der
       subjektiven Intentionen  haben sie  z.T. mit Niederlagen geendet,
       so daß  man mit  der Rede  von der  "Kontinuität" vorsichtig sein
       sollte.
       Die erste  Phase fällt  zusammen mit dem Beginn struktureller Re-
       formversuche der  alten Universität durch die staatliche Politik.
       Sie reflektiert  dabei natürlich  bereits die Schwierigkeiten und
       Halbherzigkeiten dieser  Reformversuche. Die  Bewegung  verbindet
       sich mit  gesellschaftspolitischen und  international  relevanten
       Ereignissen bzw.  dadurch bedingte Auseinandersetzungen: der Aus-
       einandersetzung um  die Notstandsgesetze,  den Vietnam-Krieg usw.
       Zum Teil  gelingt es,  reale Bündnisse  mit  der  auch  außeruni-
       versitär getragenen  Notstandsbewegung, Teilen der Gewerkschaften
       u.a. herzustellen.  Die Auseinandersetzung mit Formierungstenden-
       zen zum  autoritären Staat in der BRD, die Erfahrungen der Bruta-
       lität des  US-amerikanischen Vorgehens in Vietnam erschüttern das
       Vertrauen eines  Teils der  bürgerlich sozialisierten Intelligenz
       in die  Realexistenz der  Grundwerte der  "westlichen Welt".  Von
       hier aus  nimmt die  Kapitalismus-Kritik ihren Ausgangspunkt. Das
       Fehlen einer  aktiven Arbeiterbewegung  in Westdeutschland, einer
       kontinuierlich wirksamen  marxistischen Tradition in der Intelli-
       genz  u.a.   begünstigen,  daß  die  gesellschaftspolitische  und
       -theoretische Orientierung  eines Teils  dieser Bewegung  an  den
       Notwendigkeiten einer  langfristig orientierten realistischen Po-
       litik in der BRD vorbeigeht, im schlechten Sinne "utopische" Züge
       erhält. Ein  Kernproblem ist  die Überschätzung der selbständigen
       politisch-progressiven Rolle  der Intellektuellen,  eine  falsche
       Bündniskonzeption mit  den "unterprivilegierten"  Gruppen der Ge-
       sellschaft u.a.
       Spätestens mit dem Auslaufen der Anti-Notstandsbewegung durch die
       Verabschiedung der  Gesetze mußte  deutlich werden, daß unter den
       damaligen politischen  Verhältnisse in  der BRD  größere  gesell-
       schaftspolitische Erfolge  nicht erzielbar waren. Für die weitere
       Orientierung wichtige Erfahrungen werden durch die Klassenausein-
       andersetzungen in  Westeuropa und die Reaktivierungsansätze einer
       kämpferischen Arbeiterbewegung  in der  BRD seit  dem  September-
       streik 1969  vermittelt. Die  Erkenntnisse über die Lohnarbeiter-
       klasse als  einer potentiellen  verändernden Kraft  in dieser Ge-
       sellschaft und  der eigenen intellektuellen Perspektive als einer
       lohnabhängigen waren  wichtige Voraussetzungen  für die Formulie-
       rung und  Durchsetzung der Strategie der "Gewerkschaftlichen Ori-
       entierung". Ihre  zweite Komponente,  die durch  die  erste  ihre
       langfristige Perspektive  erhielt, war die unmittelbar hochschul-
       politische Auseinandersetzung,  sowohl der  Kampf um  die Landes-
       hochschulgesetze als  auch die Bemühungen um die Durchsetzung von
       Elementen fortschrittlicher  Studienreform und  die Konflikte  um
       die Positionen  innerhalb der  Institute  und  Fachbereiche.  Als
       drittes Moment kam eine verstärkte sozialpolitische Betroffenheit
       der Studenten  im Zuge  der  gesamtwirtschaftlichen  Entwicklung,
       aber auch der sozialen Rekrutierungsänderungen innerhalb der Stu-
       dentenschaft hinzu.  Durch die Bewegung der Studenten, konzeptio-
       nelle Differenzen  und  Widersprüche  innerhalb  der  staatlichen
       Hochschulpolitiken u.a. konnten hier zweifelsohne bestimmte Posi-
       tionen erkämpft werden.
       Die Zeit,  in der  man glauben konnte, daß in der staatlichen Re-
       formpolitik längerfristig  formale und  inhaltliche  Fortschritte
       verankert würden,  ist allerdings  inzwischen längst vorüber. Ich
       will auf  die politischen und ökonomischen Gründe hier nicht ein-
       gehen. Mit  dem Hochschulrahmengesetz  findet nun  eine bestimmte
       Reformperiode ihren für die staatliche Politik sicherlich klägli-
       chen formalen  Abschluß. Gegenüber  einigen Landeshochschulgeset-
       zen müssen  Positionen zurückgenommen werden. Die materiellen Be-
       schränkungen sind infolge der allgemeinen Krise im Hochschul- und
       Wissenschaftsbereich deutlicher denn je geworden, und als ein für
       die BRD  neues Problem  kommt die  Arbeitslosigkeit innerhalb der
       Intelligenz hinzu.  Das "roll  back" an den Hochschulen ist dabei
       keinesfalls in erster Linie das Ergebnis von politischen Fehlori-
       entierungen innerhalb der Studentenbewegung der letzten Jahre. Es
       ist nur  so, daß  die Veränderungen gesellschaftlicher Kräftekon-
       stellationen, auf die eine längerfristige progressive Reformpoli-
       tik angewiesen wäre, ausgeblieben ist. Hieran können auch die Be-
       mühungen, sich  in die  Bevölkerung und zu den Gewerkschaften hin
       zu vermitteln, gegenwärtig nicht so viel ändern, weil die Impulse
       dieser Bewegung  letztlich nicht entscheidend vom Hochschulsektor
       ausgehen werden.
       In dieser  Situation stehen  wir jetzt,  und man  muß sehr reali-
       stisch einschätzen,  daß sich  in den  nächsten Jahren keine ein-
       schneidenden Verschiebungen  des politischen Spektrums nach links
       in diesem  Lande vollziehen  werden. Das  aber bedeutet, wenn man
       nach den Ereignissen des Wintersemesters davon sprechen kann, daß
       die Bewegung  an den  Hochschulen keineswegs  zu Ende ist, daß es
       weiterhin eine  erhebliche Diskrepanz  zwischen  dem  politischen
       Spektrum im  Hochschulbereich und in der Gesamtgesellschaft gibt,
       eine Diskrepanz,  auf welche  sich diese Bewegung wird einstellen
       müssen.
       Sommer: Ja,  ich will  kurz auf Christoph Kievenheim eingehen. Er
       sagte, es  gab drei  Phasen. Da  gebe ich  ihm Recht. Aber er hat
       auch gesagt, daß die Phasen immer mit Niederlagen endeten, zumin-
       dest die  ersten beiden.  Und da  gebe ich  ihm schon  nicht mehr
       Recht. Ich finde, man kann das nicht allein von der Intention der
       Studentenbewegung her begreifen, sondern muß ansatzweise ein Pha-
       senmodell aufstellen, das auch von der staatlichen Hochschulpoli-
       tik her  zu bestimmen ist. Die erste Phase wurde mit den staatli-
       chen Versuchen  beendet, eine reformistische und integrationisti-
       sche Hochschulpolitik  in Westberlin zu etablieren mit der Unige-
       setzgebung von 1969 - in der demokratische Rechte eingeräumt wur-
       den, für  die die  damalige Studentenbewegung  gekämpft hatte. In
       der zweiten  Phase kann  als Erfolg verbucht werden, daß ein zen-
       trales Ziel  staatlicher Bildungspolitik  nicht  erreicht  wurde,
       nämlich die  Änderung der  Struktur der  universitären  Entschei-
       dungsprozesse mit  einer inhaltlichen  Neustrukturierung der Bil-
       dungsinhalte zu  verbinden. Man braucht nur die Schriften aus der
       Ära Stein  nachzulesen, diese  kleinen, gelben  "Hochschulpoliti-
       schen Schriften", mit dem Tenor, wir haben jetzt die strukturelle
       Reform, nun  wollen wir auch mal endlich die inhaltliche. Inhalt-
       liche Reform heißt doch letztendlich, daß die Hochschulreform von
       1969  eine   monopolhörige  Ausbildung  garantieren  sollte.  Die
       Etablierung dieser  Art der Ausbildung ist nicht gelungen. Hierin
       liegt eine  wesentliche Notwendigkeit  für die  Intervention  des
       Staates im  Hochschulbereich, denn  mit dem Hochschulrahmengesetz
       kulminiert die  reaktionäre Bildungspolitik  in Reaktion  auf die
       Erfolge im Kampf um demokratische Ausbildungsinhalte. Damit wende
       ich mich  gegen die  Unterstellung der  Niederlagen,  denn  beide
       Phasen der Studentenbewegung haben nachweisbare Erfolge erzielt.
       Bohn:  Ich  wollte  eigentlich  dir,  Michael,  in  diesem  Punkt
       widersprechen, weil  du da  eigentlich  in  gewisser  Weise  eine
       Geschichtsklitterung betreibst.  Die politischen  Ziele sind auch
       gerade von  "den ADSen,  MSB, SHB  und Jusos  formuliert  worden,
       nämlich der  Ansatz, nicht  bestimmte  Maßnahmen  zu  verhindern,
       sondern man  ist davon  ausgegangen, hat  die  Illusion  erweckt,
       durch  innerinstitutionelle   Beteiligung  via  Mitbestimmung  an
       entscheidungspolitischen Prozessen,  also durch ein Einlassen auf
       eine  integrationistische   Reformpolitik  positive  Alternativen
       durchdrücken zu  können. Mit  dieser  Reformkonzeption  seid  ihr
       erstmal faktisch  gescheitert. Den  Grund des  Scheiterns hier zu
       diskutieren, würde den Rahmen sprengen.
       Zum zweiten  wäre es ein Zeugnis von absoluter politischer Blind-
       heit zu  glauben, daß  eine strukturelle Veränderung der Studien-
       gänge möglich  wäre, ohne  daß zwangsläufig eine inhaltliche For-
       mierung der  Curricula  im  Sinne  der  Herrschenden  einhergehen
       würde. Wenn  man sich die in den letzten 2-3 Jahren verabschiede-
       ten Studiengänge  anschaut, ist  der Beweis  ganz eindeutig: Ziel
       dieser restaurativen Studienreform ist es, durch organisatorische
       Effektivierung eine reaktionäre inhaltliche Formierung der Curri-
       cula zu  erreichen. In diesem Rahmen muß auch die Frage der poli-
       tischen Repressionen an den Hochschulen eingeordnet werden.
       Wie gesagt,  diese Reformpolitik ist gescheitert. Das wäre aller-
       dings eine  Niederlage. Und  eine Niederlage  war es in der Weise
       auf der  anderen Seite  auch, wo bestimmte spontaneistische Grup-
       pierungen nur noch subjektive bzw. antiwissenschaftliche Elemente
       aufgriffen und  in einer totalen Ablehnung praktisch auch die ei-
       gene Identität  als Student  geleugnet wurde. Das hat ja zu einer
       totalen Verweigerung  geführt, in  der nur subjektive Bedürfnisse
       radikalisiert wurden.  Diese Strategie  ist genauso  gescheitert,
       wie umgekehrt, wo versucht wurde, sowohl soziale als auch politi-
       sche Fragen  nur noch institutionell im Rahmen von Mitbestimmung,
       Gremienarbeit etc. zu lösen.
       Ohm: Ich sage noch was zu Siegen: Die Studentenbewegung von heute
       schaut gegenüber  der ersten  großen Studentenbewegung  auf einen
       sehr wichtigen positiven Bilanzposten: Die sozialistische Wissen-
       schaft hat  Durchbrüche und  Einbrüche erzielt, Sümpfe trockenge-
       legt in einer Reihe von sozial- und geisteswissenschaftlichen Fä-
       chern, aber auch im Bereich der Sozialmedizin. Diese Fächer waren
       früher total  beherrscht von  allen Kennzeichen bürgerlicher Per-
       spektivlosigkeit:  Perspektivlose  Faktenanhäufung,  überzüchtete
       statistische Methoden zur Prüfung infantiler Aussagen, raffiniert
       in "Wertneutralität"  eingewobene ideologische  Verteidigung  von
       Ausbeutung und  Unterdrückung, etc.  - Ich  habe die erste Etappe
       der Studentenbewegung  noch mitgemacht, und das Furchtbarste, was
       einem da  eben geschah, war diese absolute Hilflosigkeit: Man war
       unerhört zornig  gegen die  bürgerliche  Wissenschaft,  aber  man
       konnte nur  die totale,  die abstrakte  Negation und  den bis zum
       Wahnsinn gehenden  Verweigerungsfeldzug betreiben:  Weg  mit  der
       Psychologie, weg  mit der  Physik, weg  mit der Mathematik, usw.!
       Nicht begründen  konnte man  auf dieser Basis ein sinnvolles Stu-
       dium und eine progressive, also Schülern, Arbeitskollegen, Klien-
       ten, Patienten nützende, sie überzeugende Berufspraxis. Die Folge
       waren massive  Identitätsstörungen,  immer  chaotischere  Gesell-
       schaftskritik und  entsprechende Aktionen,  Realitätsflucht, Iso-
       lierung, - schließlich Resignation.
       Die zur  Verzweiflung treibende  Erfahrung absoluter Leere, etwas
       tun wollen und nichts tun können, diese schreckliche umwegige Er-
       fahrung, die viele zerstörte, braucht die gegenwärtige Studenten-
       bewegung nicht  mehr zu machen. Für eine Reihe von Studienfächern
       gilt heute:  Wer sich  auf eine die kapitalistischen Widersprüche
       zuspitzende Berufspraxis vorbereiten will, wer an seinem Arbeits-
       platz ein guter Kämpfer für die Belange der Bevölkerungsmehrheit,
       fürs Allgemeininteresse  sein will,  kann sich heute schon - z.T.
       sogar im  Rahmen seines offiziellen Studiums - eine Masse nützli-
       cher Erkenntnisse und Fähigkeiten aneignen.
       Kievenheim: Ich kann die Bedeutung der Entwicklung eines größeren
       Potentials einer  radikaldemokratischen sozialistischen  Intelli-
       genz infolge  der Studentenbewegung  nur noch  einmal voll unter-
       streichen. Das  ist in  dieser Massenhaftigkeit in der Geschichte
       der deutschen  Intelligenz ein  ungeheures Novum. Zugleich ist es
       gelungen, einige  alternative wissenschaftliche Positionen an ei-
       nigen Universitäten aufzubauen. Ausstrahlungskraft und Beschäfti-
       gung mit  marxistischer Theorie  sind gewachsen. Es ist gelungen,
       wenigstens in  ganz bescheidenen  Ansätzen, Elemente von "Wissen-
       schaftspluralismus" -  d.h. die  offene Auseinandersetzung diver-
       gierender  wissenschaftlicher  Strömungen  herzustellen,  wie  er
       (allerdings zum Teil in einem etwas anderen Verständnis) von Sei-
       ten staatlicher  Wissenschaftspolitik ja  immer postuliert  wird.
       Allerdings ist  die  Beschäftigung  mit  Elementen  marxistischer
       Theorie in  der Studentenschaft größer als die wirkliche Veranke-
       rung solcher  Positionen innerhalb  des Lehrbetriebes  (d.h.  auf
       dauerhaften Lehrstellen).
       Zurück noch einmal zu meiner These über die "Niederlagen" der Be-
       wegung. Ich  habe wohl mit Michael Sommer Meinungsverschiedenhei-
       ten über  das Kriterium  von Erfolg  und Niederlage, und über die
       Bewertung von  langfristigen Entwicklungen.  Daß die Durchsetzung
       bestimmter Tendenzen dieser Reform an den Hochschulen einige Zeit
       durch die  Bewegung mitverhindert  wurde, ist für mich längerfri-
       stig nicht als ihr Erfolg anzusehen, wenn nicht gleichzeitig län-
       gerfristig  wirksame  fortschrittliche  Reformpositionen  positiv
       durchgesetzt worden  sind bzw. durch ihre zeitweilige Institutio-
       nalisierung Bedürfnisse nach demokratischen Strukturen und Inhal-
       ten geweckt wurden, die in späteren Auseinandersetzungen zu reak-
       tualisieren wären.  Wenn es  hier als Erfolg bezeichnet wird, daß
       die inhaltliche Reform zugunsten einer sogenannten monopolhörigen
       Ausbildung gescheitert sei und wir andererseits sehen müssen, daß
       eine inhaltliche  Reform im  fortschrittlichen Sinne  auch  nicht
       durchgesetzt werden konnte, ist das Erfolgsgerede doch ausgespro-
       chen zynisch  gegenüber den  Interessen der  Studierenden und  an
       diesen Hochschulen  Arbeitenden. Wir  brauchen nämlich nicht eine
       verhinderte Reform  und auch nicht das durch Unfähigkeit staatli-
       cher Politik  und Systembedingungen  organisierte Chaos, um sagen
       zu können:  "Da sieht man mal wieder das Wesen des Monopolkapita-
       lismus", sondern  wir brauchen  eine langfristig  orientierte Re-
       formpolitik, und  wir können nicht zurück zu einem Zustand in dem
       die Universität scheinbar einen Freiraum in der Gesellschaft bil-
       dete. Wir  kämpfen für  eine Orientierung der Hochschulausbildung
       an langfristig verwertbaren Qualifikationserfordernissen der Stu-
       dierenden; und  wir müssen  unsere Forderungen bezüglich der Ver-
       mittlung gesellschaftskritischer  Studieninhalte, unsere Vorstel-
       lungen von  einem demokratischen  Wissenschaftspluralismus in ein
       solches Konzept  integrieren. Die  Studierenden  sollen  befähigt
       werden, den  für ihre  Berufsqualifikation notwendigen Stoff kri-
       tisch zu  durchdringen, ihre  eigene soziale Situation zu reflek-
       tieren. Die  Hochschulen sollen befähigt werden, quantitative und
       qualitative Entwicklung  gesellschaftlich planvoll  zu organisie-
       ren. Zum  Teil weisen  solche Forderungen über eine Realisierbar-
       keit innerhalb  der gegenwärtigen  Gesellschaftsstruktur  hinaus.
       Sie sind  konstruktive Alternativen  der gegenwärtigen  Situation
       und zielen darauf ab, bereits unter den gegenwärtigen Bedingungen
       den Interessen  der Studenten  und den  inhaltlichen Bedürfnissen
       der Lohnarbeiter  und ihrer  Organisationen an  den Universitäten
       stärkeres Gewicht zu geben.
       Weißbach: Demokratische  Reformpositionen sind,  glaube ich,  auf
       der Basis  der gegenwärtigen  Entwicklung anders zu bestimmen als
       in den frühen '70er Jahren. Und die Möglichkeit ihrer Absicherung
       sieht dementsprechend,  da würde ich Christoph Kievenheim zustim-
       men, etwas  anders aus.  Wenn man  davon ausgeht, daß '69 mit der
       reformistisch-integrationistischen Hochschule,  wie sie  hier  in
       Westberlin beispielhaft  existierte, ein Rahmen geschaffen wurde,
       um Widerstände  gegen die  Neustrukturierung  zu  beseitigen,  so
       zeigte sich  in der  Folgezeit, daß diese inhaltliche Neustruktu-
       rierung ausgeblieben  ist. In  diesem Vakuum ist anschließend die
       studentische und von der Mehrzahl der funktionalen Gruppen getra-
       gene Studienreformarbeit  zu sehen. Diese mußte ein weder vom Ka-
       pital noch von sozialliberalen Reformern ausfüllbares Vakuum ver-
       suchen zu füllen. Ein beschleunigter gesellschaftlicher Struktur-
       wandel zog  vor allem  im Überbaubereich einen Bedarf an Theorien
       und Methoden  nach sich,  der aus  der traditionellen  Hochschule
       heraus nicht mehr zu befriedigen war. Diese Lücke füllte die Stu-
       dien-Reformarbeit.
       Daraus resultierte  ein spezifisch historisches, relativ bornier-
       tes Verständnis von kritischer Berufspraxis, ein Begriff von kri-
       tischer Praxis,  der einen  sehr geringen Vergesellschaftungsgrad
       der Arbeit  unterstellt: ein  Vor-sich-hinwerkeln  der  meist  im
       ideologischen Bereich  oder in  der sozialen Praxis tätigen Hoch-
       schulabsolventen. Dieser  Begriff wird partiell illusionär in dem
       Moment, wo die auch von Kievenheim skizzierten Veränderungen ein-
       treten. Jetzt muß man sich die Frage stellen, ob die Hochschulre-
       form damit zum gewissen Abschluß gelangt ist in der gegenwärtigen
       Phase und  wie davon  das Verständnis  von  Berufspraxis  berührt
       wird. Die  curriculare Reform steht heute immer noch aus. Es gibt
       Indikatoren dafür,  daß das Kapital inzwischen weitaus konkretere
       Konzepte für  neue Studieninhalte  erarbeitet hat,  als 1969  zur
       Verfügung standen.  Man braucht nur mal die letzten Jahrgänge der
       BDA-Organe durchzulesen. In diesem Bereich ist der Bedarf an stu-
       dentischer Reformarbeit  heute gering.  Das Kapital  hat ausgefä-
       cherte Kataloge  von Lernzielen auf Lager, die es den Hochschulen
       unterschieben möchte, so wie sich auch die vorsichtigen quantita-
       tiven Bedarfsprognosen  der Kapitalseite als realistischer erwie-
       sen haben  als die  von Riese,  Alex oder Krafft. Aber es besitzt
       keine langfristig  vernünftige Strategie  zur Entwicklung der Ar-
       beitskräfte und  kann sie  auch nicht  besitzen. In quantitativer
       Hinsicht ist  der Reformprozeß  nicht abgeschlossen. Das, was als
       Einbruch bezeichnet  wird, als  sogenanntes Ende  der Bildungsre-
       form, ist nur ein relativer Einschnitt. Die Hochschulen sind seit
       1973 weiter  expandiert, wie  in der  Phase vorher, also wie seit
       1965.
       Zum Beispiel  1965 gab  es 300 000  Studenten, '72:  536 000, und
       jetzt, 1976,  sind wir  bei 800 000  Studenten. Es  hat sich also
       praktisch seit '72 noch einmal um die Hälfte vergrößert. Anderer-
       seits wird  auch die  gesellschaftliche Decke, der Akkumulations-
       topf, aus  dem sowohl diese Expansion als auch die sie bedingende
       Möglichkeit kapitalistischer  Strukturanpassung vor allem im ter-
       tiären Sektor  sich ergibt, knapper. Die Folge ist vor allem eine
       Verbilligung der  hochqualifizierten Arbeitskräfte, eine Kompres-
       sion, die  sich auch  curricular niederschlägt.  Für uns  ist die
       Notwendigkeit alternativer  Studiengänge heute nicht mehr aus so-
       zialreformistischen Strukturanpassungsmaßnahmen  ableitbar,  aber
       ebensowenig aus  der bloßen  Notwendigkeit der verstärkten Umset-
       zung von Wissenschaft in die Produktion. Diese ist auch ohne cur-
       riculare Reformen weitgehend vollzogen.
       Objektiver Ausdruck  dieses Drucks auf die Hochschulen ist meines
       Erachtens das  Konzept der  gewerkschaftlichen Orientierung.  Auf
       die Möglichkeit  von sogenannten vernünftigen Relationen zwischen
       Beschäftigungssystem und Hochschule und den Hinweis auf die anar-
       chische Durchsetzung der Hochschulreform von Christoph Kievenheim
       müßten wir noch einmal eingehen. Ich verweise nur darauf, daß der
       Numerus clausus  z.B. dieses  Problem nicht in den Griff bekommen
       hat. Er  verbilligt die  Produktion der  Arbeitskraft, während er
       für die Studenten zusätzliche Kosten mitbringt. Zwar Rat sich die
       Fachstudiendauer bis  zum Abschluß verkürzt, die Verweildauer auf
       den Hochschulen  aber ist  angestiegen. Ich  verstehe den Numerus
       clausus zumindest  in seiner  gegenwärtigen Handhabung  nicht nur
       als Instrument, sondern vor allem als politische Variable. Früher
       waren es  ständische Interessen  von Berufsverbänden,  Ärzten und
       Pharmazeuten usw., heute schlagen mehr allgemeinpolitische Inter-
       essen durch,  Wahlhilfe, Jugendarbeitslosigkeit, um bloß ein paar
       Stichworte zu  geben. Es zeigt sich, daß keine einheitliche Linie
       der Handhabung erkennbar ist, sondern immer wieder politische Be-
       dingungen intervenieren.
       Da die  Betroffenheit gewachsen  ist, die Bündnispartner aber an-
       geblich nicht  in Sicht  sind, hat Christof Ohm nun argumentiert,
       wir müssen  uns von den ewigen Neinsagern und von der Weg-Mit-Po-
       sition abgrenzen,  auch in  Bezug auf  das Hochschulrahmengesetz.
       Eine Konsequenz  seines Arguments  scheint mir  zu sein,  daß man
       sich genehme,  irgendwie planungsverwertbare  Bruchstücke aus dem
       Hochschulrahmengesetz herauskläubt,  um daraus in Ermangelung von
       Bündnispartnern das  Beste zu  machen. Sommer: Es sind sehr viele
       Fragen angesprochen  worden, auf zwei will ich noch einmal einge-
       hen. Manuel hat das Stichwort "Geschichtsklitterung" genannt. Ich
       kann für  die Organisation,  der ich  u.a. auch angehöre, für die
       ADSen kann  ich sagen, wir haben nie behauptet, daß wir jetzt et-
       was Ähnliches  wie eine demokratische Hochschulreform voll durch-
       setzen können. Da kannst Du dir die programmatischen Aussagen je-
       der einzelnen  ADS ansehen,  wie auch das Aktionsprogramm der AD-
       Sen-FU, wo immer wieder darauf hingewiesen wird, Bedingungsfaktor
       für eine Politik der demokratischen Veränderungen mit institutio-
       neller Absicherung ein Bündnis über die Hochschule hinaus mit den
       Organisationen der  Arbeiterklasse, wie  Gewerkschaften usw. mög-
       lich.
       Aber das  macht noch  keine Politik der gewerkschaftlichen Orien-
       tierung aus,  das umfaßt  wesentlich mehr. Aber dazu später mehr.
       Das zweite Problem heißt, was sind Erfolge? Einen Aspekt dazu hat
       schon Christof  Ohm genannt,  als er seine Erfahrungen im Fachbe-
       reich 11  geschildert hat.  Nun ist  der Fachbereich 11 nicht ty-
       pisch für  die FU,  ganz zu  schweigen von der Entwicklung an den
       anderen Hochschulen  in Westberlin.  Für die  Fachbereiche der FU
       kann man  ganz allgemein sagen, Manuel, daß das Wachsen der demo-
       kratischen Studentenorganisation, der ADSen, in der zweiten Phase
       ganz eindeutig einen Erfolg darstellt.
       Wir müssen  weiterhin davon  ausgehen, daß  nach der '69er Reform
       wesentliche Veränderungen  des Lehrangebots und der Forschungsin-
       halte stattgefunden haben. Ich nenne nur die große Anzahl von Di-
       plom- und  Staatsexamensarbeiten, die  sich inhaltlich  total von
       den Arbeiten aus der Zeit vor 1969 unterscheiden.
       Auf einer Großveranstaltung der ADSen am 28. Januar in der TU hat
       Professor Kühnl in einem ausgezeichneten Referat darauf hingewie-
       sen, daß  zum ersten  Mal in der deutschen Universitätsgeschichte
       eine Generation  Wissenschaftler an den Hochschulen arbeitet, die
       nicht die stockreaktionäre Haltung und Tradition der letzten hun-
       dert Jahre  fortsetzt. Hier zeigen sich in der Tendenz ganz deut-
       lich qualitative  Veränderungen, die  auch und  gerade ein Erfolg
       der politischen Aktivitäten an dieser Universität sind.
       Ohm: Wir  diskutieren hier  über die Ursachen und Bedingungen der
       gegenwärtigen Bewegung  der Studenten.  Es ist  gewiß zweckmäßig,
       noch einmal  die Ursachen der Studentenbewegung der 60er Jahre zu
       rekonstruieren und  zu prüfen,  ob sich  daraus Kampfperspektiven
       für die  gegenwärtige Studentenbewegung  erarbeiten lassen. - Die
       bürgerliche Universität  der 60er  Jahre entsprach nicht mehr den
       Erfordernissen  einer   hochentwickelten  kapitalistischen  Indu-
       striegesellschaft:
       a) Die Verwissenschaftlichung  und Automatisierung von Produktion
       und Verwaltung  schritt in  den 60er  Jahren mit ungeheurem Tempo
       voran: In den Labors und Planungsabteilungen der Großbetriebe, im
       Erziehungswesen, im  gesamten Bereich der öffentlichen Dienstlei-
       stungen wurden  immer mehr  wissenschaftlich  geschulte  Arbeits-
       kräfte erforderlich.  Die Universitäten  aber waren nicht auf ein
       Massenstudium von 20-30% der Schüler eines Altersjahrgangs einge-
       richtet, sondern auf das Studium einer kleinen Elite.
       b) Die Produktion  dieser Absolventen  war teuer,  mit der voran-
       schreitenden technischen  Entwicklung nahm  für die  öffentlichen
       und privaten  "Arbeitgeber" der  Gebrauchswert der akademisch ge-
       schulten Arbeitskräfte  immer mehr ab: Das Kapital brauchte immer
       mehr hochqualifizierte  Facharbeiter. Teilnahmslose  Lehrer,  die
       die Kinder  unqualifizierter Arbeiter für unheilbar milieugeschä-
       digt, für  "geborene Hilfsarbeiter"  hielten und sich nichts ein-
       fallen lassen  mochten, um  sie voranzubringen, wurden fürs große
       Kapital zusehends  dysfunktional. Zusehends  dysfunktional wurden
       auch Ärzte,  die sich  für  betriebliche  bzw.  sonstige  soziale
       Krankheitsursachen nicht interessieren mochten und es daher nicht
       verstanden, qualifizierte Arbeiter gesund und arbeitsfähig zu ma-
       chen; dasselbe  gilt für Psychologen und andere Sozialberufe. Aus
       dieser Sachlage  heraus war der Staat, da er für die langfristige
       Absicherung des  kapitalistischen Verwertungsprozesses,  folglich
       auch für  die Produktion  wissenschaftlicher  Grundlagenforschung
       und für  die Qualifizierung  der Arbeiter der kommenden Jahre zu-
       ständig ist,  interessiert an einer grundlegenden Reform der Uni-
       versitäten, an  einer radikalen  Beseitigung feudaler Zustände an
       denUniversitäten. Da  eine grundlegende  inhaltliche und struktu-
       relle Reform eines so riesenhaften und komplizierten Gebildes wie
       eines Universitätssystems  auf dem  Wege eines  amtlichen Befehls
       "von oben" völlig unmöglich ist, mußte er die zündende demokrati-
       sche Reformbegeisterung  der Studenten  und Assistenten  gewähren
       lassen, was  auch im  Universitätsgesetz von  1969 seinen Nieder-
       schlag fand.  Um den  Studenten die  Bildung eines  einheitlichen
       Willens möglichst  zu erschweren,  wurde die  Verfaßte Studenten-
       schaft gleichzeitig abgeschafft.
       Der Staat schafft nun nicht nur langfristig und planmäßig die in-
       frastrukturellen Voraussetzungen für die Qualifikation der Arbei-
       tenden, als  bürgerlicher Staat ist er zugleich zuständig für die
       langfristige und  planmäßige Absicherung  tagtäglicher Enteignung
       der Arbeiterklasse  durchs Kapital. Von dieser zweiten - im Zwei-
       felsfall Priorität  genießenden -  Funktion aus betrachtet, stieß
       der Staat  auf eine "gefährliche Konstellation": In einer kapita-
       listischen Gesellschaft  sind der Reform des Erziehungswesens sy-
       stemspezifische, inhaltliche und finanzielle Grenzen gesetzt. Die
       erste Studentenbewegung  blies zwar  der alten Feudal-Uni das Le-
       benslicht fast völlig aus, aber sie begnügte sich nicht mit einer
       halbdemokratischen Universität, machte nicht halt an den Grenzen,
       bis zu denen hin das kapitalistische System die Reform noch tole-
       rieren kann. Die Studentenbewegung ging aufs Ganze, wollte umfas-
       sende Demokratisierung, stellte die Beherrschung der Gesellschaft
       durch das Sonderinteresse des Kapitals in Frage. Dies ist für den
       kapitalistischen Staat ein gefährlicher "Reformüberschuß": um ihn
       zu liquidieren, verhängt er Berufsverbote bzw. sucht durch andere
       Methoden administrativer  Gewalt, einen  über  die  Systemgrenzen
       hinausgehenden "Reformüberschuß" zu ersticken.
       Ich fasse die leider recht langen Ausführungen zusammen:
       a) In unserer  Gesellschaft entwickeln  sich die materiellen Pro-
       duktivkräfte (Technik  und Arbeitsorganisation)  trotz des  schon
       erreichten Niveaus mit ungeheurem Tempo weiter.
       b) Falls nicht die materielle Produktion und damit auch der kapi-
       talistische Verwertungsprozeß  zusammenbrechen soll,  müssen auch
       die subjektiven  Produktivkräfte, die Arbeiter, zu immer qualifi-
       zierterer Arbeit befähigt werden.
       c) Es müssen  - auch  in einer  kapitalistischen Gesellschaft!  -
       folglich alle  Sektoren des Erziehungssystems nicht nur einmalig,
       sondern permanent reformiert werden.
       d) Der bürgerliche  Staat muß daher ein böses Akrobatenstück lei-
       sten: Einerseits  muß er  das Reformengagement an der "Basis" der
       öffentlichen Institutionen tolerieren, ja sogar mehr oder weniger
       direkt fördern; andererseits muß er den vor den Grenzen des kapi-
       talistischen Systems  nicht haltmachenden  "Reformüberschuß"  er-
       sticken.
       Welche Relevanz  haben diese  Punkte a bis d für die gegenwärtige
       Bewegung der Studenten: Dem Staat ist sein Akrobatenstück mißlun-
       gen; zwar  ist ein beträchtlicher Teil derer, die durch die erste
       Studentenbewegung bewegt  wurden, in  resignativer Anpassung  auf
       der Strecke  geblieben, aber dennoch hat eine breite, antikapita-
       listische  Politisierung   der  Studenten   im   kapitalistischen
       Deutschland stattgefunden wie nie zuvor in diesem Jahrhundert. Zu
       lernen ist: Das Akrobatenstück ist störbar! Das liegt offensicht-
       lich daran,  daß der  bürgerliche Staat in einem Feld sehr wider-
       sprüchlicher gesellschaftlicher  Anforderungen operieren  muß. Er
       muß den Notwendigkeiten einer entwickelten materiellen Produktion
       und einer  entwickelten Arbeiterklasse  Rechnung tragen, die Ent-
       wicklung  einer  konsequent  gesellschaftsbezogenen  Wissenschaft
       fördern, weil sie für die gesellschaftliche Weiterentwicklung un-
       abdingbar ist;  zugleich muß  er dem Kapital geben, was des Kapi-
       tals ist: viel Geld, viele Subventionen, und er muß unnachsichtig
       die antikapitalistische Intelligenz verfolgen.
       Nun sind  aber die  Marxisten in vielen Fächern die einzigen, die
       eine wirklich  gesellschaftsbezogene Wissenschaft  noch  auf  die
       Beine stellen  können, während  die kapitaltreuen Wissenschaftler
       zwar Rechtfertigungswissenschaft  liefern, die aber gerade deswe-
       gen wiederum für die Bewältigung von Anforderungen der entwickel-
       ten Produktion  ungeeignet ist.  Welche neue Formen des Eingriffs
       entwickelt der Staat, um sich innerhalb dieses Widerspruchsfeldes
       zu bewegen?  Welche Rolle können die Gewerkschaften als Repräsen-
       tanten der  Qualifikationsinteressen, der  Gesundheitsinteressen,
       der kulturellen  Interessen in  diesem Widerspruchsfeld  spielen?
       Kann nicht  durch ein  Bündnis zwischen Universitäten und Gewerk-
       schaften auf  die Art staatlicher Maßnahmen gegen die Universitä-
       ten wesentlicher  Einfluß genommen werden? Daß ein immer größerer
       Teil der  Studenten der  gegenwärtigen Studentenbewegung über die
       ungeheure Bedeutung  der Gewerkschaften  für die  Entwicklung der
       Universität in  dieser Gesellschaft  nachzudenken  beginnt,  wenn
       auch sehr tastend, ist ein ungeheurer strategischer Vorzug dieser
       Bewegung gegenüber der alten Bewegung.
       Bohn: Zu  dem immer wieder angeschnittenen Komplex der Politisie-
       rungsprozesse einige Anmerkungen: Ich glaube, daß ihr den Politi-
       sierungseffekt durch die Auseinandersetzung mit der Universitäts-
       reform reichlich überschätzt und damit auch euer hochschulpoliti-
       sches Gewicht,  das ihr  in den  letzten Jahren  hattet. Da haben
       viel mehr Faktoren eine Rolle gespielt. Die Hochschulen wurden in
       der  SDS-Phase  politisiert;  diese  Politisierung  ist  erhalten
       geblieben, besonders an der FU, an der Ex-SDS-Genossen als Dozen-
       ten heute  eine wichtige  Schulungsrolle innehaben,  der sie zwar
       leider oft  nicht gewachsen  sind, aber  immerhin,  da  existiert
       "soziale Wirksamkeit".  Dann haben  gerade  an  den  Westberliner
       Hochschulen allgemeine politische Konflikte eine Rolle mit unter-
       schiedlicher Gewichtung  gespielt: so anläßlich des Hungerstreiks
       der RAF 1974 - unsere Solidarität mit ihnen gegen ihre Haftbedin-
       gungen und unsere Kritik an ihrer politischen Strategie. Ausdruck
       davon waren  unsere Aktionen  nach dem  Mord an Holger Meins. Das
       FU-Info sprach  damals bereits von einer "neuen politischen Bewe-
       gung". (FU-Info,  24/74) Oder  hier nur erwähnt: Internationalis-
       mus, unsere  Aktionen zu  Chile und Portugal, wichtige Politisie-
       rungsfaktoren.
       Ein Problem  dieser ganzen Phase 69 bis etwa 74/75 war gerade die
       Parzellierung dieser verschiedenen Politisierungsprozesse. Meines
       Erachtens ein  sehr relevanter  Unterschied zur  Phase davor. Der
       SDS hatte  zumindest als Anspruch definiert, Politisierung in ih-
       rer Totalität  zu begreifen.  D.h. der  SDS hat die Zusammenhänge
       erkannt und  betont, wie  sie etwa in den Analysen von Horkheimer
       und Adorno  über Faschismus  und Familie  diskutiert wurden; oder
       aber die zusammenhängende Diskussion sehr divergierender und ein-
       ander bedingender  Faktoren, wie  einerseits der  Kampf gegen den
       Völkermord in  Vietnam und  andererseits die Erkenntnis der Funk-
       tion des  Antikommunismus in  seiner gesellschaftlichen  Umgebung
       bzw. überhaupt  das Erkennen, wie repräsentative Demokratie funk-
       tioniert. So  wurde politische  Arbeit damals  als etwas alle ge-
       sellschaftlichen Ebenen  Umgreifendes begriffen,  das die  eigene
       subjektive Befreiung als etwas Erfahrbares mit einschloß.
       In der  Parteienphase wurden politische Prozesse als Ausdruck der
       Fraktionierung ungemein  auseinanderdividiert, indem man die ver-
       schiedenen  Ebenen  gegeneinander  ausspielte  (Kampf  gegen  den
       Staat, soziale Konflikte, Subjektivität etc. pp.). Diese Verabso-
       lutierung einzelner Komponenten ist eine Art Legitimationsideolo-
       gie, die  die politische Existenz der eigenen Fraktion in Abgren-
       zung, den Alleinvertretungsanspruch, rechtfertigen soll.
       Die Bewegung,  die sich  in den  letzten Semestern  in Berlin neu
       entwickelt hat,  versucht nun,  auch auf Grund repressiver Erfah-
       rungen mit  dem im obigen Satz skizzierten Politikverständnis und
       aus einer  Analyse der  eigenen existen-tiellen  Bedingungen, die
       Erfahrungen des SDS aufzugreifen, um so wieder zu einem umfassen-
       den politischen Verständnis zu kommen.
       Eine zweite  Sache, zu der noch Stellung zu beziehen ist, ist die
       Frage der demokratischen Inhalte. Für die Entwicklung unserer Be-
       wegung hat  diese Frage  sicherlich sowohl eine positive als auch
       eine negative  Rolle gespielt.  So ist es sicherlich falsch, wenn
       hier die  Frage der linken oder radikaldemokratischen Lehrinhalte
       nur in  einem positiven Rahmen dargestellt werden, denn wir haben
       die Erfahrung gemacht, daß ja gerade an Fachbereichen, wo weitge-
       hendst Personen  solche Inhalte  verankern konnten, weniger durch
       Studienpläne als durch Personen, daß der Marxismus an der Univer-
       sität sich den Bedingungen der Vermittlung und der Lernform weit-
       gehend angepaßt  hat. Es kam nicht zu einer den Inhalten entspre-
       chenden Vermittlung.  Es ist  zu keiner  Diskussion über die Form
       der Wissensaneignung  gekommen und  schon gar nicht zu einer Dis-
       kussion über das Problem der Trennung von Theorie und Praxis. Für
       den Marxismus,  der als Wissenschaft von der historischen Notwen-
       digkeit einer revolutionären Veränderung der kapitalistischen Ge-
       sellschaft ausgeht,  sollte dieser  Widerspruch von  Theorie  und
       Praxis zumindest  ein diskutierbares  Problem  sein.  Denn  diese
       Trennung wird  in den  linken Seminaren  immer mehr als repressiv
       empfunden, weil  dort in  der Regel  weder Fragen  noch Antworten
       formuliert werden,  die auf  die eigene politische Identität bzw.
       auf erfahrbare politische Probleme rückvermittelbar wären.
       Ein wichtiges Element dieser Bewegung ist daher auch ein erneutes
       Problematisieren dieser  radikal demokratischen und marxistischen
       Lehrinhalte. Nur  haben sich  die linken Dozenten bisher ziemlich
       generell geweigert, dieses Problem überhaupt zu erkennen. Das muß
       natürlich zu Spannungen führen! Diese Weigerung hat dazu geführt,
       daß stark  antiwissenschaftliche und  antitheoretische Strömungen
       existieren, denen  sich gerade auch die linken Dozenten politisch
       bisher in  keinster Weise  gestellt haben. Insofern würde ich das
       sehr viel  stärker problematisieren als es hier von euch der Fall
       ist. Ohm:  Ich glaube, man muß den Begriff "Repressivität" linker
       Seminare sorgfältig  prüfen. Zwischen  unmittelbarer  politischer
       Praxis und  systematischer Erarbeitung der Einsichten des wissen-
       schaftlichen Sozialismus  besteht natürlich eine notwendige Span-
       nung, weil  nur durch  die anstrengende Aneignung der Theorie die
       Voraussetzungen für  wirksame politische Praxis unter komplizier-
       ten Voraussetzungen  geschaffen werden.  Es darf  sich  natürlich
       kein Moment verselbständigen, sonst droht der linke Elfenbeinturm
       oder die  politische Handwerkelei. Sollten aber mit "repressiven"
       Seminaren solche  gemeint sein,  die besonders klar durchstruktu-
       riert sind,  dann wird  gerade mit  dem Tabuwort  "repressiv" die
       letzte Chance  vermauert, in  einer guten  Lehrveranstaltung neue
       Lernmotivation aufzubauen.
       
       Grundlagen strategischer Einschätzungen
       ---------------------------------------
       
       Weißbach: Ich  fange mit  der Frage an, nicht um sie auszuführen,
       sondern um  zu zeigen,  daß sie  eine Konsequenz der Beantwortung
       einer anderen  Frage ist.  Nämlich: Wo  ist der Optimismus und wo
       sind die Perspektiven in der gegenwärtigen Bewegung zu verankern?
       Wenn die  nur in der subjektiven Betroffenheit, die gewachsen ist
       in den  letzten Jahren, verankert wird, wenn andererseits konsta-
       tiert wird:  Bündnispartner sind  gesellschaftlich nicht relevant
       oder nicht  zu sehen, führt das meines Erachtens zu falschen Kon-
       zeptionen insbesondere  in bezug  auf politische Praxis im Beruf.
       Ein Beispiel  dafür ist das Wiederaufleben einer Orientierung auf
       Kleingruppenarbeit, auf  Anknüpfen an  unmittelbare  Bedürfnisse,
       was an sich nicht negativ zu bewerten ist, was aber häufig strikt
       einer gewerkschaftlichen  Position entgegengesetzt wird. Als Bei-
       spiel aus  dem Planungsbereich  sei auf die Auseinandersetzung in
       der Zeitschrift ARCH + verwiesen, die eine Tendenzwende in diesem
       Sinn signalisierte.  Die Existenzunsicherheit  allein führt nicht
       schon zu  einer richtigen Bestimmung der Träger des gesellschaft-
       lichen Fortschritts.  Das sind nämlich in dieser Variante tenden-
       ziell die  kleinen freischaffenden Architekten und Planungsbüros,
       die da  zum Träger  des Fortschritts  stilisiert werden, in einer
       gezielten Kehrtwendung  gegen gewerkschaftliche Orientierung. Nur
       in der subjektiven Betroffenheit eine Strategie zu verankern, ist
       unzulänglich. Christof  Ohm begründet  hingegen seinen Optimismus
       in der  Einschätzung unserer Kampfmöglichkeiten, wie ich ihn ver-
       standen habe,  in einer  inneren Zwiespältigkeit kapitalistischer
       Interessen. Bündnispartner oder entfaltete Klassenkämpfe sind für
       ihn nicht auszumachen. Das führt zu einer bestimmten Einschätzung
       des Hochschulrahmengesetzes,  der staatlichen  Maßnahmen, die auf
       uns zukommen  werden und der Abwehrstrategie. Die Gefahr ist, daß
       der Hauptwiderspruch  der kapitalistischen  Hochschulpolitik  als
       Widerspruch zwischen kurz- und langfristiger Politik des Kapitals
       bestimmt wird,  woran sicher richtig ist, daß man kapitalistische
       Widersprüche ausnutzen  kann für  die Politik  der demokratischen
       Bewegung; Beispiel  Ost-Verträge, um  so einen Widerspruch zu be-
       nennen. Ich  weiß nicht, ob ich den Christof jetzt überspitzt in-
       terpretiere, wenn  ich ihm  jetzt unterstellen würde, daß man mit
       seiner Strategie  sich in  Studienreformausschüssen nach  dem HRG
       mit bornierten  oder dummen Einzelkapitalisten, die sich über die
       Tragweite der  Entwicklung, die sie selbst in Gang gesetzt haben,
       nicht richtig  im Klaren sind, zusammensetzen muß, um dann unsere
       Interessen selektiv  durchzudrücken, ausgehend von einer Argumen-
       tation, daß man die Bruchstücke, die sozusagen langfristige kapi-
       talistische Entwicklungserfordernisse verkörpern, jetzt durchset-
       zen und  andere, die kurzfristigen politischen Stabilisierungsin-
       teressen dienen,  zu verhindern  suchen muß. Damit werden sozial-
       ökonomische Grundlagen  einerseits gegen  kurzfristige politische
       Interessen des Kapitals andererseits ausgespielt, weil wir angeb-
       lich nicht  gegen Effektivierung  des Studiums und der Hochschule
       an sich  sind, sondern gegen die Effektivierung der Hochschule im
       Sinne bestimmter  kapitalistischer  Interessen.  Das  würde  sich
       dann, wenn  ich das  richtig verstanden  habe, z.B.  in folgenden
       Konsequenzen ausdrücken:  Wir sind gegen eine 6-semestrige Regel-
       studienzeit, aber nicht gegen eine 8-semestrige auf der Grundlage
       eines wissenschaftlichen  Studiums. Als  Verweis dient  immer der
       Student, der hilflos an der Hochschule herumirrt, im 20. oder 30.
       Semester. Solch  eine Argumentation finde ich problematisch. Auch
       hier wird  in der  Hochschulplanung natürlich  wie im Sozialismus
       von einem  gesellschaftlichen Bedarf  ausgegangen. Das  Argument,
       wir  müssen  uns  die  künftigen  Formen  von  gesellschaftlicher
       Planung heute  vorwegnehmen, können  sogar effektiver  planen als
       das  Kapital,  indem  wir  uns  nicht  von  dessen  kurzfristigen
       Interessen leiten  lassen, sondern  die objektiven langfristigen,
       sozialökonomischen Grundtendenzen,  soweit sie sich in bestimmten
       Maßnahmen  des   Hochschulrahmengesetzes  reflektieren,   positiv
       aufnehmen,   ist   meines   Erachtens   den   Betroffenen   nicht
       vermittelbar. Effektivität  in einem  ganz abstrakten  Sinne  ist
       eine Lebensnotwendigkeit  jeder Gesellschaft.  Gestützt auf solch
       einen allgemeinen  Begriff von  gesellschaftlicher  Effektivität,
       der nicht  die gesellschaftliche  Form  der  Durchsetzung  dieser
       Effektivität  analysiert,  läßt  sich  an  der  Hochschule  keine
       Politik, die  sich auf  die Interessen  der  Betroffenen  stützt,
       ableiten. Es  ist trivial,  daß in  jeder Gesellschaft Ressourcen
       knapp sind  und daß  darüber verfügt  wird, und zwar im Interesse
       bestimmter Klassen.  Wenn argumentiert wird, wir sind nicht gegen
       Regelstudienzeit an  sich, wir  bekämpfen nur  gewisse Auswüchse,
       die der kapitalistischen Durchsetzungsweise geschuldet sind, dann
       beruft man  sich eben  meines Erachtens  eben auf  so  eine  ganz
       allgemeine Effektivität  oder Ökonomie  der Zeit,  kann aber  die
       Spezifik der kapitalistischen Hochschulpolitik und die Interessen
       derjenigen,  die   von  ihr   elementar  betroffen   sind,  nicht
       begründen, wie auch keine Gegenstrategie. Andererseits klappt das
       auch nach den kapitalimmanenten Effektivitätskriterien nicht. Wir
       können dem Kapital nicht seine Feinplanung abnehmen, gestützt auf
       seine Kriterien  von Effektivität  oder von  Ressourcenverwendung
       mit Hilfe  etwa des  Numerus clausus oder der Überlastquoten, die
       schon das Brachliegen der produzierten Qualifikationen einplanen.
       Es gibt  also  keinen  formationsübergreifenden  klassenneutralen
       Effektivitätsbegriff,  der   konkret  zur   Entwicklung   unseres
       Standpunktes in  Fragen des  Hochschulrahmengesetzes herangezogen
       werden könnte.  Kapitalistische Effektivität ist nicht Einsparung
       von  lebendiger   Arbeit   schlechthin.   Der   Aufruf   an   die
       Hochschulangehörigen, mitzuhelfen diese Effektivität zu steigern,
       verkennt deren  Interessen und  läuft in  der Konsequenz  auf die
       Aufforderung hinaus,  eine langfristige Strategie des Kapitals zu
       suchen, die es gar nicht geben kann in bezug auf die Reproduktion
       der Arbeitskraft.
       Bohn: Ich  kann gerade hier ansetzen: Wenn man davon ausgeht, ich
       würde das  auch so  sehen, daß es keinen wertneutralen Effektivi-
       tätsbegriff gibt,  dann muß man konsequenterweise davon ausgehen,
       daß die  formale Strukturierung  und die  formale Veränderung der
       Studiengänge durch  das Hochschulrahmengesetz  in direkter  Weise
       gekoppelt ist  mit einer inhaltlichen Veränderung. Man kann diese
       formale Veränderung  "Regelstudienzeit" nicht trennen von der in-
       haltlichen Verschulung,  von der  Degradierung bestimmter Wissen-
       schaften zu multiple choice-Systemen à la Führerscheinfragebogen.
       Deswegen würde  ich davon ausgehen, daß der wichtigste Ansatz für
       strategische Bestimmungen  mittelfristiger Natur  das  Verhindern
       der Durchsetzung  bestimmter grundlegender  Prinzipien  des  HRG,
       Verschulung und Effektivierung, sein muß. Wobei die Frage der po-
       litischen Repression in diesen Zusammenhang mit reinzunehmen ist.
       Nur um  ein Beispiel  aufzuzeigen, gerade die im letzten Semester
       massive Praktizierung  des Ordnungsrechtes als Beginn einer neuen
       Strategie hat  die Funktion,  bestimmte Reibungsverluste ziemlich
       klein zu halten, die in nächster Zukunft als politische Konflikte
       bei der  Durchsetzung genau dieser Effektivierung und Verschulung
       entstehen werden.
       Strategische Überlegungen  müssen als Voraussetzung zunächst ver-
       schiedene Ebenen der Intervention herauskristallisieren. Erstens:
       Eine genaue  Analyse des  Spielraums, den  man hat  im Rahmen von
       Forderungen zwischen  dem Hochschulrahmengesetz  und der '78 sich
       vollziehenden Angleichung  des  Berliner  Hochschulgesetzes.  Das
       zweite ist  eine Bestimmung des Spielraums bzw. der Widersprüche,
       die durch die Integration der Westberliner Hochschulen entstehen,
       bei der ganz verschiedene sich auch widersprechende Maßnahmen von
       selten der  politischen Institutionen  erwogen werden. Das dritte
       ist ein  Versuch, die Durchsetzung ganz bestimmter Effektivitäts-
       normen zu verhindern, sowie Verschulung durch eine längerfristige
       direkte Organisierung  zu unterlaufen.  Von dieser Unterlaufungs-
       strategie her müssen dann Konflikte auf der Ebene der Forderungen
       geschaffen werden, in einer Art Wechselwirkung.
       Sommer: Nur  eine Frage, da mir dieses Konzept doch ziemlich dif-
       fus zu  sein scheint;  wie du  das Konzept  begrifflich bestimmen
       würdest, als  Unterlaufungsstrategie, als Konfliktstrategie, also
       nur, damit wir klar diskutieren können.
       Bohn: Diese  Form von  Strategie, das  habe ich  bewußt versucht,
       differenziert zu schildern, muß sowohl die Ebene der Forderungen,
       gekoppelt mit  einer direkten  Konfliktstrategie, als auch Unter-
       laufungselemente verbinden. Nur so lassen sich konkrete Bedingun-
       gen eines Instituts meinetwegen mit der Ebene der Gesetzgebung in
       einer solchen Strategie zusammenfassen.
       Ohm: Vorab  zur Klarstellung:  Für mich  ist folgendes klar: Ent-
       schieden demokratische Wissenschaft und entschieden demokratische
       Reformpolitik sind  an den  Universitäten nur dann langfristig zu
       verankern, wenn  die Gewerkschaften dies stützen. "student-power"
       oder "science-power"  können gegen  das Interesse des Kapitals an
       den Unis  langfristig wenig bewirken. Das erfahren wir ja tagtäg-
       lich selber.
       Nun zu  unserem Kampf gegen Akademikerarbeitslosigkeit und finan-
       zieller Misere  im Bildungsbereich. Für konsequente gewerkschaft-
       liche Reformpolitik,  mit der  wir uns  verbünden müssen, gibt es
       dreierlei Aufgaben:
       a) Es ist  im Bewußtsein  der Bevölkerungsmehrheit  zu verankern,
       daß es  in absehbarer  Zeit in dieser Gesellschaft millionenfache
       Dauerarbeitslosigkeit und katastrophale Zusammenbrüche gibt, wenn
       nicht Lehrerarbeitslosigkeit  und  Stellenstopp  im  öffentlichen
       Dienst unverzüglich  aufgehoben werden, weil die Gesellschaft der
       80er und  90er Jahre sehr gut qualifizierte Produzenten und hoch-
       qualifizierte öffentliche  Dienstleistungen braucht.  - Und  auch
       das Kapital braucht das, sonst ist die Kapitalverwertung der 80er
       und 90er Jahre sehr schlecht.
       b) Es ist im allgemeinen Bewußtsein zu verankern: Diese Forderun-
       gen sind  finanziell realisierbar.  Noch kein Kapitalismus ist an
       einer Steigerung  der Bildungsausgaben zugrundegegangen - ganz im
       Gegenteil!
       c) Es muß zur Verwirklichung der Forderungen massiver politischer
       Druck auf  den Staat ausgeübt werden. Der Druck hat große Erfolg-
       schancen, wenn er nur stark genug ist.
       Weißbach: Nur  eine Verständigungsfrage: Ist dieser Ausgangspunkt
       der Bestimmung  der Strategie  identisch mit dem Widerspruch zwi-
       schen Gesamtkapital  oder ideellem  Gesamtkapitalist und den hem-
       mungslos raffgierigen  Einzelkapitalen, die  die Grundlagen ihrer
       Akkumulation immer wieder untergraben?
       Ohm: Vielleicht  sollte ich mich noch präziser ausdrücken. Konse-
       quente gewerkschaftliche  Reformpolitik, für  die wir kämpfen und
       mit der wir uns verbünden müssen, heißt nicht, daß man nur Forde-
       rungen stellt,  die binnenkapitalistisch realisierbar sind. Damit
       Illusionen und  Enttäuschungen verhindert  werden, muß  aber klar
       unterschieden werden  zwischen Forderungen,  die demnächst reali-
       siert werden  können, und Forderungen, deren Erfüllung die Spren-
       gung kapitalistischer Produktionsverhältnisse voraussetzt. Natür-
       lich müssen  auch Forderungen  gestellt werden, die so hoch sind,
       daß  der   Rahmen  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse
       kracht und seine Enge bewußt wird. Aber Arbeiter sind keine Aben-
       teurer, sie  wollen genau wissen: Was ist erreichbar? Erfüllbar -
       ich sag's noch einmal - sind auf jeden Fall Bildungs- und Gesund-
       heitsforderungen der  Arbeiter, die  den  langfristigen  Entwick-
       lungserfordernissen der  materiellen Produktion  entsprechen. Al-
       lerdings fällt da der Arbeiterklasse und den sich mit ihr verbün-
       denden Studenten gar nichts in den Schoß, und ich wehre mich hier
       gegen die  Unterstellung des Ökonomismus oder irgendeiner anderen
       passiven Abwartepolitik.  Das aufgrund  der Entwicklungstendenzen
       der materiellen  Produktion langfristig  Notwendige muß  hart er-
       kämpft werden.  Ich will  noch einmal  ganz kurz  zu dem  Komplex
       Hochschulrahmengesetz zurückgehen; als Reflex dieser widersprüch-
       lichen sozial-ökonomischen  Basisprozesse enthält  es drei Kompo-
       nenten. Das  ist zum  einen der  Versuch, die Hochschulstudien zu
       effektivieren und die Produktivität von Forschung, Lehre und Stu-
       dium zu  steigern. Dabei  geht es  darum, daß  einfach die Kosten
       "jetzt mal  zunächst wertneutral  gesprochen - für die Produktion
       hochqualifizierter Arbeitskräfte  gesenkt werden. Man muß einfach
       sehen, daß  da wirklich  neue Maßstäbe  erforderlich werden, wenn
       1965   300.000 Leute studieren, aber 1980  1.25 Mill. Es muß dann
       natürlich in irgendeiner Weise der universitäre Ablauf des Studi-
       ums klarer und verbindlicher organisiert werden. Dann enthält das
       Hochschulrahmengesetz höchst  verkümmert immer noch die Forderung
       der Berufsorientierung  der Studiengänge.  Wir müssen den Begriff
       Berufsorientierung offensiv  deuten als  Gesellschaftsbezogenheit
       und gesellschaftliche Nützlichkeit des Studiums. Gesellschaftlich
       nützlich aber ist - in einer dem Anspruch nach demokratischen Ge-
       sellschaft -  immer noch  das, was  der Mehrheit der Bevölkerung,
       also den  Arbeitern nützt.  Schließlich enthält das Hochschulrah-
       mengesetz als  überwiegende und entscheidende Komponente - und da
       ist unser  Hauptkampf - die Komponente der Systemintegration: Ab-
       bau der  studentischen Mitbestimmung, Abbau des Einflußrechts des
       akademischen Mittelbaus,  Einführung des  Ordnungsrechts, die Zu-
       sammensetzung der  Studienreformkommission. Alles das soll Refor-
       men an  der Universität  staatlich unmöglich machen, die über die
       Grenzen des  Systems hinausgehen.  Die Schwierigkeit,  in der wir
       uns bei unserer Hochschulpolitik befinden, ist jetzt, daß das Ka-
       pital, seine  Massenmedien und  der bürgerliche  Staat diese drei
       Komponenten zu  einem Einheitsbrei  zusammenschmelzen und behaup-
       ten, da  wo der  Staat demokratische  Studieninhalte, die ihm sy-
       stemsprengend erscheinen, eliminiert, es handele sich bloß um Ef-
       fektivierung. Und  die Schwierigkeit, mit der wir dabei zu ringen
       haben, ist,  daß wir  gegen dieses Scheinargument, die Entfernung
       von marxistischen Lehrinhalten sei nur eine Entrümpelung von Bal-
       last, keine  harten Gegenargumente haben, weil wir nämlich alles,
       was Effektivierung  ist, gleichsetzen  mit Systemintegration. Wir
       lavieren uns damit in eine Kampfposition, in der die bürgerlichen
       Massenmedien mit  einem gewissen populären Echo behaupten können:
       Aha, da wollen also die Herren Studenten ihre Privilegien retten,
       sie wollen  unbegrenzt lange studieren können, sie wollen die Se-
       minare auswählen können, zu denen sie sich lustig fühlen, während
       z.B. die  Lehrlinge ganz klare Zeitbegrenzungen ihres Lernprozes-
       ses akzeptieren müssen und ganz klare inhaltliche Strukturen vor-
       gegeben bekommen.  Um die  innere Widersprüchlichkeit,  das Span-
       nungsfeld dieser  drei Komponenten  auszunutzen, würde ich sagen:
       Ja, wir  sind für die Effektivierung und Produktivitätssteigerung
       des Studiums,  wir sind  für Berufs- und Gesellschaftsbezogenheit
       des Studiums,  und daher  sind wir gegen die Berufsverbote, daher
       sind wir  gegen den Abbau der Mitbestimmung und gegen die Aufwer-
       tung reaktionärer  Professoren, weil das, was wir wollen, nämlich
       Gesellschaftsbezogenheit des  Studiums, Berufsorientiertheit  des
       Fachstudiums, genau  dem Ziel der Effektivierung dient; d.h. aka-
       demisch geschulte Arbeitskräfte herauszubilden, die in bestimmten
       gesellschaftlichen Bereichen, in denen sie später arbeiten, wirk-
       lich eine  sinnvolle, gesellschaftlich  verallgemeinerbare Beruf-
       spraxis ausüben. Es sollte in unserer Öffentlichkeitsarbeit unbe-
       dingt strategischen Vorrang bekommen, herausarbeiten, daß die Po-
       litik der  Berufsverbote letztlich Sterilisierung und vollkommene
       Ineffektivität der  Universität bedeutet,  ja im  Endeffekt  dazu
       führt, daß  die Universität  nicht mal  mehr den Ansprüchen einer
       entwickelten kapitalistischen  Industriegesellschaft nützen kann.
       Und ich meine, das ist eben eine bündnisfähige Argumentation, die
       jene auf  unsere Seite ziehen kann, die als Steuerzahler zunächst
       einmal an  einer Universität  interessiert sind, die Ärzte produ-
       ziert, die  wirksam heilen können, und die Lehrer produziert, die
       den Schülern  wirkliche Einblicke in wirkliche Zusammenhänge bei-
       bringen. Auf  unsere Seite müssen sie gezogen werden durch unsere
       Argumente, auch wenn sie mit den Forderungen des entwickelten So-
       zialismus noch nicht voll einverstanden sein können.
       Sommer: Ein  weites Feld, würde Fontäne sagen. Den Punkt, den ich
       noch einmal  kurz bestimmen  möchte ist  der, wie  denn heute die
       bildungspolitische Landschaft  eigentlich aussieht.  Da kann  man
       z.B., wenn  man über  den Tellerrand  der Hochschule hinaussieht,
       eine riesengroße  Jugendarbeitslosigkeit sehen,  man kann  sehen,
       daß die  prognostischen Zahlen,  die im wesentlichen auch stimmen
       werden, die  man nachlesen kann im Hauptreferat von Knop  auf der
       Westdeutschen Rektorenkonferenz von 1976, daßdie auch sagen , daß
       nicht nur  ein wachsender Berg von Studenten da ist, sondern auch
       die Zahl  der Absolventen  des nichthochschulischen Bereichs, der
       Berufsschulen und  Fachschulen wesentlich  steigen wird.  Daß die
       Zahl der  Lehrlingsausbildungsplätze, wenn  man  die  befriedigen
       will, wohl  in der  Größenordnung von  200 000 jährlich  bis 1980
       steigen müßte. Das ist ein Ausgangspunkt, den man dabei nicht un-
       berücksichtigt lassen  sollte und den ich in dem Stichwort zusam-
       menfasse:  Bildungskatastrophe.   Und  diese  Bildungskatastrophe
       durchzieht alle Bereiche des Ausbildungssystems, vom Schulbereich
       mit dem  Problem der Klassenfrequenzen über den berufsschulischen
       Ausbildungs- und  den beruflichen  Ausbildungsbereich bis hin zum
       Hochschulbereich. Das  ist eine Bedingung dafür, den Ansatz einer
       demokratischen Bildungspolitik,  die ja  gegen  diese  staatliche
       Bildungspolitik in weiten Bereichen stehen würde, wie man der ge-
       recht werden könnte. Das heißt also, daß dieses gesellschaftliche
       System ein  riesiges Problem mit der Notwendigkeit und der Schaf-
       fung von Ausbildungsmöglichkeiten hat. Das ist das eine Problem.
       Dieses System  steht vor  der Notwendigkeit  überhaupt Leute erst
       einmal ausbilden  zu können, und zwar in allen Bereichen der Aus-
       bildung, und  es steht  zweitens vor  dem noch  größeren Problem,
       diese Leute,  die da ausgebildet sind, überhaupt arbeiten zu las-
       sen, sprich, ihnen eine berufliche Möglichkeit, ihnen eine beruf-
       liche Chance  zu geben.  Knop zieht  in seinem Referat daraus den
       Schluß, heute  kommt es  erst einmal darauf an, die Leute von der
       Straße wegzuholen. Deswegen öffnen wir die Hochschulen, um in der
       Folge Lehrlingsausbildungsplätze  zu schaffen, dann haben wir das
       Problem 5  Jahre vom  Tisch und  später wird es eben wiederkommen
       und bis  dahin müssen wir uns etwas einfallen lassen. Das ist das
       eine Moment  staatlicher Bildungspolitik.  Das zweite Moment ist,
       daß die staatliche Bildungspolitik natürlich auch vor der Aufgabe
       steht, heute  den Facharbeiter  und den Intelligenzler des Jahres
       2000 auszubilden.  D.h., daß auch das Moment des direkten Berufs-
       bezugs der  Ausbildung sichergestellt werden soll. Das dritte Mo-
       ment ist,  daß alles das, was an Formen und an Perspektiven demo-
       kratischer Berufsausbildung vorhanden ist, abgewürgt werden soll.
       Das sind  meines Erachtens  drei Momente staatlicher Politik. Und
       jetzt, ohne noch weiter in die Analyse einzusteigen, will ich auf
       das Hochschulrahmengesetz  selber kommen.  Ich habe mich mehrfach
       mit dem  Hochschulrahmengesetz beschäftigt  und bin  an den Punkt
       gekommen, daß das Hochschulrahmengesetz nichts, aber auch an kei-
       nem Punkt,  das Moment gesellschaftlicher Effektivierung und Pla-
       nung enthält.  Wenn man  nachrechnet, wenn  man  wissenschaftlich
       analysiert, wie das mal an der TU in Bezug auf die Einführung von
       Regelstudienzeiten errechnet  wurde auf  der Grundlage einer Ver-
       gleichsberechnung zwischen  Mathematikausbildung an der Fachhoch-
       schule mit  6 Semestern und einer Mathematikausbildung an der TU.
       Und die  haben wissenschaftlich  analysiert,  daß  die  Fachhoch-
       schulausbildung teurer  ist. Das ist erst einmal ein unheimlicher
       Hammer. Der  zweite Punkt ist, dieses System, dieses Ausbildungs-
       system insbesondere  im tertiären  Bereich steht vor dem Problem,
       daß heute  30% aller Studenten und zunehmend mehr ihr Studium ab-
       brechen, d.h.  es werden  gesellschaftliche  Mittel  ohnegleichen
       verschleudert. Das  ist auch  ein Problem,  dem man nur dann Herr
       werden kann, wenn man z.B. soziale Bedingungen dafür schafft, daß
       jeder eine  Ausbildung garantiert  bekommt. Ich setze mit Absicht
       jetzt nur  Schlaglichter, um  bestimmte Aussagen von Christof Ohm
       zu relativieren.
       Ohm: Darf ich unterbrechen? Da sind wir uns völlig einig. Was ich
       nur vorschlage,  ist, daß  man sozusagen  den Anspruch  des Hoch-
       schulrahmengesetzes,  die  Effektivierung  voranzutreiben,  ernst
       nimmt; daß man sagt: Dieses Hochschulrahmengesetz kann diesen An-
       spruch gar  nicht verwirklichen,  sondern ist  eine  Zerschlagung
       dieses Anspruchs. Das scheint mir eine sinnvollere und bündnisfä-
       higere Form  der Kritik des Hochschulrahmengesetzes als zu sagen,
       Effektivierung im Kapitalismus kann man nicht systemneutral sehen
       usw. usw.
       Sommer: Naja,  da unterscheiden wir uns ja eben. Weil ich nämlich
       davon ausgehe,  daß das  Hochschulrahmengesetz die  Funktion  hat
       nicht zu effektivieren, sondern primär die Funktion hat, die Aus-
       bildung in  einem bestimmten  Interesse sicherzustellen.  Um ganz
       deutlich zu sagen, wo wir uns unterscheiden: Regelstudienzeit mit
       6 oder  8 Semestern  ist ohne die Schaffung von Studienreformkom-
       missionen nicht denkbar, d.h. beide Regelungen sind eng miteinan-
       der verknüpft und haben die gleiche Zielsetzung.
       In der  Broschüre der  SEW-Hochschulgruppe ist  diese Zielsetzung
       dargestellt: der  Stoß richtet  sich gegen eine wissenschaftliche
       und damit  demokratische Ausbildung.  Hier soll  eine  Ausbildung
       durchgesetzt werden,  die soviel  Leute wie möglich durchschleust
       und eine  Qualifikation vermittelt, die direkt den Verwertungsin-
       teressen der  Großkonzerne entspricht. Und das Ziel, Lehndorf hat
       in seinem  Referat "Fünf Jahre MSB Spartakus" darauf hingewiesen,
       das Ziel  staatlicher Bildungspolitik ist die Schaffung von impe-
       rialistischen Massenuniversitäten. Das ist ein Stichwort, das man
       sich in seinem ganzen Sinngehalt einmal überlegen sollte.
       Dieses Ziel  enthält Grundsätze,  die von  meiner Position aus zu
       bekämpfen sind. Das HRG verstößt gegen die Interessen aller funk-
       tionalen Gruppen  an der  Hochschule -  von der  Eliminierung der
       wissenschaftlichen Lehre  und Forschung  bis zum Abbau von Mitbe-
       stimmungspositionen.
       Ich brauche  nur auf den Gang dieser Diskussion hinzuweisen. Denn
       wenn darauf  verwiesen wird,  daß die BDA voll entwickelte Curri-
       cula hat, dann frage ich ich natürlich, welche Regelungen sind im
       HRG vorhanden,  um diese  Vorstellungen umzusetzen - das sind die
       Studienreformkommissionen. Weiterhin  frage ich  dann, warum sind
       diese Regelungen getroffen worden und wie sehen die Curricula der
       BDA eigentlich  aus? Von  daher finde  ich dein Herangehen an das
       HRG vollkommen  falsch. Ich gehe an das Gesetz so ran: Vom Inter-
       esse derer,  die direkt  und indirekt  davon betroffen  sind. Man
       kann von  beiden Ebenen aus bestimmte Ansprüche an das Gesetz und
       damit an die Hochschule stellen. Die Gewerkschaften haben das üb-
       rigens in  den 23  Thesen zur Bildungspolitik getan, und der Ver-
       gleich der  Thesen mit  dem HRG  zeigt nicht einen einzigen Punkt
       der Übereinstimmung.
       Daraus ergibt  sich folgende  strategische Bestimmung: 1. Das Ge-
       setz ist  im Ganzen abzulehnen. 2. Unter den heutigen Kampfbedin-
       gungen wird  ein einziges  großes Aufbäumen  das Gesetz nicht vom
       Tisch bringen.
       D.h., daß man an der untersten Ebene ansetzen muß, und die unter-
       ste Ebene  sind die Fachbereiche, die Lehrveranstaltungen mit de-
       mokratischen Lehrinhalten  und Lernformen.  Wir  müssen  notfalls
       auch gegen  das Gesetz die erreichten Positionen verteidigen. Das
       heißt drittens:  Bestimmte Teilziele formulieren, die dem HRG wi-
       dersprechen, und  wenn dann  Konflikte entstehen, diese auch aus-
       fechten. Deshalb  habe ich  auch Manuel  nach dem Unterschied von
       Unterlaufungs- und  Konfliktstrategie gefragt.  Ich bin schon der
       Meinung, daß man in bestimmten Fragen, wie im Ordnungsrecht, Kon-
       fliktstrategie fährt  und sagt,  hier ist  Schluß, und  der Senat
       soll nun mal versuchen, seine Ziele zu erreichen.
       Kievenheim: Ich  sehe schon grundsätzliche Unterschiede gegenüber
       der Position  von Michael  Sommer nicht  nur was  die  Schlußfor-
       derungen, sondern  auch was die Grundelemente unserer Analyse des
       Hochschulrahmengesetzes  und   der  anderen  Momente  staatlicher
       Bildungs- und  Wissenschaftspolitik betrifft.  Ich kann  auch mit
       dem  Schlagwort  von  der  "imperialistischen  Massenuniversität"
       nicht viel  anfangen. In  Michaels Argumentation scheint mir eine
       Vereinseitigung der Analyse der Hochschulreform nach herrschafts-
       politischen Gesichtspunkten  erkennbar. Für  ihn sind "Interessen
       des Monopolkapitals"  offensichtlich vor  allem  die  politischen
       Gesamtinteressen  dieses  Systems  nach  innerer  Stabilität  und
       Loyalität der Lohnarbeiter und der Studierenden.
       Für mich ist der Begriff der "Monopolinteressen" erst einmal eine
       ökonomische Kategorie,  Grundlage ökonomischer  Interessen  einer
       Klasse. Dieses  Interesse richtet sich z.B. auf die Schaffung ei-
       ner Arbeitsplatzstruktur  und einer  Ökonomie der Arbeit, mit der
       die Kapitale  konkurrenz- und  akkumulationsfähig bleiben können.
       Erinnern wir uns doch des Beginns der Hochschulreform. Da bestand
       meines Erachtens  keine unmittelbar  politische Notwendigkeit zur
       Reform,  politisch  erschienen  die  westdeutschen  Universitäten
       weitgehend integriert.  Dagegen  war  viel  von  "technologischer
       Lücke", vom Bildungsnotstand die Rede - und das waren nicht bloße
       propagandistische Parolen - sie drückten erhöhte Anforderungen an
       die Produktivkraft Mensch für die weitere ökonomische Entwicklung
       aus. Mit  der Ausdehnung  der Anforderungen des Arbeitsmarktes an
       qualifizierten Arbeitskräften stellte sich dann zugleich auch das
       Erfordernis einer Ökonomisierung und Rationalisierung des Ausbil-
       dungswesens -  der "reellen Subsumtion" unter die Bedingungen ka-
       pitalistischer Ökonomie.  Es stellte  sich die  Notwendigkeit der
       Entwicklung von  Planungssystemen für  den Bildungsbereich.  Aber
       offensichtlich stößt  die Vergesellschaftung geistiger Arbeit in-
       nerhalb dieses  Systems auf  erhebliche Schwierigkeiten  und kann
       sich nur  krisenhaft durchsetzen. In den letzten Jahren ist diese
       krisenhafte Durchsetzung  durch die  konjunkturelle und  struktu-
       relle ökonomische Krise aktualisiert worden.
       Die zweite Seite ist dann die herrschaftssichernde, das Bedürfnis
       nach loyalen  Akademikern als  Trägern künftiger  administrativer
       und ideologievermittelnder  oberer und  mittlerer Positionen. Die
       kapitalistische Form  der Hochschulreform  kommt der Durchsetzung
       dieses politischen  Zieles in  gewisser Weise  in die Quere, weil
       diese Reform  nicht gerade  sehr integrationsfähig wirkt. Man muß
       dann verstärkt  auf äußere  Ordnungsmaßnahmen  zurückgreifen.  Je
       stärker sich  die inneren  Widersprüche entfalten,  desto schwie-
       riger ist es, auf integrative Art der Sache beizukommen.
       Allerdings sollte sich niemand der Illusion hingeben, auf der so-
       zialen Perspektivlosigkeit  von  Teilen  der  Intelligenz  könnte
       d a u e r h a f t   ein besonders wirksames demokratisches Poten-
       tial gebildet  werden, wenn  sich nicht  gleichzeitig andere Kon-
       stellationen verändern. Dies bedeutete, einer Verelendungstheorie
       anzuhängen. Auch  der Rückzug  linker Intellektueller  in "außer-
       institutionelle Kollektive",  "Inseln der Emanzipation" ist keine
       m a s s e n h a f t e   Perspektive und Alternativposition zu den
       gegenwärtigen  Vergesellschaftungsprozessen.   Man  muß  vielmehr
       bewußt diese  Vergesellschaftungsperspektive aufgreifen  und  für
       ihre  rationale  Durchsetzung  eintreten.  Das  heißt  auch,  für
       "Effektivität" des  Verhältnisses von Ausbildungs- und Beschäfti-
       gungssystem, allerdings gegen eine "Effektivität" die den Studie-
       renden einen  langfristigen Verkauf  ihrer Arbeitskraft verunmög-
       licht. Das heißt auch, für "praxisbezogenes Studium, aber so, daß
       die Mobilität der Leute gesichert bleibt. Das bedeutet weiterhin,
       daß wir  auch für  Arbeitsplätze "unterhalb"  des  traditionallen
       Akademikerspektrums ausbilden  müssen. Es gibt auf einem bestimm-
       ten Niveau der Produktivkraftentwicklung Grenzen eines ökonomisch
       vertretbaren Einsatzes  von Akademikern mit traditionellem Quali-
       fikationsprofil. Auch  in der  DDR wird  meines Wissens besonders
       das Fachschulwesen  ausgebaut, und es bestehen rigide Zulassungs-
       beschränkungen an den Hochschulen.
       Nun wird  freilich in der Debatte über die Qualifikationsentwick-
       lung von einer Position die These vertreten, daß durch Automation
       etc. generell höhere Anforderungen an die Denkfähigkeit, flexible
       und schöpferische Verhaltensweisen usw. gestellt werden. Wenn dem
       so ist,  ist das ein wichtiger Ansatzpunkt für Forderungen in Be-
       zug auf  die inhaltliche  Gestaltung des  Ausbildungssystems. Und
       dann ist zu überlegen, inwieweit hier Ansatzpunkte auch für sozi-
       alkritisches Denken  geschaffen werden  können, dessen Inhalte an
       den Schulen  und Hochschulen  zu entwickeln  sind und für die man
       kämpfen muß. Hier setzt eine Orientierung an, die wir früher ein-
       mal "Doppelqualifikation" genannt haben: Orientierung an verwert-
       barer Berufsausbildung  (verwertbar für  den Absolventen  unserer
       Bildungsinstitutionen) und gegenstandsbezogene Befähigung zu kri-
       tischem Denken.
       In Bezug auf das Hochschulrahmengesetz bedeutet das: Anknüpfen an
       Rationalitätsansprüchen dieses Gesetzes und dieser ganzen Reform;
       zugleich dort  Kritik und  konstruktive Alternativforderungen, wo
       diese Rationalität  auf dem  Rücken der Studenten und der Wissen-
       schaftler ausgetragen wird, wo kritische Wissenschaftsinhalte ab-
       gewürgt werden,  wo die  Beschränkung der  Ausbildungsdauer  eine
       langfristige Berufsausbildung  nicht mehr  gewährleistet, wo  der
       Abbau demokratischer  Strukturen die Organisation kollektiver Er-
       kenntnisprosesse verhindert.  Wenn man sich nicht auf eine solche
       Orientierung einläßt - die auch die Entwicklung immanenter Alter-
       nativen bei  der anstehenden  Novellierung einschließt, dann wird
       man im  übrigen in  zwei Jahren nicht mehr weiterarbeiten können.
       Dann wird  der gesetzliche Rahmen vorgegeben sein, und wir müssen
       innerhalb dieses  Rahmens weiterarbeiten. Man kann nicht den Stu-
       denten jetzt  sagen: "Weg  mit allem",  und dann, wenn das Gesetz
       durch ist,  doch wieder mit der Arbeit an den Instituten usw. an-
       fangen. Das  ist eine  Orientierung auf  ein Desaster.  Es  gilt,
       heute bereits  langfristig zu denken, immanente Widersprüche die-
       ses Gesetzes  herauszuarbeiten, konstruktive  Teilalternativen zu
       entwickeln, die für Reformbewegungen auch nach und mit diesem Ge-
       setz zum Teil noch tragfähig sind.
       Weißbach: Dieser  Hinweis auf  die Doppelqualifikation  zeigt  ja
       nur, daß  das Problem  so einfach nicht zu lösen ist. Daß Wissen-
       schaft im  Kapitalismus überhaupt als Produktivkraft wirksam wer-
       den kann, eingebunden werden kann in den Produktionsprozeß, setzt
       immer noch  ihre Trennung  als eine auf die Produktion angewandte
       Wissenschaft von  der unmittelbaren Arbeit voraus. Die Notwendig-
       keit des  Kampfes der  Arbeiterklasse um ihre Qualifikation zeigt
       gerade, daß  die allgemeinen Bedingungen, die die erhöhten Anfor-
       derungen an  die Reproduktion  der Arbeitskraft  verlangen, nicht
       bereitgestellt werden  und daß  die Anwendung von Wissenschaft im
       Kapitalismus mit Fachidiotentum, Verschulung, partieller Dequali-
       fizierung immer  wieder einhergeht.  Wenn Christof Ohm vorhin ge-
       sagt hat, die Reform mache Schluß mit dem Fachidiotentum, anspie-
       lend auf das Hrg, dann ist das Problem, daß durch die formale Be-
       rufsorientierung im  HRG das Planungsdilemma verschärft wird, die
       Notwendigkeit einer  Feingliederung sich zuspitzt in einer bisher
       noch nicht  dagewesenen Art und Weise, so daß man sagen kann, der
       alten Hochschulausbildung kam gemessen an der vom HRG anvisierten
       immer noch  ein hohes Maß an Flexibilität zu. Ohm:  Darf ich hier
       eine Frage  stellen? Was ist eigentlich der Dissens? Wir streiten
       doch um die Frage des Standpunktes der Kritik am Hochschulrahmen-
       gesetz. Wir sind uns einig, daß in der Anwendung und Durchführung
       des Hochschulrahmengesetzes  Möglichkeiten der  Herausbildung von
       Fachidioten drin-stecken  können, z.B. wissenschaftlich unverant-
       wortliche Kurzstudiengänge.  Die Frage ist doch jetzt nur bei der
       Kritik des  Hochschulrahmengesetzes, ob  der Ansatz von Christoph
       Kievenheim und  mir sinnvoll ist, zu sagen: In einer kapitalisti-
       schen Gesellschaft des Jahres 1990 oder 1980, um das etwas kürzer
       zu machen,  wird ein  Facharbeiter benötigt,  der nicht  nur  be-
       stimmte Materialkenntnisse hat, sondern auch Elektronikkenntnisse
       hat, betrieblich-ökonomische  Zusammenhänge begreift, weil er die
       ökonomischen Folgen  seiner Steuereingriffe  begreifen muß, damit
       sein Maschinensystem,  das 1  Mill. DM kostet, nicht zwei Stunden
       still steht.
       Weißbach: Wenn  ich deinen Faden fortführen darf, geht der weiter
       in Richtung  auf die  Behauptung eines  stringenten Zusammenhangs
       zwischen Arbeitsqualifikation,  individuellem Überblick  über den
       Produktionsablauf einerseits und der Möglichkeit, Einsicht in ge-
       sellschaftliche Zusammenhänge zu erlangen. Ohm: Nein, in betrieb-
       liche Zusammenhänge. Der Standpunkt der Kritik ist, daß zunehmend
       der Facharbeiter  in der  Lage sein  muß, das gesamte Arsenal der
       Maschinen, das  er überwacht,  in seinen technischen und ökonomi-
       schen Zusammenhängen zu begreifen. Und die Behauptung ist, daß es
       gerade eine  Leistung des  Hochschulrahmengesetzes sein  soll  zu
       verhindern, daß planmäßiges Denken in betriebsökonomischen Zusam-
       menhängen von den Arbeitern ausgedehnt wird auf die Gesamtgesell-
       schaft, weswegen dann an den Hochschulen extra ideologische Stra-
       tegien und  Erziehungstechniken entwickelt  werden, um  die Leute
       daran zu  hindern, konsequent  zu Ende  zu denken. Das ist unsere
       Auffassung und  darum meinen  wir, daß die Hochschulreform gegen-
       wärtig einen Doppelcharakter hat.
       Weißbach: Meines  Erachtens negiert  dieser Automatismus die Exi-
       stenz des  gesellschaftlichen Scheins und klassenspezifischer Er-
       kenntnisbarrieren sehr stark und überschätzt auch tendenziell die
       Rolle der  Intelligenz. Wenn  wir einen Elektrotechniker oder In-
       formatiker betrachten, mit hoher Fachqualifikation, hohem gesell-
       schaftlichen  Durchblick  und  entsprechenden  Aktivitäten,  dann
       läuft er  erhöhte Gefahr,  freigesetzt zu  werden und  kann nicht
       mehr als Produkivkraft fungieren. Seine Interessen sind nicht mit
       deinem Begriff von vernünftig langfristigen Reformen einzufangen.
       Mit dem  Hochschulrahmengesetz können gerade Lehrinhalte, die die
       Ursachen der Trennung von Arbeiterklasse und Wissenschaft reflek-
       tieren, nicht  mehr eingebracht werden. Wo sollte man sie festma-
       chen in  deiner Strategie? Entweder an den hemmungslos bornierten
       einzelkapitalistischen Interessen, das geht sicher nicht, oder an
       den Interessen des ideellen Gesamtkapitalisten? Christoph Kieven-
       heims Argumentation  hingegen scheint mir ein bißchen auf Hilfer-
       dings Vergesellschaftungsbegriff hinauszulaufen, im Grunde genom-
       men argumentiert  er von  einer Zusammenbruchs-Theorie  in seiner
       Einschätzung der hochschulpolitischen Strategiebildung, mit einem
       bestimmten Begriff  von materieller  Vorbereitung des Sozialismus
       im Hinterkopf.
       Aber es  treten immer wieder zwei Varianten auf: Einmal erscheint
       es so,  als ob sich die Produktivkräfte entwickeln und irgendwann
       ihre kapitalistische  Form, den  Rahmen der kapitalistischen Pro-
       duktionsverhältnisse abstreifen, daß also materielle Vorbereitung
       auf die  materiell-technische Basis  reduziert wird,  ein anderes
       Mal scheint  mir  der  Vergesellschaftungsbegriff  eine  ähnliche
       Funktion zu  spielen: Wachsende Planung und Vergesellschaftung im
       Kapitalismus mit der Tendenz, daß der vollständig vergesellschaf-
       tete Kapitalismus  eigentlich keiner  mehr ist...  Ich wollte nur
       ausdrücken, daß  verschiedene Vorstellungen  vom Übergang zum So-
       zialismus und  von dem, was materielle Vorbereitung des Sozialis-
       mus heißt, ganz wesentlich für die Einschätzung des Hochschulrah-
       mengesetzes oder  der Strategiebildung  auch in dem Bereich sind,
       aber unterschiedlich mobilisierend wirksam sind.
       
       4. Perspektiven
       ---------------
       
       Bohn: Ich kann auf diesen letzten Komplex nur noch in Streiflich-
       tern eingehen:  Es ist zwar richtig, daß ihr bestimmte Vergesell-
       schaftungstendenzen beschreibt,  gerade was  das  Verhältnis  von
       Wissenschaft und Produktion angeht, ich halte es aber für absolut
       falsch, unter  dem Hinweis auf eine mögliche Installierung ratio-
       naler Reformkriterien,  wie es  Kievenheim getan  hat, einen mehr
       oder weniger  harmonischen Übergang  zum Sozialismus zu propagie-
       ren!! Die  Frage, die  sich für  die Zukunft  dieser Gesellschaft
       stellt,  ist  für  mich  immer  noch,  etwas  platt  ausgedrückt,
       "Sozialismus oder Barbarei".
       Konkret: Die  Tendenz der zunehmenden Vergesellschaftung der Wis-
       senschaft, d.h.  die immer  breitere Anwendung wissenschaftlicher
       Ergebnisse innerhalb der Produktion hat ja genau zu dem Gegenteil
       der von Christof Ohm formulierten Tendenz geführt. Automation und
       Rationalisierung, als Ergebnis einer immer stärkeren Einbeziehung
       wissenschaftlicher Ergebnisse  in den Produktionsprozeß, haben zu
       immer kleiner werdenden Produktionseinheiten geführt. Der Produk-
       tionsprozeß wurde  in unzählige  kleine Parzellen  aufgegliedert.
       Diese monotonen,  oft nur aus wenigen Handgriffen bestehenden Ar-
       beitseinheiten, haben  sich doch  immens auf  das Bewußtsein  der
       Produzenten niedergeschlagen.  So ist ein zusammenhängender Über-
       blick über  das Zustandekommen  eines Produkts von der Arbeitser-
       fahrung her gar nicht mehr möglich. Das hat zur Mystifikation und
       einer weitgehenden Ohnmacht der Produzenten gegenüber dem Produk-
       tionsprozeß geführt. Die tendenzielle Vergesellschaftung der Wis-
       senschaft führt  nun umgekehrt  in einem widersprüchlichen Prozeß
       zu einer  immer stärkeren  Effektivierung des  wissenschaftlichen
       Betriebes. Das  hat einerseits  natürlich  eine  progressistische
       Tendenz: Die  traditionelle akademische  Existenz wird unmöglich.
       Da liegen  immense neue  politische Möglichkeiten - aber zunächst
       einmal nur objektive! Innerhalb der heutigen kapitalistischen Ge-
       sellschaft bedeutet  Effektivierung der Wissenschaft Spezialisie-
       rung, was  nichts anderes bedeutet, als daß der wissenschaftliche
       Erkenntnisprozeß parzelliert wird. Die Bedeutung der eigenen wis-
       senschaftlichen Arbeit im Rahmen sozialer bzw. politischer Impli-
       kationen wird immer schwieriger erkennbar, da der Gesamtzusammen-
       hang einzelner  Forschungsprojekte zunehmend  verloren geht.  Das
       ist in  der Tendenz ein Anonymisierungsprozeß, der immense Entpo-
       litisierungsmomente in sich trägt.
       Man kann  diese ganzen  Widersprüche eigentlich nur dann leugnen,
       wenn man  von wertneutralen  wissenschaftlichen Methoden ausgeht,
       deren Ergebnis  dann entweder  in die  eine oder  andere Richtung
       verwendet werden  können, etwa  in der Weise wie es Kuzcinsky für
       die Sozialwissenschaften  behauptet. Aber  das wäre  eine  völlig
       neue Diskussion.  Wie gesagt,  diese Prozesse wurden von mir hier
       stark vereinfacht, sie sollen als Antipode zu dem bisher Gesagten
       im Raum stehen.
       Zum 2. nur noch als Anmerkung: Ich verwehre mich ganz stark dage-
       gen, daß unsere Interessen, unsere Existenz als Studenten auf ein
       Qualifikationsinteresse reduziert  wird, wie  es hier ein bißchen
       anklingt. Gerade die Aktionen letztes Semester haben gezeigt, daß
       da viel  mehr Faktoren eine Rolle spielen, gerade auch subjektive
       Elemente. Wir sind ja auch so etwas wie "revolutionäre Subjekte".
       Das scheint  mir aus eurem Horizont völlig rauszufallen. Insofern
       ist es fatal, eine Analyse des HRG auf die Qualifikationsfrage zu
       beschränken.
       Sommer: Trotz der Erkenntnis, daß die Probleme der Qualifikation,
       der Qualifikationsinteressen, sowie der individuellen und gesell-
       schaftlichen Vermittlung dieser Interessen hier nicht ausreichend
       erfaßt wurden, will ich doch einige Schlußfolgerungen ziehen.
       Ich begreife  Hochschulpolitik als eine Politik der gewerkschaft-
       lichen Orientierung  und weiß  aber auch,  daß mit diesem Begriff
       sehr viel  Schindluder getrieben  wird. Wenn wir von den spezifi-
       schen Interessen der funktionalen Gruppen an der Universität aus-
       gehen, heißt das, daß wir nie eine Politik gegen die Mehrheit der
       Studenten etc.  machen, sondern wir versuchen an deren berechtig-
       ten Interessen  anzuknüpfen. Das hat nichts mit ständischer Poli-
       tik zu  tun, die sagt, hier sind wir, die armen Studenten mit un-
       seren Wünschen und Interessen, und die müssen erfüllt bzw. durch-
       gesetzt werden.  Vielmehr sind  das Interessen, die gesamtgesell-
       schaftlich vermittelt sind und die von daher auch die Perspektive
       ihrer Durchsetzung gesamtgesellschaftlich formulieren können.
       Aufgabe für  die nächsten  Semester, besonders im Sommersemester,
       ist eine  genaue, ausführliche  Diskussion über  die mögliche und
       notwendige Strategie  unserer Hochschulpolitik, in dem der Zusam-
       menhang der Berufsverbote mit sonstigen staatlichen Maßnahmen zur
       Bestimmung der Taktik im Hochschulkampf führt.
       Deshalb ist  es notwendig,  wesentlich mehr  Hochschulangehörige,
       auch mehr als in diese Streikbewegung integriert waren, zu dauer-
       haften politischen  Aktionen zu bringen, sie also über einen län-
       geren Zeitraum hinaus zum politischen Kampf zu befähigen. Auf der
       Grundlage dieser  breiten Politisierung  sind durch die Formulie-
       rung von Teilerfolgen und ihrer Realisierung auch langfristig Ge-
       samterfolge zu erreichen. Dazu bedarf es einer intensiven Diskus-
       sion an  der Hochschule, da ein großer Nachholbedarf besteht, die
       Erfahrungen aus  diesem Streik zu verallgemeinern und noch strit-
       tige Fragen zu klären. Hier ist auch noch einmal die Auseinander-
       setzung mit Tendenzen eines Teils der UStA-Befürworter notwendig,
       mit den  Tendenzen, die  das  Selbsthilfekonzept  vertreten  bzw.
       heute von  Gegenökonomie sprechen. Dabei muß deutlich werden, daß
       die nun  schon einjährige Diskussion des Selbsthilfekonzepts ein-
       mal ein Ende haben muß, da diese verfehlte Diskussion zur politi-
       schen Desorientierung geführt hat.
       Weißbach: Warnen  möchte ich  noch einmal vor einer kurzfristigen
       Ableitung unserer  Interessen aus  einer  Berufsfeldorientierung.
       Die Berufsfeldorientierung stellt sich zur Zeit an der Hochschule
       spontan, individuell  und panikartig  her, sie in Gang zu setzen,
       ist nicht  unser Problem. Eine falsch verstandene gewerkschaftli-
       che Orientierung verbaut uns Bündnischancen, ebenso wie der Kampf
       gegen vermeintliche Restprivilegien der Hochschulangehörigen. Ge-
       werkschaftliche Orientierung  darf nicht mißverstanden werden als
       Beihilfe zur  Beschleunigung der Subsumtion der Hochschulen unter
       das Kapital.  Dies kann  für uns kein Mittel sein, Arbeiterklasse
       und Wissenschaft  einander näherzubringen. Eine wichtige bündnis-
       politische   Funktion in der Abwehr staatlicher Eingriffe hat ge-
       rade der Kampf für eine Fachautonomie in der Hochschule; nicht im
       klassisch bornierten  Sinn, sondern als Autonomie, die die Chance
       offen läßt,  daß die  Entwicklungserfordernisse von  Wissenschaft
       nicht ohne  die Betroffenen  bestimmt werden. Das ist eine defen-
       sive Position, ich habe sie auch etwas provokatorisch zugespitzt,
       weil ich meine, daß der staatliche Eingriff in die Hochschulen in
       der Form,  wie er  sich gegenwärtig  abzeichnet, die Reproduktion
       gefährdet, Dequalifizierung  mit sich bringt und den Hochschulab-
       solventen das wissenschaftliche und politische Herangehen an Pro-
       bleme, die  die Berufspraxis  aufwirft, nicht erleichtert. Die 23
       Thesen des  DGB sind zu wenig konkret, als daß man aus ihnen eine
       alternative Hochschulstrategie schon begründen könnte. Einig sind
       sich die Gewerkschaften in der Ablehnung einer Reihe von Eingrif-
       fen, die  das HRG  mit sich  bringt, also Personalstrukturreform,
       Spaltung des  Studiums usw. Es ist aber klar, daß aus den 23 The-
       sen des DGB eine Ablehnung des Hochschulrahmengesetzes weitestge-
       hend geschlossen werden kann.
       Ohm:   Bei der  Bestimmung von  Perspektiven und Taktik der Hoch-
       schulkämpfe in den folgenden Semestern meine ich, muß man von der
       Tatsache ausgehen,  daß es  gegenwärtig und  in den nächsten zwei
       bis drei Jahren eine massenhafte sozialistische verankerte Arbei-
       terbewegung nicht gibt, daß daher auch die Gewerkschaften unseren
       Kampf gegen  die negativen Konsequenzen des Hochschulrahmengeset-
       zes natürlich  nur in einer relativ milden Form unterstützen wer-
       den. Daraus  schließe ich, daß auch dann, wenn der Kampf der Stu-
       denten gegen  das Hochschulrahmengesetz sehr massiv ist, doch das
       Hochschulrahmengesetz sich  formal verankern  wird und  daß  eine
       ganz entscheidende Kampffront der Kampf um Novellierungsvarianten
       werden wird.  Und da  ist  dann  einer  der  ganz  entscheidenden
       Punkte, der  Kampf um die Verfaßte Studentenschaft. Es liegen von
       dem Wissenschaftssenator  von Berlin  eindeutige Äußerungen  vor,
       daß er eine Verfaßte Studentenschaft nicht haben will. Ich meine,
       daß sich  um diese Forderung herum, auch um die Forderung der ge-
       werkschaftlichen Besetzung  von Studienreformkommissionen, wie um
       die Forderung  gegen das  Ordnungsrecht wirklich  eine noch  sehr
       viel breitere  und stärkere  Studentenbewegung aufbauen läßt, als
       wir sie  bisher erlebt haben. Allerdings wird sich das Hochschul-
       rahmengesetz auch  in vielen seiner negativen Konsequenzen durch-
       setzen; und  daraus ist zunächst einmal zu folgern, ich glaube da
       hätten wir  noch mehr  diskutieren sollen,  daß die Front der in-
       haltlichen Arbeit der Studenten und Dozenten innerhalb wie außer-
       halb der Institutionen gestärkt werden muß. Wir müssen bis zu dem
       Zeitpunkt, an  dem es eine wirklich sozialistisch orientierte Ar-
       beiterbewegung in  massenhaftem Maßstab  gibt, dafür  sorgen, daß
       der rote Faden sozusagen vorhanden bleibt, daß die Verallgemeine-
       rung sozialistischer Fachwissenschaft durchgeführt wird, daß mög-
       lichst viele  Stunden sich  selber schon die Perspektive soziali-
       stischer Wissenschaft angeeignet haben, d.h. wenn sie wissen, daß
       im Auf  und Ab  der Kämpfe schließlich und endlich die demokrati-
       sche und sozialistische Bewegung dennoch siegen kann, weil sie im
       Bündnis steht  mit den objektiven Entwicklungsnotwendigkeiten der
       Wirklichkeit und  die Notwendigkeit  durch ihren  Kampf  verwirk-
       licht. Das  macht sie sozusagen frustrationstolerant und langfri-
       stig kampfkräftig.  In diesem Zusammenhang würde ich auch die Be-
       deutung einer  progressiven, demokratischen  Berufspraxis einord-
       nen. Das  scheint mir  eben gerade  der ungeheure Fortschritt der
       Politik der  gewerkschaftlichen Orientierung und unserer demokra-
       tischen Studienreformpraxis gewesen zu sein, daß wir eben niemals
       in diese  ultralinke Denkweise der Berufspraxismißachtung verfal-
       len sind  und die Auffassung vertreten haben, wer vom Kapital be-
       zahlt wird, muß Kapitalhandlanger werden und kann in der Ausübung
       seines Berufs  der Arbeiterbewegung  nicht nützen. Und ich meine,
       daß es  dafür eine sehr wichtige Arbeit ist, vor allem auch durch
       Kooperationsverträge mit  den Gewerkschaften,  Perspektiven einer
       sich nicht  durch Systemintegration  beugenden Praxis konkret und
       fachbezogen auszuarbeiten,  den gesellschaftlichen  Entwicklungs-
       prozeß zu beschleunigen und die Widersprüche zuzuspitzen.
       Bohn: Ich  finde, daß  du, Christof,  dich völlig widersprüchlich
       artikulierst, mal etwas polemisch überspitzt. Einerseits setzt du
       die politische Praxis an der Hochschule nur immanent an, auch be-
       urteilst du  die gesamtgesellschaftliche  Lage  äußerst  pessimi-
       stisch; dann hast du plötzlich die Hoffnung geäußert, daß aus der
       studentischen Bewegung  heraus viele  sich zu aufrechten Kommuni-
       sten und Sozialisten politisieren, leugnest aber gleichzeitig de-
       ren revolutionäre  Subjektivität und  damit auch eine konkret er-
       fahrbare revolutionäre  Perspektive und  vertröstest auf den Tag,
       wo aus  der objektiven Notwendigkeit der Geschichte die Arbeiter-
       klasse als  Emanzipationskategorie das Ziel Sozialismus erreichen
       wird. Du  hast dich um die konkrete Perspektivbestimmung herumge-
       drückt.
       Ich will wenigstens noch ein paar Punkte benennen, wobei die Ber-
       liner und eine allgemeinere Ebene manchmal etwas überlappen:
       - Zentraler Auseinandersetzungspunkt  wird sicherlich das HRG mit
       seinen Folgeproblemen  sein, wobei wir vor der Schwierigkeit ste-
       hen, daß  wir mit  unserem Diskussionsprozeß 2 Jahre zu spät dran
       sind. Wie  schon von mir beschrieben, werden wir versuchen, poli-
       tische Ansätze  zu praktizieren,  die wir  aus drei  Komponenten:
       Forderungs-,  Konflikt-  und  Unterlaufungsstrategien  entwickeln
       werden.
       - Ein 2. Punkt ist das Ordnungsrecht. Im nächsten Semester stehen
       ja 19  Ordnungsverfahren aus dem Streik auf der Tagesordnung. Der
       Kampf gegen  das Ordnungsrecht allgemein muß an Hand dieser Fälle
       geführt werden,  da man in diesem Rahmen die Kriminalisierung le-
       gitimer politischer  Tätigkeit besonders  gut aufzeigen kann. In-
       nerhalb der  vom Ordnungsrecht Betroffenen gibt es 2 verschiedene
       Ansätze der  Intervention; die einen wollen in erster Linie imma-
       nent die  juristische Unhaltbarkeit  dieser  Verfahren  beweisen,
       während eine  zweite Fraktion  diese Verfahren  zu einem Tribunal
       gegen die  repressiven Maßnahmen während des Streiks umfunktiona-
       lisieren und damit das juristische Verfahren verhindern will. Wie
       gesagt, hier befinden wir uns noch in einem Diskussionsprozeß.
       - Vor allem stehen wir vor der Aufgabe, basisdemokratische Struk-
       turen auf-bzw.  auszubauen. An  der FU müssen wir trotz aller Un-
       kenrufe den  Beweis erbringen,  daß ein rätedemokratisches System
       an einer Hochschule unter heutigen Bedingungen längerfristig kon-
       tinuierlich funktioniert.  Wir müssen  unseren UStA  so aufbauen,
       daß er  als eine viel demokratischere und politischere Organisie-
       rung, als Träger und Unterbau eines späteren AStA fungieren kann.
       - Zur Berufsperspektivendiskussion. Hier stehen wir an einem Wen-
       depunkt. Ihr  stellt die innerinstitutionelle Berufspraxis meines
       Erachtens viel  zu positiv dar. Hier müssen endlich die Erfahrun-
       gen der letzten 6-7 Jahre mit einbezogen und vor allem auch empi-
       risch erarbeitet  werden. Die Masse der SDS-Generation wurde doch
       in dieser  Berufspraxis individualisiert  und entpolitisiert.  Es
       existiert doch bis heute keine kollektive Perspektive, d.h. keine
       Organisierung der  aus dem  Berufsleben entstandenen  politischen
       Probleme. Auf  diesem Gebiet  wurde so  gut wie nicht gearbeitet.
       Entweder bornierte  Handwerkelei vor  Ort, oder Parteienpolitik -
       das waren  doch bisher die Perspektiven, für die Masse der Genos-
       sen eben keine Perspektiven! Parallel dazu müßte endlich die Pra-
       xis der  in Berlin  doch verhältnismäßig zahlreichen alternativen
       Projekte aufgearbeitet  und ausgewertet  werden. Ihr habt da näm-
       lich keine Ahnung, aber seid immer schnell beim Diffamieren.
       - Wir wollen  im nächsten  Semester Kontakte zu westdeutschen Ba-
       sisgruppen knüpfen, um gemeinsame Probleme zu diskutieren und Ak-
       tionen vorzubereiten.  Die VDS scheint uns in ihrer jetzigen Ver-
       fassung weder als Diskussionsforum noch als Kampforgan geeignet.
       - Im Kampf  gegen die  Berufsverbote wird  es im  nächsten halben
       Jahr besonders  wichtig sein, den Aufbau des Russell-Tribunals zu
       unterstützen. Die  Russell-Peace-Foundation  hat  dieses  Projekt
       mittlerweile anerkannt und wird das Tribunal durchführen.
       - Zur Bündnisfrage mit den Gewerkschaften. Wir wollen im nächsten
       Semester verstärkt  mit den  Personalräten zusammenarbeiten.  Ich
       glaube, da gibt es gute Ansätze. Eine allgemeinere, über die kon-
       krete mit  einzelnen Gewerkschaftsgruppierungen hinausgehende Zu-
       sammenarbeit ist  schwer vorstellbar.  Der DGB hat sich zwar for-
       mell gegen  das Ordnungsrecht  ausgesprochen, da  gibt es  die 23
       Thesen, die  ich viel  skeptischer beurteile,  da sie trotz ihres
       Reformismus immer  ein Stück  Papier blieben;  aber im großen und
       ganzen ist sich der DGB der politischen Bedeutung der Hochschulen
       überhaupt nicht  bewußt. Ebenso hat er den Stellenwert der Akade-
       mikerarbeitslosigkeit bisher  in keinster  Weise erkannt. Die Ge-
       werkschaften sind  zwar die faktische Organisierung der Arbeiter-
       klasse, aber  sie haben  bei uns ebenso in ihrer Verfilztheit mit
       dem Staatsapparat  eine riesige direkte Disziplinierungsfunktion.
       Ich möchte  hier nur  den Ausschluß  der Berliner GEW aus dem DGB
       als vorläufigen  Höhepunkt im Kampf gegen die Unvereinbarkeitsbe-
       schlüsse nennen, ein wohl in der Gewerkschaftsgeschichte einmali-
       ger Vorgang.  Die  rechtssozialdemokratische,  antikommunistische
       Dominanz soll  im DGB  unter allen Umständen erhalten bleiben. In
       diesem Zusammenhang solidarisiere ich mich ausdrücklich mit allen
       von den  Unvereinbarkeitsbeschlüssen bedrohten  oder  betroffenen
       Kollegen!
       - Der Kampf  gegen die  Kernenergie und  damit die Zusammenarbeit
       mit den  Bürgerinitiativen soll von unserer Seite wesentlich ver-
       stärkt werden. Das Kraftwerk Oberhavel steht in diesem Rahmen na-
       türlich im  Vordergrund. Wir sehen in den Bürgerinitiativen einen
       wichtigen Ansatz direkter Demokratie, der unseren basisdemokrati-
       schen Versuchen teilweise sehr nahe kommt. Ein neuer Ansatzpunkt,
       um über eine neue sozialistische außerparlamentarische Opposition
       nachzudenken!
       Beyer/Kellner: In  Bezug auf  Manuels Äußerung  meine ich, daß es
       keine studentische Perspektive ist, sich, wenn man im universitä-
       ren  Bereich   keine  Erfolgsmöglichkeiten   mehr  sisht  (dieses
       "systematische Arrangieren  von  Erfolgserlebnissen"  schien  uns
       teilweise die  dominierende Strategie  an der  FU zu  sein),  auf
       einen "erfolgversprechenden"  außeruniversitären Bereich zu stür-
       zen - unser wesentliches Aufgabengebiet ist der Hochschulbereich.
       Wir müssen  die Verbindung  und den  Zusammenhang zwischen  Hoch-
       schule und Gesellschaft immer wieder betonen, und die muß in  al-
       len Aktionen  für die Kommilitonen erfahrbar werden. Ausdruck der
       Tatsache, daß  der Zusammenhang zwischen individueller Betroffen-
       heit vom  Berufsverbot und  der Bedrohung  durch die vielfältigen
       anderen Angriffe  auf die materielle, soziale und politische Lage
       der Hochschul-Angehörigen  vielen Kommilitonen nicht klargeworden
       ist, ist der individuelle Rückzug in sogenannte "emanzipatorische
       Gefilde" - die Abkehr von gesellschaftlicher Realität und die ab-
       strakte Verweigerungsstrategie.  Auch dies scheint mir keine Per-
       spektive studentischer Politik zu sein, vielmehr stellen sich für
       uns an den Fachhochschulen die Probleme viel konkreter.
       Schwerpunkt in den nächsten 2 Semestern wird, im Zusammenhang mit
       der  VDS  und  den  bundesrepublikanischen  Fachhochschulen,  die
       Kampfmaßnahme gegen  den KMK-Beschluß sein, wobei wir auf die So-
       lidarität auch der Hochschulangehörigen an den Universitäten hof-
       fen und auch hoffen müssen.
       Was bei  uns  eigentlich  wesentlich  in  der  Auseinandersetzung
       steht, ist  der Aspekt  des Hochschulrahmengesetzes,  nämlich der
       Dequalifikation und  die Auseinandersetzung, was bedeutet für uns
       fachliche Qualifikation,  was ja vorhin auch schon lang und breit
       diskutiert worden  ist. Meines  Erachtens kann man das Hochschul-
       rahmengesetz nicht  aus dem  gesellschaftlichen Zusammenhang rei-
       ßen, und  das bedeutet für mich eigentlich auch gewerkschaftliche
       Orientierung, d.h., daß ich keine Effektivierung oder wie man das
       auch immer nennen will, hinnehmen kann, die einmal darauf hinaus-
       läuft, mich  zu dequalifizieren, und die zum anderen im Zusammen-
       hang damit  steht, daß  meine materielle  Lage nicht  abgesichert
       ist.
       Vom gewerkschaftlichen  Standpunkt aus  ist folglich Hochschulre-
       form nur dann akzeptabel, wenn sie für die Studenten eine Verbes-
       serung der  Qualifikation, was  das Erkennen  des eigenen gesell-
       schaftlichen Standes,  sowie die  Befähigung  zum  entsprechenden
       Handeln einschließt,  und die Verbesserung der materiellen Studi-
       enbedingungen umfaßt.
       Mit dem  Hochschulrahmengesetz soll  jedoch nur  die kurzfristige
       Verwertung gesichert werden, damit für die Unternehmer die Einar-
       beitungskosten für  die Hochschulabsolventen sinken, die Einglie-
       derung in  das Unternehmen  reibungsloser verläuft,  während aber
       für die  langfristige Verwertung  der Studenten nichts, überhaupt
       nichts getan  wird. Es ist eigentlich das wesentliche der kommen-
       den Diskussion,  den Studenten zu vermitteln, was ihre Interessen
       sind, und  zwar im Hinblick auf ihre langfristige Verwertung. Und
       daß man  immer wieder  klar macht  den Zusammenhang zwischen  den
       gesellschaftlichen Bereichen und den Vorgängen, die sich im Hoch-
       schulbereich abspielen, und daß man dementsprechend seine Politik
       auch an  der Hochschule so machen muß, daß man sie nach außerhalb
       vermitteln kann.  Das ist  auch die  Voraussetzung dafür, daß man
       dann auch von außerhalb Unterstützung findet. Das wird eigentlich
       bei uns in der nächsten Zeit im Mittelpunkt der Probleme stehen.
       Darüber hinaus wird es weiterhin notwendig sein, den Zusammenhang
       zwischen dem  Abbau sozialer  Rechte, den  verschärften Angriffen
       auf fortschrittliche,  demokratische Lehrinhalte  und den Berufs-
       verboten den  Kommilitonen zu  vermitteln, um über emotionale Be-
       troffenheit hinaus mehr Hochschulangehörigen die Funktion der Be-
       rufsverbote bewußt  zu machen  und sie  von der Notwendigkeit des
       organisierten Kampfes gegen diese Maßnahmen zu überzeugen.
       Hans-Jürgen Helbig  (LHV): Als  Beitrag zur SOPO-Diskussion haben
       wir folgende Einschätzung gemäß den Gliederungspunkten:
       
       1. Bestandsaufnahme
       -------------------
       
       Wenn man  als Bewegung  nur die  massenhafte begreift,  dann  ist
       nicht zu  übersehen, daß  die neue  Studentenbewegung stärker von
       materiellen Interessen  der Studenten selbst getragen ist als die
       des letzten  Jahrzehnts - materiell nicht nur im Sinne von zu ge-
       ringer Ausbildungsförderung,  sondern auch  materielle Interessen
       bezüglich der  späteren Berufsaussicht, der Verschärfung der Stu-
       dienbedingungen durch  NC, Mittelknappheit und drohende Regelstu-
       dienzeit, aber  auch im  Sinne von  Gesinnungsschnüffelei und Be-
       rufsverbot. Die unmittelbare Betroffenheit der Studenten hat eine
       sehr breite  Mobilisierung ermöglicht,  aber sie  hatte auch  zur
       Folge, daß  die Einsicht in die Zusammenhänge auf gesellschaftli-
       cher Ebene  nicht in  der Bewegung selbst vermittelt werden konn-
       ten. Die politischen Studentenorganisationen waren nicht als Kri-
       stallisationspunkte der  Bewegung anerkannt,  es  herrschte  eine
       starke Organisationenfeindlichkeit.  Dies rührt  unserer  Meinung
       nach daher,  daß die  Organisationen ihre  Vergangenheit  in  der
       letzten Studentenbewegung  nicht einheitlich bewältigt haben, da-
       mit einer  zu starken Fraktionierung das Wort geredet haben, zwar
       hier und  dort die  theoretisch-analytische Arbeit vorangetrieben
       haben, aber ihre Analyse nicht vermitteln und für eine praktische
       Arbeit der Studentenschaft nutzbar machen konnten. Das Fehlen der
       Verfaßten Studentenschaft  in Berlin  (außer PH)  ließ die Arbeit
       der Organisationen  für die studentische Öffentlichkeit chaotisch
       wirken, bot  keine Möglichkeit der Identifikation mit einer legi-
       timierten Studentenvertretung.  Es hat der Zwang für eine Verein-
       heitlichung der  studentischen  Politik  gefehlt,  damit  konnten
       keine wirksamen  Maßnahmen gegen die Misere der Studenten getrof-
       fen werden.  Es wurde also der Ausweg in einer neuen Organisation
       gesucht: den  Fachbereichsinitiativen, die  aufgrund des  Fehlens
       einer umfassenden theoretischen Absicherung ihrer Arbeit die Mög-
       lichkeit boten,  das vorhandene breite Spektrum für die Verbesse-
       rung der  materiellen Lage  (hier kommt dann noch der Ansatzpunkt
       des kollektiven  Studiums und  der  Anspruch  auf  antiautoritäre
       Strukturen hinzu) der Studenten abzudecken.
       Daß eine  Studentenbewegung in diesem Maß auch naturwissenschaft-
       liche und medizinische Fachbereiche erfassen konnte, liegt gerade
       in der  Reduktion ihrer  Forderungen auf die studentische Betrof-
       fenheit, für  die die  Vermittlung  von  Kapitalismusanalyse  und
       Klasseninteresse vermeintlich keine Relevanz hatte; vermeintlich,
       da eben  die Bedingungen, unter denen und gegen die die Studenten
       ihren Kampf  ansagten, nicht  genügend reflektiert  waren.  Diese
       mangelnde Reflexion  hat die  aktiven Studenten  zu der  Illusion
       verführt, durch  die Verweigerung  des Studiums staatliche Organe
       am Vollzug  einer nicht  zufälligen Welle von Restriktion und Re-
       pression im Wissenschaftsbetrieb hindern zu können. Bei der Fort-
       setzung des Streiks wurde nicht bedacht, daß die Öffentlichkeit -
       und das  sind eben auch die progressiven Klassen - kein Verständ-
       nis für  einen inflationären  Gebrauch des Lehrveranstaltungsboy-
       kotts hat. Bei einer Einschätzung des Kampfes, die auf die Gewin-
       nung von  Bündnispartnern außerhalb der Universität verzichten zu
       können meint,  muß notwendig die Illusion zugrundeliegen, daß die
       studentische Verweigerung  allein genügend  Druck entfalten kann,
       um die Lage an den Hochschulen zu verbessern.
       
       2. Ursachen und Bedingungen der Bewegung
       ----------------------------------------
       
       Wir können  bisher nur  Kernpunkte für  eine Analyse angeben; sie
       liegen in den Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals auf gesamt-
       gesellschaftlicher Ebene  - wie sie sich ausdrücken in der Rezes-
       sion und  der damit  verbundenen staatlichen Subventionierung der
       Profite und der Erhöhung der Produktivität - und dem Auseinander-
       klaffen von  Qualifikationsbedürfnissen für die Kapitalverwertung
       und der  tatsächlichen Produktion von wissenschaftlicher Qualifi-
       kation. Ersteres  führte zu  einer Beschneidung  der öffentlichen
       Ausgaben auch  für die Ausbildungsbereiche, die für die kapitali-
       stische Produktion  und Reproduktion  notwendig  sind,  zweiteres
       führte zu  Steuerungserscheinungen wie dem Numerus clausus, reak-
       tionären Studien-  und  Prüfungsordnungen,  Regelstudienzeit  und
       Verringerung des  Angebots an  Arbeitsplätzen im öffentlichen Be-
       reich (z.B.  Lehrer) und zur Erschütterung des studentischen Pri-
       vilegs, einen lukrativen Arbeitsplatz erwarten zu können. So sind
       gesellschaftswissenschaftliche Studienfächer stärker von der qua-
       litativen Veränderung  ihres Studiums betroffen als die Techniker
       und Naturwissenschaftler, die die Gesellschaftlichkeit ihres Stu-
       diums eigentlich  nur unter  dem Aspekt  ihrer Konkurrenz auf dem
       Arbeitsmarkt erfahren.  Die Mobilisierung  von Naturwissenschaft-
       lern und  Technikern ist  also mehr  über die - wie viele meinen,
       unpolitischen - Themen der materiellen Misere und der Akademiker-
       arbeitslosigkeit zu  erreichen, während ihre unmittelbare Betrof-
       fenheit von  politischer Repression  nur untergeordnete  Relevanz
       hat. Von  daher sind  sie auch stärker von Scheinverweigerung und
       Semesteraberkennung eingeschüchtert  als z.B.  die Studenten  der
       Pädagogischen Hochschule  oder die  Germanisten, die ihre Konkur-
       renz untereinander  durch einen  solidarischen politischen  Kampf
       überwinden wollen,  während sich die Naturwissenschaftler von der
       Notwendigkeit der  kapitalistischen Verwertbarkeit ihrer Qualifi-
       kation dazu bestimmen lassen, die ihnen aufgeherrschte Konkurrenz
       in individualistischem Kampf um Scheine und Semester zu realisie-
       ren. Dieser  Unterschied macht  klar, daß Ungleichzeitigkeiten in
       der Bewegung  von Gesellschafts-  und Naturwissenschaftlern keine
       Frage von  Moral ist,  sondern von  verschiedenen Funktionen  und
       Strukturen im Wissenschaftsbetrieb herrühren.
       Auch bei der ersten Studentenbewegung spielten die oben genannten
       zwei Faktoren  eine wichtige Rolle. In der Frage der Funktion der
       politischen Studentenorganisationen jedoch unterscheiden sich die
       beiden Bewegungen  bisher deutlich. Waren damals die Analysen der
       Organisationen noch wenig ausdifferenziert und ihre Strategie von
       viel Optimismus  und wenig Erfahrung gekennzeichnet, so ist ange-
       sichts der  zunehmenden Repression, der geringen Chance studenti-
       scher Durchsetzungskraft  bei Fehlen  einer oppositionellen Klas-
       senbewegung der  Optimismus geschwunden und die Erfahrung gemacht
       worden, daß  sich der  Klassenkampf weder  von der Hochschule aus
       noch über  die politischen Instanzen dieser Gesellschaft initiie-
       ren läßt.
       Durch die notwendigerweise in bezug auf die Durchsetzbarkeit stu-
       dentischer Forderungen  durch Aktionen, die auf der Annahme eines
       funktionierenden Pluralismus dieser Gesellschaft aufbauen, pessi-
       mistisch gewordenen Organisationen konnte die spontan sich an der
       als unerträglich  erfahrenen Situation der Studenten entwickelnde
       Protestbewegung nicht theoretisch angeleitet werden. Dies war vor
       zehn Jahren  insofern anders,  als die  Organisationen den Erfah-
       rungsprozeß zum  Teil selbst  erst durchmachen mußten und sie die
       Erfahrungen, die die Studenten massenhaft zur Solidarisierung be-
       wegten, mitunter  selbst erst  provoziert haben (wie Demonstrati-
       onsverbote und brutale Polizeieinsätze).
       Kurz: Die  zum Protest  führenden Erfahrungen  mußten damals erst
       vermittelt werden  (die Gefahr der Notstandsgesetzgebung, der re-
       pressive Charakter  des Staates  waren nicht  unmittelbar erfahr-
       bar), während  heute die  zum Protest  führenden Erfahrungen (NC,
       HRG, Schnüffelei,  etc.) von  jedem im Protest Aktiven vorher un-
       mittelbar erfahren worden sind.
       Das Fehlen  eines aktiven gesellschaftsverändernden Subjekts wird
       wahrscheinlich heute  wie damals dazu führen, das Subjekt in sich
       selbst zu sehen, die Veränderung der autoritären Gesellschaft zu-
       rückzustellen zugunsten der Veränderung der autoritären Beziehun-
       gen in der Gruppe der Studenten unter Verzicht auf eine gesamtge-
       sellschaftliche Perspektive.  Dies wird  heute wie  damals  daran
       scheitern, daß  die Phänomene  der Konkurrenz,  des individuellen
       Leistungszwangs und der herrschenden Werte nicht durch die Schaf-
       fung von  "autonomen Inseln in der kapitalistischen Gesellschaft"
       zu beseitigen  sind, sondern  nur durch  die Beseitigung  des sie
       verursachenden Kapitalverhältnisses  und die  Einübung in  bewußt
       gesellschaftliche Verhaltensweisen.  Dies heißt jedoch nicht, daß
       eine antiautoritäre  Bewegung sinnlos  ist, jedoch  muß sie  sich
       Ziele setzen,  die nicht von der antikapitalistischen Perspektive
       ablenken.
       
       3. Grundlagen strategischer Einschätzungen
       ------------------------------------------
       
       Der LHV  koppelt seine Strategie an die Einschätzung, daß die Ar-
       beit in  politischen Instanzen  nicht völlig  sinnlos ist, obwohl
       sie nicht in der Lage ist, das kapitalistische System grundlegend
       in Zweifel  zu ziehen.  Aus der Einschätzung, daß der Staat keine
       Marionette  monopolisierter  Kapitalverbände  ist,  nicht    o b-
       w o h l,  vielmehr eben  w e i l  er die Gesellschaftlichkeit des
       Kapitals sichern  muß, sondern  eine Institution,  die  sich  der
       Widersprüchlichkeit der  klassengespaltenen Gesellschaft  und der
       kapitalistischen Entwicklung  nicht entziehen  kann, folgt ebenso
       wie für  Jusos, Jungdemokraten  und DKP  auch für den LHV daraus,
       daß es eine wichtige politische Aufgabe ist, die Ambivalenzen der
       staatlich  zugelassenen  Politik  in  ihrer  antikapitalistischen
       Seite zu  stärken, es  nicht egal sein zu lassen, in welcher Form
       sich das  Wesen des  Staates durchsetzt.  Für fast alle genannten
       Organisationen gilt,  daß sie  nicht auf  die Illusion  verfallen
       sind, allein  über die politischen Institutionen eine bewußt pla-
       nende Gesellschaft errichten zu können.
       Demzufolge ist  ein naheliegendes  Kampfziel des LHV die optimale
       Umgestaltung des  HRG bzw. die restriktionsfreieste Anpassung der
       Landesgesetze an  das HRG.  Dieses Kampfziel scheint uns geeignet
       für die  Aufrechterhaltung der studentischen Bewegung, da sie zum
       einen dieses  Ziel schon  selbst zu  einem Hauptthema gewählt hat
       und es zweitens die Betroffenheit des einzelnen Studenten berück-
       sichtigt. Aufgrund  unserer Strategie  müssen wir  ohnehin  alles
       tun, eine  breite Bewegung für diese systemimmanenten Forderungen
       zu gewinnen.
       Die Problematik  der Berufsverbote muß auch schon deshalb von ei-
       ner breiten  Bewegung getragen  werden, damit die gegen sie kämp-
       fenden Organisationen  sich nicht  wieder aufgrund partieller Un-
       terschiede einen  Bruder- und  Schwesternkrieg leisten  (s. Bier-
       mann); was  nicht heißen  soll, daß wir die Auseinandersetzung um
       Biermann und  Gewerkschaftsausschlüsse ablehnen, sondern nur, daß
       aufgrund dieser  Auseinandersetzungen (in  denen wir eine eindeu-
       tige Stellung  haben) das  Hauptkampfziel nicht  durch  isolierte
       Kämpfe gefährdet werden darf.
       Für unverzichtbar  halten wir jedoch einen politischen Kampf, der
       die Teilnahme  der Studenten  an der vom GG postulierten Freiheit
       von Wissenschaft  und Lehre (und Lernen) berücksichtigt. Wir for-
       dern demzufolge  von der  Bewegung, daß sie nicht nur das politi-
       sche Mandat  verlangt, sondern es wahrnimmt. Es gibt z.Z. in die-
       ser Gesellschaft  eine Reihe  konfliktfähiger Themen  (Kernkraft,
       Arbeitslosigkeit ...),  zu denen  die Studenten aus ihrer wissen-
       schaftlichen Verantwortung  Stellung beziehen  müssen. Dies nicht
       nur aus  der ihnen von Dutschke zugewiesenen studentischen Eigen-
       schaft, "denkende Menschen" zu sein, sondern auch aus der Notwen-
       digkeit, die  Isolierung der Studenten von der Bevölkerung wenig-
       stens auf der Ebene der Artikulation von Interessen aufzubrechen.
       
       4. Perspektiven fortschrittlicher Hochschulpolitik
       --------------------------------------------------
       
       Neben den oben aufgeführten Kampfzielen scheint es dem LHV in der
       langfristigen Perspektive  notwendig, darauf abzustellen, daß die
       Studenten, deren  Aktionen keine  wirksame Gegenmacht  darstellen
       können, nach Absolvierung ihrer Hochschulausbildung relevante Po-
       sitionen in  der gesellschaftlichen  Produktion und  Reproduktion
       übernehmen. Das  heißt, fortschrittliche Politik an den Hochschu-
       len darf  nicht nur  aus den  oben geforderten öffentlichen Stel-
       lungnahmen und  Unterstützungen bestehen, sondern muß darauf hin-
       zielen, die  Ambivalenz auch der Ausbildung zu nutzen und die sy-
       stemkritische Seite  der Wissenschaft  zu stärken,  indem der Be-
       reich der  Berufsqualifikation nicht aus dem Rahmen studentischer
       Politik fällt,  sondern vielmehr  deren  kontinuierliche  Aufgabe
       ist. Die  Bedingungen, unter denen kritische Wissenschaft getrie-
       ben werden kann, sind zusehends schlechter geworden, weshalb auch
       der Kampf  gegen die  restriktive Wissenschaftspolitik  gefordert
       wurde. Aber  das Ziel  dieses Kampfes  ist es ja gerade, die Mög-
       lichkeiten für  eine emanzipatorische  Wissenschaft zu erweitern,
       die dann  wiederum die  Möglichkeiten zu emanzipatorischer Praxis
       im Beruf  verbessert. Wenn  die Bedingungen  für emanzipatorische
       Wissenschaft  schon   im  relativen  Freiraum  der  Universitäten
       schlecht sind, so sind die Chancen für emanzipatorische Praxis im
       Beruf noch viel schlechter. Dort schlägt die Isolierung des anti-
       kapitalistisch Gesonnenen  noch stärker  durch, dort ist der Kon-
       kurrenzdruck für die Erhaltung der Existenz viel härter. Will man
       dennoch schon  an der  Hochschule erreichen, daß die späteren Ex-
       Studenten, die in der Hochschule noch die Fahnen der Freiheit ge-
       tragen haben,  nicht unter diesen verschärften Bedingungen am Ar-
       beitsplatz zum reibungslos funktionierenden Rädchen der kapitali-
       stischen Gesellschaft  werden, so muß eine hinreichend starke Mo-
       tivation für  weitere antikapitalistische  Arbeit geschaffen wer-
       den. Dies läßt sich wohl nur über den Eindruck von der Durchsetz-
       barkeit der Systemüberwindung, d.h. zumindestens von der Einsicht
       in die Notwendigkeit und in die Wünschbarkeit der Abschaffung der
       kapitalistischen Ausbeutung  erreichen. Eben  hier haben auch die
       antiautoritären Ansätze  der studentischen Bewegung ihre Aufgabe.
       Sie können  durch Formulierung und Praktizierung von alternativen
       Normen das Bewußtsein bzw. die Überwindung der täglichen Entfrem-
       dung in der kapitalistischen Gesellschaft zumindest soweit reali-
       sieren, daß  der einzelne Student seine Perspektive für die Frei-
       heit durch Erfolge bestätigt sieht.
       

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